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Freitag, Zl. Januar 1930

Nr. 26 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (Generai-Anzeiaer für Oberheffen)

Henry Stimson, der Rechtsanwalt der amerikanischen Flotte.

Don Fred <5. Dillinger.

Stimson? Das ist der Mann, der vor einem 2ahr zur allgemeinen Ueberraschung von Hoover zum amerikanischen S.aatsselretär gemacht wurde und der vor ein paar Monaten im russisch-chine­sischen Konflikt gerade in dem Augenblick, als es nicht mehr nötig war, eine Note absandte, die nicht überall sreundiich ausgenommen wurde. Diel mehr weih man in Europa nicht t>on_ dem ame­rikanischen Staatssekretär für auswärtige An­gelegenheiten, der feit ein paar Tagen in London weilt, als Führer der amerikanischen Delegation auf der internationa­len Flottenkonferenz. Dabei ist es nicht ausgeschl ssen, daß fein Dame in wenigen Wochen ebenso bekannt ist wie der seines Amtsvorgän- gcrs, von dem die Welt auch erst im 72. Jahre seines Lebens Notiz nahm. Frank Kellogg, geboren am 22. November 1856 in Potsdam aber in dem kleinen Städtchen Potsdam des Staates Neuyork war ein Rechtsanwalt, der als Roosevelts Kampfgeno.se im Krieg gegen die Uebermacht der amerikanischen Trusts ein wenig hcrvorgetreten war, dann von Coolidge zum Erstaunen der zünftigen Diplomaten zum Londoner Botschafter ernannt wurde und schlieh- lich im März 1925 das Amt des Staatssekretärs erhielt. 3m Sommer 1928 trat Kellogg, der bis dahin immer im Schatten anderer Persönlichkeiten gestanden hatte, zum. ersten- und zum letztenmal in feinem Leben selbst in das grelle Licht der Weltpolitik und erlangte durch seine geschickte Derhandlungssuhrung und durch den Abschluß des nach ihm benannten Friedenspaktes Welt­ruhm. Auch S t i m s o n ist ein amerikanischer Rechtsanwalt, der dann die politische Laufbahn einschlug, ebenso wie die amerikanischen Wirt­schaftsjuristen Dawes der den Generalstitel honoris causa verliehen erhielt und Parker Gilbert, der frühere Berliner Reparations­agent. Aber welch Unterschied zwischen Parker Gilbert, der schon mit dreißig Jahren die Augen der Welt aus sich zog, und dem zweiundsiebzig» jährigen Kellogg ober dem dreiunösechzigjährigen Lewis Stimson, Männern, die den überwiegen­den Teil ihres Lebens als »zweite politische Gar­nitur" galten und erst seh. spät, in einer Zeit, in der andere Politiker ihren Ruhm verblassen sühlen, ihre Ramen in das Buch der Welt­geschichte eintragen können.

Stimsons LebenAaus ist arm an aufregenden Ereignissen. Er wurde in der Stadt Reuyork ge­boren und studierte an den großen Universi­täten der Bereinigten Staaten, bestand in den Jahren 1838, 1839 und 1893 Prüfungen an der Dale-Universität, der Haroard-Univerfität und der Harvard Law School und ließ sich im Jahre 1891 in Reuyork als Rechtsanwalt nieder. Zwei Jahre darauf wurde er Mitglied der An­waltsfirma Root L Clarke, und seit dieser Zeit ist er der Freund des späteren Senators R o o t, der wahrscheinlich zusammen mit Charles Hughes dasür gesorgt hat, daß er vor einem Jahr Staatssekretär wurde. Die Anwalt sirma, zu der Stimson gehörte, wurde mehrmals um­gegründet, andere Anwälte traten ein, aber immer blieb sie ein gutes Geschäft, daZ fünfzehn Jahre seine Inhaber glänzend ernährte. Dann erwachte Stimsons politischer Ehrgeiz. Er trat in den Staatsdienst und wurde 1936 S.aati- anwalt für den südlichen Teil von Reuyork, ein Amt, das er bis 1909 innehatte. Sein erster Dor­stoß in die große Oessentlichleit mißglückte. 2m Jahre 1910 wurde er von der republikanischen Partei als Kandidat für den Reuyorker Gou­verneurposten ausgestellt und fiel durch. Man kann nicht sagen, daß ihm dieser Mißerfolg viel geschadet hat. Denn schm ein halbes Jahr nach seiner Niederlage ernannte Präsident Taft den Juristen zum Kricgsminister, und das war eine Ernennung, wie sie zu jene? Zeit wohl nur

