Ausgabe 
26.9.1930
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 225 Zweites Blatt

Freitag, 26. September 1930

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderhesien)

Aus der Provinzialhauptstadi.

Drehen, den 26. September 1930.

Das neue hessischeTrichinenschau-Geseh

3m Regierungsblatt ist nunmehr daS vom Hessischen Landtag verabschiedete Gesetz über die Trichinenschau erschienen (Regterungs- blatt Ar. 17 vom 19. September 1930). Danach unterliegen künftig Schweine und alle von dem Minister deS Innern durch Bekanntmachung zu bezeichnenden Tiere, deren Fleisch zum Genuß für Menschen verwendet werden soll, der amt­lichen Trichinenschau. Der Trichinenschau un­terliegt auch bat nach Hessen emgesuhrte srrlche oder zubereitete Fleisch, sosern eS zum Genuh für Menschen bestimmt und nicht bereits amt­lich aus Trichinen untersucht ist. Ausgenom­men hiervon ist auSgeschmolzenes Fett und das zum Reiseverbrauch mitgeführte Fleisch. Die Un­tersuchung darf bei denjenigen Tieren, deren Fleisch ausschlichlich im eigenen Haushalt d«S Besitzers verwendet werden soll, also bei den sog. Hausschlachtungen, unterbleiben. Eine ge­werbsmäßige Verwendung von Fleisch, bei wel­chem aus Grund der genannten Vorschrift die Llntersuchung unterbleibt, ist verboten. A^s eige­ner Haushalt ist der Haushalt der Kasernen, Krankenhäuser, Erziehungsanstalten, Gefangenen» anstaltcn, Armenhäuser und ähnlicher Anstal­ten, sowie der Haushalt der Schlächter, Fleisch- Händler, Gast-, Schank- und Speisewirte nicht anzusehen. Die Kosten der Trichinenschau wer­den durch eine vom Minister deS Innern ein­heitlich für das ganze Land festzusehende Ge­bühr gedeckt. Aut die Bildung von Trichinen- schaubezirten, die Bestellung von Trichinenbe­schauern, Anmeldung zur Trichinenschau, Er­hebung der Gebühr, Obliegenheiten der Polizei­behörden und Zuständigkeit der Behörden bei der Trichinenschau finden die gesetzlichen Vor­schriften und die sonstigen Bestimmungen des Reiches und des Landes über die Ausführung der Schlachtvieh» und Fleifchbeschau entsprechende Anwendung. Zuwiderhandlungen werden be­straft. Das neue hessische Trichinenschaugesetz tritt an dem von dem Minister des Innern zu bezeichnenden Zeitpunkt in Kraft.

Wohl atigleitslonzeri

zu Gunsten des Gießener Lludentcnhauses.

Im Drohen Hörsaal deS Llniversitätsgebäudes veranstaltete Wilhelm Schüttlers Sch ul e für höheres Diolinspiel,am Mittwoch­abend ein Wohltätigkeitskonzert, des­sen Ertrag dem neuen Giehener Studentenhause zugute kommen soll. Das Interesse der Oesfent- lichkeit an dieser Veranstaltung kam darin zum Ausdruck, das; der Drohe Hörsaal fast bis zum letzten Platz gefüllt war.

Mit der Wiedergabe von Mozarts Streichquar­tett in D-Dur XXI, gespielt von Musiklehrer Will). Schöttler und seinen vollendet musizierenden Schülern Reinhold P l o ch , Karl Jost und Ernst Schneider, nahm der musikalisch genußreiche Abend einen schönen Auftakt. Im Anschluß an diese Darbietung folgten dann die Schüler und Schüle­rinnen. Ernst Blumschein spielte BohmsBo- lero", Irma Schüz - Möller brachte Schuberts Sonatine G Moll 1. Satz, zu Gehör, Heinz Gut- Hardt bot eine Romanze von Svendsen, Waltraud Schattier erfreute mit Wieniawskis Legende, Heinrich Müller spielte eine Mazurka von Schwendlcr, Martha Schöttler stellte sich mit Schumanns Marchenbilder Rr. 1 (für Viola) vor, Robert Häuser erfreute mit Beriots Konzert in G-Dur, l.Satz. Sie alle boten mit ihren von ernstem künstlerischen Streben zeugenden Darbietungen, die natürlich je nach der Unterrichtsreife verschieden- gradig waren, den Zuhörern berechtigten Anlaß zu lebhaftem Beifall. Ein Schülerinnenquartett, be- stehend aus Waltraud Schöttler, Nora Da­

