Lohn gegenüber Oktober des Vorjahres In der Sowjetunion heruntergegangen sein, denn damals wurde amtlich die Lohnzifter mit 133,2a Rubel angegeben. Inzwischen sind keine amtlichen Ziffern mehr veröffentlicht worden. Von den deutschen Arbeitern wurden 20 Wagen Kohle verlangt, während in der Sechsstundenschicht tatsächlich nur 10 Wagen erreicht wurden. Die veranstalteten „sozialistischen Wettbewerbe" liehen den Eindruck bei den Deutschen entstehen, daß man die russischen und deutschen Arbeiter gegeneinander ausspielen wollte.
Während die deutschen Bergarbeiter nur etwa 81 Rubel monatlich verdienten, erreichten die deutschen Häuer allerdings einen höheren Betrag von etwa 100 Rubel. Rur bei Spitzenleistungen mit besten deutschen Schrämmaschinen wurden 110 bis 115 Rubel monatlich erzielt. In Deutschland erhalten Häuer nach amtlicher deutscher Statistik täglich 8,32 Mk., monatlich 210 bis 220 Mk., bei 25 bis 26 Arbeitstagen. Auch die S ch a ch t b a u e r, die in Deutschland 360 Mk. verdient haben sollen und denen in Deutschland 200 bis 240 Rubel von den sowjetischen Anwerbern zugesagt worden waren, verdienen in der Sowjetunion tatsächlich nur 150 Rubel. Lind hierbei muh man noch den geringen inneren Kaufwert des Rubels in Rechnung stellen! Wiederholt wurde auch von den Ruhrtumpel über die unzulänglichen Sicherheitsmaßnahmen in den sowjetischen Schächten geklagt. Soviel mir bekannt ist, sind zwei deutsche Bergarbeiter töd- lich verunglückt.
Schwierigkeiten stellten sich auch in der Valutafrage ein. Vertraglich konnten die Lln- verheirateten bis 15, die verheirateten Arbeiter 30 Prozent ihres Lohnes an ihre Angehörigen in Deutschland überweisen. Run hatten sie allerdings einen Punkt in ihrem Vertrage übersehen, wonach diese Summen auch für mehrere Monate nachträglich zusammen überwiesen weroen konnten. Es kam also öfters vor, daß die zurückgebliebenen Familien, die doch auf pünktliches Eintreffen der Unterstützungen dringend angewiesen waren, mittellos durch diese Verzögerungen blieben. Auch war den deutschen Arbeitern mitgeteilt worden, daß diese Lieberweisungen von Markbeträgen nur für die er st en drei Monate bewilligt werden könnten und daß sie bis zum Ablauf dieser Zeit ihre Angehörigen nach Rußland nehmen müßten.
Alle diese Llmstände führten dahin, daß sich ein Teil der Ruhrtumpel entschloß, nach Deutschland zurückzukehren. Aber auch hier waren viele Schwierigkeiten zu überwinden. Bei Eintreffen auf der Arbeitsstelle hatte man ihnen die Pässe abgenommen und trotz wiederholten Ersuchens nicht wieder ausgehändigt, besonders denjenigen nicht, die ihre Pässe für die Heimreise verlangten. In den Charkower Hotels warteten zeitweise bis zu 70 Bergleute auf die Ausreise, da sich die Rachsendung ihrer Pässe verzögerte. Sehr peinlich muß es aber berühren, daß gerade vor den deutschen Wahlen diese sonderbaren Verzögerungen eintraten. Arbeitergruppen wurden beispielsweise zehn bis zwölf Tage bis zum 13. Oktober hingehalten. Einige, die kurz vor dem deutschen Wahltag ihre Reise antraten, wurden nicht etwa auf dem nächsten Wege über Schepetowka (auf dem sie nach der Sowjetunion gekommen waren) hinausgelassen, sondern muhten den großen Llmweg über Minsk, Regoreloje machen. Die Rückfahrt wurde ihnen nicht bezahlt, worauf sie allerdings guch erst nach dem ersten Arbeitsjahr Anspruch gehabt hätten. Ratürlich ergaben sich wieder Valutaschwierigkeiten, denn der sowjetische Kohlentrust wechselte ihnen nur 10 bis 20 Dollar ein. * Auf der anderen Seite ist es aber auch verboten, russisches Geld ins Ausland zu nehmen. Die deutschen Heimkehrer befanden sich aber im Besitz größerer Summen, da ihnen das versprochene Liebergangsgeld von 150 Rubel in den meisten Fällen beim Antritt der Arbeit gezaht» worden war und sie in vielen Gegenden auch für Geld keine Waren auftreiben und daher auch wenig Geld ausgeben konnten. Diese erarbeiteten Summen wurden ihnen nicht überwiesen.
