Ausgabe 
30.5.1930
 
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im Strich der Geiger, die außerordentliche Prä­zision auch bei den schwierigsten Einsätzen unD die feine Tongebung der Bläser machen sein Orchester zu einem Ensemble von höchster Voll­kommenheit. Nimmt man zu allem nun noch 3oh. Strauß' eigene Kunst, die überlegene Führer­eigenschaft, die sich in Temponahme unb dyna­mischer Abschattierung besonders ausdrückt, hinzu, so kann man sich unschwer ein Bild der Gesamt­wirkung machen. Die Art seiner Wiedergabe dient ganz allein dem Derk, er vermeidet jede augenblickliche Effektwirkung, unb schließlich haben es ja auch die von ihm vorgeführten Werke gar nicht nötig, denn sie sind wertvoll genug, um ohne jeden billigen Effekt auszukommen.

Es ist zwecklos, sich irgendwelchen Betrachtun­gen darüber hinzugeben, welche Stücke der Dor- tragsfolge am besten gelangen: es gelang eben alles, die acht Programmnummern unb eben- soviele Zugaben, die von ben begeisterten Zu­hörern immers wieder verlangt tourben. Unter die­sen vielleicht am schönsten Schuberts .Ave Ma­ria". für dessen Wiedergabe der Konzertmeister unb der Harfenist besonderes Lob berbiencn, und das Menuett von Doccherini.

Da- Publikum war sehr, sehr dankbar und bei­fallsfreudig unb wollte am Schlüsse erklärlicher­weise garnicht Weichen. Nun? Unb im nächsten 3ahr? Wir wollen eS sehr hoffen. F. B,

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße: TonfilmDer blaue Engel". Astoria-Lichtspiele:Menschen im Feuer" undLupine Lane und die Seeräuber".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Für die morgen, Samstag, statt­findende SchülervorstellungC l a o i g o" sind noch Karten für den öffentlichen Verkauf zu haben. Die Vorstellung beginnt um 16 Uhr.

F amilientag der Matthäusge- m e i n d e. Nächsten Sonntagnachmittag findet im Philosophenwald der Familientag der MatthäuS- gemeinde statt. Eine reichhaltige, interessante DortragSfolge verspricht wie man uns mit­teilt einige schöne Stunden. Ansprachen wech­seln mit musikalischen Darbietungen, Gesängen und Aufführungen. Mittoirkende sind: Frau Flimm, Frl. Bahr und Stadtorganist S i - mon (Gesang), Frau Dr. Fischer (Klavier), die 3.-M.-G. (Buben und Mädchen), die Musik­kapelle des Vereins für christliche Musik. Man beachte die heutige Anzeige.

Ein Südweftasrika-Film wird am kommenden Sonntagvormittag in einer Frühvor- stelluna im Lichtspielhaus Bahnhofstraße zur Vorführung kommen. Der Film .Das Sonnen­land Eüdtoestafrika" wird von einem Dortrage deS Herrn von Trotha über seine 19 jährige Tätigkeit als Farmer in Südtoestasrika begleitet sein. Man beachte bie heutige Anzeige.

*

** Der gestrige H i m m e l f a h r t s t a g brachte uns erfreulicherweise recht schönes Maien- weiter. Dom frühen Morgen an war die Witterung zu Ausflügen sehr verlockend, und auch im Verlaufe des Tages trat in dieser erfreulichen Eigenschaft des Hirnrneisahrtsfestes keine Verschlechterung ein. Mit der Reichsbahn, den Kraftomnibusses und Privat­fahrzeugen zogen große Ausflüglerscharen hinaus in die schöne Gottesnatur, aber auch der Wander­betrieb in Feld und Wald war allenthalben außer- ordentlich rege. Im Stadtbereich war es am Nach­mittag namentlich die Sportveranstaltung unseres Bataillons auf dem V. f. B.-Plaße, die eine außer­ordentlich große und an den fesselnden Kämpfen stark interessierte Zuschauermenge herbeigelockt hatte. Einen schönen Abschluß fand der genußreiche Him­melfahrtstag am Abend mit dem Straußkonzert in der Dolkshalle, das, wie wir auf Anfrage bei der Leitung des Kartenverkaufs erfahren, von etwa 3900 Personen besucht war.