vids, Martha Schöttler und Gisela Rosen­berg, brachte Haydns Streichquartett D-Dur (Lerchcnquartett) 1. «atz zu Gehör und leitete da- mit zu den auf höherer Untcrrichtsstufe stehenden Darbietungen über. In diesem Zusammenhang trat erstmalig ein aus Schülern Schöttlers gebildetes Kammerorchester vor die Öffentlichkeit: es beglei­tete in schöner Weise Ludwig Schreiner bei der Wiedergabe von Beechovens Romanze G-Dur, Wil­helm Weimer bei Mozarts Konzert in A-Dur, 1. Satz, und Reinhold Pl och bei Wieniawskis Kon- zert D-Moll, die sämtlich geradezu virtuose Duali­täten ihres geigerischen Könnens offenbarten, wah­rend Karl 3 o ft in ebenso hoher künstlerischer Weise Sarasates Zigeunerweisen zu Gehör brachte.

Im Rahmen vieles Konzerts trat Frau Heer­manns ScsangSschule mit Gesängen von Em» mily Horst und Martha Peter vor die Zu» Hörerschaft und konnte dabei ebenfalls gut ab» fchneiden.

Sämtlichen Mitwirkenden wurde für ihre Dar­bietungen mit Recht wohlverdienter BeisaU ge- zollt, der auch auf Wilhelm Schüttlers. Marie Cckardts und Liselotte E r l e r s sein- sinnige Begleitung am Flügel auszudehnen war. Die Schulen Schüttler und Heermann Tonnen den Abend als einen vollen Gewinn ihrer künstlerischen Ausbildungsarbeit verbuchen.

Taten für Lamstag. 27. September.

1785: Karl Friedrich Friesen, Mitbegründer der deutschen Turnkunst in Magdeburg, geboren: 1856: der Kolonialpolitiker Karl Peters in Aeuhaus a. d. E. geboren: 1914: der Dichter Hermann Löns vor Reims gefallen: 1921: der Komponist Engelbert Humperdinck in Reu- strclih gestorben.

Lornotizen.

GemeindetagderPetrusgemeinde. Man schreibt uns: Am nächsten Sonntag, 28. September, beabsichtigt die Petrusgemeinde von 14.30 U&r ab im Philosophenwald ihren Gemeindetag abzuhalten. Hm 14 Hhr sammeln sich die Gemeindevereine, die Kinder des Kindergottesdienstcs und die übrigen Ge- mcindeglieder am Ludwigsplah, um von dort unter Vorantritt des Posaunenchors Klein-Linden nach dem Philosvphenwald zu ziehen. Dort ist ein reichhaltiges Programm vorgesehen. Die Ver­sammlung wird eröffnet durch einen Prolog, eine 'Begrüßungsansprache des Kirchenvorstehers W i n n und ein gemeinsames Lied. Die Kinder der Kinderkirche, die Mitglieder der Iugend- vereinigungen. der Frauenchor und der Posaunen­chor werden zur Belebung des Aachmittags bei­tragen. Fräulein von der Heydt und Herr Pianist Hahn werden die Versammlung durch Gesangs- und Klaviervorträgc erfreuen, im Freien sollen, wenn das Wetter es erlaubt, allerhand Kinderspiele stattfinden. (Man beachte die heutige Anzeige.)

Rornotucn.

Tageskalender für Freitag: Zirkus Sarrafani: Eröffnungsvorstellung. 19.30 Uhr, Volks- Halleplatz. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Affäre des Hauptmanns Drenfus". Astoria-Licht- spieke:Die Pröriesalle" undDie Nacht nach dem Verrat".

** EineöffentlicheSitzungdesStadt- rate wird am nächsten Dienstag, 16 Uhr beginnend, im Sitzungssaale des Stadthauses, Bergstraße, statt- finben. Einen breiten Teil der Tagesordnung werden Arbeitsvergebungen einnehmen.

