Nr. 100 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Mittwoch, 50. April 1950
politische und militärische Kriegsvorbereitungen der Entente seit -1907.
Don Or. Gustav Wolost, o. ö. tzsofeffor der Geschichte an der Universität Gießen.
In allen Untersuchungen zur Entstehung des Weltkriege« muh eine hervorragende Rolle die Frage nach dem Zusammenschluß zwischen Frankreich, England und Ruh- land spielen, zu dem der «rtze Schritt bekanntlich schon ein Jahrzehnt vor dem Kriege (8. April 1904) geschah. Wenn, wie früher einmal an dieser Stelle dargetan, die englisch-französische Entente eine deutliche Spitze gegen Deutschland enthielt, so -eigen neue englische und russische Quellen, daß auch die englisch-russische (31. August 1907) einen offensiven Charakter trug. Zwar enthielt das Abkommen nur Bestimmungen über »entralasiatische Fragen. Tibet. Afghanistan. Persien, d're die europäischen Mächte wenig berührten, aber ihre mittelbare Wirkung äußerte sich sofort am wichtigsten Brennpunkte der internationalen Politik, im Orient.
Bis dahin hatten Oesterreich und Rußland danach getrachtet, jede Rivalität auszuschalten und gemeinsam den bestehenden Zustand aufrccht- zuerhalten, so daß ein internationaler Konflikt nicht entstehen konnte: im Iahre 1903 hatten sie im „Mürzsteger Programm" sich ausdrücklich auf diese Politik festgelegt. Seit dem Abkommen mit England ließ sich die russische Politik, geführt von Iswolski, verleiten, diese Richtung aufzugeben. In Asien hatte Rußland dem großen Rivalen erhebliche Zugeständnisse machen müssen — Afghanistan zum Beispiel, um das man viele Jahrzehnte lang einen lebhaften diplomatischen Kamps geführt hatte, hatte es völlig an England anSIiesern müssen — dafür stellte England in Aussicht, die Wünsche Rußlands nach der Durchfahrt seiner Kriegsschiffe durch die Dardanellen, je nach Beherrschung der Dalkanhalbinsel, unterstützen zu wollen. Man könne den Russen in dieser Hinsicht weit entgegenkommen, ohne die englische Stellung int Mittelmecr zu gefährden, sagte ein Gutachten der Admiralität. Die englische Regierung war sich dabei nicht im Zweifel, daß sie mit dieser Verheißung ein gefährliches Spiel trieb: die in der russischen Ration lebende panslawistische Idee, die ja nicht bloß die Herr- fchast über den Balkan, sondern auch die Bereinigung aller Slawen unter russischer Führung erstrebte, mußte hierdurch einen gewaltigen Antrieb erfahren. Und der Panslawismus war nicht allein der wirtschaftlichen Tätigkeit der Mittelmächte auf der Balkanhalbinsel feindlich, er be- driHte sogar direkt den Ländcrbestand Oesterreich- Ungarns.
Die sriedensgefährliche Wirkung der neuen russisch-englischen Beziehungen zeigte fid^ sogleich bei einem durchaus legalen wirtschaftlichen Plan Oesterreich-Ungarns. Zu den Rechten, die der Wiener Regierung durch den Berliner Kongreß (1878) übertragen worden waren, gehörte die Befugnis. durch den Sandschak, das Land zwischen Serbien und Mazedonien, eine Eisenbahn nach Süden zu bauen, um dies zurückgebliebene Gebiet zu entwickeln und weiter Griechenland in bessere Verbindung mit Mitteleuropa zu bringen. Der Plan, der im Iahre 1907 entworfen wurde, entsprach dem Mürzsteger Programm, denn er sollte der Donaumonarchie nicht etwa einen politischen Machtzuwachs bringen, sondern den bestehenden Rechtszustand stärken, dadurch, daß er durch Schaffung wirtschaftlicher Werte die ewigen Unruhen in jenem Gebiete verminderte und der türkischen Regierung mit besseren Verkehrsbedingungen die Möglichkeit gab, eine geregeltere Verwaltung herzustellen. Um jeden Vorwurf, das Mürzsteger Programm verletzt zu
