Nr. 255 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)
Mittwoch, 2Y. Oktober (950
£oi> unter Tag.
Von Hans (Sturm.
Ins Dergrevier geht die Fahrt, durch das wiesenreiche Bliestal in das Kohlengebiet der Laar. Bei St. Werrdel und Ottweiler
merkt inan noch nicht viel davon, aber bereits hinter dem Wicbelskirchener Tunnel gewinnt die Landschaft ein anderes Gesicht. Schon voc Heun- kirchen wachsen aus den weitgeschwungenen Wäldern schlanke Schornsteine auf, und die grauen Silhouetten der hohen Schachttürme verraten, daß hier tief unter der Sohle des Gebirges die flözreichen Schichten der Kohlenformation beginnen. Oefen uni> Essen speien dunkle Rauchwolken aus und werfen nächtens brandroten
Schein gegen den Himmel.
Ein seltsam wildes Dcrgland ist das Saar- revicr hier, wo das rheinische Schiefergebirge endet. Bor undenklichen Zeiten hat das Hrmeer, Schicht um Schicht den feinkörnigen Schlamm ab- logernd, diese Berge geformt: diese umspülte später das Triasmeer und lieh die steil und hochgetürmten gigantischen Sandsteinblöcke zurück. Rauch quillt aus den Tälern auf. Beruhte Schlote recken sich über ein Gewirr von Werkstätten und Rrbeitsschuppen. 2 e näher man kommt, um so heller klingt das Lied der Arbeit herüber. Ansiedlung reiht sich an Ansiedlung und Zeche an Zeche bis hinunter nach dem mächtig ausblühenden Saarbrücken, das vor mehreren Zähren mit den Orten St. Johann. Walstatt und Bürbach vereinigt wurde.
Etwa fünfzehn Kilometer nordöstlich von Saarbrücken liegt am Ende der Fischbachbahn bei dem Städtchen Quierschied die Grube Wayda ch. Unermüdlich kämpfen hier Tausende in den tiefen Schächten um dos schwarze Gold der Erde, die Kohle. Roch ernster wurden die wissenden Augen der Bergleute, als sie der toten Brüder von Alsdorf gedachten, denen die Glocken das letzte Geleit-gaben. Aber das Trauergeläute war noch nicht verhallt, als man in Quierschied plötzlich dicke Rauchschwaden bemerkte, die aus dem Wettersührungsschacht der Grube Maybach ausstiegen. Sie Kunde von einer Explosion unter Tag läuft durch den Ort. Bald drängen sich die Angehörigen der eben eingefahrenen Bergleute vor den Toren der Zeche, um genauere Angaben zu erfahren. Einige alte Bergleute, an deren geschwärzten Gesichtern man erkennt, dah sie von der Anglücksstelle kommen, geben mit kärglichen Worten ihren Vermutungen Ausdruck.
Zn diesen ruhigharten Mienen stehen die schweren Schicksale der unter Tag Arbeitenden ein- gcgraben, aus ihren Gesten und Gebärden glaubt man zu spüren, dah sie täglich im Todesstollen stehen. Richt gern erzählen sie von ihren Berufsgesahren. denen sie in den Schächten jeden Augenblick ausgesetzt sind: Schlagwetter, Verschüttungen, Brände.
Feuer unter der Erde ist nur sehr schwer zu löschen und richtet nicht selten den ganzen Schacht zugrunde. Es gibt sogar unlöschbare Feuer. So geriet um das Zahr 1668, also vor rund 250 Zähren, im Saarkohlenrevier eine Schicht der Dudweiler Steinkohle in Brand. Natürlich ließ man fein Mittel unversucht, das Feuer zu ersticken. Man unterbrach die etwa vier Meter dicke Kohlen^chicht durch eine Brandmauer und verstopfte die Erdspalten, um der Luft den Zutritt zu dem schwelenden Feuer zu verwehren., Es half nichts. Die Dudweiler Kohle brannte weiter trotz aller Löschversuche, und sie brennt -- heute noch. Hundert Zähre später. 1770. stand der junge Goethe auf dem brennenden Bergwerk und gab nachher in „Dichtung und Wahr- heit" eine Darstellung davon, die heute noch zu- trifft: „Ein starker Schwefelgeruch umzog uns: die
Höhle war nahezu glühend, mit rötlichem, weitzgebrannten Stein bedeckt: ein dicker —ambf ?u8 den Klunfen hervor, und man fühlte Die Hitze des Bodens auch durch die starken Sohlen."