Aus der Provmzialtzauptstad»
Höger über die Baukunst.
Im vollbesetzten Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts sprach am Mittwochabend der bekannte Hamburger Architekt Fritz H ö - g e r in schlichter Form über den werdenden Baustil des 2 0. Iahrhunderts. Er führte ungefähr aus, wir befänden uns an einem Zeitpunkt kultureller Wende, der dadurch eingetreten sei. dah aus dem Llnglück des Krieges und seiner Folgeerscheinungen eine Art Selbsterkenntnis erwachsen sei, die zur Selbstbesinnung geführt habe. Der Stil bilde sich als das wahre Erlebnis einer breiten Masse, aus dec der schöpferische Künstler als sublimster Träger des Zeitgeist herauswachse und im Sinne jenes Zeitgeistes schaffe. Der Stil sei der Gradmesser der Kultur eines Volkes. Es müsse jedoch betont werden, dah ein internationaler Stil unmöglich sei, da die Mentalität der Völker stets verschieden und von mannigfachen Llmständen abhängig sei, die einen einheitlichen Geist ausschlössen. Ein neuer Stil könne sich jedoch erst dann zur Blüte enlwicke.n, wenn die Deutschen aufhörten, sich selbst zu verleugnen und wenn sie sich mehr auf ihre eigenen Kräfte besinnen würden. E i n Llmstand habe die neuere Entwicklung gefördert, so betonte der Redner u. a., die Armut habe uns die Wahrheit aufgezwungen und dazu beigetragen, den Bauwerken und allen Dingen schöpferischen Gestaltung den Stempel einer Selbstverständlichkeit aufzudrücken. Der Vortragende sprach dann noch eingehend über die materialistische Auffassung von Stilentwicklung, nach der das Werdende lediglich als ein Geschehen gedeutet werde, während der Idealismus im Werdenden das Produkt der Entwicklung geistiger Kräfte sieht. Er ging weiter auf das Verhältnis der Struktur zur Tektur ein und wies auf die notwendige organische Verbundenheit hin, in der beide befangen sein mühten. Im Zusammenhang damit forderte er, dah immer das naturgegebene Material des Landes der Baustoff sein müsse. In einer langen Reihe von prächtigen Lichtbildern zeigte der Vortragende die norddeutsche Backsteingotik in ihren vielfältigen und gereiften Formen, er zeigte die Schöpfungen einiger Architekten unserer Zeit, und gab dann einen Lieberblick über sein eigenes Schaffen, seine eigene Entwicklung, wie sie zum Teil schon aus der Ausstellung, die man im
Besuch im Gießener Bahnhof.
Der Bahnhof Gießen ist in dem gewaltigen Betriebe der Reichsbahn, diesem größten wirtschaftlichen Llnternehmen der Welt, zwar nur ein kleines Glied, nichtsdestoweniger für unsere Stadt aber ein Faktor von großer volkswirtschaftlicher, industrieller, sozialpolitischer und naturgemäh vcrkehrspolitischer Bedeutung. Gibt doch die Reichsbahn in Gießen und seinen Vororten allein 1500 Menschen Arbeit und Brot. Für den Personen- und Güterbahnhof stehen allein rund 500 Arbeitskräfte im Dienst. Ausgedehnte Werkstätten im Betriebswerk und das Betriebswerk selbst beschäftigen rund 500 Menschen; auf die anderen Betriebe im Bahnhof Gießen, wie fünf Bahnmeistereien, Cilgut- und Güterabfertigung, Fahrkartenausgabe und Gepäckabfertigung, entfallen wiederum etwa 500 Angestellte, Arbeiter und Hilfspersonal. Kein Werk der Privatindustrie in Gießen verfügt über so viele Arbeitskräfte. Lind alle, mehr oder weniger, haben
Anteil an der großen Verantwortung, die den Betrieb der Reichsbahn in allen Teilen kennzeichnet, Verantwortung für Leben und Eigentum der Menschen, die dieser Einrichtung vorbehaltlos anvertraut werden.
