Nr. 251 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Montag, 27. Oktober 1950
Vilanz am Trafalgar Tag.
Don unserem Londoner Mitarbeiter.
London, Ende Oktober 1930.
In dem Admirals-Wohnzimmer Nelsons auf dem alten Schlachtschiff „Dictory" tafelt eine erlesene Schar englischer Seeoffiziere zum Gedächtnis des größten englischen Seesieges. Am Fuße der Nelsonfäule auf dem Trafalgarsquare liegt der große Kranz, der dem Gedächtnis des Siegels und Toten von Trafalgar geweiht ist. Heber allen englischen Herzen flattert Nelsons unsterbliches Signal an die englische Flotten „England erwartet, daß jedermann seine Pflicht tun wird." England feiert die Ge - burtsstunde seiner Weltmacht. An diesem Tage wurde das Schicksal des größten Gegners Englands, Napoleons, besiegelt. Er ver- lor die Seeherrschaft und damit den Krieg. Preußen leistete den anderen Teil d->r Aufgabe. Es führte und gewann den Krieg zu Lande. Wiederholt hatte sich die deutsch-englische Waffenbrüderschaft belohnt. Ohne Trafalgar kein Waterloo: aber ohne Waterloo und Leipzig war Trafalgar kein Sieg, sondern nur ein Erfolg.
Inzwischen hat sich das Rad der Zeit um mehr als ein Iahrhundert gedreht. Im Locarnosaal des Foreign Office tagt noch immer die R e i ch s k o n f e r e n z, um die englische Bilanz ausdem Weltkriege zu errechnen. England hat in den Iahren 1914 bis 1918 keinen Seesieg von Trafalgar erfochten und hat deshalb, das ist die bittere Empfindung jedes klar denkenden Engländers, den Weltkrieg verloren. So groß seine Leistung war, der Sieg von 1918 war ein französischer und kein englischer Sieg. In diesem Iahrhundert ist die Schlacht von Trafalgar verloren worden, obwohl der persönliche Einsatz Englands weit schwerer war als vor 125 Iahren. England hat aufgehört eine Insel zu sein. Die ungeheuer eindrucksvolle Totenfeier für die Opfer des Luftschiffs „R101" war, wenn man das sagen darf, zugleich ein Begräbnis der Inselhaftigkeit. Auf französischem Boden ging das Luftschiff zugrunde, und die französische Regierung wird den Toten am Orte der Katastrophe ein Ehrenmal errichten. Lebte Nelson heute, so wäre er vielleicht unter den Opfern dieses Unglücks, bei dem die Blüte der englischen Luftflotte zugrunde gegangen ist.
Auf der Reichskonferenz streitet man sich um das Q u o t e n s h st e m. Cs stellt den Schnittpunkt widerstreitender Interessen dar. Das Dorzugszollsystem soll auf einen Deimischungs- zwang von englischen und kolonialen Erzeugnissen aufgebaut werden. Das ist eine scheinbar recht triviale Angelegenheit. Tiber der Gedanke erscheint gut und zweckmäßig, wenngleich er ndch nicht ganz zu Ende gedacht ist. Er hat eine eigentümliche Wirkung ausgelöst: eine Revolte im konservativen Lager — und wieder ist Baldwin, der bestimmt kein Nelson ist, nein ganz und gar nicht, zum Sturmzentrum gemacht, aus dem aber, wie üblich, der Dampf aus Baldwins Pfeife, als herrschte Windstille, friedlich emporsteigt. Dieser Baldwin macht einmal wieder den Zaudernden. Er sagt halb ja, halb sagt er nein und die Partei ist in Aufruhr. Dabei soll schnell, entschlossen gehandelt werden. Dies ist, das fühlt jeder, der unwiederbringliche, der geschichtliche Augenblick zum Handeln. Aber es wird nicht gehandelt. Man erwägt, man berät. Die Konferenz kommt nicht vom Fleck. Auch die Wahlchancen werden bei dieser Taktik immer nebelhafter.
Es fehlt dem heutigen England an Köpfen. Temperamente sind schon vorhanden. Der Schah- kanzler a. D. Churchill mit seiner Zigarre und seinem kleinen Hütchen hat schon wieder ein; Buch Selbstbiographie erscheinen lassen. Er ist zum Thucydides des Weltkrieges geworden und
Gießener Siadttheaier.
Gastspiel der Ludwig-Thoma-Biihne.
