Einzelbild herunterladen

einzudämmen. Denn es war unerträglich, daß nicht nur die Mitglieder der Negierung, sondern das gesamte öffentliche Berlin im Winter sozusagen aus dem Smoking nicht mehr herauskam. Bon großem Erfolg find diese Bestredungen bisher nicht gekrönt gewesen, denn eigentlich ist cs mit den offi­ziellen Abfütterungen immer schlimmer ge- worden Wenn nun die Reichsregicrung und die preußische Slaatsrcgierung neuerdings beschlossen haben, Einladungen gesellschaftlicher Art nur bei be­sonderen Anlässen anzunehmen und ihrer eigenen ge­sellschaftlichen Bcrpflichtungen auf ein Mindestmaß einzuschränken, so darf man hoffen, daß jetzt endlich der Anfang zu einer Beschränkung der offiziellen Geselligkeit gemacht wird, wie cs dem Ernst der Zett und der wirtschaftlichen Lage entspricht. Hof­fentlich richten sich auch die übrigen Kreise, die es angeht, nach diesem Vorbild.

Oie Städte fordern Aufgabenabbau.

Kommunalfinanzen und Sanierungs» Programm.

Berlin, 27. Ott. ('XU.) Dor Gesamtvorstand des Reichsstädtebundes tagte in Berlin unter Vorsitz des Bundespräsidenten Oberbürgermeister Dr. Dell an, um zu der durch das Sanierungs- Programm der Reichsregierung geschaffenen Lage eingehend Stellung zu nehmen. Der Gesamtvor- stand begrüßt grundsätzlich den Finanzplan der Reichsregierung als einen wichtigen Schritt zur Gesundung der öffentlichen Finanzen. Er stellt jedoch mit großer Besorgnis fest, daß das Programm für die durch die Wohlfahrts- erwerbslosenfürsorge schwer bedrängten Gemeinden im laufenden Rechnungsiahr keine Hilfe vorsieht. Die. neuen Steuer- Möglichkeiten der Rotverordnung können im günstigsten Falle einen Bruchteil des gemeind­lichen Mehrbedarfs decken. Ruch die R e u r e g e - lung der Krisenfürsorge bringt keine E n t l a st u n g für die Gesamtheit der Gemeinden, sondern bedeutet für viele, besonders für die unter 10 000 Einwohnern, eine D e r s ch l e ch - terung ihrer Lage. Staats- und finanzpolitisch ist es nicht vertretbar, die Gemeinden zur Er­füllung ihrer gesetzlichen Verpflichtung gegenüber dem Heer der Wohlfahrtserwerbslosen aus den gefährlichen Weg erneuter kurzfristiger Verschuldung abzudrängen, der überdies für die Mehrheit der mittleren und kleinen Städte nicht mehr gangbar ist. Sofortige Rotmah­nahmen des Reiches für die Gemeinden sind daher ein dringendes Gebot der Stunde. Dazu gehört auch wcitgehendcArbeitsbeschasfung durch günstige Finanzierung von Rot­standsarbeiten in den mittleren und kleinen Städten. Schwere Gefahren drohen den Gemein­den auch für 1931, da nach dem Finanzplan der Reichsregierung der Rückgang an Reichs- stcuerüberweisungen für 1931 erheblich höher sein wird, als die Ersparnis infolge der Besoldungskürzung. Auf der anderen Seite ist mit einer Minderung der Ausgaben für Wohlfahrtserwerbslose im Rechnungsjahr 1931 kaum zu rechnen. Daraus ergibt sich die Ver­pflichtung des Reiches, auch für 1931 die Gemein­den knirch einen Aufgabenabbau als besten Ausgabenabbau zu entlasten.

Joseph Wirth auf dem Kriegspfade. Sperrung der Polizcizufchüfsc für Braunschweig.