Furchtbar find auch die Derfchüttun- $uec durch manche Kohlenflöze ziehen sich Erdstrecken, die hier und da versprengte Hohl- raume bilden, die mit Wasser und meist fan- Diger ©rbe ausgefüllt find. Schlägt oder bohrt ein Bergmann sie an, so bricht die Masse heraus. reiht den Stollen mit sich, und das Revier geht in den meisten Fällen zu Bruch. Run selten werden die verschütteten Knappen gerettet, benn die gleichzeitig auftretenben Gase und die hinzutretenben Wafsereinbrüche vernichten alle die vom Eteinschlag verschont blieben.
Die schlimmste Gefahr für die Bergleute äst das schlagende Wetter. Hierunter versteht man ein Grubengas, das in Hohlräumen des Gesteins eingeschlossen ist. Wird ein solcher Hohl-
raum nun von der Spitzhacke oder dem Bohrer yetrosfeii, so strömt das färb- und geruchlose, aber äußerst leicht brennbare Gas in den Schacht, um bei Vermischung mit frischer Luft unter gewaltigen Detonationen zu explodieren. Der Engländer Humphry Davy konstruierte vor etwa 120 Zähren eine Sicherheitsgrubenlampe, bie heute noch in derselben Form gebräuchlich« ist und ungezählten Bergleuten das Leben gerettet hat. „Das Wetter hat geschlagen!" sagt der Knappe, der auf einer anderen Abbausohle tätig ist. wenn er die Explosion hört. Zn dem Anglücksschacht verlöschen die riesigen Stichflammen. Finsternis liegt in den Gängen, wer sich noch retten könnte, muh in dem Rachschwaden, Öen durch die Explosion hervorgerufenen kohlen- oxydhaltig^n Grubengasen, ersticken. Hier gilt das alte Wort, das schon in römischen Bergwerken zu finden war: Cita mors ruit! Schnell bricht der Tod über den Menschen herein.
ilcbeMsige Änsuhk, auch eine KMaWchl.
Der in Nr. 239 unseres Blattes erschienene Artikel „Hintergründe der Kapitalflucht" hat einen mit R. G. gezeichneten Artikel „M i l l i a r b e n o e r I u ft c am Kapitalvermögen" in Nr. 250 aus- gelöst. Wir freuen uns, daß die darin be
rührten, für unser Wirtschaftsleben so bedeutungsvollen Fragen zur öffentlichen Erörterung gcftellt werden und auf diese Weise zu einer Aussprache führen, die anregend und befruchtend wirken kann. Der Einsender des ersten Aufsatzes schreibt uns:
Herr N. G. hat mit der Bemerkung, daß die nach dem Ausland abgewanderten Gelder wieder in die Heimat z u r ü ck f l i e ß e n , sobald das notige Vertrauen zurückkehre, recht, — aber nur 3 um Teil. Es ist einmal zu berücksichtigen, daß der deutsche Kapitalist durch die niedrigeren Zinsen des Auslandes einen empfindlichen Verlust an '•heute erleidet, ferner aber, daß er sicher auch einen Verlust am Kapital mit in den Kauf nehmen muß, wenn er dermaleinst die gekauften Auslandspapiere wieder verkaufen will. Die hohen Kurse der Auslandswerte find gerade durch die Nachfrage nach solchen infolge unserer Kapitalflucht gestiegen, sie werden wieder fallen in dem Augenblick, in dem die deutschen Kapitalisten wieder zum Verkauf dieser Werte schreiten. Angebot und Nachfrage regeln auch hier die Preise. 'Der Ausfall an Zinsen und der spätere Kursverlust sind aber auch Verluste, die sehr hohe Werte annehmen und die dem deutschen Bolksvermögen unwiederbringlich zugefügt werden.