Einer der großen und überraschenden Erfolge der reichshauptstädtischen Saison war merkwürdigerweise der durchschlagende und über Berlin hinausreichende Bühnensieg eines bayerischen Bauerntheaters. Man erlebte — ähnlich und dennoch unter anderen Voraussetzungen als seinerzeit bei der Premiere des „Fröhlichen Weinbergs" — die Pikanterie, daß das snobistische Publikum des Kurfürsten- und Schiffbauerdamms von bäuerlicher Urwüchsigkeit und Bodenständigkeit glatt überrumpelt wird.
*
Die Ludwig-Thoma-Bühne in Egern ist eine Entdeckung Zuckmayers. Er hat sie, wie seinerzeit eine der letzten, wandernden Seiltänzer- truppen für seine „Katharina Knie", nach Berlin gebracht und die Genugtuung ihres großen Erfolges erlebt. Dieser Erfolg ist auch weder ein Zufall noch eine Reaktionserscheinung noch eine Modelaune, sondern innerlich und aus gediegener Qualität begründet. Solches Bauerntheater ist echt und hat nichts von dem fatalen Beigeschmack, der ähnlichen Unternehmungen häufig anhaftet. Nichts von leiser Lächerlichkeit, von Salontirolerei und Heimatkunst in Ans ührungszeichen. Diese Bauern spielen sich selbst, ohne Mätzchen «und ohne falsche Prätension. Und die Bezeichnung „Volksstück" ist diesmal nicht, wie so oft, Entschuldigung, Vorwand oder Ausrede, — sondern allenfalls eine Bescheidenheit.
Eine Bescheidenheit des verstorbenen Dichters Ludwig Thoma; denn wenn man sein Volks- siück „M a g ö a I c n a“ bei dem Namen nennen wollte, der ihm weniger gattungsmäßig als wertmäßig zukommt, dann würde man den oft mißbrauchten Ehrennamen der Tragödie kaum umgehen können.
Die besten Arbeiten Thomas sind leider nicht sv bekannt geworden, wie sie es verdienten: populär sind seine „Lausbubengeschichten" mit der berühmten Tante Frida und den allerdings entzückenden Illustrationen von Gulbransson, die bayerischen Schwänke wie der „Postsekretär im Himmel" und die wirksamen, aber ziemlich unbedeutenden kleinen Einakter. Seine wertvollsten Schöpfungen, wie der Dauernroman vom „Wittiber" und das Bauemschauspiel „Magdalena", sind kaum ins Volk gedrungen.
e
Hier hat man ein Gegenstück zu dem in der Literatur bevorzugten Motiv vom verlorenen Sohn. Hier ist, wie bei Hebbel, die Heldin eine
jetzt wird er gar zum Monitor der englischen Nation. Die Iugend. der Sturm und Drang, der sich in diesem Buche enthüllt, zeigt mehr von den wirklichen Fundamenten englifdjer Weltmacht auf, als professorale Darlegungen von Macht und Wirtschaftsverknüpfungen es vermöchten. Churchill ist von Natur ein Abenteurer, ein Desperado. Er ist ein Militär vom Scheitel bis zur Sohle. Hätte man ihm getraut, er hätte den Krieg verloren oder gewonnen, aber er hätte sich nichk mit dem halben Erfolg, dem faulen Frieden begnügt. Er ist ein Nachfahre Nelsons.
Diese Leute sind nicht ausgestorben. Aber sie kommen nicht mehr in der Politik zu Worte. Sie müssen Bücher schreiben. Man macht Literatur aus ihnen oder sie verzehren sich in ungefülltem Tatenhunger wie der eben verstorbene Lord Birkenhead. Das Heroische ist in England gewiß noch lebendig, aber es ist unterdrückt. Es ist in. gewissem Sinne durch das Ereignis des Weltkrieges erdrückt worden. Dem Engländer war die Technik des Grabenkrieges verhaßter als irgendeinem anderen Dolle, obwohl die englische Kavallerie hierzulande den begründeten Ruf genießt, die schlechteste der Welt zu sein. Das England der Vorkriegszeit, das England Nelsons ifti
in Flandern und im Blockadekrieg politisch erstickt. Leute wie Baldwin vermögen diese Lust zu atmen und dabei zu gedeihen, aber als Nation kann man sie nicht ertragen.
