Sehringer, daß der im Doranschlag vorgesehene Betrag für Wohlfahrtspflege bereits setzt um 2080 Mk. überschritten sei und für den Rest des Rechnungsjahres schätzungsweise noch ein Betrag von 3700 Mk. benötigt werde, so daß mit einem ungedeckten Betrag von 5780 Mk. xu rechnen sei. Zur Deckung hierfür wird von der Bürgermeisterei die Einführung der Bürger ft euer in der Höhe der Landessätze vorgeschlagen, die nach den Berechnungen des Rechners zwischen 5000 bis 6000 Mk. erbringen wird. Mit 8 gegen 2 Stimmen wird die Einführung beschlossen.
Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf Arbeitsbeschaffung fürWohlfahrts- erwerbslose, Um Arbeitsgelegenheit zu beschaffen, wird dem Unternehmer O. Kühn das Drechen von 100 Kubikmeter Steinen zu seinem Angebot übertragen unter der Bedingung, daß er Erwerbslose zu dieser Arbeit einstellt.
Die übrigen Punkte der Tagesordnung, meist kleinere Sachen, wurden nach dem Auszuge der drei Gemeinderäte glatt erledigt. Am Schlüsse der Sitzung dankte Beigeordneter Keller den ausharrenden Gemeinderäten und bemerkte noch, daß dies voraussichtlich die letzte Sitzung unter seiner Leitung gewesen sei, da anl Freitag, 2. Januar 1931, die Einführung des neuen Berufsbürgermeisters Dr. Mrldner erfolgen solle.
Gemeinderat in Schlitz.
ED Schlitz, 22. Dez. Der Gemeinderat beschloß in seiner jüngsten Sitzung u. a., die Hunde st euer nach den bisherigen Sätzen zu erheben. Der Bürgermeister teilte ferner mit, daß mit den Anliegern der Zinsserstraße eine Einigung wegen der Anliegerbeiträge erzielt worden sei. Ein Antrag auf Bewilligung von Mitteln für Kanalisotionsarbeiten, die als Notstandsarbeiten durchgeführt werden sollten, wurde grundsätzlich genehmigt. Durch diese Arbeiten, die bereits am 29. Dezemver begonnen werden sollen, erhalten etwa 25 Erwerbslose Beschäftigung. Die Durchführung ist an die Unternehmer Maurermeister Gg. Wilhelm Metzendorf und Maurermeister August G u n t r u m vergeben worden. Zum Schluß der Sitzung bewilligte der Gemeinderat eine Summe von 1200 Mark zur U n - terstützung der Bedürftigen der Stadt. Die Unterstützung soll nach individuellen Gesichtspunkten geschehen.
Kirchenkonzert in Hungen.
± Hungen, 23. Dez. In der Stadtkirche in Hungen war am Sonntagabend ein weihnachtliches Konzert, das in Plan und Ausführung als wvhlgclungen b:z ichnet werden kann. Tie Altistin Käthe Gärtner fang mit Begleitung der Orgel, teils auch mit Orgel und Mo'ine. Eine gute Auswahl von Kompositionen 3. S. Bachs, Händels, Regers und von P. i£or- nelius zeigte, daß die Sängerin nur musikalisch wertvollstes Gut zu bieten sich bemüht. Ihr Gesang ist sicher, die Stimme gut beherrscht und von hervorragender Fülle. Angenehm berührte auch die für das Verstehen des gesungenen Worts so wichtige „genaue und doch nicht übertriebene Artikulation. Die Stimmung der verschiedenen Stücke war gut getroffen, doch kann man bei den der Sängerin zur Verfügung stehenden Mitteln noch eine weitere Steigerung der Suggestivkraft ihres Gesangs erhoffen. Frau Mendelssohn-Bartholdy hatte sich ebenfalls in den Dienst der Sache gestellt, indem sie gut ausgewählte und passende Gedichte vorlas. Eine angenehme, wo')lg übte Stimme, angemessenes, die Gefahr der Stilwidrigkeit meidendes Auftreten, schlichter und vornehmer Vortrag zeigten sie ihrer Aufgabe gewachsen. Die Begleitung der Gesänge wurde von den Herren P. B u ch w a l d ifltb stud. theol. W. Volz mit Geschick bewältigt. Besonders bei den beiden Kompositionen für Violine und Orgel (Dach und Händel) zeigte Herr D u ch w a l d gu'es mus.ka isches Verständnis,
Moratorium ober Revision?
