denn unter den Generalkonsulaten steht daS von Reuyork yit 54 000 Mk. Gehalt für den Generalkonsul an erster Stelle, während der Generalkonsul in Chicago 46000 Mk., imd der Konsul in Boston 39 000 Mk. beziehen. In der Reihe der Botschaftergehälter folgt nach Washington Londo n mit 117000 Mk.. Madrid mit annähernd der gleichen Summe. Moskau mit 113000 Mk. Gehalt, und die beiden Botschafter in Rom mit je 104 000 Mk.. während der Botschafter in Tokio ein Gehalt von 100 000 Mk. erhält. 3m ganzen sind es sieben Posten des auswärtigen Dienstes, die mit 100 000 Mk. und mehr dotiert sind.
Selbstverständlich müssen auch die Gehälter des übrigen Dotschafterpersonals denen des Botschafters angepaht sein. So erhält der B o t s ch a f t s - r a t in Washington 47 000 Mk.. also damit wesentlich mehr als z. D. der deutsche Gesandte in Kowno. der mit 33 000 Mk. durchkommen mutz. So hoch die Gehälter im einzelnen erscheinen mögen. so darf man nicht vergessen, datz die Diplomaten gezwungen sind, sich in gewissen Grenzen den Aufwendungen der führenden Oberschicht des betreffenden Landes in ihrem gesellschaftlichen Leben anzupassen.
Die innerpolitische Lage.
Parteien und Nationalsozialismus. Das Programm des Reichskanzlers.
Berlin, 27. Dez. Es war schon seit langem anzunehmen, daß die innerparteilichen Auseinandersetzungen bei bester Gelegenheit wieder aufflackern würden. Manche Auslassungen führender Partei- Vertreter zum Weihnachtsfeste lassen nun darauf schließen, daß im Zusammenhang mit der Stellung zum Nationalsozialismus bald nach Neujahr neue Spannungen aufkommen werden, die nach mancher Richtung hin für die weitere Entwicklung der Parteien von entscheidender Bedeutung sein dürften. In politischen Kreisen rechnet man jedenfalls damit, daß nach Beendigung der Genfer Ratstagung vor allem im Streite um die Außenpolitik eine neue innerparteiliche Spannung aufkommen wird, die vor allem b e i der Bolkspartei eine große Rolle spielen dürfte, insofern, als in dieser Partei bestimmte Kreise auf eine Annäherung an den N a - tionalsoziali smus drängen, und in diesem Zusammenhänge auch eine Veränderung im Reichsaußen mini st erium verlangen.
Weihnachtsauslassungen des Generals von Seeckt, in denen er ohne Einschränkung für eine Zusammenarbeit- mit den Nationalsozialisten eintritt, werden aber nicht als Ansicht der ganzen Dolkspartei gewertet. Die Nationalsozialisten selbst lehnen jedoch eine Regierungsbeteiligung ab, sie wollen zunächst auf Neuwahlen hinarbeiten, von denen sie sich ein weiteres Anwachsen versprechen, wobei sie auch einen großen Wert auf das angekundigte Volksbegehren in Preußen legen.
Der Reichskanzler ist entschlossen, unabhängig von allen Parteien sein Sachprogramm durchzuführen. Er wird im Februar die Etatsberatungen des Reichstages abwarten, dem zu gleicher Zeit verschiedene weitere Gesetze vorgelegt werden, die das Reichskabinett zur Ergänzung seines Sanierungsprogramms in der zweiten Hälfte des Januar verabschieden will. Die Inkraftsetzung dieser Gesetze soll unter allen Um st an den durchgesetzt werden, doch wird die Entscheidung darüber, ob auch diesmal wieder außergewöhnliche Mittel in Anwendung gebracht werden müssen, erst dann fallen, wenn sich die Lage im Reichstage einigermaßen überblicken läßt.
Das personal der Sozialversicherungen.