Die andere von dem Artikelschreiber erwähnte Kapitalabwanderung — Verbrauch meist unnötiger Artikel aus dem Ausland — ist allerdings auch von größter Bedeutung. Wenn wir einmal unser tägliches Leben mit 'kritischen Augen betrachten, werden wir erkennen wie sehr unsere heimische Wirtschaft mit der Weltwirtschaft verbunden ist, wie wir fast jede Stunde des Tages daran erinnert werden, daß wir Erzeugnisse des Auslandes genießen, verarbeiten oder verwerten, ja daß wir ohne solche Dinge gar nicht leben fön« nen. Ganz ohne Einfuhr fremder Erzeugnisse können wir nicht leben und arbeiten, einmal weil ein großer Teil von unserer heimischen Wirtschaft überhaupt nicht, oder nur zum Teil erzeugt werden kann, ferner aber auch, weil wir dem Ausland Produkte abraufen müssen, wenn unsere Industrie beschäftigt und mit Auslandsaufträgen versehen werden soll.
Wir müssen aber bei diesen Dingen unterscheiden zwischen notwendigen und mehr oder weniger entbehrlichen Erzeugnissen.
Solange wir für Kaffee, T e e und Kakao keine entsprechenden Ersatzmittel haben, müssen wir diese einführen. Daß es sich hier um recht beträchtliche Summen handelt, zeigt uns das Statistische Jahrbuch des Deutschen Reichs. Danach wurden im Jahre 1929 an diesen für zusammen nahezu eine halbe Milliarde eingcsührt.
An Eiern, die wir zur Ernährung unseres Volkes dringend benötigen, haben mir in 1929 für 280 Millionen Mark eingeführt. Unsere heimische Landwirtschaft kann den steigenden Konsum noch nicht befriedigen, obwohl sie diesem Zweig in den letzten Jahren steigende Aufmerksamkeit zuwandte. In 1908 wurden nur für 136 Millionen Mark ein- geführt. Aus diesen Zahlen geht deutlich hervor, daß der Eierverbrauch im Inland stark zugenom- tnen hat, wenn vielleicht auch ein großer Teil nicht unmittelbar zum Genuß Verwendung findet, son- öern industriell verarbeitet wird. Wenn wir einmal untersuchen, aus welchen Ländern wir heute Eier beziehen, so fallen uns einige interessante Verschiebungen gegenüber der Vorkriegszeit auf. Aus dem kleinen Holland bezogen wir im Jahre 1908 für 4,4 Millionen Mark, heute für 82,2 Millionen Mark Eier. Für Italien stellen sich die Ziffern auf 7,2 Millionen Mark in 1908 und 13,07 in 1929. Dänemark, das in der Vorkriegszeit kaum nennenswerte Mengen Eier ausführte, lieferte uns in 1929 für 20 Millionen Mark.
Da tauchen für uns zwei Fragen auf: können mir uns nicht von dieser Eiereinfuhr zumindest teilweise frei machen und rote kommt es, daß Länder, wie Holland, Dänemark, die doch wohl sehr ähnlichen klimatischen und landwirtschaftlichen Verhält- Nissen unterliegen, wie unsere norddeutsche Tiefebene, sich von eiereinführenden zu eieraussüh- reu den Ländern wandeln konnten? Vielleicht kann sich hierzu ein Fachmann äußern.