Berlin, 27. Oft. (WTB.) Der Reichsmini­ster des Innern hat an die braunschwei- gische Staatsregierung ein Schreiben gerichtet, in dem er darauf aufmerksam macht, daß er sich eine Entscheidung hinsichtlich der Auszahlung weiterer Zuschüsse aus R e i ch s m i t t e l n z u m Z w e cke des po li- zeilichen Schuhes an die braunschweigische Staatsregierung vorbehält. Ueber die Be­gründung zu diesem Schritt war Räheres noch nicht zu erfahren, doch wird man in der Auffas­sung nicht fehlgehen, daß er in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entwicklung steht, die der Fall Franzen in den letzten Tagen genom­men hat. Der preußische Iustizminister hat beim Reichsminister des Innern beantragt, daß beim Reichstag die Genehmigung zur st r a f r e ch t l i - chen Verfolgung Dr. Franzens in seiner Eigenschaft als Mitglied des Reichstages wegen des Vergehens der Begünstigung eingeholt wird.

Wie dreVossische Zeitung" erfährt, bedeutet das Schreiben Dr. Wirths praktisch schon d i e Sperre der Zuschüsse: es sei lediglich eine höflicher^ Form für diese Anordnung gewählt worden. Zu der Maßnahme habe sich Dr. Wirth veranlaßt gesehen, weil der braun­schweigische Iustizminister Franzen, der als Innenminister gleichzeitig die Polizeiverwoltung unter sich habe, in Berlin Polizeibeamten gegenüber in einem Ermittlungsverfahren unzutreffende Angaben gemacht habe. Cs müsse Bedenken auslösen, wenn ein Minister des Innern, der ja in dieser Eigenschaft der oberste Träger der Polizeigewalt in seinem Amtsbezirk ist, in eine Angelegenheit verwickelt erscheint, in der es sich um den Versuch der un­rechtmäßigen Haftbefreiung eines wegen Ver­letzung der Bannmeile Inhaftierten handelt.

Oer Reichspräsident an General Heye.

Zum Ausscheiden des Chefs der Heeresleitung.

Berlin, 27. Okt. (CNB.) Reichspräsident von Hindenburg hat an den Generaloberst Heye folgendes Schreiben gerichtet:

Sehr geehrter Herr Generaloberst! Euer Hoch­wohlgeboren habe ich durch, Verfügung vom heuti­gen Tage mit dem 31. Oktober 1930 den Abschied aus dem Heeresdienst unter Gewährung der gesetzlichen Versorgung und mit der Berechti- flung zum Tragen der Uniform des 1. (preußischen) Infanterieregimentes mit den Abzeichen des Gene­ralobersten bewilligt.

Bei Ihrem Ausscheiden können Sie auf eine mehr als 40jährige, an Erfolgen reiche Laufbahn in der ruhmreichen alten Armee und dem Reichshecr zurückblicken. Die hohen Verdienste, die sie sich im Krieg und Frieden au verantwortungsvollen Posten berufen erworben haben, sichern Ihnen einen ehrenvollen Platz in her Geschichte der Armee, wie auch ganz besonders Ihr

Wirken als Chef der Heeresleitung, das von dem Gedanken getragen war, die stetige Aufwärtsenwicklung des jungen .Reichsheeres auf der von Ihren Vorgängern geschaffenen Grundlage trotz schwerer Zeiten zu sichern und auszubauen. Rehmen Sie hierfür den Dank des Vater­landes und des Heeres entgegen.

Im Gedenken Ihrer verdienstvollen Tätigkeit als Kommandeur der Ersten Division will ich durch dieVerleihungderUnisormdesErsten

(preußischen) Infanterie-Regiments auch für die Zukunft Ihre Verbundenheit mit unserer schwer ringenden, abgetrennten Provinz O st - preußen und ihren Truppen zum Ausdruck brin­gen. Als äußeres Zeichen meiner Anerkennung werde ich Ihnen meinBildmitUnterschrift zugehen lassen.

