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Nr. 305 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger fSeneral-Anzeiger für Gberhesten)

Mittwoch, 31 Dezember (930

OieWettwirtfchafiskrise

Was wird?

Von Professor Or. Ernst Wagemann, Präsidenten des Instituts für Konjunktur« forfchung, Verlin.

Es gehört zu den seltsamen Widersprüchen unserer verworrenen Leit, daß die Menschheit mit dem Lau- berftab der Technik aus Wasser, Lust und Erde Lchäsze über Schätze hervorzulocken vermag, daß sie mineralische, landwirtschastliche und industrielle Werte in gigantischen Mengen vor sich austürmt, und daß trotzdem inmitten dieser Reichtümer mindestens 15 bis 18 Millionen Erdenbürger de m Elend der Arbeitslosigteit verfallen sind. Erfüllt sich damit das Malthusschc Gesetz von der Ueberoölkerung infolge des sich vermindernden Nahrungsspielraumes? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die gegenwärtige Weltsituation ist eher ein S)ot)n auf diese Theorie. Denn gerade das Uebermaß an agrarischen Erzeug­nissen ist es, das zusammen mit der industriellen Depression auf der Wirtschaft wie ein Alpdruck lastet. Gerade diejenigen Volkswirtschaften sind am härtesten betroffen, die die Natur mit fruchtbaren Böden verschwenderisch ausgestattet hat: die gro­ßen Agrar- und Rohstoffländer, ins- besondere auch die britischen Siedlungskolonien. Diese Tatsache des Waren Überschusses hat angel­sächsische Nationalökonomen und Politiker aus den Gedanken gebracht, daß das Uebel auf der G c l d - feite liegen müsse: sie argumentieren, daß der Rück- Sana der Goldproduktion bei steigendem Bedarf an smlaufsmitteln die Dorratsstauungcn der Güter verschulde, daß also das Verhängnis des Königs Midas mit umgekehrten Vorzeichen über uns her­eingebrochen sei.

Wie aber will man sich demgegenüber erklären, daß die Krise mit verheerender Gewalt gerade über d i e Vereinigten Staaten von Amerika hereingebrochen ist, die über unermeß­liche Goldhorte und eine Finanzkraft verfügen, die der schärfsten weltwirtschaftlichen Krise gewachsen zu sein schien. Nach dem Zusammenbruch der Welt- koniunktur im Jahr 1920 21 hatte sich die amerika­nische Wirtschaft in der Tat außerordentlich rasch erholt. Man sprach von einer neuen Aera des Wirtschaftslebens, die eine dauernde Prosperität Sewährleiste. Man hotte vergessen, daß auch in Amerika die Bäume nicht in den Himmel wachsen. E i n Symptom hätte allerdings einen scharfen Beobachter rechtzeitig warnen müssen: die Span­nungen, die sich zwischen Kapitalkraft Und Konsumkraft seit 1928 mehr und mehr herausbildeten. Als Hauptgläubigerland der Welt waren nämlich die Vereinigten Staaten in der Lage, die großen Fortschritte, zu denen der Weltkrieg die Technik angespornt hatte, weitgehend zu verwerten und einen Produktionsapparat aufzubauen, der eine Befriedigung des Masfenkonfums erlaubte, wie dies früher nur in den Phantasien der Zukunftsromane ausgemalt worden war. Daraus ergab sich eine wirtschaftliche Aufwärtsbewegung und eine Wohl­standsentwicklung, die zu immer neuen In - d e ft i t i o n e n anstacl)elte. Der Kapitolüberfluß ermöglichte es, sogar weit über die Grenzen des Landes hinaus vorzustoßen und selbst im verarmten Europa eine gewaltige Jnvestitionskonjunktur zu entfesseln. Die Konsumkraft konnte aber mit her Kapitalbildung schließlich nicht Schritt hal­ten. So entstand' ein schweres Defizit in der volks­wirtschaftlichen Bilanz, das plötzlich offenbar wurde, als die Rohstoff- und Effektenmärkte im Herbst 1929 zusammenbrachen.

