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ihn sein Diözesanbischof zur Vervollständigung seiner theologischen und kanonistischen Studien nach Rom, woselbst er an der Gregoriana den ,uristischcn Doktorhut erwarb. ?n die Heimat zurückberufen, wirkte Kilian sechs Jahre lang als Kaplan an der Kathedralkirchc zu Limburg, worauf er Religions­und Oberlehrer am Königlichen Gymnasium au Montabaur wurde. Rach neunjähriger Tätigkeit in dieser Stellung wurde Dr. Kilian 1899 ins Dom­kapitel nach Limburg berufen, wo er als Geistlicher Rat und als Mitglied mehrerer bischöflicher Pru- fungskommissionen an der Verwaltung der Lim- burgcr Diözese regsten Anteil genommen hat. Im Jahre 1913 wurde er zum Bischof von Limburg als Nachfolger des verstorbenen Bischofs Dr. Dominicus Willi erwählt und am 8. September 1913 zum Bischof geweiht.

Aus der provinzialhaupistadt.

Gießen, den 30. Oktober 1930.

Weil ich der kleine Bruder bin.

Zwei Generationen find bereits in meinen Hosen aus- und eingestiegen. Besser sind sie dadurch nicht geworden, die Hosen. Hnb dennoch ist cs ein un­abänderliches Gesetz: wenn meine älteren Binder ihre Hosen gegen ein paar neue tauschten, weil sre die alten wirtlich nicht mehr tragen tonnten, schon reagiert der sparsam ausgleichende Sinn der Eltern auf die brüderliche Schneiderrechnung mit dem klassischen Wort: »Die alten Hosen kann der Kleine austragen."

So war's mit den Windeln, in die ich geknüpft wurde, so war's mit dem Kinderwagen, in den man mich einband, so ist es für und für: ich lebe in den leidlich erhaltenen Ruinen der Behältnisse, die meine Brüder wie Eierschalen, aus denen sie entschlüpften, am Wege ihrer stürmischen Entwick­lung zurückließen. _

Ich spielte mit Holzpferdchen, denen meine Bru­der bereits die Schwänze ausrissen, ich beschäftigte mich mit Eisenbahnen, an denen meine Brüder schon die Federn überdrehten, ich fahre auf einem Fahrrad, dem meine Brüder bereits die Felgen verbogen, und werde in der Schule auf die Finger geklopft für die Geschmiersel, mit denen meine Brüder die mir ausgefranst und -erlernt hinter­lassene lateinische Grammatik dekoriert haben.

Matz aller meiner Handlungen sind meine Brü­der. Sie konnten bereits mit zweieinhalb Jahren bis Zehn zählen, sie hatten eine unheimliche Vor­liebe für Lebertran: halbjährig klassifizierten sie bereits alles, was da kreucht und fleucht, mit Wau-wau",Piep-Piep" undOnkel". Ich hatte kein Talent für solche Frühreife und bin seither dasSorgenkind".

Meine Brüder konnten in der Lateinstunde den 2lkkusativ°cum-Infinitiv nicht vom Ablativ-abso­lut unterscheiden. Schon denkt sich der Lehrer, ich sei gleichermaßen belastet und verfolgt mich mit Mißtrauen. Ich brauche mir nur einmal heftig die Rase zu schneuzen, schon bekomme ich einen Tadel vermerkt, weil mein Bruder einmal die Scheiben des Konserenzzimmers einwarf und man meine leiseste Räuspcrung darum auch als eine hämische Bosheit ausdeuten zu müssen meint. Ist mir da­gegen zufällig entfallen, 6aß die Phorkyden die Tixhter des Meergottes PhorkyS und der Teto waren und die gorgoneischen Fluren von Kisthene bewohnten, schon wird mir die sagenhafte Tüchtig­keit meines zweiten Bruders unter die Rase ge­rieben und sein Interesse für den griechischen Un­terricht: obwohl ich genau weih, daß er seine Liebersetzungen der Einfachheit und des runderen Eindruckes wegen nach einer »Klitsche" oder einer ^Eselsbrücke" ansertigte!

