Ausgabe 
28.5.1930
 
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Nr. 124 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Kür den Büchertisch.

Deutsche Erzähler.

Herbert Galenberg : Der Opfer­tod. Sine Hofsmann-Erzählung. Mit einem autobiographischen Nachwort. Reclams ilniDer- sal-Biblwthck Nr. 7051. Geh. 40 Pf., geb. 80 Pf. (137) - 3m Mittelpunkt steht S. T. QL Hoff­mann. der romantische Dichter, zu dem Eulenberg eine tiefe Wesensverwandtschaft fühlt. 3n dem ganzen Zauber seiner grotesken und doch tief menschlichen Persönlichkeit ersteht Hoffmann vor und, der Dichter und preußische Gerichtsbeamte, der hier in einem verwickelten kriminalistischen Fall auf seine Weise Schicksal spielL Rings um ihn die scharf umrissenen Gestalten der Beteilig­ten, die pittoreske Umwelt eines polnisch-jüdr- schen Städtchens. Der berühmte Verfasser der .Schattenbilder" hat dem Werk seine eigene lite­rarische Silhouette beigefüat.

Stratz, Rudolph: Das deutsche Wunder. Roman. Neue Qlusgabe. Danz- leinenband 5,50 Wk. Verlag der 3. G. Eottaschen Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart. (73.) Rudolph Stratz, der alle Länder bereiste und in den 3ahrcn vor dem Kriege Einblick in die Kreise der politischen und militärischen Kriegs­treiber an der Seine, Themse und Newa hatte, hat das Werk schon mitten im Weltkrieg in großen Linien festgelegt, aber jetzt in jene neu« Form gegossen, in der es ein gewaltiges Rund­bild des Deutschland umstrickenden Spieles mein- andergreiscnder, auf Vernichtung hinzielender Kräfte und zugleich ein Bild jener einzigartigen Tat deutscher Einheit und Wehr gibt, die der Dichter angesichts unserer nationalen Zersplitte­rungDas deutsche Wunder" nennt.

Willy Seidel: Die magische La­terne des Herrn Zinkeise n. (Leinen geb. 8 Mk., Verlag Georg Müller in München. (733) Qlls beste Empfehlung ein Wort des Dichters selber: ,.3rgendwo in der Zeit (ach, schwer auf­findbar nur, dreifach verbarrikadiert und mit edleren Siegeln versperrt) steht ein Ohrenstuhl unter einer verräucherten Decke. Eine Oel- lompe mit Schneuzdocht hebt sich griechisch aus Messing aus einer Kaskade vollgeschmierter Folioblätter. Eie wirft einen trübgoldenen Licht­strom ins Gemach. Lind im Ohrenstuhl sitzt im geblümten Schlafrock eine gekrümmte Ge­stalt. Hektische und von beizendem Tabak polierte Augen starren in die finstere Ecke. Ein schmaler Mund, umrahmt von gekräuseltem, dunklem Backenbart, küßt sinnend einen neuen Gänse- lieL Brütende Produktivität liegt wie ein Flui­dum über diesen Gegenständen. Lind bald wird« ein Männlein zugegen fein, der Dämon deS Schaffensdranges mit einer Papageiennase, und wird die letzten Spekulationen des Herrn Archi- varii Lindhorst (Adresse: Deutsches Herz, Ro­mantische Gasse Numero Llnendlich) aus einer lächerlichen Aktenmappe ziehen. Kennt man dies .Milieu"? Dann kennt man auch die Heimat, die verschüttete, aller betriebsamen Herren von heute, die so rührende Versuche machen, popu­läre Anregung zu geben. Wenn es jemals je­mandem vor Popularität grauste, so war cs der Dichterkomponist und Königliche Kammer­gerichtsrat E. T. QI. Hoffmann in jenem alten Berlin der Schwärmer und Salonsekten, der Gnom im Ohrenstuhl, der zauberische Beamte und Pseudojurist. Lind dann kennt man auch die Wahl- und Llrheimat der verschiedenartigen und in ihrem Realismus noch irgendwie aus­schweifenden Geschichten, die ich in meiner .Ma­gischen Laterne des Herrn Zinkeisen in den letzten 3ahren zu Papier brachte. Sie sind keine bewußte Protestaktion gegen das Heute. Eie sind lediglich von der Freude daran geboren, daS Außergewöhnliche zu erwischen und mehr oder minder gleichnishaft festzuhalten. 3ch habe diese Abziehbildchen und ihren Regisseur, den biederen Herrn Zinkeisen, abseits der Tauentzien- straße in stillerem Winkel an meine private Wand geworfen und ein egoistisches Vergnügen daran gehabt, sie erzählend auszuschlachten. Wenn srch einige Eigenbrötler dafür erwärmen können und in Deutschland gibt es ja Gott sei Dank noch viele Tausende um so besser."

