Ausgabe 
26.8.1930
 
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Sommerwege, Lieberhöhung der Kurven und vieles andere mehr. Allerdin^ stellen dle aus- gearbeiteten Richtlinien des Reichsverkehrsmini­steriums zunächst nur Anregungen und Wünsche dar, doch darf man annehmen, daß sie d e r e r st e Schritt zur Schaffung einer Reichs- strohenverwaltung sind, deren Zweck­mäßigkeit von allen Verkehrsinteressenten aner- lormt worden ist. Da die Ausarbeitung der Richt­linien im Benehmen mit den Länder­instanzen erfolgt ist und daher auch Wohl mit den bisherigen Finanzierungsprogrammen der Llnterhaltungspslichtigen parallel geht, ist an­zunehmen, dah diese sich bei ihren künftigen Hm* und Ausbauarbeiten an die Vorschläge des Reichsverkehrsministeriums und an die bearbeitete Karte über den Ausbau der Reichsdurchaangs- strahen halten werden. Dies bedeutet auch nach Ansicht der meisten Derkehrsinteressenten den An­fang für eine rationelle Gestaltung des deutschen StrahenwesenS, wenn auch konkrete Berechnun­gen über die Grsparnismöglichkeiten, die durch die Richtlinien gegeben sind, einwandfrei noch nicht vorliegen.

Gin Fahrrad-Wegebauprogramm

Zahlreiche Derkehrsinteressenten und Verkehrs» vrganisationen, Wegebaubehörden und 3nt)u» striekreise sind augenblicklich mit einem groß­zügigen Plan beschäftigt, der die Schaffung

von Radfahrwegen im ganzen Deutschen Reiche nach einheitlichen Grundsätzen und Richt­linien zum Gegenstand hat. Es ist beabsichtigt, abseits der großen Straßen des Verkehrs Fahr­radwege anzulegen, die ausschließlich von den Radfahrern benutzt werden dürfen, und deren Finanzierung in erster Lime von der ein­schlägigen Industrie durchgeführt werden soll, allerdings unter nennenswerter Beteiligung aller Wegebaupflichtigen. Ent­sprechende Verhandlungen, an denen auch die Studiengesellschaft für Automobllstraßenbau, eine rein wissenschaftliche-technische Organisation ohne Interessentenbindung, interessiert ist, sind in der letzten Zeit mit den Wegebauvflichtigen mit gu­ter Aussicht auf Erfolg geführt worden. Diese Verhandlungen haben zunächst zur Grün­dung eines Vereins für Radfahr­wege geführt, der unter Führung des Vereins deutscher Fahrradindustrieller die Angelegen­heit weiter behandeln wird. Diese Organisation ist augenblicklich bestrebt, zunächst ein Retz von Ausfallwegen' aus den Groß- st ä d t e n auszubauen und es ist z. B. in Ber­lin in den letzten Monaten bereits gelungen, besondere Radfahrwege zu errichten, die sich einer ständig steigenden Frequenz erfreuen. Re­gionale Verbände des Vereins für Radfahrwege sollen schon in allernächster Zeit in allen Teilen des Reiches ins Leben gerufen werden.

Artisten des Verbrechens.

Oie Hochschule der Taschendiebe. Von 500 wird kaum einer gefaßt. Wie man künstlich ein Gedränge schafft. Magdinoff, der König der Taschendiebe.

Von Karl Gillbrück.

