Einzelbild herunterladen

Nr. 125 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 27. Mai (950

WofließenunfereSpargelderhin?

AuS Sparkassenkreisen wird unS geschrieben: Ende April wurde im Thüringer Landtag der Gesetzentwurf über die öffentlichen Sparkassen angenommen, der diese verpflichtet, einen Teil aller neuen Spareinlagen (20 bis 30 Prozent) in Thür. StaatSpapieren anzulegen. Begründet wird diese Maßnahme damit, daß die Finanznot Thü­ringens eine Stützung und Sicherung des KurseS der staatlichen Schuldver'chreibungen fordere. Preußen wird, wie verlautet, mit einem ähnlichen Gesetz demnächst folgen uno bei der Begierde, mit der alle neu auf tauchenden Finanzideen in Deutschland ausgegriffen werden, ist daznit zu rechnen, daß noch eine ganze Reihe anderer Staaten in gleicher Weise vorgehen werden.

Diese tief einschneidenden Maßnahmen geben noch mehr zu Bedenken Anlaß, wenn man berück­sichtigt, daß auch der Deutsche Städte­tag die Umschuldung der kurzfristigen Kommunalkredite in langfristige in ähn­licher Weise betreibt. Hierzu sollen sämtliche öffentlichen Sparkassen während eines gewissen Zeitraumes 50 Prozent ihres Einlagezuwachses an Spargeldern gegen Kommunalobli­gationen oder Schuldscheine abge­ben. Durch eine weiterhin zu bildende Liqui- ditätSreserve dürfte das Sparkapital, das zur freien Verfügung übrig bleibt, nur noch 25 Pro­zent des Gesamtzuwachses betragen. Es ist des­halb erklärlich, daß die dahingehenden Beschlüsse des Deutschen Städtetages selbst in Sparkassen­kreisen außerordentlichen Widerspruch gefunden haben. Man spricht sogar davon, daß diese Maß­nahmen dazu angetan seien, das Vertrauen der privaten Oefsentuchkeit zu den Sparkassen ernst­lich zu erschüttern, und weist auf die Folgen der sich daraus ergebenden Kapitalabwande­rungen hin.

Welche Bedeutung hat aber dieses Vorgehen für die private Wirtschaft und die Sparerkreise? Die Sanierungsaktion der Länder und Kommu­nen hat zur Steige, daß eine beträchtliche Summe an Sparmitteln der schwer kämpfenden heimischen Wirtschaft entzogen wird. Staat und Kommunen sollten aber stets bestrebt sein, die Spargelder ungehindert dahin fließen zu lassen, wo sie drin­gend benötigt werden, in Handel, Handwerk, In­dustrie, Landwirtschaft und am Baumarkt

Auch von feiten des Sparers ist dieser Frage eine wesentliche Bedeutung beizumessen. GS ist keineswegs so, daß es dem Sparer gleich ist, w o seine sauer verdienten Spargroschen hin­fliehen und in welcher Weise sie Verwendung finden. Er wird sich instinktiv jeder Zwangs- bewirtschastung seiner Gelder von vornherein entgegensetzen, besonders wenn er erfährt, daß sie lediglich zu Sanierungsmaßnahmen für Länder und Kommunen Verwendung finden sollen. Der Sparer will - und das trifft insbesondere aus die Sparer der ländlichen Be­völkerung zu, daß seine Gelder produktive Verwendung finden und nicht irgendwo brach liegen.

Oer Prohibitionskampf in Amerika.

In dem jetzt in Amerika in Gang gekommenen Wahlkamps hat einer der Führer der republika­nischen Partei, der bekanntlich auch Präsident Hoover angehört, nämlich der frühere Botschafter in Meriko, Morrow, in einer Versammlungs­rede sich für die Aufhebung der jetzt bestehenden Prohibitionsgesetzge­bung eingesetzt. Morrow begründet seine Stel­lungnahme gegen das Alkoholverbot mit der all­seitig in Amerika gemachten Erfahrung, daß die notwendige Folge der jetzigen Gesetzgebung eine ausgedehnte Korruption ist, die nur durch die Beseitigung wieder aus der Welt geschasst werden könne. Morrow verlangt, daß das Selbstbestimmungsrecht der Einzel- st a a t e n in der amerikanischen Union wiederher- gestellt werde, da aus bevölkerungspolitischen und

Mein Rabe Daniel.

