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Nr. 302 Zweites Blatt" siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbecheffen)Samstag, 27. Dezember (930

- und Friede auf Erden...

Don D Tlafban Soderblom, Erzbischof von tf fdla, Primas von Schweden. Copyright 1930 by Nordische Gesellschaft, Lübeck.

Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.

Der verstorbene große Theologe Adolf von Harnack schrieb im Jahre 1925: .Wer noch von aufmunternden Wirkungen des Krie­ges zu sprechen wagt, ist entweder ein Ver­brecher oder ein Narr." Aber jetzt wächst ein Geschlecht Heron, dos nicht dabei war. alS die Wachte der Hölle über unseren Weltteil los- gelassen waren. Die Jugend ist das Barometer einer Generation. Vielerorts zeigt cs keines­wegs auf ruhiges und beständiges Wetter, son­dern eher auf Donner und Sturm. Die Tu­gend, die von Taten träumt, hält sich zurück. Aber sie ist die Hofsnung für die Zukunft. Wir dürfen nicht von Geschichte und Frieden so sprechen, daß diese Jugend reagiert. Die Friedensliebe wird nicht dadurch ge'ördert, daß man den Gesang dieser .Generation im Ton herabstrmmt. Sondern der Sinn, zu wirken und zu dienen und zu gewinnen must auf wert­voll^ Ausgaben gerichtet werden. Gott sei ge- daokt für die Helden der friedlichen Tat!

älnd wir dürfen uns niemals von vornherein dem beugen, was uns droht. Die freiwillige Unterwerfung unter eine vermeintliche Schick- salSbestimmung entspringt mehr als einmal der Scham. Aber cs ist der Glaube, der sieht, der Glaube, der nicht die Zügel schleifen lästt, son­dern die äastersten Kräfte anspannt.

Die Aussichten sind trübe. Die Abrüstung, welche die Menschheit gelobt hat, lästt auf sich warten. Wir können nicht die drohende Gefahr verschweigen, die über dieser kleinen europäi- fchen Menschheit schwebt. Mit Recht kann sie stolz sein auf ihre bisherige Stellung: aber sehr mit Unrecht bildet sie sich ein, einen ewigen Ehrenplatz und eine ewige Machtstellung auf unserem Planeten zu besitzen, obwohl diese Menschheit nun zwischen der Gefahr der Weltrevolution im Osten und dem jug endkräftigen Universalstaat Amerika eingeklemmt ist. 3n einem Vries, den ich kürzlich von einem mir unbe­kannten Manne erhielt, steht die Frage:Oh, warum dieses scheustliche Angesicht der Mensch­heit?" Er spricht von der Erde, die allzu reich sei von Fluch und Verwünschungen und darum viel- sache Ernte an Elend und Greuel tragen werde. Worauf sollen wir unsere Hoffnung gründen?

Friede bedeutet Beseitigung von Krieg und Blutvcrgiesten: aber dieses negative Ziel kann niemals erreicht werden, wenn nicht ein po­sitives Friedensziel ausgestellt wird. Friede nsorbeit must gleichzeitig Aufbauarbeit se in. Man sollte eigentlich nicht zu Christenmenschen, die ihre Bibel kennen, so zu sprechen brauchen. Denn die Propheten haben über den Weltfrieden gelehrt und verkündet, dah er auf Gesetz und Recht gegründet sein solle. Feiern wir nicht jährlich Weihnachten die Geburt des Friedensfürsten mit Texten, die vom Frieden der Welt als eine Verkündung der Offenbarung und Hoffnung der Menschheit spre­chen? Hier steht die Kirche vor einer unumgäng­lichen Wahl: Spricht sie hoffärtig und verächt­lich von mehr oder weniger unvollkommenen Ver­suchen, die Rechtsordnung über die Grenzen der Nation hinaus zu erreichen, so hat sie damit zu­gleich die Lehre der Schrift verneint. Das Frie­densstreben der Kirche wurde gerade in den Tagen organisiert, da der Krieg wie eine hä­mische Opposition in Europa auserach. Nun hat die Kirche aber doch in geduldiger Arbeit in bald vierzig Ländern Boden g wannen. Weiter hat diese übernationale christliche Einheit an Stärke und Umfang gewonnen durch den Ockumenischen Rat, der in Stoähelm 1925 gegründet wurde und nun auch in das öffentliche Leven, in den Wettstreit der Gcsellschaf sklassen und in die Beziehungen zwischen den Staaten die Grundsätze des Evangeliums hineintragen will.

