sen — in ihrer jetzigen Form als Staaten sind nicht notwendig. Notwendig oder zwischen Reich und Gemeinden sind leistungsfähige Mittelglieder, die alle die Zuständigkeiten haben müssen, die das Reich nicht braucht, und die die Gemeinden nicht haben können. Die „Organisation dieser Mitte" ist von einem der besten Kenner der Materie, dem sächsischen Reichsratsbevollmächtigten Ministerialdirektor Dr. Pötzsch-Heffter, sehr treffend als das Zentralproblem der ganzen Reichsreform be- bezeichnet worden. Die Vereinigung Hessens mit Preußen ist unter diesem Gesichtspunkt kein Fortschritt. Ganz abwegig wäre es, wenn man dem Gedanken Raum geben wollte, als ob Hessen aus finanziellen Gründen den Anschluß an ein anderes Land suchen müsse. Wir müssen den Gedanken der Vereinheitlichung des Reiches hochhalten, darüber aber den Gedanken der dezentralisierten Selbstverwaltung nicht vergessen. Glücklicherweise bestehen keine Schlagbäume mehr, die die Länder voneinander trennen; und wie die wirtschaftliche Verbundenheit die Landergrenzen überbrückt, so muß es bei gutem Willen auch möglich sein, auf zahlreichen Gebieten des öffentlichen Lebens, die bisher gesondert behandelt worden sind, gemeinsam vorzugehen. Damit wird nicht nur manche Vereinfachung und Verbilligung erzielt werden können, sondern es werden dadurch auch Uebergänge geschaffen, die späteren Lösungen die Wege bereiten.
Oie Räumung von Ludwigshafen.
Ludwigshafen, 27. Mai. Die Stadt ist heute früh von dem Hauptteil der französischen Desatzungstruppen geräumt worden. Um 5 Uhr nachmittags wurden die letzten Wacht- posten auf der Rheinbrücke einge- zogen. Gegen 7,30 Uhr abends wurde die Trikolore auf dem Drückenhaus am Rheinbrückenzugang in Ludwigshafen unter den Klängen der Marseillaise eingeholt, während eine Militärabteilung salutierte. Dann marschierte die ganze Desatzung nach dem Dahnhvf. 3n der Stadt bleibt ein Abwickelungskvmmando von 200 Mann, das am 30. 3uni abrücken wird.
Eine Pfälzer Befreiungsfeier im Heidelberger Schloß.
WSR. R e u st a d t a. d. Haardt, 27. Mai. 3m Scheffelsaal zu Reustadt a. d. H. tagten am 21. Mai d. 3. die Vertreter von Dürgermeister- ämtern, Derkehrsvereinen usw. aus der Pfalz und Vertreter von Heidelberg. Einstimmig wurde beschlossen, am 22. 3uni d. 3., beginnend nachmittags 6 Uhr, im Schloßhof zu Heidelberg eine Vorfeier zur Befreiung der Pfalz abzuhalten. Mit prunkvoll geschmückten Weinwagen werden die Pfälzer zum Zeichen des Dankes an das unbesetzte Gebiet an den Reckar nach Heidelberg ziehen. Pfälzer Trachten- und Winzergruppen werden in Verbindung mit diesen Weinwagen einen imposanten Festzug durch Alt-Heidelbergs Straßen führen, und droben im Schloßhof wird eine machtvolle Kundgebung der Öffentlichkeit dieenge Verbundenheit der Pfalz mit der ehemaligen Kurpfalz zeigen. Der 3äger aus Kurpfalz und der Schloyzwerg Perkev werden mit ihren Getreuen zu dieser Pfalzfeier erscheinen und' in einem Festspiel, das der Schriftsteller Leopold Reih eigens für diesen Tag geschrieben hckt, in den Mittelpunkt der Feier treten. Rach diesem offiziellen Festakt wird im Schloßhof, im Dändhaus und im Schlohkeller sich ein fröhliches Winzer- und Weinfest entwickeln.