Berlin. 27. Dez. (BD.) Die vielseitigen Aufgaben der deutschen Sozialversicherung zwingen den Staat für diese Zwecke einen ausgedehnten Beamten- und Angestelltenstab »-> erhalten, der nach einer Feststellung des Deuts hm Beamtenbundes insgesamt etwa 50 000 Personen ausmacht. Die Arbeitslosenversicherung verfügt
Gießener Stadttheater.
Maurice Rostand:
„Der Mann, den sein (Gewissen trieb".
Dieses Schauspiel* von Rostand, dessen Urform eine schon dor mehreren Jahren erschienene Novelle ist, muß zu den wertvollsten und ernsthaftesten Bühnenwerken gezählt werden, die in letzter Zeit aus Frankreich bei uns einaeführt worden und auf dem Theater erschienen sind.
Hier haben wir die Kundgebung eines wirklichen Dichters und eines vorbildlich gütigen und reinen Menschen, dem kein anständig denkender, ehrlich und vernünftig empfindender Zuhörer Achtung und Anerkennung wird versagen dürfen.
Dieses Drama entstand aus einer leidenschaftlichen und lauteren Gesinnung, die in klarer Erkenntnis der politischen und kulturellen Nöte unserer zerrissenen und aufgewühlten Zeit den starken Willen bekundet, zu helfen, zu bessern, zur gegenseitigen Verständigung und Annäherung beizutragen und einen Weg zu weisen in eine befriedete Zukunft.
Es ist kein Zweifel, daß gerade heute viel Mut zu einer derartigen Kundgebung gehört — in einer Zeit, wo man weniger denn je bereit scheint, Meinungsverschiedenheiten politischer oder weltanschaulicher Art mit friedlichen und ritterlichen Mitteln, in anständiger und geistiger Form auszutragen und beizulegen.
Zu solchem Mut gesellt sich — bei aller Hinge- gebenheit an die Idee, die hier vorgebracht und verteidigt wird — eine geradezu vorbildliche Objektivität, welche leidenschaftslos bemüht ist, beiden „Parteien" gerecht zu werden, die sich hier gegen- übertreten. Was das bedeutet, wird jeder einsehen der sich klarmacht, daß die „Parteien", in diesem Falle Deutsche auf der einen und Franzosen auf der anderen Seite sind. Und obwohl Rostand Fran- zose ist, hat er es verstanden, die Sache des Friedens und der Verständigung feindlicher Völker so zu führen, daß hüben wie drüben die (selbstver- ständliche) Haltung nationaler Würde nirgends ver- letzt wirb.
Der Mann, den fein Gewisien trieb, ist em junger Franzose Marcel, der im Kriege (bewußt
* in einem Vorspiel und drei Akten; für die Bühne bearbeitet von Karl Lerb s; Drei-Masken- verlag A.-G„ «Berlin N24. — (397 )
über 15 000 Arbeitskräfte bei 17,5 Millionen Versicherten. Die Angestelltenversicherung zählt 900 Beamte bei 3.4 Millionen Versicherten und die Invalidenversicherung rund 5000 Beamte, die 18 Millionen Versicherte zu betreuen haben. In derKrankenversiche- rung sind 22 000 Beamte beschäftigt, während 22 Millionen Versicherte erfaßt werden. Man hat ausgerechnet, datz von 20 Beamten im Iahr 160 000 Personen abgesertigt werden. Es folgt dann schließlich noch die Llnfallversiche- rung, die 5700 Personen zählt und annähernd 26 Millionen Versicherte aufweist.
Die Trauerfeier für Eduard David.