Straßensperrung, mitgeteilt vorn Oherhcssischen Automobilclub c. D. (A. o. D.) Gie­ßen: Die Provinzialstraße Heldenbergen Windecken ist bis auf weiteres für jeglichen Ver­kehr gesperrt. Umleitung erfolgt über Eichen Ost- heim und umgekehrt.

Erhöhung der Straßenbahntarife. Wie die Straßenbahndirektion in unserem heutigen Anzeigenteil bekanntgibt, werden die Strahenbahn- tarife mit Wirkung vom 1. Juni ab erhöht. Die Slraßenbahnsahrt kostet in Zukunft ohne Rücksicht auf die Entfernung den Einheitspreis von 20 Pf. Die Fahrscheinhefte mit 6 Fahrscheinen kosten künftig 80 Pf. Die Monatskarten, sowie die Fahr­preise für Kinder erfahren keine Erhöhung. Man beachte die Bekanntmachung.

Bon der Kraftpostlinie Gießen Kleebachtal. Auf Antrag des Bürgermeister­amtes in Groß Rechtenbach hat die Oberpostdirek­tion in Darmstadt mit Rückwirkung vom 1. April ab den von den beteiligten Gemeinden für die Straft- postlinie GießenKleebachtal für den Betriebskilo­meter zu gewährleistenden ©aranticbctrag von 88 auf 84 Pf. ermäßigt. Eine weitergehende Herab- etzung des Garantiebetrages ist, wie die Oberpost- nrektion mitteilt, wegen der Erhöhung des Preises ür Betriebsstoffe zur Zeit nickt möglich. Die von dem Bürgermeisteramt in Groy-Rechtenboch weiter angeregte Frage der Einführung von Rückfahr­karten für die Kraftpoftlinie GießenKleebachtal wird nach Mitteilung der Oberpostdirektion in Darmstadt zur Zeit noch einer Prüfung unterzogen, deren Ergebnis später mitgeteilt werden soll.

** Eine Autobusoerbindung Gie - ßenKloster Arnsburg ist« jetzt zur Be­quemlichkeit der Ausflügler geschaffen worden. Die Wagen verkehren, laut Mitteilung in unserem An­zeigenteil, an Sonn- und Feiertagen ab Gießen, Ludwigsplatz, 13.30 Uhr, ab Kloster Arnsburg 18.15 Uhr. Dienstags, Donnerstags und Samstags ver- kehren die Wagen ebenfalls 13.30 Uhr ab Gießen.

** Der Butzbach-Licher Kraftwagen- verkehr erfährt vom 2.Juni ab einige Fahrplan­änderungen, über die in unserem heutigen Anzeigen- teil Näheres bekanntgegeben wird.

* Eine Schweine zwischenzahlung findet am 2. Juni statt. Die Stadtverwaltung macht in einer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil darauf aufmerksam.

Die Wahlen der Gießener Stu­dentenschaft für die Aemterbesehung im Sommersemester 1930 hatten folgendes Ergebnis Zusammensetzung des Engeren Ausschusses: 1. Vorsitzender: stuck, iur. Ludwig 3ung, 2. Vor­sitzender: stuck, iur. et rer. pol. Ludwig Fritz, 1. Schriftführer: stuck, iur. Hermann Schneider, 2. Schriftführer: stuck, phil. Karl Drechtel, 1. Kassenwart: Hans Fritz Schuster, rer. nat., 2. Kassenwart, stuck, phil. Paul Sonnet, Bei­sitzer: stuck, theol. Paulus North: Grenz- und Auslandamt: stuck, med. vet. Konrad Wind­hausen: Vergünstigungsamt: stuck, theol. Chri­stian Semler; Kulturamt und Amt für politische Bildung: stuck, med. Ernst Haas: Presseamt: Amtsleitung: stud. med. Georg Heß, Abt. Nach­richten: stud. phil. Walter Graes, Abt. Lesehalle: stud. phil. Heinrich Hübner, Abt. Archiv: stud. theol. Heinrich Schäfer, Abt. Nachrichtenblatt: Valentin Friedrich, stud. iur. et rer. pol.; Amt für Leibesübungen: Walter Loh, stud. med. vet.; Fachamt: stud. theol. Oskar Wendnagel; Aelteste Der Studentenschaft: cand. theol. Erich Schmidt, cand. theol. Kurt Davidson; Entlastungsausschuß: cand. iur. Ludwig Klaus, cand. theol. Kurt Davidson, cand. iur. Paul Ningshausen; Diszi- plinarvertreter: aus den Korporationen: stud. torest. Paul Karpf, Vertreter: Dr. Erwin Kayser, stud. iur. Ludwig 3ung; aus der Freistudenten­schaft: cand. med. Fritz Becker, Vertreter: cand. iur. Erich Puttmann, stud. phiL Karl Drechtel.