Allen, die berufen sind, mitzuarbeiten das riesige Getriebe in Gang zu halten, gibt die Reichsbahn Gelegenheit, sich das Wissen zu erwerben, das notwendig ist für ihre Pflichterfüllung. Die Beamten und Arbeiter, die Angestellten und das Hilfspersonal sind angehalten, regelmäßig einmal im Monat den einschlägigen Llnterricht zu besuchen. Dieser Fortbildungsunterricht ist gut organisiert und wird zu Zeiten abgehalten, die jedem leicht den Besuch ermöglichen.
Daß gerade in Gießen ein großes Maß an Arbeit anfällt, ist leicht erklärlich. Richt überall auf den Bahnhöfen gleichgroßer Städte herrschr so vielseitiger und lebhafter Betrieb. Man braucht sich nur vor Augen zu halten, dah auf dem Bahnhof Gießen aus acht verschiedenen Richtungen Züge ein- und auslaufen. 2 FD-3üge, 22 D-Züge, 9 Eil- und beschleunigte Pcrsonen- züge und schließlich 112 Personenzüge müssen täglich abgefertigt werden. Daneben bringt der Güterbahnhof noch eine sehr starke Belastung. 109 Gütcrzüge gehen täglich ein und aus. Richt weniger als 200 Stückgut-Waggons werden täglich um geladen, die entsprechenden Züge zu- sannnengestellt und abgefertigt. Dazu kommt an den Gießener Viehmarkttagen noch die
Abfertigung von durchschnittlich 300 Viehwagen im Ein- und Ausgang.
Allerdings ist auch auf dem Gießener Bahnhof die wirtschaftliche Depression nicht weniger bemerkbar als an irgendeiner anderen Stelle des Wirtschaftslebens. Viele Güterwagen, die zu früheren Zeiten ständig in Betrieb waren, stehen zur Zeit unbenutzt auf den Abstellgleisen. Ein Teil des Lokomotivpersonals kann ebenfalls keine Verwendung finden. Trotzdem laufen täglich im Betriebswerk etwa 100 Lokomotiven aus und ein. Die beiden halbrunden Lokomotivschuppen, die von der Frankfurter Straße aus gut zu sehen sind, vermögen rund 60 Lokomotiven zu beherbergen. Dort werden die Lokomotiven immer wieder Prüfungen unterzogen und die festgestellten Schäden behoben.
Der Dienstbezirk des Gießener Bahnhofes umfaßt eine Strecke von etwa 4 Kilometer. Auf diesem Raum liegen insgesamt etwa 80 Gleiskilometer. Dringt man die naturgemäh sehr unterschiedlichen Längen auf eine einfache Formel, so ergibt sich, daß im Dienstbezirk des Bahnhofes auf einer Strecke von 4 Kilometern 20 Gleis-sührungen nebeneinander liegen mühten. 13 Stellwerke beherrschen diese Schienenwege.
Die Stellwerke
sind die Zentralen der Verantwortung.
Im Hauptstellwerk, das sich in unmittelbarer Rähe des Personenbahnhofes befindet, wirken im dreischichtigen Wechsel von je acht Stunden vier Beamte: zwei Fahrdienstleiter und zwei Dtellwerksmeister. Dieses Stellwerk ist zugleich Befehlsstelle und in dieser Eigenschaft maßgebend für die anderen Stellwerie. Die Handhabungen in dieser Zentrale (mit zwei Ausnahmen auch in den anderen Stellwerken) geschehen allerdings nicht mehr ausschließlich mit der Hand, vielmehr hat auch hier — und zwar nicht zuletzt — die Rationalisierung Platz gegrif
fen. Das Stellen der Weichen und Signale geschieht im elektrischen Verfahren durch einen einfachen Handgriff, Motore sehen sich in Bewegung und automatisch werben die Weichen und vielfachen Signale betätigt. Elektrische Kraft erseht auch hier die Kraft der menschlichen Hand. Die gesamte Tätigkeit im Stellwerk vollzieht sich auf eine sehr sinnreiche und bis in das Letzte durchorganisierte Weise. Keine Weichen- und Signalstellung wird ausgeführt ohne Rücksicherung, ohne vorhergehende Erkundigung und Zustimmung der leteiligten Stellen. Charakteristisch sind in diesem Zusammenhang die sogenannten
„Feindlichen Weichen".
