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Die Ankunft des neuen päpstlichen Runlius in Berlin.

Der Berliner Bischof Dr. Schreiber begrübt den neuen Nuntius Monsignore Orsenigo (links), den Nachfolger Pacellis, bei seiner Ankunft in Berlin.

möchten. Es liege eine Tragik dgrin, daß *n biejerfl Alkgenblick erhähter Pflichten an den äußeren Fundamenten des Schulbaues ge­rüttelt werden muß durch Verminderung der Lehrkräfte und durch ihre starke Belastung, durch Erhöhung der Klassenziffern, durch Beschneidung der sachlichen Aufwendungen, durch Eingriffe in die ruhige Tagesarbeit, die frei sein sollte von materiellen und ideellen Sorgen. Und doch wäre all das noch leichter zu ertragen und zu überwinden, wenn sich nicht zugleich die Heber- zeugung aufdrängte, daß die hiermit verbundene Gefahr für das Volksganze nicht immer von allen Schichten unseres Volkes erkannt wird. Der Redner bezeichnete es als eine berechtigte Aufgabe des Phi­lologenvereins, nicht nur laiU und deutlich auszu­sprechen, daß die höhere Schulbildung einen ganz wesentlichen und ohne die ernsteren Gefahren für das Gesamtwohl nicht zu vernachlässigenden Anteil der allgemeinen Volksbildung darstellt, sondern daß der Verein auch für die Verbreitung dieser Erkennt­nis arbeitet und sich einsetzt.

Nach Begrüßungsworten des Bürgermeisters Dr. Angermeier namens der Stadt Bensheim er­griff Universitätsprofesior Dr. Bruno Bauch (Jena) das Wort zu seinem Fe st vortrag über die er­zieherische Bedeutung der Kulturgüter. Den ersten Tag der Hauptversammlung beschloß ein Begrü- ßungsabend.

Ein Ehepaar durch Gas vergiftet

y Frankfurt a. M., 25. April. (WSN.) Heute mittag gegen 12.30 Uhr wurden die Eheleute Hoff­mann in ihrer Wohnung in der Schloßborner- straße 59 mit Gas vergiftet tot ausgefunden. Wie die Polizei seststellte, handelt es sich um einen Unglücksfall. Von der Gasleitung, deren Haupthahn nicht abgestellt war, hatte sich der Gas- schlauch gelöst, und durch das ausströmende Gas wurde das in den Betten liegende Ehepaar ver­giftet.

Oer Kampf um

Von dem Milchhändler-Derein Gie­ßen und Umgegend wird uns geschrieben:

2mGießener Anzeiger" vom 24. April schreibt der Milcherzeugerverband Friedberg, daß der M i l ch h a n d e l seit 1927 seine Spanne von 12 auf 16 Pfennig erhöht hat. Dies entspricht nicht den Tatsachen. In Wirklichkeit besteht heute für die Milchhändler eine Spanne, die je nach der Höhe der Transportkosten vom Er­zeuger bis zum Verbraucher 8 bis 11 Pfennig beträgt. Hier handelt es sich um Milch, die teils von Hofgütern und teils aus den benachbarten Orten geliefert wird.

Vei der Sammelmilch haben die Händler im Sommer mit großen Verlusten zu rechnen, da sie sehr ost sauergewordene Milch bei der Kund­schaft ersetzen müssen. Auch bleibt sehr oft Milch übrig, an der ebenfalls Geld verloren wird.

Es kann nicht für den gesamten Milchhandel in Betracht gezogen werden, wenn unter beson­deren Umständen ein einzelner Milchhändler von dieser Spanne abweicht.

Der Erzeugerverband will mit allen Mitteln versuchen, die Milch vom Erzeuger direkt an die Verbraucher abzusehen. Er sagt aber nichts davon, daß bald die Hälfte der in Gießen zum Verkauf kommenden Milch von Erzeugern direkt an die Verbraucher geliefert wird. Ob durch diese direkte Belieferung ein Vor­teil für die Derbraucherschaft entsteht, muh die Zukunft lehren. Bisher war es so, daß die Ver­braucher für die vom Erzeuger direkt gelieferte Milch zum Teil einen höheren Preis bezahlen mußten, als bei dem Milchhändlern. Man sieht also, daß der Landwirt die Milch auch nicht umsonst in die Stadt bringen und in den ver­schiedenen Stockwerken bis zu den entlegensten Straßen ausmessen kann.

Von der Dampfmolkerei Gebrüder Grieb, Gießen, wird uns geschrieben:

Die vom Milcherzeugerverband, Sih Friedberg, imGießener Anzeiger" Ar. 95 gemachten Aus­führungen sind auf unseren Betrieb nicht anzu-

Ans der provinzialhauptstadt.

