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Nr. 126 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 51. Mai 1950

Wien-Budapest.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoetzsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X

In Oesterreich und in Ungarn vollziehen sich wichtige und interessante Dinge. In Oester­reich ist der Gegensatz zwischen Schober und Seipel wieder ausgebrochen. Der frühere Bun­deskanzler hatte ja schon vorauSgesagt, daß Oesterreich einem sehr unruhigen Sommer entge­genginge. Er hat auch das seine getan, und tut es, damit dieses Wort Wahrheit werde, obwohl Oesterreich nicht- anderes notwendiger brauchte al- Ordnung und Ruhe, um mit den Mit­teln der aufzunehmenden Anleihe wirtschaftlich dringend nötige Aufgaben zu lösen. Aber die Ruhe wird ihm nicht gelasien. Die Heiinwehr- bewegung ist immer verworrener und sonder­barer -geworden und bekennt sich immer entschie­dener und offener zum Faschismus. Sie stellt sich zudem dem Versuch einer Entwaffnung entge- aen, AU der Schober sich verpflichtet fühlt. In Ausführung dieser Verpflichtung hat er einen Ge­setzentwurf vorgelegt. Die Heimwehr beantwor­tete da- mit einem Ultimatum bestimmter For­derungen, die Schober rundweg ablehnte. DaS Gesetz wurde angenommen, die Heimwehr hat erkennen müssen, daß sie den Vogen über­spannt hat. Zugleich wühlt in der christ­lich-sozialen Partei der Gegensatz eben­falls, um den Oesterreich im ganzen kämpft, und bedroht sie unausgesetzt mit Aktion-Unfähigkeit und Parteikrisen aller Art.

Man braucht kaum daran zu zweifeln, dah der Bundeskanzler Schober das Heft in der Hand be­hält, seine Linie weitcrführt, der faschistischen Be­wegung in Oesterreich mit Erfolg entgegenarbeiten kann und dah er dabei nicht nur Teile der christ­lich-sozialen Partei für sich hat, sondern auch die große und wichtige Dauernbewegung und Bauernorganisation, den Landbund. Aber diese fortgesetzte Unruhe, bei der man sich na­mentlich fragt, welchen Zweck eigentlich der frühere Bundeskanzler Seipel damit verfolge, hält das auf, was, wie gesagt, das Land zu­nächst braucht: eine baldige Wirtschaftshilfe aus der in Vorbereitung befindlichen Anleihe. Da der Anschluß an Deutschland, der diesem un­möglichen Wirtschaftsgebiet überhaupt das Wirt­schaftsleben erst ermöglichen würde, jetzt noch nicht zu erreichen ist, bleibt der Weg, den Schober geht, der einzig gangbare. Und es ist doch genau der gleiche Weg, den Dr. Seipel als Bundes­kanzler seinerzeit erst eröffnet und al- erster mit Erfolg beschritten hat!

Ungarn befindet sich seit langen Jahren un­ter der Regierung des Reichsverwesers H o r t y und de- Ministerpräsidenten Grafen Deth- l en. Der letztere ist wohl, wenn wir uns nicht irren, der in Europa überhaupt dienstälteste Mi­nisterpräsident. Man kann nicht bestreiten, daß die beiden Männer in Ungarn Ordnung und Ruhe aufrechterhalten haben und daß Graf Dethlen in der inneren und namentlich auch in der äußeren Politik erfolgreich gewesen ist, Un­garn nach dem entsetzlichen Zusammenbruch all­mählich wieder eine Stellung verschafft hat. Dah sein Regime die Wirtschaftsnot nicht völlig hat bannen können, liegt auch hier an den Folgen eines Gewaltfriedens, der das Land wirtschaftlich ruiniert und wertvoller Bestandteile beraubt hat.

Aber natürlich, wenn ein Regime so lange dauert, erhebt sich ganz von selbst die Kritik. Diese rst nicht ohne Berechtigung, weil da- Re­gime doch eine nur wenig verhüllte Diktatur einer bestimmten sozialen Schicht ist und diese auf­rechterhält mit der Wahlrechtspolitik, der Zen­sur und ähnlichen Druckmitteln. Wie weit die be­greifliche Mißstimmung dagegen schon gediehen ist, lehrten die scharfen Angriffe, die ein so bedeuten­der ungarischer Politiker, wie der bekannte Graf Albert Apponyi, am 23. Mai gegen die Re-

$ünf der größten Dirigenten der Welt.