haben, auszuschließen, teilte A e h r e n t h a l. der Minister des Auswärtigen, der Petersburger Regierung sein Vorhaben mit lIonuar 1908), und als er einen Widerspruch nicht erfuhr, versicherte er sich auch noch der Zustimmung Frankreichs, des russischen Bundesgenossen. Die französische Regierung versprach sogar, den Plan m Konstantinopel lebendig unterstützen zu wollen. Erst nach diesen Vorbereitungen trat Aehren- t h a l mit seinem Projekt an die Oeffentlichkeit, (27. Ianuar 1908), mußte aber zu seiner Ueber- raschung erfahren, daß Iswolski sich sofort dagegen aussprach, und daß die russische Presse es aufs heftigste angriff. Ia, wir wissen jetzt aus Veröffentlichungen der Sowjetregierung, daß er sogar die Möglichkeit erwogen hat. durch einen Krieg den österreichischen Bahnbau zu verhindern, aber diesen Gedanken vor dem kategorischen Widerspruch des Ministerpräsidenten Stolypin, der Rußland für unfähig zum Kriege erllärte, aufgcben mußte. Also nicht Rücksicht auf das internationale Recht, sondern die Schwäche Rußlands hat damals den europäischen Frieden gerettet. Der Grund für den Ge- finnungswechsel Iswolskis war die Einwirkung Englands: noch der Mitteilung eines Tellneh- mers an den entscheidenden russischen Beratungen hatte der englische Botschafter R i c o l - s o n Unterstützung in einem Konflikt mit Oesterreich in Aussicht gestellt und direkt zur Eroberung Konstantinopels aufgcmuntert. Diese Ratschläge veranlaßten Iswolski zu dem Entschluß, der Absicht Aehrenthals Steine in den Weg zu werfen, der ihm die voraussichtlich
damit verbundene Erstarkung der Psorte nicht wlllkommen war. Der „Mechanismus der Entente" bewährte sich sofort: die französische Prelle erging sich trotz jener Zusage der Regierung, in scharten Angriffen gegen die Wiener Regierung, der die Wahrnehmung ihres guten Rechts als Illoyalität gegen Rußland ausgelegt wurde. Daß die englische Prelle in dasselbe Horn stieß, ist selbstverständlich. Damals bereits bewährte sich die große propagandistische Fähigkeit der publizistischen Wortführer der Entente, Recht als Unrecht erscheinen zu lassen.
Wenn so Rußland daraus verzichten muhte, dem österreichischen Projekt, das allerdings infolge der späteren Balkanwirren nicht auSge- führt worden ist, gewaltsam in den Weg zu treten, so blieb die allgemeine Richtung der russischen, wie der englischen Politik unverändert. Unmittelbar nach dieser Episode drängte die englische Regierung in Petersburg darauf, daß Rußland seine Armee wiederherstelle, um bei dem in absehbarer Zeit bevorstehenden deutschenglischen Konflikt als Schiedsrichter auftreten zu können, und auf welchen fruchtbaren Boden diese Mahnungen gefallen sind, ist bekannt. Ungeheure Summen hat Rußland für militärisch« Zwecke geopfert und eine stehende Armee, größer als die Deutschlands und Oesterreichs zusammen, geschaffen, und daß diese Massen zum Angriff auf die Mittelmächte bestimmt waren, geht aus den gleichzeitigen Eisenbahnbauten hervor. Dis zum Iahre 1903 hatte Rußland entsprechend dem Vorherrschen der ostasiatischen Richtung in seine Politik in Europa nur wenig neue Bahnen geschaffen, dagegen in Asien eine große Tätigkeit entwickelt: nach dem japanischen Kriege und dem Anschluß an England kehrten sich die Derhältnisse um. Wie eine sorgfältige Untersuchung von Major Günther Frantz, dem wir schon mehrere tief eindringende Arbeiten über die militärischen Vorbereitungen Rußlands verdanken, nachweist, legte
Europas größte Betonbogenbrücke.
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MM
Die Vetonvrucke von Eschetsbach vei Oberammergau, die von Kardinal Faulhaber (im Kreis) feierlich emgeweiht wurde. — Die Brücke, die sich in einer Breite von 130 m und einer Höhe von 75 m über die Ammer wölbt, ist die größte Betonbrücke Europas.
