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Vom Absender zum Empfänger.

Der Weg -es Briefes durch das Gießener Postamt.

In einem grenzenlosen Vertrauen zu den In­stitutionen der Post und den Veamten in der schlich- ren blauen Montur wandern täglich im Gebiete unserer Stadt etwa 55 000 Briese, Postkarten und Drucksachen in 50 Briefkästen. Die Post, die nim­mermüde fcen Empfängern diese Briefe zuleitet, hat das Vertrauen, das die Menschen ihr ent­gegenbringen, auch stets gerechtfertigt. Das darf man wohl mit Fug und Recht behaupten, denn daß ein Dries, der ordnungsgemäß m t der Adresse und dem Absender versehen und außerdem fran­kiert ist, verloren geht, gehört heute zu den Sel­tenheiten.

Drei Beamte haben täglich zu ganz bestimmten -Zeiten die Aufgabe, im Bezirk unserer Stadt die 50 Briefkästen zu leeren und ihren Inhalt zur Post zu bringen. Oft bis zu 60 Pfund sind jene Taschen schwer. Im Postamt haben 18 Beamte zu tun, um alle ein- und ausgehenden Briefe in sinnvoller Ordnung in die richtigen Wege zu leiten. Etwa 125 000 Briefsachen nehmen täglich ihren Weg durch das große Gebäude an der Bahnhofstraße. Im Gießener Postamt ist beson­ders der Briefdurchgangsverkehr außerordentlich stark. 70 000 Briefe werden täglich gesichtet, ein­geordnet und weitergeleitet. Von den unsere Stadt berührenden Eisenbahnen werden daher täglich viele Briefsäcke gebracht, die geöffnet und auf andere Eisenbahnlinien verteilt werden müssen, wenn sie ihren Bestimmungsort erreichen sollen.

Die Briefe, die aus unserem Stadtgebiet und den dem Gießener Postamt unmittelbar ange­schlossenen Landpoststellen gesammelt worden sind, gelangen zunächst auf einen großen Aus- s ch ü t t e t l s ch, werden hier do/i einigen Beamten grob sortiert und zunächst ge.eilt, in Briefe, die mit der Maschine gestempelt werden können und solche, die mit der Hand gestempelt werden müssen. Die Stempelmaschine kann nur jene Briefe bear­beiten, die von etwa gleicher Gröhe sind, die Frei­marke an der gleichen Stelle (der rechten oberen Eckei tragen und nichts enthalten, was den Lauf der Maschine stören könnte.

2800 Briefe und Postkarten können mit diesem Apparat innerhalb einer Stunde mit dem Post­stempel versehen werden.

Sind die Briefe gestempelt, so gelangen sie zu­nächst in den Vorverteilerspind, in dem die Stadtpost von der übrigen getrennt wird, die ihrerseits in diesem Vorverteilerspind gleich nach den hauptsächlichen Richtungen, in denen die Briefe befördert werden sollen, sortiert wird. In einem sogenannten Feinverteiler-Spind, der entsprechend mehr Fächer aufweist, werden die Briefe sodann gleich in der Folge geordnet, in der der Zug, welcher die Briefe aufzunehmen hat, die einzelnen Orte passiert. Auf eine einfache Weise verschnürt, mit einem besonderen Zettel ver­sehen. der den Bestimmungsort des Driefpäckchens genau kennzeichnet, wandern die vielen kleineren und größeren Päckchen in den Postsack und werden zur Bahn gebracht.

Dieser ganze Arbeitsgang muh in einer mög­lichst kurzen Zeit bewältigt werden, da die Zeit­spanne zwischen der Driefkastenentleerurg und dem Abgang der Züge möglichst gering sein soll. Die Post ist dabei stets bestrebt, auf dem schnellsten Tsöege die Briese zu befördern und zugleich

jede Zugverbindung auszunühen.

^-Genaue Fahrplankenntnis ist hierfür die Doraus- -setzung. Ein Brief, der zum Beispiel nach München gelangen soll, wird dabei nicht mit einem Per- .sonenzug nach Frankfurt befördert, wenn vielleicht eine halbe Stunde später ein Schnellzug nach Frankfurt in Gießen abgeht, der eine halbe Stunde früher in Frankfurt ankommt als der Personen­

zug und dadurch der Brief den Anschluß an den Münchener Schnellzug erreicht, den der Personenzug in keinem Falle erreichen könnte. An­dere Brie,e wieder werden über andere Stationen umgeleitet (nicht auf dem evtl, möglichen direkten Weg beförl^rt) weil sie so paradox das klingen mag auf dem Limweg ihr Ziel schneller zu er­reichen vermögen. Die Auffindung der schnellsten Beförderungsmöglichkeit ist also ein

Rechenexempel mit den Ziffern des Eisenbahn­fahrplans.