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675 Mill. ~
26 Mill.
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DEUTSCHLA
Unsere Darstellung zeigt die Belastung Deutschlands durch den Youngplan und die Zahlungen der Siegerstaaten an Amerika bzw. England. Amerika ist der eigentliche Nutznießer des Doungplans, da ihm direkt und indirekt etwa 60 v. $). der deutschen Zahlungen zufließen. England erhält zwar einen beträchtlichen Teil der deutschen Zahlungen und auch von Frankreich große Summen, ist aber immer noch stärker an Amerika verschuldet.
während Herr Volz fein Instrument mit unge- wchnlichem Können und sachgemäßem Vortrag meisterte.
Landkreis Gietzcn.
*Heuchelheim,23. Dez. Am Sonntagnachmittag fand in der Kirche die Weihnachtsfeier der Kleinkinderschule statt. Zahlreiche Erwachsene nahmen daran teil. Ein Choral leitete die Feier ein. Der Ortsgeistliche hielt eine kurze An- spräche, die Kleinen sangen gemeinsam ein Weih' nachtslied, und im Zwiegespräch behandelte Fräulein Steinberger mit ihren Zöglingen die Weihnachts- SGeschichte. Den Höhepunkt der Feier bildete die Be- cberung, die in besonders eindrucksvoller Form ge- chab. Danklied und das Schlußwort des Geistlichen beendeten die schöne Veranstaltung, um die sich die Schulleiterin Frl, Steinberger besonders verdient gemacht hatte.
* Klein-Linden, 24. Dez. In seiner letzten Versammlung beschloß derTurnvereinKlein- L i n den (DT.) die Auslosung von 400 Mark Anteilscheinen, die seinerzeit beim Kauf seines Heimes gezeichnet worden waren. Am 7. Februar soll der übliche Familienabend im Turnerheim abgehalten werden. Für den 7. März ist ein größeres Schauturnen als rein turnerische Veranstaltung geplant. Die Turnstunden der Altersriege werden in Zukunft am Dienstagabend abgehalten.
• Watzenborn-Steinberg, 24. Dez. Auf Einladung der hiesigen Landwirtschaftlichen Bezugs- und Abfatzgenossen- schaft sprach hier Rechtsanwalt Zimmer (Gießen) über die „Haftung des Tierhalters". An den Vortrag schloß sich eine rege Aussprache an, in der bet Redner eine Reihe Fragen beantwortete.
* Langsdorf, 24. Dez. Heute vormittag verunglückte der 24 Jahre alte Dienstknecht Rau von hier dadurch schwer, daß ihm beim Jauchefahren, während er auf dem Gefährt saß, die Pferde scheuten und durchgingen, er
dabei von dem Fuhrwerk abstürzte und überfahren wurde. Der bedauernswerte junge Mann trug erhebliche Kopfverletzungen und eine Verletzung der Wirbelsäule davon: durch letztere wurde er teilweise gelähmt. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Gießen verbrachte ihn nach der Chirurgischen Klinik in Gießen, wo er ernstlich darniederliegt.
* Dettenhausen, 25. D.z Der Geflügelzuchtverein der nördliche nW c 11 e r a u, Sih Dettenhausen, hält am 3. und 4. Januar 1931 seine erste allgemeine Geflügelschau in Det- renhausen bei Gastwirt K. Müller ab. Die Schau wird sehr reichhaltig mit Geflügel aller Art be- fdj.cft fein. Für die Aussteller stehen schöne Ehrenpreise zur Verfügung. Der Besuch der Ausstellung ist sehr zu empfehlen.
L Queckborn, 24. Dez. Die Schule hatte die Eltern zu einem Elternabend, der als Weihnachtsfeier ausaestaltet war, cingeladen. Die jugendlichen Darsteller brachten mit viel Eifer und Geschick die Gestalten der Weihnachtszeit auf die Dühne. Der Bürgermeister sprach den ver- anftaltenben Lehrern den Dank der Gemeinde aus. Der gemeinschaftliche Gesang schöner Weih» nachtsl'.eder beschloß die eindrucksvolle Feier.