in den Vereinigten Staaten möglich war, wäh­rend man in Europa damals das Kriegsministe­rium gewöhnlich den Militärs vorbehielt.

Aber das Experiment glückte. In den zwei bis drei Jahren, die er das Ministerium ver­waltete, sprach kein Mensch von ihm, und das ist wohl das größte Lob, das man einem Kriegs­minister zollen kann. Daraus darf man nicht schließen, daß Stimson damals nur aus Mangel an militärischen Kenntnissen nicht hervorgetreten fei: er hat im Gegenteil soviel gelernt, dgß er später, im Jahre 1917, als Oberstleut­nant an die Front gehen konnte, um dort ein Artilleriercgiment zu führen. Auch das war kein prominenter Posten, aber Stimson gehörte nun einmal stets zur zweiten Garnitur. Wer da­gegen einwendet, daß der Rame Stimson schon zu jener Zeit in Amerika einen guten Klang hatte, begeht einen kleinen Irrtum. Jener Rechts­anwalt unb Staatsmann, von dem man sich in den Vereinigten Staaten viel unterhielt, hieß Frederic Jefup Stimson. Er war gut zehn Jahre älter, hatte viele Bücher geschrieben, u. a. als erster Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf die Entwicklung der Trusts hmgewiesen, und ging 'm Jahre 1914 als erster amerikanischer Botschafter nach Argentinien.

Don Henry L. Stimson hörte man nach seinem kaum- bemerkten Ausscheiden aus dem Kriegs­ministerium viele Jahre nichts mehr. Erst 1927 erinnerten sich die amerikanischen Politiker wie­der dieses Mannes und empfahlen Coolidge ihn als Sonderkommissar nach Nicaragua zu senden, um dort die Unruhen beizulegen. Für dieses Amt brauchte man einen Mann, der durch nichts politisch vorbelastet war, und der deshalb bei den lateinamerikanischen Völkern kein Mißtrauen erregen konnte. Stimson, über den sich wirklich nichts sagen lieh, hatte noch den besonderen Dorzug, sehr liebenswürdig zu sein und ein vermittelndes Verhandlung stalent zu besitzen. In Ni'aragua errang er einen gro­ßen Erfolg. Die Armee des liberalen Generals Moncada streckte die Wa.sen, ohne daß man je erfahren hat, welches kostbäre Argument die Nicaraguaner zu dieser Unterwerfung veran­laßte. Nur einen kleinen Fehler machte Stimson, als er dem aufrührerischen General Sandino zu wenig Beachtung schenkte und dieser daher den Krieg auf eigene Faust fortsetzte. Aber das nahm man ihm in den Vereinigten Staaten nicht übel, und Stimson galt nun in Washing­ton als ein Mann, der mit den südamerikanischen Dölkern umzugehen versteht und dort auch Sym­pathien genießt. Zur Belohnung für seine ge­lungen e'M'.f on wurde Stimson zum Gen er al- gouverneur der Philippinen ernannt: aber man war sich in Washington gleich dar­über klar, daß dieser Diplomat nicht lange auf den fernen Inseln weilen würde, weil man seine Kraft im politischen Verkehr mit Lateinamerika nötiger brauchte. Nur ein Jahr blieb Stimson auf den Philippinen und bewies dort, daß in der Kol nialpolitik mit Liebenswürdigkeit mehr als mit Gewalt zu erreichen ist. Er gab den füh­renden Filipinos zu, daß ihr Streben nach Un­abhängigkeit theoretisch berechtigt sei, be­wies ihnen aber, daß eine zu frühe Trennung von den Vereinigten Staaten zu einer Wirt­schaftskatastrophe aus den Philippinen führen müsse. Wann den Philippinen die Unabhängig­keit gewährt werden könne, hat er freilich nicht gesagt.

