Nr. 304 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 30. Dezember (930
WeihnMundMjahlimmodernenGnechcnland
Don unserem C. ^.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Athen, Dezember 1930.
3m schönen Griechenland ist der heilige Basi- lius, der von weit her, aus Täsarea in Kleinasien. kommt, der Freudenspender sür die Kinderwelt und nicht das Christkind. Somit hat daS Weihnachtsfest nicht die große und tiefe Bedeutung, wie brt uns in der Heimat. Die Kleinen schreiben keine Wunschzettel, die das Christkind heimlich abholt, die Großen kennen ulcht die geheimnisvollen, monatelangen Vor- "berci hingen der Geschenke, kein Christ bäum ziert das Heim der Griechen, kein sreudiges Erwarten des von uns so sehnlichst herbeigewünschten Festes. Kein Wunder, wenn das Weidnachtsfest in den Hintergrund gedrängt wird: für ben Griechen ist das größte aller Feste das Fest der Aus- erstehung. das O st e r f e st. Als Fest der Geschenke, als Austauschtag der Liebe und Ablösung von Verpflichtungen feiert man in Griechenland das Neujahrsfest.
Selbst die breitesten Straßen Athens sind zu eng und schmal, um die wogende Menge zu fassen, die da alltäglich an der Neige des alten Jahres von Geschäft zu Geschäft und von Laden zu Laden zieht, noch schnell die letzten Besorgungen erledigt, denn am Neujahrstage müssen die Spenden und Gaben ausgeteilt fein, mit denen sich jung und alt, groß und klein gegenseitig überrascht. Grüne, silberne und goldene Sonntage sind der griechischen Geschäftwelt unbekannt, allein amSonntagvor Neujahr ist es den Kaufleuten gestattet, ihre Läden offenzuhalten. Dieses Recht wird dann aber auch weidlich ausgenuht. Die an sich schon so schmale, für den jetzt so umfangreichen Verkehr viel zu enge Aiolus- straße hat einen jahrmarktähnlichen Charakter angenommen, Buden und Stände find in ihr errichtet worden, einer am anderen, zu Hunderten ziehen sie sich zu beiden Seiten der Straße entlang. Hier kann man allerhand Kleinigkeiten — rneist Made in Germ any — bewundern, die die Derkäuser unter Anstrengung ihrer beiden Lungenflügel, oft unter Mithilfe von Pfeifen und Trompeten und sonstigen Radau-Instrumenten airpreisen, so daß man in der poetisch bezeichneten Aiolusstraße sicherlich jeden Begriff für Aeols- harfenmusik verliert. Kühne Behauptungen werden dreist in die kauflustige Menge gerufen »Teuer habe ichS eingekauft, umsonst wird hier verschenkt". Die ganze Ausmachung erinnert an unseren Christmarkt, dem nur der weiße Schnee und der wandernde Wald der duftenden Tannenbäume fehlen. Jahrmärkte und Schützenwiesen, fahrende Leute und Karussels, Schaukeln und Zirkus sind in Griechenland unbekannte Dinge, das leichte, überschäumende Leben fehlt, ein Heraus- gehen der Menschen aus sich in ausbrechender Freude ist dem ruhigen Wesen des Griechen zu- der und in der TleujahrSnacht, wenn bei uns das Prost Neujahr durch die Straßen dröhnt, wenn sich die Fenster öffnen und die Leute sich Glückliches Neujahr gegenseitig zurufen, ist es hier st i l l und ruhig, kaum daß man in den Straßen Athens einen einsamen Wanderer sichtet, den der Dienst vom Hause semhielt und der dem heimischen Herde zusteuert.