Hans Grimm, Der Richter in der Karu und andere Geschichten. Preis in Seinen 6 Mark. Verlag von Albert Langen in München. (134) Dies ist nach dem großen und berühmten Roman .Volk ohne Raum" das erste neue Buch des Dichters Hans Grimm. 3n den .Dreizehn Briefen aus Deutsch-Südwest- Afrika" und dem ..Deutschen Südwester-Buch" sprach der Politiker Hans Grimm zu dem Parlamente der Welt, hier aber hebt wieder der Dichter das Geschehen in jene kristallklare Atmo­sphäre, darin es ewig und zum Gleichnis wird. Hinreißende innere Leidenschaft unter der männ­lichen Strenge einer gemeißelten Sprache, ein Deutsch, von dessen Kraft und Reinheit wir über­wältigt werden, das kann uns heute kaum ein anderer Dichter so geben wie Hans Grimm.

Gottfried Kölwel: Der vertrie­bene Pan. Die Geschichte einer großen Liebe. Stuttgart 1930. Engelhorns Romanbibliothek. Band 1031. Broschiert 1 Mk.. Seinen 1,75 Mk. (93.) DieseGeschichte einer großen Siebe ist zugleich die Geschichte eines Versuches, ein Seben in eigenem Stil, in inniger Noturver­bundenheit, zu führen. Wit Frau und Kind und Tieren haust ein Maler weltentrückt und erden­froh in seinem Holzhäuschen, bis sich die Klein­heit der Mitmenschen zerstörend in sein Berg­paradies drängt.

Gottfried Kapp: Das Soch im Wasser. Roman. Preis geheftet 3 Wk.. in Ganzleinen 4.50 Mk. Sammlung3unge Deutsche". Verlag Philipp Aeclam jun., Scipzig. (62.) Zwischen waldreicher niederrheinischer Landschaft und den eisernen Kammern modernen 3ndustrie- betriebet wächst der Proletarierjunge auf, dessen Schicksal der Roman in herber Gestaltung gibt. Der Zusammenstoß jener Welten in der Brust des zum Architekten Qlufgeftiegenen wird kompli­ziert durch das Verhältnis zur Tochter des Fa­brikbesitzers, eine stolze und schweigende Siebe zweier einander bestimmter Menschen, die beide doch dem Gesetz ihrer Herkunft verhaftet blei­ben. Wie im Verfolg« einer spannenden Hand­lung Glück und Schmerz dieser Siebe zum tragi­schen Ende führen, wie der Kampf zwischen ge­wachsener Landschaft und dem Moloch Zivili­

sation Menschenschicksale zerreibt, ist hier in einem realistischen und doch mythisch-großen Lebensbild« gegeben.

