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Nr. 254 Zweiter Blatt

Das Ende einer Idee?

Don Dr. Paul Rohrbach.

Zu den vielen gebrochenen Zusagen der Entente­mächte aus der Zeit des Weltkrieges ist eine neue gekommen: England unterbindetvor­erst" die weitere Einwanderung zionisti­scher Juden nach Palästina, da kein Land mehr versügbar ist! Damit ist die berühmteBalfour-Deklaration" vom 2. (November 1917, in der England eine auch von den übrigen Alliierten gebilligte Erklärung ab- gab, in Palästina werde einnationales Heimatland" (national Home) öffentlich-recht­lichen Charakters für das jüdische Volk einge­richtet werden, tatsächlich annulliert! Selten ist ein Versprechen von so großer moralischer und politischer Tragweite von verantwortlichen Staatsmännern leichtfertiger gegeben worden, als die Balfour-Deklaration. Wenn Lord Balfour jemals auch nur eine ungefähre Vorstellung von der Fassungskraft Palästinas für eine jüdische Einwanderung besah, und wenn er trotzdem die Deklaration ergehen lieh, so wäre der Akt überhaupt kaum wo anders unterzubringen, als in dem Riesenkapitel der Kriegslügen. Da ja aber auch von zionistischer Seite an die Ein­wanderungsmöglichkeit im großen geglaubt wuroe, zum Teil selbst heute noch geglaubt wird, so mag der Vorwurf der bewußten Unaufrich­tigkeit bei der Deklaration vielleicht auszuschalten fein. Die Unüberlegtheit bliebe trotzdem groß.

(Nachdem Palästina gegen Ende des Welt­krieges von den Engländern erobert und in Ver­waltung genommen war, zielten nicht nur die Balfour-Deklaration, sondern auch andere eng­lische Auslassungen offen dahin, in jüdischen Kreisen den Glauben zu erwecken, England werde die baldige Iudaisierung des ganzen alten israeli­tischen Wohngebietes befördern. Schon die Ab­trennung des Ostjordanlandes als eines eigenen arabischen Emirats bedeutete aber praktisch die Verflüchtigung der Deklaration, denn wenn überhaupt, so wäre nurim Ostjordan­lande noch Raum für eine stärkere Einwande­rung gewesen. Dort liegen auch die einzigen größeren Flächen fruchtbaren Landes, vulkanische Zersehungsböden, die es außer der Iesreel-Cbene in Palästina gibt.

Ich kenne Palästina von einem zweimaligen Aufenthalt her, zu einer Zeit, als man noch nicht im Auto auf guten Straßen fuhr, sondern, wie in all den Jahrtausenden vorher, zu Pferde lang­sam eine Tagereise nach der andern vor sich brachte. Dabei sieht man das Land wirklich und bekommt eine bessere Vorstellung von seiner bevölkerungspolitischen Fassungskraft, als jüdische und nichtjüdische Phantasten in Europa. Ganz Palästina im geschichtlichen Sinn ist nur um ein Drittel größer als Württem­berg. Davon kommt etwas mehr als die Hälfte auf die drei westjordanischen Landschaften Ju­däa, Samaria und Galiläa, die ja allein für dieRationale Heimstätte" Lord Balfours übrig blieben. Sie sind etwas größer als Baden, haben aber einen weit größeren Prozentsatz nicht kultursähigen Bodens.

Wenn von der Bevölkerung Palästinas im Altertum die Rede ist, so pflegen sich Unkundige meist auf die ins Blaue übertriebenen Angaben des Ioscphus zu berufen, nach dem z. B. zum Tempelopfer am Passahfest drei Millionen Men­schen in Jerusalem zusammengekommen sein sollen, auf einen Raum, der bei engster Zusammendrän- gung kaum Platz für den zehnten Teil davon hat. In der Ebene Genezareth, die ein paar Reit­stunden lang und kaum eine breit ist, soll nach Iosephus eine Millionenbevölkerung gewohnt haben! Beloch, in seinem Werk über die Bevölke­rung der Alten Welt, meint, die Volkszahl könne in ganz Palästina zur Zeit ihrer größten Dichte, unter Rero, einschließlich des Hauran, kaum 2 Millionen erreicht haben. Auch das ist wahrscheinlich noch zu hoch gegriffen.