Andere Länder, andere Sitten. Hier ziehen a in Sivestertage die Kinder durch die Straßen oder große Musikkapellen und spielen die Weisen „Der Heilige Basilius kommt, kommt von weit her, Don Cäsarea", wandern dabei von Tür zu Tür und bitten um eine Gabe, llnb dann die Neujahrsgeschenke in Athen! 3a, die Athener Hausfrau weiß davon ein Lied zu fingen, allerhand Gestalten präsentieren sich am Neujahrstage mit Karten und Gedichten, die im Jahre irgendwie mit dem Hause in nützlicher Beziehung gestanden zu haben behaupten: Briefträger, Telegrammbote, Zeitungsjunge, Straßenkehrer, Müllkutscher, Wassermann, jedenfalls Legion ist die Zahl derer, die da glauben, An
sprüche auf den Geldbeutel der forgenden Hausfrau machen zu können.
Die Freude der griechischen Silvesternacht sind nicht Punsch und Bowlen, sondern — — — Kartenspiel, denn wem in jener Nacht die Göttin des Spieles hold ist, dem heftet sich das Glück das ganze 3ahr an die Fersen. Diele verlieren in der Silvesternacht, in der sogar das Glücksspiel für eine Nacht Polizei- l i ch erlaubt ist, ihre Neujahrsgeschenke, denn die Banken und • großen Geschäfte geben ihren Angestellten doppeltes Gehalt, den sog. dreizehnten Monat.
Die Familie versammelt sich des Nachts vor einem besonders gebackenen Kuchen, der ..Pita", in der heimlich ein Geldstück, von der kupfernen bis zur goldenen Münze hinauf, je nach dem
Wenn Chammurabi, der große König der Babylonier, der um 2000 vor Christo regierte, zur Nachtzeit in seinen Staatsakten lesen wollte, so mußte er sich eines Oellämpchens bedienen. Wenn Goethe, der 1832 starb, nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten wollte, so mutzte er, obwohl inzwischen nahezu vier Jahrtausende vergangen waren, genau so wie Babylons großer Herrscher die Oellampe anzünden. Gewiß, sie war inzwischen etwas verbessert worden, hatte eine andere Form erhalten, aber es war doch immer noch eine nach unseren heutigen Begriffen kümmerliche Beleuchtung. Goethe hat sich über diesen Lichtspender weidlich geärgert, dessen Docht schnell kohlte und immer wieder gesäubert werden mußte; das ersehen wir deutlich aus dem poetischen Stoßseufzer: „Wüßt nichts, was sie besseres erfinden könnten, als daß die Lampen ohne Putzen brennten.“ — Aber unser Beispiel von der Oellampe ließe sich verhundertfachen! Chammurabi wie Goethe, obwohl durch 4000 Jahre voneinander getrennt, hatten fein anderes Mittel, um eine Botschaft schnell 50 Meilen weit zu tragen, als einen reitenden Boten, und für beide hatten die Worte Raum und Zeit einen Wert, einen 'Begriff, der uns abhanden gekommen ist, weil tausend technische Möglichkeiten es uns erlauben, weite Räume in schneller Zeit zu Überbrüden, in einem Tage das aus- zusühren, was man früher nicht in einer Woche erledigen konnte.
Hier liegt der Schlüssel zu den zahllosen Merkwürdigkeiten und Schwierigkeiten unseres Zeitalters. Es ist eben nicht wahr, daß wir heute Lebenden eine Epoche der Menschheitsgeschichte durchwandern wie andere auch. Don den Zeiten Goethes bis zu uns, also in einem einzigen Jahrhundert, hat sich das Gesicht der Welt, haben sich die Lebcnsräume, die Lebensmöglichkeiten und Bedingungen vollkommen gewandelt, während sie in den vier Jahrtausenden von Chammurabi bis zum Weisen von Weimar in den Hauptzügcn gleich blieben. Gewiß, man wußte zur Zeit Goethes, daß die Erde ein kleiner Stern ist, der um die Sonne läuft, man hatte manchen alten Aberglauben abgetan und einen neuen Glauben angenommen; alte Reiche waren inzwischen zugrunde gegangen und neue blühten, aber das Leben der großen Massen hatte sich wenig gewandelt, die Lebensformen sich nicht von Grund auf verändert, wie es eben in diesem einen Jahrhundert bis zu uns geschehen ist.
