Nr. 280 Zweites Blatt
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 29. November (950
Sturmwotken über Spanien.
Nachdruck, «uch mit Quellenangabe, verboten!
Madrid. Ende November 1930.
Düste Schießereien auf den Straßen der wichtigsten spanischen Städte, Brände, umgestürzte Trambahnen, angezündete Lastkrastwagen, Poli- -ci mit gezogenem Säbel und Karabiner. Arbeiter mit rauchenden Pistolen in der Faust, rote Fahnen auf den Universitäten, brüllende, fenstcrschriben- zertrümmernde Studentenhorden, hysterische Weiber, die zum Kampf aussordern — das ist der Film, der in den letzten acht Tagen in Spanien abgerollt wurde.
Um die Entwicklung zu verstehen, must man auf den Ausgangspunkt zurückgehen. WaS war po'itiv geschehen? Ein Neubau in 'Madrid, einer jener üblen und berüchtigten Epekulationsbauten, bei denen Verantwortlichkeitsgcfühl und Gewistenhas- figfeit auf feiten der Unternehmer völlig fehlt, war einge stürzt und hatte vier brave Arbeiter unter sich begraben. Die Baupolizei ist in Spanien ein ziemlich unbekannter und eigentlich nur dclo> rativer Begriff. Sie tritt in Tätigkeit, wenn das HauS bereits bewohnt ist und die e Tatsache geturnt dann meisten- für ihre Genehmigung. Der Deoankengang ist einfach: ist das Haus schlecht gc-' baut, fällt es schon vor der Fertigstellung ein, kann man es aber beziehen, nun, dann wird es schon gut fein! Auf diese Weise haben in detr letzten fünf Jahren allein in Madrid über hundert Maurer ihr Leben eingebüßt. Es ist also nicht zu verwundern, daß diesmal die Arbeiterschaft eine mächtige Erregung befiel, die sich in einer gewaltigen Demonstration anläßlich der Beerdigung der Opfer Luft machte.
Ordnung und Di ziplin des sich aus Über fünf- zigtausend Menschen zusammensetzenden Leichen» zuges war dank des sozialistischen Llebergewichts ansangs ausgezeichnet.— bis jene Hetzer aus dem anarchistischen Lager, die bei solchen Gelegenheiten hier nie fehlen, einen KonsliktSstoff dadurch schufen, daß sie den mit der Polizeidirektion t>cre;n- barten Weg verlassen und den Polizeikordon durchbrechen wollten. Steine und andere Wurfgeschosse sausten durch die Luft, ein unbeschreibliches Gebrüll hob an und dec Zug wurde zu einem fürchterlichen Menschenknäuel, das wie eine Woge gegen die Hüter der Ordnung brandete. Nun verfügt die Polizei unbegreiflichrrweisc in Spanien nur über den Säbel und d e Schußwaffe, und es liegt auf der Hand, daß sie diese gebraucht, wenn sie angegriffen wird. Schließlich kann man nicht verlangen, daß sie sich mit Pflastersteineni totwerfen läßt ohne einen Finger zu rühren. So krachte also auch in Madrid die Salve, die vier Menschenleben kostete und in ihrem weiteren Verlaus fünfzig Verwundete brachte.
Nun kam die Volksseele ins Kochen, Nache wurde geschworen. Als lefles Mittel für eine Protestkundgebung gegen die „Polizeimörder" erschien ihnen der Generalstreik. Die sozialistische Leitung der Arbeiterorganisationen glaubte ihre Leute sest rn der Hand zu haben und hielt deshalo Weiterungen für unrnögl'.ch Obwohl nun die Sozialdemokraten in Madrid wie in ganz Kastilien, sehr im Gegensatz zu den übrigen spanisch.'» Provinzen, wo die anarchistischen Syndikate die Herrschaft über die Arbeiter an sich gerissen haben, in der großen Mehrheit sind, mußten sic wissen, daß die Durchdringung mit Syndika isten auch in Madrid schon weit genug fortgefch.it en ist. um sozialistisch-gemäßigte Demonstrationen zu Ruhestörun- gen schlimmster Art fortreißen au können. Die Negierung aber wußte, daß eS in der Verfassung festgelegte Streikgcsehe gibt, die die Anmeldung jeden Streiks vie.undztra i i ] 6 undei rorh.'r verschreibt, wenn er nicht als unge ehlich gelten soll. Trotzdem ließen beide Parteien die Hetzer gewähren und der ungesetzliche Generalstreik wurde ausgerufen.
