größer Wichtigkeit wird auch die Vermeh- rungsfrage in den beiden Rassen sein. Zwar ist die zahlenmäßige Zunahme der Reger im Vergleich zu den Weihen noch nicht beunruhigend. Bei der Abdrosselung der weihen Einwanderung, dem Geburtenrückgang unter den reinen Amerikanern und dem Rückgang der Sterbefälle unter
der schwarzen Bevölkerung kann aber eine Der- | schiebung auf die Dauer kaum ausbleiben. Gewiß ist es noch ein langer Weg bis zum Ziel, der Stein ist aber im Rollen, vielleicht wird man eines Tages Abraham Lincoln schwer dafür tadeln, daß er dieser anderen Rasse das Bürgerrecht gegeben hat.
Llmnachlet - und doch von Liebe umgeben.
OaS Heim der Geisteskranken, ein modernes Krankenhaus.
Von Irrenarzt Or. meb. Behm
Das Wort „Irrenanstalt" ruft noch heute bet dem größten Teil der Menschen eine Reihe unklarer und schrecklicher Empfindungen hervor. Roch heut begegnet man selbst bei gebildeten Menschen den abenteuerlichsten Vorstellungen über die Einrichtung und Behandlung in den Anstalten für Geisteskranke. Dah die bedauernswerten Kranken in gefängnis- artigen Zellen sitzen, zur Beruhigung kalte Duschen bekommen, dah in der Gummizelle die Irrsinnigen gegen die Wände rennen, dah rohe Wärter sie schlagen und mihhandeln — all das wird heute noch geglaubt. Es beruht auf der irrigen Annahme, dah die Mehrzahl der Kranken aus tobenden, völlig verwirrten Menschen besteht - und auf der Tatsache, dah in früheren, längst überholten Zeiten, die unglücklichen Geistes- kranken vielleicht wirklich einmal so behandelt wurden. Das war aber in einer Epoche, in der die Kenntnis vom Wesen der Geisteskrankheiten wie die moderne ärztliche Irrenfürsorge noch nicht vorhanden war, ebensowenig vorhanden, wie alle andern Methoden moderner Krankenhausbehandlung.
Denn nichts anderes als ein Krankenhaus ist solch eine Irrenanstalt, ein gut geleitetes, modernes Haus, meist in schöner, stiller Lage, von weitem Park umgeben. Die Zimmer für die Kranken sind eingerichtet wie jedes andere Krankenhauszimmer, nur unter Fortlassung aller gefahrbringenden Einrichtungsgcgenstände, die Beleuchtungskörper unerreichbar an der Decke, und die Fenster aus unzerbrechlichem Glas und mit Sicherungskonstruktion »ersehen.
Alle Kranken, die unruhig und erregt sind, die selbstmordverdächtig, Rahrungsaufnahme verweigern oder aus sonstigen Gründen steter Beobachtung bedürfen, kommen auf die W a ch a b t e i- I u n g. Dah es hier nicht immer ruhig und friedlich zugcht. ist verständlich. Hier redet oder singt ein erregter Kranker, dort sitzt ein anderer jammernd im Bett. Die Anforderungen an Geduld und Umsicht des Pflegepersonals sind gerade auf dieser Abteilung nicht klein. Immerhin herrscht auch auf der Wachabteilung oft lange Zeit hindurch Ruhe.
Völlig falsch ist die Meinung, dah jetzt noch wie in früheren Zeiten allerlei Zwangsmit- t e l, wie Zwangsjacken usw. zur Bekämpfung heftiger Erregungszustände, zur Beruhigung der tobsüchtigen Kranken angewandt werden. R i ch t s von alledem ist der Fall. Kann man einen Kranken nicht durch längere Bettruhe, durch Anwendung der verschiedenen beruhigenden Arzneimittel oder durch langdauernde warme Bäder beruhigen, so muh man ihn eben in den Iso - lierraum verbringen, der auch nichts ist als ein Zimmer, das eben nur in der Einrichtung besonders vorsichtig gehalten ist. Oft beruhigen sich aufgeregte Kranke in der Ruhe des Einzelzimmers sehr schnell, da alle äußeren Einwirkungen und Reize fortfallen. Man kann auch -beobachten, wie weibliche Kranke, die unter den Zandern dauernd Zank und Streit erregen, in diesen Einzelzimmern ruhig und gleichmäßig wer- Öen, sich ihr Zimmer nach Frauenart so behaglich wie möglich einrichten, es ausschmücken und in ihrem kleinen Bereich zufriedener sind als in den Gemeinschaftsräumen. Trotzdem be
schränkt man natürlich die Isolierung auf das Allernotwendigste.