Oie Universität Jena protestiert gegen die Berufung Or. Günthers.
Wie der Rektor der Universität 3ena mitteilt, haben Rektor und Senat gegen die Berufung des Schriftstellers und Rassenforschers Dr. Hans Günther zum ordentlichen Professor durch das Thüringische Volksbildungsministerium, das dem national-sozialistischen 3nnenminister Dr. Frick untersteht, einstimmig Protest eingelegt, da das in der Universitätssatzung verbriefte alte Recht der Universität, bei 6er Berufung auf die Lehrstühle durch ihre Vorschläge sachkundig mitzuwirken, im vorliegenden Falle durchbrochen worden ist.
Besuch beim Hellseher.
Protokolle und (Lrlebn.ffe.
Von Georg Biesenthal.
Der Reporter nahm Platz. Wie üblich, kramte er in allen Taschen, um einen Bleistift hervorzuholen. „Bemühen Sie sich nicht", sagte der Hellseher. „Sie haben Ähren Bleistift — einen silbernen, zum Drehen — in Ihrem Bureau vergessen. Er liegt auf einem Schreibtisch, über dem eine Soffittenlampe angebracht ist. Auf der rechten Seite des Tisches, an der Wand, steht ein Briefkorb. Er ist angefüllt mit herausgerissenen Zeitungsblättern." Pause. — „2ch sehe das Zimmer jetzt deutlich vor mir. Es hat zwei Türen, die eine führt in «in noch größeres Bureau. Die andere in ein Schlafzimmer. Ein Ofen. Neben dem Ofen an der Wand, ein geschnitzter russischer Teller. Sehr hübsch — offenbar eine alte Arbeit. Da, ein Telephon läutet." Aus.
Nach dieser Einleitung, di« ich hier wörtlich wie- dergebe, war ich auf alles gefaßt. Sämtliche Angaben stimmten aufs Haar. Der Hellseher rief: „Hal- soh! Gine Dame mit großer Hornbrille erschien ^nd überreichte ihm stumm ein Glas Wasser.
Wie sah er aus? Klein, blaß und blond, breiter Brustkasten und gar nicht ätherisch. Seine Augen- °^uen schienen zu dünnen Strichen rasiert. Eine flotte Krawatte zierte sein Sporthemd — wie bei ^nemtm9eroöf)nn$en Sterblichen. Sein Name ist Max M o e ck e. Vor wenigen Tagen war er nach Berlin gekommen und hatte in einem Luxushotel mehrere Zrmmer belegt.
*
einzelne Hellseher vor der Oeffentllchkeit verbuchen durften, können auf zweier» ler Grunde zurückzuführen sein. Einmal natürlich auf die hellseherischen Fähigkeiten. Zweitens aber auf eine gewisse Bereitwilligkeit des heutigen Publikums, jenseits der exakten Wissenschaften neue Wahr- hecken zu suchen. Der hier macht keine Mätzchen. Seine Fähigkeit ist, sagt er, eine ganz natürliche — nur geschult und gesteigert durch Willenskraft und Selbsterziehung. Er stehe fern von aller Geheimniskrämerei und glaube, daß die Mystik um das Hellsehen verschwinden müsse zu Gunsten allgemein verständlicher Erklärungen. Solche Erklärungen hat «r an der Hand — er hat selbst Medizin und Phi- losophie studiert und behauptet, daß es von der
Der deutsch-polnische Grenzzwischenfall.
Polens Protest wird zurück- gewiesen.
Die deutsche Regierung stimmt einer Untersuchung zu.