AIS die Provinz merkte, daß die Regierung diesem Treiben untätig zuschaute, wuchs auch dort der Mut und es dauerte nicht lange, bis auch in Katalonien, in der Levante und in Andalusien Schüsse krachten und die Arbeit niedergelegt wurde. Insbesondere zeichnet sich auf diesem Gebiet immer wieder Barcelona aus, die Hochburg des Syndikalismus und die Residenz der
Oie weiße Scheibe über Rom.
Dor. Or. Gustav W. Ebenem, ZRom.
In den Abruzzen, irn November.
Das Betreten des Rasens ist nirgends verboten, und so sitzen Kind und Kinderfräulein noch immer im Gras ohne sich zu verkälten. Sn einer Herrlichkeit, die immer unbeareiikicher wirkt, je öfter man das Schauspiel sieht, vollzieht sich vor der Pincioterrasse der zum Fremdenprogramm gehörige Sonnenuntergang. bei dem mau nie weiß, wo das Farbenwunder aufhört und der süße Kitsch beginnt. Man weiß nur, daß das alles unerklärlich schön ist wie die Erinnerung an die schönste Zeit deS Lebens, und daß einem in der Fremde die Augen feucht werden, wenn man davon lieft oder eine Abbildung sieht, sei es auch nur auf der flimmernden Leinwand. Es ist so viel Musik darinnen, das wird es sein.
ilnö der Herbst, vor allem der römische Spätherbst, singt noch immer die Melodie des Sommers. Man kann sich gar nicht vorstellen, daß das jemals anders werden könnte.
Eines Tages aber erscheint die weihe Scheibe über Rom. das Abfahrts.ignal deS Winters. Kalt und korrekt, wie der Sta ionsvorsteher es auf dem Bahnsteig handhabt, erscheint es im Blau hochgeh alten, daß jeder es sehen kann: die weiße Scheibe der Abruzzen über den vorgelagerten Ketten der Apenninen, der Sabinerberge. Man glaubt nicht recht daran, man geht ja noch ohne äleberzieher, und man kriegt auf cifimal, ein bißchen sommermude. wie man ist, das Verlangen, diesen Schnee auf Duelldistanz zu sehen. Schnee und Rom. das reimt sich so interessant schlecht. Schön müßte es sein, aus der sonnen- und etwas weintrunkenen Campagna direkt in diese blendcnd- falte Alpenscheibe hin-inzufahren.
Fahren wirl
Fahren wir im offenen Wagen. Die Tiburtina hinaus... grüne Weide und Weile ... rote Ruinen und silberne Oliven... schon spiralt sich die Asphaltdecke hinauf nach Sibur oder Tivoli. Schon geht es. dreißig Minuten nach der Abfahrt, hinein in die kahlen, rauh geschuppten Berge. Aber noch glühen diese Schuppen wie ein zu nah gerückter Ofenschirm und die weiße Scheibe ist dahinter verschwunden wie eine hinuntergeschluckte
Kommunisten. Schon die ersten vierundzwanzig Stunden brachten dort Tote und zahlreiche Verwundete.^ Wie in Madrid wurde dort der Verkehr völlig lahmgele gt, die Brotversorgung unterbunden und daS Funktionieren von Elektrizität, Gas und Wasser nur mit Mühe dank militärischem Eingreifen aufrechterhalten. Heute noch dauern die ölnruhen dort fort, wenn auch in verminderter Stärke, und in ganz Spanien gibt eS kaum einen Sndustrieplatz von einiger Bedeutung, wo nicht irgendeine Gewerkschaft sich noch im Streik befände.
