Nr. 198 Sweitez Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 26. August (930
Preisrevolution auf dem Weltmarkt!
Don Professor Or. Hermann Levy, Serkin.
6eit den schlimmen lagen der Inflation bat man wohl bei uns nicht so viel Grund gehabt, sich mit der Preisbildung zu beschäftigen wie im Äugenblick. Freilich kommt diese- Mal der 2n- stoß nicht aus unserer eignen Wirtschaft-Misere— wenn diese auch eng mit Preisfragen aller Art verknüpft ist —. sondern von der internationalen Preisgestaltung far. Hier haben sich in den letzten Monaten Entwicklungen ungebahnt, die man In den Jahren 1928 29 nicht für möglich gehalten hat, eS ist hier aus den verschiedensten Gebieten ein Absturz der Preise eingetreten, den man nicht anders wie eine .Preisrevolution" zu nennen vermag
Zunächst die Tatsachen: ein Blick auf die internationalen Getreldepreise zeigt die erstaunliche Tatsache, daß diese zu einem großen Teil auf das Dorkriegsniveau gesunken sind. 3n Reuyork kostete Hartwinterweizen am 30. Juli pro Dushel nur noch 93'/, Lent- gegen 104 Lents Im Jahre 1913; Roggen kostete in Lhikago pro Dushel SO'/. Lent- gegen 66 Lents im Zähre 1913. Del uns notierte Roggen ebenfalls mit'158 bi- 168 Mark pro Tonne nicht über Friedenspreis Die Daumwollpreife und W o l l p r e i s e zeigen ein gleiche- Bild. Baumwolle z. B. kostete loko Reuyork am 30. 3uli 12,45 Lent- pro engl. Pfund gegen 13,65 Lent- im 3ull 1914. Und von einer noch stärkeren Preis- beroute find die Metallmärkte ergriffen worden: Silber, Platin. Kupfer. Zink und Zinn find zum Teil erheblich unter den .Friedenspreis^ gesunken, ähnlich steht e- mit Kautschuk. Häuten, Äaffee, Holz, eine Preisbaisse aus der ganzen Linie weltwirlschastlich wichtiger Rohstoffe und Nahrungsmittel, welche teil- unter die ZriedenSpreiSbafts schon hinabgeht. teils an dieselbe heranreicht, während wir bisher gewohnt waren, mit um 50 bis 60 Proz. höheren Preisen als im Jahre 1913 zu rechnen.
Forscht man nach der nächstliegenden, freilich den Preissturz zunächst nur charakterisierenden, nicht voll erklärenden Ursachen, so begegnet man überall der Auslassung, dah ein U e heran g e b o t vorhanden ist. dessen Absorbierung unmöglich erscheint. Um nur ein Beispiel herauS- xugreifen nach Angaben eine- englischen Fach- blatteS liegen heute in London zweimal so viel Zinn wie im 3uli 1929 und viermal so viel wie vor zwei 3ahrcn! Es ist bezeichnend, das; sich da- Ucberangebot überseeischer Nahrungsmittel und Rohstosfe (auch Genußmittil 5Ka’febaiflc) tn einer starken Derminderung der transozeanischen Frachttarlse äußert, da die importierenden Länder infolge ihrer auf gefüllten Lager natürlich mit neuen Einfuhren sehr zurück» halten. Auch die Frachtsätze auf den großen überseeischen Seerouten liegen heute unter denen de- Frieden-! Welcher Gegensatz zu den Ereignissen der letzten 15 3ahre. wo sie zuweilen um 5—600 Prozent und noch Häher über den normalen FriedenSsähen lagen.
Man könnte meinen, daß ein Herabgahen der Nahrungsmittel» und Rohstosfpreise al- ein günstige- Symptom gedeutet werden könnte. Die ganze Welt, so hört man sagen, wartet ja auf dieses Herabgehen der Preise als der Grimmig von Krieg-- und Nachtricgsteuerung. Gewiß, wäre eine solche Deutung denkbar, wenn sich der neue Preissturz nicht unter ganz bestimmten und höchst bedenkltchen Begleitumständen vollzöge. Diesem Preissturz der Roh» erzeugnifse scheint nämlich keineswegs eine entsprechende Senkung der Warenpreis- zu folgen. Weder wir in Deutfchland noch andere Länder, wie etwa England, haben etwa- von einer Parallelbewegung der Rohstoff- und Fabrikatpreife bcmerlt. Rach dem 3nbci deS englischen Gcconomift vom 9. August 1930 ist z. B. Baumwolle um 31.4 Punkte gegenüber dem Dorjahre gesunken, während Baum- wollstosse nur 15.3 Punkte herabgegangen sind unb während der Preis von Häuten um 3,8
MWnis Jeldzug gegen den Vogelmord.