Als Hoover in das Weihe Haus einzog, glaubte man, daß der Senator Borah das Außcnministcr'.um erhalten würde. Er hatte es redlich verdient, und man war nun sehr über­rascht, daß der repräsentativste amerikanische Außenpolikiker sich Plötz ich weigerte, das von ihm vorher sehr begehrte Amt des Ministers anzu­

nehmen. Borah fürchtete mit einem gewissen Recht, daß die ministerielle Tätigkeit ihn hindern würde, nach wie vor seine Ansichten rückhaltlos zu äußern, und er wußte, daß er als Senator Hoovers Staat sekretär ebenso anregen könnte, wie er es bei Frank Kellogg getan hatte, denn der Plan des Krieg ächtungspaktes stammt von Borah. Reben dem Senator Borah kam der Londoner amerikanische Botschafter Hough- t o n in Frage, der als ausgezeichneter Kenner der europäischen Verhältnisse gilt. Aber Hoover weiß in Europa selbst sehr gut Bescheid, und es war ihm wichtiger, in das Außenministerium einen Fachmann für L a t e i n a m e r i k a zu berufen. Wenn S t i m s o n sich in den Fragen der europäischen Politik nicht sehr gut auskennt, so steht ihm doch in London der General Dawes zur Seite, der jetzt Botschafter in der britischen Hauptstadt ist, und auch der amerikanische Bot-

DZe beschwkmmen

des T. D. v. 1M6 Gießen.

Die alljährlich, so findet auch in diesem Jahre, und zwar am nächsten Sonntag, im städtischen Schwimmbad zu Gießen ein Werbeschwimmen statt. Zur Mitwirkung haben sich die Vereine von Friedberg, Wetzlar und Butzbach bereiterklärt. Reben Staffeln wird auch dem volkstümlichen Schwimmen Rechnung getragen. Der Oesfentiich- leit soll gezeigt werden, welche Arbeit in der Schwimmabtcilung geleistet wird, wie der Auf­bau des Schwimmens in den Turnvereinen sich entwickelt und mit welcher Freude sich Alt und Jung der Schwimmkunst widmen. Die von den Kleinsten gezeigten Klebungen dürften besondere Freude machon. Ein Reigen der Turnerinnen von sämtlichen Vereinen wird ein reizendes Bild bie­ten, ebenso das Figureniegen, das von den Tur­nerinnen des Tv. 1845 Gießen ausgeführt wird. Spannende Kämpfe werden sich in den einzelnen Staffeln entwickeln, besonders in der Drustschwell- stasfel und der Doreinsstaffel. Das Wasserball­spiel, das am Schlüsse der Deranstaltung aus­getragen wird, findet zwischen dem Tv. 1846 Gießen und den besten Spielern Wetzlars und Friedbergs statt. Es dürfte fraglich sein, ob der seit 1925 bis jetzt ungeschlagene Gaumcister Tv. 43 Gießen das Spiel für sich entscheiden kann. Man beachte die heutige Anzeige.

Handball im Männerturnverein (D.T)

Am kommenden Sonntag treffen sich auf dem Mtv.-Platze die ersten Mannschaften der Turnge- meinde Friedberg und des hiesigen Männerturn- oereins zu einem Handball-Freundschaftsspiel. Die Friedberger Mannschaft hat durch ihre guten Re­sultate, die sie in den vergangenen Verbandsspielen erzielen konnte, von sich reden gemacht, und sie wird den Männerturnern einen Sieg wohl schwer machen. Den Leistungen der Gießener vom Vorsonntag noch zu urteilen, ist ein solcher sogar sehr in Frage ge­stellt.