Die Atmosphäre ist schwer mit Zündstoff geladen und der tlcinftc Funke kann neue Explosionen bringen. Spanien steht ohne jeden Zweifel vor einem entscheidenden Wendepunkt, die Frage ist nut, wann der große Schlag geführt werden wird. Hinderlich ist zunächst noch die Uneinigkeit unter den revolutionären Elementen. Die Sozialdemokratie fürchtet um ihre Organisation und will sich nur auf ganz sichere Unternehmungen einlassen. Ihre Hauptangst ist die Möglichkeit, daß die aktiveren und radikaleren Syndikalisten in dem Fall einer Revolution ihnen die Herrschaft über ihre Mitglieder entreißen. Die geistigen Führer aus dem nichtsozialistischen republikanischen Lager fürchten, daß die Kommunisten einen Umsturz über daS vorgesehene Ziel hinauStreiben könnten und daß es ihnen in einem solchen Falle selbst ans Leder ginge. Alle zusammen aber sind davon überzeugt, daß ohne die Mithilfe der Armee nicht viel zu machen ist. fürchten sich aber vor der Möglichkeit, daß dann diese wieder die Herrschaft im Lande an sich reißen und sie selbst aus dem Regen in die Traufe kommen könnten. Solange dieser Zustand berrfdjt, werden immer wieder Unruhen aller Art in
Spanien auSbrechen, aber die gemeinsame Aktion wird nicht Zustandekommen.
Aber — die Durchdringung der Armee mit republikanischen Gedanken schreitet täglich mehr und mehr fort und es wird nicht allzulange mehr dauern, bis der größere Teil der bewaffneten Macht fich vorn König abgewendet haben wird. Dann kann man eines Morgens in Madrid aufwachen — ebenso wie damals beim Staatsstreich Primo de RiveraS — und die Proklamation der Republik lesen, ohne daß auch nur ein Schuß gefallen wäre. Andererseits allerdings mehren sich täglich die Stimmen, die wieder eine Diktatur verlangen, aber selbst wenn diese zustande käme, würde sie nur eine Verzögerung bedeuten, nicht aber ein Heilmittel. Die Abneigung gegen die Monarchie hat zu sehr um sich gegriffen. Und außerdem kann man auch eine Diktatur nur mit der bewaffneten Macht inszenieren, und die wird niemals mehr sich so geschlossen hinter einen Diktator stellen wie damals bei Primo, eben weil die republikanischen Sbeen in ihr schon zu sehr Wurzel gefaßt haben.
Die heutige Regierung aber ist zwar ohne Zweifel vom besten Willen beseelt und auS persönlich ehrenhaften Männern zusammengesetzt, aber eS fehlt ihr an Kraft und Energie, an dem eifernen Willen, sich daS Steuer nicht auS der Hand winden zu lassen. Eine enorme Nervosität scheint sie befallen zu haben. Dazu kommt daS Fehlen deS Kontaktes mit dem Volte, die Unfähigkeit, sich in dessen Gärungszustand bin- einversetzen zu können — alles Dinge, die zu dem Schluß berechtigen, daß diese Regierung nicht imstande sein wird, daS GtaatSschifs gegen die Böen zu halten, die es dauernd zum Kentern bringen wollen.
Das Erwachen des Negers in USA.
Die kommunistische Bewegung. - Folgen des Krieges. — Oie schwarze Völker- Wanderung von Süd nach Nord.
Don unserem dl.-Korrespondenten.
N e u y o r k. November.