Berlin, 27.Mai. (BJIB.) Der polnische Gesandte Hal beim Auswärtigen Amt wegen der Vorgänge, die sich anläßlich des Grenzzwischenfalls bei Reuhöfen abgespielt haben, Vorstellungen erhoben. (Er hat den Tatbestand entsprechend dem polnischen (Kommunique vorn 26. Mai geschildert, wonach es sich um einen U eb ergriff deutscher Amtspersonen gehandelt haben soll. 3m Auftrage seiner Regierung hat er gegen die Vorgänge protestiert und
Dirschau
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»PREUSSEN
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Deutsch-polnisches Grenzgebiet am Zollhaus Neuhöfen bei Marienwerder.
gleichzeitig die Einsehung einer deutsch- polnischen Kommission angeregt, die durch gemeinsame Feststellungen an Ort und Stelle den Sachverhalt anfklären soll.
Dem polnischen Gesandten ist erwiderl worden, daß fein Protest zurückgewiesen werden mässe. Der polnische Schritt sei schon in sich widerspruchsvoll, da er die Einsehung einer gemischten Kommission zur Aufklärung des Tatbestandes anrege, andererseits aber ein für p o - len günstiges (Ergebnis der Feststellungen i der Kommission dadurch bereits vorweg-I nehme, daß gegen ein angebliches Verschulden I
deutscher Beamter prolestiert werde. Außerdem handele es sich aber nach dem bisherigen (Ergebnis der von den deutschen Stellen eingeleiteten Untersuchung nicht um einen Uebergriff deutscher Beamter, sondern um eine polnische Grenzverletzung und um Gewalthandlungen, die v o n polnischen Beamten auf deutschem Territorium begangen worden seien. 3m übrigen Halle es die deutsche Regierung auch von sich aus für angebracht, den Sachverhalt durch eine gemeinsame Untersuchung aufzuklären und diese Aufgabe einer gemischten deutsch-polnischen Kommission zu überfragen. Der deutsche Gesandte in Warschau ist beauftragt worden, den deutschen Standpunkt in vorstehendem Sinne bei der polnischen Regierung zur Geltung zu bringen.
Weitere Ermittlungen.
S- were polnische Grenzverletzungen einwandfrei festgestellt.
Marienwerder, 27.Mai. (WTB.) Die weiteren Ermittlungen über den Grenzzwischen- fall bei Reuhöfen, Kreis Marienwerder, haben, wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird, ergeben, daß kein de utscher Beamter polnisches Gebiet betreten oder auch nur über die Grenze Schüsse abgegeben hat. Den entstellenden Meldungen der polnische,: Presse gegenüber muß festgesiellt werden, daß polnische Beamte die Grenze unbefugt überschritten haben. Zwei dieser Beamten, die im Besitz von Pistolen und Handgranaten waren und die aus bisher noch unbekannten Gründen in die etwa 25 Meter von der Grenze entfernt stehende deutsche Paßkontroll- baracke eingedrungen waren, wurden bekanntlich festgenommen. Sie haben den ersten deutschen Beamten, der sie dort überraschte, sofort mit Schüssen empfangen und ihm die linke Hand durchschossen, so daß er zu seiner Verteidigung ebenfalls die Waffe gebrauchen mußte. Außerdem haben, wie von mehreren unbeteiligten Zeugen beobachtet worden ist, mehrere bewaffnete polnische Beamte die Grenze unbefugt bis zu 25 Meter in deutsches Gebiet hinein überschritten und von der Höhe des Deiches aus den mit den beiden festgenommenen Polen abziehenden deutschen Beamten zahlreiche Schüsse aus Kqrabinern und Pisto- l e n n a ch g e s.a n o t. Der Deich verläuft an der fraglichen Stelle ganz auf deutschem Gebiet, und zwar etwa 20 Meter von der Grenze entfernt. 3n einer Entfernung von acht bis zehn Meter von der Grenze auf deutschem Boden wurde eine Anzahl Hülsen von Karabinermunition gefunden. Diese können schon deshalb nicht von deutschen Beamten stammen, weil die deutschen Beamten nur mit Pistolen bewaffnet sind.
Der Düsseldorfer Massenmörder
Vorläufige Feststellungen. — Ein
Komplize verhaftet?