Mit kameradschaftlichem Gruß Ihr

(gez.) Hindenburg.

Am neunten Jahrestage des Faschismus.

Mussolini fordert Revision der Verträge und Gleichberechtigung der Völker. Ztalren als Vorbild für ein faschistisches Europa.

Rom, 27. Oft. (TU.) Das neunte Iahr faschi­stischer Zeitrechnung, bas mit dem 28. Oktober, dem Iahrestag des Marsches auf Rom beginnt, leitete Mussolini mit einer großen Rede vor den Führern des Faschismus ein. Mus­solini erinnerte an seine im Mai in Florenz und Mailand gehaltenen Reden, in denen erjenem alten heuchlerischen Europa, das in Gens vom Frieden stammele und überall zum Krieg rüste", die Maske habe her un­terreiß en wollen. Diese Reden seien dann als eine Kriegserklärung ausgesaßt worden, während man vergessen habe, daß der Krieg gegen das faschistische Regime seit acht Iahren von den Män­nern, Gruppen, Parteien und Sekten geführt werde, auf die er in Florenz angespielt habe. Faschisten töten, weil sie Faschisten sind, das fa­schistische Regime verleumden, um ihm jeden Kre­dit zu nehmen, ist das nicht eine Kriegshandlung, fragte Mussolini. Dieser geistige Krieg bereite den militärischen Krieg gegen das saschistiichr Regime vor.

Bald werden wir auch Kindern die Hände abgehackt haben, wie dies den Deutschen im Jahre 1914 nachgesagt wurde, was nicht ausschloß, daß sich jede Spur dieser verstümmelten Kinder ver­lor. So sind auch die Argumente, die gegen den Faschismus geschleudert werden, um den haß gegen das faschistische Italien, der von Mil­lionen und Abermillionen gezündet wird, zu schüren.

Wir kämpfen gegen eine untergehende Welt. Es ist zwangsläufig, daß dieser geistige Kriegszustand besteht und sich verschärft: denn wenn es nicht so wäre, wäre der Faschismus heute über­wunden. Indessen werde neben dem geistigen Krieg die Vorbereitung des materiellen Kriegs an den Grenzen Italiens be­schleunigt. In den Akten, die Sie hier sehen, sagte Mussolini, sind die militärischen Vorbereitun­gen ausgezeichnet, die seit 1927, also lange vor den Reden von Livorno, Florenz und Mailand, gegen Italien unternommen worden sind. Hier ist die Liste der aufgefteUten Batterien, der errichteten Forts, der vorbereiteten und angelegten Armierungen. Konnte ich noch länger warten, um das italienische Volk wachzurütteln?

Natürlich haben diejenigen, denen die Maske herunlergerissen wurde, versucht, Italien als die einzige Gefahr für den europäischen Frieden hinzuslellen, als den einzigen Mols unter einer Herde friedlicher Lämmer. Dieses Spiel ist zuLnde. Das faschistische Italien wird in dem Maße rüsten, wie olle rüsten. Ls wird abrüsten, wenn olle abrüsten. Ls soll durchaus klar sein, daß wir materiell und geistig rüsten, um uns zu verteidigen, nicht um anzugreifen. Das faschi­stische Italien wird niemals die Initiative zu einem Kriege ergreifen. Auch unsere Politik der Revision der Verträge ist darauf gerichtet, einen Krieg zu verhüten, eine ungeheure Ersparnis, diejenige eines Krieges, zu machen.