Gießen, den 26. April 1930.

Gesegnete Rückkehr

Bon Reinhold Braun

Rückkehr zur Naivität auf höherer Stufe!" So spricht Friedrich Aaumann von einem, der in die wahre Freude heimfand. Ist dieses Wort nicht wie der Schluß einer vom echten Geiste erfüllten Lebensphilosophie? Wie der Abglanz eines wundervoll emporgegipfelten Menschseins ? Sinnbild für diese Art, das Leben zu erfassen, bleibt mir der alte Musikprofessor, den ich wie einen Vater lieben gelernt habe.

Was ist es denn, daß ihm in der erlesenen Tischrunde alle Herzen entgegenschlagen ohne Un­terschied der Weltanschauung, daß selbst die Männer be£ wissenschaftlichen Tatsächlichkeit die­semreinen Toren" wahrhaft zugeneigt sind und ihm mit ausgesuchter Hochachtung begegnen? Im Grunde ist es seineAaivität auf höherer Stufe". Das ist dos Geheimnis dieser herrlichen Alters­heiterkeit, das Wunder ihrer herzbetonten Klar­heit und inneren Schönheit. And es ist nicht von ungefähr, daß der liebe Alte den Johann Sebastian Bach so liebt und seine prächtigen, einfalt-köstlichen Geschichten über ihn geschrie- 6en hat. Durch alles Professorale seines Faches hindurch hat er immer wieder heimgefunden zu dem Arklanghasten der reinen Menschenseele, und aller Musikwust der Moderne und Aeberrnvderne hat ihm nichts anhaben können. Er ist dabei fei­

den Milchpreis.

wenden. Es wurde angeführt, daß jeder über­ständige Liter Milch den Bauern auf dem Lande stehengelassen würde und dieser das Risiko der Verbutterung zu tragen hätte.

Ans fällt als Molkerei die Aufgabe zu, die Milch unserer Lieferanten restlos abzunehmen und infolgedessen auch das Risiko der Verbutte­rung zu tragen. Dies geschieht auch in vollem Maße, obwohl sich die Milchanlieferung gegen­über der Vorkriegszeit in unserem Liefergebiet mehr als verdoppelt hat. (Von täglich 500 auf 1200 Liter und von 800 auf 2000 Liter.) Auch bei größeren Gütern hat die Lieferung ganz erheblich zugenommen.

Von der gesamten, bei uns eingehenden Milch- menge kommt in Gießen kaum der dritte Teil für Frischmilch in Betracht, während alle übrige Milch bis auf ein kleines Quantum Dersandmilch verarbeitet wird.

Der an den Landwirt zu zahlende Milchpreis muh sich daher nach der Verwertung der Milch aus der Verbutterung und dem Frischmilchabsatz richten. Hieraus ergibt sich, daß die in den Aus­führungen des Erzeuger-Verbandes angeführten Zahlen über die Handelsspanne mit unserm Be­trieb nicht das geringste zu tun haben.

Wenn hinsichtlich der Preisgestaltung der Milch der Milcherzeugerverband bei seinen sämtlichen nach Gießen liefernden Mitgliedern eine Rege­lung herbeiführen würde, wie diese bereits in Mainz und Worms besteht, wäre der Streit um die Handelsspanne beigelegt. Dort wird ein Rampenpreis für Frischmilch und ein besonderer Preis für Verarbeitungsmilch festgesetzt. Durch diese Regelung würden nicht wie bisher die aus der zu verarbeitenden Milch entstehenden Min­dereinnahmen nur von einem Teil, sondern von sämtlichen, nach Gießen liefernden Landwirten zu tragen sein.

Daß in der Frischmilchversorgung der Stadt Gießen unhaltbare Zustände nicht nur bezüg­lich der Preisgestaltung bestehen, trifft zu: auch wir würden es begrüßen, wenn hier von maß­gebender Seite Wandel geschaffen werden könnte.

neswegs altmodisch; er hat durchaus einen Sinn für das Cchtwertige der neuen Zeit. Aber er steht da tote ein gesunder Eichbaum in allen quirlenden Wassern eines oft abnormen Kunst- gehabens.

And wenn er mir aus seinem erlebnisreichen Dasein , erzählt: immer wieder seines Erdenwan­derns alte, schöne Wahrheit:Rückkehr zur Aaivität auf höherer Stufe!" Das ist wie die feine, zutiefst erquickende Kantilene dieser einzig­artigen Lebensmelodie. So beglückt er doppelt in der Episodensucht der Zeit, dem auch die Kunst zu einem erheblichen Teile anheimgefallen ist.