D ü s f e l d o r f, 27. Mai. (WTB.) Die bisherigen Ermittlungen in Düsseldorf haben zu der Feststellung geführt, daß Kürten mit Bestimmtheit den Lieberfall im Gräfenberger Wald am 14. Mai 1930 und den Lieberfall auf Gertrud Schulte am 25. August 1929 ausgeführt hat. Die beiden überfallenen Mädchen haben Kürten mit Bestimmtheit als Täter wiedererkannt. Kürten hat die Vorgänge in diesen beiden Fällen in voller Liebereinstimmung mit der Darstellung der beiden Mädchen geschildert, und zwar mit zahlreichen Einzelheiten, die nur der Täter wissen konnte. Ferner ist mit Sicherheit anzunehmen, daß Kürten den Mord an der Maria Hahn am 11. August, 1929 in Papenöell begangen hat. Auch in diesem Falle ist die Täterschaft des Kürten durch eine Fülle von Einzelheiten erwiesen, die nur dem Täter bekannt sein konnten. Besonders belastend ist seine genaue Beschreibung der Sch au- f e l, die er zur Bestattung der Leiche Ler Maria
Hahn im Walde bei Papendell benutzt hatte. Diese Schaufel wurde später unweit des Tatortes in einem Wasserlauf unter einem Gebüsch versteckt gefunden.
Auch die Täterschaft Kürtens in dem Mord- fall Gertrud Älbermann kann als bewiesen gelten. Es wurde der Presse schon bekanntgegeben, daß die Arbeiten des Schriftsachverständigen Dr. Schneickert den einwandfreien Nachweis dafür erbracht haben, daß Kürten auch der Schreiber der fotz. Mörderbriefe ist. Schon des- halb ist an seiner Täterschaft im Falle Älbermann nicht zu zweifeln. Zudem hat Kürten auch in diesem Falle die Tat mit sehr zahlreichen Einzelheiten geschildert, die sich mit dem objektiven Tatbestand, wie ihn die Mordkommission seinerzeit festgestellt hat, decken. Die Vernehmung Peter Kürtens wird heute fortgesetzt.
Die bisher stattgefundenen Gegenüberstellungen ergaben daß Kürten als Täter sowohl von der Ehefrau Meurer als auch von der Karo- line H erstraß, die er seinerzeit in die Düffel geworfen hat, bestimmt wiedererkannt wurde. Er selbst erkannte auch ohne weiteres diese beiden Zeuginnen als seine Opfer an und wieder- holie in deren Gegenwart in großen Zügen den
Diagnose eines guten Arztes — oder vom „Gedankenlesen" zwischen Verliebten — nicht weit sei bis zum Hellgesicht des Hellsehers. Aber zwischen diesen Worten zeigt er Leistungen, die so nüchtern doch nicht zu erklären sind.
Ich fasse meinen Puls, Moecke stellt sich abgewandt in eine andere Ecke des Zimmers und gibt durch Klopfbewegungen mit erhobener Hand vollkommen exakt meine (sehr unregelmäßigen) Pulsschläge an. Nach einer ganzen Weile — wir hatten inzwischen über andere Dinge gesprochen — sagt er plötzlich; „Ihr Puls ist jetzt viel ruhiger geworden — so." — und er wiederholt das Experiment erfolgreich noch einmal. Einige meiner privaten Erlebnisse schildert er mir gesprächsweise ohne Mätzchen. Seine Gesichte sind selten unrichtig, aber selbst dann noch erstaunlich. Z. B.: „Sie haben da in Ihrem Notizbuch einen kleinen Zettel von fremder Hand, mit dieser Schrift —" (er schreibt sie nach). Ich sehe nach, es stimmt nicht, aber — ein Zettel mit dieser Handschrift lag vor einigen Tagen tatsächlich in diesem Notizbuch.
