Kr. 75 Erstes Matt
180. Jahrgang
Zamstag, 29. März 1950
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Die 3Uu[tnerte (Siebener g-arrnlienblätter Heimat im Bild Die Scholle
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Der lebende Leichnam.
Endlich eine Tat, endlich ein Entschluß! Es ist bezeichnend für den geringen Grad des Vertrauens, auf den sich das Kabinett Hermann Müller im Laufe der 1| Jahre seines Bestehens herunterge- wirtjchaftet hat, daß feine Dem.ffion, fein längst überfälliger Verzicht auf die Führung der Reichsgeschäfte, sein rühmloses Verschwinden von der politischen Bühne als befreiende Tat gewertet wer- Len muß, als endliche Erläfuna von einer aus der Hilflosigkeit und dem Treibenlassen der Verantwortlichen geborenen Depression, aus Mutlosigkeit und Verzweiflung, die unser Volk in feinen breitesten Schichten ersaßt und sich lähmend auf die Wirtschaft aelcgt hat. Mit dieser Regierungskrisis muß und kann endlich ein neuer Antrieb für Politik und Wirtschaft kommen. Mit neuen Männern unter einer frischen, entschlußsreudigen und selbstbewußten Führung kann der Kampf gegen den Pessimis- mus, den schlimmsten Feind jedes Fortschritts, jedes Vorankommens, mit Aussicht auf Erfolg aufgenommen werden. Der Start des neuen Kurses macht jedenfalls einen guten, zuversichtlichen Eindruck. Man scheint doch alle Anstrengungen zu machen, möglichst schnell ein neues handlungsfähiges Kabinett auf die Beine zu bringen und ihm von vornherein gegenüber den Aspirationen der Parteien hinreichend Bewegungsfreiheit zu sichern, damit wenigstens die dringendsten Ausgaben, Staffen» fenierung und Finanzreform ohne weitere Verschleppung, die bis heute schon Geld und Straft Übergang gekostet hat, erledigt werden. Hoffen wir nur, daß die neuen Männer die alten Sünden des Systems vermeiden und sich nicht an das Gängelband der Parteien legen lassen. „Die Reichsregierung bedarf des Vertrauens des Reichstags", dieser lapidare Satz der Reichsverfassung, aus dem für die politische Entwicklung des deutschen Volkes schon so viel Unheil entsprungen ist, bedeutet keineswegs, daß das Reichskabinett sich zum Vollzugsausschuß der Koalitionsparteien degradieren lassen soll und sich der Diktatur allmächtiger Fraktionsfunktionäre beugen muß. Die Führung der Reichsgeschäfte liegt beim Reichskanzler, und ein Staatsmann, dem das Wort „Führung" nicht Begriff ohne Inhalt geblieben ist, wird energisch und klug aus der Vertrauensfrage eine scharfe Waffe schmieden können, itüt der er das Parlament bei seiner Verantwortung jjrft und seine Gefolgschaft erzwingt. Aber es ist m Deutschland her Nachkriegszeit schon mancher Reichskanzler selbstbewußt und siegessicher gestartet, dcm schon bei der Auswahl seiner Mitarbeiter die Parteien unlösbare Fesseln überstreiften, der Gefangener der Fraktionen wurde, bevor er sein Kabinett beisammen hatte und das Vertrauen des Reichstags erbat. Bei der politischen Struktur des deutschen Volkes und der eigentümlichen Einstellung des Deutschen zur Politik schlechthin wird es auch in Zeiten schwerster Not nur einer starken Hand gelingen, den durch agitatorische Rücksichten und eigennützige Interessen vielfach gehemmten Parteien durchschlagende politische Erfolge ab.yutrofcen. Einem routinierten parlamentarischen „Taktiker" nie Marx oder Müller, mag es gelingen, sich unverhältnismäßig lange am Ruder zu halten, wenn er seine Politik nach dem Grundsatz des geringsten Widerstandes einrichtet und sich zufrieden gibt mit den Brosamen, die von der Parteien Tische fallen. Aber mag es ihm auch glücken, in stabileren Zeiten eine Politik ruhigen, stetigen Ausbaues zu gewährleisten, wie es dem letzten Kabinett Marx beschie- ben war, so muß doch eine ähnliche Methode auch bei gesicherten Mehrheitsverhältnissen in einer politisch wie wirtschaftlich krisenhaft zugespitzten Lage die politische Entwicklung unfehlbar zum Stagnieren, z..m Versacken, zur Versumpfung führen.