Von links-nach rechts: Bruno Walter. Arturo Toscanini, Erich Kleiber. Otto Klemperer und Wilhelm Furtwängler auf dem Festbankett der italienischen Botschaft zu Ehren Toscaninis nach seinem auch auf den Rundfunk übertragenen Berliner Konzert.

gierung richtete. Er sprach von tiefergreifender: Erbitterung, die in breiten Volksschichten herrsche und gefährlich werden könne, und griff das Wahl­system und die Wahlpolitik der Regierung an, deren Situation gefährlich werden könne, weil ihr keine ernsthafte Opposition gegenüberstehe.

Diese Lage mag man sich vor Augen halten, wenn man einen anderen Vorgang auf seine Be­deutung vollständig beurteilen will, nämlich die ZrcuecrHäruqg, die soeben der Erzherzog AI - brecht dem Erzherzog Otto abgegeben hat. Was bedeutet das? Bekanntlich ist Ungarn heute der Form nach noch eine Monarchie, die Mls solche nur eben ruht: in Vertretung des Monarchen amtiert der Ae i ch sve r we se r, Admiral Horty. Die Zurückführung der Habs­burger auf den ungarischen Königsthron war bis­her außer anderen Gründen auch deshalb so frag* lich, weil verschiedene Kandidaten da waren. Für die einen war der Kandidat der Erz­herzog Albrecht, Sohn des Erzherzogs Fried­rich, für die anderen der Sohn Kaiser Karls, Erzherzog Otto, von seiner Mutter Zita ziel­bewußt auf die kommende Aufgabe als König von Ungarn erzogen. Otto wird am 26. Rovernber großjährig^ Damit ist die schwierige Frage einer etwaigen Regentschaft seiner Mutter erledigt. Er­ledigt ist nun aber zugleich auch jeder anders Streit, insofern soeben Erzherzog Albrecht als letzter Otto, als Oberhaupt der könig­lichen Familie anerkannt, das Treu­gelöbnis ihm geleistet hat. Der bald achtzehnjäh­rige Erzherzog Otto ist mithin der alleinige Kan­didat derjenigen, die eine Rückführung der Habs­burger auf den ungarischen Thron wünschen und betreiben.

Diese Zahl wird durchaus nicht gleichbedeutend mit der Zahl derer sein, die eine solche Restau­ration auch für möglich halten. Selbst die fana­tischen Legitimisten wissen, daß heute die Frage in keiner Weise aktuell ist. Man sieht trotz aller Hoffnungen Ungarns auf Italien oder nahe Beziehungen zu Belgien, trotz aller Heiratspläne für den Erzherzog Otto nicht, dah eine solche Restauration in Ungarn heute außenpolitisch möglich wäre. Rumänien, 3ugo- slawien und die Tschechoslowakei würden ihre kleine Entente" im Ru wieder auf das stärkste zusammenschliehen zur Gegenwehr. Im Lande

selbst ist die Wirtschaftskrise und die vom Grafen Apponyi gezeichnete Stimmung wichtiger als die Königsfrage.

Aber aus ihr könnte im ungarischen Volke selbst die Reigung für eine monarchifche Restau­ration stärker erwachsen, wenn sich damit die Hoffnung verbände, daß ein Monarch grobe re Freiheit im Innern brächte als das jetzige Regime. Und so hinge dann beides miteinander zusammen. Aktuell ist die ungarische Königsfrage nicht. Das ungarische Volk hat selbstverständlich das Recht, sich die Staatsform zu geben, die es wünscht und für richtig hält und die es außen­politisch durchsetzen kann. Was vom deutschen Interesse zu sagen wäre, wenn ein Habsburger auf den Thron der Väter in Budapest zurück­kehrte, das ist freilich eine andere Frage I

Belebung der hessischen Bauwirlschast durch Steuersenkungen.