Durch einen einzigen Handgriff werden nach Richtigstellen alle Weichen, die auf ein Hauptgleis münden, von diesem Hauptgleis abgeschaltet, so daß keine Möglichkeit besteht, einen ein- oder auSfahvenden Zug zu gefährden. Die Verständigung zwischen den einzelnen Stellwerken, die in fast allen Fällen in gegenseitiger Liebereinstimmung zu handeln haben, geschieht telephonisch oder durch elektrische Klingelzeichen.
In unmittelbarer Rähe eines der großen Stellwerke des Güterbahnhofs befindet sich der sogenannte Rangierberg. Dieser ist ein künstlich aufgetragener Hügel, den der Güterzug befährt. Die Wagen werden, sobald der Zug oben angelangt ist und zum Stehen kommt, abgekuppelt. die Maschine schiebt dann den ganzen Zug zurück und schließlich rollt ein Wogen nach dem anderen den Hügel hinunter. Die Wagen werden vom Stellwerk aus, auf Grund vorhergehender Verständigung, auf jene Gleise rangiert, auf denen sie Verwendung finden sollen und zu abfahrbereiten Zügen formiert werden. Das einfache Verfahren hat sich insofern als praktisch erwiesen, als viel Zeit gespart wird , und außerdem Materialschaden, der im Abstoßrangieren leicht verursacht weroen kann, erheblich gemindert wird. In diesem Zusammenhang wurde kürzlich eine Reuerung geschaffen, die sonst nur an drei Bahnhöfen in Deutschland existiert. Cs wurden auch hier
große Windschuhgatter
gebaut, die die Aufgabe haben, Len Rordwind. der gegen den Rangicrberg zu den freien Ablauf der Wagen sehr zu hemmen vermag, abzuhalten. Zum Bereich des Gießener Bahnhofes gehört auch ein Ll m g e h u n g s g l e i s, auf dem Züge, die den Bahnhof nicht zu passieren brauchen, die Station „links liegen lassen". Der Damm zwischen Klein-Linden und Gießen, der unmittelbar vor Klein-Linden die Frankfurter Straße überquert, wird zur Zeit allerdings hauptsächlich nur von Kohlenzügen (Ruhrgebiet — Süddeutschland- befahren, denn er besitzt nicht mehr die nötige Stabilität, die zum Befahren in schnellem Tempo die Voraussetzung ist.
Der Personenverkehr, insbesondere aber der Durchgangsverkehr, ist außerordentlich stark. Das ist ohne weiteres mit den
maßgeblichen Rord-Süd- und Osi-West- verbindungen
zu erklären. Lieber Gießen werden auch viele Kindertransporte geführt. In regelmäßigen Abständen werden aus dem rheinischen Industriegebiet und aus Großstädten Kinder zum Zwecke der Erholung durch unseren Bahnhof nach Erholungsorten gebracht. Außerdem passieren Kindertransporte aus dem Balkan (aus (Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien) unsere Stadt. Diese Züge, die nach Holland und Belgien geführt werden, bergen oft bis zu 1000 Kinder, die in besonders hergerichteten Schlafwagen un- tergebracht, denen stets ein Arzt mit ausgerüstetem Sanitätswagen und eine Reihe von beaufsichtigenden Pflegerinnen beigeaeben sind.