Man ist immer geneigt, die Leistungen der alten Kulturen zu unterschätzen und unsere zu überschätzen, weil die Zeit reich ist an sinnlichen
Ne ich turne des Familienoberhauptes, eingebaden wurde. Um diese Pita nehmen alle Familienmitglieder, bis zum armen Hascheri, dem Dienstmädchen. Ausstellung, und der Kuchen, wird in soviele Stüde verteilt, als Gelichter erwartungsvoll auf ihn gerichtet find. Wem das Geldstüd zufiel. der ist der Glüdspilz für das ganze kommende Jahr; er wird mit großem Hallo gefeiert.
Der Neujahrstag selbst gilt den Besuchen und der Ucbctbringung der Geschenke. Gabentische sind unbekannt, man beschenkt sich von Hand zu Hand. Und wieder herrscht eine unbeschreibliche Lebendigkeit in den Straßen, Autos und Taris haben vollau' zu tun, schwirren hin und her. um alle die mit Paketen beladenen Besucher von Haus zu Haus zu bringen, wo die Schätze hinter den Türen verschwinden und man sich gegenseitig das Beste für das kommende Jahr wünscht. Ein Wunsch, der meist ausklingt in einem „Chronia polis!“ (Diele 3ahrel).
Aeußerlichkeiten, die uns eben die Technik geschenkt hat, die Massenbetrieb und Maschinentempo allen zugänglich machen. Und doch gab es auch damals weise Gesetze mit sehr vernünftigen und humanen Bestimmungen, gab es eine hohe Kunst, gab es ein altes reiches Wissen um viele Erscheinungen der Natur und der Menschenwelt, gab es auch damals tiefes religiöses Empfinden und Suchen. Vergessen wir ja doch nicht, daß eS vor 100 Jahren noch vielfach auch in der abendländischen Welt recht dunkel aussah, so dunkel, daß wir es kaum noch verstehen. Erinnern wir uns, daß noch vor 7 5 Jahren in unserem Vaterland „Hexe n" durch das Volk abgeurteilt und erschlagen wurden, daß ein ordentlicher Gerichtshof in Glarus eine junge Dienstmagd wegen Hexerei enthaupten liefe, als Goethe schon 33 Jahre alt war! 1813 brannte in Berlin der letzte Scheiterhaufen! 1809 wurde die Leibeigenschaft in Preufeen offiziell aufgehoben. Noch vor hundert Jahren mufeten alle chirurgischen Operationen ohne Betäubung vorgenommen werden und selbst e n so altes Kulturland wie Frankreich hat erst seit 50 Jahren die allgemeine Volksschule I
Solche Betrachtungen können uns lehren, in welchem rasenden Tempo die Entwidlung in den letzten hundert Jahren verlief. Fügen wir noch einige Daten hinzu, die das unterstreichen: Dor genau hundert Saferen wurden in Berlin die ersten (Straften mit Gasbeleuchtung versehen, vor 90 Jahren fuhr in Deutschland der erste Eisenbahnzug ab, vor 85 Jahren wurde bei uns die erste Telegraphenlinie eingerichtet. Seit 60 Jahren gibt es eine Dynamomaschine, vor noch nicht 50 Jahren kam das Telefon auf und ebensolange gibt es Glühlampen. Den Kine- matographen kennt man seit knapp 30 Jahren und erst zweieinhalb Jahrzehnte sind es her, daft Dumont und die Gebrüder Wright die ersten gelungenen Flüge machten.
Wir haben in einem einzigen Jahrhundert eine Umgestaltung der Welt erlebt. Die Umwandlung der Staaten Europas von Agrar- in Industrieländer, mit all ihren schwierigen wirtschaftlichen, sozialen und tulturcllcn Problemen. Ja, auch kulturelle Probleme knüpfen sich an diesen Umsturz einer Welt, und sie sind für den geistig orientierten Menschen vielleicht noch wichtiger als tausend Aeußerlichkeiten! Oswald Spengler hat einmal die geistvolle Bemerkung gemacht, daß Plato, bet große griechische Philosoph, und Goethe Zeitgenossen waren, obwohl der eine zweiundzwanzig Jahrhunderte vor dem an-
UnÖ das alles in 400Iahren!