Aus solchen Stimmungen entspringen die Husarenritte in der Presse, wie sie die Presselords^ Hier und da, fei es für Mussolini, fei es für* Adolf Hitler unternahmen. Sie verstehen von Politik wenig, um so mehr aber von der Seele ihrer Leser. Heraus aus der Stickluft derNachkriegszeit! Aber wie? Sehen wir hier den Sah, den Churchill als Denkmalsspruch erdachte, hin: „2m Kriege Entschlußkraft. In der Niederlage Troh. Im Siege Großmut. Im Frieden guten Willen." Dieser Satz ist klassisch, er ist englisch, er ist so völlig englisch, daß er in; jeder Silbe unwahr ist. Dies England hat es nie gegeben. Aber es wäre schön, wenn ein solches England erstünde. Und auf der Grundlage des Quotensystems wird man es nicht schassen. Daß aber jeder Engländer auf so erhabene Sähe blindlings schwört, wie sie Churchill entwarf, muß der Gerechtigkeit halber anerkannt werden. Man fühlt es dumpf: diele Gesinnung von Trafalgar bleibt Englands letzte Rettung.
Verlegung der Schutzpolizei von Butzbach nach Friedberg?
Protest der Stadt Butzbach.
pb. Butzbach, 26. Ott.
Gestern abend fand im „Hessischen Hof" eine Versammlung der Vorstände des Bürger- und Gewerbeoereins, des Vereins des Einzelhandels sowie einer Anzahl Stadträte und Mitglieder der Industrie usw. unter Vorsitz des Justizinspektors D i e r h e l l e r statt. Auch Bürgermeister Dr. Ian- s e n und Beigeordneter Ploch waren zugegen. Es war bekannt geworden, daß die Regierung beabsichtige, den Standort der oberhessischen Schutzpolizei von Butzbach nach Friedberg zu verlegen.
Zunächst legte Bürgermeister Dr. Jansen bar, daß schon längere Zeit bekannt war, daß nach Abzug der Besatzungstruppen aus Mainz zwei Polizeibereitschaften dorthin verlegt werden sollten. Bisher hätten die in . Betracht kommenden Behörden nur Butzbach als den gegebenen Standort angesehen, erst in allerletzter Zeit sei die Verlegung nach Friedberg ernstlich erwogen worden. Obgleich nicht angenommen werden könne, daß die Regierung ihren Standpunkt, trotz der für Butzbach sprechenden wichtigen sachlichen Gründe ändere, sei es doch notwendig, verschiedene wichtige Gesichtspunkte zu erörtern:
1. seien die verbleibenden Bereitschaften für die ganze Provinz bestimmt, infolge feiner geographischen Lage fei deshalb Butzbach als Stand- o r t besonders geeignet;
2. bedingen die Zellenstrafanstalt und das in Rockenberg befindliche Landeszuchthaus von selbst, daß ein großes Polizeiaufgebot seinen Standort in nächster Nachbarschaft hat, da bei politischen Unruhen derartige Anstalten sehr oft der Angriffspunkt für Unruhestifter usw. seien. Weiter sei noch zu berücksichtigen, daß alle Schubtransporte von und zu den Anstalten bisher ohne besondere Kosten für den Staat vorgenommen wurden, während bei einer Verlegung nach einem anderen Orte hierdurch wesentliche Fahrtunkosten usw. entstehen würden.
3. seien Hnterkunftsräume für die Beamten sowie für Bureau- und Kassenzwecke genügend und in gutem baulichen Zustand vorhanden, ob dies anderwärts der Fall sei, lasse er dahingestellt:
4. sei die Wohnungsfrage für Offiziers- und Deamlenfamilien bisher hier gut gelöst. Durch die fast völlige Stillegung der Damag-Meguin AG. und den damit verbundenen Wegzug einer größeren Anzahl Beamten würden weitere Wohnungen in absehbarer Zeit frei. Die Unier- bringung der hierher eventuell zu verlegenden weiteren Bereitschaft dürste deshalb keine Schwierigkeit bereiten;
5. haben sich die wirtschaftlichen Verhältnisse Butzbachs in letzter Zeit durch die Stillegung der Bamag-Meguin AG. und anderer Betriebe derartig verschlechtert, daß die gesamte Bevölkerung es nicht verstehen würde, wenn durch eine derartige staatliche Maßnahme eine weitere unerträgliche Schädigung der hiesigen Gewerbe- treibenben und Geschäftsleute herbeigeführt würde.