Meine Brüder durften, als sie in das vierzehnte . Lebensjahr gekommen waren, auch noch nach dem Abendbrot eine halbe Stunde auf der Straße ' .Kaiser, König, Edelmann" spielen und durften im gleichen Alter einen Liebeskniff in die Mühe machen, weil sie ja schongroß" waren! Ich muhte

Der Mgerverein wieder in Tätigkeit.

Gestern abend fand imPostkeller" eine Bür aerversammlung statt, die sich in eingehender Beratung mit der Frage der Wiederbelebung des Gießener Bürgervereins beschäftigte. Der bisherige Vorsitzende des Bürgervereins, Rek­tor i. R. Müller, als Einberufer der Versamm- lung befürwortete unter Hinweis auf die bedeut- amen kommunalen Aufgaben in unserer Stadt die Wiederaufnahme der Tätigkeit des Bürgervereins. In der weiteren Aussprache, an der sich die Herren Val. Frey, Horst, Baer, Grünewald, Blumschein, Bremer und Schmieder be­teiligten, wurden die verschiedensten Gesichtspunkte für diese Frage erörtert. In der Abstimmung wurde

einstimmig die Wiederbelebung des Bürger­vereins beschlossen

und gleichzeitig der Jahresbeitrag auf eine Mark festgesetzt. Bei der anschließenden Beratung der von einem Ausschuß revidierten alten Satzun- gen, deren neuer Entwurf auf die umgestalteten Verhältnisse zugeschnitten ist, wurde e i n st i m m i g gutgeheißen, daß der Bürgerverein bei seiner künftigen Tätigkeit sich in keinerlei Wahlbe­teiligung einlassen soll und daß er unbe­dingte Neutralität gegenüber allen Poli­tiken Parteien und Konfessionen zu wahren hat.

Er soll auf diese Weise ein Sammelbecken für alle Bürger unseres Gemeinwesens sein, in dem jeder­mann unbeschadet seiner parteipolitischen Einstellung oder konfessionellen Zugehörigkeit die Möglichkeit zu freier Aussprache und zur Mitarbeit an den Auf- gaben der Allgemeinheit unserer Stadt haben soll. Die neugestalteten Satzungen wurden nach gründ- lichor Prüfung jedes einzelnen Paragraphen ein- stimmig genehmigt. Von der Wahl des auf 15 Mitglieder vorgesehenen Gesamtvorstan- d e s des neu erstandenen Vereins wurde zunächst noch abgesehen, diese Entscheidung soll vielmehr erst in einigen Wochen in einer großen öffent­lichen Bürgerversammlung getroffen wer­den, damit

die Männer der künftigen vereinsleilung aus einer breiten Schicht von Bürgern unter Be­rücksichtigung der verschiedensten Stadtteile aus- gewählt

werden können. Mit der Führung der engsten Ver­einsgeschäfte wurde zunächst ein vorläufiger Ausschuß beauftragt, dem folgende Herren ange­boren: Rektor i. R. Müller, Kaufmann Valentin Frey, Kaufmann Horst, Polizeiverwaltungs- oberassistent Di er lamm und Hofrat Grüne­wald.

bis zum Sekundaneralterrauftommen, sobald I die Laternen angedreht wurden, damit mich nicht die Rachthere hole, und konnte erst als Primaner | den klippschülerhaften Drahtstreifen aus der Mütze entfernen, weil ich eben der Kleine war und blieb.

Das war der Vorteil, den ich von meinen Brü­dern hatte: wenn mir ein Rowdy den Peitschenstiel zerbrach, fielen sie aus Familienbewußtsein ge­meinsam über ihn her. Das wiegt die Rachteile nicht auf, die ich durch sie erlebte.

Ich werde der Kleine sein und bleiben. Lind wenn ich so alt werde wie Methusalems Ziegenbock und die Länge eines ausgewachsenen Laternen­pfahls erreiche, sobald ich ins Zimmer trete, wird man mich stets in zärtlich lieblichem Tone be­grüßen: »Wer tommt denn da? Linser Tleiner?"

I o b st Jupp.

Taten für Freitag, 31. Oktober.

Sonnenaufgang: 6.49 Llhr, Sonnenuntergang: 16.37 Llhr. Mondaufgang: 15.02 Lihr, Mond­untergang:.