Die zweite Mannschaft und die Schülermannschaft des Mm. fahren nach Bußbach, um gegen die glei­chen Mannschaften des dortigen Turn- und Sport­vereins ebenfalls Freundschaftsspiele auszutraaen. Der Ausgang dieser Spiele steht vollkommen offen.

Handball im La n-Oünsberg Ga^,

Tv. Londorf 1. Tv. Kinzenbach!. 1:0 abgebr. Tv. Dorlar!. Tv. Garbenteich I. 2:11.

Tv. Staufenberg 1. Tv. Wie eck l. 2:11.

Tv. Beuern 1. Tv. Rodheim 1. 0:0 abgebr.

Im ersten Spiel in Londorf sah man einen schnellen und abwechslungsreichen Kampf, der oft sehr hart durchgeführt wurde. Während in der ersten Hälfte das (Spiel verteilt war und beide Mannschaften die gleichen Torchancen hatten, von denen Londorf durch einen Strafstoß das einzige Tor erzielen konnte, war Kinzenbach nach der Pause durchweg leicht überlegen, scheiterie aber an der zahlreichen und hart arbeitenden Hinte»

schafter in Brüssel, Gibson, ist zur Flotten­konferenz nach London gefahren. Die militärischen Fragen sind dem ehemaligen Kriegsminister na­türlich gut bekannt, aber es versteht sich, daß in seinem Gefolge die wichtigsten amerikanischen Marineoffiziere nach London gekommen sind, um ihm zu Helsen, Amerikas Anspruch auf Welt­geltung zur See zu verteidigen. Daß Stimson im liebenswürdigsten Ton verhandeln, aber grund­sätzlich vorn amerikanischen Standpunkt nicht eine Handbreit abweichen wird, ist für jeden Kenner seiner Persönlichkeit selbstve.-stündlich. Denn den Amerikanern liegt weniger an einer Abrüstung und einer Einschränkung ihres Flottenbaus, den sie sich leisten können, als an einer Stärkung ihrer Weltgeltung, und Stimson ist nüchtern genug, diese Tatsachen keinen Augenblick zu ver­gessen.

mannschaft des Plahvereins. Kurz vor Schluß mußte das Spiet infolge eines g.oben Regel­verstoßes des Londorser Linksaußen vom Schieds­richter abgebrochen werden.

Das c^>iel in Dorlar sah Garbenteich jeder­zeit klar in Front, während dasselbe von dem Spiel in Staufenberg zu sagen ist, wo Wieseck durch seinen flinken Sturm es fertig brachte, der Platzmannschaft mit 11:2 das Rauschen zu geben.

Das Spiel in Beuern sah zwei gleichwertige Gegner. Während Rodheim in der ersten Hälfte etwas mehr vom Spiel hatte, war Beuern nach der Pause etwas im Dorteil. Im Verlaufe der zweiten Hälfte muhte der Schiedsrichter das Spiel infolge des schlüpfrigen Bodens abbrechen.

Kommenden Sonntag treffen Wieseck und Lon­dorf auf dem W'.esecker Platz aufeinander. Im Vorspiel konnte Wieseck den Meister zu Hause 4:2 schlagen, ob es ihnen diesmal gelingt, bleibt abzuwarten. Garbenteich sollte Staufenberg auf seinem Platze sicher schlagen, während Rodheim gegen Dorlar einen knappen Sieg erkämpfen sollte.

Hochschulsport.