Die Revision der Friedensverträge liegt nicht im hauptsächlich italienischen Interesse, sondern im Interesse Europas und der Welt^ Das ist nicht sinnlos oder undurchführbar, da diese Re­visionsmöglichkeit auch im Bölkerbunds- paft vorgesehen ist. Sinnlos ist nur die Behauptung der Unbeweglichkeit der Verträge. Wer verläßt den Völkerbundspakt? Diejenigen, die in Gens zwei Kategorien von Staa -

t e n geschaffen haben und für alle Ewigkeit ausrechterhalten wollen, nämlich bewaffnete und waffenlose. Welche jur.Wche und mo­ralische Gleichberechtigung kann zwischen einem Bewaffneten und einem Waffenlosen bestehen? Wie kann man wollen, daß diese Komödie end­los weitergeht, wenn die Hauptdarsteller selbst anfangen, ihrer müde zu werben?

Der Sah, daß der Faschismus kein Ausfuhr­artikel fei, bedarf der Korrektur. Denn der Fa­schismus als Idee und Doktrin der Lei­stung ist universell, italienisch in seinen Ein­richtungen, universell dem Geiste nach. Man kann also an ein faschistisches Europa Öen-1 ken, ein Europa, das seine Einrichtungen auf der Doktrin und der Praxis des Faschismus auf­baut, d. h. ein Europa, das im faschistischen Sinne bas Problem des modernen Staates löst, des Staates des 20. Jahrhunderts, ber ganz verschie­den ist von den Staaten, die vor 1789 bestanden! oder sich später bildeten.

Mussolini gab dann den Faschisten die Kampfparole für das neunte Iahr desFaschismus.in dem er Glaube, Mannes­zucht, Eintracht, Opferbereitschaft und Brüder­lichkeit forderte, und sagte weiter: Das faschistische Italien ist eine ungeheuer große Le­gion, die im Zeichen des Liktorenbündels einem Morgen entgegenmarschiert, das größer sein wird. Riemand vermag sie auf^uhalten. Riemand wird sie aufhalten. Sie ist die Botschaft für das morgen beginnende neunte Iahr der faschistischen Aera.

Oie pariser presse zur Muffotim-Rede.

Paris, 28. Oft. (WTB. Funfspruch.) Die Morgenpresse beschäftigt sich eingehend mit der Rede Mussolinis.C ch o d e P a r i s" meint, das Wesentliche an der Rede Mussolinis sei die For­derung Italiens nach Vertragsrevision. Alles andere sei nur rednerisches Beiwerk, auch die Bemerkung, daß Italien niemals die Initia­tive zum Kriege ergreifen würde, den es doch vorbereite. Zwischen Frankreich und Italien sei seit langem ein Abgrund entstanden, den die Diplomaten nicht leicht überbrücken würden. Petit I o u r n a l schreibt, Mussolini wolle eine Revision der Verträge zugunsten der Be­siegten, vor allem aber auch zugunsten Italiens. Richt nur in Frankreich, sondern in den meisten Ländern sei man der Ansicht, daß Europa bei einem solchen Abenteuer nichts zu gewin­nen hätte, sondern im Gegenteil vieles aufs Spiel sehen würbe. Uebrigens biete der Versailler Ver­trag oder vielmehr das Völkerbundsstatut das Mittel zu einer Rachprüfung einer politischen Lage, die sich zu einer Bedrohung sür den Frie­den auswachscn könnte.

Mpubliquc" führt aus, Mussolini habe, bevor er gedroht habe, mit allen demagogischen Mitteln versucht, von der französischen Regierung finan­ziellen B e i st a n d zu erlangen. Die französische Regierung sei auf seine Avancen nicht ein­gegangen. Deshalb wende sich Mussolini jetzt mit besonderer Heftigkeit gegen Frankreich. Avenir" schreibt, wenn Italien glaube, daß es bei Friedensschluß nicht den ihm gebührenden Lohn erhalten habe, müsse es doch eigentlich das über­triebene Wohlwollen bedauern, mit dem die Alli­ierten Deutschland behandelt hätten. Statt dessen wende sich Italien gegen Frankreich. Man müsse Mussolini mit gleicher Klarheit antworten. Frank­reich wolle keine Revision.

Schwere Ausschreitungen gegen Deutsche in Ostoberschlesien.