Wie konnte dieser ungeheuerliche volkswirtschaft­liche Rechenfehler entstehen und solange unentdeckt bleiben? Dies erklärt sich wohl vor allem aus der eigenartigen Entwicklung des Wirtschaftssystems in allen kapitalistischen Ländern. Solange freie Wirtschaft vorherrschte, solange mit anderen Worten Preise, Löhne und Zinsen, Außenhandel ui*) Binnenumsätze frei schwingen konnten, wie dies in der Vorkriegszeit noch in hohem Grade der Fall war, konnte sich die Wirtschaft großen Ver­änderungen, wie sie das Bevölkerungswachstum und. vor allem der technische Fortschritt mit sich bringen, leicht anpassen. Die Wertbewegung

wirkte als Regulator der Produktion und des Be­darfs. Sie vermochte die periodisch auftretenden Krisen, den Zusammenbruch einzelner Unterneh­mungen und ein gewisses Anschwellen der Arbeits­losigkeit zwar nicht zu verhüten: sie schuf aber die Voraussetzung für scharfe Gegenreaktionen und damit für eine verhältnismäßig rasche Erho­lung von einer Depression.

Dies Reaktionsspiel, dieser Regulierungsapparat, ist durch die Tarifierung aus dem Gebiete des Verkehrs, der Warenpreise, der Löhne, durch diese zunehmende Erstarrung der Werte sowie durch Zollschranken und andere Hemmungen weitgehend ausgeschaltet. Die Wertbewegung, die früher Pro­duktion und Bedarf regierte, so wie Nerven und Drüsen die Funktionen des Organismus leiten, ist sozusagen gelähmt. Die Wertbindungen sind tmar letzten Endes mit aus dem Bestreben erwach­sen, die konjunkturellen Schwankungen auszuschal­ten. Dabei ist es aber der Wirtschaft wie in den griechischen Schicksalstragödien ergangen, wo das Verhängnis gerade durch diejenigen Maß­nahmen herbeigeführt wird, die es ver­hüten sollten. Die erzwungene Konstanz in wei­ten Bereichen der Preisbildung hat nicht, wie man zunächst annehmen könnte, auf die anderen Wirt- fchaftselemente übergegriffen. Die Schwankungen sind hier vielmehr um so heftiger geworden. Industrieller Beschäftigungsgrad, Außenhandel und Landwirtschaft, die im ganzen von Bindungen noch frei sind, haben besonders schwere Rückschläge er­litten.

Auch früher, z. B. in den 70er Jahren, 1900, 1907, hat cs nicht an empfindlichen Störungen der

Weltwirtschaft gefehlt. Im Vergleich zu dem, was wir jetzt beobachten, waren sie aber unbedeutend. Eine Krise rief damals Arbeitslosigkeit in Höhe von nur wenigen Prozenten der industriellen Erwerbs­tätigen hervor, während gegenwärtig die entspre­chende Zahl mehr als2b o. H. ausmacht. Die Krisen wurden dabei auch verhältnismäßig rasch über­wunden, in der Hauptsache meist schon nach ein bis zwei Jahren. Man muh befürchten, datz die gegenwärtige Krise, die schon seit Jahresfrist die Weltmärkte erschüttert, sich als weniger kurzfristig erweisen wird vor allem weil das Reaktions­spiel der Werte gestört ist und sich dazu schwere Bindungen anderer Art gesellen, wie insbesondere die Fehlleitung der Kapital ströme, die durch politischen Zwang entgegen ihrem Ge­fälle von Gebieten hohen Kapitalertrags noch sol- chen niedrigen Kapitalertrags geleitet werden.

