Einzelbild herunterladen

Nr. 255 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch, 29. Oktober 1950

Sechzehn Kilometer über derGrde

Bemerkungen zur piccardschen Höhenfahrt.

Don profeffor Dr. Paul Kirchberger.

Der Versuch des Schweizer Physikers Pro­fessor Piccard, sich bis zu 16 Kilometer über den Erdboden zu erheben, hat zwar vorläufig zu keinem Ergebnis geführt, das ganze ilnter- nehmen schwebt also sozusagen noch in der Luft. Aber der kühne Plan hat allgemein so viel Beachtung gefunden, das) vielleicht einige Be­merkungen darüber am Platze sind.

Auf den Bildern des Ballons wird Wohl jedem Beschauer aufgefallen sein, daß seine Gestalt von der gewohnten Kugelform des Luftballons stark a b w e i ch t. Er ist lang, ge­streckt und an seinem unteren Ende ziemlich schlaff. Dies kommt daher, daß er nur zum kleinen Teil, bis zu etwa einem Sechstel, mit Gas gefüllt ist. Ihn ganz zu füllen wäre nämlich eine arge Verschwendung von Wasserstoff, denn in der Höhe, bis zu der der Ballon steigen soll, herrscht nur der neunte Teil des irdischen Luftdrucks. Infolgedessen dehnt sich das Gas des Ballons auf das Neunfache des von ihm zuerst ein- genommenen Raumes aus. Wenn also der Dal- n schon beim Aufstieg prall gefüllt wäre, so mühten acht Neuntel des Wasserstoffs durch den unten angesehten Füllansatz, der bei jedem Frei­ballon offen sein muh, damit der Ballon nicht platzt, nutzlos entweichen. Der Ballon wird also in größeren Höhen von selbst prall. Ein weiteres Steigen ist dann nur durch Abwurf von Ballast möglich, und alsdann entweicht natürlich Gas, was aber für die letzten paar tausend Meter in Kauf genommen werden kann.

Eine weitere Eigentümlichkeit des Ballons ist die luftdicht verschlossene Aluminiumgon­del. In der Höhe von 16 Kilometer über dem Erdboden herrscht statt des gewohnten Luft­drucks von 760 Millimeter Quecksilbersäule nur noch ein Druck, der einer Quecksilbersäule von 96 Millimeter entspricht. Bei dort oben lebenden Menschen brauchte also das Barometerrohr statt etwa 85 Zentimeter nur wenig über 10 Zentimeter lang zu sein. Die Luft dort oben hat weit mehr Aehnlichkeit mit der Lust unter der Glasglocke einer nicht ganz glänzend arbeitenden Luft­pumpe als mit unserer gewohnten Luft. Wasser würde dort schon bei 50 Grad sieden statt bei 100. Bei einem so geringen Luftdruck kann der Mensch nicht mehr leben, zumal auch der Gehalt der Shift an dem lebenswichtigen Sauerstoff nicht nur im Verhältnis des Luftdrucks, sondern, da der Sauerstoff der schwerste Bestandteil der Luft ist, noch etwas schneller abnimmt. Nach den bis­herigen Erfahrungen scheint eine Höhe von etwa 5000 Meter die Grenze zu sein, die vom Men­schen und den meisten anderen Lebewesen ohne allzugrohe Beschwerden ertragen werden kann. Zwei englische Luftfahrer, G l a i s h e r und C o x - well, hoben allerdings schon vor fast 70 Jahren die fabelhafte Höhe von etwa 9 Kilometer er­reicht: aber sie wurden dabei ohnmächtig und kamen erst wieder zu sich, als der Ballon wieder in tiefere Schichten gesunken war. Mit der Ein­atmung mitgeführten Sauerstoffs sind dann aller­dings im Freiballon und im Flugzeug schon weit größere Höhen erreicht worden, und man ist bis etwa 13 Kilometer Höhe gekommen.