1813 der letzte Scheiterhaufen in Berlin. — Dor 99 Zähren die erste Gasbeleuchtung. — Vor 50 Zähren Telephon und Glühlampe. — Vor 20 Zähren die ersten gelungenen Zlüge.
Von Bruno H. Bürgel.
„Hierher, Amphitrite!"
Weiteres vom Si vester-Karpsen.
Von K. Lennarh.
Auf welche Weise bereiten Sie eigentlich ihren Silvester-Karpfen zu? Blau? — in Jbieinjauce? — polnisch — farciert? — Ich möchte Sie nicht beeinflussen — ich bitte Sie, so ein Silvester-Karpfen ist doch wirklich Geschmadjache — aber falls keine dieser Zubereitungsarten ihnen zusagt, würde ich ihnen raten, in der Geschichte der Gastronomie etwas zurückzugrcifen. Das niedersächsische Kochbuch vom Jahre 1750 ist weitaus freigebiger und bringt sieben verschiedene Rezepte. Das Hamburgische Koch, buch aus der gleichen Zeit verrät sogar 15 unterschiedliche 'Arten der Zubereitung und die „feine französische Küche" aus dem Jahre 1739 weiß es natürlich am besten und gibt 18 verschiedene Rezepte an, den Silvester-Karpfen anzurichten.
Run mag es ja gewisse Leute geben, die den Karpfen in jeglicher, auch der raffiniertesten Zubereitung aus grundsätzlichen Erwägungen ableh- nen. Den Leuten ist natürlich nicht zu helfen. Was aber die objektivere Bewertung dieses voluminösen Fisches betrifft, fo dürfte doch wohl die Anerkennung, die er als topisches Silvester-Gericht noch beute genießt, ausschlaggebend für seine Bedeutung sein, ganz zu schweigen von den Umständen, die man früher nicht scheute, um so eines kostbaren Tieres habhaft zu werden.
Paris bezog ehemals seine Karpfen aus Deutsch- Lothringen und lieft sich solch einen Fisch gut 30 Louisdors kosten. Dafür reifte das vornehme Tier aber auch in einem eigens für ihn erbauten Kasten der „Extrapost" und wurde mit Weiftbrotbroden gefüttert, die in Wein getränkt worden waren. Und ein holländisä)er Koch erfand überdies ein wenig tierfreundlich erscheinendes Mittel, die Karpfen recht wohlschmeckend und fett zu machen. Er empfahl, sie in kühlen Kellern in kleinen, mit feuchtem Moos gefütterten Retzen aufzuhängen und mit in Milch aufgeweichtem Brot zu nähren. Aber Karpfen haben ja, wie das Sprichwort sagt, ein jäfees Leben ...
Dabei befand man sich zu jener Zeit durchaus schon in einem fortschrittlichen Jahrhundert, was die Ein- stellung zum Karpfen betrifft Denn zuvor wußten gelehrte Bücher mit beredten Worten Gesunde sowie Kranke eindringlich vor dem Genuß dieser Fische zu warnen, „weil dadurch der Magen leichthin erkältet, der Stein im Geblüt aemehret, Verstopfung unb ein tägliches Fieber erfolgen kann, sonderlich
werden sie denen, die zum Stein und Colik neigen, gar verboten". Jedoch wurde auch in jener geftren- aen Zeit der Karpfen nicht gänzlich verdammt. In feinem Rückgrat befindet sich nämlich ein Stein, „welcher ist gut gegen die fallende Sucht und gegen Sodbrennen", auch soll die gleiche Kraft den kleinen halbmondförmigen Knorpelstückchen, die im Kopf des Fisches zu finden sind, innewohnen.