** Maienblasen. Das am morgigen SamS- tag stattfindende Maienblasen vom Turm der 3o-

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Aus der provinzialhauptfiadi.

. Gießen, den 30. Mai 1930.

Warnung für Kraftfahrer!

Der Motor-Zylinder muh die Jabritnummer tragen!

DaS hessische Innenministerium teilt mit: Bei der Derkehrskontrolle ist wiederholt beobachtet worden, daß eine große Zahl von Kraftfahr­zeugen, insbesondere Motorräder, auf dem Zy­linder nicht Die F a b r i t n u m m e r d e r A n- triebsmaschine tragen, wie dies durch § 4 Absatz 5 der Karstfahrzeugverordnung vom 16. März 1928 vorgeschrieben ist. (Die Vorschrift gilt auch für vor dem 16. März 1928 zum Derkehr .ugelafsene Fahrzeuge.) Für daS Dorl^ndensem der Fabriknummer auf den Zylmdern sind Füh­rer und Halter des Kraftfahrzeugs strafrechtlich verantwortlich. Damit soll verhindert werden, daß die Zylinder gegen solche mit größerem Hub- raum ausgewechselt werden und auf diese Weise Steuer hinterzogen wird. Besonders bei Kraft­rädern hat man diese Beobachtung gemacht. Wit Dem Vorhandensein der Fabriknummer auf dem am Fcchrgestell oder im Motorgehäuse ange­brachten Typenschild ist der Vorschrift des § 4 keineswegs genügt. Bei der Zulassung der Fahr­zeuge ist darauf zu achten, daß die Aabriknummer (die mit der in der Zulassungsbescheinigung ein­getragenen Nummer übereinstimmen muh), aus dem Zylinder ober dem Zylinderblock selbst ein­geschlagen ist. Um unnötigen Aufenthalt bei Derkehrskontrollen zu vermeiden, muh jeder Kraftfahrer zweckmähiaerweise wissen, an welcher Stelle des Zylindvrblocks die Nummer einge­schlagen ist.

3n diesem Zusammenhänge sei auch darauf hingewiesen, daß die zur Erleichterung der Der- kehrSkontrolle eingeführten farbigen Kon­trollzettel keinen Anspruch auf Befreiung von einer Nachkontrolle bilden. Art und Umfang Der Nachprüfung ist vielmehr stets dem pflicht­gemäßen Ermessen des kontrollierenden Beamten anheimgegeben. Der zur Verfolgung von Auto- diebstsihlen oder Schwarzfahrten unter Umständen auch ein am gleichen Tage bereits kontrolliertes ^Fahrzeug nochmals gründlich nachkontrollieren mutz.

Loh. Strauß-Konzert.

Wenn in einem größtenteils verregneten Mai am Himmelfahrtstag das Wetter warm unb fchön ist unb der erholungsbedürftige Stadtmensch den größ­ten Teil des Tages im Freien verbracht hat, wenn außerdem noch ein Sportfest die sportbegeisterten Mensck)en in Spannung gehalten hat, wenn also an solch einem Tage unsere Dolkshalle bis auf den letz­ten Platz ausoerkauft ist, weil das Wiener 3 o Hann-Strauß-Orchester spielt, bann ist Damit eigentlich schon dokumentiert, daß diese Sache, noch bevor ein Ton erklungen ist. ein Ereignis freudigster Art für Gießen werden mußte. Und sie wurde es auch. Wiener Musik: Walzer mit Schwung unb Schmiß, Ouvertüren, Operettenfantasien und am Schluß lustige Märsche spielte uns Johann Strauß III., der Enkel von Strauß (Vater), mit fei­nem ausgezeichneten Orchester vor. Verfolgt man den Lebensweg Johann Strauß' HL, wie er im Programm geschildert war, so kann man nur mit- der größten Befriedigung feftfteUen, daß dieser Mann durch eine gütige Fee aus den, sicher ebenso wie bei uns, nüchternen Amtsräumen des öster­reichischen Ministeriums für Kultus und Unterricht sanft aber sicher hinausgeleitet worden ist an eine Stelle, die für ihn in jeder Beziehung geschaffen war: Als hervorragender Interpret der Werke sei­nes Großvaters und Onkels (Ioh. Strauß-Sohn).