Der hessische Finanzminister hat zur Bele­bung der Bauwirtschaft für 1930 die gleichen steuerlichen Erleichterungen wie im Vorjahre zugelassen. Danach bleiben Woh­nungsbauten, die im Jahre 1930 begonnen wur­den, für das zur Zeit der Fertigstellung laufende Jahr und für die nächsten fünf Rechnungsjahre auf Antrag von der staatlichen Grundsteuer be­freit. Entsprechendes gilt auch für den verhält­nismäßigen Teil der staatlichen Grundsteuer von solchen Reubauten, die nur zum Teil Wohnungs­zwecken dienen. Ein Bau gilt in diesem Sinne als begonnen, wenn mit der Ausführung des Mauerwerkes angefangen wurde. Das bebaute Grundstück wird während der Dauer der Steuer­freiheit zur staatlichen Grundsteuer nur soweit herangezogen, als ob es unbebaut geblieben wäre.

Toten für Sonntag 1 Juni

Sonnenaufgang 3.50 Uhr, Sonnenuntergang 20.05 Uhr. Mondaufgang 7.48 Uhr. Monduntergang 0.04 Uhr.

1899: der niederdeutsche Dichter Klaus Groth in Kiel gestorben: 1906: Eröffnung des Simpion« Tunnels.

Arbeitsdiensijahr?

Don Dr. Heinz potthoff, Berlin.

Als der Gewaltsrieden von Verfailles Deutsch­land zur Ausgabe der allgemeinen Wehrpflicht zwang, lag der Gedanke nahe, sie durch eme allgemeine Arbeitspflicht zu ersetzen. Der Gedanke ist damals auch sehr schnell aus­getaucht und unter verschiedensten Zwecksettungen verfolgt worden. Die einen wollten damit doch einer künftigen Wehrpflicht und Wehrhaf­tigkeit deS Volkes Vorschub leisten, zum mindesten die Wehrfähigkeit der neuen Genera­tion erhalten. Andere stellten die allgemeine körperliche Er tüch tigung der Ju­gend in den Vordergrund, wieder andere die erzieherische Wirkung eines Jahres, daS in strasfer Zucht dem Dienste der Gesamtheit gc- toitmcl wäre. Roch anderen ging es hauptsächlich um den Ersolg der gesetzlichen Pflichtarbeit, um Beschaffung von Wohnungen und Siedlungen, um Beseitigung der drohenden Finanzkatastrophe des Reiches, um Beschaffung der fehlenden Kohlen und Rahrungsmittel usw. Ich selbst habe bte Forderung unter dem Ge­sichtspunkte sozialer Fürsorge vertreten unt) in der Zeitschrift .Arbeitsrecht" 1920, Heft 3, den Entwurf eines »Rähr dienst gesetzes" veröf­fentlicht, das eine allgemeine Rähr- dienstpflicht verband mit dem Ansprüche auf einen staatlichen Rährbeitrag. Anknüpfend, an die aus dem Kriege noch bestehenden Ein­richtungen des Hilssdienstgesehes und der staat­lichen RahrungSmittelverteilung, und fußend auf genauen Berechnungen des hamburgischen Pro­fessors Hoffmann sollte jeder Deutsche (auch Frauen) verpflichtet sein, innerhalb sechs Jah­ren im ganzen 30 Monate landwirtschaft­liche oder L a nde s k u 11 u r ar bei t im Staatsdienste zu leisten. Als Gegenleistung erhielt er den Anspruch auf kostenlose Lieferung von je ein Pfund Brot und Kartoffeln täglich, fein Leben lang. Die geleistete Arbeit würde also der übrigen Wirtschaftsarbeit hinzutreten, würde die Erzeugung von Nahrungsmitteln ver­mehren, würde den größten Teil davon der Spekulation entziehen und würde alle Familien unbedingt vor äußerster Rot schützen.