" Die Werbung des Stadttheaters. Aus dem Etadtchcaterbureau schreibt man uns. Auf die Werbeveranstaltung des Stadttheatcrs am kommenden Sonntag sei nochmals hingewiesen. Behörden und Intendanz werden dabei auf die Aotwendigkeit der Gießener Bühne aufmerksam machen. Der Werbetag erhält außer dem pro­pagandistischen auch einen stark künstlerischen Wert

Wie man Ersparnisse macht.

Don Herbe t von Hoerner.

Mein Freund Kasimir ist ein Mann von Grundsätzen. Der oberste seiner Grundsätze lautet: .Der Mensch muß sich zu helfen wissen."

Kürzlich besuchte ich ihn. Cs war vor einem Dalle, zu dem wir beide eingeladen toaren. .Was machst du?" fragte ich erstaunt.

.Ich wasche meine Wüsche", antwortete er.

.Das sehe ich. Aber warum tust du cs?"

Er sah mich überlegen und belehrend an: .Um Ersparnisse zu machen, ganz einfach. Immer kommt die Wäscherin mit ihrer Rechnung ge­rade dann...

Run, ich kannte es an ihm dies .gerade bann".

.Aber wer wird die Wäsche bügeln?" fragte ich.

.Ich selbst. Der Mensch muß sich zu helfen wissen. Unter dem Gerümpel, das ich von meiner Tante geerbt habe, befindet sich ein elektrisches Bügeleisen."

.Was du ererbt von deinen Tanten hast" unterbrach ich ihn.

.Ganz recht, und dann nimmt man Stärke dazu. Ich habe sie schon gekauft für zwanzig Pfennige, in der Apotheke."

Er bearbeitete in seiner Waschschüssel, die von Schaum überquoll, einen weihen Stoff, dessen Formen unter seinen reibenden Händen nicht zu erkennen waren.

.Du bist doch auch zu Müllers eingeladen?" fragte er.

.Ich wußte genau, was er eigentlich fragen wollte, daher antwortete ich: .Ia, und Mary wird auch da sein."

.Holst du mich ab?" schlug er vor.

.Gut, ich komme um halb neun. Aber soll das vielleicht dein Frackhemd werden?" Ich deutete auf den triefenden Gegenstand, den er aus dem dampfenden Schaum zog und zu einer Wurst drehte.

.Bitte, beunruhige dich nicht", sagte er, »es wird bestimmt tadellos."

.Höre mal, sagte ich, »Müllers sind sehr ele­gant geworden. Doch man soll ja auch im Kostüm kommen können. Wie wör's, wenn du dieses Kleidungsstück lieber als Turban ver­wenden würdest?"

.Ich werde mich lächerlich machen", sagte er abweisend.

Der verabredete Abend war nach zwei Tagen. Pünktlich um halb neun Uhr klingelte ich an feiner Tür. Schon im Vorraum fiel mir ein

eigentümlicher Geruch auf. Kasimir öffnete. Er stand vor mir mit entblößtem Oberkörper wie ein Schiffsheizer und ebenso schwitzend.

»Du bist noch nicht angezogen?" bemerkte ich.

»Ich mußte es nochmal waschen", sagte er, »das erstemal mißlang das Bügeln. Man muh in allem erst seine Ersahrungen machen."

Seinen Schreibtisch hatte er als^lbrett hergerichtet. Die Politur wies mehrere Brand­flecken auf, als wäre der Teufel mit glühendem Huf über den Tisch gestiegen. Das Bügeleisen, das jetzt, zur Vermeidung weiterer Teufels­spuren. auf zwei Alchenbechern ruhte, war durch eine Schnur mit dem Kontakt an der Wand verbunden. Und über ein Handtuch gebreitet lag da das nasse Hemd.

Kasimir begann mit einem Aapf, einem Rasier­pinsel und mehreren Bürsten zu hantieren. Es war die Handlung des Stärkens. Als diese beendet war. begann er zu bügeln.

.Merkwürdig", sagte er, »das Eisen klebt immer. Dampfwolken stiegen auf. »Es wird, es wird!" rief er.