Südsranzösische Wirtshäuser.

Don Hans Siemsen.

Der Eüdfranzose ist auf der Straße ebenso sehrzu Hause" wie zu Hause. Lind außerdem hat erfein Cafe, in dem er manchmal mehr zu Hause" ist als zu Hause. Wenn er z. D. einen Dries schreiben will, geht er ins Cafe.

In Danyuls am Mittelmeer, am Ostabhang der Pyrenäen, wohnt der alte M a i l l o l, der große, berühmte Bildhauer, in dem bescheidenen Häus­chen, in dem er geboren ist. Wenn er einen Dries schreiben will, steigt er hinunter ins Dorf und geht in das Cafe des Monsieur Löon. Da habe ich ihn oft gesehen. Was heißtoft"? Sehr oft schreibt er keinen Brief. Er ließ sich Briefpapier geben und einen Kaffee und bohrte mit seinen schönen alten Bildhauerhänden einen Bries zurecht. Und dann ging er wieder berg­aufwärts in sein Häuschen.

Run sind solche Leute, die manchmal einen Brief schreiben müssen, schonbessere" Leute. Der einfache Mann hat nichtfein Cafe", sondern seine Buvette", ein Wort, das mitKneipe" nicht schlecht überseht ist.

Auch die Caf6s in Frankreich sind einfach. Einfache Bänke aus Leder oder xotem Plüsch die Wände entlang, einfache Tische (ohne Tischdecke) davor, Spiegel an den Wänden, die auch den kleinen Raum groß und hell machen. Keine Aufmachung", keine kalte Pracht. Rur die große Orgel aus Likör-, Schnaps- und Llperitif-Fla­schen hinter dem Büfett ist aufregend prächtig.

Roch einfacher, ja manchmal ärmlich sind die Duvetten. Keine Polsterbänke, keine Spiegel. Ein paar Tische und Stühle aus Holz. Als einziger Schmuck ein paar Reklameplakate an den Wän­den. Und selbst das Büfett ist hier bescheiden.

Alles war (außer den Menschen) hier inter­essant oder schön fein könnte, ist ein Gebrauchs­gegenstand. Weil hier nichts anderes zu sehen ist, sieht man hier mehr und genauer als anderswo die Flaschen, Gläser, Tische und Stühle. Und man sieht auch, wie schön sie sind! Die Hängelampe an der Decke, die Petroleumlampe auf dem Tisch sind beinahe schon Schmuckstücke.

Und der Kaffee ist gut. Und es gibt den Wein des Landes zu trinken, der sozusagen vor der Tür wächst. Und es gibt selbst in diesen beschei­denen Duvetten immer noch ein Dutzend verschie­dener Aperitifs, vomByrrh bis zumPernod". Und da wir in Frankreich sind, ist sogar der Kognak wirklicher Kognak und heißt nicht Cognac", sondernune fine".

Siebener Anzeiger (General-Anzriger für Gberheflen) Donnerstag, 30. Oktober 1930

Das Westjordanland, also die jüdische Heimstätte im Sinne der Balfour-Deklaration, hat heute gegen 900 000 Bewohner, davon sind noch nicht der zehnte Teil eingewanderte Zionisten. Die Zio­nisten haben die neue Stadt Tel Awrw, etwas nördlich von Jaffa, und eine Anzahl sehr ordentlicher und gut bewirtschafteter Ackerbau­kolonien gegründet, meist bei Jaffa, in der Ebene Iesreel, in Galiläa und in der Gegend des Sees Genezareth. Damit aber ist Pallistina, soweit Ackerbau, Orangen, Wein und Oel eingerechnet, und Viehzucht die wirtschaftliche Lebensgrundlage bilden sollen, annähernd voll. Für Industrie fehlen olle Voraussetzungen, wenn man nicht an die vielberufene Ausbeutung von Mineralien am Toten Meer denkt, und für industrielle Tätigkeit wollen ja auch die Zionisten gar nicht nach Palästina.