Don unserem römischen Rom. August 1930.
Sine Anzahl der HerkuleSarbeiten, die auch dem starken Manne 3talienS nicht erspart blieben, bat Mussolini schon hinter sich gebracht: Sizilien von der Massta zu säubern, die Bettler zu vertreiben, daS Bestechung-Wesen einzudämmen, da- Spucken zu verbieten, die Ausforstung deS Lande- vorzunehmen und so manche- andere. Aber die schwerste Arbeit steht ihm noch bevor, den Dogeimord au- zurotte n. Die Reinigung de- parlamentarischen Augia-stalles war ein Kinderspiel gegen den Dersuch, dem Dolke ein Rationalvergnügen zu nehmen, die Sing- v o g e I j a g d.
Gin Won von Luch, o Duce, und 3talien — so beschworen ihn schon ausländische Koryphäen der Ornithologie und Nationalökonomie, der Land- und Forftwirtschast — wird der Garten fein, das Dogelparadies! Statt her Tieröde. die eS heute ist. 3agdlich betrachtet, muß daS ganze Land als ausgeschossen gelten. Rehe und Hasen. Wild aller Art finbet man nur noch in eingefriebigten Revieren Fasanen und Rebhühner sind höchstens Farmprodukte, wie in Deutschland der Silberfuchs. Ein bißchen Flugjagd auf Lagunen und Sümpfen, wie sie Puccini so liebte. daS ist alles. 3m Frühling gelten die vom Meere in der Morgendämmerung hereinstreichenden Wachteln als treibjagd- würdige Beute, und werden von langen, langen 3ägerfetten abgeknallt, fo daß kaum eine durchkommt. Bleiben für den Rest des 3ahres nur bie Singvögel, denen mit Schrotsprihen und Rehen nachgestellt wird, dah nur selten ein ilcber- lebenber sich noch zu piepsen getraut, wenn die Liebe über ihn kommt. Der Fang der Zugvögel ist auf den Hauptdurchzugsstraßen förmlich industriell organisiert. Es genügt aber schon, vor die Tore Roms zu gehen, um 3äger zu sehen, die sich Schuhhütten gebaut haben, das heißt. Laubverftecke, auS denen sie auf die Bögelchen knallen, die auf die Krumen zutrippeln und sich dabei in dem erdfarbigen Netz verfangen.
Kleine, meist geblendete Käuzchen dienen dieser Art von 3ägem alS Zutreiber, doch ist jetzt wenigsten- daS Feilhalten der grausam ihres Augenlichtes beraubten Lockvögel verboten worden.
^-Korrespondenten.
Die Fremden staunen, fast jeden Hirten, jeden Bauern auf freiem Feld mit einer Flinte bewaffnet zu sehen Pass. pass, überall knallt e S. und die Signori auS der Stadt machen am Sonntag sröhlich mit. Und was für Ziele: Rotkehlchen, Finken, vor allem Lerchen WaS wollen Sie? Erstens find das fliegende Zielscheiben, und auch die elegante Welt schicht ja zum Späh auf lebende Tauben. Zweitens wuhten schon die Alten ein Gericht auS Lerchenzungen zu schätzen. Tradition also. 3cder. der den Abzug lösen und für ein paar Lire ein Schiehpetent erstehen kann, ist .3ägcr“.
Unb in diese- fröhliche Weidwerk will nun Mussolini aus andere Weise hineinknaslcn? Kühn, tollkühn! 3n einigen Provinzen sind bereit- Erlasse herau-gekommen, die mit Dogelschuh- beftimmungen unbedingt eine Aehnlichkeit haben. Das AuSnehmen von Nestern wird mit 200 bis 2000 Lire Strafe bedroht, die bei unmündigen Kindern die Eltern zu zahlen haben. 3n der Zeitung kann man rührende Aufrufe lefen: die Kinder müßten nicht nur zum Heldentum. sondern auch zur Düte erzogen werden, zu jenem Seelenadel, der die schönste und stärkste Acußerung großer Herzen sei. Die Tiere zu achten und zu Heben, besonders aber d i e StimmendesHimmels. die Gott geschasfen habe, um das Leben der Menschen lebenswerter, süßer und poetischer zu gestalten, das solle in den Schulen und von den Kanzeln gelehrt werden. Und so weiter in blühenden Wendungen.