1517: Luther schlägt seine 95 Thesen gegen den Ablaßhandel an die Tür der Schlohkirche zu Wittenberg an. 1835: der Chemiker Adolf v. Baeyer in Berlin geboren.

Gießener Wochenmarktpreise.

Es kosteten aus dem heutigen Wvchenmarkt: Käse 10 Stück 60 bis 1,40; Kochbutter Pfund 1,20; Butter 1,50 bis 1,60; Matte 30 bis 35; Wirsing 8 bis 10; Weißkraut 5 bis 6; Rotkraut 8 bis 10; gelbe Rüben 8 bis 10; rote Rüben 8 bis 10; Spinat 15 bis 20; Llnter-Kohlrabi 5 bis 6; Rosenkohl 30 bis 35; Feldsalat 80 bis 1,00; Tomaten 25 bis 50; Zwiebeln 10 bis 12; Meer­rettich 40 bis 60; Schwarzwurzeln 40 bis 60; Kürbis 8 bis 10; Kartoffeln 3V2 bis 4; Aepsel 25 bis 50; Dirnen 15 bis 40; Dörrobst 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 1,00 bis 1,10; Suppenhühner 1,00 bis 1,10; Gänse 1,00 bis 1,10; Russe 40 bis 60; Tauben Stück 50 bis 70; Eier 15 bis 16; Blumenkohl 30 bis 70; Salat 10 bis 15; Salatgurken 20 bis 30; Endivien 10 bis 15; Ober-Kohlrabi 6 bis 10; Lauch 5 bis 10; Rettich 10 bis 15; Sellerie 10 bis 50; Radieschen Bund 10 bis 15; Kartoffeln Zentner 2,20 bis 2,50; Weißkraut 3,00; Wirsing 4,00; Rotkraut 5,00.

Bornotizcn.

Tageskalender für Donnerstag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Hai-Tang".

Astoria-Lichtspiele:Das grüne Monokel" und Die falsche Zarentochter".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen, Freitag, Carl Zuckmayers VolksstückSchinderhannes", unter der Reaie von Intendant Dr. Prasch in der Erstaufführungs- besetzung. Sonntag einmalige Wiederholung als Fremdenvorstellung zu ermäßigten Dperettenprel« sen: Gastspiel der Vereinigten Operetten-Theater Bochum-Hamborn mit der Operette LehärsDas Land des Lächelns". Dielen Wünschen der Theater­besucher entsprechend, hat die Intendanz eine ein­malige Wiederholung veranlaßt. Dienstag, 4. No­vember, einmaliges Gastspiel des bekannten Film­darstellers Harry Liedtke mit seinem Berliner Ensemble. Zur Aufführung gelangt das Schauspiel Ein idealer Gatte" von Oskar Wilde.

Vom Konzertverein wird uns ge­schrieben: Der diesjährige Konzertwinter wird am Donnerstag, 6. Rovember, 19Va Llhr im Stadttheater durch ein Symphoniekonzert ein­geleitet werden, zu welchem das Meininger Lan­destheater-Orchester gewonnen wurde. Die Lei­tung liegt wieder in den bewährten Händen unseres Llniversitätsmusikdirektors Dr. Stefan Temesväry. Rachdem es gelungen ist, Frau Eva Bruhn aus Berlin als Solistin zu ver­pflichten, hat das vorgesehene Programm insofern eine Aenderung erfahren, als statt der Ouver­türe zum Sommernachtstraum drei Mahlerlieder für Sopran mit Orchesterbegleitung eingesetzt worden sind. Eingeleitet wird das Konzert mit den Haydn-Variationen von Brahms, den Schluß bildet die 5. Symphonie von Tschaikowsky. Es dürfte allenthalben freudigen Widerhall er­wecken, daß das seit Iahren hier so gern ge­hörte Meininger Orchester wieder mit einem so ausgewählten Programm zu uns kommen und daß ein so bedeutender Auftakt die Konzertsaison er­öffnen wird. Räheres in den Anzeigen.

Kirchenkonzert. Man schreibt uns: Es sei nochmals hingewiesen aus das Kirchenkonzert in der Johanneskirche, das morgen zum Besten der Krippe von der Kapelle unseres Bataillons und von Frau Gertrud W e y l und Organist Habicht ver­anstaltet wird. (Näheres siehe Anzeige.)