Ich habe, wenn ick von zionistischer Seite be­fragt wurde, aus diesem Sachverhalt nie ein Hehl gemacht und habe, was speziell Iudäg angeht, meine Meinung dahin ausgesprochen, daß mit dem größten Teil dieses an Wasser und Ackerkrume gleich armen Kalkplateaus auch heute nichts anderes anzufangen ist, als man im Altertum mit dem noch sterileren Kalkgebirge südlich von Alepo gemacht hat: Bepflan­zung mit Oelbäumen. Der Oelbaum wächst sehr langsam und liefert erst nach Jahrzehnten eine reichliche Ernte, aber er begnügt sich mit Felsboden, liebt den Kalk und erreicht ein sehr hohes Alter. Dazu gibt er, sobald er zu tragen angefangen hat, einen vollkommen sicheren Er­trag. Natürlich kann man nicht auf Olivenkultur eine Million Menschen nach Palästina einladen!

Wahlfronten

Don unserem Dr.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Wien, Ende Oktober 1930.

Die Parteien haben ihren Aufmarsch vollzogen. So beginnt man wohl einen Artikel, wenn der Termin für die Aufstellung der Kandidaten vor­über ist. Man denkt dabei an jenes oft gesehene militärische Bild der Kolonnen in Reih und Ord­nung bis auf den letzten Mann, bis auf den letzten Knopf. So aber ist der österreichische Par­teienausmarsch nicht: er gleicht vielmehr dem Bilde einer Abteilung, die durch Alarm aufgescheucht erst noch bemüht ist, die notwendige Ordnung herzustellen. Schließlich haben sich ja auch die politischen Ereignisse so abgespielt. Die Regierungskrise kam unerwar­tet, die Art ihrer Lösung nicht minder. Gerade das Eintreten der Heimwehren in die Regierung war geeignet, das ganze Wahlkonzept wesentlich zu beeinflussen Aber die Pläne' der Wahlarchitekten haben sich dann doch nicht so durchführen lassen wie dies wohl ur­sprünglich gedacht war, und so haftet den Fronten, wenigstens, soweit sie das bürgerliche Lager um­fassen, irgendetwas Potemkinsches, etwas Dor­getäuschtes an.

Die Christlichsozialen tragen auf ihrer Liste den TitelChristlichsoziale und Heimwehren". Das war eben der ursprüngliche Gedanke: aber die Heimwehren wollten und konnten nicht, wenn sie als selbständige Organisation bestehen bleiben wollten, restlos dem Ruse der Christlichsozialen Partei folgen, sonst hätten sie ja ihre Anhänger aus den anderen bürgerlichen Lagern verloren. So war es den Christlichsozialen nur zum Teil möglich, den Titel ihrer Wahlliste wahrzumachen, indem sie in Wien und in Riederösterreich ihnen nahestehende Heimwehrleute aus die Liste brachten und sich dagegen sicherten, bei diesem Verfahren mit den Heimwehren selbst in Konflikt zu kommen. Auf Seiten der Heimwehren hat man wieder in allen Wahlb^ilcken eigene Listen unter dem

Es kann fein, daß die Engländer sich vor­gestellt haben, sie würden nach dem Siege die arabischen Bewohner, weitaus die Mehrzahl der Bevölkerung, irgendwie ausPalästinaaus- siedeln können. Daran ist aber nicht zu den­ken. Die gegen England gerichtete Spannung in der ganzen mohammedanischen Welt, von Indien über Arabien und Afghanistan bis nach Aegypten, ist fo groß, daß, wenn auch nur der leiseste Versuch gemacht würde, die palästi­nischen Araber in solchem Sinne zu kränken, ge­fährliche Bewegungen sofort die Folge wären. Wir haben das noch vor kurzem bei dem arabisch-jüdischen Streit um die Klagemauer in Jerusalem gesehen.

