Nr. 277 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefjen)Mittwoch, 26. November (950
Oie Frau in der Wirtschaft.
2m Zusammenhang mit den einzelnen Ar- beitsprvblemen gebührt der Frage der Frauenarbeit im deutschen Wirtschaftsleben eine besondere Beachtung, umsomehr, als die Frauenarbeit nach dem Kriege überhaupt erst einen größeren Umfang annahm, und somit anderseits auch zu zahl- tosen sozialen Problemen wie der Mutterfürsorge und dergleichen mehr führte. Die Statistik hat sich deshalb auch sofort der Erfassung der erwerbstätigen Frauen gewidmet, und es erscheint angebracht, sich einmal die hierbei errechneten Zahlen zu vergegenwärtigen, zumal gerade in den Tagen der großen Erwerbslosigkeit, des wirtschaftlichen Rotstandes unb der Wirtschaftskrise solche Feststellungen zu ganz besonderer Bedeutung kommen.
Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Deutschland hat in den letzten 20 Jahren eine ganz gewaltige Steigerung erfahren, die auch dadurch nicht zurückging, dah durch den Versailler Friedensvertrag weite deutsche Gebiete abgetreten werden muhten. Dafür trat doch eine Rückwanderung der Auslanddeutschen ein, so dah der Ausfall sehr rasch wieder ergänzt und bald auch übertroffen wurde. Während man im Jahre 1907 nur 16,7 Millionen erwerbstätige Männer und nur 8,5 Millionen erwerbstätige Frauen errechnete, sind die Zahlen bis zur letzten Feststellung auf 20,5 Millionen erwerbstätigeMänner und 11,5 Millionen erwerbstätige Frauen gestiegen. Dabei wird es interessant sein, der Verteilung der Erwerbstätigen auf die einzelnen Wirtschaftsgruppen nachzugehen. 3n der Gruppe Land- und Forstwirtschaft ist'die Zahl der Männer von 4,6 Millionen auf 4,8 Millionen und die der Frauen von 4 auf 5 Millionen gestiegen. Die stärksten Zunahmen hat selbstverständlich die 3 n d u st r i e oufzuweisen. Hier stieg die Zahl der Männer von 7,9 Millionen auf 10,3 Millionen und die Zahl der Frauen von 1,9 auf 2,9 Millionen. Besonders auffallend ist auch die Zunahme der in der Wirtschaftsgruppe Handel und Verkehr erwerbstätigen Personen. Hier betrug die Zahl der erwerbstätigen Männer im 3ahre 1907 nur 2,6 Millionen, während sie im 3ahre 1925 schon auf 3,7 Millionen angewachsen war. Die entsprechenden Zohlen für Frauen sind 0,9 Millionen und 1,6 Millionen. 3n der Wirtschaftsgruppe Verwaltungsdienst, freie Berufe und Gesundheitswesen steht der Zunahme der Frauen von 0,3 Millionen auf 0,6 Millionen eine Zunahme der Männer von 1.4 auf 1,5 Millionen gegenüber. Dagegen ist die Zahl der in häuslichen Diensten beschäftigten Frauen, wenn auch nur gering, z u r ü ck - gegangen, und zwar betrug ihre Zahl im 3ahre 1907 1,45 Millionen und im 3ahre 1925 1,44 Millionen. Von der Gesamtzahl der erwerbstätigen Frauen waren selbständig 1 093 100, davon 304 000 in der Landwirtschaft, mithelfende Familienangehörige 4 133 000, Angestellte und Beamtinnen 1 437 300, davon 337 200 in der (Industrie, 682 000 im Handel und Verkehr, 220 800 in der Verwaltung und den freien Berufen und 153 500 im Gesundheitswesen. Arbeiterinnen wurden 3 503 800 festgestellt. Dagegen waren von den erwerbstätigen Frauen 3,5 Allllionen, also rund 30 Prozent, verheiratet.
Man sicht also, daß das Frauenkontingent außerordentlich groß ist, insofern als rund 50 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland Frauen sind. Die Frauenarbeit im deutschen Wirtschaftsleben hat deshalb eine Bedeutung gewonnen, die auch für die gesamte Arbcitspolitik von ausschlaggebendem Werte ist.
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Das Hochwasser des Rheins hat in Köln ganze Straßenzüge überschwemmt.