Piccard und sein Begleiter werden unter der dünnen Luft und unter Sauerstoffmangel nicht zu leiden haben, denn in ihrer kugelförmigen Gondel wird derselbe ßuftbrud herrschen wie auf der Erde: deshalb eben muß sie luftdicht sein, und deshalb muh sie Kugelform haben.

In diesen Zahlen kommt auch die revoluttonäre -Umgestaltung zum Ausdruck, die die Gesamt­produktion durch die plantagenmähige Erzeugung ws Kautschuks erfahren hat. Während die Wild- Kautschuk-Produktton seit 1912 beständig zurück- S und heute nur rwch eine untergeordnete e spielt, hat sich die Plantagenkautschuk- Produktion in den letzten Jahren vervielfacht. Der erhöhte Kautschukverbrauch ging Hand in Hand mit den, gewalttgen Aufschwung, den der Kraft- und Luftfahrzeug bau um die Jahrhundert­wende erfuhr, die die Höhe der Verbrauchszifser heute in erster Linie bestimmen. Während nun vor 1914 Deutschland als Kauttchukverbräucher mit an erster Stelle stand, war doch der Welthandel dcnnals in erster Linie auf Deuttchland ange­wiesen, da die amerikanische Kauttchuttndustrie trotz größerer Zahl dcr Unternehmungen nur die Bedürfnisse des Inlandmarktes befriedigen konnte, hat sich heute das Bild nicht unwesentlich geändert. Der Weltkrieg bot der Kautschuk-Industrie der Vereinigten Staaten eine willkommene Gelegen­heit zu einer freien Entwicklung seiner Technik und seines Außenhandels, während die deutsche

Die weltwirtschaftliche und tech­nische Bedeutung des Kautschuks.

Don Dr. <5. Fromandi, Gießen.

Kaum eine Industrie hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen solchen Aufschwung erfahren, wie die Kautschuk-Industrie. Ihre Technik trat in ein neues, umfassenderes Stadium ein, die allgemeinen Rationalisierungsbestrebungen fanden eine besondere Beachtung und einen weitgehenden Ausbau, moderne Maschinenanlagen und Appara­turen gaben der Fabrikatton und ihrer Methodik eine neue Note und die Fortschritte der Chemie bedingten neue Verfahren, die die Entwicklung der Kautschuk-Industrie in hohem Maße be­einflußten.

Die weltwirtschaftliche Bedeutung des Kaut­schuks, die ihn zu einem der wichttgsten modernen Rohstoffe und zugleich zu einem Kulturfaktor ersten Ranges machte und feine Industrie all­mählich in die Reihe der Großindustrie treten lieh, druckt sich am deutlichsten in der Steigerung seiner Erzeugung in den letzten drei Jahrzehn­ten aus.

Jahr

Plantagen- Kautschuk Tonnen

Wild- Kautschuk Tonnen

Gesamt

Tonnen

1895

20 000

20 000

1905

150

62 000

62150

1915

107 900

50 800

158 700

1925

452 000

30 000

482 000

Aus Natur und Technik.

denn jede Gondel von anderer Form würde bei dem mneren Aeberdrud von acht Neuntel Atmo­sphären, das heißt also von/» Kilogramm auf den Quadratzenttmeter, mit Sicherheit platzen, da sie ja natürlich nicht schwer sein darf: Die Kugel aber ist die Form, die bei geringstem Gewicht den größten Aeberdrud aushält, denn die auf sie wirkenden Kräfte haben nicht das Be­streben, sie aus der Form zu bringen, wie dies bei allen anderen Gestalten der Fall wäre.