3n welcher Weife 3oh. Strauß III. sein eige­nes Orchester, mit dem er seit einigen 3ahren wie­der reist, erzogen hat, ist erstaunlich und verrät ihn als einen Orchestererzieher von höchstem Ncmg. Die ans Fabelhafte grenzende Gleichmäßigkeit

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hanncslirche beginnt schon u m 1 8 h r. ES werden folgende Stücke zu Gehör aebracht. 1. Ehoral: .Nun danket all und bringet Khr", von 3ohann Erü- ger, 1647. 2. ,3m Reich der ©ferne, von X Zwhssig. 3. .Deutschland, Deutschland über aHct", von Joseph Haydn, 1797.

Entgleisung eines Straßenbahn­wagens. Gestern abend nach 20 Uhr entgleiste in der Schulftraßc zwischen der Engelapothekc und der Kaplaneigasse ein Änhängewogen der Straßen­bahn. Der Anhänger fuhr auf das Trottoir und nach kurzer Entfernung wieder auf den Fahrdamm. Mit den Aufgleisungsarbeiten' wurde sofort begonnen, so dgß die Verkehrsstörung bald wieder behoben war. Erfreulicherweise ist bei dem Vorfall nichts weiter passiert.

Dlindenkonzert. Am vorigen Montag­abend fand im Cafe Leib ein Konzert deS er­blindeten Pianisten Hugo Kander-Del- den unter Mitwirkung von Frau Kander-Del- Den statt, das außerordentlich gut besucht war. Der erblindete Künstler, ein Schüler Taver Schar- wenkaS. verfügt über vortreffliches technisches Können und feine« musikalisches Empfinden. Er verstand es, sämtlichen Kompositionen eine per­sönliche Note zu geben; besonder- angenehm fie­len die starke Verinnerlichung und anderseits die exakte Ausnutzung aller klangtechnischen Möglichkeiten auf. Der Künstler brachte Tverke von 3. S. Dach, Beethoven und Lißt, die sämtlich sehr beifällig ausgenommen wurden. Außerdem las Frau Kander-Delten auS eigenen Dichtun­gen und erntete damit ebenfalls reichen Beifall.

Hessen-Besuch an der Wasser­kante. Man schreibt uns: Die Landsmannschast der Hessen in Hamburg, deren Streben es ist, die hessische Heimat in gebührendem Gedenken zu halten, veranstaltet in der Zeit vom 10. bis 14. 3uli eine Hessen-Hamburg-Helgoland-Fahrt, um eine Zusammenkunft der hessischen Lands­leute mit den Mitgliedern der Landsmannschaft bet Hessen in Hamburg herbeizusühren. Die Fahrt wird von der Hamburg-Amerika-Linie organisiert und ausgeführt, und zwar mit Son«* derzug zu billigem Preise. Die Teilnehmer der Fahrt haben Gelegenheit, die wichtigsten Sehens­würdigkeiten Hamburgs, wie z. B. HagenbeckS Tierpark, Elbtunnel, Hafen (unter Einschluß einer Besichtigung des Hapag-DampfersNeuyork"), Alsterrundfahrt, städtische Sehenswürdigkeiten usw. kennenzulernen. Am 12.3ult findet in der Stadthalle unter Mitwirkung prominenter hessi­scher Persönlichkeiten ein Hessenabend statt. Die Helgolandsahrt mit dem Turbinenschnelldampfer Kaiser" findet nachts statt, um den Sonnen­aufgang in Helgoland bewundern zu können. Auf dem Schiff wird eine venezianische Nacht arrangiert, mit Tanz, Dorträgen und großer Tombola. Anmeldungen und sonstige Anfragen sind an die Hamburg-Amerika-Linie in Gießen zu richten. Näheres in der Anzeige vom vorigen Mittwoch.

(Schluß Des redaktionellen Teils.)

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