Der Dienst bei der Bahn ist, im großen und ganzen betrachtet, außerordentlich vielseitig. An der Spitze müssen Männer stehen, dir nicht nur über ein gründliches Wissen und über eine jahrelange Praxis, sondern auch über organisatorische Fähigkeiten verfügen. Denn der Betrieb der Reichsbahn ist nicht nur ein großes Feld körperlicher Arbeit, sondern auch ein
einziges Rechenexempel.
das allerdings im Laufe der Iahrzehnte, in der Zusammenarbeit vieler Köpfe — bereits gelost wurde. Die Aufrechterhaltung der Ordnung im Reichsbahnbetrieb ist heute nur mehr eine Frage der ständigen Sorgfalt, des Verantwortungsbe- wußtseins und der Finanzen.
„Einhorn" zu sehen Gelegenheit hatte, entgegentrat. Der Redner, der seine Ausführungen humorvoll auszugestalten wußte, fand anhaltenden Beifall.
Die Höger-Ausstellung, die am Mittwoch geschlossen wurde, fand in breiten Kreisen der Bevölkerung größtes Interesse; sie war insgesamt von rund 1300 Personen besucht.
Arbeitslosigkeit
und Reparationszahlungen.
Die Deutschnationale Vvlkspartei veranstaltete am Mittwochabend im Saale des Cafe Leib eine öffentliche Versammlung, in der vor einer sehr zahlreichen Zuhörerschaft der Reichstagsabgeordnete Dr. Schiele, ein Vetter des Reichsernätzrungsministers, sprach. Er wies zunächst auf die Gefahren hin, die mit der gegenwärtigen starken Arbeitslosigkeit verbunden seien und bei denen die Bolsche- wisierung der Massen am Ende der Entwicklung stehe. Rachdrücklich betonte er, daß alle geeigneten Mittel benutzt werden müßten, um die Arbeitslosigkeit zu vermindern.
Eingehend beschäftigte sich der Redner dann mit der schweren Last der Reparationsverpflichtungen, die unser Volk in ständig wachsendem Maße bedrücke, und die jetzt sogar dahin geführt habe, daß sie in Verbindung mit den schwerwiegenden Auswirkungen einer verfehlten Innenpolitik zu den unsozialsten Maßnahmen zwinge, die sich z. B. bei der Senkung der Beamtengehälter, der Einführung von bezahlten Krankenkassenscheinen usw. bemerkbar machen. Dazu komme als ernsteste aller Krisenerscheinungen die gewaltige Einengung des Weltmarkt- raumes für uns, wodurch unsere wirtschaftliche Betätigungsmöglichkeit nach dem Auslande hin in schlimmster Weise beeinträchtigt sei. Alles in allem zeige sich immer mehr, dah die Reparationserfüllung, Die man in den letzten Iahren durch Aufnahme von Anleihen im Aus lande oorge- » nommen habe, nunmehr auf Kosten der Lebens
haltung des deutschen Volles gehe, eine Tatsache, gegen die von der Deutschnationalen Volkspartei bisher immer mit aller Entschiedenheit angekämpft worden sei.
Nachdem der Redner die außerordentlichen Schwierigkeiten eines Moratoriums oder einer Revision des Boungplanes näher dargelegt hatte, betonte er, daß die Deutschnationalen an Stelle der bisherigen Repacationspvlitik eine neue Regelung setzen wollten, die nach dem Vorschläge ihres Parteiführers Hugenberg darin bestehe, daß auf die in Betracht kommende Einfuhr vom Auslände ein Reparationszuschlag gelegt werde, womit man erreiche, daß das Ausland je länger je mehr davon überzeugt werde, daß bie Reparationslast eine absolute Llnmöglichkeit darstelle.
Anschließend kam er noch auf das Problem der Lohn - und Preissenkung zu sprechen, das er als den brennendsten und schwierigsten Punkt der deutschen Volkswirtschaft bezeichnete. Er kam bei dieser Besprechung zu dem Ergebnis, daß auch durch die Senkung der Löhne und Preise die Ersüllungspolitik nicht tragbar werde und daß unserem Volke nur mit einer ganz großzügigen Revision aller Kriegsschulden zu Helsen sei.
Am Schlüsse seines Referates hob er hervor, daß die Deutschnationale Volkspartei unter Hu- genbergs Führung von der Gewißheit beseelt sei. daß sie sich mit ihrer Politik auf dem rich- tigen Wege zum Erfolg befinde.