Besonders bemerkenswert ist auch der Gedanke Piccards, die Aluminiumgondel zur Hälfte me­tallisch glänzend zu belassen und die andere Hälfte zu schwärzen. Sie ist außerdem dreh­bar, so daß nach Belieben die schwarze oder die spiegelnde Hälfte der Sonnenstrahlung zugedreht werden kann. Ob dies allerdings gelingt, ist eine andere Frage, da eben ein Festpunkt fehlt, gegen den sie verdreht werden könnte. Es herrscht dort oben, hoch über den Wolken, ein ununterbroche­ner Sonnenschein, und die Sonnenstrahlung ist in einer Höhe, wo bereits sieben Achtel der Luft unter uns liegen, stärker als in der Tiefe, wo die dicke Luftschicht die Strahlen schwächt. Setzt man die dunkle Seite der Gondel den Svnnen- strahlen aus dann verwandelt sie diese in Wärn e. die sich natürlich auch im Innern der Gondel höchst angenehm bemerkbar macht, denn in diesen Höhen ist es unerträglich kalt. Die metallglän­zende Aluminiumseite dagegen wirft die Strahlen zurüd und läßt das Gondelinnere kalt. Selbst­verständlich stand auch gelegentlich zu lesen, daß die starke Bestrahlung des glänzenden Metall­spiegels die Erwärmung Hervorrufe, aber das ist natürlich Ansinn.

Dcr schwierigste Teil der Fahrt wird wohl die Landung werden, wenn es nicht ganz voll­kommen windstill ist: sie ist schon beim gewöhn­lichen Freiballon, wo man sich im offenen Korb befindet, recht häufig keine reine Freude, aber für die in der Kugel Cingeschloffenen kann sie leicht verhängnisvoll werden. Der Aufstieg kann hauptsächlich aus diesem Grunde nur dann ftatt» finden, wenn mit der möglichen Sicherheit auf Windstille bei der Landung zu rechnen ist.

Der Zweck des Aufstiegs ist vor allem die Erforschung der sogenannten Höhenstrah­lung, um deretwillen schon bisher eine größere ^n3a^j[ kühner und großartiger Versuche an­gestellt wurde als zur Lösung irgendeiner an­deren Frage. Aebrigens wird die Strahlung mit­unter zu Unrecht ..Millikanstrahlung" genannt, denn wenn auch der bedeutende amerikanische Physiker Millikan große Verdienste um ihre Erforschung hat, so sind doch die des deutschen Forschers Kolhörster noch größer, und ent­deckt ist die Strahlung von dem Deutschen Heß. Zu ihrer Beobachtung richtete man Forschungs- stätten im Hochgebirge ein, z. D. im Eisgebiet des Iungfraujochs im Berner Oberland, unternimmt kühne Hochfahrten oder verfolgt sie in Seen bis über 200 Meter unter den Wasserspiegel. In der Tat sind die Eigenschaften dieser Strahlen außerordentlich merkwürdig. Sie dringen durch meterdicke Metallblöcke, von deren Dicke der zehntausendste Teil genügen würde, unser ge­wöhnliches Licht restlos aufzuzehren, aber in merkwürdigem Gegensatz dazu werden sie von einem so durchsichtigen Stofs, wie es die Luft ist, stärker verschluckt als die gewöhnlichen Licht­strahlen. In 16 Kilometer Höhe werden sie in weit größerer Stärke als je zuvor beobachtet und untersucht werden können. Dies wird übri­gens dadurch ungeheuer erschwert, daß sie keine bestimmte Richtung haben, sondern den Raum kreuz und quer durcheilen. Es ist also ungefähr so, wie wenn man das Sonnenlicht untersuchen mühte, ohne den Schatten verlassen zu dürfen.

Industrie zu einer fortschritthemmenden Abge­schlossenheit verurteilt war, und begründete so seine Weltvorrangstellung. Immerhin aber macht sich heute eine steigende Tendenz der deutschen Kautschuk-Industrie zur Rückgewinnung der alten Stellung bemerkbar: es ist wohl nicht zu viel gesagt mit der Behauptung, daß die deutsche Kautschukwarenfabrikatton auf dem Marsche ist, England auf seinem Platz als zweitgrößter Roh- kautschuk-Verbraucher der Welt einzuholen.