Das Kabinett Hermann Müller war schon seit Monaten ein lebender Leichnam, der die politische Atmosphäre verpestete und spätestens hätte beseitigt werden müssen, als mit der Annahme der Pounggesetze die Epoche der außenpolitischen Konsolidierung wenigstens im Westen — man mag zu dem Resultat als solchem stehen, wie man will — zu einem gewissen Abschluß gebracht worden war imh ein neuer Abschnitt begonnen werden mußte, in dem d i e großen innerpolitischen Reformen den Vorrang beanspruchen werden. Vielleicht hatte der ehemalige badische Staatspräsident 2r. H e I p a ch , der in diesen Tagen dem Reichstag entmutigt den Rücken gekehrt hat, Recht mit feiner Behauptung, daß die Annahme der Poung- Gesetze mit den Sozialdemokraten erfolgen müßte, veil sie der Schlußstein einer von den Sozialdemo- i traten maßgeblich beeinflußten Politik waren, daß . 65 aber zu viel verlangt sei, nun auch mit ihnen tie inneren Reformen machen zu wollen, von denen | wesentliche mit der sozialistischen Parteidoktrin kaum 1 gu vereinbaren sind. Den Sozialdemokraten scheint selber ein ähnliches Gefühl aufgehämmert zu fein. ; Sie hätten sich sonst wohl kaum in dem Streitpunkt der Arbeitslosenversicherung ohne zwingende Not in eine Sage hineinmanövriert, in der sie sich einer geschlossenen Front der bürgerlichen Koalitionsparteien gegenüber sahen und aus der es nur durch Nach- . geben ober Auffliegenlassen her Regierungskoalition ein Entkommen gab. Die sozialdemokratische Fraktion hat sich im Gegensatz zu ihren Ministern Hermann Müller, Severing und Robert Schmidt und unter offenbarem Druck der wohl von dem bisherigen Arbeitsminister Wissell mobil gemachten freien Gewerkschaften für letzteres entschieden und damit eine schwere politische Niederlage in Kauf genommen, um sich, dem von Helpach empfohlenen R-zept folgend, rechtzeitig aus der Verantwor- tung zurückzuziehen. An sich hätten wir diese Erholung von der unbequemen und undankbaren Re- aierungsöerantmortung, die sich nun die Sozialdemo. Fratie verschrieben hat, eher der Deutschen ® o l f 6 p a r te i gegönnt, die der großen, ihr bevor- stehenden Ausgabe, der Sammlung der bürgerlichen
Dr. Brüning bei -er Regierungsbildung.
Ein Kabinett -er Mitte ohne koalitionsmäßige Bn-ung. - Unterstützung der Wirtfchasts- partei und der Volkrkonfervativen. - Verhandlungen mit dem Landbundführer Schiele.
Der Auftrag
des Reichspräsidenten.
Ohne koalitionsmätzige Bindung.