Die schnelle Beförderung jeglicher Postsendung kann aber auch der Absender nicht unwesentlich beeinflussen. Eine deutlich geschriebene Adresse erleichtert die Arbeit, die V e r w e n - düng möglichst weniger Freimarken (horizontal nebeneinandergeklebt) macht das Stem­peln in der Maschine und damit schnellere Ab­fertigung möglich; Briefkästen, die von irgend­einem Geschäftsbetrieb aus mit allzuvielen und umfangreichen Briefschaften u. dgl. überfüllt wer­den, verzögern die Leerung anderer B r i e f k ä st e n, da der Beamte die Last aus drei oder vier überfüllten Briefkästen zuerst zum Post­amt bringen muß und der Inhalt der anderen Kästen die der Abholezeit entsprechenden Zug­anschlüsse nicht mehr erreicht. Die Abhvlzei- t e n sind den hauptsächlichsten Zuganschlüssen ent­sprechend festgelegt, denn dadurch wird die schnelle Beförderung überhaupt erst möglich.

Die Verteilung der Postsachen an die einzelnen Empfänger im Stadtgebie.' und an die Empfänger auf dem Lande bildet das zweite Arbeitsgebiet der hiesigen Post. Jeden Tag verlassen etwa 30 Briefträger das Postgebäude (in den Morgenstun­den besonders schwer belastet), gehen treppauf und treppab, um bald darauf den gleichen Gang ein zweites- und schließlich ein drittesmal anzutreten. Die Post für die Landbewohner wird in Kraft­wagen befördert, nach den einzelnen Poststellen gebracht und dort von deren Leitern an die Emp­fänger verteilt.

Reben der Erledigung der Driefpost geht die Bearbeitung von Scheckbriefen und Wertsendun­gen, von Zeitschriften und Zeitungen im Ein- und Ausgang in ebenso sinnvoller Ord­nung und wvhldurchdachter Organi­sation einher.

Richt unerwähnt soll bleiben, daß ein weiteres großes Maß an Arbeit durch den Paketdienst anfällt. Richt weniger als 15 000 Pakete müssen auf dem Postamt täglich bearbeitet, weiterge­leitet und verteilt werden. Bon den 15 000 Pa­keten bleibt aber nur ein verhältnismäßig Hei­ner Teil in «Ziehen. Durchschnittlich werden am Tage in unserer Stadt 1300 Pakete an Empfän­ger gegeben, während 1100 Pakete von hier aus versandt werden. Daneben werden 700Päck­chen" im Eingang und 600 im Ausgang erledigt.

Diese Ziffern, sowie die der Brie schäften, ent­sprechen der Dezemberzählung 1930, eine sta­tistische Zahlung, die in jedem Monat einmal durchgeführt wird.

Die Belastung bzw. das Mah an anfallender Arbeit ist je nach der Tageszeit verschieden. Die am Morgen in Gießen und Hingebung zur Ver­teilung gelangende Post muh in kurzen Morgen­stunden, und die Postsachen, die am Abend in Stadt und Land Gießen aufgeliefert werden, in wenigen Spätabendstunden erledigt werden.

Aus all dem geht hervor, daß die Post und die Eisenbahn eng miteinander verkettet sind. In diesem Zusammenhang darf wohl eine Tat­sache das Interesse beanspruchen, nämlich jene, daß die Deutsche Reichspost der beste Kunde der Deutschen Reichsbahn ist.

Oberbeffen.

Landkreis Gießen.

§ A l t e n ° D u s e ck, 28. Dez. Die Weihnachts­feier des GesangvereinsGermania" war gut besucht. Der Verein beging das Fest in einfachster Form und verwandte die dadurch er­sparten Mittel zu einer Weihnachtsbescherung für die Kinder. Der Bescherung ging ein Märchen­spiel, von Kindern der Mitglieder aufgeführt, voraus. Der abendliche Teil der Veranstaltung wurde durch Thea teraufführungen und Gesangs­vorträge ausgefüllt.