Aus der Provinzialhauptftadt.
Gießen, den 26. Rovember 1930.
Schlachthofdirektor Or. Modde f.
Gestern vormittag verstarb nach langer Krankheit der Direktor des Schlachthofes der Stadt Gießen, Stadl-Oberveterinärrat Dr. 3ohannes Modde, im 58. Lebensjahre. Mit dem Heimgang dieses Mannes verliert unser Gemeinwesen eine Persönlichkeit, die sich stets mit voller Hingabe und rastloser Schasfensfreude dem verantwortungsvollen und wichtigen Amte der Ueber- wachung unserer Fleischversorgung widmete.
3ohannes Modde war am 19. Dezember 1872 als Sohn des Stadtkämmcrers E. Modde zu Magdeburg geboren. Rach dem Schulbesuch in Magdeburg und Burg studierte er von 1895 bis 1898 an der Tierärztlichen Hochschule zu Berlin und an der dortigen Friedrich-Wilhelrn-Unioer» sität Veterinärmedizin und Raturwissenschaften: in Berlin erwarb er auch die Approbatton als Tierarzt. Hierauf wirtte er kurze Zeit als Volontär im städtischen Schlachthos in Magdeburg, bann war er Volontär und stellvertretender Tierarzt im städtischen Schlacht- und Diehhof in Plauen i. V., sodann zweiter Tierarzt und Schlachthofinspektor am Schlacht- und Viehhof zu Freiberg i. Sa. Durch Beschluß der Stadt- verordneten-Dersammlung vom 2. August 1906 wurde er mit Wirkung vom 29. September 1906 ab als Schlachthofdirektor beim städttschen Schlachthof in Gießen, als Rachfolger des Schlachthofdirektors Dr. Liebe, angestellt. Mit einer Doktor-Dissertation über das Thema „Untersuchungen über Rabelvenen-3nfektionen bei Kälbern" promovierte er am 4. 3uli 1914 an der Landes-Universität zu Gießen zum Doktor der Veterinärmedizin. Dom 10. August 1914 bis 1. April 1918 hatte er freiwillig die Vertretung des Kreisvetcrinärarztes übernommen, im Jahre 1920 legte er die hessische Staatsprüfung im Deterinärfach ab. Seit 20. 3uli 1925 führte er auf Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung die Dienstbezeichnung Stadt-Oberveterinärrat.
Reben seiner Amtstätigkeit als städtischer Schlachthofdirektor wirkte Dr. Modde seit dem
Sommcrsemester 1919 auch im Rahmen der Lan- des-Universität. Das Landesamt für das Bildungswesen übertrug ihm 1919 einen Lehrauftrag für Fleischbeschaukurse, der vom Sommersemesrer 1922 ab auf den gesamten Unterricht in der Fleischbeschau und Schlachthoskunde erweitert wurde. Veranlaßt durch seinen stark geschwächten Gesundheitszustand gab er vor Beginn des Wintersemesters 1930/31 seinen Lehrauftrag zurück. Die Veterinär-Medizinische Fakultät der Landes- universität überreichte ihm in Anerkennung seiner Verdienste um die Ausbildung der jungen Dete- rinärmediziner eine Adresse, in der seine langjährige treue und bewährte Tättgkeit bei der Ausbildung der Studenten auf dem so überaus wichtigen Gebiete der .Fleischhygiene und seine stets bewiesene überaus liebenswürdige und echt kollegiale Hilfsbereitschaft bei der Gewährung von Unterrichts-, Forschungs- und Sammlungsmaterial für die Institute mit wärmstem Dank hervorgehobcn wurden.