Bor 150 Jahren aber hatte der Karpfen sich bereits in breiten Volksschichten, sogar an den Fürstenhöfen durchgesetzt. Die Geschichte rühmt noch heute die schönen Karpfen, die die gepflegten Gräben des Schloßes Ponchantrain, nahe Versailles, bevölkerten. Es nuiffen unheimlich kluge, gute und gelehrige Tiere gewesen sein — vielleicht erklärt ihr hohes Alter diese Eigenschaften, denn keines der sonder- baren Tiere soll den Altersrekord von hundert Jahren unterboten haben. Die Karpfen waren außerordentlich musikliebend — spielte jemand am Rande der Teiche das Flageolet, so eilten sie ans Ufer und lauschten mit emporgehobenen Köpfen. Auch Heinen Kindern waren sie gewogen: sie wußten wohl, daß ein Kindergemut noch frei von Bosheit ist. Am meisten aber schätzten sie ihre Wärter, denen sie aufs Wort gehorchten. Denn — o Wunder — die Karp- fen von Ponchantrain trugen schöne, klassische Namen, Rais, Doris, Cleo. Es brauchte nur einer der Wärter einen der genäschigen Karpfen anrufen: „Sei nicht so gefräßig, Amphitrite", so tauchte schon das alte gescholtene 120jährige Tier beschämt in den Schlamm. Und erst auf einen freundlichen Zuruf: „Komm herauf, Amphitrite, mein Töchterchen", erschien der kluge Fisch wieder, vor Freude mit dem Schwanz schlagend... So berichtet die Ueberliefe- rung.
Eines der schönsten chinesischen Märchen weiß von einem Karpfen zu erzählen. — Karpfen? In China? Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt der Karpfen, oder besser einer seiner Urahnen tatsächlich aus China. Seine europäische Heimat ist das Schwarze Meer, von wo aus er die Donau und die anderen Fsüsie bevölkerte. — Das Märchen stammt aus dem Jahre 350 vor Christi und erzählt, daß ein junger Kaiser, der auf Abwege geriet, durch ein höchst raffiniert zubereitetes Karpsengericht wieder auf den Pfad der Tugend zurückgeführt wurde. Das alte Märchenbuch verrät die zweitausendjährige alte Weisheit des wundersamen Rezeptes vom glück- und heil- bringenden Karpfengericht.
Vielleicht ist wirklich etwas Wahres daran — und wenn Sie schon an nichts, an gar nichts von alledem glauben wollen, so vergeßen Sie wenigstens
nicht, in der Silvesternacht ein paar Schuppen in die Geldbörse zu stecken, damit Sie das ganze Jahr Geld haben. Ich meine, daran zu glauben, und mit Erfolg zu glauben, könnte uns allen gefallen...
„Oie Drei von der Tankstelle" — eine Tonfilmoperette.
Seit dem berühmt gewordenen „Liebeswalzer" (aus dem ein paar Takte im Finale der „Tankstelle" flüchtig antlingen) gehören Willy Fritsch und Lilian Harvey zur prominentesten Prominenz der deutschen Tonfilmoperette. Das bestätigt der große Erfolg dieses neuen (oder vielmehr schon nicht mehr neuen) Werkes, welches wochenlang in Berlin und später in der Provinz auf den Spielplänen stand. Seine Zugkraft hat sich auch bei uns eklatant bewährt: seit der denkwürdigen „Anna Karenina" haben wir das Lichtspielhaus in der Bahnhofstraße nicht mehr so ausverkauft gesehen wie gestern abend. Dieser Publikumserfolg scheint uns auch durchaus verständlich und in der Qualität des bei aller Harmlosigkeit wirklich heiteren und einfallsreichen Werkes gerechtfertigt. Die Operette von Franz Schulz und Paul Frank — Erich Pommer- Produktion der Ufa — weicht in Handlung und Drehbuch erfreulich von ausgeleierten Klischee der hinlänglich bekannten Operettentradition ab, während die Musik von Werner R. Heymann ihre unmittelbar sinnfällige Wirkung aus der sehr geschickten Verbindung