Don Ernst Eimer.

Der kleine schwarze Kerl saß an einem Som- mermorgen im Unterholz eines Buchenwaldes. Und als ich ihm dort den Schnabel streichelte, spuckte er mir einen Kirschenstein aus die Hand. Ich nannte den Raben Daniel, nahm ihn mit nach Hause und gab ihm als Wohnung einen großen Hühnerkasten. .

Vierzehn Tage später machte mein kleiner Freund die ersten Flugversuche: zunächst aus die Beerensträucher, dann auf die Ruhhecken und in der dritten Woche hüpfte er schon im Geäst eines hohen Apfelbaumes herum und sagte ,Kracks".

Ans Auskneifen dachte Daniel nicht, obwohl er jetzt nachts im ©arten auf einem Baume saß und tagsüber zahlreiche Erkundungsflüge in die nähere und auch weitere Umgebung unternahm.

Der drollige Bursche entwickelte einen fabel­haften Appetit, und mit großem Gekrächze und eifrigem Flügclfchlagen verlangte er zu icder Tagesstunde ein neues Frühstück. Die besten Brocken trug der Schlaue natürlich in ein Ver­steck. Mit Vorliebe bohrte er seine Schätze m den Grasboden und deckte sie mit Blättern zu.

Ein kleiner Junge versuchte nun einmal un Scherz eine solche Vorratskammer auszurauben. Aber blitzschnell hoppelte da Daniel herbei, packte seine Brocken wieder und versteckte sie in einem anderen Loch. Doch da griff auch schon wieder der böse Bub danachl Run flatterte aber der Babe dem Jungen so stürmisch und bedrohlich an den Hinterkopf, daß der erschreckte Kleine laut schreiend davongaloppierte.

Eines Tages spazierte Daniel, behaglich wackelnd, zur offenen Ateliertür herein. Er ver­suchte zunächst, den blinkenden Schlüssel aus einer alten Kommode zu ziehen, und als dies nicht gelang hüpfte mir das Kerlchen aufs Knie und guckte mir eine Zeitlang ganz harmlos beim Malen zu. Aber plötzlich fuhr Daniel wie der leibhaftige Teufel auf die Palette und fraß einen Butzen hellgelbe Oelfarbe auf. Als ich ihm den Leckerbissen wieder abnehmen wollte ent­wischte mir der Feinschmecker geschickt, holte «ich dann noch schnell auf der Palette einen Schnabel voll roten Zinnober und rauschte damit zum Atelier hinaus. Zur besseren Verdauung fraß er am gleichen Tage auch noch eine große Rmg-

klimatischen Gründen eine besondere Handhabung der Alkoholfrage notwendig erscheine. Wahrschein­lich muh man in diesen Vorschlägen ein Gin- lenken des Präsidenten Hoover in der Alko- holfrage sehen, die in Amerika gegenwärtig die Gemüter ungewöhnlich bewegt. Eine führende amerikanische Zeitschrift hat vor einiger Zeit ein­mal eine ausgedehnte Umfrage über das Alkoholverbot veranstaltet, und aus den Ant­

worten konnte man entnehmen, daß nur ein kleiner Teil deS Publikums sich für die unver­änderte Aufrechterhaltung der Alkoholgesetze ein­setzt. Immerhin muß man damit rechnen, daß bei der Rührigkeit der Anhänger deS AlkoholverboteS auch innerhalb der republikanischen Partei scharfe Meinungsverschiedenheiten über die Beibehal­tung des AlkoholverboteS entstehen werden.

Verbandstagung der Hessischen Geschichis- und Alteriumsvereine.

Alsfeld, 25. Mai. Am 24. und 25. Mai fand bei guter Beteiligung der dies­jährige Derbandstag der Heffi- schen Gefchichts- und Altertums­vereine in Alsfeld statt.

Gr wurde eingeleitet durch einen stimmungs­vollen, mit einem auserlesenen Programm aus­gestatteten

VcgrützungSabcnd

am Samstagabend im großen Saale deS ,Deut­schen Hauses", der dicht gefüllt war. In ein­leitenden Degrüßungsworten begrüßte Bürger­meister Dr. D ö l s i n g die Gäste namens der Stadt und wies dabei darauf hin, daß gerade in der Gegenwart der Arbeit der GeschichtS- und Altertumsvereine eine besondere Bedeutung Aulomme, weil starke Strömungen am Werke seien. Die ruhmreiche deutsche Vergangenheit, aus wel­cher das deutsche Volk neue Kraft schöpfen müsse, beiseitezusetzen und die Ehrfurcht vor der Ver­gangenheit der Heranwachsenden Generation zu nehmen. Diesen Bestrebungen müsse die Arbeit der Geschichts- und Altertumsvereine entgegen­treten.