Oer neue Präsident des Deutschen Gänaerbundes
Geheimrat Dr. Hammers chmidt wurde bei den Neuwahlen auf dem Deutschen Sängertag in Leipzig zum Präsidenten des Deutschen Sängerbundes gewählt. Geheimrat Hammerschmidt war bisher der provisorische Präsident des Bundes.
die russische Regierung seitdem den höchsten Wert darauf, daS europäische Eisenbahnnetz durch Verbindung des Ostens mit dem Westen auszugestalten 'Berliner Monatshefte für internationale Aufklärung, Märzheft). Ramentlich galt es, das riesige Wolga- und Kamagebiet, sowie Sibirien mit den Landschaften östlich der Weichsel und des Rarew, die als Aufmarschgebiet gegen Deutschland in Aussicht genommen waren, -m verbinden: mehrere neue Brücken über die Wolga, eine neue Strecke über den Ural, mehrere Verbindungsbahnen zwischen den großen, von Osten nach Westen laufenden Bahnen wurden geschaffen, mehrere eingleisige Bahnen in zweigleisige umgewandelt, und vieles andere, das 1914 noch nicht vollendet war, war noch geplant, ileberall dominierte nicht der wirtschastliche, sondern der strategische Zweck, was schon daraus hervorgeht, daß bei vielen Entwürfen der französische Generalstab zugezogen wurde und nicht selten das entscheidende Wort sprach. Mit besonderem Rachdruck geschah das im Iahre 1913, als Frankreich eine Anleihe von 2,5 Milliarden Franken bewilligte unter der ausdrücklichen Bedingung, daß binnen 4 Iahrcn bestimmte Bahnen von strategischer Wichtigkeit vollendet fein müßten: eine Verpflichtung, die die russische Politik bis zu gewissem Grade von der französischen abhängig machte.
Bezeichnend ist auch die Eile, mit der die ftan- ?ösische Regierung den Bahnbau verlangte, hat ich doch Poincare als Präsident der Republik wiederholt persönlich nach dem Stand der Arbeiten erkundigt. Offenbar stand dies Drängen der französischen Regierung im engsten Zusammenhang mit ihrer eigenen Rustungspolitik. Soeben hatte Poincare gegen starken Widerstand die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit durchgeseht, und allgemein war die Lieberzeugung, daß Frankreich die- neue Last nur wenige Iahre tragen könne: der Argwohn drängt sich auf, daß Poincare die feste Zuversicht hegte, daß in dieser kurzen Frist der große Krieg ausbrechen werde. Damit vereinigte sich vortrefflich die Forderung, daß die russischen strategischen Dahnen bis 1917 vollendet fein mühten: bis dahin konnte Frankreich die dreijährige Dienstzeit schon ertragen, und so konnten Frankreich und Rußland voll gerüstet in den Krieg eintreten. S o
Gießener Gtadttheaier.
Goethe: „Clavigo"
„Solch einen Quark mußt du mir künftig nicht mehr schreiben, das können die andern auch."
Merck über „Elavigo" zu Goethe.
Die Entstehung dieses bürgerlichen Trauerspieles ist, ähnlich wie später beim ,Zerbrochenen Krug" von Kleist, einem halben Zufall zu verdanken. Der äußere Anlaß jedenfalls zu einer fast spielerischen Diederschrift des Werkes innerhalb von acht Tagen im Mai des Iahres 1774 sand sich gelegentlich der Freitagsgeselllchasten im Goetheschen Hause zu Frankfurt. Der junge Dichter las eines Abends aus den Memoiren deS „avanturier fran^ois“ P. A. C. de Beau- marchais vor, der damals viel von sich reden machte. Hier fand sich ein „Fragment de mon voyage d'Espagne“, welches in Grundzügen die ganze Fabel zum „Clavigo" enthielt.
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® oct h e selbst fühlte sich zu einer dramatischen Bearbeitung des Stoffes sogleich angeregt. Viel- leicht schwebte ihm zunächst dabei nur eine günstige Gelegenheit vor, den Tadlern feines ersten Dramas, des »Götz von Berlichingen", wirksam -u begegnen, wofür eine aus jener Zeit ftam- m«nbc Bemerkung spricht, er möchte ein Drama Ausfuhren" schreiben, „damit die Kerls t a nur an mir liegt. Regeln zu be
obachten und Sittlichkeit, Empfindsamkeit darzustellen.'
. ton Clavigo-Stofs betraf, so bestärkte ihn :n tot Ausführung ein blutjunges, literarisch MleressterteS Fräulein namens Anna Sibylla x» o ’ Elches dreimal hintereinander durch rt.. zu Goethes Partnerin im damals beliebten Mariagespiel bestimmt worden war, und das sogar bet Frau Rat als wirlliche Schwie- ^rtochtcr nicht unwillkommen gewesen sein soll.
unö gut: Goethe machte sich anheischig, oa» Theaterstück bis zur nächsten Zusammen- mnft geschrieben zu haben und brachte es wahr- tofhg auch zustande.