Ausgehend von Moskau ist kürzlich ein Sn- ter nationales Negerkommitee gebildet worden mit dem Zweck, engere Beziehungen zwischen den Negern der verschiedenen Erdteile her- zuftellen, die Grundsätze des KlassenkampseS auch unter ihnen zu verbreiten, dem „Chauvinismus" her weißen Rasse entgegenzuarbeiten, und bessere Grundlagen für die Weltrevolution auch unter der schwarzen Rasse zu schaffen. Bolschewistische Agenten haben in den letzten zwei Iahten sehr erfolgreich unter der schwarzen Bevölkerung gearbeitet, besonders in Nordamerika und Afrika, wir erinnern z. B. an die kommunistisch-revolutionären Strömungen, die sich in einigen afrikanischen Kolonien nach dem Kriege fühlbar machen. Damit haben fick die Bolschewisten sicherlich ein ganz besonders dankbares Feld der 'Tätigkeit ausgesucht, nicht deshalb, weil der Neger an sich kommunistischen Ideen besonders zugänglich wäre, die Propaganda wendet sich hier aber einer Gruppe der menschlichen Bevölkerung zu, die, so verschieden ihr Lebensstandard auf den einzelnen Kontinenten und besonders in Nordamerika auch zwischen den schwarzen Bewohnern desselben Landes ist, doch ein starkes Gefühl von Solidarität verbindet, und welche, das ist besonders beachtenswert, jetzt mehr als früher um Gleichberechtigung mit der Weißen Raffe kämpft. Diefer Kamps ist durch den Weltkrieg auS verschiedenen Gründen besonders gefördert worden. Daß der amerikanische Neger im Kampf gegen Völker der weißen Rasse fein Leben aufs Spiel ktyen mußte, wird er ohne weiteres verstanden haben, denn er ist ja amerikanischer Bürger und genießt — wenn auch teilweise nur auf dem Papier — gleiche Rechte mit ihr. CS ist ihm daher selbstverständlich 'gewesen, auch die gleichen Pflichten übernehmen zu müssen. Wenn aber schwarze
Lüge. Ein Zug beult auf, bohrt sich in den Bauch dec Erde und bildet sich wunder waS darauf ein. well die Landstraßen mühsam drüber Wegkrabbeln müssen, Ülnd dann dreht er unS toici'cr eine Nase, weil die Schranke geschlossen ist. und die Reisenden schauen mit Sicgcnnienen auS den Fenstern.
Zwischen Arsoli und Carsoli legt die Straße plötzlich ihr zivilisiertes We'en ab, häutet sich, schuppt sich, versteinert. In früheren Zeiten ist den Schotterhausen au beiden Seiten der Bart gewachsen, kein Mensch hat sich uu ihre pflanz- Uche Verwandlung gekümmert, jetzt aber benützt man den Schotter sonderbarerweise zum Schottern. An einem bestimmten Tage des Kalenders wird er ausgestreut, ob ihn die Straße braucht oder nicht. ES kann daher sehr wohl vorkomrne:i, daß ein Automobilist sie über den schwarzen Asphalt lobt und ein anderer über seine kaputten Reisen jammert — der Widerspruch erklärt sich sehr einfach daraus, daß der erste am 31. Oktober und der zweite am 1. November gefahren ist. Nun, jetzt schreibt man Nlitte November, da muß man halt Moränen mit in Kauf nehmen.
Sie führen durch eine Mondlandschaft. Zwischen nackten Kraterlöchern und unbekleideten Felszacken, in einer sozusagen umgestülpten Tropfsteinhöhle gibt es ein Picknick. D e Sonne ist noch immer warm und die Leute im Zug staunen heraus. Ein Bauer, der auf einem Esel vorbeitrottet, kommt auS dem Kopfschütteln nicht heraus: Da haben sie ein Auto und essen auf der Straße! Ja, das hat er voll Verachtung über diese schnöde Welt gesagt. Darauf ist Faust dem Esel zwischen die Beine gefahren, daß sich der Bauer bekreuzigte. Faust ist ein Bulli und so ein Untier hat in den Abruzzen noch niemand zu Ge'icht bekommen.
Faust fraß, bis zu den Hinterläufen über den Wagenschlag hinaus ängend, die Kurven in sich hinein wie endlose Wursthäute, versetzte Taglia- cozzo in Schrecken und brachte die Kinder von Abezzano in rasendes Entzücken. DaS darf man ihnen wohl gönnen, denn daS Erdbeben von 1915 hat von dieser Gegend, soweit sie mit Häusern besetzt war. wenig übriggelassen. Manche Ortschaften sehen noch immer so trostlos auSgeftorben auS und die neuen Häuser wagen nicht den Kopf zu heben, ducken sich erdgescholsig in diese trügerische. grausame und dennoch so geliebte Erde.