Hinzu kommt, daß die amerikanische Kon- j u n k t u r l a g e, die gegenwärtig im weltwirtschaft­lichen Rhythmus tonangebend ist, geringere Aus­triebstendenzen aufweist, als dies selbst in den Ver­einigten Staaten im allgemeinen angenommen wird. Vor allem ist darauf hinzuweisen, daß dort der B a u m a r f t als Folge von UeberinDcftitionen im Wohnungsbau schwer darnieder liegt. Damit aber ist die Triebkraft lahmgelegt, die eine neue Auswärtsbewegung am ehesten einzuleiten vermag. Auch dieneuen" Industrien, wie insbesondere d i e Automobilindustrie, deren mächtige Ex­pansion die letzte Hochkonjunktur mitgetragen hat, dürften auf längere Zeit hin darunter leiden, daß der Bedarf in hohem Grad gesättigt ist. Daß eine allmähliche Verringerung der Lagervorräte im

Gang ist und die Realkauskraft einzelner Bevölke­rungsschichten infolge sinkender Preise zu steigen beginnt, läßt höchstens darauf schließen, daß in den Vereinigten Staaten der eigentliche Tiefpunkt bald erreicht sein wird. Ich glaube aber kaum, daß die sich hieraus ergebenden Tendenzen stark genug sind, bald einen neuen großen Aufschwung herbei,zusiih- ren. Wenn schon die Konjunkturprognose für das mächtigste und reichste Land der Welt so wenig ermutigend ist, so sind die Aussichten in den meisten anderen Ländern noch ungünstiger.

Nur eine große Hoffnung bleibt uns gegenüber der Frage, wann das Unheil, das über die Welt gekommen ist, wieder behoben sein wird. Das ist die Erkenntnis, daß es weitgehend von den Völ­kern selbst verschuldet ist. Eine solche Ein­sicht aber besagt zugleich, daß das Uebel durch selsttätiges Handeln auch gemildert werden kann. An eine Rückentwicklung zur freien Wirtschaft ist nicht zu denken. Aber die Wirtschafts­bindungen ließen sich zweckmäßiger gestalten. Preis- unb Lohnpolitik, Handels- und Kapitalpolitlk stehen hier vor ganz großen, schwer zu bewältigen­den Aufgaben. Vielleicht werden sie sich überhaupt nur lösen lasten, wenn sie als internationa­les Problem erkannt werden. Leider gehören freilich Ziele, wie eine europäische Zollunion oder eine Revision der politischen Schuldenverflechtung noch nicht zum laufenden Tagewerk der praktischen Politik. Sie schlummern noch im Traumland der Illusion oder in den weltfernen Gefilden grauer Theorie.

Profit Aeujahr-1961! - Wenn unsere Jüngsten 30 Jahre alt sind.

Wie wir die West in drei Jahrzehnten sehen möchten.

Silvester 1930/31 beschließt ein hartes und ent­behrungsreiches Jahr. Unbeirrbarer Optimismus und unerschütterlicher Glaube an die Zukunft sind di« Grundpfeiler unseres Wiederaufstiegs, ebnen die Wege, die unsere Jüngsten zu einer freudigen und sorglosen Ge­genwart führen sollen, wenn sie in drei Jahr­zehntenProsit Neujahr 1961!" rufen.

(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Ein freies Deulschland im srikd- lichen Wettbewerb der Völler! Von Or. Wilhelm Marx, ehem. Reichskanzler.

Wie ich die Welt nach 30 Jahren eingerichtet sehen möchte? Die Erfahrungen des letzten Jahr­zehnts Haden bewiesen, daß die Welt zusam­mengeschoben, zusammengewachsen ist. Was dem einen Volke schadet, schadet auch dem an­deren. Die aller Gerechtigkeit bar, auch der wirt­schaftlichen Klugheit widersprechende maßlose lleberschähung der von Deutschland verlangten Neparationsleistungen bringen bei voller Aus­führung auch die Wirtschaft der Gläubigermächte derart in Llnordnung, daß selbst von den Gläu­bigern Abhilfemahnohmen verlangt werden. Die Erdteile rücken einander immer näher: Schnelldampfer, Luftschiffe, Flugzeuge, Kabel, Funksprüche überwinden die Ozeane. Die Welt­bewohner werden wie zu einer Familie zusam- mengczwungen. Auch in der Familie sind nicht alle Glieder gleich nützlich und gleich verträglich: aber die Gutgesinnten schließen sich aneinander und bezwingen die Störenfriede durch die Ach­tung ihrer Eintracht.