Auf meine Anregung hin hat damals das Reichsarbeitsminifterium eine Zusammenkunft aller Richtungen solcher Dienstpflichtpläne er­möglicht. Da es aber nicht möglich war, in zwei­tägigen Beratungen eine Einigung über ein be­stimmtes Programm zu erreichen, halfen alle Bestrebungen keinen praktischen Er­folg. In dem Strudel der Ereignisse der näch­sten Jahre versandete die Bewegung und geriet fast in Vergessenheit. Das gesamte wirtschast- liche und rechtliche Material, auch des Aus­landes. ist in einer guten Schrift des früh ver» storbenen Malachows!» .Recht und Arbeitspflicht'^ (Verlag Gustav Fischer, Jena, 1922) zusamme./- g es aßt.

Reuerdings flammt der Gedanke wieder auf und knüpft vor allem an die große Wirtschafts­not der Arbeitslosigkeit an. Sie ist ja das dringendste Problem unserer Volkswirtschaft. Denn die im Vordergründe der Innenpolitik stehende Arbeitslosenversicherung umfaßt nur etwa die Hälfte der wirklich Erwerbslosen. Re­ben den Awei Millionen Familien, die aus der Arbeitslosenversicherung oder auS der Krisenfür- forge des Reiches unterstützt werden, stehen wei­tere zwei Millionen, die nicht unterstützt toerbeu, weil sie entweder nicht Arbeitnehmer waren oder weil sie die Dersicherungsbedingungen noch nicht oder nicht mehr erfüllen. Vier Millionen Arbeits­fähige mit etwa vier Millionen Familienan- gebörigen, die sie mit ihrer Tätigkeit ernähren sollten und möchten, finden keine nützliche Be- fchästigung und leben untätig auf Kosten der arbeitenden Volksgenossen. Wenn es möglich wäre, durch eine allgemeine Arbeitsdienstpslicht diese Rot zu beseitigen, allen Deutschen wieder

Vorn» Fang.

Don Hans Friedrich Blunck.

Die beiden Heringsboote liegen seit Tagen dicht nebeneinander nnb warten, dah der Fisch in die Bucht drängt. Don mehreren Plätzen sind Fänge gemeldet, die Zeitung hat voll davon ge­standen. Jetzt lauern die Ostseefischer die halbe Küste herab auf den Sprotten- und Heringssegen.

Holtorps beide Boote haben den Tag über in Rebel und Regen Schollen gehirrt; es ist nicht viel geworden, ist ja auch nicht ihre Sache, auf Schollen zu gehen. Die Männer lauern auf Sprotten und Heringe. Zu viert sind sie an Bord. Der Jungs und der Destmsnn Schwencke sind feste Leute. Die andern sind vom Hafen, sie verdingen sich auf Tage zum Hering aller- manns Schaden, wenn der Hering ausbleibt.

Der Junge macht sich an den Tauen zu schaffen. Es ist eine böse Stimmung an Bord, er freut sich, dah er zu tun hat. Die beiden Reuen haben in der Langenweile zu viel mit dem langen Schwencke geredet. Der Destmann hatte eine alte Sache mit dem Fischer, die seit vielen Jahren begraben war, jetzt haben sie es wieder auf­gewühlt.

Bist immer noch so'n Alleinläuser, Schwencke? Denkst Wohl noch an Holtorps Deem, was?"

Halt's Maul!"

Die hätte wohl gewoUt. sag' ich, aber Holtvrp hatte zu viel mit ihr, der liefe sie nicht los."

Sie lachen beide:Ra, eines Tages ist sie ihm ja doch leid geworden, da hättest du auf­passen müssen."

Der Lange blickt sich heimtückisch um.Ich nehm' nichts aus anderer Leute Hand."

Hättest man tun sollen, nun ist sie doch unterm Karren."

.Alles Lüge!"

.Hat Holtvrp dir wohl gesagt?"

.Ja, hat er mit gesagt, antwortet der Dest­mann ehrlich.

Da grinsen die beiden, dafe es zum Erbarmen ist, immer breiter und breiter. Selbst als Holtvrp vom andern Boot herüberkommt, meckern und lachen sie noch herausfordernd. Der Fischer ärgert sich, er hat nichts vom Hering gehört und ist schlechter Stimmung. Er fragt den Destmann im Vorbeigehen, ob's beim nichts zu tun gäbe. Aber der antwortet nicht, nur der Junge sieht, er hat drei rote Striemen über der Stirn.