Die Entdeckung seiner Fähigkeiten liegt weit zurück, fällt noch in seine Kindheit. Um ganz gewissenhaft oorzugehen, stütze ich mich auf vorliegende Gutachten und Protokolle. Eines davon stammt von einem hohen katholischen Geistlichen, ein anderes von einem durchaus seriösen Schriftsteller und ein drittes von einem Arzt, der sich in letzter Zeit als Dramatiker einen Namen gemacht hat. Alle drei sind zweifellos glaubwürdig. Die folgenden Mitteilungen find diesen Gutachten entnommen.
Während einer „Sitzung" (das Wort ist Moecke viel zu pathetisch) gibt man ihm ein winziges graues Steinchen. Er betastet es und hat zunächst die Vision eines Mosaiks, in dem ein Steinchen fehlt — offenbar jenes, das er in der Hand hält. Dann steht er den Masaikfußbaden in einem römischen Tempel, Frauen in wallenden Gewändern schreiten um einen Brandopfer-Altar. — Und man kann dem Hellseher erklären, daß ein Wissenschaftler dieses Steinchen aus Rom mitgebracht hat — aus der Ruine des Tempels der Vestalinnen.
Ein Ordenspater und ein Arzt kommen zu Moecke und drücken ihm ein Papierknäuel in die Hand. Moedepeift sich an den Kehlkopf und meint, in bem Knäuel sei etwas zum Zubinden — eine Frau hätte es unter dem Kinn getragen. Im Wachzustand schildert er dann seltsame Visionen aus der biblischen Geschichte — die notiert und wiedererkannt
werden als die Visionen der Katharina Emmerich, der „Seherin von Dülmen". Der Vapierknäuel wird geöffnet und enthält: ein zwei Zentimeter langes Stückchen von dem Band, mit dem die Emmerich ihre Ordenshaube zuzubinden pflegte. Zur Heiligsprechung der Katharina Emmerich haben diese Hell- gesichte dann wesentlich beigetragen.
Moecke liegt totkrank im belgischen Lazarett. Die Aerzte haben ihn bereits aufgegeben, er ift abgemagert zum Skelett und hat hohes Fieber. Da plötz- lich an einem hellerlichten Tage — Sanne scheint auf fein Bett — springt er auf, schleppt sich unter ungeheurer Willensanspannung zurück an die Front — und trifft gerade noch rechtzeitig ein, um seiner Kompagnie das^Leben zu retten. Zehn Minuten später war die Stelle, von der er feine Kameraden zurückgezogen hatte, nur noch ein Trümmerfeld.
Gerade dieses Ereignis zeigt, daß Hellgefichte sich auch cinfteUen, ohne daß er es wünscht — und, wie er erzählt, mehr als ihm lieb ift. Mit vielen Menschen im Hotel zu wohnen,. sei meistens für ihn eine Qual: er höre, rieche, fühle oft durch das ganze Haus hindurch.
Kapitän H. vom „Luftschiffbau Zeppelin" bestätigt, daß Moecke schon 1927 — als mit dem Bau des Zeppelins gerade begonnen wurde —7 Fahrten, Beschädigungen, Passagiere des Luftschiffes bis auf feinste Einzelheiten genau oorausgefagt hatte. Ebenso richtig prophezeite er den Ausgang des „Bremen"°Fluges und das Schicksal des Fliegers Edzard. Für Mediziner interessant ist ein Experiment, das Dr. Bastanier, der erste Dozent für Homöopathie an der Universität Berlin, in meiner Gegenwart mit Moecke vornahm. Es fei hier als letztes geschildert.