Ford sagte einmal in einem Interview, das die derzeittge Lage der Plantagenwirtschaft und der Kautschukindustrie zum Gegenstand hatte: Wir stehen vor einer Zeit, in der unsere wich­tigsten Materialien nicht mehr die sind, nach denen wir graben, sondern die, die wir anbauen". In der Tat, die Kraftfahrzeug-Industrie, die etwa 80 Prozent der gesamten Welterzeugung an Roh­kautschuk benötigt, und die Motorisierung der Welt schreitet sprunghaft weiter fort. Diese Ent­wicklung konnte naturgemäß nicht ohne Einfluß auf die Preisgestaltung bleiben. Es wurden immer mehr neue Gebiete der Kautschuk-Kultur erschlos­sen, so daß das Angebot nach Rohkautschuk die Nachfrage nicht unwesentlich überstieg, u. a. auch bedingt durch die allgemeine Wirtschaftszerrüt­tung der ersten Nachkriegszeit, und einen erheb­lichen Preissturz verursachte. Das führte 1922 zu einer künstlichen Produkttonseinschränkung und auf Anregung des britischen Kolonialamts bzw. sei­nes Beraters Stevensen zu einem Plan, der die Rohkaulschukausfuhr aus den britischen Er­zeugungsländern regeln sollte und nur einen be­stimmten Prozentsatz als Exportquote vorsah, um auf diese Weise den Preis zu stabilisieren. Diese sogenannteRestriktion" hatte nur einen beding­ten Erfolg. Die Weltvorräte an Rohkautschuk nahmen zwar allmählich ab, die Preis stab ilisie- rung aber blieb in der Hauptsache aus. Dagegen aber hat die Restriktion das brittsche Rohkaut­schuk-Monopol stark inä Wanken gebracht. Die englische Erzeugung ging' wesentlich zurück, wäh­rend der Anteil der anderen ßänber an der Welt­produktion, an ihrer Spitze Niederländisch-Indien, sich fast verdoppelte und so zumindest einen ge­wissen Ausgleich schuf. So erfuhren z. D. auch die reinen Eingeborenen-Plantagen, deren Pro­duktion zahlenmäßig heute nicht unerheblich ins Gewicht fällt, einen starken Ausbau. Unter dem Einfluß der Restriktion, und um sich von der frü­her tonangebenden englischen Rvhkautschukproduk- tion unabhängig zu machen, ging der Hauptver­braucher, die Vereinigten Staaten Amerikas, dazu über, eigene Plantagen auf den Philippinen, in Sumatra, Brasilien usw. zu gründen, mit deren Mehr-Produktion in nächster Zukunft zu rechnen ist. Unlängst nun fiel derStevensen-Plcm" unter

Als einziges Mittel bleibt nur die Beobachtung, wie stark die Strahlen durch diese oder jene Schicht abgeschwächt werden. Dagegen ist es noch keineswegs ausgemacht, ob sie, wie einige For­scher annehmen, ihren Höchstwert erreichen, wenn die Milchstraße über uns steht. Dies wird von anderen bestritten, und jedeittalls ist die Aen- derung in der Strahlenstärke, die durch den Stand beS Siernhimmels hervorgerufen wird, sehr geringfügig. Man kann also höchstens ver­muten, daß sie aus dem Weltall zu uns kommen, aber möglicherweise entstammen sie nur unserer

Sonnenwelt. Daß sie irdischen Ursprungs Jinb, ist deshalb ausgeschlossen, weil sie um so stärker werden, je weiter man sich über den Erdboden erhebt. Don ungeheurer Wichtigkeit sind die Sirahlen deshalb, weil ihre Entstehung vielleicht mit der der Atome zusammenhängt.

Natürlich sind die Höhenstrahlen, wenn auch wohl der wichtigste, so doch nicht der einzige Gegenstand für die Forschungen in 16 Kilometer Höhe. Man kann also annehmen, daß und Pic­card, wenn er erst seine Reise getan hat, mxnW chcrlei zu erzählen haben wird.