)( L i ch, 24. Dez. Am Sonntagnachmittag fand in der Kirche die diesjährige Weihnachtsfeier der Kinderschule statt. Die Kinder fangen unter dem Weihnachtsbaum und sagten Gedichte auf. Pfarrer Staubt hielt die Ansprache. Eine schöne Weihnachtsbcscherung bildete den Abschluß der Feier. Der Mädchen- kranz veranstaltete im festlich erleuchteten Gemeindesaal ebenfalls eine Weihnachtsfeier. Gedichte und kleine Aufführungen wechselten mit gemeinsam gelungenen Advents- und Weih- nachts icbem ab. Zum Schluß hielt der Leiter, Stisis'^echant Kahn, eine Ansprache und überreichte jedem M'.tg'ied eine sinn'ge, Weihnachtsgabe. Auch in den beiden Frauenkränzen wurden wohlgelungene Weihnachts- und Ad- ventsfeiem veranstaltet.
KreiS Friedverg.
• Friedberg. 23. Dez. Die diesjährige 05et> bandsausstellung der KanarlenKuchtver- e l ne für Oberhessen, das Lahn- und Dillgebiet fand vom 18. dis 20. Dezember im „Ratskeller" zu Friedberg statt. Sie Prämiierung der 220 Sänger fand durch die Preisrichter Ehr. E - n st . Vad Homburg v. d. H., und Ehr. Gabtoein, Frankfurt a. M., statt. Das Prämiievungsergebnis war folgendes (E. — Ehrenpreis, ggM. = große goldene Medaille. kgM. — kleine goldene Medaille, asM. — große silberne Medaille, ksM. = kleine silberne Medaille): 1. Selb ft zuchtklasse 1 9 30: Hch. Schneider, Steinbach, Kreis Gießen. 336 Punkte, Verbandsmeisterschaft, Derbands- plakette, Verbandswanderpreis und Ehrenpreis der Stadt Friedberg. Phil. Müller Grünbera, 327 P.. C., kgM.; Georg Krug II., Lindenstruth, 324 P., E., kgM.; Konr. Simon, Friedberg, 321 V., E., kgM.; Oskar Müller, Wetzlar, 318P., E., kgM; Hch. Schmidt, Gießen, 318 P., E., gsM; Hch. Momberger, Gießen, 303P., ksM.; R. Fren- zel. Gießen, 297P., ksM.; K. Becker, Gießen, 297 Punkte, ksM.; K. Sude, Wetzlar, 294P., ksM.; K. Renkel, Ridda, 291 P., ksM -^.Allgemein e K l a s s e: Friede. Förder, Friedberg, 354 Punkte, E., ggM; Hch. Schmidt, Gießen, 345 P., E., ggM.; Fciedr. Förder, Friedberg, 336 P., E., kgM; Hch. Becker, Gießen, 315 P., E., ksM; Gg. Krug II., Lindenstruth, 315 P., E., ksM; Philipp Müller, Grünberg, 315 P., E., gM.; Paul Kluge, _ Dad°Rauheim, 312 P., E., ksM; K. Weitzel, Bruchenbrücken. 309 P., E., ksM; K. Renkel, Ridda, 306 P., E., ksM; Hch. Simon, Friedberg, 306 P.. ksM; Phil. Reu. Friedberg, 306 P., ksM.
ch Butzbach, 24. Dez. Eine Weihnachtsfeier, die gleichzeitig im Dienste der dienenden und helfenden Nächstenliebe stand, hielt der Allce-Frauenverein im kleinen Saale des „Hessischen Hof" ab. Anter Musikklängen traten die geladenen Gäste, etwa 40 bedürftige, meist alte Leute, in den Saal und wurden an, weißgedeckten Tischen mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Gedichtvorträge, gemeinsam gesungene Weihnachtslieder, Sologesänge, Ansprachen und Orchesterstücke ließen die Stunden schnell vorübergehen. Rach einer Kaffeepause fand die Be- fcherung statt. Kleidungs- und Wäschestücke, die von den Frauen und Mädchen des Vereins selbst angefertigt waren, wurden den Gästen zum Geschenk.
Kreis Biidntgerr.
WSR. Büdingen, 24. Dez. Der hiesige Gern e i n b c r a t beschloß in einer Sitzung am Dienstagabend mit allen Stimmen der bürgerlichen Parteien gegen die Stimmen der Sozialdemokraten die Anstellung eines Berufsbürgermeisters für unsere Stadt und genehmigte, ebenfalls gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, ein entsprechendes Ortsstatut. Wann der Posten zur Besetzung ausgeschrieben wird, steht bis jetzt noch nicht fest.