Die Beleuchtung im Zimmer war nicht sehr hell. .Gib die Stehlampe näher", sagte er.

Leider verbrannte er sich die Hand am Eisen. Er stellte es etwas ungeschickt und eilig auf den Untersatz. Die beiden Aschenbecher rutsch­ten auseinander. Das Eisen glitt. Ich hätte schnell zugreifen können, aber wer saht gern heißes Eisen an? Cs fiel mir auf den Lackschuh! Die Kontaktschnur riß. Cs gab einen Funken, einen Knall Wir standen im Finstern.

.Kurzschluß", sagte er, die Tatsache feststel­lend. »Hast du neue Sicherungen?" fragte ich.

»Rein."

Ihm tat seine Hand weh, mir mein Fuß. Ich beleuchtete ihn mit Streichhölzern.

»Ich werde Licht schaffen", sagte er.

Aus Haaröl, dem Deckel eines Blechdöschens und einem Lcinwandstreifen, den er aus einem Taschentuch riß, konstruierte er eine Art antiker Lampe. Eie brannte, und ihr Licht reichte hin, um Kleidungsstücke und Kragenknöpfe zu finden. Wir bewegten uns wie zwei Priester in einem Tempel, der .offenbar dem Gotte der Einordnung ge­weiht war. Mehrere Gegenstände fielen zu Boden und zerbrachen.

.Scherben bringen Glück', meinte er.

Das Hemd muhte nah angezogen werden, da half nun nichts. »Es wird auf dem Körper trocknen", sagte er mit klappernden Zähnen.

Endlich erklärte er, fertig zu fein. Wir löschten die heillge Lampe und verliehen den Raum, der Trümmer barg. Cs war aber inzwischen so spät geworden, daß wir ein Auto nehmen mußten. Ich zahlte eS. Ihn fror.

durch die Mitwirkung des OrchestervereinS, unter Leitung von Dr. Temesvary Zur 'Auffüh- rung gelangen der 1. Satz der Iupiter-Symphonie von Mozart und die Freischütz-Ouvertüre von Weber. Einheitspreis auf allen Plätzen 30 Pf.

Beginn der Winterspielzeit des Gießener Stabttheaters. Am 1. Oktober wirb bie Winterfpielzeit bes Gießener Stabttheaters mit ZuckmayersSchinberhannes" eröffnet. Spiel­leitung Intenbant Dr. Prafch In diesem Stück ist fast bas ganze Ensemble beschäftigt. Die Titelrolle spielt Jochen Hauer.

,e Ernennung Der Kanzleigehilfe Wilhelm Euler bei dem Kulturbauamt Gießen würbe mit Wirkung vom 1. September zum Kanzlisten ernannt.

Der Winterfahrplan der Po st­au tolinie G i e h e nL au n sba chW i ß - m a r(Krofdorf), der am 6 Oktober den Sommer­fahrplan ablöst, weist einige dankenswerte Ver­besserungen auf: werktags besteht die Möglich­keit, viermal von Gießen nach Wißmar und nach Gießen zu kommen. Reu eingelegt ist werktags die Fahrt ab Wißmar 7.00. Uhr, die haupt- söchlich dem Arbeiter- und Schülerverkehr dienen soll. Auch kann man dann um 6.20 Uhr von Gießen über Krofdorf nach Wißmar fahren. Angenehm wird es ferner empfunden, daß das Auto ab Wißmar 8.51 Hhr auch Sonntags ver­kehrt. Praktischer wäre es im Interesse der Launsbacher Bevölkerung, wenn diese Fahrt von Gießen über Krofdorf anstatt umgekehrt geführt würde, jedoch entstehen durch die Umfahrt keine Mehrkosten.

** Betriebsunfall. Der Schreiner Emil Wagner, der in der Zigarrenkistenfabrik von An­dreas Euler beschäftigt ist, geriet heute morgen mit dem rechten Daumen in bie Kreissäge. Dabei wurde ber Daumen schwer verletzt, er muß amputiert wer­ben. Der bebauernsroerte Mann würbe mit dem Sa­nitätswagen ber städtischen Feuerwache nach ber Chirurgischen Klinik verbracht.