Alle gebrechlichen, alten, gelähmten und unsauberen Kranken sind in Siechensälen untergebracht, und die Pflege dieser oft völlig hilflosen Menschen ist nicht einfach. Viele Kranke haben innerhalb der Anstalt erhebliche Bewegungsfreiheit. Vor allen die. die sich in der Rekonvaleszenz befinden. Weiter die große Zahl der Schwachsinnigen, Trinker und harmlosen Verrückten, die außerhalb der Anstalt nicht existieren können, aber innerhalb der Anstaltsräume gesichert, ohne Sorge um das tägliche Brot, fern von den lebensschädigenden Einflüssen, sich hier oft als nützliche und fleißige Arbeiter in Haus und Garten, Werkstätten. Küche und Rähstuben erweisen.
Die Arbeit fördert die Genesung der heilbaren, verhindert den völligen geistigen Zerfall der unheilbar Kranken. Sie lenkt ab von Sinnestäuschungen und Wahnideen und erneut das Interesse für das Leben. Sehr viele Kranke werden durch die Tätigkeit wieder soweit gebracht, daß sie später auch außerhalb der Anstalt existieren können. Außer für die Arbeit wird auch für die Unterhaltung durch Kegelbahnen, Turngeräte, Musik, Billard, Lautsprecher gesorgt, es stehen Zeitungen und Bücher zur Verfügung. Es gibt alljährlich mehrere Tanzvergnügungen, Maskenbälle, Musik- und Theateraufführungen, die meist ganz allein von den Insassen der Anstalt arrangiert und bestritten werden.
Wenn heute noch Menschen glauben, daß man einen geistig Gesunden wider seinen Wille n in ein Irrenhaus verbringen kann, so spricht die einfache Tatsache dem entgegen, daß sehr scharfe Bestimmungen die Verbringung in eine Irrenanstalt regeln. Ieder Kranke, der in eine Privatirrenanstalt eingeliefert wird, (die öffentlichen unterstehen ja sowieso der Behörde), kann es nur auf Grund des Atteftes eines praktischen Arztes, demzufolge der Kranke auf Unterbringung in einer Anstalt angewiesen ist. Binnen drei Tagen muß solch ein Kranker vom zuständigen Kreisarzt untersucht werden. Außerdem wird jede Anstalt zweimal im Iahre vom Kreisarzt und einmal im Jahre von einer staatlichen Kommission besucht, der alle Kranken vorgeführt werden müssen. Es gehört also ins Reich der Fabel, wenn man heute noch behauptet, daß zum Beispiel mißliebige Angehörige von einflußreichen Verwandten so ohne weiteres in eine Irrenanstalt gesteckt werden können.
In eine Anstalt verbracht werden können nur Menschen, die an Sinnestäuschungen leiden, an Wahnvorstellungen, an Depressionen, die sich selbst beschädigen, umbringen wollen, die gemeingefährlich, gewalttätig, epileptisch sind Morphinisten kann man bisher auf Grund der Gesetze noch nicht zwangsweise in eine Anstalt bringen* — doch ist ein solches Gesetz in Vorbereitung. Trunksüchtige nur soweit, als sie Geistesstörungen zeigen oder eine Ges aha für ihre Umgebung geworden sind.