Berlin, 28.Dez. (WTD.) In der Halle des Parkfriedhvses zu Lichterfelde fand die Trau-r- feier für den verstorbenen Reichsminister a. D. Dr. David statt. Reichskanzler a. D. Muller zeichnete das Lebensbild des Verewigten als
eines Kämpfers, Politikers, Staatsmannes, eines lauteren und ehrenhaften Menschen, verläßlichen Freundes und treuen Kampfgefährten. Reichs- wehrminister Dr. G r o e n e r widmete dem Verstorbenen namens der Reichsregierung einen letzten Gruß und legte einen Kranz am Sarge nieder. Dr. Groener unterstrich die vaterländische Gesinnung, die der Verstorbene mit der Wahrung seiner parteipolitischen Lleberzeugungen in vollkommener Einheit zu verschmelzen wußte. Reichstagspräsident Lobe sprach im 21 amen des Reichstags, der Interparlamentarischen Union und des Verbandes für europäische Verständigung. Der hessische Reichsratsbevollmächtigte Ruß sprach für den Freistaat Hessen und den Reichsrat. Er gab eine Darstellung der unermüdlichen Wirksamkeit Dr. Davids. Zum Schluß sprach der preußische Innenminister Dr. Seve- ring als Freund des Verstorbenen. Chorgesang beschloß die Feier. Die Beisetzung findet am Dienstag in Mainz statt.
beschriebene — lückeickoser Aufbau durch coro! delicti. Ieder von den Angeklagten hat ein bißchen dazu beigetragen, Beihiye geleistet, jede Haussuchung hat eine Kleinigkeit zutage gefördert.
Einer nach dem andern muh jetzt aus dem Käfig heraus, dor Seine Exzellenz hintreten und sich verantworten. Iammervolle Gestalten. Gewiß, gefoltert sehen sie nicht aus, aber beileibe auch nicht wie Verschwörer. Iournalistchen letzter Ordnung. Provinzschulmeisterchen mit verschwommenen Ideen, die sie einmal in „Politik" umzusehen glaubten. 2kibe Frauen harmlos bis zur Peinlichkeit. Die alte Dame hat einen Brief voll des Dankes und der Bewunderung an Mussolini geschrieben, weil er ihr die Hast durch Uebersühren in eine Klinik ersparte, sie bekennt sich darin als leidenschaftliche Italienerin und versichert ihn der unauslöschlichen Zuneigung ihrer ganzen Familie, wenn er Gnade walten lasse. Ein edler Bries, meint der Vorsitzende, ein Brief nobi- lissima, meint der Staatsanwalt und beantragt Freisprechung. Aufatmen.
Keiner der Männer bekennt sich schuldig. Was baben sie schon getan? Ihre Gedanken zu Papier gebracht und in ein paar Durchschlägen an Gleichgesinnte verschickt. Essällt der 2lame des Kardinals Schuster von Mailand, an "Ven-einer als fanatischer Katholik geschrieben hat, er könne es nicht verstehen, wie die Kirche die faschistischen Fahnen segnen möge, nachdem doch Mussolini kirchenfeindlich sei. ($8 fällt der Rame einer linksstehenden Berliner Zeitschrift, aus der einer etwas überseht hat. Der letzte der Fünf, ein Telegraphist weint und grüßt faschistisch, ein Lehrer auch. Peinlich, peinlich. Wenn so Verschwörer aussehen, dann kann der Faschismus ruhig schlafen.
2lber der Herr Staatsanwalt! Der erste, der reden kann. Furchtbar fallen seine Worte, wie Schwerthiebe. Die Regierung sei eine Schande, so stehe es in dem Flugblatt. Dis Krone sei gegen die Regierung, das Heer von der faschistischen Miliz kontrolliert, auch der Vatikan warte nur auf den Tag der Befreiung. Alles in den Flugblättern zu lesen. Und dann: dis ausländische Politik! Frankreich werde gelobt, Frankreich! Dagegen sei die faschistisch« Regierung an allem schuld. Rie sei so viel Gs* meinbeit auf einmal zusammengeballt worden, wie in diesem Stinkblatt da. Und das ominöss Blatt fliegt auf den Tisch und die Männer im Käfig bergen den Kops in den Händen. Rui; einer ist bleich, gleichgültig, tuberkulös anscheinend. Sein kurzsichtiger Rachbar putzt die Brille.