Heber diese Darlegungen sand eine eingehende Aussprache statt. Es wurde der Beschluß gefaßt, unverzüglich beim Ministerium Schritte gegen die geplante Verlegung der Schupo nach Friedberg zu unternehmen. Zu diesem Zwecke wurde eine Kommission, bestehend aus Bürgermeister Dr. I a n s c n, Stadtrat Hadermann und Linkmann, sowie Kaufmann Otto Gerhardt gewähtt, die am Montagvormittag beim Minister des Innern vorstellig werden sollen. Gleichzeitig wurde eine Eingabe an den Innenminister und an den Iustizminister beschlossen.
172 Jahre Zuchthaus für ein gestohlenes Fahrrad.
WSN. Mainz, 25. Olt. Der Schneider Erwin Dordewin stahl vor einem Iahre ein auf der Straße stehendes Fahrrad. Durch mehrere Zeugen wurde festgestellt. daß er das Rad in Budenheim zum Verkaufe anbot. Das Gericht erkannte gegen den rückfälligen Dieb unter Verweigerung mildernder Hmstände auf eine Zuchthaus- ft r a f evon einemIahrsechsMonaten und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Iahre.
verlorene Tochter. Hebbels bürgerliches Trauerspiel wurde in eine andere soziologische Sphäre, in den bäuerlichen Lebensraum übertragen und aus bäuerlichen Sittengesetzen und Gemeinschaftsgefühlen heraus zum Ablauf gebracht. Damit war zugleich in der Linienführung der drei Akte, im; Aufbau der Fabel die vertrackte und Dergrübelte Kompliziertheit (Hebbels) zugunsten sehr klarer und ungebrochener Konturen glücklich vermieden.
•
Magdalena, Tochter der Gütlersleute Mahr, nimmt, zu schwach für die schwere Arbeit daheim im Dorf, einen Dienst in der Stadt an. fällt dort, unerfahren wie sie ist, einem Heiratsschwindler in die Hände, der ihr das bißchen Ersparte abgaunert und sie sitzen läßt; Magdalena gerät auf Abwege; das geht nicht lange gut, und eines Tages wird sie vom Gendarm, unter dem Hallo und Geschrei und sittlicher Entrüstung der ganzen kleinen Dorfgemeinde ihren ehrlichen Eltern zu Schimpf und Schande wieder ind Haus gebracht.
•
Die Mutter, die bei der ersten Nachricht vom Hnglück ihres Kindes zu kränkeln begann, stirbt bald nachdem sie die verlorene Tochter wieder in ihr Haus und an ihr Herz genommen hat; sie stirbt in der Hoffnung, daß die Leni auf den rechten Weg zurücksinde, — mit dem Versprechen des Vaters, das Geschehene vergessen und begraben sein zu lassen.
Das ist leichter versprochen als gehalten. Die bäuerliche Lebensgemeinschaft des Dorfbezirkes beginnt sich gegen die Zurückgekehrte zur Wehr zu setzen, die nach den hier herrschenden Begriffen das Recht zur Heimkehr und zur Gemeinschaft verspielt hat. Den Vater erschüttert nicht so sehr der Fehltritt wie das mißtrauen, die Verachtung und Aechtung, das Gerede und Geraune in der Gemeinde.
Seine alte Feindschaft gegen den Bürgermeister findet mit der Rückkunft der Tochter neue Nahrung. Die Gemeinde versucht, ihre untauglich gewordenen Glieder abzustoßen, vom angestammten Boden zu verdrängen. Der Gütler Mayr setzt sich zur Wehr. Magdalena mochte alles vergessen, wieder gutmachen, möchte heiraten, ist ahnungslos freundlich zu dem Knecht ihres Vaters. Der, mißttauisch unb mißverstehend, kündigt den Dienst auf und geht.
•
Magdalena fühlt, daß sie hier nicht mehr Fuß fassen und heimisch werden kann, sinnt auf Flucht, hat aber kein Geld dazu. Als sie es schließlich von einem Burschen, der ihr nachsteltt und bei ihr fensterlt, naiv färbet, ist sie verloren. Der Sturm dörflicher Empörung bricht los; aber noch ehe sie zum zweitenmal das Dorf verlassen kann,
wird sie von ihrem völlig verzweifelten und entwurzelten Vater, der wie alle andern an einen Rückfall in die früheren Verfehlungen glaubt, erstochen.
Die Tragik dieses jähen und blutigen Endes liegt weniger in der Tatsache des gewaltsamen Todes als darin, daß die Magdalena gar nicht begreift, worin ihre Schuld eigentlich besteht, und warum die Empörung der Dorfgemeinschaft sich mit einer so erbitterten Einstimmigkeit gegen sie wendet.