Schlimmer noch ist es mit der Butterein- fuhr. In den Jahren 1928 und 1929 haben mir für 435 Millionen Mark, bzw. 461 Millionen Mark Butter vom Ausland bezogen. Auch bei diesem Ar- tifcl fällt uns die Tatsache auf, daß Dänemark mit 155,8 Millionen Mark und Holland mit 113 Millionen Mark an der Spitze marschieren, wahrend Rußland, das in der Vorkriegszeit an der zweiten Stelle der Einfuhrländer stand, in 1929 - nur für 19 Millionen Mark Butter an uns lieferte. Die Tatsache, daß mir ein stärker industrialisiertes
Land sind, als die vorgenannten, kann allein nicht maßgebend fein. Woher kommt es, daß wir z. B. in 1908 nur 34 Millionen Tonnen im Werte von 74 Millionen Mark einführten, in 1929 aber 135 Millionen Tonnen im Werte von 461 Millionen Mark? In welchem Maße hat die Eigenproduktion sich in den letzten Jahren im Vergleich zur Dor- kriegszeit entwickelt? Nach dem Statistischen Jahrbuch waren in 1908 20 Millionen Stück Rindvieh in der deutschen Landwirtsä>aft vorhanden, in* 1928 wurden 18,4 Millionen Stück gezählt. Eine andere Frage, deren Klärung von Interesse wäre, ist die, wie hat sich der Verbrauch an Butter im Inland in den letzten Jahren entwickelt?
Hierbei ist zu berücksichtigen, daß in der Kriegsund Nachkriegszeit der Verbrauch an Margarine erheblich zugenommen hat. So führten wir in 1929 für insge|amt 212,6 Millionen Mark ein. Für 164,7 Millionen Mark wurde wieder ausgeführt, also veredelt, so daß immerhin auch für diese Produkte 47,9 Millionen Mark an das Ausland abfloffen. — Daß wir für Käse im Jahre 1929 für 106 Millionen Mark einführten — 61 Millionen Mark aus Holland und 17,3 Millionen Mark aus der Schweiz — ist ebenfalls eine bedauerliche Erscheinung. Auch in diesem Produkt konnte durch Hebung der Eigenproduktion noch manct-es geschehen.
Ganz besonders hoch und unsere Volkswirtschaft schwer belastend sind die Einfuhrziffern von Gemüse, Obst und Südfrüchten, in 1929 insgesamt für 598,7 Millionen Mark. Die Einfuhr dieser Produkte hat gegenüber der Friedenszeit eine Steigerung erfahren, mic kaum ein anderes Erzeugnis. Bananen und Apfelsinen haben an dieser Steigerung wohl den größten Anteil. Bei weiser Beschränkung des einzelnen konnten hier dem Dolksvermögen gewaltige Summen erspart werden. Jeder Deutsche gibt allein für diese drei Kategorien jährlich 10 Mark aus. Sollte cs nicht möglich fein, unserem Volk klarzumachen, roie leichtsinnig manche Mark ausgegeben wird?
Für Branntwein und Sprit (einschl. Brennspiritus) wurden 1929 6,12 Millionen Mark, für Wein und M o st 60,76, für Bier 6,13, für sonstige Lebens mittel und Getränke 113,53, zusammen also 186,54 Millionen Mark an das Ausland bezahlt. Da aber die Ausfuhr in den vorgenannten Erzeugnissen insgesamt 125,47 Mill. Mk. betrug, mithin insgesamt nur 61,07 Mill. Mk. eingeführt wurden, so ist diese Mehreinfuhr an sich nicht so schwerwiegend. Immerhin konnten uns auch da Werte erhalten bleiben, wenn mir uns daran gewohnten, statt franzöfisclxer und spanischer Weine, deutsche Weine und statt Tschechenbier deutsche Biere zu trinken. An R o h t a b a f c n wurden in 1929 für 248 Mill. Mk. importiert. Davon entfallen allein auf Bulgarien 21,4 Mill. Mk., auf Griechenland 66,4 Mill.'Mk, die Türkei 31 Mill. Mk., zusammen 118,8 Mill. Mk. für Zigarettentabake!
Wenn in den letzten Monaten die Spalten der Tageszeitungen angefüllt sind mit Abhandlungen über Sparmaßnahmen, so sollte man das Sparen nicht Immer von anderen verlangen, sondern sich selbst auch einmal die Frage vorlegen: was kann ich im Interesse des Bolksganzen tun, um an der Wiedergesundung unserer Finanzen mit- zuarbeiten? Vielleicht regen die obigen Ausführungen unsere Hausfrauen, unsere Familienväter und auch die 3ugenb an, über diese Frage einmal nachzudenken. Wir können ohne Beeinträchtigung des Wohlergehens und der Gesundheit des einzelnen im Interesse des Bolksganzen manches in unserer Lebensweise ändern und damit dieser Art von Kapitalflucht entgegenwirken. In diesen Zeiten der Not sollte jeder etwas mehr Verantwortungsgefühl dem Dolksganzen gegenüber entwickeln.