15 Iahre! Roch einmal 15 Iahre! 5 Jahre l Hieb auf Hieb.
Die Frauen — freizusprechen. Den Telegraphisten und den „Professor" auch, wegen Mangels an genügenden Beweisen. Ungläubig schaut et auf und ringt dann die Hände wie ein weih- nachtsseliaes Kind. Seine' tapfere kleine Frau hat für ihn gesprochen, sie lächelt.
Das war die moderne Zeit. Jetzt kommt das alte Rom. Wie komisch, daß man dis Museumsdiener oder Fremdenführer Cicerons nennt, statt den römischen Anwalt. Für jeden Angeklagten reitet jetzt einer heran mit eingelegter Lanze. Ein Schauspiel, ein herrliches Schauspiel. Es sind von Gericht gestellte Q3er- leidiger, sie kennen die Angeklagten kaum, abea sie sprühen vor Feuer, sie geben den letzten Atemrest aus vor Leidenschaft. So muß Demosthenes gesprochen haben, denkt man. Sie donnern und beschwören und schluchzen, sie rufen die ausländische Presse und die italienischen Meere an, sie beneiden die Richter um ihre Möglichkeit, göttergleich Gnade und Freude zu spenden. Ieht braucht es keinen Ofen mehr, alles ist heiß unö hingerissen. Rur nicht das Gericht. Cs verkündet nach siebenstündiger Prozeßdauer seins 3, 15 und noch einmal 15 Iahre.
Kettenklirren. Aus. Gespenstisch quadert det Justizpalast in die Rächt.
Majors Pabsts Ausscheiden aus der Heimwehrbewegung.
Wien, 27. Dez. (WTB.) Die Pressestelle der Tiroler Heimwehr schreibt: Infolge der innerpolitischen Verhältnisse hat sich Major Pabst gezwungen
Vor dem römischen Sondergericht.
Oie Ovra entdeckt eine Verschwörung. — Käfig und Ketten. — Oer Bries an &ep Ouce. — Gchwarzhemden als dichter.
Von unserem römischen ^-Korrespondenten.
Rom, Ende Dezember.
Rote Eintrittskarte: ausländische Presse. Qln» dernsalls stößt man gegen Karabiner und Bajonette. Ist aber nicht so schlimm wie bei eines Reichstagseröffnung. Der wunderliche Quaderhaufen des Iustizpalastes, den manche grandios finden und das Volk weniger höflich den „Palaz- zacciv" heißt, liegt friedlich im ewigen Blau, das auch heute so lächeln muß und so gleichgültig ist wie die Sterne, die wir besingen. Was schert den Himmel unsere Menschlichkeit?
Ich darf mich durch Carabinieri und Milizsoldaten hindurchzwängen, nach Prüfung und Protokollierung der Karte am langen Tisch gegenüber dem Käfig Platz nehmen. So sitze ich neben dem Staatsanwalt und vor den feierlichen Herren, die Verschwörer zu verteidigen haben. Ein guter Platz. Cs sind noch 10 Minuten bis zum Beginn, der auf 3 Llhr angeseht ist, und der ausländischen Pressevertreter sind schon mehr als der einheimischen. Heute soll es Journalisten an den Kragen gehen.
Sie haben doch kürzlich von der Ovra gelesen? Wir wußten vorher auch nichts davon. Also, das ist eine Organizzazione Vigilanza Reati Antinazionali, der äieberwachungsaus- schuh für antinationale Vergehen, manche behaupten: antifaschistische müsse es heißen. Rach der Doktrin ist der Faschismus allerdings die Ration. Folglich kein Llnterschied.
Die Ovra hat eine im Lande verzweigte Verschwörung gegen das Regime aufgedeckt, die Gruppen Rom und 2krona hatten die Aufgabe, durch Verbreitung von Flugblättern und Aufrufen die bewaffnete Erhebung in die Wege zu leiten. Alleanza Nazionalc nennt sich die Bande, Rationalverband, und die Rädelsführer werden wir gleich sehen. Sie müssen sich darüber klar sein, daß Freund Hein jetzt den menagerieartigen, durch doppelte Gittertüren gesicherten QBagen kutschiert, der sie vor das Tribunale Speciale, das Sondergericht zum Schutze des Staates, bringt. Gesetze zum Schutz einer Staatsform lassen nicht mit sich spaßen.