Berlin, 28. März. (IDID. Funkspruch.) Der Herr Reichsprüsid n t von Hindenburg empfing heule vormittag, wie schon kur; gemeldet, den Reichstagsabgeordncten Dr. Brüning (Zentrum) und erteilte ihm den Auftrag zur Neubildung der Reichsregierung, hierbei brachte der Herr Reichspräsident zum Ausdruck, daß es Ihm angesichts der Schwierigkeiten der parla- menlarifchen Lage nicht zweckmäßig erscheine, die künftige Reichsregierung auf einer koalitionsmäßigen Bindung aufzubauen. Dr. Brüning hat den ihm in tiefer Form erteilten Auftrag angenommen. — Außerdem empfing der Herr Reichspräsident heute vormittag den Reichstagspräsidenten L o e b e zu einer Besprechung der durch den Gesamlrücktritl der Reichsregierung entstandenen politischen Lage. Der Herr Reichspräsident empfing auch die deutschnationalen Reichstagsabgeordneten hugenberg und Schiele. Diese Tatsache wird in parlamentarischen Kreisen dahin gedeutet, daß auch der Reichspräsident versucht, den Abg. Schleie zu bewegen, in das Reichs- kabinettals Lrnährungsminister ein- z u t r e t e n.
Brünings Verhandlungen
Berlin, 28.März. (L.R.B.) Am Ende der langen Reihe der Besprechungen, die D r. Brüning den ganzen lag über mit Abgeordneten der ZHiltel- parteien hatte, empfing er gegen 20.30 Uhr noch einmal Herrn Schiele. Rian hatte angenommen, daß Schleie die Antwort auf die Frage mitbringen würde, ob er bereit sei, in das Kabinett einzutreten. Er hat seine grundsätzliche Bereitschaft erklärt, aber hinzugefügt, daß sie nut für feine eigene Person gelte. Damit sind die Hoffnungen der Mittelparleien auf einen starken Zuwachs aus den Reihen der Deutschnationalen nicht in Erfüllung gegangen. Allerdings nimmt man auch jetzt noch an, daß die Freunde des Herrn Schiele nicht gegen ihn stimmen würden. Außerdem hat Schiele zwei Garantien verlangt, 1. dafür, daß er auch wirklich die INöglichkelt habe, sein Agrarprogramm durchzusehen, und 2., daß das Kabinett Brüning fein außenpolitisches G e- sicht dem Osten zuwende. Auf diese zweite Forderung ist wohl das Gerücht zurückzuführen, Herr Schiele habe erklärt, er sei nicht in der Lage, mit Dr. Eurtius zusammenzuarbeiten. Lr hat diese Behauptung der Deutschen Doltspartei gegenüber entschieden b e ft r i t f e n. Rian kann nun an- nehmen, daß Dr. Brüning am Samstagvormittag die fachlichen Unterlagen für die Agrar- und die Ostpolitik feines Kabinetts klären und daß namentlich die O st p o li t l k zwischen Herrn Schiele und dem Reichsaußenminisler Dr. Lurtius besprochen werden wird.
Damit hat allerdings der erste lag der Verhandlungen Dr. Brüning noch nicht zu einem Abschluß
geführt. Reben der hauptschwierigkeit, die mit dem Ramen Schiele zusammenhängt, scheinen a u ch i m Zentrum noch Strömungen gegen Dr. Lurtius zu bestehen. Dr. Scholz hat Herrn Dr. Brüning abev auf das bestimmteste erklärt, daß die Deutsche volkspartei an ihren beiden bisherigen Ministern f e st h a l I e , und zwar den Personen wie den Aemtern nach. Dr. Brüning hat den Führer der Deutschen Volkspartei auch noch den Posten des Vizekanzlers angeboten. Dr. Scholz hat sich seine Entscheidung Vorbehalten, bis die Frage der beiden volksparleilichen Minister erledigt ist. Auf der anderen Seite bestehen in Kreisen der Deutschen Volkspartei offenbar Hemmungen gegen ein Innenmini st erlum 11$ i r l b. Dr. Wirth gilt aber als der aussichtsreichste Kandidat für dieses Ministerium.
Auch im übrigen sind alle Fragen noch offen: Die Wirtschaftspartei hat sich nur qnfer der Bedingung bereit erklärt, Professor Bredt für den Posten des I u st i; m i n i st e r s zur Verfügung zu stellen, daß Herr Schiele mitmacht. Es scheint, daß die Minister G r o e n e r und Schätzet auch im neuen Kabinett verbleiben.