Leider, leider gehen diese moralischen Unterstützungen eine- gesunden DerboteS von den — 3 ä g e r n aus. also den Nutznießern geschützter Nester. Und das ist schade. Denn jeder Lausebengel sagt sich, toarum soll ich warten, biS die 3ungcn flügge sind und dem Dippo oder Peppo vor die Flinte kommen?
Nein, so geht daS nicht. Der Duce müßte feine Pappenheimer kennen. Nicht den Kindern die Singvogeljagd verbieten, sondern die Herren Erwachsenen ersuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Ohne Schuhverbot, wie es andere Länder haben, kann der Herkules 3taliens seine Aufgabe nicht lösen.
Punkte tiefer ist als im Dorjahre, find die Lederpreife noch um 7.5 Punkte gestiegen.
3n dieser Diskrepanz — man fall sie „Preisschere" genannt —, diesem Mißverhältnis zwischen Rohstoss- und Fabrikatpreis liegt das „Revolutionäre", das Anormale dieser ganzen neuen Weltmarktpreis-Entwicklung. Ein Uebersluh ist gewiß erfreulich, wenn er zu rentablen Preisen untergebracht werden kann; wenn aber dieser Uebcrschuß auf einen Markt stößt, der überhaupt keine Konsum st eigerung mehr z u l ä ß t. wenn andrerseits die Kosten der Weiterverarbeitung auf Grund vieler feststehender oder nur langsam sich verringernden Delastungen, wie hoher Lohnausgaben, sozialer Lasten, hoher Mieten. hoher Steuern, immer noch au teurem Gelbe unbeweglich sind, so wirkt sich die ilcberfülle an Rohstoffen und Nahrungsmitteln nicht zugunsten der letzten Derbraucher, sondern nur zuungunsten der Erzeuger dieser Nahrungsmittel und Rohstosfe aus.
Wie weit in dieser Beziehung die Unnatur der augenblicklichen Preisverhältnisse in der Weltwirtschaft gediehen ist. zeigt die Tatsache, daß in Amerika Stimmen laut werden, welche von den Wirkungen der übermäßigen Hitze, welche die Getreideerträge bis zu 60 Prozent des Dor- jahrcS verringert haben soll, einen Stillstand der verheerenden Preisbaifse „erhossen"; fo wird unter den desorganisierten Verhältnissen der Weltwirtschaft, das was bisher als höchster Wohlstand angesehen wurde, die gute Ernte, zur „Plage", — waS freilich eine ökonomisch
sehr unliebsame Umkehrung fein dürfte, da eS dem Farmer lieber sein mühte, größere Mengen zu rentablen Preisen, als geringe Mengen zu etwa- höheren greifen loszuschlagen.
Diel leicht ist diese außerordentliche Preis-Kalamität. die in diesem Jahre über die Weltwirtschaft hereingebrochen ist, ein Dlitzstrahl. der etwas Erleuchtung in die Finsternis der wirtschaftlichen Nachkriegszeit zu bringen vermag. Hauptschuld an der verhängnisvollen Ueberzeu- gung trägt bie geschwächte Kaufkraft der alten europäischen 3nbuftrie- l ä n b c r. Wenn man in Amerika lange Zeit geglaubt hat, ohne wesentliche Rücksichtnahme auf die europäischen Wirtschaftsinteressen auskommen zu können, wenn man meinte, den Derar- mungSproxeß Europas von der sicheren Warte des angeschwollenen amerikanischen Gvldarse« nals ruhig mitansehen zu können, so wird vielleicht die Not des amerikanischen Weizenfarmers. des amerikanischen Baumwollplantagen- besitzers oder des amerikanischen Kupfer-Erzeugers dahin belehren, dah die Kauffähigkeit Europas nicht nur eine europäische, sondern auch eine eminent „amerikanische" Angelegenheit sein kann. Man wird vielleicht sowohl in Amerika wie in anderen exportierenden Ländern zu begreifen anfangen, dah zirka 2,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland ober 2 Millionen Arbeitslose in England nicht als eine nur vom Standpunkt dieser Länder bedauernswerte soziale Erfchei- nung zu begutachten sind, sondern dah diese
Reichswehrmimster Dr 03 r o c n c r mit seiner Braut Frau Ruth Gluck geb Naeher nach Der Stauung in der alten Garnisonkirche in Berlin.