Die moderne Behandlung der Geisteskranken I hat sich alle Erfahrungen der neueren Medizin I nutzbar gemacht. Reben der Psychotherapie kennt
man die Ruhebäder, die elektrischen Behandlungen. die neue Malariabehandlung bei Paralyse, die Fiebertherapie bei anderen Erkrankungen, und die medikamentöse Therapie. Das Pflegepersonal wird besonders für die Behandlung der Kranken geschult, Roheit gegen die Kranken wird sofort durch Entlassung geahndet. Außerdem wird ieder Beschwerde der Kranken nachgegangen. In jedem Saale sind zudem immer soviel halbwegs vernünftige, daß Mißhandlungen oder grobe Verstöße des Pflegepersonals fast unmöglich sind. Das Personal wieder ist gegen Unfallgefahren auch aus dem Umgang mit den Kranken durch eine Unfallversicherung geschützt, allerdings gehören die immer wiederkehrenden Rachrichten über lebensbedrohende Angriffe auf Wärter und Wärterinnen im allgemeinen auch zu den Phantasiegebilden.
Auch der vielverbreiteten Ansicht, daß man ins Irrenhaus zwar leicht hineinkommt, aber kaum wieder heraus, muß widersprochen werden. Die gemeingefährlichen Geisteskranken werden im allgemeinen ja in öffentlichen Anstalten interniert und bleiben dort, solange wie der beamtete Kreisarzt sie für gemeingefährlich ansieht. Aber auch da ist durch Beschwerde an den Staatsanwalt durch die Angehörigen oder durch den Kranken selbst die Möglichkeit gegeben, eine Rachprü - fung des Falles herbeizuführen. In privaten Anstalten wird der Kranke dann entlassen, wenn der Arzt es für gerechtfertigt hält, oder wenn die Angehörigen es auch gegen den Wunsch des Arztes haben wollen. In diesem Falle läßt sich der leitende Arzt einen Revers unterschreiben, daß trotz seiner Vorstellungen Frau T. ober Herr "2J. darauf bestehen, ihren Angehörigen aus der Anstalt zu nehmen. Einen gemeingefährlichen Kranken wird aber auch der Privatirrenarzt nicht freigeben und nötigenfalls die Entscheidung der zuständigen Behörde einholen.
Im allgemeinen soll man nicht fürchten, daß Menschen zu zeitig eingeliefert werden, sondern vielmehr, daß sie zu spät kommen. Die Internierung soll eine Vorbeugung sein gegen Selbstschädigungen der Geisteskranken und gegen Schädigungen anderer Menschen. Ie eher die Internierung und sachgemäße Behandlung einsetzt, um so großer ist die Hoffnung auf Teilung. Man braucht nur die täglichen Lokal- und Polizeinachrichten einer Großstadtzeitung zu lesen, um erschüttert zu sein, über die Summe von Ver
brechen und Unglücksfällen, deren Urheber geisteskranke Personen sind. Sie geben ein schwaches Dild nur von bem Unglück und Jammer, der fortwährend durch Geisteskranke hervorgerufen wird, die sich in Freiheit befinden. Kranke vergeuden ihr Vermögen durch unsinnige Spekulationen und Projekte, vernachlässigen ihre Angehörigen, peinigen sie, drohen mit Selbstmord. — Glück und Friede ganzer Familien muß zerstört werden, bis sich endlich die Angehörigen zur Unterbringung des Kranken in einer Anstalt entschließen. Alles Unglück aber wäre vermieden worden, wenn man sich eher an den Irrenarzt wenden würde.
Und wenn man vor allem die geistige Erkrankung nicht als eine Familienschande ansehen würde, sondern als eine Krankheit tote jede andere auch. Den Kranken vor sich selbst, den Gesunden vor dem Kranken zu schützen, und den Erkrankten so zeitig wie m o g l i j.) in s achgemäße Pflege und Fürsorge des Arztes zu geben, bas muß in gleicher Weise das Ziel der veranttoortungsbewußten Aerzteschast, wie das Ziel der Allgemeinheit sein.
Oie Orthopädische Klinik in Gießen.
Die Kliuik im Rohbau erstellt.