Unter der feierlichen Silhouette der Wartburg wurde in Ei'enach int Vorjahre dem Oekumeni- schen Rat eine Entschliestung vorgelegt, und in diesem Jahre ist etwas erfolgt, das vor den unsagbaren Schmerzen des Weltkrieges nicht denk­bar gewc'en wäre. Der wesentlichste Punkt der Eisenacher Resolution ist von der weltumfassen­den Dischofskonferenz der anglikanischen Kirche, der sog. Lambethlonfereiu, angenommen worden.

D.r sind überzeugt", so heistt es in der Cnt- schlichung,dah die Zeit Ion men muhte, da jetzt geltende Traktate im Znteresse des Friedens revidiert werden müssen. Aber wir halten daran fest, dah alle Streitig­keiten und Konflikte zwischen den Völkern, welche Diplomatie ober Vermittlung nicht lösen können, durch Schiedsgerichte des Welt­gerichtshofes oder irgendeines anderen von beiden Parteien anerkannten Gerichtshofes be­seitigt werden."

Es gilt hier nicht nur mit allgemeinen, groh- artigen, selbstverständlich aufrichtig gemeinten Worten Propaganda zu machen, sondern wir wollen eine Regel fixieren, die sich nach unserer christlichen Lehre als Notwendigkeit erweisen soll und in dein kritischen Augenblick einer Kriegs­gefahr buchstäblich befolgt wird. Streitigkeiten gibt es und wird es immer geben zwischen den Nationen, ebenso wie es sie zwischen den ein­zelnen Menschen und Menschengruppen geben wird. Genau so wie das Gesetz die Blutrache und die ständigen Zwiste zwi chen den Stämmen und Provinzen beseitigt hat, genau so muh die Rechtsordnung auch dazu ausgenutzt werden, um zu verhindern, dast d:e Böller in ihrer Ver­zweiflung den Kr.cg als Ausweg wählen.

Eine ürcrnationa.e Rechtsordnung ist im Wer­den. Bindende Verträge zwischen den Staaten, die sich, falls Streitiglciten entstehen, zu einem Vergleich oder Schiedsgericht an Stelle des Krie­ges verpflichten, sind der Anfang eines großen Gebäudes, das auf der Grundlage des Rechtes steht. Möchten die Völler und Staaten auf der Grundlage übernationaler Rechtsordnung, die, auf der christlichen Lehre beruhend, eine Fort- setzung des Schaf cns Gottes ist, w c i t e r b a u e n.

Kabinettskriege gehören einer vergangenen Epoche an. Wollen wir aufrichtig sein, so müssen wir zugeben, dast die Gefahr für den Frieden jetzt nicht zum wenigsten in den Leiden des Volkes liegt, die der Masse wie auch dem einzelnen leicht die Gewalt der Selbstbeherrschung rauben. Nur in den Ländern, die über eine reife, disziplinierte und aufgeklärte Arbeiterorganisation verfügen, kann die Dolksgewalt als solche als Schutz des Friedens g:rcch.'.ct werden. 3m übrigen must jeder, der versteht, was unserer west län­dischen Kultur droht, vor einer neuen Katastrophe erzittern, die der Selbstmord unserer Zi­vilisation werden müßte. Ach, dah wir doch mehr Männer hätten, die den NamenStaats­mann" verdienten! Darum sollten wir beten.

Cs ist sehr einfältig, ein Monopol für die Friedensbewegung für sich in Anspruch nehmen zu wollen, und vielleicht jemand zu verurteilen, der in anderen Gedankengängen und mit anderer Einstellung für den Frieden arbeitet. Der Friede ift eine schwierige Frage, allzu schwierig, um für Parteiinteressen ausgenutzt zu werden. Der Friede wird nicht durch Auflösung gewonnen. Nein, OrdnungundRecht gehören zu seinen besten Hütern. Wer die Ordnung erschüttert, öffnet der Gewalt die Tür. Daher muh das Gesetz auf dem Recht aufgebaut sein, so dah auch diejenigen Volksgruppen zu positiver Mitarbeit herangezogen werden, die jetzt unzufrieden sind und zu den Benachteiligten unserer Gesellschaft gehören.