Da Palästina englisches Mandats­gebiet ist, fo hat sich die Mandatskommission des Völkerbundes mit den Dortigen Dingen zu be­schäftigen, und sie hat, merkwürdig genug, eine scharfe Kritik des englischen Verhaltens gegen­über Juden und Arabern, überhaupt der ganzen Mandatsführung, gegeben. Die Kassierung der Balfour-Deklaration ist jetzt die englische Antwort darauf. In Jerusalem soll eine Art Parlament unter einem englischen Ober- kommissar, eingesetzt werden, in dem Juden und Araber sich vertragen lernen sollen. Beide Teile sind unzufrieden. Der Dor- sehende der zionistischen Weltorganisation, Dr. W e i z m a n n, hat in einem scharfen (Brief an den englischen Kolonialminister sogleich seinen Rücktritt erklärt, und die Araber sagen: Das Jerusalemer Parlament wird auch kein Schutz gegen die jüdischen Ansprüche sein! So rächt sich die aus Unkenntnis oder Frivolität oder aus I beiden geborene Deklaration.

in Oesterreich.

O.-Derichterstatter.

Titel Heimatblock aufgestellt, deren Führer fast überall die bekannten Ramen der HÄmwehrlei- tung: Starhemberg, Steidle, Pfriemer usw. sind. Aber auch hier ist durch die den Christlichsozialen in Wien und Riederösterreich gemachte Konzession die Durchführung der Praxis nicht ganz so ein­heitlich, wie sie im Konzept erscheint. Der Schö­be r b l o ck, der sich den TitelRationaler Wirt­schaftsblock und Landbund" gewählt hat, hätte eine Zusammenfassung der gesamten bürgerlichen Mitte werden sollen. Geworden ist er es aber Doch nicht: nicht etwa, weil es nicht gelang, in Wien die Demokratische Mittelpartei unter jenen Bedingungen zu gewinnen, die die notwendige Rücksichtnahme auf die programma­tische Einstellung der in Betracht kommenden Länder und Wähler erfordert. Das wäre der geringste Fehler, denn der große (Harne deckt dort nur ein kleines Häuflein von Anhängern, während die Kreise, die dieser Richtung gesinnungsver­wandt sind, die taktischen Erwägungen wohl ein­gesehen haben. Die Lücke liegt vielmehr darin, daß der Landbund in Oberösterreich und Salzburg sich nicht entschließen konnte, von einem selbständigen Vorgehen abzugehen. Klar und ein­heitlich ist also Titel und Auftreten nur bei den (Nationalsozialisten und Sozialdemo­kraten. Alles, was sonst noch eigene Listen eingereicht hat, ist Splitterwerk und kann von dem Rechenstift des Wahlmathematikers vernach­lässigt werden.

Darüber hinaus gibt es aber noch Unstimmig­keiten genug. Und ähnlich wie im Reich ist es gerade die bürgerliche Mitte, die von ihnen betroffen wird. Den organisatorischen Kem des Schoberblocks bildet ja doch d i e Groß- deutsche Volkspartei, und die ist ver­stimmt, weil man ihren Kandidaten an manchen Stellen Männer vorgesetzt hat, die zwar in ihrem engeren wirtschaftlichen Te ätigungs eld einen gu­ten Ramen haben, der Masse der Wähler aber

fo gut wie unbekannt sind. In allen Listen gibt cs überdies, obschon bereits Wochen seit dem Äb- laus des Einreichungstermins vorüber sind, immer noch Unklarheiten genug. Die Kandidatur des einen oder des anberen in Oesterreich wohl be­kannten Politikers steht noch nicht sicher fest und überhaupt kann man sich des Eindrucks nicht er­wehren, als ob diese Kandida.enlisten, die da der Hauptwahlbehörde überreicht tourten, doch eigent­lich in vielen Teilen nurProvisorien wären, dazu bestimmt, in der Zeit, die noch für Abände­rungen offen ist, einige Korrekturen zu erfahren. Dieser Termin läuft erst zehn Tage vor dem Wahltage ab und es mag fein, daß so knapp vor ihm vielleicht auch noch die eine oder die andere bisher selbständige Liste verschwindet.