Die Kriminalität steigt bekanntlich überall in demselben Maße, in dem sich die Wirtschaftslage verschlechtert. Dementsprechend hat die Zahl der Diebstähle in der letzten Zeit sehr zugenommen. Aber die Diebe sind keine einheitliche Gruppe Bet Verbrecherwelt. Man findet unter ihnen rohe Gesellen, die mit der Brechstange arbeiten, es gibt dumme Kerle, die sich bei der gelegent­lichen Aneignung eines verhältnismäßig wert­losen Gegenstandes ertappen lassen, und es gibt schließlich gutausgebildete, geschmeidigePro­fessionals", Leute von Welt, die in Rom, in Paris, in Madrid, in Kapstadt oder in Rio de Ja­neiro nicht weniger zu Hause sind als in Berlin oder London, kurzum Taschendiebe, die ihr Handwerk verstehen und Über ein hohes Ein­kommen verfügen, ohne jemals erwischt zu wer­den. Der bekannte Kriminalist H e i n d l be­richtet z. D. über den großen Taschendieb Le - p r e u i I, von dem alle Polizeibehörden wußten, daß er sein Geld nur aus fremden Taschen holte, und dem dennoch während seines ganzen Lebens vor Gericht kein Diebstahl nachgewiesen werden konnte. Dieser Mann, der bei seinen Helfers­helfern den SpitznamenDie goldene Hand" führte, hat niemals eine ehrliche Beschäftigung gehabt und hat keinerlei Erbschaft gehabt: den­noch bezog er in seiner letzten Lebenszeit eine jährliche Rente von 300 000 Franken.

Man braucht nicht zu fürchten, dah die Dar­stellung erfolgreicher und gewinnbringender Taschendiebstähle ohne nachfolgende Bestrafung zur Aachahmung aufreize. Wer sich gerade in Geldverlegenheit befindet und es vielleicht ver­suchen sollte, dieser mißlichen Lage durch einen gelegentlichen Griff in die Tasche feiner Rach- Harn zu entgehen, wird nicht schlecht auf die Kriminalisten schimpfen, die ihm eingeredet haben, daß Taschendiebe selten gefaßt werden. Dieses Handwerk will gelernt fein. Die ersten Hebungs- stunden macht der Schüler schon im Alter von sechs oder sieben Jahren durch. Vor etwa einem

Jahr verhaftete man in Berlin einen alten Gauner, der ehemals von Taschendiebstählen lebte, aber nun, ungelenk geworden, fein Brot als Lehr­meister an einer Akademie derKrebs e" verdiente, wie man die Langfinger in der Ver- brecherfprache nennt. Es wurde damit bewiesen, daß sich dieses edle Handwerk nicht nur vom Vater auf den Sohn vererbt: wenn der Vater ein schlechter Pädagoge ist oder aus einem an­deren Zweig des Berufsverbrechertums stammt, kann er seinen Sohn zur Ausbildung auf eine solche Schule schicken, in der man nicht weniger lernt als in den Artistenschulen. Der Unterricht beginnt in altgewohnter Weise an einer Wachs­puppe, die vollständig angekleidet ist. Der Anzug dieser Puppe wird von oben bis unten mit kleinen Schellen behängt, und nun erhält der Anfänger die Aufgabe, eine Geldbörse oder eine Brieftasche aus dem zugeknöpften Kleidungsstück zu ziehen, ohne daß eine Schelle zu klingeln be­ginnt. Allmählich werden die Finger gelenkig: das ist die Hauptsache, und auch der erwachsene Taschendieb hält fein wichtigstes Handwerkszeug durch Massage und durch eine Art gymnastischer Hebungen ständig geschmeidig. Dann muh der Schüler lernen,Schere zu machen. Zwei Finger sind mit einem einzigen scharfen Ruck, den das Opfer nicht merken darf, so zu ziehen, dah eine zugeknöpfte Weste auffpringt. Wer das kann, lernt die übrigen Sachen spielend. Mit einer Rasierklinge kann man im Gedränge An­züge zerschneiden, ohne dah jemand den Vor­gang beobachtet. Der Taschendieb weih, wo er eine Menschenmenge findet: auf den Bahn­höfen am Fahrkartenschalter, bei Demonstrationen, auf öffentlichen Festlichkeiten etwa bei der Los- verteilung. Aber die Aussicht, bei solchen Ge­legenheiten einenfetten Brocken" zu erwischen, ist doch nur gering. Am bestendreht man das Ding", wenn man sich erst sein Opfer aussucht, von dem man weih, dah die Brieftasche mit Banknoten vollgestopft ist. Dann schafft man

Wirble ins Leben!

Roman von Anna Fink.

Hrheber-Rechtsfchuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau, S.-A.