Ein auf dem Urkundenschatz des Alsfelder Ar­chivs beruhender Vortrag von Prof. Dr. E. C. Decker (Darmstadt), der das hiesige Archiv eingerichtet hat, behandelte das Thema: D.ie kirchliche Geschichte von Als­feld im Mittelalter. Der Redner gab in kurzen Zügen aus der Fülle des Stoffes ein anschauliches Bild über das kirchliche Leben in Alsfeld, das dadurch ein besonderes Gepräge hatte, daß in Alsfeld im Mittelalter nicht we­niger als insgesamt sieben Gotteshäuser und Kapellen mit 12 Altären vorhanden waren, die eine erhebliche Anzahl von Priestern und Pfar­rern erforderlich machte. Aus der Aenderung des Charakters der kirchlichen Stiftungen wurde nachgewiesen, wie sich allmählich eine Verwelt­lichung des kirchlichen Lebens im Laufe der Jahrhunderte auch in Alsfeld vollzog.

Den Höhepunkt des unterhaltenben Teiles des Abends bildete die Aufführung des 6. Tei­les aus dem Festspiel zur 700-Iahr- feierder Stadt Alsfeld mit Schwert­tanz:Im Sturm des großen Krieges", von Karl Dotter, die stürmische Begeisterung weckte und reichen Beifall fand.

Kommerzienrat R a m f p e ck als Vorsitzender des Geschichts- und Altertumsvereins Alsfeld überreichte Drei besonders verdienten Mitgliedern des Vereins Ehrenurkunden. Den musikalischen Teil des Abends bestritt mustergültig wie immer das Alsse 1 der Iugendorchester unter Leitung von Oberreallehrer Sötte r. Die Solo­vorträge der Herren stud. 03 o l f in g (Klavier), stud Ploch (Violine), und Regierungsbaufüh­rer Hofmann (Konzert für Flöte und Klavier) verdienen vollste Anerkennung.

Am Eonntagvormittag fand im Sihungssaale deS Rathauses die

Gcfchästsfitzung

unter Leitung des Präsidenten v. Hahn statt. Unter den Gästen bemerkte man als Vertreter des Hessischen Staatspräsidenten den Ministerial­direktor U rst ad t. Rach einleitenden Degrü- hungs- und Dankesworten des Präsidenten von

Hahn erstattete dieser den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, daß im abgelaufenen Geschäftsjahr feine besonders wichtigen Ereig­nisse zu verzeichnen waren. Das Verhältnis zu der Zeitschrift »Volk und Scholle" soll durch ein Schreiben flargeftellt werden, dessen Entwurf ge­billigt wurde. Zwei neue Vereine haben um Auf­nahme in den Verband nachgesucht. Die von dem Rechner des Verbandes vorgetragene Iah» resrechnung, die einen Kassenbestand von 255,92 Mk. ausweist. wurde genehmigt. Die dann auf der Tagesordnung stehende Berichter­stattung der Mitgltedsvereine über die Iugendwerbung zeigte die Schwierig­keiten, die Jugend für die Arbeiten der De- schichts- und Altertumsvereine heranzuziehen, die anders geartete Interessen habe. In der Aus­sprache regte Ministerialdirektor 11 r ft a b t an, die einzelnen Vereine oder der Verband sollen Preise aussetzen für die besten heimatgeschicht­lichen Aussätze in der Schule, um bas Interesse der Jugend für dieses Arbeitsgebiet zu wecken. Als Ort der nächstjährigen Tagung wurde auf Einladung deS Bensheimer Vereins die Stadt Bensheim bestimmt. Die neugegründeten Vereine Alt-Darmstadt und Lauterbach wurden in den Verband aufgenommen.