Alexander Gregory: Die P... kehrt zurück. Vier Novellen. Stuttgart 1930, 3. Engelhoms Nachf. Kart 4 Mk., Leinen 6 Mk., lbleder 9 Mk. (64.). Die späte, zu seltsamen Igen führende Liebe einer russischen Sängerin

?u einem jungen Deutschen, das tragische Zu- atrmentreffen der in einem besonderen Sinne verwandten Geschicke eines Musikstudenten und einer Qlerjtin; die einem jungen Dirigenten sich enthüllenden LInzulänglichkeiten unseres öffent­lichen Äunftlebenfl; das zwiespältige Dasein eines zwischen Beruf und Berufung Schwankenden: daS etwa finb die Hauptthemen dieser vier No­vellen. Hier spricht ein Kenner der menschlichen

Seele, ein scharfer Beobachter der 'Verhältnisse und Zusammenhänge, eine Persönlichkeit von Kultur und enger Vertrautheit mit künstlerischen Dingen. Hinter dem Pseudonym Alexander Gre­gory verbirgt sich eine in literarischen wie wirt­schaftlichen Kreisen maßgebende Persönlichkeit.

D i e Drei aus Hollywood. Roman von Paul Rosenhayn. (Hugo Wille, Ver­lag, Berlin. Gebd. 3,60 Mk. 461.) Eine außerordentlich spannende Kriminalgeschichte, die in Neuhork beginnt und dann in den wechsel- vollsten Szenen über Berlin und Wien bis nach Budapest führt. Der Roman hält den Leser bis zur letzten Seite in starker Spannung, die Erzählerkunst Roscnhayns hat hier wieder einen starken Erfolg aufzuweisen.

Aus fremden Literaturen.

Selma Lagerlöf, Die Silber­grube. Erzählungen. Preis geheftet 3,50 Mk. Verlag von Albert Langen in München. (110) Wenn die alte Meisterin dort oben im Norden zu sprechen anhebt, werden wir alle wieder zu Kindern und drängen unS um sie und suchen jede Silbe und jede Bewegung der großen Er­zählerin zu erhaschen und vergessen beinahe das Atmen vor Spannung! Sie muß ihre Kunst wohl den Müttern der Menschheit abgelauscht haben und verwandt mit den Nomen sein: sie spinnt ihr Garn, als wäre eS der Echicksals- faden ihrer romantisch gesehenen und doch so blutvoll lebendigen Menschen. Dem Zauber ihrer Geschichten in diesem neuen Buche können wir so wenig widerstehen, wie man, um ein schönes Bild der Dichterin selbst zu gebrauchen,einem fallenden Stein zurufen kann, er solle stille halten und in der Luft schweben bleiben". 3hre Freunde und Verehrer werden besonders dank­bar dafür sein, daß sie uns hier zuletzt von der Entstehung ihresGösta Berling" erzählt und dankbar und bescheiden, wie es die Art der wirklich Großen ist, Zeugnis davon ablegt, was Earlyle für sie bedeutet hab

Virginia Woolf: Orlando. Die Geschichte emes Geben«. Liebertragen von Karl L e r b S. 337 Seiten 8°. 3m 3nsel-Derlag zu Leipzig. (35) Virginia Woolf gehört ohne Zweifel zu den eigenartigsten und interessantesten Erscheinungen der modernen englischen Literatur. 3hrOrlando ist ein merkwürdiges Buch, das sich dem deutschen Leser nicht ohne weiteres erschließt und in das man sich schrittweise hin­einfinden muh. Hat man sich erst einmal ein­gelesen, so wird man sich dem Reiz dieser Schil­derung kaum zu entziehen vermögen. Die Hand­lung ist über den sehr allgemein gefaßten Untertitel hinaus kaum mit wenigen Worten ?u umreihen. Der Held, Orlando, ist ein eng- ischer Edelmann, Liebhaber, Dichter, Politiker und manches andere noch, dem auf der Höhe seines Lebens das phantastische und unbegreifliche Schicksal widerfährt, in ein Weib verwandelt zu werden. Qln keiner Stelle ist das Buch so sehrRoman" wie hier. Der Referent vermag eineErklärung" für diese Metamorphose um so weniger zu wagen, als die Autorin selbst sie kaum zu geben versucht. Es kommt auch nicht so sehr darauf an wie auf die im Laufe der Schil­