30 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Kommen wir denn heute gar nicht an die Luft?" fragte Barbara seufzend und lief zum zwanzigsten Male nach der schweren verschlossenen Tür, um durch das kleine Gitter zu spähen, das auf den Korridor herausging.

Datienza, Signora! Patienza Geduld, ©e- buld", sagte eine Frau, die auf dem Rand ihres kleinen schmalen Bettes saß und die Hände im Schoß gefaltet hielt. '

Sie sah manchmal stundenlang so da und träumte vor sich hin, und ab und zu lieh sie einen kleinen Rosenkranz durch die Finger glei­ten und betete leise zur Madonna.

O, es ist zu schrecklich!" seufzte Barbara und nahm ihre Wanderung durch die Zelle wieder auf.

Cs ging nun schon in die dritte Woche, daß sie in dem italienischen Gefängnis war.

Sie war mit mehreren Frauen in einem gro­ßen Raum untergebracht. Ein paar von ihnen hatten ihre kleinen Kinder bei fich, denn der Staat erlaubt es den Frauen, ihre Kinder bis 8um_ Alter von drei oder vier Jahren mit ins Gefängnis zu nehmen, um sie nicht in diesem zarten Alter von der Mutter zu trennen.

Die ersten Tage waren schrecklich für Barbara gewesen.

Man hatte sie in den großen Gefängnissaal gebracht, wo etwa vierzig Frauen beieinander waren, außerdem mehrere Kinder. Die Luft war infolge der vielen Menschen sehr schlecht. Das lebhafte Schwatzen und Schelten der Frauen, das Schreien der Kinder, all das machte Bar­bara Much, die gepflegte und an eine kultivierte Hingebung gewöhnte Frau, ganz krank.

Sie blieb zwei Tage lang im Bett Liegen und vermochte nichts zu sich zu nehmen.

Am dritten Tag kam der Arzt der Anstalt, ein jovialer, dicklicher Herr, der dem Aeuheren nach zu urteilen ebensogut der Tierarzt aus der Hmgeaend hätte sein können.

Er hatte Barbara flüchtig untersucht und ihren Puls befühlt.

Auf ihre Bitten, doch zu veranlassen, daß sie aus dem Gefängnis herausgelassen würde, hatte er sie mitleidig angesehen und ihr dann erklärt, er könne gar nichts tun, das ginge feinen be­hördlichen Gang. Er wolle aber ihr Los nach Möglichkeit erleichtern und dafür sorgen, dah sie in ein anderes Zimmer komme, wo nur wenige iSrauen seien und daS Essen etwas besser wäre.

Sie hatte nur traurig mit dem Kopf genickt, ihr war alles gleichgültig. Roch am selben Tage war sie umquartiert worden.

Außer ihr waren nur sechs Frauen in dem Zimmer. Die empfand es doch als Wohltat, denn es war viel ruhiger und die Luft wesent­lich besser.

Das Schönste vor allem war, daß der Raum ein grohes Fenster hatte.

Dieses war zwar gleichfalls mit dicken Eifen­stäben vergittert und auherdem noch mit einem Drahtnetz gesichert, aber man konnte, wenn man sich auf das Fensterbrett setzte, einen Blick ins Freie tun. Das Gefängnis muhte wohl auf einer Anhöhe liegen, denn man hatte einen Verhältnis» mäßig freien Blick auf ein paar Hügel und' eine Landstraße, die, aus der Stadt kommend, zwi­schen den Bergen verschwand.

Barbara sah mit Vorliebe stundenlang auf der Fensterbank und sah auf diese Strahe.

Sie freute sich über jeden Handelsmann, der da seines Weges zog, und gar ein Eselchen, das für feinen Herrn Lasten hinaufschleppte, war ein Ereignis in dem einförmigen Leben.

Manchmal freilich wurde die Sehnsucht nach Freiheit so übermächtig in ihr, dqh sie sich auf ihr hartes Lager warf und stundenlang weinte.

Die Frauen es waren meist jüngere, sahen sich dann mitleidig an. Sie kannten das und verstanden Barbara nur zu gut.