Rach Schluß der Geschäftssihung hielt Prä­lat D. Dr. Diehl im großen Saale des ^Deut­schen Hauses" einen öffentlichen Vortrag über das Thema:

Aus der Geschichte des deutschen Lchul- meisterstandcs in Lberhessen"

der ungemein fesselnd war. Aus Grund ein­gehender wissenschaftlicher Forschungen wies der Redner nach, daß die Ansicht falsch sei, Luther als den Vater der Volksschule zu bezeichnen, ebenso sei die Volksschule auch kein Produkt des Prc testcmtismus. Ihre Gründung gehe auf_ die Zeit um 1575 und auf die zweite Hälfte des Dreißigjährigen Krieges zurück. Während man ursprünglich bis in die Dörfer studierte Leh­rer, Theologen, gehabt habe, habe sich allmählich daneben der Stand der deutschen Lehrer aus­gebildet, der vielfach das Lehreramt neben einem anderen Berufe ausgeübt habe. Die Ausführun­gen des Redners galten dem Rachweis, daß die in der Geschichtsschreibung vertretene Auffassung von der Minderwertigkeit der deutschen Lehrer infolge ihrer Abhängigkeit von der Kirche und ihrer nebenamtlichen Beschäftigung im 17. und 18. Jahrhundert unzutreffend ist. Allerdings habe sich ihre soziale Stellung im Laufe der Jahrhunderte wesentlich verschlechtert. In dem Kampfe zwischen den studierten Lehrern an den Volksschulen und den deutschen Lehrern, der sich seit dem Jahre 1750 bemerklich gemacht habe, seien die letzteren Sieger geblieben.

Präsident v. Hahn sprach dem Redner den Dank der Versammlung für seinen hochinteressan­ten Vortrag aus und schloß mit Dankesworten die Tagung, von der alle Teilnehmer hochbe­friedigt seien.

Ein gemeinsames Mittagessen vereinigte die Teilnehmer noch zu einem gemütlichen Beisam­mensein. Für biejenigen Besucher der Tagung, welche nicht an der Geschästssitzung teilnahmen, sand eine Führung durch die Stadt und das Mu­seum statt.

schraube. Meine Sorge um Daniels Leben ob dieser bedenklichen Rahrung war unbegründet. Denn zehn Stunden später spuckte der Rabe bei bestem Wohlsein die Schraube wieder aus, und auch die Oelfarbe schien bei ihm keine Magen­verstimmung hinterlassen zu haben.

Voller Schelmenstreiche war mein kleiner Freund gerade wie ein übermütiger Junge. Von den Fenstersimsen hackte et den Mörtel und die Steine los und seinen Wassernapf warf er so oft um, als man ihm den wieder füllte. Der Schabemacker flog in die Stube, riß die Tapete von den Wänden und stahl mir Blei­stifte und Pinsel. Und als ich vor dem Diebe allerlei hübsche Sachen schützen wollte und diese mit einem großen Zeitungsblatt bedeckte, da riß Daniel in der gleichen Sekunde die Zeitung m viele Stücke und schlug sich die Fetzen in Heller Empörung um den Kopf. Run warf ich meinen lieben Freund zum Fenster hinaus. Er hüpfte aber gleich wieder zur Haustüre herein warf einen Topf voll Rahm vom Küchenfchaft, haschte dann im Umherflattern noch ein halbes Pfund Butter vom Frühstückstisch und entführte diese ins hohe Baumgeäst.

Aber auch ein lieber c-pielkamerad konnte Daniel sein. Wenn ich rauchte, so durfte er das auch. Mäuschenstill sah dann der putzige Ker auf meiner Schulter und streckte seinen Schnabel mit der Zigarrenspitze stolz in die Luft.

Und wenn die Früchte von den Daumen ge­erntet wurden, da war auch der Rabe habet. Mit großer Emsigkeit zupfte er die Pflaumen und Zwetschen am Stiele ab und ließ sie ins Körbchen fallen. Und hin und wieder steckte mir der schlaue Daniel die Früchte auch unter die Achsel: und die Blätter, die ich ihm reichte, stopfte er eifrig nach. Das war dann gewiß ein sicheres Versteck für seine Vorräte.

Beim Kirschenpflücken gab ich ihm eine noch grüne Frucht in den Schnabel. Da machte Daniel mißtrauische und ungläubige Augen, ließ die Kirsche rasch in den Korb fallen und holte sich dort eine reife heraus. .