" Deutsche Lebensrettungs-Ge- s e l 1 s ch a s t. Rach erfolgreicher Prüfung wurde folgenden Herren die Prüfungs-Urkunde mit sil­berner Radel überreicht: Ernst Stuhl, Ost­anlage: Helmut Reuning, Wilhelmstraße: Helmut Eger. Wilhelmstraße: Karl Marth. Löwengasse: Karl Detter, Wilhelmstraße, und Hans Rüger in Butzbach. Ferner erhielten die Grundschein-Urkunde mit bronzener Radel: Wil­fried Reuning, Wilhelmstraße: Otto K n a u h. Ostanlage: Hans Stommel, Grabenstraße: Helmut H u d e l. Großer Steinweg: Walter Schreiber. Wetzlarer Weg: Rudolf Fischer, Landgras-Philipp-Plah: Robert K l i n l e I Licher Straße: Rudolf Wolf, Marburger Straße: Helmut Z s ch u n k e , Grünberger Straße: Ludwig Leyerzapf, Tust, ach: Erich S P e r t h. Butzbach: Kaufmann Theo Sommeriad, Butz­bach: Fritz Fay. Langsdorf.

Oberheffen.

Landkreis Gieficn.

CO Klein. Linden, 25. Sept. Verhältnis- mäßig niedrig waren die Preise bei der heutigen Obstversteigerung an der Provinzialstraße nach Lützellinden. Six-Butterbirnen tarnen pro Zentner 5 bis 8 Mark am Daum. Das gesamte Obst an der Provinzialstraße nach Großen» Linden, vom Ausgang unseres Dorfes bis zum Wald, konnte man auf dem Rücken nach Hause tragen. Es waren einige Rheinische Dohnäpfel, die für 1,80 Mark abgegeben wurden: ein so niedriges Ergebnis ist feit Iahrzehnten nicht zu verzeichnen gewesen.

T Allendorf (Lahn), 26. Sept. Gestern ließ die Provinz Oberhessen auf der Straße Duten­hofenKlein-Linden das Obst versteigern. Dir­nen waren nicht vorhanden. Die wenigen Aepfel wurden mit 20 Mark pro Zentner am Daum einem Ete'grrer überlassen.

Dei Müllers war es schon in der Garderobe strahlend hell. Viele Mäntel hingen da, und die Dienstmädchen hatten weiße Häubchen auf. Ia, den Müllers geht es gut, seitdem er mit seinen Dildern in Mode gekommen ist. Diese Dilder haben etwas Merkwürdiges: sie sehen aus als seien sie alle auf zerknitterte Leinwand gemalt. Auch in der Garderobe hingen welche.

Kasimir wollte seinen Mantel der beflissenen Zofe mit dem weihen Häubchen reichen, behielt ihn aber in der Hand, warf einen Blick in den Spiegel und zog. den Mantel wieder an.

»Was machst du?" fragte ich.

»Ich kehre um" antwortete er, »ich kann daS Fest nicht mitmachen."

»Warum nicht?"

Statt aller Antwort öffnete er den Mantel über ber Drust, die et mir entgegenstreckte. Es war ein erschütternder Anblick. Ich habe noch nie ein so verknülltes Hemd gesehen. Und sauber war es auch nicht.

Jetzt aber war ich derjenige, der dem Men­schen zu helfen wußte. »Warte!" rief ich.

Ich schlüpfte in den Salon, in das Atelier, das schon wie das Atelier eines berühmten Mannes aussah. Ueberall wimmelte es von Menschen, auch einige Masken sah ich. Ohne erst die Hausfrau zu begrüßen, suchte ich Mary. Ich fand sie, zog sie in eine Ecke. Heber uns hing eines der verknitter­ten Dilder.

»Hast du Augenbrauenstift und Lippenrot?" flüsterte ich.

Sie sah mich etwas erstaunt an, fragte aber nicht lange.

Mit diesen zwei Farben bewaffnet, eilte ich zu Kasimir zurück. Im Ru verwandelte ich seine Hemdbrust in ein Gemälde. Es sah genau aus wie ein echter Müller.