derung durchgeführte Aushebung aller in der Romanschreibung herkömmlichen Zeitmaße: das Leben Orlandos führt durch mehrere 3ahrhun- derte hindurch: im letzten Kapitel befindet man sich in der nächsten Gegenwart: und hierin be­ruht wohl der tiefere Sinn dieses sonderbaren Buches, das in der Gestalt seines Helden gleich- fam den Wandel der Seiten spiegelt und dennoch die Llnwandelbarkeit menschlichen WesenS allem Fortschritt, aller Entwicklung, allen Neuerungen zum Trotz zu verkünden scheint. Der amüsante, nachdenlliche und manchmal fast groteske Roman ist von Karl Lerbs ausgezeichnet verdeutscht, ... vom Qkrtage mit liebevoller Sorgfalt ausge­stattet worden.

Nathan A f ch: Der 22. August. Roman. Einzig berechtigte Llebersetzung aus dem Amerikanischen von Hcrmynia Zur Mühlen. 301 Seiten 8°. Geh. 4, Seinen 6,50 Mk. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1930. (107.) Die Schilderung der wüst verbummelten Nacht eines durchschnittlichen, liebes- und lebensgierigen, aber ganz klar und durchaus nüchtern denkenden kauf­männischen Angestellten in Neuyork ergibt zu­gleich ein sehr interessantes und manchmal ver­blüffendes Blld vom Verkehr und dem Seben der Riesenstadt, von den kleinen Wünschen und Nöten der Millionen Menschen, denen im Lande der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten allent­halben unübersteigbare, enge Grenzen um ihr alltägliches Dasein gezogen find. Das Buch hat das Tempo einer äußerst gekonnten Reportage aus dieser unserer Zeit und ist spannend zu lesen wie eine abenteuerliche Geschichte auch für den überzeugten Europäer, der es längst auf- gegeben hat, dauernd mißgünstig oder erwar­tungsvoll oder gar bewundernd übers große Wasser nach Pankeeland hinüberzublicken. Wenn der Verfasser ein glaubwürdiger Beobachter und Schilderer ist (und diesen Eindruck macht das Buch jedenfalls allenthalben): dann find auf feinen 300 Seiten sehr wesentliche Ausschlüsse über Amerika und den Durchschnittsamerikaner der Gegenwart enthalten. Die zeitliche Begrenzung der Schilderung kommt der Substanz des Romans ungemein zustatten. Schlagzeilenmäßig find die Vorgänge von den Meldungen über Saeco und Vanzettt durchbrochen, die in der gleichen Nacht hingerichtet wurden.

Literatur- und Kunstgeschichte.

Alte Meister der Basler Kunst­sammlung". 70 Bilder, eingeleitet und er­läutert von H. QL Schmid. Echaubücher VIII. Herausgeber Dr. Emil Schaeffer. Gebunden 3 Francs (2,40 Mark). Orell Füßli-Verlag, Zü­rich und Leipzig. (104). Die Basler Kunst­sammlung, deren Herrlichkeiten dieser jüngste Band der Schaubücher und in 70 sehr guten Abbildungen vor Augen führt, ist eine der we­nigen städtischen Galerien nördlich der Alpen, die ein Heimatmuseum sind und zugleich ein Heiligtum der Kunst. Denn einen der größten Meister aller Zeiten, den jüngeren Hans Holbein, kann man in der ganzen Vielseitigkeit seines Genies nur in Basel kennenlernen. Konr. Witz, der, lange vergessen, im 15. 3ahrhundert zu Bafel gewirkt hat und uns zuerstmit lauter Stimme die umstürzende Lehre einfchärfte, nicht die fach­liche, sondern die optische Bedeutung eines Din­ges entscheidet", auch dieser Große spricht nir­gends so eindringlich zu uns wie in diesem Hause, wo auch Mathias Grünewald und Hans Baldung Grien mit charakteristischen Schöpfungen vertre­ten sind, und die bedeutendsten Schweizer Maler vom Beginn des 16.3ahrhunderts, Llrs Gras, Niklaus Manuel Deutsch und der Züricher Hans Leu, sie alle ausgezeichnet durch ihre Liebe zur Schönheit der heimatlichen Landschaft, wir lernen sie recht eigentlich in Basel würdigen. Heinr. Qllsred Schmid hat diesen Q3anö, der jeden Kunstfreund entzücken muh, herausgegeben, und feinen Text, die Einleitung wie die Erläuterun­gen zu den einzelnen QBerten, werden Laien und Kunsthistoriker mit Nutzen und Vergnügen lesen.