WMW-WSM
Roman von Hans Friedrich.
Hrheber-Rechtssch utz durch 'Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.
17. Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Zst hier eine Brieftasche mit deutschen und österreichischen Banknoten als gefunden abgegeben worden?"
Man bedauerte. Riemand hatte etwas gefunden. Ein paar Touristen sahen dem Davon- eilenden nach. Der Mann tat ihnen leid, sah nicht aus wie einer, der den schmerzlichen Verlust lächelnd entbehren kann. Dann löffelte man weiter, verlor den Suchenden aus Blick und Gedächtnis.
Die Sonne stand schon bedenklich tief, als Gutenberg endlich den obersten, gestern erreichten Punkt am Grieskofel erreicht hatte. Erschöpft sank er dort auf eine Felsnase. Sein Blick war trüb und umflort. Don seinem Eigentum hatte er leine Spur zu finden vermocht. Zn zwei Stunden würde die Dämmerung hereingebrochen fein, bann war es aus mit dem Suchen, dann mußte er sich beeilen, ins Tal zurückzukommen — als Bettler.
Hunger • quälte ihn. Er versuchte, zu essen, 9-uo es aber auf: denn jeder Dissen würgte ihn nn Munde. Mit hängendem Kopf und zitternden ©liebem trat er den Abstieg an, ohne zu wissen, ui welche Gefahr er sich begab.
-Oft geriet er ins Gleiten, hatte aber stets ©lud, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Dann erwachte noch immer der Selbst- erhaltungstrieb. Zum Teufel, durfte sich ein Mensch soweit verlieren, dah er sich wegen einiger schmutziger Geldscheine selbst aufgab?
Schon der Gedanke an Trude verlieh ihm neue Kraft. Wer sagte ihm denn, daß er bei einem etwaigen Absturz nicht als Krüppel ins Leben zurücktehrte? Was dann? Etwa Gertrud zur Last fallen für ein ganzes Menschenalter?
Mit zusammengebissenen Kiefern kletterte er weiter, sich mit Händen und Füßen sichernd, so gut oder so schlecht es ging. Tiefe Schatten fielen von den Felsen auf feinen Pfad. Es war höchste Zeit, sich zurückzufinden zu den Menschen im Tal. Gefährliche Torheit, um diese Zeit rwch mutterseelenallein im Hochgebirge zu kraxeln!
Mit knurrendem Magen und einem fatalen ■Sittern in den Knien kam Gutenberg Meter um Meier abwärts. Mehr und mehr spürte er feine Willenskraft schwinden.
„Wenn ich wenigstens bis zur Almhütte komme!" sprach er sich Mut zu.
Da kam ihm zugleich wieder die Hilflosigkeit seiner Lage zum Bewußtsein: Was wollte er ohne einen Pfennig Geld beim Wirt?! Sollte er zum Schaden noch den Spott haben?
Ach, man konnte das Bezahlen morgen erledigen. Vielleicht half ihm Mute Hansen mit einem kleinen Betrag aus. Aber auch dieser Zdee konnte er keinen Geschmack abgewinnen. Rein, von Mute wollte er nichts borgen. Sein Ehrgeiz wurzelte so tief: Das sind die besten Freunde, die einander nicht zur Hilfeleistung beanspruchen!
Unnütze Quälerei. Weiter! Rur jetzt den Mut nicht verlieren!
An den Verlust dachte Heinz Outen berg nun nicht mehr. Alle Willenskraft spannte er in bie Erhaltung seines Lebens. Schritt um Schritt abwärts. Zeber Dezimeter wollte erobert werben.
Plötzlich verlor er den Halt.