Die Wesens- und Charaktermischung dieses, jungen Bauernmädchens ist von Thoma mit einer unerhörten Sicherheit beobachtet und dargestellt worden. Die Leni ist ein Typus, dennoch von nicht alltäglicher Art; sie ist weder ein Weibsteufel noch ein „Triebwesen". Sie ist ganz einfach ein Naturkind, an sich unschuldig, aber ein wenig leichtsinnig und ein wenig dumm (obwohl sie später nach der Rückkehr den Knecht mit ganz sicherem, weiblichen Instinkt zu nehmen versteht); sie ist unerfahren und weltungewohnt; sie handelt primitiv, sie findet gar nichts „dabei" (bei dem, was sie getan hat) und rechtfertigt sich halb verstockt, halb schmollend, sie habe doch „niemandem etwas gestohlen".
*
Sie begreift weder, daß keiner sie „jetzt noch" heiraten will, noch daß ihre Forderung nach „ein paar Markin", die sie nur haben will, um von Hause fortzukommen, so verhängnisvoll mißverstanden werden könnte. Sie geht nicht so sehr aus eigener Schuld als an ihrer Umwelt zugrunde, der sie — hier und dort — nicht gewachsen ist; es bricht über sie herein, und so bekommt ihr Untergang, dieser grelle Abschluß eines Bauerndramas, etwas Schicksalmäßiges, obwohl die Tat des Vaters nichts theatralisch Zufälliges an sich hat, sondern von innen her notwendig, unausweichlich und unvermeidlich erscheint. —
*
Die Aufführung — Spielleitung: Max Schultes — entspricht durchaus dem Niveau und Charakter des Schauspiels. Sie ist von überzeugender Geschlossenheit und Einheitlichkeit; das liegt wohl zunächst daran, daß diese Bauern auf dem Theater durchaus in der ihren angeborenen Lebenssphäre bleiben und nirgends den ihnen von Natur gegebenen Bezirk des Denkens und Handelns überschreiten oder durchbrechen.
Sie spielen Theater, aber sie spielen dabei sich selbst; sie brauchen ihre Ausdrucksmöglichkeiten nirgends einer ihnen fremden Form anzupassen. Sie spielen ganz einfach, ohne falsches Pathos, ohne einen falschen Ton, gradlinig und großzügig. Ihr Szenenbild ist so klar und oft monumental und aus eigenstem Stilgefühl gewachsen — wie etwa die wuchtigen Bauernkompositionen des Malers Albin Egger-Lienz.
Aus der provinzialbauptfiadt.
Gießen, den 27. Oktober 1930.
Tierschutz in Hessen.
Der Gesetzgebungsausschuß des Hessischen Landtags befaßte sich mit Forderungen des Tierschutzes. Der nationalsozialistische 2lb- geordncte Dr. Werner hatte in einem längeren Antrag verschiedene Einzelsorderungen erhoben. Innenminister Leuschner und die übrigen Ausschußmitg ieder erklärten ihre Sympathie mit den Forderungen des Anttagstellers. die jedoch in manchen Dingen zu weit gingen. Die bestehenden Polizeivorschristcn in Hessen genügten. Allerdings müsse das Publikum die Polizei bei Hebertretungen des Tierschuhgesetzes unterstützen. Rach längerer AuSjprache wurde schließlich die Regierung ersucht, sich für das Nachstehende einzusetzen:
1. Forderung des Schuhes aller Tiere durch entsprechende Maßnahmen.
2. Weitestgehende Aufklärung in den Schulen, um die Iugend schon frühzeitig in tierfreundlichem Sinne zu erziehen.
3. Förderung aller Bestrebungen zur Schaffung moderner und hygienischer Schlachthäuser und humanste Schlachtmethoden.
4. Ausbau der Desttrnmungen zum Schutze der Vögel.
5. Einschränkung von Verstümmelungen lebender Tiere.
Der Antrag „Verbesserung der Vorschriften über die Viehtransporte zu Wasser, zu Land und Luft und deren internationale Regelung" wurde der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. Die Wernerschen Anträge: „In jedem Lande ist ein Tierschuhamt zu errichten, dessen einzige Aufgabe die Wahrung der Rechte der Tiere ist — die gänzliche Abschaffung der Vivisektion in allen Ländern einschließlich der vielfachen mit der Impfstoff- und Serumgewinnung verbundenen Tierquälereien. Verbot des betäubungslos en Schlachte ns, gesetzliches Cberbot der Verwendung von Hunden als Zugtiere und Verbot des dauernden Ankettens von Hunden, wurden abgelehnt. Diese Vorschriften gingen dem Ausschuß zum Teil zu weit, zum Teil bestehen hier bereits entsprechende polizeiliche Vor- schristen.