Am Montag veranstaltete die Gießener Studentenschaft bei herrlichem Wetter einen Waldlauf, der gleichzeitig als Ausschei­dungslauf für die Waldlaufmei st er­schuften in Heidelberg am 8. und 9. Fe­bruar ausgetragen wurde. Die Strecke führte über 5,5 Kilometer mit etwa 25 Meter Steigung und wurde von den Läufern in guter Haltung und schr guter Zeit bewältigt. Der Waldlauf wurde als Einzel- und Mannschaftslauf aus­getragen. Ergebnis: 1. Sieger Stepp (Frei­student) 16.45 Min.: 2. Sieger Kleeberg (A. T. V. Rheinfranken): 3. Sieger Klcrnann (Freistudent). Den 1. Mannschaftssieg errang die A. T. D. R h e i n f r a n l e n mit 24 Punkten. An zweiter Stelle lief die Mannschaft der Burschenschaft Frankoniaein (38 Punkte).

V. f. Ä.

Arn kommenden Sonntag stehen sich auf dem Waldsportplah die Liga und zweite Mann­schaft in einem Uebungsspiel gegenüber. In erster Linie soll dies dazu dienen, besonders bei der Liga verschiedene Ausstellungen auszuprobie­ren, um unter ilmftänben für das letzte 03;r» banlsspiel gegen »Germania" Marburg eine Um» stellung der Mannschaft vorzunehmen.

Die dritte Mannschaft hat sich die erste Queckborns zu einem Gesellschaftsspiel nach hier eingeladen. VfB. hat zwar in letzter Zeit von feiner früheren Spielstärke verloren, sollte aber auf Grund seiner reiferen Spielweife und größeren Erfahrung in der Lage sein, das Treffen für sich zu entscheiden.

Don der Jugend» und Schülerabtel» I u n g sind die Spiele vom vergangenen Sonntag noch zu berichten. Die erste Jugenbmannschaft war in stark ersatzgeschwächter Aufstellung in

Turnen, Sport und Spiel.

Gießener Stadttheater.

Gastspiel von Paul Wegener.

Die beiden männlichsten Erscheinungen unter den ganz großen Schauspielern in Deutschland sind Da.sermann und Wegener: dennoch kann man sich man hat sie ja hier nun beide auf der Bühne gesehen kaum einen größeren Unter­schied denken.

Sie stehen sich polar gegenüber: zwei Land­schaften, zwei Temperamente, zwei Gestalten und überragende Gestalter. Süden und Osten, Ele­ganz und Wucht. Dirtuo ität und Dämonie, Geist und Blut. Ganz gewiß ist auch bei Wegener (der ursprünglich Akademiker war) eine hohe Intelli­genz, die geistig-bewußte Formung jeder Rolle ein wesentlich schöpferisches Element seiner Dar­stellungskunst : aber sie bestimmt nicht so ent­scheidend wie bei Bassermann den Eindruck seiner Leistung.

Man bewundert beide, aber man vergißt bei Dassermann bis zuletzt niemals ganz das »Spiel", die Rolle, das Theater. Wegener, in seinen ftäitften Augenblicken, läßt die greifbare Wesenheit und Umwelt der Bühne ins Unwirk­liche versinken. Und man sitzt da, von Schauern überlaufen, angepackt, erschüttert.

*

Wenn man sich, nachträglich, kontrolliert, muß man sich gestehen, daß diese theaterferne Erschüt­terung, dieses Ergriffenfein nicht vom Stück aus­geht so fürchterlich und erregend und zer­mürbend es ist, sondern von der maßlosen menschlichen Stoßkraft des überragenden Schau­spielers, der da im Zentrum der 'Begebenheiten steht.

Ein furchtbares Stück, man kann es nicht anders sagen. Und man ist ja nachgerade daran gewöhnt, die Prominenten auf ihren Gastspiel­reisen in schlechten oder belanglosen Stücken auf treten zu sehen, oder in Stücken, die man einfach nur als schrecklich bezeichnen kann. (Die Gründe dafür können hier nicht untersucht werden.)