Alle diese Umstände geben eine eigenartige Mi­schung von Ungewißheit und Zuversicht, die eS noch schwerer macht als sonst, em Urteil über den Aus all der Wahlen zu fällen. Auf der einen Seite findet allerdings jeder bürgerliche Wähler die Liste, die seiner persönlichen Anschauung am meisten entsprechen kann, in guter Differenzierung. Es ist das insbesondere nach den letzten Jahren der intensiven Agitation der Heimwehren mit ihrem zwar nicht ganz scharf umrissenen, aber doch in den Gedanken ausdrucksvollen Staatöprogramrn von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, ebenso wie das deloncn des Primats der Wirt­schaft, die die politikmüden Kreise dieser Rich­tung gewiß anziehen wird. Und die Christlich- sozialen werden durch das Fehlen der Bin­dung mit einer anderen Partei die Möglichkeit haben, ihre weltanschauliche Besonderheit in der Wahlagitation bemerkbar zu machen. Technisch allerdings ist die Lage weitaus ungünstiger als sie bei der letzten Wahl gewesen ist. Die Ein­heitsliste von damals, trotz ihren unleugbaren stimmungsmäßigen Fehler, war die denkbar beste Wahlorganisation zur Ausnützung der Möglichkeiten der damals und auch heute gel­tenden Wahlordnung. Sie hat jede abgegebene Stimme bis auf den geringsten Rest ausgenützt, und gerade das wird vielleicht diesmal nicht der Fall sein. Es kann, aber es muß nicht sein, denn das endliche Ergebnis liegt vielfach an einem mathematischen Zufall, da eine Stimme mehr oder weniger genügt, um ein Restmandat zu gewinnen oder zu verlieren. Rur ist eben die Gefahr eines solchen Zufalls um so größer, je mehr Listen vor­handen sind.

So groß ist aber auch diese Gefahr nicht, daß sie eine Verschiebung heraus beschwören könnte, welche die bisherige Richtung der österreichischen Politik grundstürzend veränderte. Mandatsver- schiebungem werden es nicht sein, nach denen man das Ergebnis der österreichischen Wahlen wird zu beurteilen haben. Maßgebend wird die Ver­schiebung sein, welche sich aus den Stimmen für oder gegen den Marxismus ergibt. Das Ergebnis ist kaum zweifelhaft zu gunften der antimarxisti­schen Seite. Damit ergibt sich die Aufgabe nach den Wahlen, die heute nur improvisierte und noch im Flusse befindliche Reuorganisation im bürger­lichen Lager so zu vervollständigen und zu sichern, daß sie diesem Stimmenverhältnis auch in ihrer tattischen Stoßkraft entspricht.

Bischof Or. Kilian f.

Limburg (Lahn), 30 Oft. (WTB. Funkspruch.) Bischof Dr. August Kilian ist heute früh im Alter von 74 Jahren nach langem scyweren Leiden g e ft o r b e n.

Augustin Kilian wurde am 1. November 1856 zu Eltville im Rheingau als Sohn eines Handwerkers geboren und besuchte zuerst die Lateinschule seiner Vaterstadt. Dann absolvierte er das Gymnasium zu Hadamar und bezog darauf die Hochschule zu Münster in Westfalen. Seiner Militärpflicht genügte er zu München in einem bayerischen Infanterie- Regiment. Nach Vollendung seiner Studien empfing er, da in Preußen damals noch der Kulturkampf wütete, zu Freising in Bayern am Peter- und Paulsfeste 1882 die Priesterweihe. Darauf schickte

Rur zu dem (Bier, das hier eine Delikatesse ist, möchte ich keinem Münchener raten! Cs steht in Literflaschen auf dem Büfett und wird in Weingläsern ausgeschänkt. Der Rest steht in der geöffneten Flasche dann wieder eine Woche auf dem Büfett. Und wenn er nun ausgeschänkt wird, hat er mit (Bier kaum noch die Farbe gemeinsam. Das hindert aber die Patronne nicht, sich noch etwas Wasser hineinzugießen. Sie ist eine schwache Frau. Rur Schnaps trinkt sie un­verdünnt.