Richts Reues in Italien, aber immer wieder auffallend und bedrückend: der Käfig. Ein mächtiges Gitterwerk, die Stäbe als Hellebarden stilisiert. Darin müssen die AngeNagten Platz nehmen, ganz gleich, ob es sich um gemeingefährliche Rowdies oder ausgezehrte Buchhalter handelt, die man umblasen könnte. Denn es ist nicht bloß wegen des Ausbrechens, sondern auch wegen des hitzigen Publikums. Der Angeklagte
darf keinen anderen Schaden leiden als den, den ihm die Justiz an tut, kraft des Gesetzes.
Richt lange, klirrt es. Kettenklirren. Fünf Mann sind an eine Kette geschmiedet und trotten im Gänsemarsch an mir vorbei, von sechs Carabinieri in den Käsig geleitet, wo ihnen die Handschellen abgenommen werden. Dann pflanzt sich je ein Carabiniere vor je einem Angeklagten auf, ein Offizier verliest die Ramen, stimmt alles, es kann angehen. Inzwischen hat sich auch Publikum eingestellt, das den Raum an der Türe füllt. Die Tribünen sind durch Anschläge besonderen Kategorien Vorbehalten. Zwei Kronleuchter brennen inmitten steinerner, kalter Pracht. Im Gefängnis, denkt man, muh es jetzt schrecklich kalt sein. Ader auch der Justiz- Palast ist nicht geheizt. Auch die Schulen nicht. 2ttan darf keine nordischen Vergleichs- mahstäbe anlegen.
Lastendes Schweigen. Rur zwei Anwälte sind aufgeregt. Die Männer im Käfig — lächeln. Weiß Gott warum. Denken sie an Weihnachten? Ringsum sieht es nicht nach Mitleid und Erlösung aus. Die Carabinieri mit ihrem Festbusch auf dem Rapolevnshut Pflanzen die Bajonette auf, die faschistische Miliz folgt ihrem Beispiel.
Ach, sieh da, eine Frau. Gibt es denn so etwas noch? Sie ist klein, rot und unscheinbar. Sie nimmt neben dem Käfig Platz, einer von denen da drinnen ist ihr 2Kann. Natürlich, ja, das ist ja auch eine Angeklagte. Lind es kommt noch eine Frau in diese Versammlung von Männern, eine gebürtige Amerikanerin, die Gattin des Dichters De B o sis. Sieben Söhne hat sie ihrer neuen Heimat geschenkt, einer ist — gefallen, das heißt, er hat ein Flugblatt gegen den Faschismus verfaßt und sollte daher eigentlich unter den Angeklagten fein. Flüchtete aber noch rechtzeitig ins Ausland. Vater geftorben. Die Mutter darf auch neben dem Käfig Platz nehmen. Man merkt: gentilezza.
Glockenzeichen. 3 Albr. Türe auf, schmetternde Ankündigung: der hohe Gerichtshof. Seine Exzellenz, der Herr Präsident, Generalleutnant. Sechs faschistische Uniformen, alte, kahle oder weißhaarige Soldaten zumeist. Hohe Orden. Ein martialischer Halbkreis. Schneidende Aufrufe. Der Herr Staatsanwalt in Schwarz,- gelassen und sicher.
Anklageschrift und Dernehmungsprotokolle werden deutlich verlesen. Richts fehlt. Wer die Schreibmaschine Hergellehen hat, wieviele Flugblätter verteilt wurden, die auf gefundene Tube Tinte, soundsoviel adressierte Limschläge, 36 un-
unb ohne eine zwingende militärische Notwendigkeit) einen jungen Deutschen, Hermann von Hölderlin, getötet hat. Im quälenden Bewußtsein dieser Blut- schuld, von der ihn niemand freizusprechen vermag, reist Marcel nach dem Kriege nach Deutschland, um die Angehörigen des Getöteten (de fen Namen er zufällig erfuhr) aufzusuchen, ihnen ein Geständnis abzulegen, und von ihnen sein urteil zu empfangen.