L. Moholh-Nagy: Don Material zu Architektur. (Bauhausbücher Band 14). 244 Seiten mit 209 Abbildungen. Geh. 12 Mk., Leinen 15 Mark. Verlag Albert Langen, Mün­chen. (2) Dies Buch ist die Zusammenfassung der Vorträge, die der Qkrfaffer während seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus (Weimar-Dessau) in den Fahren 1923 bis 1928 gehalten hat. Ziel dieses Buches ist es nicht allein, den Menschen mit den zeitgenössischen Lebensproblemen, wie sie im Bauhaus gesehen worden find, bekannt zu machen, sondern ihn vor allem zu eigenen Er­lebnissen anzuregen. Moholy-Nagy geht davon aus, daß jede Handlung, jeder Ausdruck des Menschen sich aus verschiedenen Elementen zu- fammenfetzcn, die im biologischen Aufbau be­gründet sind, und daß jede feiner Aeuherungen eine Auseinandersetzung mit der Well und mit sich selbst ist und Aufschluß über feinen augen­blicklichen Zustand gibt Fesselnde Versuche, un­terstützt durch zahlreiche Qlbbilbimaen, berichten von Matcrialübungen (Tastübungen), die zu dem Erlebnis der Architektur führe»

Paul Wiegler: Geschichte der deutschen Literatur. Erster Band: Von der Gotik bis zu Goethes Tod. 730 Seiten Groß-8° mit 24 Tafeln. Ganzleinen 22 Mk. Ver­lag Llllstein, Berlin. (163) SeinerGeschichte der Weltliteratur" läßt Wiegler jetzt ein um­fassendes Werk über das literarische Schaffen der Deutschen folgen, eine zweibändigeGe­schichte der deutschen Literatur", von der der erste Band jetzt vorliegt Das QBcrf geht bei noch umfassenderer Gesamtanlage von derselben Grundabsicht wie die früher hier angezeigte Geschichte der Welttiteratur" aus. Es will nicht totes Wissen geben, sondern die literarisch« Ent­wicklung im großen Lebenszusammenhang bar» stellen. Aus der Anzahl der überlieferten Namen ist das Schaffen derjenigen schöpferischen Per­sönlichkeiten ausgewählt, deren Gedächtnis heute noch im Bewußtsein oder Llnterbewuhtsein des deutschen Volkes lebt Diese Tendenz ist schon in der Behandlung der frühesten 3ahrhunderte erkennbar. Eie steigert sich in der Wiedergabe des 17. und 18. 3ahrhundcrts, der Erhebung der deutschen Literatur zur Höhe des Klassizismus. Keine Literatur weist soviel« problematische, zur Genialität sich durchringende Dichtercharaktere auf wie die deutsche. Das tritt in Wieglers Ar­beit so stark wie kaum in einer anderen hervor. 3edes Dichterleben wird unter Benutzung des Materials an Briefen, Tagebüchern, Erinnerun­gen erzählt, die Produktion wird auf die Zeug­nisse verwandter Naturen der Mit- und Nach­welt bezogen. So haben viele Kapitel in ihrer packenden Prägnanz die Stimmung eines Ge- bensromans. 3ebcr, der am literarischen Schaf­fen interessiert ist, wird das Werk mit innerer Anteilnahme lesen. Es ist konzentriert, zuver­lässig und mit geistvoller Beherrschung des Stosses geschrieben ohne philologischen Ballast, aber sinnfällig belebt durch viele eingedruckte 3llustrationen, Faksimiles und Porträts. Die verlegerische Ausstattung ist gediegen und groß­zügig. Man ist nach dieser ausgezeichneten Lei­stung auf das Erscheinen des abschließenden, zweiten Bandes gespannt.