4 Burkhardsfelden, 28. Dez. Der Kir­ch engesangoerein unter Leitung von Bür­germeister A l b a ch führte am ersten Weihnachts­tage in der Kirche ein Weihnachtsoratorium auf. In Männer-, Frauen- und Gemischten Chören, sowie in Duetten und Solostimmen wurde die Ge­schichte von der Geburt Jesu behandelt. Die Orgel­begleitung des Oratoriums hatte unser Organist, Lehrer Hofmann, übernommen. Am vierten Adventssonntag hielt die Kleinkinder schule eine Weihnachtsfeier in der Kirche ab, die einen sehr guten Verlauf nahm.

5 Wirberg, 28. Dez. Die Weihnachts­feiern im Kirchspiel nahmen überall besten Verlauf. Auf dem Wirberg veranstaltete die Jugend von Göbelnrod die Christvesper für Gö­belnrod und Reinhardshain. In Beltershain fand ebenfalls eine Christvesper unter Mitwir­kung der Kinder statt. In Harbach wirkte bei der Feier neben der Schulklasse auch der Gesang­verein mit. In Reinhardshain fand am zweiten Feiertag Gottesdienst statt, bei dem der Gesang­verein mitwirkte. Auf dem Veitsberg wurde eben­falls Christvesper abgehalten.

4 Cid), 29. Dez. Der Männergesangver- einCäcilia" Lich veranstaltete am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Turnhalle feine Abend- unterhaltung. Reben ausgezeichneten Gesangs­vorträgen des Vereins, geleitet von Chormeister Lehrer Ilge (Butzbach), seien die mit viel Bei­fall aufgenommenen Musikvorträge der gesamten Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr Lich unter Leitung des Kapellmeisters A. F r e i t a g er­wähnt. Zwei flotte Theaterstücke ernteten viel Beifall. Tanz schloß sich an die Feier an.

00 Klein-Linden, 28. Dez. Den Vormit­tagsgottesdienst des ersten Weihnachtsfeiertags ver­

schönerte der Kirchengesang verein durch Gesangsoorträge, während im Nachmittagsgottes- dienst der P o s a u n e n ch o r und der Schüler- ch o r der Obertlasse unserer Volksschule mitwirkten. Am ersten Feiertagabend hielt der Männer- g e s a n g o e r e i nEintracht" im Saale ,Lur deutschen Eiche" seine Weihnachtsfeier ab. Gute Ehorvorträge des Vereins, geleitet von Chormeister H. Köhler (Großen-Linden) wechselten mit Vor­trägen einer Musikkapelle. Ein gutes Theaterstück fand vortreffliche Wiedergabe. Die übliche Verlosung beschloß die harmonisch verlaufene Feier.

^Leihgestern, 28. Dez. Den 'Auftakt der Weihnachtsfeiern bildete der liturgische Gottes­dienst am Heiligen Abend, der durch einige Weih­nachtslieder der Schulkinder verschönt wurde. Rachdem am ersten Feiertag ein gut besuchter Vormittagsgottesdienst stattgefunden hatte, fand nachmittags die Bescherung der Kleinkinder­schüler statt. Jedes der etwa 80 Kleinen wurde beschenkt. Pfarrer R e u s ch dankte der Klein­kinderschulschwester Elfriede in warmen Worten für ihre Arbeit an den Kleinen unH. überreichte ihr ein Weihnachtsgeschenk. Auch der^Kranken- schwester Anna überreichte er ein Geschenk und dankte ihr für ihre bereitwillige Llnterstühung, die sie der Kleinkinderschulschwester zuteil werden lieh. Am zweiten Weihnachtstage hatten sich etwa 800 Besucher in der Kirche eingesunden, um die Weihnachtskantate anzuhoren, die vom hiesigen Evangelischen Kirchenchor, be­gleitet von der Orgel und vier Violinen, unter Leitung seines rührigen Dirigenten Köhler aus Groden-Linden, zum Vortrag kam. Die dazu gehörende Weihnachtsgeschichte wurde von Pfarrer i. R. Schulte, Großen-Linden, gespro­chen. Hn'er Pfar. er Reusch hielt eine e nd rucks­volle Predigt. Die Kollekte war für den Evan­gelischen Kirchenchor bestimmt. Auch in den Vereinen wurde das Weihnachtsfest mit Besche­rung oder Verlosung gefeiert Am ersten Feier­tag fanden die Feiern des TurnvereinsFrisch Auf" gemeinsam mit dem GesangvereinLieder­kranz" und die des Turnvereins 1893 gemeinsam mit der des GesangvereinsEintracht" in ihren Vereinslokalen statt. Auch der Qlrbeitergefang- vereinHarmonie" hatte seine Mitglieder zu einer Weihnachtsfeier in seinem Dereinslokal ein­geladen.