Die Orthopädische Klinik ist nunmehr soweit fertiggestellt worden, daß gestern nachmittag das Richtfest gefeiert werden konnte. Es nahmen daran teil Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität Prof. Dr. Eger, Oberbürgermeister Mueller (Darmstadt) in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Hessischen Vereins für Krüppelfürsorge, der Geschäftsführer des Vereins, Herr Lang, Superintendent Oberkirchen- rat D. Wagner als Vertreter des Vereins für Innere Mission, Universitätspvvfessor Dr. 3 eß als Vertreter der Medizinischen Fakultät, Universitätsprofessor Dr. P i tz e n als künftiger Leiter der Orthopädischen Klinik, Geheimrat Balser (Darmstadt), Pfarrer G u y o t (Darmstadt) und Dr. Gail. Stadtbaurat G r a v e r t zeigte und erklärte den Gästen den Dau, der m seiner Form nicht nur in hohem Maße den Charakter der Zweckmäßigkett trägt, sondern auch
Das Riesenflugzeug Do X in dem spanischen Kriegshafen La Coruna.
MU
Oer Dreizehnte.
Vornan von Anny von ponhnys
Copyright 1929 by Verlag Rechthold Braunschweig 15 Fortsetzung Nachdruck verboten
Endlich war es 19 Uhr. und sie eilte sich, als erste das Geschäft zu verlas en Vor dem Schaufenster eines Rachbarladens wartete PrimoDuero bereits aui sie. Sie hatte eux scheues, ängstliches Gefühl, als wäre die Verabredung eine unrechte Handlung Aber sie machte sich selbst klar, es galt, einen Mörder zu finden, und das einzige Unrecht, das sie beging, bestand darin, daß sie Hans Felsen nichts von der Anwesenheit Primo Dueros in Berlin mitgeteilt hatte.
Schon war der Mann ihrer anlichtig geworden und kam auf sie zu. Wie auf vorherige Abmachung entfernten sie sich eilig in der Richtung nach der Friedrichstraße. Primo Duero begriff, tote peinlich es für seine Begleiterin fein mußte, möglicherweise von Albert Goldener oder einem der Verkäufer mit ihm gesehen zu werden.
Ein Weilchen schoben sie sich stumm durch den Menschenstrom, der sich um diese Zeit durch die Straßen ergoß Erst nach geraumer Zeit sagte der Mann erregt. „Es sind die Steine, die für die Marquesa de Palma bestimmt waren, Sennorita, ich halte eine Täuschung für gänzlich ausgeschlossen."
Eva erwiderte lebhaft: „Die Prinzessin Monti- rossi muß also erklären, woher sie die Steine hat." Er fragte „Was ist sie für eine Dame, was halten Sie von ihr?"
Sie bogen von der Friedrichstraße in eine Seitenstraße ein. Ein kleines Restaurant lockte zu kurzem Derweilen. Aber daran, etwas zu essen, dachten beide nicht, und die Getränke vor ihnen wurden schal, so tief waren sie in ihre Unterhaltung versponnen.
Eva berichtete, was sie von der Prinzessin Mon- ttrvssi wußte. Es war sehr wenig. Sie schilderte sie als eine überaus elegant getleijete, hübsch? Frau mit dunklen Augen und hellvtondem, anscheinend gefärbtem Haar. Sie wohne in einer internationalen Pension am Savignhplatz, wie sie zufällig gehört hätte, Pension Lotos.
„Ich möchte Sie natürlich in keiner Weise in die Angelegenheit mit hineinziehen", sagte Primo Duero, „und ich weiß auch selbst noch nicht, wie ich manöDerieren soll. Die Polizei wird wahrscheinlich auch nicht gerade mit Entzücken sofort die Prinzessin befragen, tote sie au den Steinen kommt. Man belästigt vornehme Ausländer nicht gern, und ich würde mir erst wohl von der Bar- ce Ionel er Polizei alles, was damals am Rosen
montag vor zwei Iahren geschah, bestätigen lassen müssen. Rur aus meine bloße Erklärung hin darf ich mit feiner besonderen Hilfe rechnen."
Sie gab das zu und erwiderte: „Gehen Sie doch selbst zu der Prinzessin, erzählen Sie ihr. Sie hätten die Steine gesehen und wünchten sie zu laufen. Erklären Sie, ihren Ramen von Goldener gehört zu haben."
„Das geht nicht, ohne Sie mit in die Sache zu verwickeln, Sennorita Eva, denn mir gegenüber hat Goldener den Ramen der Prinzessin nicht erwähnt."
„Da Sie sicher sind, es handelt sich um die geraubten "Brillanten, mag ich meinetwegen mit hin- eingezogen werden", erwiderte Eva entschlossen.