Für das Reichsarbeitsministerium galt in den Abendstunden der bisherige Reichsmini- fter Stegerwald als sicher. Später verlautete aber, daß Herr Stegerwald a b g e l e h n t habe. Dr. Dietrich wird dem neuen Kabinett aller Wahrscheinlichkeit nach wieder angehören; man nennt ihn für das Verkehrs- oder für das Reichswirt- schaftsminifterlum. Ferner ist die Frage, in welcher Form die Lhristlichnat^onale Arbeitsgemeinschaft im Kabinett vertreten sein wird, noch keineswegs beantwortet, wie überhaupt alle Ministerlisten, die in Form von Gerüchten im Reichstag herumgereicht werden, als Kombinattonen zu werten find. Die Aussichten der Bemühungen Dr. Brünings werden auch weiterhin optimistisch beurteilt, wenn man auch am Ende des ersten Tages sestsiellen muh, daß sich mehr sachliche und personelle Schwierigkeiten gezeigt haben, als in politischen Kreisen heute früh noch erwartet wurde.
Brünings Ziel.
Sammlung dcr staatspvfitiven Kräfte.
Berlin, 28. März. (E.N.B. Eigene Meldung.) Ziel der Bemühungen des Abgeordneten Brüning ist es, wie die „Germania" erklärt, die ft a a t s - positiven Kräfte zu einer Zusammenarbeit zu sammeln, wo immer sie zu finden sind. Die Parteien werden es verstehen müssen, daß der Wille zu dieser Sammlung im Volke wach ae- worden ist und vom Volke her gebieterisch nach Verwirklichung drängt. Sie werden auch den Ernst der Situation erkennen müssen und sich nicht täuschen dürfen über den Grad der politischen Müdigkeit, die das ewige Diskutieren draußen im Lande bereits hervorgerufen hat. Ob der große Versuch gelingt, das hängt nicht allein von dem Mut und der Selbstverleugnung ab, mit der eine junge und führend« Kraft der Zentrumspartei die Aufgabe übernommen hat; es wird vielmehr im höheren Maße noch davon ab« Ijängen, ob sie das Verständnis und die Unterstützung finden wird, deren sie bedarf.
Um Schiele.
Tie Haltung dcr Teutschnationalcn.
Berlin, 29. März. (EBB.) Die „Deutsche Zeitung" meldete Der Abgeordnete Schiele hat — was angesichts dcr Haltung der Fraktion auch das einzig Mögliche ist-- bereits zu erkennen gegeben, daß er im Falle seines Eintritts in das Kabinett sein Mandat als deutschnationaler Abgeordneter niederlegen würde. Unter dieser Voraussetzung hat Dr. Schiele sich in den Abendstunden schließlich grundsätzlich zum Eintritt in das Kabinett und zur Llebernahmc des Aeichsernährungs- ministeriums bereit erklärt. — Lieber das Gerücht, daß eine Sezession der Gruppe Schiele zu erwarten sei, sind sichere Rachrich- ten nicht in Erfahrung zu bringen. Man spricht auch von der Möglichkeit, daß die Führung der Deutschnationalen Dolkspartei, um einer weiteren Absplitterung zu begegnen, das Kabinett Brüning zunächst tolerieren könnte.
Oie deutschnationale Fraktion gegen den Eintritt Schieles.
Berlin, 29. März. (VDZ.) In der deutschnationalen Fraktionssitzung berichtete der Parteivor- sitzende Dr. Hugenberg über die gegenwärtige politische Lage, ohne daß sich an seine theoretisch gehaltenen Darlegungen eine eigentliche Erörterung knüpfte. Ein formeller Beschluß ist nicht gefaßt worden, aber man kann es als allgemeine Meinung der Fraktion ansehen, daß sich di« Fraktion oder ein Mitglied derselben nicht an der Regierungsbildung beteiligen kann. Man hält deshalb in deutschnationalen Kreisen die Frage Schiele für erledigt. Auf jeden Fall wird von den Deutschnationalen allen Gerüchten, als ob es zu einer Spaltung der Fraktion kommen konnte, mit Entschiedenheit widersprochen. Man verspricht sich eine gedeihliche Losung der Krise nur dadurch, daß der R.eichstag und möglich st auch der Preußische Landtag a u f g e I ö ft wird.