Warum fällt eigentlich ein fahrendes Fahrrad nicht um?

Don Franz Neumann.

(Nachdruck verboten!)

Alle Tage sehen wir Radfahrer auf der Straße fahren, ja wir fahren selbst, und doch wissen die wenigsten Leute, warum eigentlich ein fahrendes Fahrrad nicht umsällt. Wenn man die Frage nach dem Grunde aufwirft, so bekommt man gewöhn­lich die Antwort:Nun, ein ta.izender Kreisel fällt ja auch nicht um es wird also wohl da­her kommen, daß sich beim Fahren die Räder drehen!" Diese Antwort ist a.er nur bedingt richtig.

Betrachten wir einmal ein stehendes Fahrrad: Der Schwerpunkt ist nur an zvei Punkten unter­stützt, nämlich an den beiden Punkten, wo das

Das Bild zeigt, daß der Berührungspunkt des Vorderrades mit der Erde vor dem Ein­

trittspunkt der verlängerten Leniachse in die Erde liegt.

Hinterrad und das Vorderrad auf dem Boden auf stehen. Nun lehrt uns die Physik, daß ein wirk­licher und dauernder Gleichgewichtszustand nur bestehen kann, wenn der Schwerpunkt unter seinem Anterstützungspunkt hängt dies ist beim Fahrrad nicht her Fall, daß aber mindestens drei Anterstützungspunkte nötig sind, wenn er dar­über liegt, wie beim Fahrrad. Also fällt das stehende Fahrrad entsprechend den Lehren der Physik und der Erfahrung auch in Wirklichkeit um, wenn'man es nicht an einem dritten Punkt stützt, z. B. indem man ein Pedal auf den Bordstein seht oder als dritten Anterstühungspur.k. das weg- gestreckte Bein des auf dem Rade sitzenden Fah­rers benutzt.

Wenn nun aber das Fahrrad fährt? In der Tat haben umlaufende, d. h. sich um ihre Achse drehende Körper das Bestreben, ihre Achsenrich­tung beizubehalten, und daher kommt es, daß ein sich drehender Kreisel nicht umfällt, daß sich ein mit Drall abgeschossenes Geschoß nicht überschlägt und daß die Erdachse bis auf weiteres bei den

Eskimos und den Südpolacken aus der Erde her­auskommt und nicht auf einmal bei den Hotten­totten oder neuen der Cheopspyramide. Aber dazu ist es erforderlich, daß der sich drehende Körper möglichst schwer ist. Beim Fahrrad aber macht man die Räder wie alle Teile möglichst leicht. Im Verhältnis zum Gesamtgewicht ein­schließlich des Fahrers sind sie sogar so leicht, daß durch ihre verhältn smäßig langsame Drehung das Rad ganz unmöglich vor dem Umfallen be­wahrt werden kann. Es fällt aber trotzdem beim Fahren nicht um. Woher kommt dies nun?