Wir haben in unseren Tagen zu viel ungesund abenteuerndes Element, gefördert durch die Strö­mungen des Materialismus und der damit ver­bundenen Ichsucht und des Gelöstseins von Gott und den ewigen Wahrheiten. Es ist überall zuviel Vorstoß ins Sensationelle, in das krank­haft Abwegige, daß es oft komisch wirkt, wenn es nicht zu traurig wäre und eines ganzen Balkes Tragik bedeuten könnte.

Da klingen denn solche ^ätze auf wie der eines übermodernen, fremdländischen, aber in Deutsch­land lebenden und aufgeführten Komponisten und Opernleiters:Beethoven ist abgestanden!" And wenn wir an das Gebiet der Erziehung denken, de^ der Jugend und der völkischen Gesamtheit, mühte nicht Sinn und Ziel aller erzieherischen Maßnahmen sein: Durch alles Wissensgewirble hindurch die Fähigkeitzur Naivität auf höherer Stufe"? Wir haben zuviel innere Verzerrung schon bei der Jugend, zuviel getrübten, schiefen Blick, zuviel Blasiertheit und Angetünchtheit. Wer Augen hat zu sehen, der sehe!

Das Naive, Grundhaste, menschlich schön Natür* l'che, Angezwungene, Anverstellte bleibt Schmuck und Krone des wahren Menschen und eines echten, impulsreichen Volkes. Alles Große ist im Grunde naiv, weil es aus göttlicher Wurzek wachst und fruchtet. Ansere Zeit ist Gleichnis eures traurigen Irrgängertums, auf allen ®c- bteten: sie trägt das Gepräge des Landstreichern haften trotz Automobil undRheingold-Zug" trotz überfüllter Lehrsäle und labyrinthhafter Verwaltungsgebäude.

Wollen wir doch vom Kerndeutschland den Muk haben zur Rückkehr in die echte Aaivität der Empfindungen, in die innere Gesundheit echt menschlicher Welt- und Lebensauffassung, deS Erlebnisses dessen, was Volkheit ist und bedeutet: wollen wir doch Heimfinden in die alte heilige Inbrunst der Seele, in die Ehrfurcht vor dem wirklichstrebend - sich bemühenden" Geiste, in die Klarheit und Festigkeit schopfoeischer Gott- verbundenheit!

Solche Rückkehr sott unser Leben adeln und als ein Auftrag einer höheren Welt geachtet und erfüllt werden!

Riederschläge.

Sie schrie erregt:Schon wieder, wie so oft, hast du mich kalt und rücksichtslos betrogen! Auch heute haft du, gänzlich unverhofft, mich wiederum erbärmlich angelogen I" Gewiß, mein Lieb, es tut mir herzlich lei ix, doch bitte ich dich, sachlich zu bedenken..." Ich pfeif auf deine ganze Sachlichkeit, mit ihr muh man sich noch zu Tode kränken. Das geht nun so, seit wir beisammen sind.

Ich höre Tag für Tag fast nichts, als Lügen.. .* Nun sei doch bitte ruhig, liebes Kind.

Man muh sich doch dem höh'ren Schicksal fügen!*1 »Wenn du so fortf ährst, ist in kurzer Zeit Nc Liebe, die ich hegte, ganz gestorben. Durch dich ist wiederum mein neues Kleid durchnäßt, zerknittert und total verdorben...* Er schwieg, von ihrem Redeschwall geplagt, womit er sich den weitern Streit ersparte..« Er hatte Sonnenschein vorausgesagt j als Leiter einer Landeswetterwarte.

Puck.

Gießener Wochenmarktproise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarktr Butter 140170, Matte 3035 Pf. das Pfd.; Eier 10 Pf. das Stück; Käse 10 Stück 60140 Pf.z Weißkraut 810, Rotkraut 1520, Gelbe Rü­ben 1012, Rote Rüben 1012, Spinat 15 bis 20, Spargel 150160. Anter-Kohlrabi 6-8, Grünkohl 10-15, Feldsalat 80100, Tomaten 7080, Zwiebeln 812, Meerrettich 5070, Schwarzwurzeln 40 60, Rhabarber 1520, Kar­toffeln 4,55, Aepfel 1015, Dörrobst 3035, Honig 4050. Aüsse 5070 Pf. das Pfd.; Tau­ben 7080 Pf. das Stück; Junge Hähne 120 bis 130, Suppenhühner 100120 Pf. das Pfd.; Blu­menkohl 50100, Salat 20-25, Salatgurken 75 bis 80, Lauch 510, Rettich 10-20, Sellerie 1040 Pf. das Stück; Radieschen 1520 Pf. das Bund; Kartoffeln 3.80 bis 4 Mk. per Zentner.