Der Verewigte hat sowohl als Schlachthofdirektor, wie auch als akademischer Lehrer eine segensreiche Tätigkeit zum Wohle unserer Dürger- gcsamtheit und zum Besten des veterinärmedizinischen Rachwuchses entfaltet. Reben seinen vortrefflichen beruflichen Eigenschaften, die seinem Schaffen große Fruchtbarkeit ermöglichten, zeichneten ihn vornehmer Charakter, unbedingte Treue im großen und im kleinen, Selbstlosigkeit, fowie große persönliche Liebenswürdigkeit aus. Bei seiner vorgesetzten Behörde, seinen Mitarbeitern und bei den Mitbürgern, mit denen er beruflich in Berührung kam, besaß er volles Vertrauen und große, Sympathie. Als Alter Herr der Landsmannschaft Merovingia und akademischer Lehrer erfreute er sich in den Kreisen der Universität und bei den Kommilitonen großer Wertschätzung, zumal er auch stets regen Anteil an studentischen 3nteressen nahm. Darüber hinaus verbanden )hn, der als Junggeselle durchs Leben ging, enge freundschaftliche Beziehungen zu zahlreichen Bürgern unserer Stadt und der Provinz Oberhessen. Ueberall schätzte man ihn als Mensch und als Berufspersönlichkeit hoch, und sein Andenken wird bei vielen in Ehren bewahrt bleiben.
Konzert
zum Besten des Studentenhauses.
Die Schule für höheres Klavierspiel von Frl. Minna Körner wartete in ihrem diesjährigen Schülerkonzert mit einem sehr abwechslungsreichen Programm auf. Cs kamen ausschließlich russische Komponisten und dabei besonders solche der neurussischcn Schule Rim- sky-Korsakow's nicht nur mit Werken für Klavier allein, sondern auch mit Kammermusik, zu Gehör. Eine derarttge Programmgestaltung ist im Interesse einer fortschrittlichen und umfassenden Ausbildung der Schüler zu begrüßen, und so gewährte die Veranstaltung einen ausschluß- reichen und wertvollen Einblick in die zielsichere Unterrichtstätigkeit der Leiterin der Schule.
Im ganzen betrachtet bewiesen die Darbietungen der einzelnen Schüler eine gründliche technische, musikalische und, was besonders wertvoll ist, rhythmische Durchbildung. Alle ohne Ausnahme spielten ihre Solostücke auswendig. Sehr gut machten ihre Sache Helmut Bruns, recht energisch, Margret Dill, leicht und elegant, und Horst Mehl mit bemerkenswerter rhythmischer Prägnanz. Elli und Martha Ludwig konnten mit ihrem vierhändigen Spiel ebenfalls durchaus überzeugen. Ilse Roll gab einem „Prelude" von Liadow klangliche Differenziertheit und intensiven Ausdruck. Erwin Müllers Spiel hat sich, wie übrigens bei allen anderen, die wir im vorigen Jahr Gelegenheit hatten zu hören, wesentlich entwickelt. „Impromptu" von Arensky, eine „Etüde" und „Mazurka" von Liadow und ein „Prelude" von Rachmaninow gerieten unter seiner Hand plastisch und bestimmt.
Zwischen diesen Solowerken waren einige Kammermusikwerke eingeschoben. Hildegard G r o d e und Else S t u d t paßten sich in zwei Stücken für Cello und Klavier dem Solisten sehr gut und verständig an. Ebenso sicher und gewandt begleitete Lisbeth Koch, Grünberg, eine „Klage" für Violine und Klavier. Eine rhythmisch nicht immer leichte Aufgabe löste Erna E m m e l i u s bei der Begleitung von drei Stücken von Cäsar Cui für Violine, Flöte und Klavier in bester Weise, paßte sich aber auch dynamisch den beiden anderen Instrumenten gut an. Das gleiche gilt von ihrer Begleitung einer „Serenade" vcm Glazounow für Cello und Klavier. Marg. Muhl bewies inGlazounows „Grand pas des Fiancds“ für Violine, Cello und Klavier und in dem zweiten Sah eines Trios von Gretchaninow, daß fie sich anzupassen versteht, ohne dabei das Wesentliche ihres Klavierparts zu vernachlässigen. Von Erwin Müller, der den ersten und drittelt Sah des Gretchaninow-Trios spielte, muß dasselbe gesagt fein. Mit Sicherheit und Geschick begleitete Lisbeth A r n o l d zu einer Konzertfantasie für Violine und Klavier.
3m übrigen wirkten mit: Ludwig Hillenbrand t (Cello), der wie stets durch sein sicheres und gutes Spiel zum Erfolg des Abends beitrug. Frih S p u ck (Violine. Schüler von Frl. Maria Zimmer) und Gertrud Reumann (Violine. Schülerin von Franz Bauer jr.) zeigten eine gediegene und sorgfältige Ausbildung und spielten technisch sauber und mit schönem Ausdruck. Paul Köhler (Violine) bewies ebenfalls eine hohe Stufe von Können und Musikalität besonders in dem Trio von Gretchaninow. Schließlich sei noch Helmut Eger (Flöte) genannt, der mit großer Delikatesse und Sauberkeit den Flötenpart in den drei Stücke von Cäsar Cui spielte.