Die Angelegenheit war doch zu wichtig, da durfte man nicht kleinlich fein.
„Ich danke Ihnen sehr, aber ich möchte den allzu geraden Weg nicht beschreiten. Wenn ich auch meiner Sache sicher bin, ist es doch vielleicht nicht leicht, zu beweisen, die Steine, die von der Prinzessin Montirossi verkauft wurden, find die gleichen, die an dem furchtbaren Tage aus meines Vaters Kassenschrank verschwanden. Es kann ähnliche geben. Ich bezweifle die Identität der Juwelen nicht, aber sollte die Prinzessin beweisen können, die Steine stammen ganz wo anders her, dann habe ich wenig Chan.en, auf die Spur des Mörders zu kommen. Ich werde zunächst sofort jemand beauftragen, herauszubringen, woher die Prinzessin stammt und in welchen Verhältnissen sie lebt. Außerdem möchte ich sie gern einmal sehen. Was nicht so schwer fein dürste Es kommt mir auf einige Tage längeren Aufenthalt hier nicht an, ich habe einen guten Vertreter in Barcelona Ich werde morgen früh in die Pension Lotos übersiedeln, wo die Prinzessin wohnt. Hoffentlich ist ein Zimmer dort frei.“
Eva nickte. „3a hoffentlich. Sie werden sich schon die größte Mühe geben, die Wahrheit herauszubringen. 3edenfalls wünsche ich Ihnen viel Glück."
Er blickte sie betroffen an.
„Das klingt so abschließend. Wollen Sie mich nun nicht mehr sehen? Ich meine, es interessiert Sie doch, was ich herausbringe. Und dann —“
Sie wartete ein Weilchen, und als er nicht weitersprach, fragte sie leise: „Und dann?"
Er lächelte ein bißchen traurig.
„Dann möchte ich Sie auch noch gern Wiedersehen, ehe ich wieder abreife. Gönnen Sie es mir, Eva. Der andere Mann wird fein ganzes Leben mit Ihnen beisammen sein dürfen, schenken Sie mir noch ein paar Stunden."
«Oh, wüßtest du. wie weh du mir tust!" dachte fte, und ihr Herz schlua schmerzhaft.
Die erwiderte aber so ruhig wie möglich: Sie fünfte nicht jeden Abend so spät nach Hause fahren.
und sie habe ihrem Verlobten nichts von dem Brief, den sie ihm nach Barcelona geschrieben, erzählt, weil sie geglaubt, die Angelegenheit möglichst diskret behandeln zu müssen.
Er schwieg und sagte erst nach geraumer Zeit: „Ich hätte Ihren Verlobten gern kennengelernt, ich hätte gern gewußt, wie der Mann aussieht, der mit Ihnen glücklich werden darf."
„Glücklich!" dachte sie, „glücklich werde ich nun sicher nicht, nachdem ich weiß, das Glück ist nahe an mir vorbeigeschritten, und ich habe es nicht gewußt."
Sie erwiderte mit gequältem Gleichmut und einer Uebermutsnote in der Stimme, die ihr Gott weiß wie schwer wurde: „Hans Felsen ist sehr eifersüchtig, er hat es mir erst letzthin gestanden. Er toill auch, ich soll möglichst bald meine Stellung bei Goldener aufgeben. Von einem Tag zum anderen, wenn Goldener darauf eingeht."
Er sah sie groß an, und seine Augen hafteten fest auf dem reizvollen Gesicht vor sich.
„Er hat recht, wenn er eifersüchtig ist, ich wäre es auch an seiner Stelle." Er seufzte. „Also wollen Sie mich nicht mehr sehen ? Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, ich verspreche mir mehr Erfolg, wenn ich mit Ihnen noch einmal über alles sprechen darf, nachdem ich mir die Prinzessin betrach.el habe ? Bitte, machen Sie das Maß ihrer Güte voll, schenken Sie mir noch ein drittes, und wenn es denn fein muß, letztes Wiedersehen."
„Rein, es geht nicht!" wollte Eva entgegnen, aber unter seinem zwingend bittenden Blick ward ein leises Ia daraus. Am dritten Abend von heute an gerechnet, sollte Primo Duero die blonde Eva Hirtoerg wieder erwarten, so wie heute.