Alle fanden den Scherz gelungen. Rur unser verehrter Gastgeber und Meister lachte etwas gezwungen.

Das Fest verlief zu unserer Zufriedenheit. Aber Kasimir pflegte seitdem zu sagen: »Ersparnisse machen ist gut, nur hat man dabei zu große Un­kosten."

Hochschulnachrichten.

Der Professor der klassischen Philologie und Beredsamkeit, Geh. Reg.-Rat Dr. phil. Theodor Dirt in Marburg wurde zur Virgil- 2000-Iahrfeier als deutscher Vertreter von der Akademie von Mantua (Italien) als Red­ner für Deutschland gebeten. Die juristische Fakultät der Universität Heidelberg hat

v Londorf, 24. Sept. Der Dau der hiesigen D o l k s h a l l e, die sruher in Hcrsfeld als Reit­halle diente und von dem hiesigen VolkShallo- verein kauslich erworben wurde, ist jetzt so weit gediehen, daß die Einweihung am nächsten Sonn­tag stattfinden kann. Der Dau. der am Sport­platz in der Rahe des Dahnhofes steht, bildet eine Zierde unseres Dorfes. Die innere Ein­richtung ist so gestaltet, daß nicht nur größere Festlichkeiten, wie Wettstreite usw. abgehalten werten können, sondern auch Theater- und Kino- auffuhrungen hier zu veranstalten sind. Die Dudne ist etwa 140 Quadratmeter groß. Die Halle mit Galerie dürfte wohl 1200 Personen fassen: überall ist in ihr Sitzgelegenheit vor­handen. die die Brauerei Ihring-Mclchior ge­stiftet hat. Zahlreiche elektrische Lampen sorgen abends für Helle Beleuchtung, etwa 30 Fenster lassen das Tageslicht voll eintreten. Ferner ist in der Halle ein schöner, großer Schulsaal her- gerichtet worden, damit hier bei eventueller Ein­stellung eineS dritten Lehrers die Abhaltung deS Gewerbe- und FortbildungSschul-Unterrichts, der jetzt im dritten Schulsaal erteilt wird, möglich ist.

-D Sich. 24. Sept Die Bautätigkeit in unserer Stabt war in diesem Jahre verhältnismäßig gering. Fertiggestellt bzw. in einigen Wochen be­zugsfertig sind vier Einfamilienhäuser und ein klei­neres Zweifamilienhaus. Ein größeres Wohnhaus im ©orbenteidKr Weg und ein Einfamilienhaus am Hardtberg werden noch vor Winter im Rohbau er­stehen, ein weiteres Wohnhaus soll durch die Hes­sische Wohnungsfürforgegescllschaft in der Iahnsträße demnächst angefangen werden.

Mrcie Friedberg.

Vilbel, 25. Sept. In der letzten Nacht wurde, wie gestern schon kurz berichtet, in ber hiesigen GastwirtschaftZur Sonne" ein Einbruchs­dieb st a h ! verübt, bei dem anscheinend zwei Per­sonen als Tater in Betracht kommen. Diese Leute, bie gut flcfleibct waren unb Kölner Dialekt spra­chen, hielten sich bis zur Feierabenbstunbe in her Wirtschaft aus. Gestohlen wurden 1200 Zigaretten, 200 Zigarren, 1 Schinken, 12 Pfunb Wurst, 5 Pfund Butter, 5 Büchsen Oelsardinen, 1 blauer Regen­mantel, einige Herrentaghemden, eine Schreib­maschine (Marke Merz) und Bargeld, dessen Höhe aber noch nicht feststeht. Ferner wurde in dem Lokal eine Opferbüchse für Waisenkinder erbrochen und ihres Inhalts beraubt. Die Einbrecher find vermutlich mit Hilfe von Dietrichen in die Raume cingcbrungen. Die polizeilichen Nachforschungen sind im Gange, wobei sich ber Verbacht namentlich mit auf einen Mann lenkt, ber sich wahrscheinlich nach Frankfurt begeben hat.

Preußen.

Kreis Marburg.