Vornotizen.
—■ Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater: „Kabale und Liebe", 20 bis 22,30 Uhr. — Lichtbildervortrag des Architekten Fritz
Oer Dreizehnte.
(Roman von Anny von ponhuys.
Copyright 1929 by Verlag Rechthold, Braunschweig
12. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie sann erschreckt, betrog sie den Jugendfreund nicht, nachdem sie nun wußte, woran fie mit ihrem Herzen war? Sie erschrak bis ins 3nnerste. Sie patte sich von Hans küssen lassen, sie hatte sich von feinen Eltern als Braut willkommen heißen lassen und erst heute, vor knapp einer Stunde.
Durfte urch konnte fie nun erklären, fie hätte« sich geirrt, fie liebe einen Mann, der einmal ein bißchen freundlich mit ihr gewesen, der aber längst verheiratet war?
Rein, dazu fehlte ihr der Mut. Sie war froh, als fie sich erst wieder im eigenen Heim befand und fie ihre Züge nicht mehr beherrschen brauchte.
Sie mußte weinen, bitterlich weinen. Wie eine Betrügerin tarn sie sich vor. weil sie mit der Liebe zu einem andern Manne vor den Altar treten wollte.
Sie stöhnte laut und ihre Tränen brannten.
Dann aber schalt sie sich eine Rärrin. Was wollte sie denn noch? War eine Ehe mit Harrs Felsen nicht wie ein Hafen des Friedens? War Nicht damit ihr Alleinsein zu Ende?
Sie hatte doch Hans Felsen gern.
Aber den andern, den Fernen, der wohl niemals an sie dachte, den liebte sie, das war ihr heute abend flar geworden, so überwältigend flar, daß sie darunter litt, denn sie hatte sich ja heute dem vertrauenden 3ugendfreund versprochen, ilnb sie würde nicht den Mut aufbringen, ihr Wort zurückzunehmen.
8.
Am nächsten Morgen spannen die Rebelfrauen nicht mehr an ihren seltsamen zerfließenden, wogenden hellgrauen Tüchern. Leuchtende Herbstsonne lag über den Heinen, altmodischen Dillen der Drunnenstrahe, als Eva aus der Tür des Dorgärtchens trat, um an die Dahn zu gehen, wie jeden Alltagmorgen. Und Sonne ist immer etwas Köstliches, in jeder Stimmung. Mit ihren goldenen Strahlen sog sie alle die Bedenken auf, die Eva gestern noch die halbe Rächt hindurch belastet und gequält.
3hr ward wieder leicht und frei zumute.
Sie schritt über die schmale Drücke der Schwärze und das sonst so dunkel und melancholisch dahinziehende Wässerchen glitzerte und blinkte heute. Man sah den weißen Sand des Grundes, als sei er sauber über Estrich hingefegt.
Der Wald trat heute so scharf und klar in all die siegende Helle des Herbstmvrgens. Wie gut ausgeschlafene Soldaten, die zu einer Hebung aus
rücken, standen die Däume und schienen auf den Befehl Marsch zu warten.
Eva verharrte auf bet Drücke einige Augenblicke unb schaute sich nach allen Seiten um. Es war die alte Heimat, bie fie einmal für kurze Zeit verlassen und in der fie sich nun wieder völlig eingelebt. 3n der sie voraussichtlich bleiben würde, bis man auch sie auf dem kleinen Friedhof bettete, wo man auf allen Grabsteinen und Kreuzen die alten vertrauten Ramen las, bie zu bem Städtchen gehörten. Die vor vier Generationen genau schon so bazu gehört wie heute. Cs waren viele Ramen von vor hundert Jahren, unb es liefen auch jetzt noch bie Träger berfelben Ramen durch bie Straßen. 3n ber Maria-Magba- lenenkirche waren sie alle getauft, konfirmiert unb getraut, ober in ber kleinen katholischen Kirche der Schickierstrahe, gegenüber ber alten Mühle.