Der Grund für das Nichtumfallen des Rades liegt in der Einwirkung des Radfahrers. Das Rad versucht nämlich dauernd umzufallen: neh­men wir einmal an, cd wolle nach links fallen. Dazu braucht es Zeit, und zwar neigt es sich, solange es noch nahezu senkrecht steht, zuerst nur fehr langsam nach links: erst mit zunehmender Neigung fällt es allmählich immer schneller. Der Radfahrer hat also Zeit, dem Umfallen entgcgen- Autoirfen; dies tut er beim Umfallen nach link« oadHrch, daß er nach links lenkt. Durch bieie Maß­nahme erreicht er zweierlei: Wenn wir die beiden Berührungspunkte der Räder mit der Erde durch eine gerade Linie verbinden und vom Schwer­punkt herunterloten, so fällt der Lotpunkt beim Umfallen nach der linken Seite lints neben diese gerade Linie. Wenn wir nun aber nach links len­ken, so unterfahren wir den Schwerpunlt wieder mit dem Rade, so daß dann also der Schwerpunkt über die Verbindungslinie der beiden Fußpunkte oder sogar rechts davon gelangt. Dann aber er­zeugen wir eine Kraft, die das Rad wieder auf­richtet: Wenn wir nämlich nach links lenken, also einen Dogen nach links beschreiben, so entsteht eine Fliehkraft, die das Rad aus dem Dogen nach außen zu schleudern versucht. Unten kann es dieser Kraft nicht nachgeben, da die Räder am Doden haften: es wird also in der Tat aufgerichtet ausgenommen, wenn es glatt ist und die Räder nach außen abrutschen: Dann wird es nicht auf* gerichtet, und die Folge ist ein Sturz. Sobald es wieder gerade steht, muß wieder geradeaus ge­lenkt werden. Ebenso führt es zum Sturz, wenn man mit den Rädern in Straßenbahnschieaen ge­rät, weil man dann feinen Schwerpunkt nicht schnell genug unterfahren kann.

Dieses Spiel geht fortgesetzt weiter: bald droht das Rad nach rechts, bald nach links umzufallen, und dem muß der Radfahrer dauernd entgegen­wirken. Freilich unterstützt ihn das Rad bei die­ser Tätigkeit, denn erstens wird das Umfallen durch die Kreiselwirkung der Räder etwas ver­zögert, und zweitens wird das Vorderrad durch die Eigenart dieser Kreiselwirkung beim Unv-

dem Druck dieser Erscheinungsformen. Das Dild ist geblieben: Das Angebot übersteigt ziffern­mäßig die Nachfrage und besttmmt so die obere Preisgrenze, wenn man auch ganz allgemein be­rücksichtigen muß, daß ein erhöhtes Rohkautschuk­angebot zu immer neuen Verwendungszwecken zwingen wird. Zur Zeit sind neue Bestrebungen zu einer künstlichen Produktionseinschränkung im Gange, ohne daß ihnen allerdings bis jetzt der erwartete Erfolg beschieden war, da u. a. die von so vielen Faktoren abhängige allgemeine Wirt- fchaftslage eine übersichtliche Rechnung und 23er- brauchsschähung zumindest sehr erschweren würde.

Kautschuk ist ein mächtiger Förderer unseres gesamten wirtschaftlichen und industriellen Lebens geworden und hat sich zu einem unentbehrlichen Hilfsstoff entwickelt. Die große Dedeutung, die er als Werkstoff der modernen Technik erlangt hat, verdankt er seiner durch die eigenartigen phy­sikalischen und chemischen Eigenschaften bedingten Verwendungsmöglichkeit, deren Vielseittgkeit eine auch nur angenähert vollständige Aufzählung fei­ner Anwendungsgebiete hier nicht Auläßt.

Im unvulkanisierten Zustande wird der Kaut­schuk nur in verhältnismäßig geringen Mengen dem praktischen Gebrauche zugeführt. Hier ist es vor allen Dingen die Crepesohle, die im Verlaufe des letzten Jahrzehnts Eingang in die Schuhindustrie gefunden hat, wo die Benutzung des. Rohkautschuks am augenfälligsten in Erscheinung tritt. Er ist weiter der wesentlichste Bestandteil der wasser­dichten Kautschukwundpflaster und des Kau­gummis, und wird auch heute rwch in geringen Mengen als Radiergummi verwendet. Das Hauptanwendungsgebiet des unvulkanisierten Kautschuks aber ist feine Lösung für Klebezwecke, z. B. bei der Konfektionierung von Gummimän­teln, in der Schuh- und Hutfederindustrie usw., dem Rad- und Kraftfahrer stellt die Gummilösung ein unentbehrliches Hilfsmittel dar. Sonsttge im Handel erhältliche unvulkanisierte Kautschuk­materialien werden vulkanisiert, bevor sie dem eigentlichen Gebrauche zugeführt werden, stellen also reine Zwischenprodukte dar. Erst durch Ein­wirkung von Schwefel bei höheren Temperaturen (Warmvulkanisativn) bzw. von Chlorschwefel­lösung bei gewöhnlicher Temperatur (Kaltvulka­nisation) auf den Kautschuk lassen sich gebrauchs­fähige Artikel mit all ihren Vorzügen Herstellern Die Vulkanisatton ist infolgedessen eine der wich­ttgsten Umsetzungen in der Kautschuktechnik: ihr verdankt der Kautschuk seine besondere Bedeutung für die moderne Technik.