Scharen in ihrer Kaufkraft entwerteter Konsumenten einen direkten Nachteil für alle diejenigen Erzeuger in der Welt bedeuten, welche ihre Nahrungsmittel und Rohstoffe zum Zwecke des auswärtigen Konsums abftoften müssen. Umgekehrt aber wirkt selbstverständlich auch die Notlage überseeischer Rohstofs- und Nah- rungsmittclerzeuger auf die europäischen Fa- brikatexportländcr zurück und verschärst Dort non neuem deren KrisiS, weil der überseeische Absatz von Fertigwaren durch die PreiSderouta in Nahrungsmitteln unb Rohstosfen verringert wirb, lieber die Erscheinung der Preise und der Preisbildung gelangt man auch hier immer wieder zu dem Grundübel der WeltwirtschastSlags von heute: die durch Krieg und Nachkriegsbürden erschlaffte Kaufkraft der Welt, ganz besonders Europas. Die neue, erschütternde unb noch gar nicht absehbare Preisrevolution kann daher sehr wohl mit einem erleuchtenden Blitzstrahl verglichen werden. Wird man dafür Sorga tragen, dah er nicht zündet?
Ausbau der Reichs-Durchgaugsstraßen.
Das ReichSverkchrsministcrium hat nach mühevollen unb langwierigen Verhandlungen mit den preußischen Provinzen unb mit ben Regierungen bet Länber eine ReichSdur ch g angS - strahenkarte ausgcarbeitet. Die Deröfsent- lichung soll schon in Siefen Tagen erfolgen. 3n ihr wird ein Netz von rund 25 000 Kilometer Länge — das ist etwa ein Achtel deS deutschen LandstraßennetzeS - al« für den Derkchr besonders wichtig klassifiziert. Den Wegebaubehörden wird empfohlen, diese Durchgangs- strahen bevor zu g t auszubauen und andere Arbeiten nach Möglichkeit zurückzustellen. Gleichzeitig werden Richtlinien herauSgegcben, welche alle die für den Bau von stärker belasteten Durchgangsstrahen wichtigen Fragen technischer Natur behandeln. ES handelt sich hier vor allem um die Art der Strahendecke. die Stärk« des Unterbaus, über die Breite der Straften,
Redensarten.
Ibn Kranz Hohen
Die „Döse Sieben".
Wer kennt sie nicht? Wo immer ein unholdes Weib den Mann bedrängt und ihm das Leben verbittert, ist man mit diesem Kosewort bei der Hand. Warum aber wählte man gerade diese Zahl?
Wie vor einigen Jahrzehnten Picket und Whist viel gespielt wurden unb jetzt Bridge unb das unverwüstliche Dret-Männerfpiel, der Skat, überall verbreitet sind, so war im fünfzehnten, sech- zehnten und siebzehnten 3ahrhunbert in Deutschland cm Kartenspiel tm Schwange und stark volkstümlich. daS man heute nicht einmal dem Rainen nach mehr kennt, das Äamöffel- oder Karnuffelspiei mit achlundvierzig Karten, benannt nach den Awei Hauptkarten, dem Ober- unb Unterkamufsel, politisch-satirischen An p elungen auf Karbinal und Landslnecht. 3n diesem Spiel war die Trumps-Sieben die ausschlaggebende Karte, sie beherrschte das ganze Spiel und erschien alS ränkcvolles Weib - das ist die .Döse Sieben". Denn diele Bezeichnung ging bald in die Volkssprache über, wie überhaupt zahlreiche volkstümliche Redensarten dem Kartenspiel entstammen mit verdeckten Karten spielen, einem das Spiel verderben, einen übertrumpfen, einem in die Karten sehen, abgekartete Sachen usw — Erwähnt fei in diesem Zusammenhänge ein Äberj, den sich bei der letzten Dolkszählung ein Nürnberger Gemüsegärtner leistete Der Zahler fragte ihn in Gegenwart feiner Frau: .Wie stark ist 3pre Familie?" — Antwort: .Meine Frau und ich. macht zusammen — achtl"
„Stein unb Dein."