Der Goethe-Bund gibt im heutigen Anzeigenteil bekannt, daß die für Sonntag vor­mittag vorgesehene Morgenveranstaltung der Weintraub-Syncopators verschoben werden muß.

MandakSnlederlegung km Hessi­sch en Landtag. Landtogsabgeordneter Ober­regierungsrat Ritzel, Giehen, hat nach seiner Wahl zum Reichstagsabgcordneten sein ßanb- tagsmanoat niedergelegt. Der auf der Liste an zweiter Stelle folgende Staatsrat im Innenmini­sterium S ch w a m b hat wegen dienstlicher Be­lastung auf die Llebernahme des Mandats ver­zichtet, so daß Frau Steinhäuser, Offen­bach, die bereits früher dem Landtag angehörte, wieder yt das Hessenparlament einziehen wird.

** D i e Akademischen Kurse für Kauf­leute und Gewerbetreibende, die auf Anregung der Industrie- und Handelskammer Gie- ßen und der Gießener Hochschulgesellschaft auch in diesem Jahre wieder durchgesührt werden, beginnen mit dem heutigen Tage. Heute abend referiert im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Vorlesungen Uni- versitätsprofessor Dr. Günther im großen Hör- saal des Vorlesungsgebäudes der Universität über das Thema:Grundfragen der deutschen Sozial- Politik".

** Gerüchte über ein Familien- drama, in dessen Verlauf ein Vater seine Tochter erstochen haben sollte, wurden gestern abend in unserer Stadt verbreitet. Wie wir heute morgen auf Rückfrage bei der Polizei feststellen konnten, sind diese Erzählungen unzutrWrnd. An der ganzen Sache ist nur so viel wahr, daß der betrefsende Mann wegen hochgradiger Erregung nach einem Streit in der Familie in polizeilichen Gewahrsam genommen wurde.

Gärtnerische Anlage im Schis- fenberger Tal. Durch die vor einigen wah­ren dorgenommene Verlegung des Dahnüber^ gangs am Schisfenberger Weg im Zuge der Goethestraße entstand östlich hiervon eine sog. Insel, für die damals schon eine gärtnerische Anlage vorgesehen wurde. Infolge Mangels an Mitteln unterblieb diese Anlage seither. Seit einigen Tagen ist man nun dabei, diese 3nfel umzugraben und in einfachster Weise gärtnerisch herzurichten. Wünschenswert erscheint jetzt noch die Herstellung der am Bahndamm entlang vor­gesehenen Straße, die den Zugang zum Heeg­strauchweg bildet. Da das Material zur Her­stellung dieser Straße zum Teil dort lagert, dürfte sich die Ausführung dieser kleinen Strecke wohl mit geringen Mitteln ermöglichen lassen. Sollte diese Verbesserung aus irgendwelchen Gründen z. Z. nicht möglich sein, so muh mindestens ein Fußgängerweg angelegt werden, weil von hier aus täglich Verkehr nach d^m am Heegstvauch- weg liegenden Sportplatz des Männerturn­vereins und über den Schreiberweg nach dem Schisfenberger Wald stattfindet.

Grenzlandvortrag beim DHD.. Ortsgruppe Giehen. Im überfüllten Saal des Verbandsheiins der Ortsgruppe Giehen im Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Derband. sprach dieser Tage im Rahmen des Winter- bildungsplans Pros. Dr. König (Giehen) über Grenzlandfragen: Der deutsche Osten". Rach ein­deutigem Herausstellen des Llnterschiedes zwi­schen Staats- und Volksgrenze, gab der Redner an Hand einer Völkerkarte einen Lieberblick über die in Europa wohnenden Deutschen. Während wir im Westen klare und geschlossene Volks- grenzen haben, wenn man von Elsaß-Lothringen und Eupen-Malrnedy und den darin lebenden Minderheiten absieht, liegen die Dinge im Osten und Südosten wesentlich anders, so daß dort eine reinliche Scheidung der Völker nicht vorgenom­men werden kann. Die nach dem Versailler Ver­trag vorgenommene Grenzziehung hat die Folge gehabt, daß man sich mehr als zuvor der in fremden Ländern lebenden Deutschen annimmt. Die Lösung der Anschlußfrage Deuychland- Oesterreich würde im Südosten eine ziemlich klare Volksgrenze schaffen. Der Zusammenschluß Deutschlands mit Oesterreich würde auch für den gesamten Osten ungeahnte Wirtschaftsmöglich-- keiten bringen. Die Polen haben nach dem Ver­sailler Vertrag mehr erhalten, als sie volklich

MWn-eOTwn

Roman von Hans Friedrich.