Den großen See, den größten des Landes, wenn man von den oberitalienischen absieht, die geo
Kolonialtruppen auS Afrika gegen die weiße Rasse kämpfen mußten, so konnte man jenen Soldaten schwer klar machen, daß die Ehre. Kolonie einer weißen Nation zu sein, ihnen die Pflicht auferlegt, gegen andere weiße Nationen fern der eigenen Heimat zu Felde zu ziehen.
Während in Nordamerika also weniger der Krieg als solcher, die Gleichstellung deS QlcgcrS mit dem Weißen im Schützengraben, die Emanzi- pationSbestrebungen gefördert bat, waren eS hier Folgeerscheinungen deS Krieges, welche indirekt dieselben Wirkungen hervorriefen. Der industrielle, bis zum Krieg nur schwach von schwarzer Bevölkerung bewohnte Norden brauchte Arbeiter, anfangs infolge der Expansion der Industrie, später, als Amerika in den Krieg eintrat, weil viele Industriearbeiler nach Europa gingen. Die große Gelegenheit für den Neger begann. Er verlieh den Süden, und die damals beginnende schwarze Völkerwanderung von Süd nach Nord hat bisher nicht auf- gehört. Die Ansicht über den Neger unter der weißen Bevölkerung änderte sich. Wurde der Neger früher als ein Hemmschuh für den Fortschritt deS Landes angesehen, als miiwertocrtig und außerhalb des eigentlichen amerikanischen LebenS stehend, so brauchte man ihn jetzt, und er füllte hier im Norden seinen Posten in der Regel nicht so schlecht auS, als man erwartet hatte.
Hier lagen die Verhältnisse für ihn auch schon vorher etwas anders als im Süden. 1865 brachte den Schwarzen auf dem Papier zwar die Freiheit, alle bisherigen Sklaven wurden Freie und amerikanische Bürger. In der PrariS trat aber bis in allerletzter Zeit keine wesentliche Aende- rung ein. Der Neger war zu unselbständig, zu wenig regsam, besah zu wenig Selbstvertrauen, um, besonders in den Südftaaien, von sich aus graphisch ja schon zu einer anderen Welt gehören. Den Lago Fucino, aber hat nicht die Erde i>cr- schluckt. sondern die nie au viel gepriesene Wirtschaftsweisheit unserer Zeit. Allerdings wollten ihn schon die Alten trockenlegen, zum Glück ist eS ihnen nicht gelungen. Jetzt ist baS kultivierte Seebecken von „ungeheurer Bedeutung". Alles ist heutzutage ungeheuer und bedeutend. Vielleicht verzinst er daS hineingesteckte Kapital von zweihundert Millionen Lire, mag sein, nur hat sich das Klima ringsum nicht zum Vorteil verändert und schließlich hat ein See als ein gewachsenes Stück Landschaft auch Anspruch auf ideelle ‘Beurteilung.
Teilnahmslos flehen die Zweitausender um die erloschene Pracht, aas der jetzt als Berg hetauS- ragt, was früher eine Insel war. Vor den weißhaarigen Riesen steht der Wagen wie vor einer Wand, sogar Faust wundert sich, dah eS da hin- ausgehen soll. Aber wir fahren ihnen in den Nacken, daß plötzlich nur noch ihre Köpfe da- licgen, einer neben dem andern, alt und vetschat- tet. ilnb auf dieser Höhe, in einer Nackensalte, hat sich Oblnholl cingcniflcl, ein Haufen in- und übereinandergeschachtelter Häuser, die sich kaum abheben. Stein unter Steinen.
Rauf und durch — da wackeln die Köpfe zurück und die Kessel schließen sich und kalkweiße Dinger treten zurück wie knixende Mädchen bei allerhöchstem Besuch, und ein alpines Wiesental öffnet sich, in dem, wie man uns sagt, die Wasser ver- sinken, um teils zur Adria, teils zum Tyrrhenischen Meer hinunterzukullem, meist unterirdisch. Ich habe den Eindruck, als sei das ganze Abruz- zenmassiv daS Gegenteil von massiv: hohl, unheimlich hohl.