3d) will einige Worte anführen, die mir neu­lich von einem Schwedisch-Amerikaner zugingen: .Die Sprache hat kaum dreihig Buchstaben, aber zusammengestellt wie Soldaten, wird daraus eine Armee, die stärker ist als die stärkste der Erde. Man bedenke, wenn jede Zeitung Tag für Tag zehn Zeilen und jeder Mensch zehn Wörter am Tage für die Engelsbotschast übrig hätte, die wir Weihnachten fingen:

«Ehre fei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.. /

Panettone, cappone. capitone.

Don Or. Gustav IS. Ebene n, Rom.

Rom, an Weihnachten.

Wer die Weihnachtsgans gern verdoppelt, den Karpfen im Plural und den Stollen am liebsten gestreckt sehen möchte, so lang wie dieweißen Nächte", der muß nach Italien gehen. Dort dauert nämlich der Festtag so lang. Er beginnt am 24. De­zember trib endet am 7. Januar. Natale, das ist ein süßer Roman in vielen Fortsetzungen: man feiert Weihnachten, Capodanno oder Reujahr, und den Drcitönigo» oder Epiphaniastag, kurz dieBefä" genannt,'ala ein einziges Ereignis. Wochenlang. Da­her verschlägt es auch nicht viel, ob der Weihnachts- bäum nun am Heiligen 'llbenb oder erst nach Neu­jahr geschmückt wird, man kann ihn zu jeder Zeit kaufen und post festum, wo er anderswo nur noch das Holz gilt, kostet er genau so viel wie vorher.

Uebrigeiis ist er als exotisches Gewächs von den Chauvinisten nicht gern gesehen und daher für das Volk von besonderem Reiz. Nur mit vollem Wurzel­werk darf er auf den Markt gebracht werden, als Topfpflanze oder Zuchtbäumchen, denn das Ab­schneiden von Bäumen aller Art ist seit dem Feldzug für die Aufforstung des Landes strengstens ver- boten. Unterwegs frieren natürlich die Wurzeln ab, denn es ist kalt in ihrer Heimat und ein weiter Weg bis Rom, folglich schneidet sie der Käufer, zu Haufe, ab. Das ist erlaubt. Oder man pflanzt den Lichterbaum nach der Plünderung im ©arten ein. Dort geht er dann ein. Nicht ohne das stolze Ge­fühl mit ins Grab zu nehmen, als eine Art Orchidee gefeiert, bewundert und bezahlt worden zu fein.

Bevor der nordische Brauch des Lichtsymbols sich einbürgerte, war das Kennzeichen des Christfestes die Krippe. Sic kommt immer mehr ab, denn auch die Kinder des Südens, kleine wie große, finden cs fd)ön, etwas und möglichst viel unter den Baum zu legen. Man läßt sich auch zu Neujahr und vor allem zur Befä etwas schenken, um die Kette der leiblichen Genüsse nicht zu unterbrechen. Am 6 Ja­nuar erfüllt unendlicher Kinderjubel die Budenstadt auf der Piazza Navona, der einstigen Rennbahn des Domitian.

Die Dinge, die um die Jahreswende auch in den Volksquartieren nicht fehlen dürfen, heißen panet- tone cappone und capitone. Das erstere ist ein Ge­bäck, das dem beutfdjen Stollen entspricht, eine rie- , sige, halbierte, oben etwas aufgeblätterte Kugel. j5d)on der Reisende, der in Mailand in die Bahn­

hofswirtschaft tritt, sicht sie dort zu Bergen aufge- türnit. Der cappone vertritt die Stelle der Weih­nachtsgans: ein Kapaun, ein gemästeter Truthahn oder auch ein dick und fett gewordener Haushahn. Und für den Spiegelkarpfen haben wir den nidjt minder beliebten Aal, den capitone. Sein Auftreten ist wieder ein Fest im Fest, man hat ihm zu Ehren einen besonderen Markt geschaffen, einen nächtlichen! Der Aalmarkt ist für die Hausfrauen dasselbe wie der Budenmarkt für die Kinder. Und da man Damen nachts natürlich nicht allein ausgehen lassen kann, und die Kinder nicht allein zu Hause bleiben wollen, gibt es vom Aufleuchten der Karbidlampen bis zur Morgendämmerung eine schöne, rührende Familien- szene.