So seh« und hoffe ich, daß schließlich, wenn schon nicht innere lleberzeugung und Erkenntnis des Besseren, doch wirtschaftlicher und finanziel­ler Vorteil schließlich auch finanzielles und wirt­schaftliches Elend, die Eroberungssucht und den bösen Willen der Völker in den Hintergrund treten läßt. Die Völker werden vielleicht erst durch ungeheure wirtschaftliche Not belehrt, ein­sehen, daß jeglicher Wettbewerb in Handel und Verkehr, aber meist zuletzt in der Erstrebung

kultureller Vervollkommnung am ersten und am besten ihr Wohl sichert.

Die Menschheit soll und wird in drei Jahr­zehnten einen bedeutenden Schritt auf dem Wege zur Vollkommenheit vorwärts getan haben.

3n 30 Zähren weniger - Autos, aber laufender Vürgersteig.

Von einem bekannten Verkehrsfachmann.

Das Straßenbild wird sich in drei Jahrzehnten grundlegend verändert haben. Amtlicher­seits schätzen wir, daß sich die Einwohnerzahl der Großstädte bis dahin annähernd verdop­pelt haben wird. Das wird zu einer Einschrän- Eung jawohl, verehrter LeserI zu einer Eins chränkung des privaten Auto­mobilverkehrs führen. Ich kann mir breite Zufahrtstrahen mit unterirdischen oder vorwiegend turmartigen Tagesgaragen denken, die zur Be­nutzung der Automobilisten in mehreren Stadt­zentren stehen. Darüber hinaus müssen sie sich von den öffentlichen Verkehrsmitteln schlucken lassen, unter denen ich vor allem Massen- Omnibusse verstehe, die zur gleichzeitigen Be­förderung von etwa 100 Fahrgästen bestimmt sind.

Blitz untergrundbahnzüge werden eine Rieen/ukunft haben, während die Hochbahn langsam aber sicher von der Bildfläche verschwin­den wird, da sie sich schon jetzt als unpraktisch und hemmend erweist. Hingegen rechne ich stark mit dem laufenden Bürgersteig, der sich ungefähr so in der Bewegung darstellen wird, wie die Rolltreppen, natürlich völlig eben. Einem unterirdischen Fußgängerverkehr möchte ich jedoch jede Zukunft absprechen. Schon heute sind wir licht- und lufthungriger, als frühere Generattonen. Daß wir Licht, Luft und Sonn« gegen auch bei bester Ventilation muffige Tunnels eintauschen werden, hält mein beschränkter Llntertanverstand für absolut undiskutabel! Oder sollte es auch in drei Jahrzehnten sein, daß das Individuum denkt und ein hoher Magistrat lenkt?

Chancen gebe ich ferner den f»genannten Etagen st raßen, die sich durch Hochbauten

ermöglichen lassen und absolut ausführbar er­scheinen, wenn man allerdings die immensen Bau­kosten außer acht läßt. Hoffentlich ist jedoch dann die allgemeine Finanzlage schon so gebessert, daß man sich ernsthaft mit der Wegesicherheit der Türger beschäftigen kann.

Heute fdjeinen Ihnen, verehrter Leser, wahr­scheinlich diese Ausführungen als tolle Lltopie: Warten Sie ab, wie das Straßenbild aus» sehen wird, wenn Ihre Jüngsten Anno 1960 den 30. Geburtstag begehen Sicherlich wird so mancher von Ihnen barm noch in der erfreulichen Lage fein, festzustellen, ob ich Recht oder Unrecht ge­habt habe."

Der Maschinenmensch wird die Hausfrau niemals ersehen." Von Hans Dominik, dem bekannten technischen

Schriftsteller.

»Herr Dominik, Sie sind doch Fachmann aus dem Gebiete der Voraussagungen für Tech­nisierung unb Mechanisierung der

N s ch he i t. Gehen wir hier einem goldenen Zeitalter entgegen? Wird der Maschinenmensch, 'Der Roboter, die Rolle der Heinzelmännchen spielen und uns alle Arbeit abnehmen?"