.Ich möchte wissen, wer hier noch zu grinsen hat", sagt der Destmann endlich drohend viel­

leicht nur, um seine eigenen Worte zu hören. Die beiden könnens aber nicht lassen. Der Schiffer ist unter Bord gegangen, und vor dem Jungen fürchten sie sich nicht.

.Wenn du nicht willst, Ian Schwencke, wir brauchen dir ja nichts zu erzählen."

.Aber ich weiß, was die Deem mir mal gesagt hat", sagt der Hagere, der ein früherer Schneider ift Man weiß, daß er Holtvrp gegen­überwohnte.

»Als ich noch die Wirtschaft hatte", sagt der Dicke, der dem Fischer gern eins einbrocken möchte »als ich noch den Krug hatte, war Holtorp mal bei uns und die Deem dazu. Sie hatten einen übernommen"

Der Destmann hatte ein Kurrholz in der Hand, seine Augen lind heiß unterlaufen. »Lüge", knurrt er. Er wirft das Hol; dem Jungen zu und der Junge, dem sie keine Ohren zutrauen, nimmt es und wickelt fchweigend das freie Tau dämm. Damit kann nun keiner mehr Schaden tun. Da ruft der Fischer aus der Luke Er wird über Rächt vor der Förde lauem, aber er hat jemand nötig, der die böse Laune mit ihm teilt Der Junge solle heißes Wasser zum Grog kochen, schreit er, und wer einen Skat mit ihm versuchen wolle.

Die beiden, die eben noch den Mund am wei­testen offen hatten, sind am ehesten bereit. Der Fischer aber will Schwencke dabei haben. Er prüft noch einmal seufzend die See, aber kein Herings­ruf bringt herüber. Er untersucht die Laterne und sagt, der Hagere soll auf Wache bleiben und der meckert und knöpft sich den Rock dicht.

»Verdammt, was ist los mit euch?" fragt der Fischer, dem da- Lachen sonderbar vorkommt.

Der Dicke zieht den Mund breit, um zu ant­worten. Da rennt ihn der Jung fnit dem heißen Kessel an und es wird nichts als eine lange Verwünschung.

Der Junge kriegt überhaupt viel zu hin. Die drei unter Deck haben ihre nassen Tranröcke ab­geworfen, aller Rebel von' oben scheint davon auszudunsten. Die Lampe qualmt über das Kar­tenbrett, das die Männer zwischen den Knien haben, die Pfeifen kohlen und die Karten plat­schen dazwischen. Der Destmann sitzt dem Schiffer gegenüber, feine Lippen sind rissig, sein mäch­tiges Gebiß ist wie das eines Raubtieres. Er verliert ununterbrochen. Mitunter wirft er einen schrägen Blick von unten auf Holtorp, unheimlich anzusehen. »Alles Lüge", sagt er unvermittelt, als der Fischer ihm ein Wort zu ruft. Der Junge fließt gerade den Rum ein, er steht so zwischen

den beiden, daß der Fischer vergißt, zurückzu­fragen. Er schiebt es auch wohl auf das ver­wünschte Warten, er ist selbst halbkrank von der Spannung, und wenn der Hering nicht bald kommt, woher soll er Zinsen und Leute be­zahlen?

Der Junge bringt ein heißes Glas zum Wacht- mann. Der Rebel ist körnig wie Reis und rinnt unablässig am Doot vorbei. Vom Schwesterschiff leuchtet das grüne Licht von Steuerbord und das gelbe vom Top. Kaum hörbar schülpt die See an Bord entlang. Leblos scheint sie heut und birgt doch fern unter dem grauen Pelz Reichtum ohne Ende. Irgendwo steht der goldene Fisch, irgendwann kommt der Augenblick, wo dies blinde Fach vom silbernen Hering wimmeln wird, der vom Eis herüberkommt und einmal im Jahr die seichten Förden sucht.

Fern ein Möwenschrei, der Junge zuckt zu­sammen und horcht, aber die Möwen schreien schon den langen Tag, Hunger schreien sie.