Die Sozialdemokrajen nach dem Mülritt des Kabinetts.
Weitgehende Meinungsverschiedenheiten
Berlin, 28. März. (EBB.) Bor dem sozialdemokratischen Parteiausschuh erstattete der bisherige Reichskanzler Müller einen Situationsbericht. Er gab seinem Bedauern über den Gang der Entwicklung im Reiche Ausdruck und erklärte, man dürfte eine Machtposition, tote sie die Sozialdemokraten durch ihre Teilnahme an der Regierung innegehabt hätten, nicht um verhältnismäßig kleiner Dinge Wil le, n auf geben. Der bisherige Reichsarbeitsminister Wissell vertrat gegenüber Müller seinen Standpunkt in der Arbeitslosenfrage und wurde darin von dem Gewerkschaftler Reichstagsabgeordneten Müller-Lichtenberg im Ramen des Gewerk- schaftsbundes unterstützt. Der dem linken Flügel der S.P.D. angehörendc sächsische Reichstagsabgeordnete Seydewih begrüßte das Ende der Großen Koalition, die schon lange brüchig gewesen sei. Er bedauert, daß die S.P.D. nicht schon früher aus der Regie-
Mitte schneller und gründlicher in her Opposition hätte gerecht werden "tonnen. Es hätte auch parlamentarischer Gepflogenheit entsprochen, die Partei, die zur Regierungskrisis Veranlassung gab, in diesem Falle also bie Sozialdemokratie, mit der Verantwortung für das zu belasten, was nun werden soll. Dieser Weg hätte auch das für sich gehabt, daß endlich einmal die sozialistische Mißwirtschaft, die in der Aera Hilferding schon erstaunliche Blüten getrieben hat, nun aber ohne das Feigenblatt der Volkspartei bis zum Ende durchexerziert worden wäre. Vielleicht wären dann unverbesserlichen Optimisten, die erst aufwachen werden, wenn die Segnungen des Bolschewismus Deutschland beglücken, eiwas früher die Augen aufgegangen.
Staatsminister Scholz, Strejemanns Nachfolger in der Führung der Deutschen Volkspartei hat auf dem Mannheimer Parteitag davon gesprochen, daß im heutigen Deutschland ohne die Sozialdemokratie ober gar gegen bie Sozialdemokratie nicht regiert werden könne. Wenn er damit sagen wollte, daß ohne ober gegen bie Arbeiterschaft nicht regiert werben könne, würde seine Sentenz ihre Richtigkeit haben, aber diese Gleichsetzung hieße verkennen, daß auch bie bürgerlichen Parteien, namentlich bas Zentrum unb die Christlich-Sozialen, einen großen Teil der deutschen Arbeiterschaft zu ihren Anhängern zählen. Richtig wäre es auch, wenn Scholz sagen wollte, daß die oielbercbete und agitatorisch ausgewertete „Sozialreaktion" im modernen Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit märe. Aber die Arbeitslosenversicherung, der Schlußstein des großen, von Bismarck begonnenen sozialen Versicherungswerts, ist, wenn wir uns recht entsinnen, von einem unter maßgeblichem deutschnatio- isalem Einfluß stehenden Kabinett ohne Beteiligung der Sozialdemokraten geschaffen worden; und heißt das etwa Sozialreaktion, wenn die Arbeitslosenversicherung, an deren Grundsätzen niemand