Anschließend beantwortete der Redner noch einige Fragen, wobei er u. a. den Austritt von Prof. Dr. B r e d t aus der Regierung dahin deutete, daß Bredt sich wohl von der Llndurch- führbarkeit einer weitgehenden Lohn- und Preissenkung überzeugt habe, weil diese zum Ruin des Mittelstandes führen müsse.
Berufskundlicher Vortragsabend.
Man berichtet uns: Dec letzte der in diesem Iahre von dec Berufsberatung des Arbeitsamts Gießen ue~anftalfeten Vortragsabende brachte vier Dorttäge, zu denen jeweils
entsprechende Lichtbllder eine anschauliche Ergänzung boten.
Herr W. Decker, Fachvermittler beim Arbeitsamt Frankfurt a. M, behandelte den Berus des Friseurs und dec Friseurin. Seine Ausführungen ließen erkennen, daß das Arbeitsgebiet des Friseurs bzw. der Friseurin weit verzweigt ist und die an den jungen Gehilfen, oder die Gehilfin gestellten Anforderungen groß sind. Der Referent warnte vor allem davor, daß der Berus als Rotbehelf für solche angesehen wird, die zu keinem anderen geeignet find. In den letzten Iahren hat die Arbeitslosigkeit auch bei den Friseuren und Friseurinnen in starkem Maße zugenommen. Es werden deshalb nur biejenigen in dem Beruf vorwärtskommen können, die außer der Lust und Liebe auch die körperliche und geistige Eignung dazu mitbringen.
Herr A. Ruhl jun., Klein-Linden, schilderte den Beruf des Feinmechanikers und ging speziell auf die körperlichen und geistigen Anforderungen ein, die in diesem Berufe gestellt werden Schweihfinger bilden ein absolutes Berufshindernis, das selbst den in technischer Beziehung Tüchtigsten nicht zum gewünschten Ziele kommen läßt.
Ein Berufsbild des Schneiders wurde den! Zuhörern durch Schneidermeister Pfeiffer, Gießen, vermittelt. Der Schneider muß gute Maßarbeit leisten, um sich gegen die immer stärker werdende Konkurrenz behaupten zu können. Lim dazu imstande zu fein, sind handwerkliche Tüchtigkeit sowie geistige Beweglichkeit und Aufgeschlossenheit notwendig.
Elektroingenieur Gantz. Gießen, hielt ein eingehendes Referat über Len Beruf des Elektrikers und ging speziell auf das Arbeitsgebiet des Elektroinstallateurs ein, dessen mannigfaltige Tätigkeiten er gut zu schildern wußte. Gute Beobachtungs- und rasche Auffassungsgabe, gesunder, leistungsfähiger Körper sind für den Berus unerläßliche Voraussetzungen
Bornotizen.
— Tageskalender für Freitag. Gern- hardtscher Schülerkreis: Familienabend, 19.30 Uhr, im Saale des Eafs Leib. — DHL.: Hauptversamm- lung 20.30 Uhr, bei Hopfeld. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Korvettenkapitän". — 2Iftoria=.°id)t- spiele: „Adjutant des Zaren"-und „Weltmeister Max Schmeling".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Wegen Vorbereitung der Erstaufführung von „Meine Schwester und ich" fMt die heutige Vorstellung aus und wird auf morgen verschoben (Freitagabonnement). Die beiden Textdichter Derr und Verneull haben ein Lustspist versaht, zu dem Rälph Benatzky Gesangstexte und Musik geschrieben hat. Dieses Lustspiel „Meine Schwester und ich" hat mit die größten Kassen- und Serienerfolge erzielt und dürste auch im Gießener Spiellplan zu den ansprechendsten Reuerungen zählen. Die Spielleitung hat Intendant Dr. P r a s ch. Kapellmeister C u j 6 leitet das Orchester, während Ewald Däulke die Einstudierung der Tänze übernommen hat. — Arn 2. Dezember gastiert die Exv-Dühne einmalig in Gießen; die Exl-Dühne hat ihren ständigen Sitz im Wiener Raimundtheater und zählt mit zu den bedeutendsten Dollsbühnen Oesterreichs. Ihre Ausgabe ist es, Werke österreichischer Dramatiker der Gegenwart auszuführen. Die Exll- Leute gastieren in Gießen mit Schönherrs Komödie „Erde".