Was ist das für ein tiefer Schatten links? Das war fein letzter Gedanke. Er kam ins Gleiten aus dem weichen Lös des Bodens, immer rascher abwärts.
Die Hände sanden in dem rutschenden Boden keinen Halt mehr. Ebensowenig die Füße mit den Rageischuhen.
Dlihgeschwind erkannte Gutenberg die Gefahr.
Zu spät. Ein erstickter Schrei — — dann Stille.
Als Gutenberg aus seiner Ohnmacht erwachte, war es Rächt. Das erste, was er spürte, war Kälte. Er lag auf einem Geröllhaufen, rechts und links hoch aufragenbe schwarze Felsen, ganz oben ein winziger Ausschnitt tounberbar klaren, besternten Himmels.
Der Abgestürzte machte eine Bewegung. Es ging. Run rappelte er sich auf. Richts schmerzte. Er befühlte sich. Alles in Orbnung. Rur int Kopf spürte er einen bumpfen Druck.
Allmählich kehrte mit ben wiedererwachenden Lebensgeistern auch das Erinnerungsvermögen zurück. Run begriff er: Von da oben war er ins Gleiten gekommen. Immer schneller hatte ihn der tiefe Schatten aufgefogen. Ein Glück, dah er immer auf weichem Lösboden gerutscht war! Andernfalls wäre er wohl kaum imstande gewesen. jetzt noch leidlich vernünftig zu denken.
Erste Regung: Aus Rettung!
Vor Hunger taumelte er wieder nieder. Da war ein vorragender Stein. An den war er vorher angeprallt, der trug Schuld an seiner Bewußtlosigkeit. Aus der Höhe rutschte Erdreich nach.
„Hm Himmelswillen — hier werde ich lebendig begraben!" schrie Gutenberg, die Gefahr erkennend.
Er suchte in seinen Taschen und sand noch etwas Brot, das er int Heißhunger verzehrte. Au, die unerhörte Anstrengung von gestern und heute folgte nun die Reaktion. Der Hnglückliche
fühlte sich an allen Gliedern wie zerschlagen. Er wußte: Selbst wenn er heil diesem Felsenkerker entrann, würde er Tage brauchen, um wieder in den Vollbesitz seiner Kräfte zu gelangen.
Die Ansprüche, die der Magen stellte, waren leidlich befriedigt. Run vorwärts, an die Rettung. Da die Augen versagten, wurden die Hände zum Ertasten der näheren Hingebung zu Hilfe genommen.
Das Ergebnis war niederschmetternd: Auf der einen Seite harter Fels. Auf der anderen Seite lockeres Erdreich, gelöster Stein, wie es Frost und Regen in Zahrmillionen zernagt hatten.
Gutenberg kalkulierte ganz richtig: „5)er geringste Erdrutsch von dieser Seite wird mir zum Verhängnis. Dann werde ich in dieser Felsspalte lebendig begraben. Ein rollendes Steinchen, der Tritt einer Gemse kann mein Schicksal bestimmen ..
Das waren niederschmetternde Aussichten. Hnd doch mußte er versuchen, Rettung aus eigener Kraft wenigstens zu versuchen. Er tat ein paar Schritte auswärts. Es ging.
Wohl fünf Meter hatte er sich hochgeschoben mit Händen und Füßen. Schon regte sich schüchtern ein Hoffnungspflänzchen — da begannen bie Erbmassen wieder zu gleiten. Zn weniger als zwei Sekunden sah sich Gutenberg wieder am Grunde der Spalte.
Heiße Angst um das nackte Leben kroch ihm ans Herz, preßte ihm die Brust zusammen, dah die Atemzüge pfeifend aus seinen Lungen gingen. Grauenhaft deutlich sah er sein Schicksal scharf umrissen vor sich. Menschlein. Menschlein, du zogst aus, einen Roman zu erleben, am eigenen Leibe zu spüren — da hast du ein Kapitel — aber gib acht, daß es dich nicht zermalmt!