rütteln will, von den in der Praxis erst offen zu Tage getretenen schädlichen Auswüchsen bereinigt wird, um ihre Segnungen den wirklich Bedürftigen und Notleidenden und denen allein, wie es der Gesetzgeber gewollt hat, zuzuwenden? Heißt das etwa Sozialreaktion, wenn man versucht, die Arbeitslosenversicherung auf die eigene Beine zu stellen, um damit den Reichsetat von einem durch die Wirtschaftskonjunktur beeinflußten Faktor größter Unsicherheit zu befreien, der eine Gesundung der Reichs- sinanzen unmöglich macht? Wenn die Sozialdemokratie sich jeder Erörterung einer Reform der Arbeitslosenversicherung versagte und schon hinter den bedenklich abgeschwächten, weil alles wesentliche vertagenden Kompromißvorschlägen der bürgerlichen Koalitionspartner das Gespenst des Abbaus der Sozialpolitik witterte, so deshalb, weil sie die skrupellose Hetze ihrer kommunistischen Konkurrenz fürchtet unb der kommunistischen Zellenbilbung in Betrieben und Gewerkschaften nur durch eine starre Ablehnung aller sozialpolitischen Reformen begegnen zu können meint. So siegte der Gewerkschaftsflügel über die Politiker in her Partei, so siegte Herr Wissell über Hermann Müller im Kabinett. Unb bie sozialistischen Minister, von ihrer Partei im Stich gelassen, fühlten sich nicht unabhängig genug, ohne unb gegebenenfalls gegen ihre Fraktion in offener Feldschlacht dem Reichstag das Deckungsprogramm für den Reichsetat abzuzwingen, eine betrübliche Bestätigung von der Richttgkeit des neuesten von dem sozialistischen Kultusminister Grimme kreierten Schlagworts, das von dem neudeutschen Minister als „Exponenten einer Machtgruppe" spricht.
Der Reichspräsident hat sich zu dem oben angebeuteten Experiment einer sozialistischen Alleinherrschaft nicht entschließen können. Er hat den jungen Führer der Zentrumsfraktion, Dr. Brüning, mit der Regierungsbildung beauftragt, einen Mann, der schon während der letzten Lebenswochen des
nicht sterbenwollenden Kabinetts Müller mehr unb mehr sich bie gäben in bie Hand gespielt hat und nun offenbar mit überraschendem Elan daran geht, gemäß dem Auftrage des Reichspräsidenten, sich ohne koalitfonsmüßige Bindung die M.larbeiter zu suchen, die er für den bestimmten, durch die pMäre Lage der Reichsfinanzen und der Wirtschaft, namentlich der Landwirtschaft fest umgrenzten Aufgabenkreis braucht. Besonders begrüßen wir es, daß Reichspräsident und designierter Regierungschef sich um die Mitwirkung des Landbund- führers Dr. Schiele im neuen Kabinett bemühen. Wir hoffen, daß es Herrn Brüning gelingen möge, auch die anderen Ressorts mit Leuten von Rang mit Energie, Erfahrung und genügender politischer Robustheit zu besetzen. Ob er bann mit bem ohne den Segen der Parteien zustandegekommenen Kabinett versuchen wird, ein Deckungsprogramm unter Einschluß der Arbeitslosenversicherungsreform, der Steuersenkungen für 1931 unb der Ausgabenbrosse- lung im Reichstag burchzusetzen ober ob er vom Reichspräsibenlen bie ihm zweifellos in Aussicht gestellte Ermächtigung aus bem Artikel 48 her Reichsverfassung zur Durchführung der notwendigen Maßnahmen auf dem Derordnungsweg« mit anschließender Reichstagsauflosung erbitten wird, ist eine reine Zweckmäßigkeitsfrage, die heute iwch nicht entschieden werden kann, wo man die Zusammensetzung des Kabinetts unb die Einstellung der Parteien zu ihm noch nicht kennt. Aber schon wenn bie Regierungsbildung schnell erfolgt unb Dr. Brüning es oermeibet, sich in das Gezerr der Fraktionen hineinziehen zu lassen, wird ihm das in zwölf Jahren Parlamentsherrschaft genügsam gewordene deutsche-Volk ein Maß von Vertrauen entgegenbringen, das hinlänglich ausreichen dürfte, gegebenenfalls auch ohne Reichstag die dringendsten Aufgaben zu erledigen.