SJL-tfpott

Spielvereinigung 1900 Gießen.

1900 Liga Germania 94 Ffm. 0:2 (0:1).

Am ersten Feiertag stellte sich die alte Frank­furter Germania 94 dem Gießener Fußballpubli­kum vor. Das Spiel brachte insofern eine ange­nehme Enttäuschung, als 1900 eine sehr ansprechende Partie lieferte, obwohl Adelberger, Brambach und Henrich ersetzt waren. Die Gießener verstanden es, das Treffen vom Anfang bis zum Ende aus­geglichen zu gestalten. Das um ein weniges bessere Stellungsspiel der Frankfurter glichen die Blau­weißen durch größeren Eifer aus. Dem einwandfrei amtierenden Schiedsrichter, (Sauobmann Klier- Wetzlar, machten beide Kontrahenten vor 500 bis 600 Zuschauern das Amt sehr leicht. Ein schönes Spiel hielt die Zuschauer, trotz der starken Kälte, stets in höchster Spannung, da der Ausgang fast bis zum Schlußpfiff eine offene Angelegenheit war. Die Gäste buchten schon bald nach Beginn den ersten Treffer. Oftmals bot sich Gelegenheit zum Ausgleich, besonders im letzten Viertel des Spieles, in dem die Gießener, angefeuert burd) das Publikum, zur Energieleistung ausliefen. Das ständige Mißverstehen im einheimischen Sturm ließ keinen Erfolg zu. Kurz vor Spielende kamen die Süddeutschen bei

einem schnellen Durchbruch zu einem zweiten Tor, das aus Abseitsstellung fiel.

Die dritte Mannsd-aft spielte am 2. Feiertag in Bieber gegen die dortige erste Elf und konnte 6:2 siegreich bleiben.

Die Lrgareserve hat nunmehr auch die ge­fährliche Klippe in Saubringen glücklich über­wunden und mit einer stark ersatzgeschwächten Mannschaft ein ehrenvolles Unentschieden (2:2) erzielt. Bereits nach fünf Spielminuten führte Saubringen 2:0. 1900 glich aber nach zähem Kampfe auf grundlosem Boden aus und hielt auch das Unentschieden. Durch diesen Punkt­gewinn setzte sich 1900s 2. Elf an die Spitze der Tabelle. (Gesamtpunktzahl 15.) Mit einem Punkt Abstand folgt die 2. Elf des hiesigen Lokalgeg­ners, gegen die 1900 am 11. Januar das Schluß- spiel liefert.

Die vierte Mannschaft der Spielvereinigung wartete auf den Gegner, Biebers erste Mann­schaft, vergeblich.

Die Jugend in Wiesbaden.

Die beiden Weihnachtsfeiertage weilte die 2. Jugend, verstärkt durch einzelne Spieler der 1. Jugend in Wiesbaden bei dem Sportverein Rassau zu Gast. Der erste Tag war, da das Spiel

Die kleine Motette.

Vornan von Paul Hain.

6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ser quakende Laut einer Autohupe riß ihn plötzlich aus dem Schlummer.

Er blickte um sich.

Rächt Dunkelheit ringsum. Rur durch das breite Fenster schimmerte Mondlicht und erhellte die Platte des Schreibtischs, der in seiner massi­gen Wucht mitten im Zimmer stand.

Wieder das Hupengeheul.

Die Entreetür klirrte.

Aus der Straße eine Stimme.

Da sprang Wördehoff aus dem Sessel. Blickte flüchtig nach der LIHr.

Zwei LIHr nachts!

Herrgott so lange hatte er hier geschlafen?

Er trat ans Fenster. Eben schritt Rorma durch den Lichtstreifen der Laterne, die am Vorgarten brannte. Am Schlag des Autos stand ein Herr, den Hut in der Hand, verneigte sich noch ein­mal, grüßte etwas sehr kameradschaftlich mit der Hand. Rorma nickte ihm zu.

Jener stieg ein und das Auto ratterte wieder los.

Sie Schauspielerin stützte sich leicht auf den Arm der Zofe, die auf das Hupensignal hin wohl nach unten gekommen war.

Wördehoff trat vom Fenster zurück.

Er drehte das elektrische Licht an.

Oeffnete die Tür zum Flur.

Rorma und die Zofe stiegen die Treppe herauf. Erstaunt sah sie ihren Gatten in der Tür zu seinem Arbeitszimmer stehen. Sie blickte etwas verwirrt. Ihr Gesicht war erhitzt. Sie Augen glänzten stark.