Ra, da bin ich doch etwas skeptisch! Dem .Roboter' in der kompletten Form, wie Sie von ihm zu träumen scheinen, gebe ich genau so viel Chancen wie der .Androide' in den achtziger Jahren. Das war ein Schachautomat »King Su nannte ihn der geschickte Unternehmer der alle Kenner durch sein meisterhaftes Schachspiel verblüffte, bis es sich schließlich herausstellte, daß im Innern dieses .künstlichen' Menschen, den die Androide verkörperte, ein lebender Zwerg steckte, dessen scharfer Verstand die Hände der Puppe dirigierte! Anders wird es wohl auch mit dem Roboter nicht möglich sein, der den Menschen völlig ersehen soll!"

Qlber wenigstens teilweise? Ich frage Sie jetzt als geplagte Hausfrau, Herr Do­minik, wird es meine Jüngst« in dreißig Jahren im Haushalt wenigstens leichter haben?"

Silvesterwunder.

Don Kurt Rudolf Tleuberi

Der Baron, mein alter, väterlicher Freund, ver­lebte den Winter diesmal nicht in der Stadt, son­dern war auf seinem Gute geblieben. Im Sommer hatte ich dort schöne Wochen verlebt, denn es gibt dort viel Wald und einen herrlichen See. Die Einladung des Barons, ihn zu Neujahr zu be­suchen, nahm ich mit kurzem Verzicht auf alle Silvesterverlockungen der Großstadt gern an. Statt der Badesachen nahm ich diesmal die Schnee-- schuhe mit: ich glaubte die Tage auch zum Sport nutzen zu können, da ich mich schöner, hügeliger Stellen zum Schneelauf in jener Gegend erinnerte.

Aber es kam nicht dazu. In der Silvesternacht hatte ich einen kleinen Unfall, der mich für zwei Tage ins Zimmer fesselte, und davon will ich er­zählen Es erscheint mir noch nachträglich wie ein Wunder, was sich da ereignete ich sehe immer noch den alten Diener Martin, einen Sechzig- jährigen, die Treppe zum Herrenhaus heraufkeu­chen, den Sohn meiner Gastfreunde in den kraft­losen Armen.

Wenn ich diese Geschichte erzähle, so wird es die Geschichte des alten Martin. Cs war mir gleich bei meiner Ankunft ausgefallen, daß Martin von schwerer Sorge bedrückt schien, er begrüßte mich mit der gleichen höflichen, diskret-verbindlichen Art wie sonst, aber man mertte ihm eine innere Unruhe an, gegen die er scheinbar vergeblich kämpfte. Am Silvesterabend, beim Servieren, passierten ihm kleine Ungeschicklichkeiten, die er mit einem hilflosen Blick auf die Baronin in Ord­nung brachte. Seine Hände zitterten, und manch­mal sah es aus, als könnte er Tränen nur mit Mühe zurückhalten. Der Baron nickte auf meine Frage etwas melancholisch mit dem Kopf, tippte die Asche seiner Zigarre in den Decher und klärte mich auf: es war der letzte Tag Marlins in die­sem Hause. Der Baron hatte sich entschlossen, Martin, der jetzt fünfzehn Jahr« bei ihm in Diensten stand, zu entlassen. Es muhte eine jün­gere Kraft her. Für Martin war übrigens ge­sorgt, die Entlassung bedeutete eigentlich feine so­ziale Härte, wie mir der Baron auseinandersetzte, der alte Mann sollte feinen Lebensabend bei fei­ner Tochter verleben, die im Nachbardorf verhei­ratet war. Aber ich konnte mir gut vorstellen, daß diese Entlassung den Alten sehr bedrückte und

wie unglücklich er war, aus diesem Hause zu gehen, fort aus seinem Reiche des Silbergeschirrs, des Weinkellers, der vielen lieb unb vertraut gewor­denen Dinge dieser Umgebung. Mit welcher Zärt­lichkeit er die Gläser wischte, tote umständlich feierlich er die Weinflaschen entkorkte, die Gläser füllte, mit welcher Grandezza er durch den Salon ging, ein wenig gebückt, tiefer als sonst, ein Mann, der mit Haltung Abschied nimmt von allen diesen Dingen feines tadellosen Dienerlebens.