Unerhörte Gewalttaten der Aufständischen.

Ka tt o wi tz, 27. Okt. (TU.) Die Ausschreitungen der polnischen Aufständischen gegen die Deutschen'in Ostoberschlesien nehmen immer weitere Ausmaße an. Heute werden wiederum ganz unerhörte Vor­fälle bekannt, die sich am Samstagabend in der Ortschaft 9! i t o l a i zugetragen ^haben. Dort ver­anstaltete die Ortsgruppe Rikolai der Gewerk­schaft der Ange st eilten eine stark besuchte Generalversammlung. Während der Sitzung erschien mit Gesang ein Trupp Aufständischer und umstellte sämtliche Eingänge des Versammlungs­lokals. Mehrere Aufständische in Uniform drangen in das Versammlungszimmer ein und schleuder- tenStühleindendichtbesetztenRaum. Der Versammlungsteilnehmer bemächtigte sich eine unbeschreibliche Erregung. Zahlreiche Frauen ver­fielen in Schreikrämpfe, als sich die Aufständischen auf die Versammlungsteilnehmer stürzten und un­barmherzig a u f s i e e i n s ch 1 u g e n. Ein Teil ver­suchte, sich durch die Fenster in Sicherheit zu brin­gen, während die übrigen Versammlungsteilnehmer durch die rechts und links am Ausgang postierten Aufständischen, die mit Knüppeln b c w a f f - n e t waren, regelrecht Spießruten laufen mußten. Unbarmherzig wurde auf wehrlose Frauen und ältere Männer eingeschlagen. Einzelnen Teilnehmern sind dabei auch noch die Brieftaschen ge­raubt worden. Auch die zurückgelassenen Mäntel, Aktentaschen und Hüte sind zum Teil verschwunden. Rach ihrerHeldentat" veranstalteten die Aufstän­dischen in demselben Lokal eine Kneiperei. Ein P o 1 i z e i k o m m i s s a r, der mit zwei weiteren Beamten in einem Nebenzimmer desselben Lokals gesessen und von den UeberfaUenen auf die Gewalttaten der Aufständischen aufmerksam gemacht wurde, tat sehr verwundert und verlangte zu» nächst von dem Versammlungsleiter die Prüsung der A n w e s e n h e i t s l i st e.

An demselben Abend wurde der Buchhalter G a l k a auf dem Heimweg von mehreren Auf­ständischen überfallen und derart geschlagen, daß er bewußtlos liegen blieb. Als seine ihn begleitende Ehefrau die Banditen um Rücksicht bat, wurde auch fie niedergeknüppelt. Ebenso wurden zwei Mitglieder der Korfanty- Partei verprügelt. Auch aus anderen Orten wer­den zahlreiche UeberfäHe auf Deutsche gemeldet, die zum Abschluß der antideutschen Woche statt- gesunden haben.

Ein Märtyrer der deutschen Minderheit.

Clf Jahre schweren Kerkers für Jude.

In aller Stille ist in G r a u d e n z der deutsche Landwirt F u d e wegen Spionage z u elf Iah­ren schweren Kerkers bei zehnjährigem Ehrverlust und zu einer Geldstrafe von 55 600 Zloty verurteilt worden. Wenn nicht dem kurzen Telegramm, das dieses Urteil meldet, die Erklä­rung beigegeben wäre, daß Fude in dem Reu- höfener Grenzzwischenfall eine, wenn nicht gar die Hauptrolle gespielt hat, würde man bei uns Wohl kaum von der Verurteilung Kennt­nis genommen haben. Aber Fude verdient es doch, daß man sich mit ihm und seiner Rolle im Reu- hösener Zwischenfall etwas näher befaßt, weil sich in ihm das Schicksal unserer Minder­heiten auf polnischem Boden verkörpert.