Ah, du bist noch auf? Ich sah doch kein Licht von unten. Ich muh meinen Hausschlüssel ver­loren haben"

Sie lächelte leicht. Sie Zofe verschwand diskret im Dunkel des Korridors.Wo warst du denn Rorma?"

Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schul­ter. Aus ihrem seidenen Abendmantel wehte ein Suft von Parfüm, Weingeruch, Zigaretten­rauch.

Hast du etwa gewacht?"

Sie legte den Kopf kokett zur Seite. Ein selt­sames Flirren im Blick.

Ich habe geschlafen das Hupengeheul weckte mich"

Ah so

Sie trat in das Arbeitszimmer. Küßte ihn schnell und überraschend.

Ich hab' mich unterhalten, Hubert."

Sie lachte leicht und warf die kleine, saffian- lederne Handtasche achtlos auf einen Stuhl. Das Seidencape raschelte auf die Erde. Hell blühte die weiße Haut aus dem Ausschnitt des ele­ganten Abendkleides.

Du bist doch nicht böse?"

Die Handtasche rutschte vom Stuhl herunter.

Und wer war der Herr, der dich nach Hause begleitete?

Rorma lachte lauter.

Ah sieh an! Also gelauscht?"

Er spürte, daß sie Wein getrunken hatte. Ihre Stimme flatterte.

Das war Herr Barnowskv, der Kunstmaler. Du wirst den Ramen ja kennen, mußt ihn überhaupt schon gesehen haben. Er hat auf der diesjährigen Ausstellung im Kunstpalast die sil­berne Medaille erhalten. Ein kommender Mann! Ich traf ihn"

Sie stockte. Fand nicht gleich eine passende Lüge. Wördehofss Augen blickten so seltsam.

Der deutete nach der Handtasche neben dem Stuhl. Sie hatte fich geöffnet. Ein, zwei der elfenbeinernen Chips, wie man sie beimRou­lette" verwendet, lagen auf der Erde, ilnö da­neben die silberne Börse leer.

Er bückte sich danach. Hob alles auf und indem er Chips und Börse wieder in die Tasche schob, ohne ein Wort zu sagen, sah er mit plötz­lich geweiteten Augen ein kleines, in der Mitte gefaltetes Echeckformular, dessen Schrift er sekundenschnell las.

Ein Scheck über eine größere Summe, unter­zeichnet von Darnowsky.

2n diesem Augenblick riß ihm Rorma die Tasche aus der Hand.

Du1

Er wich zurück. Seine Stimme klang gepreßt, als er sagte:

Also gespielt hast du?"

Sie wußte nicht gleich, was sie antworten sollte, aber dann stieß sie leidenschaftlich und wild hervor:

Ja wenn's gestattet ist! Allerdings!"

Unö verspielt!"

Auch das antwortete sie entschlossen.

Er straffte sich.

And nachher was war dann?!"

Er fühlte plötzlich, wie sich Rebel vor seinen Blick legten. Fühlte Heiserkeit in der Stimme. Aber da stieß Rorma hervor:

Du! Keinen Schimpf! Den Scheck gab mir Dar­nowsky, weil ich ihn darum bat! Weil ich kein Geld mehr hatte und du erst beute meine Rechnungen bezahltest! So, nun weißt du's!"

Stolz stand sie vor ihm. And Wördehoff sah: Das war keine Lüge! Eine Rorma Relson er preßte die Lippen zusammen nein, so log sie nicht!

Ich werde die Summe natürlich zurückgeben, wenn ich meine Gage erhalte."

Da öffnete er den Mund. Schüttelte langsam den Kopf.

Rein! Gib' her"

Wie?!"

Ober laß! Gut. Ich werde Herrn Bar- nowfky das Geld selbst schicken und ihm für seine freundliche Aushilfe danken."

Rorma sah ihn einen Augenblick fast hilf­los an.

Du bist meine Frau"

Sie raffte das Cape an sich. Sie konnte nichts sprechen. Rur ein Lächeln kräuselte plötzlich und seltsam ihre Lippen.

Unb du wirst dir nichts mehr borgen, Rorma", fuhr er mit der gleichen, kühlen Stimme fort. Es schadet dir und mir."

Du nimmst es zu tragisch, Hubert. Aber ich danke dir

Sie zögerte noch. Diese Situation war ihr neu, und sie wußte nicht, sollte sie lächeln oder bereuen.

Wördehoff streckte ihr die Hand entgegen.