Llrheber-Rechtsf^utz durch Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.

18 Fortsetzung. Nachdruck verboten

15.

Die Seilschwebebahn hatte Trude Gutenberg und Franz Strobl auf die Rordkette befördert. Run faßen sie unweit der Station auf einem Fel­sen und genossen die Aussicht auf die Hauptstadt Tirols. Don hier oben sah man nicht die graue Färbung des Inns. Vielmehr blitzte der Dogen, den er beschrieb, wie edles Geschmeide in der Sonne. Häuserzeilen und Kirchen waren wie Rie­senspielzeug in die grüne Talsenkung hingestellt. Lind dahinter, aufragend wie riesige Kulissen, die dunklen Silhouetten des Glungezer und Patsche rkofel.

Ach, wenn man hier bleiben könnte und nie mehr hinab in die verbrauchte Kafseehausluft müfcter dachte Gertrud, sich einer sehnsüchttgen und törichten Schwärmerei hingebend.

Dies also war das Land, in das sich Heinz ge­flüchtet hatte, um Vorarbeit zu leisten für seinen neuen Roman. Oh, seine Wahl hatte er gut ge­troffen. In der reinen Gebirgsluft, auf den Höhen der Kogel und Kofel, mußten sich Kräfte in dem Dichter regen, die er bisher kaum kannte! Hier schien die Sonne intensiver, hier wehte ein anderer Wind, als in den Industrieniederungen daheim. Lind hier war auch der Menschenschlag ein ande­rer: Mit der Scholle verwachsen, wie aus Fels geboren, eins mit der erhabenen, gewaltigen Größe dieser Alpennatur.

Die junge, Um- und Ausschau haltende Frau, die der Cellist Weißkugl immer noch für ein Mäd­chen hielt, dachte daran, daß der Segen dieser Fahrt ins Unbekannte groß war. Wenn Heinz immer die Landschaften besuchte, in die er den Schauplatz der zu schaffenden Handlung legte, mußte eine starke Lebensnahe aus seinen Werken sprechen. Und Wahrheit der Begebenheiten. Ganz schüchtern regte sich da auch ein Pflänzchen Hoff­nung: Möglicherweise nimmt er dich künftig manchmal mit?

Warum so nachdenklich, liebe Trude?" störte Strobl die Kreise ihrer Gedanken. Der Klang seiner Stimme war nicht ganz rein. Rur so neben­bei und flüchtig mußte die junge Frau an eine gesprungene Glocke denken.

Und weil sie schwieg, fragte ihr Gefährte mit kaum verhüllter Ungeduld.Womit beschäftigt sich der Geist meiner Freundin?"

Da gestand Gertrud offen und ehrlich:Ich habe Sehnsucht nach Heinz...

Ihr Blick hing immer noch mit einem schwer­mütigen, verlorenen Ausdruck an der duftig hin- gezeichneten weißen Linie schneeüberkrusteter Gipfel jenseits der Stadt.

Strobl lieh die Mundwinkel sinken. 3n_ den feinen Vertiefungen, die von feinen Rafenflügeln abwärts führten, zitterte Spott.

Es ist doch etwas Merkwürdiges um die Che... Ein paar Tage Trennung macht die Geketteten melancholisch..."

Dabei dachte er: Ihr Haar erinnert mich an den tiefbraun geflammten Rußbaumschaft der Büchse meines Vaters. Es gibt auf der ganzen Welt fein Mädel, das diesen satten, funkelnden Ton im Haar trägt. Richt einmal die dunkle Maserung feiner Violine zeigte diese Farbe.

Wie du das sagst: Geketteten!" verwies ihn Trude.