Acht Fläschchen, die sich äußerlich durch nichts unterschieden und überdies noch in dickes Papier fest verpackt waren, hatte der Arzt mit verschiedenen Medikamenten gefüllt. Moecke nahm die Fläschchen der Reihe nach in die Hand — und ohne also die Medikamente gesehen, gerochen oder eingenommen zu haben, beschrieb er genau deren Wirkung. Darüber hinaus produzierte er die Wirkung dieser Medikamente an sich selbst — bekam Schweißausbrüche Schwellungen am Halse, Beschleunigungen der Herztätigkeit, Krämpfe, Brechreiz, tränende Augen, Trockenheit der Mundhöhle, Ohnmachts- anfälle —, Krankheitsbilder, die mit der Wirkung der betreffenden Medikamente exakt übereinftimm- ten. Es ist bedeutungsvoll, daß der Hellseher nur I
Hergang seiner Taten. Dke ihm von den Zeuginnett gestellten Fragen beantwortete er sicher und zutreffend.
Der am 26. August 1929 in Lierenfeld mit einem Messer gestochene Heinrich Kornblum erkannte Kürten bei der Gegenüberstellung nicht wieder. Dagegen bezeichnete Kürten den Kornblum, dessen Namen er allerdings nur aus der Zeitung kenne, als eines der drei Opfer, die er am 26. August 1929 unmittelbar hintereinander durch blindes Drauflosstechen verletzt hat. Die Ehefrau Mantel und die Anna G 0 l d h a u f e n, die am gleichen Tage durch Stiche verletzt wurden, haben Kürten bei der Gegenüberstellung nicht wieder ertönt, weil sie ihn bei der Tat nur ganz flüchtig gesehen hatten.
Inzwischen sind verschiedene Lichtbilder des Kürten amtlich veröffentlicht worden. Die Polizei fordert alle Personen, insbesondere- Frauen und junge Mädchen, die mit Kürten in Berührung gekommen und von ihm tätlich angegriffen oder mißhandelt worden sind, auf. sich unverzüglich zu melden. Kürten hat verschiedene Lieberfälle auf Mädchen gestanden, von denen der Polizei nichts bekannt war. weil die Opfer bedauerlicherweise es unterlassen haben, sofort Anzeige bei der Kriminalpolizei zu erstatten. Mit ihrer Hilfe wäre es möglich gewesen, Kürten schon früher unschädlich zu machen.
3m Zusammenhang mit den Vernehmungen des Kürten ist, nach einer Meldung der D. A. Z.. gestern vormittag ein Arbeitskollege von ihm mit Ramen Meurer verhaftet worden. Er steht im Verdacht, dem Kürten die Opfer zugetrieben zu haben. Bekanntlich hat auch ein anderer Mann am 14. Mai die Hausange- steUte nachts zum Volkspark geführt, wo dann plötzlich Kürten auf den Plan trat, die Hausangestellte mit in seine Wohnung nahm und später vergewaltigte.
„Graf Zeppelin" vor dem Start nach Havanna.
Ne uy o r k, 28. Mai. (WTB. Funkspruch.) Der Start des Luftschiffes „Graf Zeppelin" in Pernam- buco nach Havanna ift nach einer neuerlichen Mitteilung Dr. Eckeners auf heute früh 7 Uhr festgesetzt. Je nach der Wetterlage wird das Luftschiff inHavannazweibis vierStun» den bleiben. Für Lakehurst ist ein Aufenthalt von zwei Tagen vorgesehen. Die Einzelheiten der Havannaroute find noch nicht bekannt, jedoch nimmt man an, daß das Luftschiff, um die Sturm- und Hitzezone in der Gegend der Amazonasmündung zu vermeiden, die Küste bei Natal verlassen und bis zu 200 Meilen obermärts 6er Mündung auf nördlichem Kurs fahren wird. Mit der Ankunft in Lakehurst wird am Samstag gerechnet.