einer eingängigen Schlagermelodik und einer neuzeitlich instrumentierten Tanzrhythmik bezieht. Was für den „Liebeswalzer" der Liebeswalzer, ist für die „Tankstelle" das Chanson „ßiebling, mein Herz läßt dich grüßen": schon das Duett (Harvey und Fritsch) ist nahezu unwiderstehlich, und wenn es hernach von den Comedian Harmonists füyfstimmig wiederholt wird, da bleibt gerechterweise kein Auge trocken. Sonst aber ist dieser Film „von Kops bis Fuß" auf ausgelassene Heiterkeit eingestellt, und die drei lustigen Kavaliere von der Tankstelle — Fritsch, Rührnann, Karlweis — bilden in der Tat ein drolliges, brillant eingespieltes Operettenterzett. Auch die übrige CBefefeung ist unter Wilhelm Thieles schmissiger, mit großen Mitteln arbeitende Regie mit sicherem Griff ausgewählt. Im Mittelpunkt natürlich die Harvey, scharmantes Persönchen, das allen Leuten gefällt, das mit seinen gutgewachsenen Deinen verschwenderisch umgeht und in einigen Tanznummern
deren gelebt hat Wie richtig ist da- gesehen! Beide hätten sich durchaus verstandcir, hätten sie miteinander sprechen können, denn beide waren durchaus geistige Menschen, immer Herz und Sinn den ewigen großen Fragen und dem Schönen zu- wendend. Dagegen würde Goethe mit sehr vielen bedeutenden Leuten von heute, die nur um ein Jahrhundert von ihm getrennt find, nicht die geringsten geistigen und weltanschaulichen Berührungspunkte haben. Weltwirtschaftliche und technische Probleme stehen beute im Vordergrund des Interesses und des Bedürfnisses; die großen Männer von heute, die sie beherrschen, sind von einer vollkommen anderen geistigen Struktur, sind aus einem völlig anderen Holz geschnitzt als Menschen wie Plato unb Goethe; sie unterscheiden sich von ihnen, wie sich ein zum Spinett gelungenes Lied aus der Biedermeierzeit unterscheidet von einem Jazzband-Song
Die ganze Seele deS abendländischen Menschen mußte sich in diesen hundert Jahren ändern, sonst wäre er zugrunde gegangen unter dem Wogenprall des Zeitgeschehens, im rasenden Umschwung de» Zeitenrades. Bfelthandel, Großindustrie, Weltverkehr, wirtschaftliche Rivalität der Völker, Grofestadt-Zivilisalion, Lösung von der Scholle, von der Natur, moderne Arbeiterbewegung, Tempo des Maschinenzeitalters in der Arbeit wie im Vergnügen, all das und vieles andere kommt jetzt, stellt Probleme, die riesengroß find und in einem wilden Strudel, in dem sich alles fortwährend verändert, schnellstens gelöst werden müssen. Welche Aufgaben sind in diesen hundert Jahren an den Menschen herangetreten!
Fürwahr, wir leben in einer schweren Zeit, aber auch in einer Menschheitsepoche, die so interessant ist, daß kommende Geschlechter uirs beneiden werden, sie durchkämpft zu haben. — Im Winter friert das Polarmeer, es wird zu einer toten starren Fläche; wohl kann man sie getrost überschreiten, aber sie ist von tötender Langweiligkeit und Einsamkeit. Aber wenn der Sommer kommt, dann brechen donnernd die Schollen; sich überschiebend, zerstampfend, kommt alles in Bewegung, grandios und voller Gefahren. In einer solchen Epoche leben wir, Kämpfer einer neuen Welt und neuer Weltanschauung.
Oie Staatskommiffare marschieren auf.
WSN. Darmstadt, 29. Dez. Nachdem bereits für Worms und Osthofen je ein Staatskommissar bestellt ist, wurden jetzt für die Stadt Bensheim Regierungsrat Wolf vom Kreisamt Groß-Gerau und für die Gemeinden Lampertheim und Bürstadt Regierungsrat Bohnhardt vom Kreisamt Worms zu Staatskommtssaren ernannt.