Er strahlte sie an, als hätte sie ihm königliche Gnade gespendet mit ihrem Zugeständnis, und sie empfand starke Verwirrung vor feinem dunklen, heißen Blick Er brachte sie wieder an den Bahnhof, und sie war froy, sich allein im Wagenabteil zu befinden, ihren Zügen keinen Zwang mehr zumuten zu brauchen. Mit grausamer Klarheit ward sie sich ihrer Liebe zu Primo Duero bewußt, und sie dachte erschreckt, weshalb hatte sie ihm geschrieben. Hatte sie nicht selbst Qualen in ihr Leben geschafft?
Sie war froh, daß sie Hans Felsen heute nicht am Bahnhof erwartete und sie allein nach Hause gehen konnte. Sie nahm sich vor, morgen ihren Ches um die Entlassung zu bitten. Und das nächste Zusammentreffen mit Primo Duero sollte und mußte wirklich das letzte sein. Er schien nicht das geringste davon zu ahnen, daß sie den Blick seiner öunflen Augen fürchtete, weil sie ihn in ihrem Herzen fühlte, und daß sie der Klang seiner Stimme schmerzte, weil er für sie einer Liebkosung gleichkam.
„Du bist so verändert", klagte am nächsten Abend Hans Felsen, als er Eva bat, mit hinüberzukommen zu den Eltern.
Sie schüttelte den Kopf.
„Du irrst dich, Hans, ich bin nicht verändert, ich bin nur abends so abgespannt, verspüre zu nichts mehr Lust. Aber ich brauche ja nun auch nur noch eine Woche in meiner Stellung auszuhalten. Mein Chef hat mich, von heute ab in einer Woche, frei- gegeben.“
Das stimmte ihn froh.
„Von da an soll es schön werden, ©Datein“, jubelte er, „bann habe ich doch mehr von dir und brauche mir nicht mehr den Kopf damit belasten, daß jeder dumme Mensch, der etwas in eurem Goldladen kaust, dabei meiner schönen Eva den Hof machen darf.“
Sie lachte gezwungen. Sie wußte ja, von den Käufern ward ihr keiner gefährlich, die Gefahr kam von einer ganz anderen Seite.
Einmal würde sie nun Primo Duero noch Wiedersehen, einmal, zum allerletztenmal. Und war er erst wieder ihrem Gejichtskreis entschwunden, würde sie bestimmt ruhiger werden innerlich Damit tröstete sie sich und dachte an den anderen, als sie Hans Felsen küßte.
10.
Die Pension „Lotos" am Savignhplatz war das verkörperte Kosmopolis. Aus aller Herren Ländern hatten sich hier Gäste zusammengefunden, denen Baronin Wesierska, geborene Elise Dauer, ihr Heim zur Verfügung stellte.
Da gab es ein russisches Ehepaar, das von dem langsamen Verkauf der Schmuckstücke der Frau auf irgendein unsicheres Ziel loslebte, und eine sehr vergnügte Witwe aus Luxemburg, die sich von einer öden Ehe erholte, mit dem reellen Hintergrund von Kohlengruben, die ihr der Gatte hinterlassen. Da gab es eine amerikanisch? Pianistin, die eine große Künstlerin zu sein wähnte und mühsam ab und zu ein Konzert arrangierte, zu dem sie die Einlaßkarten verschenkte, die sich in Dohemekreisen amüsierte und von einem ergebenen Vater einen reichlichen Kreditbrief mitgebracht hatte.
In der Pension Lotvs gab es den Bukarester Lebemann und den verarmten österreichischen Grafen, der hier in Berlin eine reich? Partie suchte, und es gab eine heimatlose Spielerin, die von einer Verwandtenrente lebte, und hier ein paar Monate verbrachte, ehe sie wieder wie alljährlich Monte Carlo beglückte. Alle möglichen Typen fand Primo Duero hier, der in der Pension für kurze Zeit Aufenthalt gesucht. Er lernte schon am ersten Tage bei Tische fast alle kennen, die in der Pension Lotos wohnten.
(Fortsetzung folgt)