..Es nimmt alles ein Ende, Signora", sagte die eine oder andere bann, wenn sie sich ausge­weint hatte, zu ihr.Die Madonna hilft Ihnen auch. Wir beten alle zu ihr um Hilfe." Hnd mit einem schweren Seufzer wischte sich manche eine Träne ab.

Barbara hatte genügend Zeit, sich mit ihren Schicksalsgenossinnen zu unterhalten und sich deren Geschichte erzählen zu lassen.

Sie war erstaunt, wie viele von den Frauen da waren, ohne daß sie direkt ein Verbrechen begangen hatten.

Zum Beispiel waren da zwei junge Frauen aus dem gleichen Dorf, die durch ihre Männer in politische Hnruhen mit hineingerissen wor­den waren. Sie sahen schon acht Monate in Hn- tersuchungshaft, und es war nicht abzusehen, wann es zu einer endgültigen Verhandlung kom­men würde. Die eine von den Frauen sie hieh Maria hatte Barbara besonders ins Herz geschlossen. Sie bekam zuweilen von ihren Angehörigen Obst und Kuchen geschickt und schenkte Barbara immer etwas davon.

Anfangs hatte Barbara nichts annehmen wol­len, aber Maria hatte so bekümmert ausgesehen, dah Barbara ihr nie wieder etwas abschlug.

Maria war eine sehr schöne Italienerin. Die war Mutter von acht Kindern, die alle schon größer waren, und hatte ein kleines Anwesen.

künstlich ein Gedränge, und dazu gibt es Helfershelfer. 3m entscheidenden Augenblick muh man die Aufmerksamkeit des Opfers ablenken und es gegen eine plötzliche Berührung unemp- kindlich machen. Das Rezept ist sehr einfach. Der Dieb oder sein Kollege tritt einem Herrn auf den Fuß und entschuldigt sich dann sehr höflich. 3n diesem Augenblick hat der betreffende Herr sicherlich nur den Schmerz an feinem Fuß gespürt, und nicht die Berührung seiner Hosen­tasche. Oder man schlägt dem Opfer auf der Straße von hinten kräftig auf die Schulter, als ob man einen alten Bekannten begrüßen wolle. Auch hier wird schnell eine Entschuldi­gung gestammelt, der 3rrhim ist ja auch ver­zeihlich. Hat der Bestohlene etwas gemerkt, so werfen sich schnell dieKollegen" zwischen den Dieb und das Opfer, um die Verfolgung zu erschweren.

3st die theoretische Ausbildung beendet, so nimmt der Vater den Sohn auf die ersten Iagd- expeditionen mit. Diele Ohrfeigen hat der künf­tige Meisterdieb erhalten, bevor er so weit ist. Aber noch immer kann etwas schiefgehen. Manchmal mißglückt der Griff und der gezo­gene Geldbeutel fällt zu Boden. Auch dieser Fall ist zu Hause vorbereitet worden. Der junge Bursche hebt die Börse aus, verbeugt sich und gibt sie dem Bestohlenen artig in die Hand. Meist wird er für seine Liebenswürdigkeit noch mit einem Geldstück belohnt, denn das Opfer hat nichts gemerkt und ist froh, keinen Verlust er­litten zu haben. Allmählich erlangt der junge Taschendieb dann große Sicherheit. Er ist em Axtist geworden, der als Taschenspieler in manchem Variete auftreten könnte. Mantel und 3adett des Opfers sind zugeknöpft: dennoch zieht der junge Dieb mit den langen Fingern, die wirklich zum Handwerk gehören, die Brieftasche aus der inneren Westentasche, ohne daß von dem Verbrechen etwas bemerkt wird. 3m Auto­bus, in der Straßenbahn kneift er die Hhren von der Kette, und die Deute wird sofort dem Helfershelfer zugesteckt, der abspringt und ver­schwindet. Anzeigen sind äußerst selten, und die Sachverständigen stimmen darüber überein, daß von 500 Taschendieb stählen kaum einer gesühnt wird. Vor Gericht entstehen neue Schwierigkeiten. Wenn das Diebesgut nicht bei dem Angeklagten gefunden worden ist, son­dern auf der Erde gelegen hat oder von einem Kollegen schon über Seite gebracht worden ist, läßt sich der Diebstahl sehr schwer nachweisen. Dor allen Dingen bekommt man immer nur ein einziges Mitglied der Bande, nämlich den Bur­schen, der den Griff gewagt hat, aber nicht die Helfer.