Als gutes Bindemittel für die drei = one gilt Asti, der einheimische Schaumwein, den man in der guten allen Zeit vor dem Krieg für ein paar Groschen kaufen konnte. Jetzt weiß er erfolgreich mit fran­zösischem Sekt zu konkurrieren. Allerdings klettert and) der gewöhnliche Wein schon in schwindelnden Preisregionen herum. Und Löhne und Gehälter lei­den an entgegengesetzten Neigungen. Muß man wirklich nqd) Nietzsche und Mussolinigefährlich leben?" Nein, wenigstens das weihnachtliche Dauer- fest soll vergessen machen, und daher panettone, cappone und capitone!

Briefpapier.

Von Fram Hessel.

Seltsam, baß es so etwas überhaupt noch gibt. Kurzes kann man doch telegraphieren, Längeres telephonieren. 3a, wenns schon ein Trief fein soll, es gibt jetzt, höre ich. einen Appa­rat. in den man hincinredet. und der Ange­redete kann die Botschaft auf einer Grarnmv- vhonplattc sich vorspie.en, bekommt also zu dem Sendewort die lebendige Stimme der nehmen wir an geliebten Person obendrein geliefert. Aber noch immer wird Bütten handgeschöpft und Leinen zubereitet zu Schreibpapier, und das schöne Material verpflichtet den Schreibenden und den Empfänger, den Schreibenden zu cha- raktervollen oder artigen Buchstaben, den Emp­fänger zum Aufheben, Verschnüren, Sammeln Triefbogen im alten vierseitigen Format sind nun schon selten geworden. Die Frau von heute und von Welt hat ihren Briefblock, genauer zwei Blöcke, einen kleinen für die sparsamen Zeilen, die Gruß, Versprechen, Absage bringen.

Auch wenn cs nicht Engelzungen, sondern nur unsere Zungen sind, so würden sie die Menschen beeinflussen und eine Macht schaffen, so gewaltig, daß kein älmsturz sie vernichten könnte."

Aber hier ist mehr von Nöten als Wissen und Aufklärung. Die öffentliche Meinung muß erzogen werden. Wissen allein tut cs nicht, so unendlich wichtig es auch ist. Wie sollen die Menschen lernen, sich selbst im Zaum zu halten, ihre Leidenschaften zu zügeln, ihren Egoismus zu erziehen, sich selbst zu überwinden? Das ist letzten Endes das Geheimnis des Friedens, älnd das ist es, was die Ockumenische Bewegung er­kennt und infolgedessen den Christen in allen Ländern einprägcn will. 3ft der Friedensgedonke nicht zu verwirklichen? Darauf können wir ant­worten, wie unser Erlöser seinen 3üngcrn ant­wortete. als sie. bestürzt über sein Wort und die Gefahr des Reichtums, fragten:3a, wer kann denn selig werden?" 3esus aber sah sie an, und sprach zu ihnen:Bei den Menschen ist's unmög­lich: aber bei Gott sind alle Dinge möglich." (Matth. 19:26.) Es ist unser Menschenamt und unser Christenamt. getreu und geduldig für das

scheinbar Unmögliche, für den Frieden, zu ar­beiten im Glauben an Gottes Verheißung, ge­horsam gegen sein Gebot.