Wie Frevel erschien jetzt dem Aermsten sein Hnterfangen. Hnwillkürlich formten feine Lippen Gebetsworte. Heinz Gutenberg gehörte nicht zur Schar der Gottesleugner, — aber so intensiv, so im Innersten gepackt durch kalte Todesnähe hatte er noch nie in seinem Leben Zwiesprache mit Gott gehalten.
Hnb wirklich kam eine gewisse Ruhe und Selbstsicherheit über ihn. Er schien fast körperlich zu suhlen, daß es noch nicht mit ihm zu Ende sein sollte.
Wieder und wieder wagte er ben Anstieg, manchmal vorsichtiger, manchmal ungeftümer. Das verlorene Geld — bah. kein Gedanke mehr daran! Rur erst oben fein, nur Leib und Seele aus dieser Rächt ins Licht eines neuen Morgens gerettet haben — vor diesem Ziel versank alles Materielle ins Richts.
Es glückte nicht. Von oben herab schien eine Riesenfaust den Hnglücklichen immer wieder in die Tiefe zurückzustoßen. Zuletzt kam so viel Schutt nachgerollt, dah der Todgeweihte fast bis an den Hals darin begraben wurde.
So stand er eine Weile, den Blick zur Höhe gerichtet, mit versagenden Lungen atmend. Richt einen einzigen Schritt wagte er noch zu tun. Unter unsäglichen Mühen gelang es ihm. sich aus der Umarmung der Erde zu befreien. Den Rest der Rächt wanderte er ruhelos in feinem grausamen Gefängnis auf und ab. Run wußte er, was Todesnähe fei. In dieser Hinsicht würde ihm kein Dichter der Welt mehr etwas voraushaben. Eine solche Szene würde er sehr realistisch darzustellen vermögen — vorausgesetzt, daß ihn sein Schicksal aus dieser Hölle wieder entließ...
Der Morgen graute. Hier unten wurde es nur widerwillig Tag. Und nun erst sah Gutenberg, daß er dieser Gruft nicht aus eigener Kraft entrinnen könne.
Hoffen und Harren kann viel schrecklicher und zermürbender sein, als eine jähe Tat. Für Heinz Gutenberg begann jetzt erst das Martyrium. Stunde um Stunde verrann. Iede zu sechzig Minuten. Iede Minute zu sechzig Sekunden. Man spricht von unausdenkbaren Ewigkeiten, von tausend Iahten. die vor Gott wie ein Tag sind — der winzige Mensch in Bergnot wußte nun, dah selbst Sekunden in ihrer grauenhaften gleichförmigen Aufeinanderfolge zu einer Höllenewigkeit, zu einer schrecklichen Verdammnis werden können.
Er hatte einige Vertiefungen und Scharten im Fels ausfindig gemacht. Auch hier wagte er den Qlnftieg —_ und war froh, als er aus einigen Metern Höhe wieder heil unten in der Sohle ankam.
„TEenn mir kein Retter ersteht, stürze ich mich von da herab!" nahm er sich vor. fest gewillt, dem Hungertod durch ein rasches und selbst herbei- geführtes Ende zu entgehen.
Das war am Vormittag. Aber schon drei Stunden später wußte er. daß seine Lebensgeister viel zu zähe waren, um diesen Entschluß jemals in die Tat umzusehen. Der Wille zum Leben war mächtiger, als der Wille zum Sterben.
Gegen drei Hhr nachmittags wurde es schon wieder Rächt in Gutenbergs Verlies. Mehrfach legte er die letzte ganze Kraft in einen schallenden Hilferuf.
Kein Mensch antwortete. Man schien ihn vergessen, jetzt schon aus der Liste der Lebenden gestrichen au haben. Eine Stunde später legte et M) merkwürdig ergeben in die steinerne Rinne, ^n Geiste nahm er Abschied von Trude, seinem Weibe. Seine Gedanken schufen eine Brücke, baten her fernen Frau alles ab, womit er sie je gekränkt und beleidigt hatte.
Seine Hände griffen zum Rotizblock und zur Dkeifeder. Als er zum Schreiben ansetzte, tauchte Mutes Kopf oben am Rande auf und nannte feinen Damen. Die Retter waren da.
(Fortsetzung folgt)