Eine Eingabe des Tierschuhvereins für Hessen, in der die gesetzliche Betäubung aller Sch 1 ach11iere verlangt wird, wurde a b gelehnt. Eine baxu vorliegende Eingabe des Hessischen Landesverbandes gefeßedtreuer Synagogengemeinden wurde für erledigt erklärt.
Erster Schnee im Vogelsberg.
Am Samstagnachmittag fielen auf dem Hohe- rodskopf fünf Zentimeter Schnee. Er konnte sich allerdings noch nicht halten und war am Sonntagnachmittag bereits wieder verschwunden. In der vergangenen Nacht betrug die Temperatur auf dem Hoherodskopf 0,5 Grad unter N u 11. — In der Nacht auf Samstag hat der Winter auch im Taunus un» im Westerwald seine Visitenkarte abgegeben. Am Samstagmorgen leuchtete von den Kuppen der Berge blendendes Weiß, und einzelne Orte in höheren Lagen, wie z. B. Rennerod im Westerwald, waren von einer geschlossenen Schneedecke umgeben, die erst am Sams tagnachrnittag schmolz.
Daten für Dienstag, 28. Oktober.
1867: der Philosoph Hans Driesch in Kreuznach geboten; 1916: der Fliegerhauptmann Oswald Dölcke an der Westfront gefallen.
Bornotizen.
— Tageskalender fürMotag. Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Spielereien emer Kaiserin". — Astoria-Lichtspiele: „Polizeispionin 77" und „Der Grenzreiter von Texas".
Diese Ebenmäßigkeit und Geschlossenheit des Ensembles wirkte für unser Gefühl stärker als die zweifellos vortrefflichen und allenthalben von ausgeprägter Individualität bestimmten Einzelgeftaltun- gen. Da ist zunächst die Magdalena der Loni Schultes, der ihr ganz unverdorbenes, unverbrauchtes Naturtemperament ein Engagement am Berliner Künftlertheater eingetragen hat; sie gibt die Magdalena mit einem sehr feinen Instinkt für die besondere menschliche Mischung des Charakters, mit aller Einfalt dieser törichten Jungfrau in Geste und verwundertem Stimmklang, herb und verführerisch zugleich, aus ganz weiblichem Gefühl heraus — aber (etwa in der Szene mit dem Knecht im Mittelakt) ohne die unfehlbar peinliche Theaterei, die sich kaum eine bürgerlich-routinierte Schauspielerin hätte entgehen lassen.
*
Eine sehr starke Leistung bot dann Max Schultes, der Spielführer der Truppe, in der Rolle des Thomas Mayr; er übertrug den Charakter des Hebbelschen Meister Anton in die einfachere, minder philosophische, minder ocrgrübelte bäuerliche Lebensanschauung und schuf mit wuchtigen Strichen eine Gestalt von überzeugendem, menschlichen Umriß.
Den größeren Teil des ersten Aktes beherrschte die von Maria Schweighofer aus liebevollem Verständnis mit mütterlicher Wärme umgebene Gütlerin Marian Mayr. — Auch in der übrigen Besetzung gab es keine schwache oder brüchige Position; wir nennen noch: Hermann Erhardt (Kaltner); Bertl Schultes (Moosrainer); Ander! Kern (Kooperator). —
*
Das Gastspiel hinterließ einen tiefen Eindruck. Sehr bedauerlich, daß das Theater so auffallend schlecht besucht war. hth.
Hochschulnacbrichten.
In Wien starb der frühere Professor des Dibeistudiums des Alten und Reuen Testaments, der orientalischen Sprachen und der biblischen Altertumskunde in der Theologischen Fakultät der Hniversität Innsbruck, zuletzt Letter des neugegründeten Päpstlichen B ibe linst ituts in Rom, Dr. theol. et phil. Leopold Fonck im Alter von 65 Iahren. — In Graz ist der Geograph, Hofrat Hniversitätsprofessor Dr. Aug. Böhm von Böhmersheim im Atter von 72 Iahren gestorben. — Der durch seine Forschungen auf dem Gebiete der Gehirnpathologie bekannt gewordene frühere Direktor der Nerven- Poliklinü und des Hirnanatomischen Institutes an der Hniversttät Zürich Professor Dr. Constantin von Monakow ist im Alter von 77 Iahren gestorben.