'Denn die Menschen nichts gegen ihre Selbst­herrlichkeit und ihre elenden Leidenschaften tun, dann kommen wir nicht vorwärts zum Frieden. Nur der schmale Weg. da der Mensch sich selbst nicht in Frieden läßt, sondern einen unversöhn- luhen Krieg gegen den alten 'Adam in sich selbst und in anderen führt, nur dieser Weg führt zum Frieden. So '' rieb vor 80 3ähren der französische Literarhisto. le: Ozanam:Es gibt zwei Lehren über den Fo.schritt Die eine, die in der Schule der Sinnlichkeit gepflegt wird, wird den Leiden- schaslen gerecht und gelobt den Rationen ein irdisches Paradies am Ende eines blumenbe- ftreuten Weges: schenkt ihnen aber nur eine frühe Hölle nacheinem blrltigenWeg. Die andere Lehre, geboren und beseelt von dem Christentum, führt mit dem Sieg des Geistes über das Fleisch vorwärts. Diese Lehre, die nichts verfpricht, nur Gewinn aus jencm Streit in der Seele des einzelnen, ist der e i n z i g e W e g zum Frieden für das Volk."

Deutschland, die Entente und die belgische

Neutralität.

Don Or. Gustav JRotoff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

Zu den zugkräftigsten Beweisstücken gegen Deutschland gehurte in der Ententepropaganda stets der Vorwurf, daß Deutschland in frivoler Weise b i e belgische Neutralität verletzt und das geheiligte Derkragsrecht mit Füßen getreten habe. Diemoralische Schuld" schien hierdurch er­wiesen, und Frankreich wie England konnten sich die hehre Aufgabe zuschreiben, bas Recht vor ber deutschen Gewalt schützen zu müssen und die ganze Welt zur Mitwirkung aufzurufen. Wie so mandjc mit der Entstehung des Krieges zusammenhängende Cinzelfrage ist auch dieses belgische Problem durch zahlreiche neu veröffentlichte Urkunden in ein neues Licht gerückt worden, und jene krasse Beschuldigung Deutschlands wird nur noch von in­teressierten Vertretern der Kriegsschuldlüge wie Poincars und Grey, aber nicht mehr von der ernsten Forschung wiederholt.

Bei einer historischen und politischen Beurteilung der belgischen Angelegenheit sind mehrere Punkte zu unterscheiden. Zunächst: hatte Deutschland e i n formales Recht, in Belgien einzumarschieren? Hierauf muß man mitN e i n" antworten. Belgien hatte ein verbrieftes Recht auf Neutralität, und Deutschland hat sich ber Verletzung biefes Rech­tes schuldig gemacht. Der Entschluß zum Einmarsch ergab sich allein aus der strategischen Notlage, ber noch ber Ueberzeugung der deut­schen Heeres- und Staatsleitung nicht anders be­gegnet werden konnte. Schon das sollte billig den­kend von einer moralischen Anklage der deutschen Politik abhalten. Es war doch so, wie wenn ein friedlicher Wanderer durch mehrere Wegelagerer überfallen wird und in der Bedrängnis auf ein fremdes Grundstück springt, um hier Mittel zur Lebensverteidigung zu finden. Der Vorgang, daß neutrale Kleinstaaten durch kriegführende benachbarte Großstaaten in Mitleidenschaft gezogen werden, hat fid) überdies unendlich oft in der Weltgeschichte ab­gespielt, und schwerlich hat jemals eine andere Groß­macht in ähnlicher Lage eine solche Schonung be­absichtigt wie Deutschland im Jahre 1914. Was die deutsche Regierung verlangte, reicht z. B. nicht ent­fernt an das heran, was England im Jahre 1801 und 1807 Dänemark und was die En­tente feit 1916 dem neutralen Griechenland auferlegte: Deutschland begehrte nur das Recht des D u r ch z u g e s und versprack), allen etwa ent­stehenden Schaden zu ersetzen: die Entente verlangte die Teilnahme Griechenlands am Kriege und setzte sie mit den brutalsten Zwangsmitteln durch.