3m Gegensatz zu unseren Gepflogenheiten wurde im Mittelalter der Eid weit seltener und nut bann gefordert, wenn cs sich um wirklich bedeutungsvolle Dinge handelte. Dann aber wurde der Schwörende in die Kirche und vor den Altar geführt und schwor dann unter Berufung auf „Stein und Dein".
„Stein" war der steinerne Altar, unter „Dein" aber sind die Gebeine der Heiligen zu verstehen. Denn der Schwörende muftte die Gebeine entweder unmittelbar berühren oder doch bie Hand auf den Reliquienschrein legen, der jene barg.
Die Sitte dieses feierlichen Eides ist verschwunden, die Redensart aber ist lebendig geblieben.
Der Stein hat der Sprache noch zahlreiche andere Bilder gegeben; hier sei nur eineS der gebräuchlichsten noch erwähnt. Wir sagen: „Aus jemanden einen Stein werfen", d. h. ihn verdammen, verurteilen. Die Steinigung im Alten Testament wurde durch das ganze Dolk vollzogen, die Zeugen aber, deren Aussagen entscheidend für daS Todesurteil gewesen waren, muftten den ersten Stein werfen. Deshalb sagt Ehristus von der Ehebrecherin 3oh. 8.7: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf fie!"
DaS Kerbholz.
Das Kerbholz, das schon im 13.3ahrhundert im Gebrauch war. war ursprünglich ein etwa fingerdickes Eschcnholzstäbchen. das der Länge nach fo gespalten war. daß die Schnittslächen einander genau deckten. Wenn nun zwei Personen auf Grund von Warenlieferung unb -empfang in einem laufenden Rechnungsverhältnis zueinander standen, so nahm jede von ihnen je eine Hälfte des Holzstäbchens an sich. So oft dann — gesetzt, es handelte sich um Brotbäcker und Hausfrau — eine bestimmte Menge Brot zur Ablieferung kam, wurden in Gegenwart beider Beteiligten die beiden Hälften des Stäbchens aufeinandergelegt und mit dem gleichen Schnitt eine Kerbe in beide Hölzer geschnitten. Am Ende der Woche oder des Monats ergab bann die Zahl der vollzogenen Einkerbungen die Summe der, entsprechend dem Wert der Einzellieferung. zu leistenden Zahlung. 3m 16. unb 17.Jahrhundert vertrat das Kerbholz auch bei den Gastwirten die Stelle der jetzt üblichen Kreide. Die Redensart, mit jemandem „in bie- selbe Kerbe hauen", d. h. das gleiche Ziel verfolgen. ist hergenommen vom Fällen der Bäume, wobei die Holzhauer am schnellsten zum Ziel kommen, wenn sie Schlag um Schlag in dieselbe Kerbe hauen.
Zapfenstreich.
Rach der Niederlage, die Wallenstein bei Lützen 1632 durch die Schweden erlitten hatte, machte sich unter feinen Truppen ein fo starker Rückgang der Manneszucht gcltenb, baft bem Heere völlige Auflösung brohte. Um vor allem ben wüsten nächtlichen Saufgelagen, die vielfach zu Ausschreitungen führten, zu steuern. lieft
Wallenstein allabendlich um neun Uhr ein Signal blasen, bas für bie Marketender ben Beseh! bebrütete, ben Zapsen an ben Fässern zuzuschlaqcn. unb um zu verhinbern, daß das Faft nachträglich wieder geöffnet werbe, gingen bet Pro'oft unb feine Weibel — wir haben das Wort heute noch in »Feldwebel" —, deren Befugnisse etwa denen der späteren Feldgcndarmcrie entsprachen, von Zelt zu Zelt und zogen mit Kreide zwei breite Kreuzstriche oder -streiche über Tonne unb Zapfen, beten vorzeitige Entfernung mit strengen Strafen — bi« zum Galgen — bedroht war Das war der .Zapfenstrich" oder .Zapfenstreich". Allmählich aber wurde dann bet Dorgang zur Bezeichnung bes Signals, das die militärifche Polizeistunde anzeigte, zum .Zapfenstreich".
Australiens totes Herz.