Taschendiebe gibt es in allen Ländern. In Europa arbeiten vorwiegend Taschendiebe aus Polen, Galizien und Ungarn. Es gibt dort Fa­milien, die in vielen Generationen diesesHatzd- verk" geübt haben. 3hre Sprößlinge kommen in deutsche Städte, in denen sie ganz fremd sind. Aber sie haben schon in Warschau oder in Cernowih einige Adressen erhalten, und sie wissen etwa, in welcher Kneipe des Berliner Rordens sich Taschendiebe treffen. Cs gibt tatsächlich Stammlokale dieser Zunft, wo man auswärti­gen Dieben Unterkunft vermitelt und lokale 3n- struktionen erteilt. Don einer Großstadt zur anderen, von Land zu Land beschafft sich der Taschendieb solche Tips, und wenn er auch kei­nem Derein angehört, so ist er doch Mitglied einer geheimen Weltorganisation, die ihm über­all weiterhilft, und durch die er an jedem frem­den Ort sofort Helfershelfer findet.

So arbeitet wenigstens der gewöhnliche Taschendieb. Meister des Faches vermeiden es freilich, Kollegen zu beschäftigen und damit einen doppelten Hebelstand in Kauf zu nehmen. Sie müssen nämlich nicht nur den Gewinn teilen, sondern sie begeben sich auch in die Gefahr, verpfiffen'" zu werden. 'Ein Meisterdieb, der als Einzelgänger sein unehrliches Gewerbe

Obgleich sie nicht mehr ganz jung war, hatte sie ihre Schönheit nicht verloren.

Wenn Barbara sie anfdjaute, mußte sie immer an die Frauenbildnisse Feuerbachs denken.

Dann war da noch eine ältere Frau, von der es hieß, daß sie ihre junge Tochter an einen Mann verkauft haben sollte.

Sie selbst bestritt es heftig und erzählte je­dem von der Ungerechtigkeit der Welt.

Für gewöhnlich schien sie sich ganz wohl und zufrieden in dem Gefängnisbetrieb zu suhlen, nur ab und zu bekam sie Verzweiflungsanfälle. Sie tobte und schrie dann wie eine Besessene, raufte sich die Haare und schlug mit den Fäu­sten gegen hie versperrte Tür.

Man ließ sie gewähren. Rach einer Weile hörte sie von selbst wieder auf. Die Frauen gingen mit Barbara sehr zart und rücksichtsvoll um. Untereinander wurden sie manchmal aus­fällig und zankten sich, aber zu Barbara sagten sie nie ein hartes Wort.

Sie hatte ihnen erzählt, weshalb sie bei ihnen war, und gewann durch ihre offene Art aller Herzen.

Dom Gang her kam der Schritt der Aufseherin.

Barbara seufzte befreit auf.

Der tägliche Spaziergang von einer Stunde auf einem sehr großen, von einer Mauer um­gebenen Söller war noch das Erfreulichste des Tages.

Man promenierte auf und ab, haschte sich, um -ein wenig Bewegung zu haben.

Am meisten taten ihr die Kinder leid, die hier hinter Gefängnismauern leben mußten, so lange, bis ihre Mutter wieder freikam.

3m allgemeinen konnte sie mit Kindern wenig genug anfangen. Das kam wohl daher, weil sie selbst keine Kinder hatte.

Aber ein Kind war da, daS immer wieder ihr 3ntcreffe auf sich zog. Auch jetzt mußte sie es wieder anschauen.

Es war ein kleiner 3unge von nicht ganz drei 3ahren. Seine Mutter sah reichlich schlam­pig und gewöhnlich aus. Die hatte tiefschwarze Haare.