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3^3 die oben zitierte Kritik des Darm- IKWier freundes Merck angeht, so würden wir ha rmU* *e — ahne die offenbaren Schwächen 0 .®£rfe£ zu verkennen — immerhin etwas zurückhaltender ausdrücken: ja .wir könnten uns freuen, wenn heute einer in unserer, an guten Dramen armen Zeit ein solches Schauspiel leichten, gleichsam als Gesellschaftsspiel, in ein paar f !9c’}nictorfd)riebe. Herr Beaumarchais selbst vat den .Elavigo" übrigens in einer süddeut
schen Aufführung gesehen und sich geradezu verletzend über das Stück und feinen Verfasser geäußert.
Man muß versuchen, die Maßstäbe anzulegen, die Goethe hier zukommen. Unb wenn man auch sieht, daß das Werk, welches aus der stürmischsten, reichsten und genialsten Schaffensperiode Goethes hervorgegangen ist, künstlerisch nicht zum Reifsten gehört, was er hinterließ, — so muh man andererseits sich erinnern, daß das Stück doch wiederum nicht ganz so zufällig und spielerisch in die Welt gekommen ist, wie eS auf den ersten Blick scheinen mochte.
Es standen auch innere, seelische Kräfte hinter der schier überstürzten Schöpfung, sie sollte nicht allein eine zuchtvolle Bewährung der Form und des handwerklichen Könnens über den viel genialer?! und bedeutenderen Götz" hinaus fein, fon- dcr z g eich au , w.sent id.ss n V i. >r'olu g eine zweite Deichte und celbftantlage in der Erinnerung an Friederike Brion. In der Gestalt des Elavigo sollte sich noch einmal der Weis- lingen wiederfinden, und aus beiden spricht Goethe selbst, der treulose Liebhaber, der das verlorene Glück von Sesenheim nicht vergessen konnte.
Goethe hat ausdrücklich den Elavigo einmal einen unbestimmten, halb großen, halb kleinen Menschen genannt, „das Pendant zum Weislingen im Götz, vielmehr Weislingen selbst". Und in der eben berührten persönlichen Beziehung liegt schon fast alles beschlosfen, was das Werk noch heute für uns bedeutsam und wesentlich macht: es wird damit, wie so vieles andere bei Goethe, zum „Bruchstück einer großen Eonfession". Der innere Anlaß zur Fabel ist uns heute längst wichtiger geworden als die Fabel und ihre Gestalten selbst. Uns erscheint Elavigo gar nicht mehr als ein „halb großer" Mensch, sondern nur als ein sehr unbestimmter und Heiner, ein passiver, untätiger, schwächlicher „Held", scheiternd an feiner Liebe nicht fo sehr durch die „Kabale" der Umwelt als durch die Unzulänglichkeit feines Charakters, der wie ein schwankes Rohr im Winde hin und her geworfen wird und nicht die Kraft aufbringt, fein Schicksal aus eigenem Willen zu formen.
Bei der Fragwürdigkeit der psychologischen Linienführung ist der eigentliche Äonflilt, der Goethe vorschwebte, minder herausgearbeitet: die Tragödie des ehrgeizigen „politischen" Menschen tritt zurück hinter der Marientragödie, dem bürgerlichen Trauerspiel vom doppelt verlassenen und verratenen Mädchen aus einfachem Stande: auch hinter der Intrigenhandlung. deren Träger.
ein böser Geist wie der Schillersche Sekretarius Wurm, Clavigos Freund Carlos ist: für ihn hatte übrigens Merck Modell gestanden, der freilich mit dem Porträt so wenig zufrieden war wie mit dem ganzen „Quark".
Der Wemoirenschreiber Beaumarchais hatte die Einführung des Zweikampfes (für den man auf shakespearesche Einflüsse aus dem „Hamlet" hin- Siefen hat) und des Degräbnisses mit groben rten getadelt und sachlich auch kaum gan- unrecht gehabt. Doch sollte man trotz allen Einwänden, die früher und später gegen den „Ela- vigo" gemacht worden sind, nicht verkennen, wie groß tatsächlich in der Form der Fortschritt über den „Götz" hinaus gewesen ist, und ein wie blendendes und wirksames Theaterstück doch in der lächerlich geringen Zeit zustande gebracht worden ist: ein Stück für Schauspieler und Publikum, und mit einem zweiten Akt vor allem, der rein bühnenmäßig zum Stärksten gehört, was der junge Goethe als Dramatiker geschaffen hat. —
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Die Aufführung, die sehr gute Eindrücke hinterlieh, trug den nicht alltäglichen Charakter einer Abschiedsfeier Trude Heß, die Marie Beaumarchais, Franz Arzdorf, der Clavigo, und Hans T a n n e r t, der die Aufführung leitete und den Beaumarchais spielte, werden uns verlassen. Rach den Leistungen, die sie gestern gezeigt haben, steht man sie doppelt ungern scheinen, wir wissen, daß sie alle drei hier in Gießen eine gute Schule gehabt haben, wir wünschen ihnen Glück und sind überzeugt, daß sie ihren Weg machen werden.