Die Braut und die Ellern des gefallenen Deutschen leben feit dem Tage, da die Trauernachricht eintraf, in strenger Zurückgezogenheit und Abgeschlossenheit von der Welt, ganz hingegeben der Trauer um den unvergeßlich Geliebten, dessen Andenken wie ein Heiligtum von ihnen gehütet wird.
Nachdem sie erfahren haben, daß ein Fremder Hermanns Grab mit Blumen schmückte, gelingt es Marcel, als ein Freund des Toten, das stille Haus der Trauernden zu betreten. Die entdecken alsbald in Marcels Wesen nicht allein eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Gefallenen, sondern empfinden auch, im Wechselgespräch und Gedankenaustausch, eine schnell sich steigernde, wärmer und herzlicher werdende Zuneigung zu dem Fremden, — und es ist bald, als ob seit seinem Eintritt die schmerzliche Lücke sich zum erstenmal ein wenig zu schließen begänne.
Marcel findet nicht die Kraft zu dem entscheidenden Geständnis; aber er verrät sich der Braut des Gefallenen, indem er, wider Willen, das Datum des Tages nennt, an dem Hermann fiel. Angelika, Hermanns Verlobte, spricht nach einem heftigen inneren Kampf das Urteil, das Marcel In Deutscl)- land gesucht hat: er soll, ohne daß die Eltern die bittere Wahrheit erfahren, die Stelle des Gefallenen einnehmen, soll den Eltern und der Braut mit feinem Leben jenen Toten zu ersetzen suchen.
Indem also Marcel, der keine Angehörigen mehr hat und allein in der Welt steht, nach Deutschland kommt, um für immer in Deutschland zu bleiben, wie vor Jahren Hermann nach Frankreich zog und in Frankreich „geblieben" ist, — erfüllt sich in einer wunderbar selbstverständlichen Vertauschung die große und zukunftsträchtige Idee des persönlichen Opfers, einer menfchli ch-tatb ereiten Wiedergutmachung und des Friedens, welche in unserer aufgeregten, verstörten und ratlosen Gegenwart weithin gehört, verstanden und beherzigt werden sollte, wett sie einer Gesinnung und geistigen Haltung
entspringt, die sich, allen Widerständen zum Trotz, eine nahe oder fernere Zukunft erobern wird. —
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Die schöne und würdige Aufführung hinterließ einen tiefen und erschütternden Eindruck. Die Spiel- leitung von Peter Fasso11 hatte das Werk durchaus so empfunden, wie es allein verstanden und vermittelt werden muß: als ein überzeitliches, menschliches Dokument, — nicht etwa als ein zufällig aktuelles, politisches Nachkriegsstück.
Die Regie hatte das Vorspiel aus der Kirche vor ein Gefallenendenkmal verlegt und übrigens mit einigen begrüßenswerten Streichungen zur szenischen Geschlossenheit der vier Bilder beigetragen. Nach dem leidenschaftlich anklagenden Geständnis und Bekenntnis des Vorspiels waren die folgenden Sitte auf den gedämpften, beherrschten Ton des Kammerspiels gestimmt, dem gleichwohl die innere Spannung nirgends verloren ging, und aus dem sich die entscheidenden Sätze mit einer nicht zu überhörenden und nicht mißzuverstehenden Eindringlichkeit hervorhoben. — (Eine einzige kleine Sius- stellung: vielleicht läßt sich das störende Nebengeräusch des Sprechapparates im zweiten Akt beseitigen.)
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Den Franzosen Marcel spielte W e s e n e r mit einem jugendlichen Ernst, der dieser Gestalt sehr wohl ansteht, auch mit aller verhaltenen Leidenschaftlichkeit seiner verzweifelten Erkenntnis und dem niederschmetternden Bewußtsein seiner schweren Schuld.