Schon hieraus geht hervor, daß es der Entente übel ansteht, sich als Schätzerin der neutralen Rechte aufzuspielen, aber wir können den Angriff auf ihre

den großen für al.'es, was man nicht fernsprechcn kann ober mag. (Wogegen einige Frauen ein* wenden, sic könnten pcr Telephon sicherer lügen als schriftlich!) Schön find die Farben der Drief- blöcke. Da kleidet die Dame ihre Worte in ein beigefarbenes, gelbliches, zartgraues Lei­nen, wie es im Sommer sie selber bekleidet. 3ntci:effant, was für Futter sie für den Um­schlag wählt. Einfarbig muß es sein: aber wird es sehr schwärzlich fein, oder etwas rot Auf­richtiges oder grün Verheißungsvolles, lila Kom­pliziertes oder braun Landschaftliches haben, das ist die Frage. 3nitialen oder Namenszüge auf dem Triefiopf gibt es noch, aber nicht mehr die schmerzlich langgezogenen der weiland Back­fische. De sind mit dieser Süßwasserwirbeltier­gattung ausgestorlen. Beschäftigte Männer, gebt acht, daß ihr in eurem Posteinlauf die Briefe zarter Hand auf den ersten Blick von Geschäfts­briefen unterscheidet, um sie stürmischer oder auch genußsüchtig langsamer aufzumachen. 3etzt haben ja die Briese vielerHäuser" dasselbe längliche, dreigefaltete Format wie die priva­testen. Man sieht sie schmal aus dem Hausen vorragen, man hofft, greift, schneidet auf. sieht Maschinenschrift und ist enttäuscht. Ach. das Le­ben wird immer ähnlicher! Schließlich machen einem die schönsten Briefpapiere keinen Spaß mehr, und man hat seine Freude nur noch an Zufallszetteln, die eine liebe Hand irgendwo auf griff, um mit fleckiger Tinte, kritzligem Blei­stift ober in äußerster Not wenn nicht aus Ue.crmut mit bem Lippenstift Holdseliges darauf zu schreiben.

Oer Apachenkönig von Marseille.

Kasimir Micheletti konnte mit Recht behaupten, sein bewegtes Leben sei interesianter als mancher Kriminalroman. Als Sproß einer altangesehenen ita­lienischen Abelsfamilie lehnte er sich bereits als Acht­zehnjähriger gegen die bürgerliche Wettorbnung auf und suchte Fühlung mit nihilistischen Kreisen. Aus bem Nichts kann man aber nicht gut leben, unb Ka­simir, ber fanatische Bekärnpfer aller bestehenden Einrichtungen, war nun einmal an ein üppiges Leben gewohnt. Der Weg vom Nihilisten zum Apachen war nicht schwer. Die politischen Ideale schob man eben zur Seite, unb man wurde einfach ein sogenannter schwerer Junge. Allerdings nicht im alltäglichen Sinne. Micheletti beschränkte sich daraus, die Reichen auszuplündern, behelligte niemals kleine Leute unb

achtete peinlichst darauf, seine aristokratischen Hände niemals mit Blut zu beschmutzen. Er betätigte sich in fast allen Staaten der Welt, beglückte audj Amerika mit einer ausgiebigen Geschäftsreise unb ließ sich vor etwa zehn Jahren in Marseille als Bandenführer der dortigen berüdjtigten Unterwelt nieder. Laut An­gaben der Polizei belastete Kasimir der Unfaßbare fein Schuldkonto innerhalb eines Jahrzehnts mit nicht weniger als 379 Einbrüchen, Erpressungen, Ent­führungen u. a. m., ohne auch nur ein einziges Mal in direkte Berührung mit ber Behörde zu kommen. Um sein langgesuchtes Haupt spann sich die Legende, es sei unverwundbar; aus sämtlichen (nicht geringen) Kämpfen mit seinen Konkurrenten und aus persön­lichen Duellen mit anderen Apachenführern kam er in der Tat als unverletzter Alleinsieger hervor. Nun ereilte ihn doch sein Schicksal: eine Salve feiner Feinde brachte ihn zur Strecke. Nicht weniger als 18 Revolverschüsse durchbohrten seinen Körper! Die Beerdigung des berühmten Apachenkönigs verlief nach amerikanischem Muster überaus prunkvoll; die Unterwelt wußte, was sie ihrem Häuptling schuldet ...

Vorwürfe noch schärfer führen und den Beweis erbringen, daß die Entente Belgien vor dem Kriege- gar nicht als neutrales Land b e trachtet, und daß Belgien s e I b ft sich gegen die mit ber Neutralität verbundenen Pflichten ver­gangen hat.