Eine Viertelstunde vor zwölf ging die Baronin ins Kinderzimmer, um Dieter zu wecken, der vor dem Einschlafen dringend darum gebeten hatte. Er wollte dieses kleine, feierliche, komische, hei­tere, ernst« Schauspiel des Jahresbeginns mit­erleben. Aber sie kam nach wenigen Minuten bestürzt zurück: Dieter war nicht mehr im Bett. Lina, das Mädchen, wurde aus der Küche geholt, gefragt, wir suchten, riefen im Hause nach Dieter, er war nirgends zu finden.Wo steckt der Ben­gel?" knurrte der Baron, der von dieser Sil­vesterüberraschung nicht sehr erbaut war und viel­leicht erwägen mochte, seinem Spröhling zum neuen Jahr die Hosen strammzuziehen.

Die Baronin hatte plötzlich einen beklemmen­den Einfall.Vielleicht ist et ins Dorf gelaufen, ober an ben See... Er war so aufgeregt heute. Lina hat ihm allerhand dummes Zeug erzählt von Silvesterbräuchen..."

In der Gegend sei der Aberglaube verbreitet, man könne etwas von der Zukunft erfahren, wenn man in der Neujahrsnacht beim Glocken­schlag zwölf dreimal die Geister des Sees be­schwöre. ..

Wir lachten nicht ganz frei von Furcht.

Lina rannte immer noch rufend durch das Haus. Wir standen jetzt auf der Freitteppe, die zum Park führt.Dieter! Dieter!" rief die Baronin besorgt in ben Park.

Wir hatten in bet Aufregung völlig ver­gessen. bah in diesen Minuten ein altes Jahr zu Ende ging unb ein neues begann. Der erste Glockenschlag der Kirchuhr traf uns überraschend, vom Dorf krachten gleich darauf Raketen und Knallfrösche los. Prosit-Neujahr-Rufe drangen von den Gutswohnungen herüber.

Wir standen benommen, in bet Sorge um das Kind, einen eingefrorenen Glückwunsch aus den Lippen. Da mischte sich in das Glockenläuten ein gellender Ruf. Die Stimme kam aus dem Park, vom See her: .Mutti! Muttil! HilfeU"

Es war Dieters «Stimme.

Martin und ich waten losgerannt.Er ist eingebtochen!" schrie die Baronin, man konnte sie nur mit Mühe zurückhalten.

Zum See waten es nur ein paar hundert Meter, aber in der Dunkelheit, auf den schnee- glitschigen Wegen, ging es nicht so rasch vor­wärts. wie es notig wat. Martin keuchte noch neben mir, ich sah für einen Moment seitwärts in fein von der fahlen Schneedämme gefpenster- haft konturierles Gesicht, ein grober, fanatischer Gedanke brannte darin: Dielet retten! In Se­kunden wurde mir alles klar: er wollte, muhte Dieter retten! Dann würde er immer hierbleiben, man würde ihn aus Dankbarkeit nicht gehen lassen, er könnte btzi dem Silbergeschirr, dem Weinkeller, den liebgewordenen Dingen feines Dienstes bleiben. Dieter retten!

Aber ich lief an Martin vorüber. Tut mir leid, alter Mann. Ein Knabe ertrinft. Ich habe jüngere Beine. Ich werde Dieter retten. Tut mir leid, alter Mann.