— Gemeindeabend der Matthäus- gemeinde. Man schreibt uns: Am nächsten Sonntag, 30. November (1. Advent), 20 Uhr, veranstaltet im Eafs Leib die Männer- und Frauenvereinigung der Matthäus-Gemeinde den alljährlichen Gemeindeabend der Matthäus-Gemeinde. Das Kammerorche- fter der Volkshochschule hat seine Mitwirkung zugesagt. Es bringt ausgewählte Stücke aus Händel, Ad. Hasse, E. F. vAlbaur, Joh. Seb. Bach zu Gehör. Frau G. W e y l und Herr H. Simon (Gießen) fingen Lieder von Jh. Wolfg. Frank (17. Jahrh.) u. a. Auch die bewährte Spielschar der Jugendvereinigung wirkt mit. Der Eintritt ist frei. Die ganze Gemeinde ist herzlich eingeladen. Programme sind am Saaleingang zu haben. (Siehe gestrige Anzeige.)
— Obst- und Gartenbauverein Gießen. Am nächsten Sonn'tag findet im Hörsaal des Landwirtschaftlichen Instituts ein Lichtbildervortrag von Universitätsprofessor Dr. Sessous über „Moderne Pflanzen-Züchtung" statt. (Siehe heutige Anzeige.)
— Märchen im Lichtspielhaus Bahn- hofft raße. Am Samstagnachmittag und Sonntagvormittag gelangen im Lichtspielhaus Bahnhofstraße einige Märchenfilme zur Borführung, die durch ihre leichtfaßliche Behandlung den Kindern gewiß einige frohe Stunden bereiten werden. Die Eintrittspreise sind niedrig gehalten, und schließen zugleich eine besondere Überraschung der kleinen Gäste in sich. (Siehe Anzeige.)
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* Fachgruppenversammlung Tabakgewerbe im D.H.V. Man berichtet uns: Der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband, Ortsgruppe Gießen, hatte seine Mitglieder aus dem Tabakgewerbe zu einer Versammlung in das Ver- bandsheim eingeladen, um mit ihnen die Lage im Tabakgewerbe, die durch das von der Reichsregierung geplante Gesetz zur Tabakbesteuerung geschaffen ist, zu besprechen. Der gute Besuch zeigte, daß auch die beteiligten Kreise dec Angestellten erkannt haben, um was es für sie bei diesem Vorhaben der Regierung geht. In einem kurzen Referat umriß Kreisgeschaftsführer Schroeder die Entwicklung dec Vorschläge der Reichsregierung bis zu dem Reichsratsbeschluß und legte den Standpunkt des Verbandes in dieser Frage dar. Er erklärte, gegen die Begünstigung der Zigarette gegenüber der Zigarre müsse man sich scharf wenden, zumal sich die Zigarettenindustrie zum großen Teil in ausländischem Besitz befinde. Die anschließende lebhafte Aussprache gab zunächst ein Bild über die aus Anlaß der Steuervorlage erfolgten Kündigungen in den Gießener Betrieben der Zigarrenindustrie. Kleinere Unternehmen haben der gesamten Belegschaft, eine Reihe mittlerer und größerer Betriebe einem Teil der Belegschaft das Arbeitsvertragsverhältnis gekündigt, wobei es sich zum großen Teil um ältere Angestellte handelt, die jahrelang, oft ein Menschenalter hindurch dem Unternehmen gedient haben. Man war einstimmig der Auffassung, daß das geplante Steuergeseh eine erhebliche Herabminderung der Arbeitsmöglichkeiten in der Zigarrenindustrie bringen werde, und selbst die in der Vorlage vorgesehene Entschädigung bleibe, vornehmlich für die älteren Angestellten, nur ein schwacher Trost. Die durch die Besteuerung der Zigarre erhoffte Mehr- einnahme werde in keinem Verhältnis zu den Fol- gen stehen, die die Besteuerung für die zahlreichen Arbeitnehmer in der Zigarrenindustrie habe.