Keine Nachtragsumlage im Kreise Wetzlar.
WSN. Wetzlar, 29. Dez. Der Kreistag hat heute nach mehrstündiger Beratung die Erhebung einer Nachtragsumlage zur Deckung eines voraussichtlichen Fehlbetrags von 206 000 Mk. abgelehnt. Auch die von sozialdemokratischer Seite angeregte teilweise Deckung des Fehlbetrages durch Nachtragsumlage wurde nicht beschlossen. Da die laufenden Mittel der Kreisverwaltung erschöpft sind, mußte ein Kassenkredit tn Höhe von 200 000 Mk. bewilligt werden. Dieser Beschluß erfolgte einstimmig. Die wachsende Zahl der Erwerbslosen und die hohen Fürsorgelosten machten erhebliche Kürzungen im Straßenbaupro- g ramm erforderlich. Interessant war die Mitteilung des Landrats, daß infolge des Wahlergebnisses vom 14. September die Rheinprovinz eine größere Ausländsanleihe nicht mehr hereinbekommen und daß sie mehrere größere Deihllsen zu Straftenbauprojelten des Kreises Wetzlar für dieses Jahr abgesagt hat.
Daten für Dienstag, 3V. Dezember.
1819: der Dichter Theodor Fontane in Neuruppin geboren.
ernstlich bemüht ist, der dunklen Josephine Baker Konkurrenz zu machen. Gut wie immer ist ®er- ron, während Kämpers und die Tschechowa nichts Rechtes zu spielen haben. Bemerkenswert sauber und ftangrein, besonder- in den Gesangspartien, war diesmal die Heber» tragung. — Vorher: die groteske Micky Maus und eine tönende Wochenschau, die stellenweise allerdings schon ein bißchen antiquiert wirkt; so erscheinen z. D. Bilder vom Berliner Advent und der Londoner Einstein-Feier heute auch für die Filmreportage kaum noch aktuell. — 3m übrigen aber war's ein angeregter Absud und ein vergnügter Film-Abgesang des alten 3ahres. -r-
Geschichien gibt es ...
Der Schriftsteller H. S. war im Krieg Ordon- nan$ eines vielgenannten höheren Offiziers.
Einmal war ein nicht ganz vorichristsmäßig verpacktes Paket auf die Post zu bringen. Der Postmeister wollte es nicht annehmen. Als S. eS daraus zurückbrachte, schnaubte der Offizier:
„Ja, zum Soimertoettcr, haben Sie dem Mann nicht gesagt, daß Krieg ist?"
„Das wußte der Mann schon", antwortete die Ordonnanz.
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Willy Prager, der Kabarettist, ist ein berühmter Geschichtenerzähler. Seine Erzählungen sind so märchenhaft und unwahrscheinlich, daß sie hart ans Gebiet der schöpferischen Kunst ftreifen.
Eines Tages erzählte er seinen Kollegen folgendes lehrhafte und schöne Erlebnis:
„Sitze ich da neulich im Forsthaus zu Liegnitz bei einem Glase Milch. Plötzlich höre ich brauften einen Schuh. Und richtig, eine Minute später kommt ein Jägersmann mit Bart herein. In der Hand hält er eine geschossene Möve. Da sehe ich mich zu ihm und schimpfe ihn gründlich aus. Wie schändlich, wie geradezu unproduttiv es fei, auf diese Tiere zu schießen, sage ich ihm. Der Mann setzt sich denn auch ganz still in einen Winkel und denkt über das nach, was ich ihm gesagt habe. Nach einet Weile steht er auf, ohne ein Wort zu sagen und geht hinaus. Draußen ertönte ein zweiter Schuß —
„Na, und?" bestürmt man ihn.
„Ob ihr es glaubt oder nicht — da hat sich der große starke Mann mit dem Dollbart aus Reue erschossen."