Ein Ruf von unten. Er tritt ängstlich rückwärts, um zu horchen. Es bedrängt ihn sehr, was er gehört hat. Er haßt die beiden Fremden, die dem Fischer um den Bart gehen und mit Jan Schwencke reden, daß ihm das Blut in den Augen steht. Voll Angst ist der Tag.

Wieder der Ruf. Der Junge hat das Wasser noch nicht heife, schürt das kleine Feuer und klettert dann zu den Männern, um Bescheid zu geben. Aber die haben ihn gar nicht gerufen. Sie schweigen, als er eintritt. Die Karten find zur Seite geflogen, Ian Schwenckes Fäuste liegen auf dem Kartenbrett.

»Wenn das wahr ist", knurrt der Destmann. Er kann den Streit nicht mehr einhalten, der Schaum steht ihm vor den Zähnen.

Der Fischer hat sich zurückgelehnt, er will gleichgültig tun, aber seine Faust liegt so um das Kartenbrett, dah er sich wehren kann.

Der Dicke steht im Dunkeln, das sieht der Jung. Vielleicht hat er jetzt Angst, dah er zu­viel gesagt hat?

Ian Schwenckes geballte Hände trommeln und beben vor Erregung »Wenn das wahr ist, Hol­torp"

»Hat der Schneider gesagt", wirft der Dicke ängstlich dazwischen.

»Was lauerst du hier", brüllt der Fischer den Jungen an. Er hat feine Sinne zusammen, aber niemand weiß, wie der Streit schließlich ab­laufen wird

Der Junge stolpert auch schon zurück. Ob ich beten muß, denkt er. Ihm sind die beiden Män­

ner wie Vater und Bruder, Jahre fährt er schon mit ihnen. Ob ich beten muß?, denkt er außer sich mit zitternden Knien.

Ein schriller Raubschrei im Rebel. Kärik Käräh! Ist daS die Möwe noch? Kärrik räß! Das Blut fährt ihm im Hals hoch, viele Schreie sind da. Räh, räß, ßärif! Da schlägt ein Schwarm Möwen ein.

Sprotten!, denkt er jäh. Roch einen Dlutschlag lang horcht er. Wie ein wilder Heerzug kommt es näher. Zwischen Himmel und See ist es ein­gefallen, kreischend, unersättlich, raubwild und flügelbrausend.

»Hering!" schreit der Junge nach unten. Man hat ihn wohl nicht gehört, er stolpert unter Deck. Die Männer sind aufgesprungen, stehen sich mit geduckter Stirn gegenüber.

»Der Hering!" schreit er. Sie fahren zusammen und sehen sich sonderbar an.

»Hering?" stammelt einer.

»Du Hering!" gröhlt der Dicke, in dem der Deute durst erwacht

»Der Hering ist da!" schreit der Junge noch einmal.

Da wachen Fischer und Destmann wie aus einem bösen Schlaf auf: »Der Hering?" Sie stoßen aneinander, das Kartenbrett stolpert zur Erde. »Der Hering?" fragt einer.

»Die Möwen sind am Hering!" brüllt der Jung, er heult wohl vor Aufregung ...

Selbsthilfe.

In der Gemarkung der Gemeinde Kotunje, nicht weit von Essek, besitzt die Holzsirma Sla- veks AG. eine Industriebahn, die 55 Kilometer lang ist und den Wald des Sunj-Derges mit dem Sägewerk verbindet. Die Bahn führt über bäuerlichen Privatbesitz, und die Gesellschaft ist vertraglich verpflichtet, den Dauern eine Ent­schädigung zu zahlen. Sie scheint damit aber gern im Rückstand zu bleiben, jedenfalls haben sich kürzlich die Dauern zusammengetan, um auf eine etwas sonderbare Weise die Firma zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen zu zwingen. Sie brachten einfach den Zug zum Stehen, nicht durch Sabotage, sondern indem sie sich mit Weibern und Kindern auf den Gleisen häus­lich einrichteten und weder mit Zureden noch mit Gewalt zu bewegen waren, den Platz zu räumen. Abends erst, als die Waldarbeit be­reits eingestellt war, gaben sie die Gleise frei, und dieses Verfahren wiederholten sie so lange, bis die Firma ihren Forderungen entsprach.