Auf einem Spaziergang nach dem eine halbe Stunde entfernten Tannenwald war auch der zahme Rabe an meiner Seite. Er saß auf meiner Schulter, flog auch zuweilen voraus und erwartete mich dann wieder am Wege oder auf einem Daum. Aber plötzlich eilte mem schwarzer Freund in schnellem Fluge dem Walde »u und entfloh dort mit einem Dutzend seiner

Kameraden, die sich von dem dunklen Forst lösten, über alle Berge. Alles Rufen war na­türlich vergebens ich konnte aber noch sehen, wie Daniel die Rabenkette sogar führte und wie diese dann hinter einem fernen, blauen Höhenzug verschwand.

Als ich aber eine Stunde später zu Hause in meinen Garten trat, faß Daniel schon wieder in der Spitze eines Apfelbaumes, rief »Kracks" und flog mir auf den Kopf.

Im Herbst ließ ich meinen zahmen Raben acht lange Monate im Garten meinet Sommer- häuschens allein zurück. Gute Freunde brach­ten ihm täglich fein Frühstück, und im übrigen verkehrte er auch auf den Rachbar Höf en bei den Hühnern und Gänsen.

Im folgenden Jahre lag ich am zweiten Tage meiner Rückkehr langewcgs in meinem Garten im Grafe und hielt ein Mittagsschläfchen. Da weckte mich krächzender Gesang, und der kam vom Daniel. Der liebe Kerl faß auf meiner Brust, wippte mit den Flügeln, und schrie mir feine Wiedersehensfreude in die Ohren.

Run fitzt mir der kleine Freund wieder auf der Schulter oder auf dem Fuß und versucht dort mit großer Ausdauer die blinkende Schnalle von der Sandale zu reißen. Und frühmorgens klopft er voller Ungeduld an mein Schlafzimmer­fenster jedenfalls wegen seines ersten Früh­stücks.

Hin und wieder bringt der Rabe auch einige Kameraden mit, aber die halten sich immer in respektvoller Entfernung von Daniels Heimat: in das Bereich des Häuschens kommt er allein.

Daniel überrascht natürlich täglich mit neuen Schelmenstreichen, er ist aber sonst ein lieber, prächtiger Kerl.

Llraufsührung im Frankfurter Opernhaus.

Amerika beginnt auch auf dem Gebiet der Komposition in Europa Fuß zu fassen. Rach einigen zaghaften Ansätzen in der Instrumen­talmusik erscheint jetzt das erste 'Büfjnentoert Georges Antheil ist allerdings fein hundert­prozentiger Amerikaner, denn seine Eltern sind eingewanderte Polen Er selbst hat sich aber schon so stark akklimatisiert, daß er, Dichter und Musiker zugleich, in »Transatlantic

Arturo Toscanini, ber berühmte Dirigent der Scala in Mailand, wird in Berlin mit dem Neunorker Philharmonischen Drdjefter am Mittwoch ein Konzert geben, das auch aus den Rundfunk über­tragen wird.

Mdizinalrat Dr. Dogt-VutzbaL t.