0 Büdingen, 24. Dez. In seiner jüngsten Sitzung beschloß der K r e i s a u s s ch u ß des Kreises Büdingen Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten Karl Bähr II. und Wilhelm Velten zu L i n d h e i m , nachdem die am 30. November vorgenommene Beigeordnetenwahl in Lindheim durch den Kreisoirektor beanstandet worden war.
—w Stockheim, 23. Dez. Am Sonntag hielt der hiesige Turnverein seine diesjährige Weihnachtsfeier ab. Im Namen des Vorstandes sprach A. Ge r n a n d Worte der Begrüßung und gab einen kurzen Rückblick auf das vergangenen Dereins- jahr. Zwei Weihnachtslieder, gesungen von Frau Dr. Sieg er t, Gedichtvorträge, gemeinsam gesungene Lieder und eine Weihnachtsrede des Werbwarts Willy K e i d e l füllten die Stunden aus.
X Hirzenhain, 24. Dez. Gestern abend brach in einer zu bem Hofgut Luisenlust gehörigen Scheune ein Schadenfeuer aus, bem bet ungebroschene Hafer von 60 bis70 Morgen und eine Dreschmaschine
Die kleine Aicoletle.
Vornan von paul Hain.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Ah ja — der Aufwand! Fünf Personen Dienst- per onal im Hause! Warum? Warum?
Aber jetzt war keine Zeit, über diese Dinge nachzudenken. Wit ruhiger Stimme sagte er zu der Zofe:
„Schicken Sie die Damen hier herein —"
Gleich darauf betraten diese, zwei jüngere, elegante Personen, das Arbeitszimmer.
„Firma Dönhoff", sagte die eine lächelnd und nestelte aus der Handtasche die Rechnung hervor.
Wördehoff nahm sie entgegen und las die einzelnen Posten durch. Seit einem halben Jahr hatte die Firma kein Geld bekommen — aber acht Tolletten und Straßen- und Sportkostüme waren geliefert worden. Die Endsumme war dementsprechend.
Wördehoff sagte kein Wort. Er wandte sich der zweiten Dame zu: „Und Ihre Rechnung, bitte?'
Sie ergab etwa das gleiche Bild.
Er schloß ein Schreibtischfach auf, nahm aus einer Kassette das Scheckbuch. Schrieb zwei Schecks aus und überreichte fie den Damen.
„Ditte schön."
Rur ruhig sein — und lächeln, dachte er. Solange ich nicht hier allein bin. Lind erst als die Tür hinter den beiden zugefallen war, atmete er tief auf.
Eine Weile starrte er vor sich hin. Wie gedankenlos. Dann schob er die Rechnungen mit einem Ausdruck des Widerwillens im Gesicht beiseite. Da hatte er eben eine Summe bezahlt, von der er allein wohl ein volles Jahr sehr gut hätte leben können! Ah — er allein nur? Sein Gesicht verzog sich. Wieviele Rechnungen mochten noch unbezahlt sein?
Was er schon lange ahnte, es wurde ihm in dieser Stunde zur Gewißheit. Rorma war eine Dcr chwenderin! Eine Künstlerin auch — auf diesem Gebiet!
Früher, in dem ersten halben Jahre feiner Ehe, hatte er die Eleganz, die spielerische kostspielige Großzügigkeit Rormas entzückend gefunden und hatte selbst kaum überlegt, ob dieser übertriebene Aufwand notwendig war oder nicht.
Aber bann hatte sich langsam fein Blick geschärft.
Lind nun — ach ja, es war eins zum andern gekommen! Lind das Erkennen war da: Früher, viel früher, war er allein gewesen mit einer dunklen Sehnsucht in sich. Lind jetzt, fai er
zu Geld und Ramen gekommen war, war et wieder allein in all dem Glanz seines äußeren Lebens, und seine Ehe war nur noch eine Farce!
Ein Dichter? Seine Frau sah nur den geld- verdienendm Schrck-steller in ihm, dcr Rechnungen bezahlen durfte, der eine gute, wirkungsvolle Staf.age für ihre eigene Persönlichkeit war.