Auf dem Landungsplatz bei Pernambuco herrschte während der kühleren Abendstunden eine sehr lebhafte Tätigkeit. Brennstoff, Ballast, Le- bensmittel und Post wurden an Bord gebracht und das Gas frisch aufgefüllt. Die Gasauffüllung bean- fvruchte infolge der örtlichen Verhältnisse längere Zeit. Zu Ehren der Offiziere und der Fahrgäste des „Graf Zeppelin" fanden eine Reihe von gesellschaftlichen Veranstaltungen statt. Etwa 100 Personen nahmen an einem von dem höchsten Stadtbeamten veranstalteten Frühstück teil. Äm Deutschen Klub fand ein Gartenfest zu Ehren der Gäste statt, bei dem die einheimischen Gesellschaftskreise stark vertreten waren. Der deutsche Konsul überreichte bei dieser Gelegenheit Dr. Eckener eine silberne Denkmünze, die zur Erinnerung an den Besuch des Luftschiffes geprägt wurde.
Völkerbund und Haneuropa.
London, 28. Mai. (WTB. Funkspruch.) Wie der diplomatische Korrespondent des „Daily Tele- graph" berichtet, ist man in Völkerbundskreisen wegen der eventuellen Wirkung der Denkschrift B r iands auf den-Völkerbund besorgt, da bei einer übertriebenen Europäisierung die südamerikanischen und asiatischen Mitglieder i h r Interesse an dem Bund verlieren konnten. Infolgedessen ist nach Behauptung des Korrespondenten ein schon früher einmal von Sir Eric D r u m m 0 n t ausgestellter Plan wieder in den Ge- sichtskreis der Betrachtungen gerückt. Er sah im we
bet jenem Medikament versagte, das speziell für den weiblichen Organismus bestimmt ift. Hier konnte sich also die Wirkung nicht auf ihn übertragen.
Mehr als die vielen Treffer verblüfft die Leichtigkeit, mit der er feine Aussagen macht. Seine Hell- gesichte teilte er mir in einem Tone mit, in dem unsereiner vom Wetter spricht, — so ganz nebenbei. Jetzt wird er versuchen, ob Hellsehen lehrbar ist. Die Kraft dazu fei in jedem — hinderlich sei das feindliche Mißtrauen der Umwelt. Auch er gibt zu, daß er dagegen kämpfen muß, — und er zeichnet sich als einen Menschen, der wie alle Menschen ist.
Amerikanische Stn-enienscherze.
Wenn die amerikanischen Studenten sich ihren Spaß machen wollen, geht es oft recht wild her. In jedem Frühling veranstalten die Studenten der Universität Pennsylvanien einen kleinen Krieg. Es gibt eine Partei, die das Universitätsgebäude angreift, wahrend eine andere es verteidigt. Als Geschosse dienen in diesem Krieg Flaschen, Schachteln, Sar- dinenbüchsen und alles Mögliche, was geworfen werden kann, wenn es nur keine Sprengmasse in sich pat. Im allgemeinen ist es bisher bei diesem Krieg im Frieden leidlich abgegangen. In diesem Jahre scheint es aber, als ob eine besonders temperamentvolle Generation die Universität bezogen habe; denn der Kampf nahm derart erbitterte Formen an, daß großer Schaden angerichtet wurde. Alle Fenster- scheiben des Gebäudes wurden zerbrochen, die Türen eingeschlagen und die Möbel in Stücken ins Freie geworfen, als die Belagerer in dem Kampf den Sieg davongetragen hatten. Die aufgeregten Gemüter konnten nicht anders beschwichtigt werden als 6a- man bie Polizei zur Hilfe herbeirief und die Kämpfer verhaften ließ. 500 Studenten wanderten ins Gefängnis, wo man ihnen Gelegenheit gab, sich zu beruhigen. Der Friedensrichter schien geneigt, bie aufgeregten jungen Herren bald wieder zu entlassen, aber das Haupt der Polizei weigerte sich energisch, sie sobald wieder in Freiheit zu geben.
Hochschulnachnchken.
Professor Dr. Alfred Hu eck in Jena hat den an 'hn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl für beut- sches und bürgerliches Recht, Handels, und Wechselrecht an der Universität Heidelberg als 9tacb« folger von Prof. Heinsheüner avgeletznt.