Australien« .Großer Salzsee", der Lake Ehre, der auch .Australiens tote« Herz" genannt wird, ist jetzt zum erstenmal mit Hilfe des Flugzeugs erforscht woiden. Das mächtige Becken, das etwa 400 km von dem geographischen Miitelpunkt des Erdteil- entfernt liegt, ist das einzige Gebiet in Australien, das unter dem Meeresspiegel sich befindet, fein Ufer liegt fast 12 m unter dem Meer, das den Kontinent umgibt. .Der Eyre-See". heißt es in einem Bericht bet englischen geographischen Gesellschaft, .ist ein riesiges Salz decken, daS nur von Zeit zu Zeit mit wenigen Zentimetern Wasser bedeckt ist. Diese Wasser» mengen entstehen, wenn die TrockenheitSocrioden durch ungewöhnliche Regengüsse in den weit entfernten Ebenen vop Queensland unterbrochen werden; dann sind die gewöhnlich trocknen Flußläufe, die zu dem See hinführen, mit Wasser gesüllt. und etwa« davon bedeckt auch den See, verdampft aber raich. so daß die Oberfläche wieder trocken wird. Die Erforschung des Deckens wurde zunächst in Flugzeugen unternommen, von denen aus photographische Aufnahmen gemacht wurden. Später unternahm man auch eine Fahrt im Kraftwagen. In der Nähe der Küste fand man den See mit einer dünnen Salz» kruste bedeckt, unter der sich Sand befinbeL Weiter von dem Ufer entfernt nimmt die Salzkruste an Dicke zu, und diese beträgt in einer Entfernung von 20 km 43 cm. Diese Kruste wölbt flch, wenn fie trocken ist. und bricht, so daß Salzplatten aneinander gelegt flnd wie Kartenhäuser von Kindern. Eine überraschende Entdeckung auf dem Bell des Eyre-Sees war da-Dorhandenfein von großenAmeiferckolonien
in einiger Entfernung von der Küste. Eidechsen non etwa 15 cm Länge schlüpfen über die salzige Oberfläche; fie haben genau dieselbe Färbung wie bie Salztruste. Am westlichen Rand des See- gibt eS .Hügel", bie augenscheinlich durch die artesischen Wasser hervorgerufen find, die sich in weiten Teilen Australiens befinden. Quellen steigen aus dielen unterirdischen Waflern hervor, die Blasen bilden und stark mineralhaltig sind. Durch diese Forschungen hat man auch die gänzlich unbewohnte und früher unbekannte Gegend nördlich de« Sees näher fennen- gelernt. Das Gebiet ist waflerloö und mit parallelen Sanöftügeln bedeckt, die sich viele Hunderte von Kilometern entlangziehen. Die Hügel sind zwischen 200 und 300 Metern hoch, und aus der einen Seite so steil, dah sie auch ein unbeladene« Kamel nicht erklettern kann Dom Flugzeug aus macht das Gebiet ben Einbruch als wenn eS mit riesigen Pflügen beackert worden wäre."
Wo puccini begraben liegt.
©ine Wallfahrt von Pilgern au« allen Teilen der Erde wird jetzt nach Torre del Lago in Italien angetreten, wo die sterblichen Reste des Komponisten Puccini bestattet sind- Die Begräbnisstätte de« Schöpfer« der .ToSca" ist eine ter merkwürdigsten, die e« in der Welt gibt. DaS Grab befindet sich nämlich in dem Arbeitsraum der Dilla, die Puccint mit den Erträgniflen feiner ersten erfolgreichen Oper .Manon Lescaut" kaufte. An der Tür liegt dealte weißhaarige Terrier .Max", der Liebling de« Komponisten, der vergeblich auf ben Schritt feine« Herrn laufcht- Auf dem Tisch sieht der andächtige Besucher die Brille deS Meisters, die letzten Briefe, die mit der Bost für ihn eintrafen, em Buch mit indianischer Musik und ein unvollendete« Blatt au« bem Manuskript feiner letzten Oper .Turandot", das vom 1. August 1921 datiert ist. Hinter dem Klavier, dessen Deckel emporgestellt ist, befindet sich der Sarg, der in die Mauer eingelassen ist. und gegenüber eine Kapelle, deren Wände mit Mosaik ausgelegt sind unb die mit Marmorsiguren geschmückt ist. Die Marmorgestalten stellen drei Heldinnen seiner Werke dar: Manon, Madame Buiterfly und da« .Mädchen au« dem Goldenen Westen." In Den anstoßenden Zimmern befinden sich Iagdkrophäen deS Meisters; sein Hut hängt noch am Nagel an ber Wand, seine Schuhe stehen in einer Reihe, und fein Stuhl ist vor den Kamin gestellt fo, wie es bei fernen Lebzeiten der Fall war.