Buvctte-Desitzer sein, das ist eine schöne, ruhige Beschäftigung. Aber viel kann man dabei wohl nicht verdienen? Alle Getränke sind hier so billig. Deshalb ist die Buvette sehr oft mit einem anderen Gewerbe verbunden. Oft ist der Wirt zugleich Friseur, und keine Tür trennt Friseur-Laden von Gaststube. Die Kunden, die rasiert sein wollen, warten dann bei einem Glas Wein, bis die Reihe an sie kommt. Ein Tabak- Laden ist fast immer mit der Buvette verbunden, oft auch eine Tankstelle für Automobile. Schuh­macher, Drogisten, Schneider, auch Bauern auf dem Lande habennebenbei eine Buvette. Da gibt es dann manchmal gar keine Gaststube, man sitzt mit der Familie zusammen in der einzigen Stube des Hauses, die zugleich die Küche ist.

Die allerkleinste, allereinsamste Buvette traf ich in der Nähe von Perpignan. Sie lag nicht einmal an einer Landstraße, sondern an der Kreuzung zweier Feldwege. Das nächste Haus war eine halbe Stunde entfernt. Diese Buvette war das kleinste Wirtshaus, das ich je gesehen habe. Richt größer als eine kleine Garage. Das Dach war so niedrig, daß ich mit der Hand hinaufreichen konnte. Ich bin allerdings ziem­lich groß.

Das ganzeHaus hatte nicht ein einziges Fenster. Die dem Kreuzweg zugewandte Wand bestand aus einer großen Flügeltür. Die ließ Licht und Luft herein. Heber ihr stand: Marechal, Buvettier. In dem winzigen Zimmer gab es drei Tische, und vielleicht viermal so viele Stühle. Das Büfett war auch ein Tisch. Aus ihm standen viele dunkle Flaschen und ein paar nicht sehr viel hellere Gläser. Außerdem gab es noch eine Hängelampe, einen ganz kleinen Ofen und, hinter einem Verschlag, ein (Bett

Ich kam ein paarmal vorbei, das Haus lag an einem der Wege, die ich täglich spazieren­ging. Ich sah dann manchmal einen alten Wann. Das war Herr Marechal, der Buvettier. Gäste sah ich nie. Vielleicht kommen sie abends? dachte

ich. Und um es zu erfahren, machte ich mich eines Abends auf den Weg.

"Es war dunkel, aber warm, obwohl es schon Dezember war. Die große Garagentür stand weit offen und lieh ein freundliches Licht auf den Weg. Mitten im Zimmer unter, der Hängelampe saß Herr Marechal und stopfte einen Strumpf, den er über ein Glas gezogen hatte. Außer ihm war niemanb da. Ich hätte mich fast nicht ge­traut hineinzugehen. Marechal schien auch nicht übermäßig erfreut, so spät einen Gast zu sehen.

Kann ich eine Flasche Wein haben?" Schwei­gend stellte er sie mir auf den Tisch und kehrte zu seinem Strumpf zurück.

Der Wein war gut. Und ich nahm meinen Mut zusammen und sagte:Sie haben wohl nicht viel Gäste hier?"

Das ist verschieden", sagte er und sah von seinem Strumpf nicht auf. Meine Frage, die nicht bös gemeint gewesen war, hatte ihn aber wohl geärgert. Rach einiger Zeit fügte er hinzu: ..Am letzten Sonntag waren so viele hier, daß wir nicht genug Stühle hatten."

Ich zählte heimlich die Stühle. Es waren, fein Stuhl hinzugerechnet, elf Stühle.

Am Sonntag kommen wohl viel Jäger vorbei?" Jäger, Passanten und Radfahrer!"

Ich trank meinen Wein, und er stopfte feinen Strumpf. Ich machte meinem Herzen Mut und lud ihn ein, ein Glas mit mir zu trinken. Höflich nahm er an, legte seinen Strumpf bei­seite und wurde beinahe gesprächig.