Eva Hirtberg atmete leicht. Ihre Zukunft würbe nun in ruhig sichere Gleise einfahren, sie brauchte keine Angst mehr vor dem Alleinsein zu haben. Und das bißchen Fernenweh, das ab unb zu in ihr hochbegehrt, das duckte sich wohl von selbst, wenn sie Hans Felsens Frau geworden.
Sie ging langsam weiter unb überhörte bie Schritte hinter sich auf dem weichen Sandboben, bis eine zärtliche Stimme „Evalein!" rief.
Sie wandte sich. Hans Felsen lachte ihr einen frohen Morgengruß entgegen.
„Ich habe vor deinem Hause gewartet, aber die alte Frida meldete mir vom Küchenfenster aus zu, du wärest schon fort. Ich wollte dich nämlich gern ein Stück Weges begleiten.“ Er bot ihr eine Rose. „Ich habe sie von Mutters Blumentopf gestohlen. Zum Dieb wurde ich für dich, Evalein."
Sie nahm bie voll erschlossene bunfle Blüte unb lächelte ihn an: „Schäme dich, Dieb."
Dann wanderten sie nebeneinander her unb Hans Felsen errichtete mit lebhaften Worten ben Dau ihrer gemeinsamen Zukunft.
„Du mußt beine (Stellung in Derlin aufgeben, Liebste, bas vor allem, bann heiraten wir balb unb ziehen in bein Haus. Dater läßt es umbauen. Es wirb mit allen Bequemlichkeiten ber Reuzeit versehen werden unb in den trennenben Zaun muß eine Tür eingefügt werben." Er sah sie glücklich an. „Denke nur, ich habe mich nie an eine Aussprache mit bir herangewagt, solange beine Großtante noch lebte. Sie lag so lange krank, unb ich beobachtete, wie ernst du deine Pflicht als Pflegerin nahmst. Du hättest den Pflichten als junge Frau nicht mehr so nachkommen können."
Eva ward es warm ums Herz, so glücklich war ber Gefichtsausdruck bes Mannes.
Er brängte: „Künbige nur möglichst umgehenb Seine Stellung."
Sie ertoiberte ein bißchen zögernd: „Ich bin erst so kurze Zeit in ber Stellung, es ist mir peinlich, schon um meine Entlassung zu bitten."
Er lachte: „Wir wollen boch balb heiraten, Evalein."
Sie nickte und dachte, mit dem Heiraten hatte es doch eigentlich gar keine besondere Eile. Aber das wagte sie dem Manne nicht in das strahlende Gesicht zu sagen.
Er begleitete fie bis an ben Zug unb winkte lebhaft nach, als sie vom Abteilfenster aus grüßte.
Eva sann, während ber Zug ber Hauptstabt ent- gegenfaufte, es war doch wohl gut, daß fie bie Frau des Iugendgefpielen werben würbe. Sie hatte ihn sehr gern unb bah sie gestern entbeeft, ihr Herz gehöre eigentlich Primo Duero, bas muhte sie vergessen. Das bürste sie nicht mit hineintragen in ihre Ehe.
Sie war heute ein wenig zerstreut im Geschäft, weil ihre Gedanken immer wieder zu dem gestrigen Abend zurückgingen.
Eine Dame erschien um die Mittagsstunde. Sie war hellblond, war stark gepudert unb trug ein Kostüm, das einem erstklassigen Atelier entstammte. Sie wünschte ben Cl ef zu sprechen. Albert Goldener dienerte aus dem Hintergrund heran. Er schien die Fremde erwartet zu haben, denn er zog sich sofort mit ihr in das hinter dem Geschäftsraum gelegene Zimmer zurück.
Rachdem sie wieder gegangen war, rief der Chef seinen Reffen, und Eva hörte, wie er zu ihm sagte: „Cs ist noch ein zweiter Stein vorhanden von gleicher Qualität, ich denke, die beiden Steine kaust Fürst Därburg für feine Braut, er bat mich, etwas recht Apartes für fie aufzu- ftobern.“
Zwei Stunden später erschien die Fremde abermals und wieder verschwand Albert Goldener mit ihr in feinem Privatzimmer. Als es anfing zu dunkeln, kam Fürst Bärburg, ber telephonisch benachrichtigt worden war, unb Eva dachte, bie elegante Dame hatte dem Juwelier sicher etwas besonders Wertvolles und Schönes gebracht, das man nun dem Fürsten Bärburg für seine Braut zu verkaufen hoffte.