Hilde Schwend umgab die ungemein zart empfundene Figur der Verlobten Angelika mit einer bewegenden Kraft echten und ganz weiblichen Gefühls.
Fasfott hatte neben der Spielführung noch die Rolle des Vaters, des deutschen Professors von Hölderlin übernommen und er fand die nicht ganz einfachen Uebergänge von verbitterter und verbissener Starrheit zu verstehender Milde und weitherziger Bereitschaft zur Versöhnung.
Maria Koch sprach mit wohltuender Wärme und mütterliche Uebcrlegenfjeit die schönen und sehr gewichtigen Worte der Luise von Hölderlin. — In zwei Episodenrollen wirkten Karl V o 1 ck (Fraulieb) und Raimund Scheicher (Eitel) zurückhaltend und verständnisvoll.
*
Es ist zu hoffen, daß der Besuch dieses ernsten und wertvollen Schauspiels in späteren Aufführungen minder zu wünschen übrig läßt. hth.
Barometer des Zilmerfolges.
Für die Abschätzung der Beliebtheit eines Filnkstars ist nichts so wichtig wie die Brief* post, die er erhält. Richt nur die amerifani* sch en Filmverehrer, sondern Kinobesucher auS aller Welt schreiben an ihre Idole auf der Lein« wand, und so treffen Briefe aus jedem Lands und in jeder Sprache in einer Anzahl von mehr als 500 000 im Monat in den Ateliers von Holly-« Wood ein. Der Inhalt ist so bunt wie die Welt. Da wechseln Heiratsanträge mit Betteleien, Poe« tische Ergüsse der Schwärmerei stehen neben tadelnden Kritiken; hier bittet jemand um dis beste und schnellste Anweisung, wie man Stav wird, dort fragt eine an, ob sie nicht die ab* gelegten Kleider bekommen könne, in denen dis Diva so wunderbar aussehe; sie hoffe, darin et* was von dem Erfolg ihrer Göttin auf sich zu lenken. Selten aber verabsäumt ein Briefschrei* her, um eine Photographie mit äinterschrist zu bitten. Diese 2tad)frage nach Bildern ist so groß, daß die Ateliers sich entschlossen haben, derartige Sendungen nur gegen vorherige Einsendung von 50 Pfennig zu besorgen. Die Filmfabrikanten wollen keineswegs diese Sitte des Driefschreibens behindern, denn sie ist ihnen ein wichtiger An* Haltspunkt für die Beliebtheit ihrer Künstler und hat daher starken Einfluß auf die Auswahl und das Honorar. QI6er es ist ja ganz unmöglich, diese Riesenmengen von Schreiben irgendwie individuell zu beantworten. Clara Dow, deren Filmpost im Mai dieses Jahres mit 33 72? Briefen einen Rekord erreichte, ist nicht imstande, auch nur einen kleinen Teil dieser Schreiben zu lesen, wenn sie sich auch mit einem Hausen davon, in eifrige Lektüre vertieft, photographieren läßt. Die Stars sehen gewöhnlich überhaupt nicht die Briefe, sondern diese kommen sofort in eine be* stimmte Qtbteilung, von der aus sie beantwortet und, wenn 50 Pfennig beigefügt sind, die Photographien geschickt werden. Dabei passierte kürzlich eine komische Geschichte. Der englische Schriftsteller A. E. W. Mason schrieb an Richard Arien einen Dries, in dem er ihm seine Anerkennung für die Darstellung des Helden in Masons Film „Die vier Federn" aussprach. Das Schreiben kam wie alle anderen in die betreffende Abteilung, und nicht lange danach erhielt Mason aus dem Paramount-Ateller in Hollywood ein gedrucktes Dankschreiben mit Ariers gestempelter llnterfdjrift und mit der Bitte, 50 Pfennig einzusenden, worauf ihm eine Photographie des Schauspielers zugehen würde. Die Geschichte kam in die Zeitungen, und nun beeilte sich Arien, einen Entschuldigungsbrief an Mason zu richten.