Ja — es war alles so einfach. —
Quälend fielen von neuem die Gedanken über ihn her, und er suchte ihnen zu entrinnen, indem er zum Grünewald hinausfuhr, um durch das erste, lichte, keimende Grün zu wandern und Ruhe in der Stille der Ratur zu finden. —
Als er am Rachmittag nach Hause kam, war Rorma gerade von einem Tee bei einer ihrer Vielen Freundinnen zurückgekvmmen.
Sie hatte an diesem Abend im Theater nicht zu spielen. In einem leichten, aber in der pikanten Einfachheit des Schnitts nicht weniger kostbaren Hauspy^ama faß fie in einem Sessel des Salons und blätterte im neusten Mode- journal.
2lls Wördehoff eintrat, blickte sie ihm lächelnd entgegen. Ihrer Schönheit sich bewußt.
„Ah — das nenne ich mal eine Lleberraschung", sagte Wördehoff.
„Richt wahr? Ich wollte dich auch überraschen, lieber Hubert, du lieber Trohkopf —"
Sie erhob sich und ging ihm entgegen. Ihre roten Lippen schienen zu blühen. Das leichte Gewand ließ die Vollkommenheit ihres ebenmäßigen Körpers deutlich erkennen.
Wördehoff stutzte.
So schritt sie auch auf der Bühne, wenn eine Rolle Frauenlist und Heuchelei von ihr forderte. Das war die Geste, mit der fie Männer zu Rarren machte. Die Routine der großen Schauspielerin war darin. Lind er fühlte, daß auch jetzt diese Geste gespielt war, und daß fie eine wohlvorbereitete Szene agieren wollte, um ihn wieder in ihren Bann zu verstricken.
Da sagte er:
„Richt so, Rorma."
Er ergriff ihre Hand, bevor sie den Arm mit koketter Anmut um feinen Hals legen tonnte, und zog sie an die Lippen, um sie mit kühler Höflichkeit zu küssen.
Ihr Mund verzog sich ein wenig.
„Roch immer Trohkopf?"
Er ärgerte sich im stillen über die spielerische Leichtigkeit, mit der sie eine tiefe Meinungsverschiedenheit und seelische Verstimmung behan- delle. „Trohkopf!"
„Ich beneide dich um deine Sorglosigkeit. Rorma. Ich kann dir das nicht nachmachen."
„Leider — ich merke das seit Monaten", erwiderte sie und schmiegte sich wieder in den Sessel. „Lind es schmerzt mich."
Er nahm ihr gegenüber Platz. Betrachtete sie in ihrer gewollt reizvollen Koketterie.
„Rorma — ich habe heute verschiedene.Rechnungen für dich bezahlt —"
Sie blinzelte mit den Augen. Schwieg.
, „Rechnungen, deren Höhe mich ernstlich beunruhigt —“
Sie wippte mit dem Fuß.
„Ich weiß. Dönhoff und Shrig."
Roch lächelte sie.
„Es werden noch einige weitere nachkommen." „So - so."
„Ich denke, es wird dir ein Vergnügen sein, auch diese zu bezahlen, Hubert."
Er riß sich zur Ruhe zuia.nmen.
„Rorma, so geht das nicht weiter! Haft du dir schon einmal überlegt, wieviel unser Haushalt allein kostet?"
..In der Tat nein“, antwortete sie, und nun erlosch das Lächeln um ihre Lippen, „ich bin der Meinung, daß ich das nicht nötig habe, Hubert. Ich bin doch feine Beamtenfrau, wie? Lächerlich! Ich finde es höchst wunderbar, daß du — mir Vorwürfe darüber machen willst, ich — verbrauche zuviel! Was soll das?"
„Das soll heißen, Rorma, daß auch wohlhabende Leute nicht über ihre Verhältnisse hln- ausleben dürfen. Auch sie müssen rechnen!"
Rorma lächelte amüsiert.
„Huber'. du vergißt wohl, wer wir sind?"
,.O nein. Du bist eine große Künstlerin! Aber das berechtigt dich nicht, mehr auszugeben, als deine hohe Gage dir gestattet. Lind — auf meinen Ramen Schulden zu machen!"
„Ah - du!"