Zur 125. Wiederkehr von Schillers Todes­tag ist hn Verlag von Ad. Bonz u. Comp., Stutt­gart die Neubearbeitung eines volkstümlichen Büchleins erschienen:Friedrich Schiller" für Deutschlands 3ugenb und Volk dargestellt von Dr. Hermann Mofapp. 131. bis 140. Tausend mit 16 Bildern. 94 Seiten Preis 60 Pf. Das Werkchen gliedert sich in zwei Hauptteile: 1. Schillers Geben; II. Aus Schillers Werken. Es ist auf gutes Pavier gedruckt und wird bei dem niederen Preis sicherlich viel Anklang finden.

Mittwoch, 28. mal (930

Geschichte und Politik.

BiSmarckS Bündnissystem und feine Lehren. Sechs Tafeln mit erläuterndem Text von Albrecht Graf zu Stolbcrg-Wernige- rode, M. d. R. Kart. 2,40 Mark. Verlag von D. G. Teubner in Leipzig. (170) Der Verfasse« hat in sechs farbigen Tafeln das kunstvolle Bünd­nissystem BiSmarckS graphisch dargestellt, um den Nachweis zu führen, daß die verschiedenes Qterträge, die Bismarck mit den Nachbarstaaten Deutschlands geschlossen hat. die einzige Mög­lichkeit boten, Deutschland nach dem Kriege von 1870 71 zu sichern. Die graphische Darstellung ermöglicht ein schnelles und vollständige- Hin­eindenken in die Außenpolitik Bismarcks und gibt gleichzeitig ein klare- Bild davon, welche Lehren wir aus analogen Situationen für die heutig« Außenpolitik ziehen müssen.

Richard Bie, Karl Marx, Schick­sal und Parole. Gekürzte Volksausgabe. R. Voigtländers Verlag, Leipzig. Preis 1,60 Mk. (132.) Diese Volksausgabe erzählt von der marxistischen Revolution. Wir erfahren alles vom Führcrschicksal des Karl Marx. Blendend? Nebenfiguren aus der sozialistischen Bewegung sind die von Richard Die scharf beleuchteten Sozialisten Lassalle, bei dem zum ersten Mal« die Verbindung zwischen Nationalismus und So­zialismus austaucht, und Bakunin, der Anarchist in Christo. Bis in die ©egentoart führt Schil­derung und Kritik dieses Buches. Lenin wird als Diktator, als kommuniftifcher Zar, als Voll­strecker des Marxismus gezeigt. Zum Schluß entwickelt Richard Bie aus dem persönlichen Lebensschicksal von Karl Marx und aus der kriti­schen Auseinandersetzung mit seinem Werk di- nationale Forderung.

Das Größere Deutschland deutsche Zukunft. 3n Verbindung mit Ober- studiendirektor Dr. QI. Maier, Köln, und Lan- desfchulinspektor Dr. O. Bender, Wien, heraus­gegeben von Oberstudiendirektor Dr. F. Dehrend. Berlin. 3,80 Mk. Verlag Quelle & Meyer, Leip­zig (545). 3n dem vorliegenden Buche lernen wir die taufend 3ahre deutscher Geschichte und deutscher Kulturarbeit vom grohdeutschen Stand­punkt aus kennen. Wir sehen hier, welche Be­deutung die Ausbreitung deutscher Sprache und Sitte, deutscher Wissenschaft, Kunst und Technik für die Erhaltung und Ausbreitung deutschen Volkstums gehabt hat. Aus dieser Detrachtungs- weise gewinnen wir die Lieberzeugung, daß der deutsche Kulturwille über alle Absperrungen und politischen Schranken hinweg jederzeit wirksam gewesen ist und auch heute noch wirksam bleibt. Diese Einstellung macht uns empfänglich für di« großen Aufgaben einer zielbcwuhten deutschen Kultur- und Bildungspolitik, wie sie der Her­ausgeber im letzten Abschnitt entwickelt.