Die Regie war auf strenge Stilisierung gerichtet und trug mit der eindringlich betonten Raumgliederung ein visuelles Gepräge. Es war eine Szenengestaltung fürs Auge: im Bildhaften waren die Grundelemente des Dramas sinnfällig angedeutet. Die horizontale Zweigliederung der Bühne in Oben und Unten charakterisiert die soziale Schichtung im Spiel und Gegenspiel, die Trennung der „gemeinen“ und der höfischen Sphäre, symbolisiert das bürgerliche Trauerspiel „Elavigo". Die steil hochgeführte Treppe wiederum ist hier mehr als ein beliebt gewordener Regieeinfall: in der vertikalen Aleberfdynei- dung ist die politisch« Linie des Dramas angedeutet, der Weg zur Höhe, den Elavigo nach des Carlos Willen Vollender sollte und nicht bezwingen kann.
Im Einzelnen waren der Stil und die genialische Gebärd« des jungen Goethe sehr wohl getroffen; die theatralischen Qualitäten des Wer
kes wurden zu starker Wirkung gebracht: in diesem Sinne erschienen der zweite und vor allem der vierte Akt nicht nur dramaturgisch, sondern auch darstellerisch als entscheidend« Höhepunkte der durchdachten und innerlich abgewogenen Aufführung.
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In der Titelrolle sah man Arzdorf, und es war erstaunlich, was er aus der ganz passiven, schwankenden, unklaren (und im Grunde auch unsympathischen) Gestall dieses merkwürdig unmännlichen Helden heraushvlte; er spielle den Clavigo als einen elegant-geschmeidigen Höfling, aber mit gutem Instinkt weniger auf den politischen Prätendenten als auf den reuevollen Liebhaber hin, womit er zugleich die Rolle von ihrer ergiebigsten Seite her anpackte und auch die sehr persönliche Beziehung des Werkes zu seinem Schöpfer wenigstens andeutete. Arzdorf hat- sich mit dem Clavigo einen vortrefflichen Abgang gesichert.
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Tannert gab dein Beaumarchais eine ernste, ehrenhafte Männlichkeit und soviel Zurückhaltung, wie es diese (traditionell nicht gerade glücklich fest» gelegte) Rolle zuläßt, und ohne in die allemal peinlichen, wenn nicht lächerlichen Allüren eines los- gelasienen Rachegeiftes zu verfallen. Ausgezeichnet gelang ihm die ganz von feiner verhallenen Energie bestimmte, innerlich schwingende Diktatszene tm zweiten Akt.
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Trude Heß spielle die Rolle der jungen Marie, deren Gretchencharakler durch die mangelnde Aktivität noch mehr beeinträchtigt wird als die Titelpartie. Sie spielte sie untadelig, aber man hätte gewünscht, die Schauspielerin zum Abschied vor eine Ausgabe gestellt zu sehen, die ihr mehr Spielraum un^ Entfaltung geboten hätte als die rührende, „sentimentalische", sanfte und blasse Liebhaberin in Seufzern und Tränen, in Schwache und jähem Verloschen.
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Sine große Leistung zeigte an diesem erfreulichen zlfaenb Hans H a i s, der den Carlos gab und mit ihm vor allem den vierten Akt nicht nur zu einem blendenden Schauspiel steigerte, sprühend vom Geiste des Sturmes und Dranges, — sondern auch ZU einer ideellen Deutung des Liebesdramas entwickelte, als das der „Clavigo" ja doch immer zunächst empfunden und verstanden werden wird.
In den Nebenrollen wirkten Maria Koch (Sophie), Hans H a e f e r (Buenco) und Friedrich Zingel (Gullbert) korrekt und angemesien. —
Das nährend der Ausführung recht unruhige J)aus bereitete zum Schluß den ausscheidenden Dar, stellerg eine herzliche Ovation, htk