AbendS stand der Höchste deS Apennins vor uns, der Gran Dasso, und am Morgen wäre er gewiß auch noch bagcflanben, wenn ihn nicht ber Schneeschwamm auSgelöscht hätte. Dazwischen eine Nacht in Aqulla, eine eisige Hochgebirgsnacht. Wahrscheinlich nannte ber Hohenstaufe, der zweite Friedrich, alS er die Hauptstadt der Abruzzen gründete, sie nicht nach dem König der Lüfte, aber sie sieht so auS, sie könnte nicht treffenber heißen alS Stadt deS Adlers. Obwohl sie einen langen Corso hat, einen erstaunlich lebhaften Bummel auf Steinfließen kennt, ratternde Autobusse und fliehendes Wasser im Hotel.
auf eine Aenderung der Dinge zu bringen. Noch vor zwei Jahrzehnten waren Lynchungen von Negern an der Tagesordnung. DaS 13., 14. und 15. Amendement der Verfassung wurde, und wird teilweise bis auf den heutigen Tag im Süden einfach nicht beachtet. Die Ceibelgenfcbaft blieb de facto bestehen. DaS Wahlrecht wird ihnen in den meisten Sübstaaten versagt, entweder durch beftinnntc Gesetzesklauseln. denen der Reger nicht gerecht werden kann, ober durch andere Mittel und Mittelchen. In den öffentlichen VerkehrSeinrichtungen stehen ihnen nur bestimmte Abteile zur Verfügung. Doch auch baS ändert sich. Die Lynchungen werden weniger, 1928 sind nur noch elf im ganzen Jahr gemeldet worden. Auch die Macht des Ku-Klux- Klan läßt in dieser Beziehung nach.
Wan schätzt, daß seit 1915 1,5 Millionen Rege« vom Süden nach dem Norden abgewandert sind, wo seine soziale Stellung eine gaitz andere ist als in der südlichen Heimat. Mit dieser Ab- ivanbcning bcHcrtc sich aber auch die 9agc der zurückgebliebenen StammeSgenossen. Die QI a d) t r a g c Im Süden nach QlrbeitS* krästen stieg, der in der Landwirtschaft beschäftigte Qleger ging nicht selten in die Stabt und füllte dort die frei gewordenen Stellen au#. Heute lebt ein Viertel aller Qleger der Vereinigten Staaten im Norden, ein Drittel in den Städten. Qlucb hier beginnt er zwar in der Regel mit den niedrigsten Arbeiten, verschafft sich aber meist halb Zugang auch zu den besseren Stellungen, und so ist ber Qlegcj deute bereit# zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor in der amerikanischen Industrie geworden. Ford beschäftigt etwa 17 000 Neger in seinen Fabriken, aber auch alS gelernter Arbeiter in ber Gisen- unb Stahlindustrie, selbst In chemischen Laboratorien ist der Schwarze keine Seltenheit. Die Ansicht, der Qleger sei für die Industrie nichts wert, bat sich gründlich gewandelt. Dazu ist er anspruchslos und sparsam, bald ist er in dec Lage, sich ein Bankkonto zu eröffnen und für seine Familie zu sorgen. Die Metropolitan Life Insurance Company hat allein 2.5 Millionen Schwarze versichert.
ÖS ist daher nicht verwunderlich, daß der Qleger als Stadtbewohner auf gleicher Stus« mit seinen weißen Kollegen in Rede und Gedanken beweglicher wird, fein Selbstbewusttsein sich stärkt, s ei n R a s s e st o l z fich durchsetzt und sein Klasfenbewußtsein, baS sich gegen jede Diskriminierung auslehnt, in ihm wächst. DaS ebnet ihm auch ben Weg in bic Gewerks cha f- t e n. Währenb diese anfänglich ablehnend gegen schwarze Mitglieder waren, so konnten sie sich den Strömungen der Zeit auf die Dauer nicht widersetzen. Nur ganz wenige Gewerkschaften lehnen heute noch Qleger ab. Die bekannteste reiit- schwarze" Gewerkschast ber Schlaswagenschafsner. bic ja auf fast allen Eisenbahnlinien Qleger sind, ist von ber American Federation of Labouy angenommen worben.