Religiöse Schriften.

Das Lukas-Evangelium der Greiner-DibeL Felsberg-Qxrlag. 3ugen- heim, 'Bergstraße. Die tm Auftrage der Freunde der Greiner-Bibel vom Felsberg-Der- lag herausgegebene, illustrierte Bibel wird von Daniel Greiner mit Hollschnitten ausgestattet. von Wilhelm Lucken textlich revidiert und von Kleukens gedruckt. Don dem auf zwei Bände berechneten Lieserungswerk ist vor kurzem das Markus-Evangelium erschienen und an dieser Stelle angezeigt worden. Nunmehl liegt auch die das Evangelium Lukas umfassende zweite Lieferung (Seite 33 bis 52) mit zahlreichen Holz- schnittillustrationen Greiners vor.

Heinrich Fritz: Gottes Ruf für d a s K i n d. Verlag Emil Roth in Gießen. (89) Man kann dieses Buch ein Anschauungsbuch für den Katechismus nennen, und zwar für den Teil des Katechismus, der für das Kind im Grundschulalter in Betracht fommt Der Verfasser hat mit großer Sachkenntnis und feiner Ein­fühlung in die Kindesseele das wertvolle Lite­raturgut zusammengetragen, das geeignet ist, die Gedanken des Katechismus zu illustrieren. Die Brüder Grimm, die Dolksschriftsteller Caspari, 3ohann Peter Hebel, Karl Stöber, Pestalozzi, Christoph von Schmid, die Dichter Storm, Gerok, Trojan, Dolkmann - Leander sind mit passenden Lesestücken vertreten, der Herausgeber selbst durch anschaulich und packend erzählte Geschichten. Mitunter fehlt dem Religionsunterrichte, wie er namentlich dem Kinde in den ersten vier Schul­jahren erteilt wird, die Anschaulichkeit, dem Kinde werden Begriffe mitgeteilt, Lehrfähe vorgetragen, die es erst auf einer späteren Stufe ganz ver­stehen kann, es verlangt aber nach Greifbarem, Anschaulichem, Verständlichem. Das Buch des Offenbacher Lehrers und Erziehers eignet sich vorzüglich als Lesebuch für den Religionsunter­richt, aber auch für den häuslichen Gebrauch; die Kinder werden so gern nach ihm greifen wie nach einem unserer besten, für das Kindesalter bestimmten Erzählungsbücher. 3n einem Anhang, der für die Erzieher bestimmt ist, entwickelt der Verfasser seine pädagogischen Grundsätze, zugleich gibt er hier Winke für den Gebrauch seines Buches.

-- Paul Richter: Das singende Licht, Lieder in Gott. Verlag Adolf Klein in Leipzig. (186.) Wenn man die religiöse Dichtung un­serer Zeit mit ber teä 16. und 17. 3ahrhunderts vergleicht, so erscheint sie arm und dürftig. Lu­ther, Paul Gerhardt sowie der im 3ahre 1640 im Alter von 31 3ahrcn verstorbene Arzt Paul Flemming waren als Dichter kraftvoll, innig und tief. Auch die spätere Zeit man denke nur an den Grafen Zinzendvrs und an Matthias Clau­dius hat uns manches wertvolle religiöse Lied beschert. Da das religiös« Empfinden sich heute nicht mehr m so hinreißenden Form regt wie im Ze.talter der deutschen QUiOrmation und im ejeitolter _ fceä Dreißigjährigen Krieges, so ist natürgemäh auch die religiöse Dichtung matt geworden. 3n Paul Richter aber begegnet uns ein Dichter von überragender Bedeutung. Dieser Dichter steht ganz auf der Grundlage der Bibel, aber er hat alles erlebt, was die Frommen der alten Zeit erlebt Hadem Gott ist ihm der leben­dige, persönlchhe Gott, von dem er nicht lassen kann. 3esus in seinem Geben, Wirken und Ster­ben beherrscht sein Seelenleben. 3n originaler Form und mit packender Diktion spricht der Dichter von feinem Ringen um di« Well-