Die ausgezeichneten mechanischen Eigenschaften des vulkanisierten Kautschuks, fein Stoß- und Schalldämpfungsvermögen finden ihre Aus­nutzung in Form von Puffern, als Schuhabsah,

als Fußbodenbelag mit feinen farbenfreudigen und raumkünstlerischen Variattonsmöglichkeiten und in neuerer Zeit versuchsweise als Straßen* pflaster. Anerreicht und über jede Ersatzmittel erhaben aber ist der vulkanisierte Kautschuk in seinem Hauptanwendungsgebiet als Reifen, der in Verbindung mit dem Luftschlauch den mo­dernen schnellen Automobilverkehr und die volks­tümliche Verbreitung des Fahrrads erst ermög­lichte. Weit verbreitet ist die Verwendung des Kautschuks als Stopfen, Stempeln, Schnüren, Bändern und z. B. im Haushalt in Form von Einkochringen, Flafchenscheiben, Gas- und Wasser­schläuchen, Matten, Schwämmen, Schürzen, Hand­schuhen usw. Einer besonderen Beliebtheit er­freuen sich auch die Gummispielwaren und die Gummibadettere. In großem Maßstabe wird der Kautschuk weiter zur Fabrikatton von hygienischen und medizinischen Bedarfsartikeln und von gummierten Geweben, wie Regenmäntel, Falt­boot- und Ballonstoffen, verwandt. Die guten elektrischen Isolationseigenschaften finden in der Kabelfabrikatton zum Amkleiden der Kupferleiter eine umfassende Ausnutzung.

Den bisher betrachteten Weichgummiwaren steht der Hartgummi gegenüber, der ebenfalls eine ausgedehnte technische Verwendung findet, be­dingt durch seine eigenen physikalischen Eigen­schaften und durch seine leichte Bearbeitungs­und Politurfähigkcit. 21 eben feiner Widerstands­fähigkeit gegen mechanische Beanspruchungen zeigt er aber auch eine solche gegen chemische An­griffe in hervorragendem Maße, die ihn zum Auskleiden von Säurebehältern, Zentrifugen usw. für die chemische Industrie und zur Arnklei- dung von Schiffsschraubenwellen als Schutz gegen Korrofionseinflüsse befähigen. 2lls vortrefflicher elektrischer Isolator benutzt ihn die elektrotech­nische Industrie in hohem Maße, und in der zahnärztlichen Praxis ist seine Anentbehrlichkeit bei der Anferttgung künstlicher Gebisse bekannt.

Mit diesen Beispielen nun ist die Fülle der Verwssndungsgebiete von Kautschuk bei weitem noch nicht erschöpft: ich weise z.B. noch auf den Maschinen- und Apparatebau hin, der ihn in so vielerlei Gestalt in Form von Treibriemen, Transportbändern, Walzenbezügen, Griffen, 23er* bindungsschläuchen, Druck- und Filtertüchern usw. benutzt. Die Vielseittgkeit der technischen 23er* wendungsgebiete des Kautschuks dürfte heute aber noch lange nicht ihren Abschluß gefunden haben. Angemessene und stabile Rohkautschukpreise er­schließen naturgemäß immer neue Anwendungs­gebiete, wo die so eigenartigen physikalischen und chemischen Eigenschaften des Kautschuks im Sinne eines wertvollen technischen Werkstoffs zum Aus­druck kommen.