Man soll dem Geschäft nicht nachjagen! sagte er.Andere wollen auch leben. Ich verabsch^ie die Reklame. Meine Tür steht offen. Wer ein­treten will, ist willkommen. Aber man soll das Geschäft nicht übertreiben!

Oer $ilmHai-Tang".

Darüber soll man sich nicht täuschen: der Film ist eine durchaus europäische Angelegenheit. Der Schau­platz der Handlung ist das Rußland von vor dem Kriege, der Gegenstand der Handlung, das Schick­sal eines Chinesenmädchens. Der Großfürst sieht die Sängerin und Tänzerin Hai-Tang in einem Thea­ter, bittet, befiehlt sie vielmehr, in ein zweifelhaftes Lokal: der Großfürst wird aufdringlich, der Bruder der Bedrängten eilt herbei, schießt auf den Großfürsten und verwundet ihn. Seiner Verhaftung soll am nächsten Morgen die Todesstrafe folgen. So muß denn Hai-Tang um Gnade bitten und ein Opfer bringen. Der Bruder lebt, die Schwester aber will den Weg zur Schande nicht zu Ende gehen und nimmt Gift. Bevor sie die Auge« schließt, sagt ihr

der Freund und Geliebte, in gutem Glauben dessen, er habe Vorsorge für die Flucht des zum Tode Ver­urteilten getroffen. Mit dem Bewußtsein, Leid und Leben vergeblich geopfert zu haben, scheidet Hai-Tang aus dem Leben.

Noch nie sah man so traurig Los ...

Die Handlung hat nicht den Vorzug des Neuen. Ludwig Wolff zeichnet verantwortlich dafür. Die Rettung des zum Tode verurteilten Wang-Hu im letzten Augenblick durch den verspätet überbrach­ten Begnadigungsart könnte bedenklich erscheinen; nicht weniger der Umstand, daß der junge Offizier nur um Sekunden zu spät kommt, um die Geliebte am Selbstmord zu verhindern. Diese etwas krampf­haft geschaffenen Zufälligkeiten vermögen jedoch den Eindruck des geschlossenen Ganzen nicht zu stören, schon deshalb nicht, weil das Ingenium einer über­ragenden darstellerischen Kraft über Unebenheiten der Handlung hinwegsehen läßt. Der Film steht und fällt aber mit Anna May-Wong. Die Schau­spielerin vereinigt in knappster Geste eine Fülle der Empfindungen, eine Fähigkeit, über die nur wenige Schauspielerinnen verfügen. In ihrem wohl etwas mühsam angelernten Deutsch liegt noch so viel Aus- druck, daß es unmöglich ist, sich dieser Kraft zu entziehen. Im Gesang klingt ihre Stimme etwas hart, jedoch längst nicht unsympathisch. Daß sie an letzte Bezirke einer europäischen Seele nicht zu rühren vermag, ist nicht ihre Schuld. Der Erfolg des Films bleibt nichtsdestoweniger der ihre. Franz Lederer, als Offizier und Geliebter, behauptet sich nur mühsam neben dieser zarten und doch so persönlichen Künstlerin. Er macht lediglich eine gute Figur. Ernst Schnell als Großfürst sehr gut, Edith bälmara als eifersüchtige und bösartige Nebenbuhlerin Hai-Tangs wirkt so überzeugend, daß es nicht schwer fällt, sie zu hassen. Die Nebenrollen sind verständnisvoll besetzt. Richard Eichbergs Regie arbeitet virtuos mit allen Mitteln sieht aber von allzubilligen Mätzchen ab. Daß der Photograph die Hauptdarstellerin in einigen Bildern besonders eindrucksvoll nahebringt, verdient die Erwähnung. Der Film, der in seiner Gesamtheit sehr wertvoll ist, ist englischer Herkunft. Er läuft seit gestern im Lichtspielhaus.n.

Hochschulnackm'chten.

Der durch das Ableben des Prof. W. Zangemeister an der Universität Königsberg erledigte Lehrstuhl der Geburtshilfe und Gynä­kologie ist dem ordentlichen Professor und Di­rektor der Frauenklinik an der Universität Halle Dr. Ludwig Nürnberger angeboten worden.