Auch jetzt hockte sie wieder mit ein paar Wei­bern an der Erde zusammen und klatschte.

Der Kleine sah Ujr gegenüber wie ein Engel auö: Er hatte ganz goldolonde Löckchen, schnee­weiße Haut und strahlende blaue Augen.

Mit unendlicher Zärtlichkeit hing er an der Mutter.

Er lief auf sie zu, um sein Köpfchen an sie zu schmiegen. Sie fuhr ihn ungeduldig an:Geh spielen!"

Gehorsam zog er sich zurück. Rach einem Weil­chen versuchte er'8 noch einmal ganz behutsam. Mit e iner rührend bittenden Gebärde kam er mit ausgestreckten Aermchen auf die Mutter zu und zupfte sie leise am Acrmel.

auSübte, ist z. D. M a g d i n o f f gewesen, der vor zwei 3obren in Düsseldorf'zu einer länge­ren Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Dieser Mann von etwa 50 3ahren beherrscht sieben Sprachen. Er war Leutnant in der Zarenarmee und wurde dort vor 25 3ahren bei einem Dieb­stahl ertappt. Seitdem hat er Berlin, Prag, Wien, Zürich, Bern, Luzern, Rom, Florenz. Mailand, Reapel, Rizza und Paris unsicher gemacht'. Dor dem Krieg gelang es seinem Vater, einem russischen Hauptmann, ihm in Ruß­land eine Begnadigung zu erwirken, und ec wurde dann Gefängnisdirektor in Sebastopol. Als Offizier machte er den Weltkrieg mit und kämpfte auch in der Wrangel-Armee. Aber dann fand seine bürgerliche Laufbahn wieder ein Ende. Seitdem ist Magdinoff von einer euro­päischen Stadt zur anderen gewandert übri­gens mit Frau und Kind und hat überall seinen Lebensunterhalt auf den Straßen und in den Eisenbahnen zusammengestohlen. Die Lauf­bahn dieses Taschendiebes konnte verfolgt wer­den, weil man ihn ein paarmal erwischt hat, und weil er Geständnisse ablegte. Aber gewöhnlich sind die Taschendiebe Derbrecher, die die Ge­fängnisse und Zuchthäuser viel seltener bevöl­kern als Einbrecher oder Scheckschwindler obwohl ihr Gewerbe viel häufiger ausgeübt wird.

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

"+ Hausen, 25. Aug. Schon lange wurde es als ein Mangel empfunden daß die Gemeinde über keinen Sportplatz verfügte. Nun ist man zu einer befriedigenden Lösung der Angelegenheit ge­kommen. Aus Anregung des Gemeinderats, unter Befürwortung des Kirchenvorstandes, hat das Lan­deskirchenamt in Darmstadt seine Genehmigung da­zu gegeben, daß ein Pfarrgrundstück, das sich be­sonders zu einem Sportplatz gut eignet, gegen ein entsprechendes Grundstück der Gemeinde eingetauscht und als Sportplatz zur Verfügung gestellt wurde. Das Grundstück liegt am Anneröder Berg und ist in 10 Minuten vom Dorfe leicht zu erreichen.

r. Lang-Göns, 25. Aug. Der hiesige Cvang. 3ugendverein veranstaltete am Sonntag ein kleines Waldsest, das einen sehr schönen Verlauf nahm. 3n einem Festzug, voran der Posaunenchor marschierte die Jugend, mit Blumen geschmückt, nach dem nahen Wald Heide". Daselbst gab Her Ortsgeistliche eine anschauliche Schilderung von der letzten Wan­derfahrt in den Vogelsberg. Es schlossen sich Awei Theaterstücke an, gespielt von Mitgliedern des 3ugendvereins. Die Darstellung im Freien, mit den mächtigen Waldbäumen im Hintergrund, fand allgemeinen Beifall. Maurermeister Heinrich-Schaub hat sein Amt als Ge­meinderatniedergelegt. An feine Stelle trat Händler August Krämer in die Gemeinde­vertretung ein.