*

Wegener mit seinen Leuten spielt ein russisches Stück »Der Gedanke", Drama in fünf Ak­ten von Leonid Andrejew. Dielleicht ist es die ausgesprochen russische Atmosphäre aussteigend aus Schwermut, Einsamkeit, Grübe­lei, Blutdunst und einer grenzenlosen, grauen

Trostlosigkeit und Hossnungsleere, die Wege­ner mit seinem Slawenschätel, der schon äußer­lich östlichste Typus unter den deutschen Schau­spielern, als wahlverwandt empfunden, und die ihn als Regisseur und noch mehr als Schauspie­ler gereizt haben mag.

Es gibt Stücke, deren »Inhalt" man nicht er­zählen kann. Und es gibt Stücke, deren Inhalt zu erzählen man sich sträubt, weil man. es g ei­cherweise als sinnlos und quälend empfindet, noch einmal zu beschwören, was man vor kaum einer Stunde erst aufatmend zu Ende gebracht sah. Deshalb wollen wir nur andeuten, worum es sich hier handelt.

Es handelt sich, wie der Titel sagt, um den Gedanken, um die Kraft des Gedankens, um die Macht des menschlichen Willens über das Gehirn und die Phantasie. Um ein furchtbares Experi­ment. um den Dcrsuch eines Wissenschaftlers, eines grübelnden Arztes, ob es der Kraft des Gedankens gelingen kann, den Wahnsinn in sich selber zur Wirklichkeit werden zu lassen. Die verzweifelte Frage nach dem Sinn eines solchen Unterfangens wird fünf Akte lang immer wieder verschüttet von der untergründig bohrenden und wühlenden Vehemenz eines Spiels auf des Messers Schneide.

Der Arzt Dr. Kershenzew, einsam, menschen­scheu, in sich selbst vergraben und verschlossen, gerät halb grüblerisch tastend, halb aus einer rätselvoll sprunghaften Verrückung seiner Phan­tasie an diese entsetzliche Kraftprobe. Er hat keinen Menschen um sich, nur im Käfig einen Menschenaffen, dessen stumm verschlo sene, un­durchdringliche Einsamkeit ihm einen Spiegel sei­ner selbst vorzuhalten scheint. Das Tier stirbt. Run hat er weder Tier noch Menschen in seiner seelischen Rähe, keinen Freund und keine Frau.

Rur ein paar Bekannte. Einer von denen hat vor Jahren die Frau geheiratet, der Kershenzews Liebe gehörte, die aber feine Werbung aus- schlug. Als er ihr wieder begegnet, ihr und dem Mann, welcher ihm damals zuvorgekommen ist, da regt es sich dumpf in Kershenzew, da be­kommt sein rein geistiges Experiment schon furchtbar genug den entscheidenden, schwelen­den und zündenden Antrieb aus einer wilden Wirrnis von verschütteten, vergrabenen, ver­

drängten Gefühlen. Späte Liebe, neues Be­gehren, Eifersucht. Scham. Wut, Hatz K'rfhenzew erschlägt den Mann, der ihm die geliebte Frau genommen hat, ... und nun ist es an dem, daß sich die Frage erhebt: hat er den Mord begangen, weil er wahnsinnig war ober hat er den Wahnsinnigen gespielt, um diesen Mord zu begehen. Die Beantwortung ist trostlos und sinnlos wie das ganze »Experiment".

Aber schon dieser roh angedeutete Umritz der Fabel läßt wohl das ganze Ausmaß dessen er­kennen, was hier »gespielt", was hier m t mensch­lichen Mitteln dargestellt wird. Zwei Akte lang wird es erst vorbereitet. Da steht dieser Mann mit dem Mongollr.schädcl, den vorspringenden Backenknochen und den schrägen Augenbögen, ein Mensch mit einem tierhaften Körper, und redet und grübelt sich rätselhaft, erschreckend, Schritt für Schritt, unheimlich und unaufhalt­sam in seine wahnwitzige Phantasie, in einen phantasierten Wahnsinn hinein.