Fude ist mehrere Monate vor der Schießerei bei Reuhöfen durch die polnischen Behörden ge­zwungen worden, sich a n r e i chs deutscheBe- anite heranzumachen und dafür zu sorgen, daß dem polnischen Spionagedienst Ma­terial verschafft wird. Rur weil er die Lei­den nicht mehr länger ertragen konnte, denen er ausgesetzt war, entschloß er sich endlich, dem pol­nischen Drängen nachzugeben. Gr stellte die gc- wünsch'en Verbindungen her, ließ aber die deut-

schon Behörden nicht im Unklaren über seine Mis­sion. So kam es denn zu der Zusammenkunft zwischen Angehörigen der polnischen Spionage und deutschen Beamten, die damit endigte, daß die beiden polnischen Unter­händler nach einer Schießerei verhaftet wer­den konnten.

Fude, der natürlich vorher in feinen Heimats­ort zurückkehren mußte, wurde daraufhin ver­haftet und ist jetzt zu einer schweren Frei­heitsstrafe verurteilt worden. Man macht ihm den Vorwurf der Spionage, in Wirklichkeit ist er aber ausgeschickt worden, um die Inter­essen der polnischen Spionageorganisation zu vertreten. Fude hätte sich zu dieser Handlung niemals hergegeben, wenn er nicht unerhörten Drangsalierungen ausgesetzt gewesen wäre, die ihn seelisch und körperlich zermürbten. In diesem Urteil spiegeln sich die Leiden wider, denen das Deutschtum in Polen ausgesetzt ist, auf dessen Angehörige eben erst wieder in Ober­schlesien die sogenannten Aufständischen mit Knüppeln und Revolvern Jagd machen.

Aus aller Welt.

19. Verbandslag des Reichsverbands^deulscher poff- und Idegrapl)enbeamf?r.**

Der 19. Verbandstag des Reichsverbandes deut­scher Post- und Telegraphenbeamter, der jetzt 147 000 Mitglieder zählt, nahm am Sonntag im Zoo seinen Anfang. Der Verbandsvorsigende Kugler wies dar­auf hin, daß der Großteil der Postbeamtenschaft noch immer gehaltlich schlechter gestellt sei, als 1913. Der Verband wende sich daher gegen den Plan einer einseitigen Belastung der Beamtenschaft. Es sei notwendig, sich gegen den vom sozialdemokrati­schen Allgemeinen Deutschen Beamtenbund aus- geübten Terror zu wenden. Die Mitglieder des Reichsverbandes sollten sich noch mehr als bisher um die politischen Vorgänge kümmern und sich auch parteipolitisch organisieren. In der Aussprache wandte man sich u. a. gegen den Abbau der Berufs- beamten bei der Post, gegen die geplanten Urlaubs- kürzungen, gegen die Überschreitung der 48-Stun- den-Woche, sowie gegen die Praxis von Postleitern, die amtlich angeschafften Bilder der Reichspräsiden­ten Ebert und von Hindenburg aus politischen Gründen wieder aus den Diensträumen zu entfer­nen. In einer Entschließung wurde die geplante Gehaltskürzung in der voryeschlagenen Form a b « gelehnt, da sie jede soziale Rücksichtnahme auf die geringer besoldeten Beamten vermissen ließe. Die Freigrenze müsse beträchtlich erhöht und ferner ein Weg gefunden werden, auch die hohen Prioat- einkommen zur 2lufbringung der Lasten heranzu­ziehen. Von der Reichsregierung wird erwartet, daß sie nichts unversucht lasse, um die notwendige Preis­senkung herbeizuführen.

Schwere Sturmschäden in der Türkei.