„Lind ich bin der Schriftsteller Wördehoff, der früher sich über ein wohlgelungenes Gedicht mehr freute, als über die paar Mark, die er dafür bekam. Der wohl vom Glück verwöhnt wurde, aber immer noch nicht, Gott sei Dank, verlernt hat, das Geld zu achten! Im übrigen habe ich dir mein Bankkonto immer zur Verfügung gestellt. Du hast es so reichlich benutzt, daß nicht mehr allzuviel da sein dürfte. Die Tantiemen aus meinen Stücken fliehen nicht mehr so voll. Das ist nur natürlich — denn die Zeit geht darüber hin. Du weiht, dah die Provinzbühnen keine besonderen Geschäfte machen. Lind mein neues Stück — na —“
Rorma hatte sich in den Sessel zurückgelehnt. Ihr ebenmäßiges Gesicht blickte kühl.
„Warum erzählst du mft das? Bist du nicht imstande, eine Toilette von ein paar tausend Mark zu bezahlen? Mach dich doch nicht lächerlich!"
„Ich will dir in der Tat nicht erklären, baf) ich das nicht kann. Lind daß es nicht angeht, wenn du eine erhebliche Gage für — ja wofür — ausgibst? Ich weih es nicht."
Rorma richtete sich auf. Ihre Lippen zuckten.
„Rarrheit! Hubert, du bist doch törichter als ich jemals dachte! Ich bin Rorma Relson! Das scheinst du vergessen zu haben! Miß mich bitte
nicht mit dem Maßstab des Philisters. Lind — du sprachst von deinem neuen Stück! Gut — wir sind lange genug darum berumgegangen! Warum läßt du es nicht auf führen? Dann kommt neues Geld — auf einen Schlag!"
„Damit es für neue Rechnung draufgeht, ja", stieh Wördeboff bervor.
„Genug!" rief Rorma aus.
Ihre Augen funkelten drohend.
Wördehoff bezwang seinen Zorn und sagte verhalten:
„Lassen wir doch das, Rorma! Du weißt, warum ich das neue Stück hier nicht weiter proben lasse. Reden wir nicht davon!"
„Warum nicht? Gerade darüber hatte ich gerne mit dir gesprochen, ich habe es Hollmann zu- gesagt."
Sie legte ihm die Hände auf die Schultern.
„Hubert, soll ich dir sagen, warum dir so viel an dem Stück liegt?“
„Run?" fragte er gleichgültig.
Sie blinzelte spöttisch mit den Augen und sagte: „Ich kenne dein Geheimnis, mein Lieber." „Geheimnis? Ich wüßte nicht —" „Wirklich nicht? Sieh an!"
Ihr Lächeln wurde voll Ironie.
„Das Geheimnis deiner — heimlichen Liebe —"
Er stutzte.
„Du sprichst in Rätseln, Rorma
Sie zog die Stirn kraus.
„Die kleine Ricolette Kinna —", summte sie spottvoll. „Sie ist doch in der Figur der Helge vcrlörpert. Glaubst du, ich erriet das nicht? Oh, mein Lieber, mir machst du doch nichts vor. Dieses kleine, reizende Geschöpf spukt dir im Kopf."
Wördehoff lachte auf.
„Wundervoll! Haha. Rorma, gestatte, daß ich lache. Aber du irrst entschieden."
Unbeirrt fuhr sie fort:
„Es ist so. Lind darum liegt dir daran, diese romantische Liebe nicht von mir verkörpert zu sehen."
Aergerlich unterbrach er sie.
„Hör' auf, bitte! Das ist ja reiner Unsinn! Unsinn, sage ich! Kein Wort mehr darüber!"
„Wie du willst, mein lieber Freund! Mich machst du nicht dumm! Ader die Geldsorgen werden dir schon die Feder in die Hand drücken, und du wirst dennoch tun, was ich will! Ich will in deinen Werken leben — kein anderer."
Sie stand aufrecht, in lockendem Weibtmn vor ihm, und der Duft ihres lichten Gewandes strömte um ihn und drohte chn zu verwirren. Das war Rorma, das Weib, das lockende, berauschende» das ihre stolze, kostbare Schönheit ihm darbot. Rimm mich, du Rarr, schien alles an ihr zu rufen, und wirf alle dumme Sehnsucht nach eigenem Dichterruhm und alle Bescheidenheit von dir. Sei mein Geschöpf, und es wird dir gut gehen! (Fortsetzung folgt)