Die Entwicklung geht ober weiter. Dio geistige D u r ch b i l b u n g der schwarzen Bevölkerung macht weitere Fortschritte, Schriftsteller, Dichter und Künstler sind auS ihr hervorgegangen. 10 000 schwarze ©tubenten machen iährlich ihr Examen an den amerikanischen Universitäten, über 1000 schwarze Richter sprechen Recht auch über Weiße. Schwarze Netzte praktizieren und haben auch weiße Patienten Zeitungen, Schulen, Kirchen, Versicherungsgesellschaften sind mit CM* bem der schwarzen Bevölkerung errichtet worden, im Kongreß ist sie vertreten, in ber Kadetten» schule West Point gab cS kürzlich einen schwarzen OsiizierSanwärter. ber allerdings daS Schluß- examen nicht bestand. Wenngleich in den großen Städten die schwarze Bevölkerung in der Regel in bestimmten Stadtteilen wohnt, so hat doch der Supreme Court ebenfalls clngegrilfen. als einige Städte versuchten, auf dem Wege ber Gesetzgebung für diese Ghettos zu schassen.
Wir sehen hier einen Wandlungsprozeß, der nicht ohne Ginslust auf baS amerikanische Staatswesen bleiben wird, und ber bedrohlich werben kann, wenn eS hier mal zu einer Ql u S e t n - anberschung mit bem internationalen Kommunismus kommen sollte. Von
Aber ich wollte ja von bem Schnee sprechen, den man von Rom auS sieht. Daß der Winter hier oben seine Abfahrtsstation hat, erkennt man ohne weiteres. Er pfiff schon aus allen Ventilen. Rach jenem alpinen Wiesental folgte ein Paß mit so wenig einladenden Gebärden, dah eS Faust endlich vorzog, seine Freiluftübungeni auszugeben und die tiefer gelegene Region der Pedale aufzusuchen. Gr maulte sogar, als eS auf einmal nicht mehr weiterainq, weil ber Schotter sein Werk getan hatte. Und so erfüllte sich bic römische Sommersehnsucht: einmal bic Hände tauchen zu können in Schnee und blaue Backen und glühende Ohrläppchen zu kriegen, erfüllte sich beim unfrctlullligen Reifenwechsel. Die Wand deS Gran Sasso vermochte den pfeifenden Ewigkeit-* tpinb nicht abzuhalten. AlS die Sonne, dieselbe, die sie jetzt auf der Pincioterrasse bewunderten, bleich und unansehnlich in ihr Steinbett kroch, fing eS zu riefeln an, dünne, graupelige Flocken.
Die Heimfahrt war ein einzige- (Bergab, ein Hinunter in- Ilcflanb, in den sonnigen Süden. Gab eS nicht einmal eine Zeit, in der ein Reisender der sich in die wilden Abruzzen wagte, voll Respekt angesiarrt wurde? Heute ist eS in dieser einsamen Gegend sicherer geworden als in manchen dichtbewohnten Gegenden 'Berlins. Welt reichen die Schwingen deS jungen Ablers in Rom.
Schneegestöber um den Gran Sasso d'Italia, Aufheiterung Im Rajotal, Sonne über Antrodoco tief unten in ber Schlucht. Man kreist fömlich über ben Dächern, immer nichtiger, sinkt in die engen Straßen hinab. Hinaus inS Freie, in die Ebene von QUcti, dem mctcrgenaucn Mittelpunkt ber Halbinsel. Gin kurzer Halt an einem opali- ficrcnbcn, mabonncnblaucn, weißkochenben und herrlich nach Schwesel stinkenden Gewässer: eine etunbe hcrumgcllcttcd In einer bis auf bic Torbogen eingesunkenen, geborstenen Kirche, in her metetbod) baS saphitene, glasklare Wasser steht: an Wassern und Flüssen vorbei, die beim Wie- berauftauchen einen anberen Namen haben als beim Verschwinden - hohl, hohl sind die Berge und voller Geheimnisse. ES ist unvergleichlich reizvoll daran vorbeizuhuschen, daraus bic Mütze ab^uncpTncn, die wanne Sonne einzusaugen mit boller Brust und nach einer letzten Stunde schnurgerader Gbenefahrt wieder zu landen im letzten Abendscheine, bic weiße Signalscheibe im Rücken, auf bet Terrasse de- Pincio.