£ Fronhaufen, 25. Sept. Arn vergangenen Sonntag wurde unter Teilnahme der gesamten Einwohnerschaft und geladener Gäste das neu­erbaute Schulhaus seiner Bestimmung übergeben. Pfarrer Weber hielt eine kurze Andacht, sodann begrüßte Bürgermeister Schn a - b e l die Anwesenden und dankte allen, die zum Gelingen des Baues beigetragen falben. Haupt­lehrer Schick übernahm die neue VolkSbildungs- stätte, wobei er einen Rückblick auf die Entwick­lung der Fronhäuser Volksschule gab. Ein Ver­treter der Regierung und Schulrat G e l d n e t sprachen noch Worte der Begrüßung. Die Feier wurde verschönt durch Gesangs- und Gedichtvor­träge der Schüler, Gesangsvorträge des Gesang­vereins, des gemischten Chors, sowie Darbietun­gen des Posaunenchors. Ein Rundgcrng durch das Haus, das vier Schulsäle, ein Lehrzimmer und im Kellergeschoß eine neuzeitliche Badeeinrichtung (Wannen- und Brausebäder) enthält, zeigte, was mit Opfermut einer Gemeinde trotz wirtschaft­licher Rot zu schaffen ist. Der schone Bau wird alle diejenigen ehren, die sich für seine Voll­endung einsehten.

Frau Camilla Iellinek, die Gattin des ver­storbenen großen Strafrechtslehrers Georg Ielli- nck, die soeben ihren 70. Geburtstag beging, zum Ehrendoktor ernannt. Frau Iellinek hat selbst auf juristischem Gebiet außerordentlich ver­dienstvolle Arbeit geleistet und sich auch am Rechtsschutz für Frauen und Mädchen erfolgreich beteiligt.

Oer Mann der dasHallo" erfand.

Wen der Weg öfters in diesem Geben nach Paris führt, der wird die Kunde, daß die Telephone dort »renoviert" werden sollen, mit Freuden begrüßen. War es doch bisher so, daß man zu einer Aussprache in Paris zwei Wege kannte: man nahm ein Auto und fuhr hin zu dem, mit dem man sprechen wollte, ober aber man schrieb ihm eine Eilkarte unb ver­abredete ein Rendezvous. Das Telephon kam ein­fach nicht in Frage. Bald hatten die Ratten die Drähte burchgesressen, bald klappte etwas an den Apparaten nicht. Run hat bas Pasteur-Institut einen Bazillus gesunden, der die Ratten in kürzester Zeit infizieren und töten soll. Also diese Gefahrenquelle ist überwunden. Jetzt hat man außerdem den besten Telephonspezialisten von Amerika, R. G. Brown, nach Paris verpflichtet, um mit feiner Hilfe das Telephonieren auch in der Seinestadt zu einer Wonne zu gestalten.

Brown ist wirklich ein großer Mann. Er hat in dieser Welt ein bleibendes Andenken, denn er war es, ber bas Wort .Hallo" erfanb. Er wollte bei feinen Verfuchen ein Rufwort haben unb rief eben .Hallo". Unb dieses .Hallo" hielt sich über bie Jahr­zehnte und bie Anfeindungen ber Behörben hinweg bis auf den heutigen Tag. Aber damit sind feine Verdienste noch nicht erschöpft. Brown erfand auch den Hörer, in den man zugleich hineinfprechen kann, während man sich früher mit zwei Instrumenten abplagen mußte, was die meisten von uns fchon ganz vergessen Haden. Ferner war es dieser Brown, ber das »Fräulein vom Amt" schuf. In Amerika hatte man vor vielen Jahren fchon die Boys ein» geiührt. Er fand, daß sich die Damen beim Amt viel besser eigneten und schuf fo einen neuen Frauen­beruf, ber jetzt durch den Zauber der elektrifchen Wöhler vernichtet wird. Mit neuen Apparaten und neuen Plänen ist er über das große Wasser nach Paris gekommen, um hier zu modernisieren, bie verstaubten Jchtiofaurier ber drahtlichen Ver­ständigung auszumerzen unb statt dessen niedliche kleine Apparate einzuführen. Bose Zungen behaup­ten, die $ajameterd)auffeure fsien fehr bofe auf Mister Brown wegen ber besseren Verständigung per Draht.