Er zerpflückte ein Steinbrechblümchen in lau­ter kleine Fetzen, die mit dem W-inde davon- flogen. Trude sah es. Und auf eine seltsame Art berührte sie flüchtig wie ein Hauch die Idee; So würde er mich zerpflücken und bann weg­werf en, wenn ich mich ihm ergäbe...

Gott ja" gestand Strobl erzwungen unbe­fangen,seid ihr denn nicht gefesselt? Ist es etwa ein schöner Zustand, hörig zu sein dem einen, nur dem einen und das durch einen RlnA durch ein vor Jahren gegebenes Wort?"

Run huschte es wie die Sonne über das Ge­sicht der jungen Frau. Llnd mit beiden Händen das nußbraune Haar zurückstrelchelnd (es war nutzlose Geste, der Wind zerzauste es in der nächsten Minute erneut), sagte sie mit einem groß­mütig verzeihenden Lächeln:,Du bist unver­besserlich, Franz! Gott sei Dank denken nicht alle so wie du...

Gr rückte einige Zentimeter näher an sie heran, ganz vorsichtig und unbemerkt. Aus seinem hüb­schen Iungengesicht kam eine Stimme, die nicht die seine war, so tief und fast heiser gefärbt durch eine törichte Leidenschaft:Du irrst, Trude ich bin nicht leichtsinnig für eine möchte ich auch der Gefangene sein für bufe eine würde ich selbst den Relf am Finger dul­den

Jetzt wird er gleich wieder irgendeinen Blöd­sinn vom Stapel lassen!" dachte Trude, sich der Szene von neulich erinnernd.

Ihr Schweigen reizte den Geiger zur Offensive.

Trude Hebe, liebe Trude ich könnte mir nichts Schöneres denken, als dich für ewig an mich zu fesseln!" Sein Temperament ging nun schon wieder mit ihm durch.

Sie gab sich Mühe, die peinliche Situation durch Heiterkeit zu überbrücken.

Ewig! Laß dock diese Flausen, Franz, und verdirb mir den schönen Tag nicht!"

Er aber fuhr nun erst recht in einer Art trotzi­ger Verbissenheit fort:Ich möchte dich nicht»

kränken, Trude aber: Was kann dir der Schriftsteller bieten? Wer in dieser Kunst nicht gleich als Genie zur Welt kommt, wird sich dauernd durch das Dasein quälen müssen..."

Trude machte eine Gebärde, als wollte sie auf- springen. Sie sah aus dieser Stunde nichts Er­sprießliches kommen.

Du verleidest mir den ganzen Tag!" zürnt« sie halb abgetoenbet.

Aber gerade diese verhohlene Flucht brachte» Strobl um den letzten Rest seiner Vernunft. Gr sah die blendende Rackenlinie, den sauberen Schnitt des schimmernden Haares, den Schwung des Rückens. Dies alles hatte er schvn vor Jah­ren geliebt und war bis heute seinem Ziel um keinen Schritt nähergekommen.

Seine Hände zuckten nach ihren nackten Armen, schlossen sich um sie mit ungestümem Druck.

Trude liebe, Hebe Stube sag' dich los von dem andern geh mit mir! Fürchte nicht die Formalitäten, die--"

Ein Blick aus ihren Augen brachte ihn zum Schweigen. Dieser Blick war eine Flamme.

Trude erhob sich nun völlig. Die Hände des Mannes glitten ab von ihren Armen.

Ich werde nun doch alle Grundsätze über Bord werfen und nach Sölden zu Heinz gehen müssen, dachte sie sorgenvoll. Bisher hatte sie die Ijeim* liche, erregende Hoffnung nicht aufgegeben, daß Heinz vielleicht einmal zufällig im Kaffeehaus, wo sie spielte, auftauchen könne...

Strobl sah ihr nach mit einem Gesicht, in dem' nicht viel von Enttäuschung zu lesen war. Mehr als zwei Jahre hatte er ausgehalten in dem aus­sichtslosen Kampf um diese Frau.

Ich habe die Stunde 6er Entscheidung unglück­lich gewählt", sagte er sich mit bitterem Lächeln. Lind nahm sich in derselben Minute vor: Rütze die Zeit! Rimm dir in günstiger Stunde mit Ge­walt, was dir in Güte verwehrt wird!