Im dritten Akt ist cs soweit. Alle Nerven sind angespannt, wenn man allmählich, Zug um Zug, die Katastrophe kommen fühlt, welche die Frau, Hel. sich.ig und angsterfüllt, vergeblich abzuwenden sucht, und die das ahnungslose Opfer mit verächt­lichen, höhnischen, aufreizenden Reden unabwend­bar macht.

Eine lange Z:it steht Kershenzew ganz stumm. Die Stille vor dem Sturm. Gleich wird ein fürchter.icher Ausbruch da fein. Und in diesen Augenblicken geht von dem Darsteller Wegener, der wie ein B.ock dasteht, wie ein regungsloses, drohendes, asiatisches Göhenblld, von seinem verzerrten, zuckenden, wetterleuchtenden Gesicht jenes Sckunden-Erlebnis auf den Zuschauer über, das sehr selten ist im Theater: da löscht die Magie eines ganz großen Schauspielertums alle Illusion der Kulisse und der zufälligen Um­welt aus.

Dieser Höhepunkt wird im Folgenden für unser Empfinden nicht mehr erreicht, obwohl der vierte Akt noch einmal eine grandiose darstelle­rische Entfesselung bietet: wenn Kershenzew nach der Tat heimkornrnt,es" in sich ausbrechen oder ausgebrochen fühlt, nicht mehr den Weg zurück findet, an der Kraft des Gedankens zu zweifeln

beginnt und vcrzw.ife t auf der Verschwimmenden Grenze zwischen hüben und drüben, zwischen Ein- bi.bung und Wirk.ichkeit, zwischen Wahnsinn und Phantasie.

Hier und im letzten Akt, der den trostlosen und auafbollcn Epilog im Irrenhaus macht, geht von Wegeners Eesta'tung (obwohl sie noch voller Bewegung und Wanüiung, boJ von unheimlichen, erschreckenden und erregenden Einzelheiten ist) nicht mehr jener elementare Eindruck aus, von dem wir sprachen.

Hier berührt er sich irgendwie mit seinem Antipoden, mit dem funkelnden Virtuosentum Basfcrmanns, der alles kann und nie versagt: hier spürt man am stärksten den Intellekt, die geistige Durchdringung und Unterbauung seiner schaufpielerischen Form. H!er ist feine Kunst am fühlbarsten vorn Gehirn her gespeist und nicht mehr so unbedingt (wie in jenen Augenblicken) vom Dlutstrom einer untergründig aufbrechen­den Menschlichkeit.

Wegener hat fein eigenes Ensemble und er ist fein eigener Regisseur. Naturgem-äitz tritt die Regieleistung hier hinter dem Schaufpielerischen zurück und intereffiert nicht so sehr: schon des­halb, weil das Stück entscheidend auf eine Rolle hin geschrieben ist, weil er selbst diese Rolle gibt, und weil unter solchen Umstünden auch für den besten Regisseur nicht mehr viel zu tun übrig bleibt.

Das Ensemble ist, wie man es erwarten konnte, tadellos eingespielt und im einzelnen zuverlässig und treffsicher beseht. Zwei durchaus persönlich gefaßte Gestaltungen heben sich heraus: die Tat­jana der Antonie Strahmann vom Staats­theater, eine feine, sympathische und sehr frau­liche Erscheinung, schon äußerlich die gegebene Komplementärfigur des großen Partners.. Und Walter D h s i n g vom Deut'chen Künstlertheater, der als Ssawelow eine interessante Charakter­studie bot Fritz Schm e11er15h , Horst Smel» ding und Herminia Dorn wären noch zu nennen.

Das Haus war erfreulicherweise ganz auS- verkauft. Man mutz der Theaterleitung dankbar fein, datz sie dem Gießener Publikum daS Gast­spiel beschert hat: es wird zu den großen und bleibenden Eindrücken dieser Spielzeit gehören.

Dr. Th.