§Daubringen,25.Aua. Am gestrigen Sonn­tag ereignete sich hier ein schweres Motorrad- Unglück. Ein hiesiger junger Mann kam von Lol-' lar gefahren, beim Etnbiegen in die Staufenberger Daubringer Straße verlor er die Gewalt über sein Kraftrad, stürzte und blieb bewußtlos liegen. Neben stark blutenden Hautabschürfungen an Händen und Füßen erlitt er schwere Prellungen am Kopfe. Erst nach längerer Zeit erlangte der Schwerverletzte das Bewußtsein wieder. Das Kraftrad ist stark beschädigt.

< Weickartshain, 25. Aug. Heute vormittag ereignete sich in dem Betriebe der Gewerk- schäft Louise ein schwerer Unglücksfall. Der Bergarbeiter Heinrich Gärnert war in der Eisenkaute mit dem Füllen der Förderkörbe beschäf- tigt. Hierbei löste sich eine größere Erdmasse los und verschüttete den bedauernswerten Mann zum großen Teil. Durch sofortige Hilfe einiger Karne- raben wurde der Verunglückte befreit und nach feiner Wohnung verbracht. Neben einem Beinbruch hat er anscheinend auch innere Verletzungen davongetragen.

Die ungeduldige Frau, die gerade einer inter­essanten Schilderung ihrer Rachbarin zuhörte, störte das Kind. Sie gab ihm einen Schlag auf das hingehaltene Händchen: »Wirst du mich end­lich in Ruh' lassen!"

Der kleine Kerl zog fein Händchen zurück und begann so schmerzhaft und bitterlich zu weinen, daß es auch die Mutter bemerkte.

Da sprang sie auf, nahm ihn ungestüm auf den Arm, preßte ihn an sich und bedeckte sein Gesichtchen mit Küssen.

Komm, mein Liebling, weine doch nicht so. O, ich schlechte Frau, ich habe dich geschlagen, du armes Kindchen."

DaS Kind hörte säst auf der Stelle auf zu weinen.

Selig lächelnd lehnte es fein Köpfchen an dis Schulter der Mutter und streichelte zart und be­hutsam ihre Wangen, als wolle er sie trösten.

Diese Szene sah Barbara sich oft wiederholen.

Weshalb ist sie so zu dem Kleinen?" fragte Barbara ihre Freundin Maria.

Sie ist aus Sizilien, da sind sie zuweilen so hitzig und etwas roh. Hinterher tut's ihr leid. Das arme Kind ist krank, hat immerfort die Ruhr, das Essen hier verträgt es nicht. Cs wird wohl eingehen."

Barbara schnitt es ins Herz, wenn sie das blasse, weiße Knabengesicht sah.

Ihr eigener Kummer und ihr eigenes Leid kamen ihr geringfügig vor diesem Kinde gegen­über, das ihr wie ein kleiner Märtyrer erschien. Es klagte und jammerte nie nach Kinderart, sondern hatte immer noch ein sonniges Lächeln.

Heute kommt der Direktor der Anstalt, Sign­ora Barbara", sagte eine der Frauen zu Bar­bara.

Hnd eine andere fügte hinzu:Er ist ein guter Herr, und man darf ihm alle Wünsche anver­trauen."

Barbara seufzte auf.

Sie kannte jede Fliese im Fußboden, sie wußte ihre Anzahl, sie hatte in den toten Stunden, die so schleppend dahinwankten, die Stäbe des Git­ters gezählt und die Bäume der Landstraße.

Die Untätigkeit machte sie manchmal beinahe verrückt.

Was sollte sie dem Direktor sagen? Auch er würde sie nicht freilaffen können.

Immerhin, es war eine Abwechslung im öden Einerlei des Tages.

Barbara lag lang ausgestreckt auf ihrem Bett und dachte an Reginald ContiuS.

Wo mochte er fein?

Er dachte wohl kaum noch an sie. Die beneidet« die anderen Frauen, die alle ihre Männer hatten, nach denen sie sich sehnten, von denen sie spra­chen und die den Tag nicht erwarten konnten, wo sie wieder mit ihren Frauen vereint sein würden. (Fortsetzung folgt.)

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