16.

Mit einer kochenden Wut ging Ludwig Schwai- hofer an diesem Morgen auf die Pirsch. Tlev Kuh, den Mute Hansen ihrem Retter und Füh­rer droben in derHohen Oed" gab, hatte ihn laufgerüttelt.

Sie ganze Rächt über hatte er daran gedacht. Unb die Quintessenz seines Sinnens lag in dem häßlichen Wort: »Man müßte ihm dafür die Frau verführen!"

Ratürlich war dies nur ein ohnmächtiger Vor­satz, bet so leicht nicht in bic Tat umgeseht wer­den konnte. Für kurze Zeit hatte sich Schwaihofer sogar mit dem Gedanken abgefunben, Mute ver­achtungsvoll aufzugeben und künftig zu meiden. Doch diese verrückte Idee verwarf er bald wie­der, weil er einsah, daß es diesmal nicht eine! der üblichen .Freundschaften" war, sondern eine echte und starke Liebe. Bisher hatte er nie mit

seinen Gefühlen gerechnet. Das wurde nun plötz­lich anders. Erdmute Hansen übte, ohne es zu wissen und zu wollen, eine suggestive Macht auf ihn aus. Das war eine Tatsache, die sich nicht mit einer geringschätzigen Geste aus der Melis schaffen Heß.

Schwaihofer hatte so seine Sorgen. Auch Der glücklichste Mensch braucht Sorgen. Lind wer keine hat, macht sich welche.

Aehnlich erging es feinem Jäger, dem ©meiner Sepp. Der war mit seiner Mied! auch noch nicht ins reine gekommen. Lind wenn das Deandt auch spindeldürr und keineswegs ein Ausbund von Schönheit war, so verstand sie es doch, den Sepp an der Rase herumzuführen. Seine Eifersucht stieg die Skala seines Temperaments hinauf, immer näher an den Siedepunkt heran. Denn die Mied! aus Silz liebäugelte mit den Fremden, daß der Sepp manchmal Stielaugen kriegte. Lind als gar einmal einer die kühne Bemerkung machte:Dis Miedl ist das Ideal der schlanken Linie. Man müßte sie zur Schönheitskönigin des Oehtales fronen", da war der Sepp so hoffnungslos ver­liebt, wie der Birkhahn in der Balz!

Lind diese beiden verliebten Jäger pirschten nun auf den Hirsch. Weil beide unglücklich liebten, war es kein Wunder, daß sich ihre innerliche, ver­heimlichte Wut auf das Iagdobjekt konzentrierte. Einen Lichtblick muß der Mensch auch in trost­losen Tagen haben. Der Sechzehnender sollte eine Freude für Herrn und Jäger werden...

Er hat fei Lager iaht weiter drunten in den! Zi'rbeln", lispelte Sepp.

Schwaihofer antwortete nicht und tappte dem Jäger nach. Manchmal rannte er in der Dunkel­heit an einen Stamm, dann quittierte er mit einem verschluckten Fluch. Lind manchmal dachte et: Die Pirsch auf den Hirsch ist genau so dornen­voll, wie die Jagd auf das Su, mattier drunten bn Tal.

Endlich wich die Dämmerung dem jungen Tag Lind mit zunehmendem Büchsenlicht sah man auch schon Fährten. Man war nun schon im Revier des Gesuchten und mußte doppelt vorsichtig sein.

Roch ein paar hundert Meter, dann brach das Sonnenlicht durch das Gewirr der Stämme. Seppl zog das Glas hervor. Vom Maldrande aus suchte er die Blöße mit den Augen ab reichte den Feldstecher mit hastiger Bewegung hinter sich, deutete stumm hinüber nach dem Zirbelsaum.

Schwaihofer verstand und hob die Repetier­büchse.

Der Hirsch sicherte vom jenseitigen Waldrande herüber, trat aus dem Holze und zog vertraut näher an feine Feinde heran. Zwischen denen war jetzt Schweigen. Der Sepp hockte am Boden im Schatten der Stämme und beobachtete die zu er­hoffende Beute mit Kenneraugen.

Fortsetzung folgt.)