pb. Butzbach, 28. Mai. Unser Ehrenbürger Medizinalrat Dr. V o g t ist heute vormittag nach kürzerem Krankenlager verschieden. Mit ihm, der das hohe Alter von über 82 Jahren er­reichte, sinkt eine hochgeschätzte Persönlichkeit deS Butzbacher Bürgertums und ein gut Stück Ge­schichte Alt-Butzbachs ins Grab. Weit über Butz­bachs und Hessens Grenzen hinaus war Medi­zinalrat Dr. Vogt infolge feiner außerordent­lich regen Tätigkeit auf vielen Gebieten deS öffentlichen Lebens als ein geschätzter und tüch­tiger Mitarbeiter geehrt. Als Sohn des 2lpo- th^kenbesitzers H. Vogt geboren, widmete er sich demselben Berus und übernahm im Jahre 1873 die Apotheke seines Vaters. In seinen DerusS- kreisen erfreute er sich besonderer Wertschätzung, welche sich darin kundtat, daß er über 30 Jahr« Mitglied der Pharmazeutischen Prüfungskommis- sion der Universität Gießen war, welch letztere ihn auch ob seiner Verdienste um die Pharmazie und die allgemeine Wohlfahrtspflege zum Dr. med. ehrenhalber ernannte, nachdem er bereits im Jahre 1870 zum Dr. phil. promoviert hatte, lieber 31 Jahre stand er an der Spitze deS Hessischen und Oberhessischen ApothekervereinS und war 22 Jahre lang Vorstandsmitglied und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Apo­thekervereins, in welcher Stellung er sich blei­bende Verdienste erwarb. Reben dieser beruf­lichen Tätigkeit war er auch in seiner Heimat­stadt jahrzehntelang, und zwar von 1877 bi« 1920. als Mitglied des Gemeinderats tätig, biS ihn sein Alter zwang, dieses Amt niederzulegen. Der Gemeinderat ehrte seine langjährige er­sprießliche Tätigkeit im Dienste der Vater­stadt durch Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt, die am 8. Januar 1920 erfolgte. Seit 45 Jahren leitete er den hiesigen Zweig- verein vom Roten Kreuz, gründete im Jahre 1888 die hiesige Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz, die er bis vor wenigen Jahren» selbst führte, gleichzeitig wirkte er fordernd und tätig beim hiesigen Zweigverein des Alice- Frauenvererns mit. Weiterhin gehörte er über 40 Jahre dem hiesigen Kirchenvorstand an, wie er auch in jüngeren Jahren Mitglied der evang. Landessynode war. Auf dem Gebiet des Krieger­vereinswesens nahm er jahrzehntelang eine füh­rende Stellung ein, über 46 Jahre lang leitete er den hiesigen Kriegerveretn, war Jahre lang Bezirksvorsihender und von 1874 bis 1915 Ge­schäftsführer der KriegerkameradschaftHaffia" und später deren zweiter Vorsitzender. Er hatte hervorragenden Anteil an der Gründung und dem Ausbau des Deutschen ReichSkriegerbundeS Kysshäuser. Richt unerwähnt soll bleiben, daß

von der besonderen Atmosphäre der neuen Welt mitzuteilen vermag. Gr führt uns in den höllischen Wirbel eines Präsidentenwahlkamp- fes Skrupellose Vertreter von Kapitälmachten lassen einen verliebten Romantiker kandidieren, der ein gefügiges Werkzeug ihrer unsauberen Zwecke werden soll. In rasendem Tempo und auf zahllosen Schauplätzen spielt sich die Kam­pagne ab. Zu ihren Phasen gehören Demon­strationen für und gegen den Alkohol, Razzien in mondänen Lokalen, Mordversuch an einem unbequemen Gegner, Unterschlagung deS Wahl­fonds und andere sensationelle Intermezzi. Ge­rade als die Wahlschlacht auf dem Siedepunkt angelangt ist, flüchtet sich der Präsidentschasts- an wär ter wieder in die Arme seiner Angebete­ten: nach Antheil: Ausdruck der Sehnsucht des modernen, gehetzten Amerikaners nach einem höheren, reineren Leben. In diesen Szenen trieft das Tertbuch von Banalitäten. Mit starkem Theatersinn sind die Massenszenen hingestellt. In die Bezirke einer wirklichen Zeitdichtuna stößt das Textbuch jedoch nirgends vor. Auch als Musiker greift Antheil nicht nach den Ster­nen. Ihm genügen die Rythmen einer mit mo­dernsten Älangmitteln erzeugten Tanzmusik. Dia charakteristische Untermalung motorischer Vor­gänge kennzeichnet seine spezielle Begabung für den Film. 3n den lyrischen Abschnitten behilft sich Antheil mit einer sentimentalen Allerwelts- mufik. Ein auf anspruchslose Unterhaltung be­dachtes Publikum wird sich inSxanSatlantic schon durch das Aufgebot an optischen Ereig­nissen nicht langweilen. Der innere Gewinn eines solchen Opernabends gleicht etwa dem, den man beim Durchblättern einer aktuellen illu­strierten Zeitschrift hat: schon am nächsten Tag hat der Inhalt jedes Gewicht verloren.

Die Inszenatoren des Frankfurter Opernhauses erkannten richtig, daß ein Pro­dukt dieser Art nur durch eine glänzende Auf­machung wirken tonn. Dr. Herbert Graf und Ludwig Sievert machten die Bühnenbilder zu einer Orgie der Technik. Als ausgezeich­neter Musiker hob Hans Wilhelm Steinberg die Partitur auf die ihr zugängliche höchste Ebene. Der erste Akt wurde mit Wohlwollen auf genommen, nach dem zweiten flaute die ©tim* mung ab. Der Schluß brachte einen starken, wenig bestrittenen Erfolg. A. H.