Smyrna wurde von einem Orkan heimgesucht, den Wolkenbrüche begleiteten. 42 Personen haben dabei den Tod gefunden, 14 werden noch vermißt. 387 Häuser sind vollständig, 90 zum' Teil zerstört. Mehrere Eisenbahnbrücken sind einge­stürzt. In Konstantinopel sind zwei Häuser im Galataviertel, die von griechischen Arbeitern und ihren Familien bewohnt waren, infolge der kürz­lichen schweren Regengüsse e i n g e st ü r z t. 15 Per­sonen sind bereits aus den Trümmern ausgegraben worden, die mehr oder weniger ernstlich verletzt waren. Es besteht Grund zur Annahme, daß sich etwa 10 Leichen in den Ruinen befinden. Bei Smyrna hat sich das Ueberschwemmungsgebiet sehr ausgedehnt. Die elektrische Kraftstation steht zum Teil unter Wasser, und die dadurch entstandene Dunkelheit erhöhte die Bestürzung der Einwohner. 60 Einwohner sind ertrunken, und viele hun­dert haben Verletzungen erlitten. 855 Häuser sind teilweise ober ganz zusammengestürzt. Die landwirt­schaftlichen Bezirke um Smyrna herum sind eben­falls heimgesucht worden, und eine große Anzahl Vieh ist ertrunken und weggeschwemmt worden.

Friedensakademie Dr. Siresemann.

Die Carnegie - Stiftung veröffentlicht die Liste der amerikanischen Persönlichkei­ten, die die Vereinigten Staaten in der Friedens­akademie, die den Rainen Dr. Stresemann tra­gen werde, vertreten würden. Man finde darin u. a. Murray Butler, Präsident der Colum­bia-Universität: die früheren Staatssekretäre Kellogg, Colby und Elihu Root,; die früheren Botschafter Hill, Gerard und H o u g h t o n : Oberst House und Owen D. Boung.

Line siebenköpfige Familie oerbeannt

Ein furchtbares Brandunglück auf einem Gut in Soberbina in der Rähe von Olivares (Spanien) forderte das Leben einer siebenköpfigen Fa­milie. Auf dem Gut brach Feuer aus und dehnte sich mit ungeheurer Geschwindigkeit auf die Rebengebäude des Gutes aus. Das Dach des Wirtschaftshauses, in dem ein Angestellter mit seiner Frau und seinen fünf Kindern wohnte, stürzte zusammen und begrub die Bewoh­ner unter den Trümmern. Rach mehrstün­digen Bemühungen konnten die Unglücklichen nur noch als verkohlte Leichen geborgen werden.

Lin amerikanischer Zionislen-hilfsfonds.

Die 250 reichsten Iuden der Stadt Reuyork beschlossen, einen zionistischen Hilfsfonds zum Schuhe der jüdischen Rechte in Pa­lästina unter dem britischen Mandat zu bilden. Gleichzeitig wurde der Plan gefaßt, an die Ju­den und die Richtjuden einen Appell zu richten, sich für die Innehaltung heiliger Versprechungen und internationaler Verpflichtungen einzusehen. die sich aus der Balfour-Deklaration ergeben. 25 000 Dollar wurden bereits für den Fonds gezeichnet.

Arbeitslosenfürsorge im reichen Amerika.

Die Lage der Arbeitslosen in Reuyork ist so ernst, daß die Polizisten von Reu­york eine Sammlung zu ihren Gunsten ver­anstaltet haben, um sie in die Lage zu sehen, sich Lebensrnittel zu kaufen. Die Beiträge der Polizisten gehen von einem halben bis zu fünf Dollar. Man nimmt an, daß diese Samm­lung in drei Monaten 35 000 Dollar ergeben wird.

Spenden für die Opfer von Alsdorf und Maybach.

Der Herr Reichspräsident hat als Hilfe für die Opfer der Bergwerkskatastrophe auf Grube Maybach einen Betrag von 10 000 Mk. aus seinem Dispositionsfonds bewilligt. S. H. P a p st Pius XI. hat durch den apostolischen Runtius in Berlin den Familien der ver­unglückten Bergleute von Aachen eine Spende ton 10 000 Mi. überweisen lassen.