Jch hörte ihn hinter mir keuchen wie ein Mensch, der am Ende feiner Kraft ist unb sich zur letzten Konzenttation zufammenreiht. Das ging alles in Sekunden vor fich, unb wie ich bann plötzlich zu Boben stürzte, über irgenb etwas gestolpert, leise sluchenb, wähtenb ich ben See schon schimmern sah. Ich konnte mich nur langsam erheben, aber nicht weiterlaufen, ich hinkte, ber alte Martin rannte an mir vorbei, rannte, stöhnte, keuchte, unb es ist mir wie ein Wunber. was bann geschah, wie er ben Knaben retten konnte, ber alte Mann, aber er brachte ihn zurück, mit triefenben Kleidern, vor Kälte, vor Glück jittern!).

Ich hinkte hinterher und konnte noch sehen, wie die Baronin ben schluchzenden Knaben in die Arme schloß, der schon halb im Fieber phanta­sierte. er hätte das Reue Jahr gesehen und ein großes, graue« Tier, unb bet Himmel wäre auseinanbergesallen und auf ihn... Ich hörte noch, wie ber Baron dem alten Martin die Hand schüttelte unb ungefähr sagte:Du bleibst nun selbstverständlich bei uns, Alter. Wir lassen dich nicht mehr fort

ilnb ich sah Martin mit einem unbeschreiblichen Ausdruck im faltigen, geröteten Gesicht vor dem Baron stehen:

Retter und Gerettet«*»

»Die Echimmetflute ift das beste pseid!"

Wenn früher in Westfalen unb am Niederrhein eine Ehe gekennzeichnet werben tollte, in ber nach allgemeiner Auffassung ber Wille ber Frau allein ausschlaggebenb war, so pflegte man bas mit ber Redensart zu tun, dortift die Schimmelstute das beste Pferd!"

Einst beschwerte sich ein junger Ehemann bei seinem Schwiegervater, daß seine Frau ihren Willen auch bann durchzusehen wiße, wenn er selbst im Recht fei. Der Schwiegervater, ber die Welt kannte, wiegte lächelnb ben grauen Kopf und machte bann folgen» ben Vorschlag: Der Schwiegersohn sollte mit einem Wagen, der mit vieren seiner-des Schwiegervaters­besten Pferbe bespannt fei, eine Rundfahrt durch die umliegenden Dörfer machen. Zugleich solle et auf dem Wagen zwei Schock Cter mitfuhren. Auf jedem Hof, wo er im Gespräch mit ben Eheleuten ben Ein- bruck gewinne, bah die Frau das Zepter führe, solle er dieser ein Ei schenken: erkenne er aber, daß in Wahrheit ber Mann in HauS unb Hof regiere, so solle er biesen aussordern, sich dasjenige der vier Pferde auszuwühlen, das thm als das peste er­scheine. Wenn er dann nach der Rückkehr von seiner Rundfahrt die vier Pferde verschenlt habe, der reiche Eiervorrat aber noch nicht erschöpft sei, so wolle er seine Tochter w eder zurücknehmen. Die Reise be­gann. Der Eiervorrat schmolz zusammen, doch dos Viergespann war noch vollzählig. Da gelangte er gegen Abend auf einen Meierho-, wo die Frau zu­nächst allein zu Hause war. Auf seine Fragen Der» sichelte sie ihm, in ihrem Hauswesen sei der Wille ihres Ehemannes allein entscheidend, und zum Be­weis besten rief sie biesen vom Felde herbei. Der Mann kam unb pflichtete seiner Frau nachdrücklich bei. Aufgeforbert, sich aus dem Gespann dasjenige Pferd auszuwählen, das ihm als bas wertvollste erschiene, entschied er sich für einen hohen, starken Fuchswallach. Sie Frau widersprach: die Schimmel­stute sei bas beste Pserb. In Rede unb Gegenrede vertrat jedes seine Meinung, bis die Frau entschied: Das verstehst du nicht, die. Schimmel flute ist daS > beste Pferd!" Der junge Ehemann hatte lächelnd zugehört, nun langte er hinter sich in den Kotch unb überreicht« ber Frau - bas letzte Ei, während der schone Diererzug dem. heimatlichen Hof vollzählig wieder gutrabte. Der Ehemann aber hat sich nie wie­der über seine Fran beschwert.