Frankreich hat seit dem Bestehen Belgiens (seit 1830) danach getrachtet, das kleine Land in irgend einer Weise unter seine Herrschaft zu bringen. Nach dem Napoleons UI. direkte Annexionsbestrebungen gescheitert waren, hat die Republik seine 'Bemühun­gen in anderer Form fortgesetzt, wie zum ersten Male schon im Jahre 1917 durch eine sorgfältige Untersuchung von Paul D i r r (Belgien als fraji zosische Ostmark, Berlin 1917) unwiderleglich nach­gewiesen worden ist. Private und öffentliche Ver­einigungen aus Frankreich trieben eine rührige Pro­paganda in Belgien, uni Regierung unb öffentliche Meinung zugunsten Frankreichs zu beeinflussen unb gegen Deutschland einzunehmen; durch die Presse, Theater, Broschüren, Schulbücher, durch französifdie von der Pariser Regierung finanziell unterstützte Schulen, durch Reden von französischen Agenten unb Konsulatsbeamten auf Kongressen französisch-belgi­scher Vereine und ähnliche Mittel wurde die An­schauung verbreitet, daß Belgien sich als ein Vor­land Frankreichs betrachten und an der Aus- führung des Revanchegedankens mithelfen müsse; 'Belgiens und Elsaß-Lothringens Schicksal, hieß es gelegentlich, sei unzertrennlich. Auch in den Gegensatz zwischen Wallonen und Vla- men mischte sich diese Agitation ein, Regierung und Kammer in Paris suchten sogar durch Drohun gen die Einrichtung einer vlämischen Hochschule in Gent zu hintertreiben. Daß solche Bestrebungen, Belgien der französischen Politik dienstbar zu machen, dem Gedanken der belgischen Neutralität und Un­abhängigkeit ins Gesicht schlugen, braucht nicht wei­ter ausgeführt zu werden.

Aber die Entente ging noch weiter und suchte Belgien sich auch mili'tärifdj anzugliedern. Man hatte das schon aus einigen Stücken des Brüsseler Archivs im Jahre 1914 erfahren, und vor wenigen Jahren sind aus intimen englischen Dokumenten hierüber neue höchst wertvolle Einzelheiten bekannt­geworden. In den Tagen, da sich die Marokko- nische Differenz zwischen Frankreid) unb Deutschland immer mehr zuspitzte und England und Frankreich sich immer enger verbanden (Anfang 1906), verhandelten der englische Militärattache Barnadiston in Brüssel und der Chef des bel­gischen Generalstabes, Duraxne im Auftrag ihrer Regierungen überbicBorbereitungeines gemeinsamen Krieges gegen Deutsch­

Hochschulnachn'chien.

In Marburg ist nach kurzem Leiden der hier seit langen Jahren wohnhafte Nestor der deutschen Philosophie, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Johannes Rehmke, gestorben. Der Ber- blichene, der in ungewöhnlicher Rüstigkeit unb Geistesfrische ein Alter von 84 Jahren erreichte, wurde in Elmshorn geboren. Er studierte in Kiel und Zürich Theologie und Philosophie und wurde dann Lehrer an der Äantonschule 3t. Gallen. Er habilitierte sich 1884 in Berlin und ging bann nach Greifswald, wo er 1898 99 Rektor der dortigen Universität war. Seit 1921 wohnte Geheimrat Rehmke in Marburg.

. 3n der Rechts- and Staatswissenschaf t- lichen Fakultät der Universität Marburg ist der Privatdozent für Volkswirtschaftslehre und Finanzwiisenschast Dr. rer. pol. Erwin Wisse- mann beauftragt worden, die Statistik, dieDer- kehrswifsenschaft und die Weltwirsa'ts lehre in Vorlesungen und Hebungen zu v'rlrrten. Amtlich wird die Versetzung des o. Prvf.ssors der Chirur­gie Dr. Hans von Haberer von der Medizini­schen Akademie in Düsseldorf in gleicher Eigenschaft in die Medizinische Fakultät der älniversität Köln als Nachfolger von Geheimrat Otto ZUnumn bestätigt.