Gute Rächt, du wirst müde sein

Küßte kaum ihre Fingerspitzen.

Da sagte sie herb:

Gute Rächt."

Aber als sie in ihrem Zimmer war und die Zofe ihr beim Auskleiden half, trällerte sie leise vor sich hin. Der Qlerger über ihre Ver­luste beim Spiel war überwunden.

Wördehoff stand mitten im Raum, unter der elektrisch erhellten Schale der Deckenbeleuchtung, und er murmelte:

Rein, man soll nicht fangen, was zum Gau­keln bestimmt ist. Es ist ein allzu kühner Leicht­sinn. Aber wer wußte das vorher?"

5.

Es gab ein heimliches Fragen und Tuscheln in ber Gesellschaft, als die Zeitungen unter den kurzen Mitteilungen des Feuilletons auch die Rachricht brachten, daß das neue Stück des be­kannten Dichters Hubert Wördehoff, dessen Pro­ben bereits begonnen hatten, in dieser Saison nicht mehr herauskäme. Der Verfasser habe sich der baldigen Aufführung widersetzt. Cs sei auch fraglich, ob das Stück überhaupt in der nächsten Saison zur Darstellung kommen würde.

Das gab in den Salons eine kleine Sensation. Man war ja hier gewohnt, über die bloße Tat­sachennachricht oft zwischen den Zeilen mehr zu lesen, als es der Laie und der diesen Kreisen Fernstehende vermochten.

Es war nur selbstverständlich, daß man sofort zu erfahren suchte: Was war vorangegangen, bevor diese Mitteilung in die Zeitung tarn! Hnd wer hatte sie lanciert?

Run man kam diesmal nicht ganz auf seine Kosten, denn Wördehoff verhielt sich schweigsam und das Theaterbureau verriet auch nichts. Di­rektor Holtmann zuckte nur die Achseln und meinte dunkel:

Es ist heute schwer, Theaterdirektor zu fein.

Run daraus konnte man wirklich nicht diel entnehmen. Welcher Beruf hatte es denn nicht schwer?

In Wirllichkeit war die Sache so: Wörde^ hoff selbst hatte die Rotiz in die Presse lanciert? Ohne vorher dem Direktor Mitteilung davon zu machen.

Er hatte es einfach satt, fortwährend ange" läutet zu werden, ob er sich nun schon die be­wußte Angelegenheit überlegt habe, sich von Sr. Römer oder von anderen Mittelsmännernbe­arbeiten undgut zureden zu lassen.

Er kam auf diese Weise allen Versuchen, ihn umzustimmen, zuvor, und Hollmann wußte nun endgültig, woran er war. Lind ebenso Rorma!

Es war klar, daß es an dem Tage, da bei Sekretär Krüger seinem Direktor die Zeitung mit der fatalen Rotiz auf den Schreibtisch tagte, einen gewaltigen Krach im Bureau gab.

Holtmann drohte vor Wut zu platzen. Er ließ Doktor Römer kommen der konnte nur die Schultern Hochziehen, und Rorma, die ebenfalls telephonisch herbeigerusen wurde, ballte die klei­nen Fäuste, daß die Drillantringe blitzten:

Das das soll er büßen! Direktor ich gebe die Rotte nicht auf! Sie wollen doch nicht etwa zu Kreuze kriechen?

Ser rang die Hände.

Lind Sie versprachen mir doch so fest, ihn zur Vernunft zu bringen und mit ihm einig zu wer­den. Das nun ist der Erfolg! Haben Sie denn gar keine Macht mehr über ihn?

Ich habe genug versucht", stieß sie hervor.

Lind bann:

Aber ich will sehen, daß ich ihn dennoch zwinge. Ich habe Macht über ihn!"

Es wäre seltsam, wenn es nicht so toure, Frau Relson."

Rorma dachte daran, wie stark Wördehoff innerlich erregt gewesen war, als er den fatalen Scheck in ihrer Handtasche fand. Cs war ja erst wenige Tage her. Wie er gezittert hatte! Also mußte er doch noch ihr gehören! Denn um sie hatte er doch gezittert!

So dachte sie und ahnte in ihrer Eitelkeit nicht, daß er nicht um ihren Besitz, sondern um feine Ehre gezittert hatte, die durch ihren Leichtsinn bedroht war. Der Stolz des Mannes war in ihm, der sich in jedem Fall verantworllich fühlte für alle Torheiten seiner Frau, auch wenn er sie nicht liebte.

(Fortsetzung folgt.)