Sie ward in das Zimmer gerufen. Ihr Chef wünschte, fie sollte ihm die Zeichnung eines Ohrgehänges bringen, die er im Verkaufsraum in seinem Pult liegen hatte.
Sie holte das Gewünschte unb gerade, als fie eintrat, erklärte Albert Goldener dem Fürsten: „Die Steine stammen von einer italienischen Prinzessin, die — um gerade heraus zu reden — Geld braucht. Als Ohrgehänge werden die köstlichen Steine Furore machen, Durchlaucht."
Ein flüchtiger Blick der Reugier aus Evas Augen suchte nach den Steinen, von denen ihr Ches fprach. Und sie entdeckte fie sofort. Da lagen auf bem Tische, zwischen bem Juwelier unb bem Fürsten, eingebettet auf eine kleine Unterlage von schwarzem (Samt, um bie Wirkung zu erhöhen,
zwei haselnuhgrohe Brillanten von überwältigendem Feuer. Aber statt weißlich waren die leuchtenden Steine leicht bläulich, und Eva durchzuckte es wie eine Gewißheit, da vor ihr auf dem Tische lagen die sogenannten blauen Brillanten, die vor zwei Jahren von bem Mörber Dueros in Barcelona geraubt worben waren.
Sie muhte sich sehr zusammennehmen, um bas nicht laut hinauszurufen.
Aber sie vermieb jede Bewegung des Erstaunens. Schließlich beschwören hätte fie es nicht können, daß cs fich um bie gleichen Steine Han- beite. Cs bestand immerhin die Möglichkeit, es gab ähnliche Steine wie die blauen Brillanten, bie ber geheimnisvolle Clown mit sich genommen.
Sie hatte bie Steine damals nur ein einziges Mal gesehen, aber fie meinte fie genau so zu sehen, wie damals.
„Sie können wieder gehen, Fräulein Hirtberg", riß sie Albert Goldener ein wenig scharf aus ihrem versunkenen Schauen.
Eva begriff. Ihre Gegenwart störte ben Chef.
Aber als sie längst wieber braußen im Laden stand, meinte fie noch immer, die wundervollen (Steine vor sich zu erblicken, und es schoß ihn durch den Kopf, es wäre wohl eigentlich ihre Pflicht, etwas in der Angelegenheit zu tun.
Sollte fie ihrem Chef erzählen, was sie wußte, sollte fie ihn darauf aufmerksam machen, es könne sich um die bei dem Mord gestohlenen Brillanten handeln? Es war immerhin eine heikle Sache.
Wenn fie dagegen völlig sicher gewesen wäre, es waren dieselben Brillanten, würde sie nicht zögern, das zu tun. Aber es fiel ihr auch schwer, über das, was sie jetzt zu wissen glaubte, ganz einfach Hinwegzugleiten.
Wenn Primo Duero bie Steine sehen könnte, ging es ihr burch ben Kopf, er würde wohl bestimmt sagen können, ob es die gleichen Brillanten waren, deren Abhandenkommen für ihn selbst mit einer so furchtbaren Erinnerung verknüpft war.
Sie überlegte hin unb her unb bann tarn sie ju bem Entschluß, mit Hans Felsen barüber zu sprechen.
Aber schon während ber Heimfahrt gab fie bie 3bec auf. Sie durfte zunächst zu niemand darüber etwas verlauten lassen. Der einzige, bem fic Mitteilung machen konnte, war Primo Duero. Und sie muhte es tun, wie eine Pflicht war bas.
Sie schrieb ihm noch am gleichen Abenb, aber ale sie ben Brief in ben Postkasten gleiten ließ, klopfte ihr Herz so toll, als wollte es ihr die Brust sprengen. Am liebsten hätte sie den Brief nun wiedergehabt, sie bereute schon, was sie getan.
Jetzt würde sie doch wahrscheinlich eine Antwort erhalten, unb bas, was fie hatte vergessen wollen, würbe immer lebenbiger in ihrem Gedächtnis werden.
. — (Fortsetzung folgt)