Bornotizen.

Tageskalender für Samst ag. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Liebeswalzer". Astoria-Lichtspiele:Der Kamps um die Gold­felder" undIch hab' mein Herz im Autobus verloren."

Tageskalender für Sonntag. Stadttheater: 15 bis 18 Ahr und 19 bis 22 Ahr: -In der Iohannisnacht". Lichtspielhaus Bahn­hofstraße:Liebeswalzer". Astoria-Licht- fpiele:Der Kamps um die Goldfelder" und Ich hab' mein Herz im Autobus verloren".

Stad11heater Gießen. Man schreibt uns: Nächste Woche bringt die letzte klassische Premiöre der WinterspielzeitClavigo" von Goethe. Die Erstaufführung ist auf Dienstag, den 29. April, festgelegt. Oberspielleiter H. San*

Rom betrachtet seine Geburtstagsgeschenke.

Von Dr. Gustav W. Eberlein.

Rom, Ende April.

Liebes Kind," so sagte der gute Vater Musso­lini zu seiner Lieblingstochter Roma,du feierst * heute deinen 2684. Geburtstag, und wer nur nach dem Kalender geht, der könnte glauben, du kämest allmählich in die Jahre. Bei Licht be­trachtet. wirst du aber alle Tage hübscher. Je älter du dich kleidest, um so jünger siehst du aus. Du hast die ewige Schönheit. Ja, du gefällst mir um so besser, je mehr du von dem modernen Plunder ablegft. Ich will dir das älteste Zeug anlegen, das ich habe, es steht dir. Es steht dir famos! Wenn dich Cäsar sieht, wird er erröten. Das sollen meine Geschenke fein! Nimm sie hin und laß dich umarmen, figlia mia!

Damit zog der pater patriae die jahrhunderte­alten Schleier von der stolzen Roma weg, be­freite ihre Schultern von dem Tand einer kächer- lichen Mode, und sie hob das Haupt und war so schön, daß die Leute geblendet die Augen niederschlugen.

Dieses königliche Haupt, das Kapitol! Frei hebt es sich jetzt heraus, mächtig fluten die beiden Freitreppen herab, der elende Kram in und um dieses einzigartige Gew^e ist gefallen. Man sieht es jetzt schon von d« Piazza Venezia aus und man sieht daneben endlich wieder den tat» pejischen Fels, den schmutzige Dächer und Ter­rassen mit ihren Kloakenanhängseln buchstäblich überwuchert hatten.

Bei der Freilegung des Kapitols muhte natür­lich auch so manches andere fallen, was die Maler, die um keinen Preis dort wohnen möch­ten, malerisch, und die Gelehrten, die vorher gar nichts davon wußten, unersetzlich fanden. Unter anderem zwei Kirchen, die unvermutet aus dem Häusergerümpel auftauchten. Seit Gene­rationen vollkommen vergessen und verschwunden erregten sie begreiflicherweise das Interesse der Antiquare unter den Kunsthistorikern, aber der Gouverneur der Stadt, Fürst Ludovisi Bon- compagni, meinte, der Tod dürfe nicht das Leben ersticken, der sogenannte Lokalcharakter der muf­figen Winkel und der wäscheüberf tatterten, un­gesunden und unmoralischen Gäßchen müsse ver­schwinden. Die Hauptstadt des neuen Italiens wende sich mit Abscheu ab von einer derart heuch­lerischen Romantik, sie wolle Luft, Licht und Schönheit.

And der Duce gab dem mutigen Manne Recht Gr berief einen Ausschuß für einen neuen Be­bauungsplan und gab ihm nur einige Monate Art ft zur Vollendung seiner Ausgabe. Keine

leichte Aufgabe, gewiß, es gelte, mindestens vier Städte, die in Rom durch- und übereinanöer- liegen, harmonisch zu verschmelzen, die Erhaben­heit der Antike herauszuschälen und dem modern­sten Verkehr Rechnung zu tragen, denn in zwan­zig Jahren werde Rom zwei Millionen Ein­wohner und hunderffünfzigtausend Automobile haben.Ihr müht die Dinge im großen sehen! And nun ans Werk!"

Die Geburtstagsgeschenke, die wie alljährlich am 21. April der Stadt zu Füßen gelegt wurden, sind programmatisch für das Doppelproblem der renaissancehaften Verehrung der Antike und der amerikanischen Dauwut, die ganz Italien er­griffen hat.

Nicht nur derheiligste Hügel nach Golgatha" wurde befreit, sondern auch das Marcellus- theater. Eine Miniaturausgabe des Kolosseums, liegt es nun etwas schämig im Getto, dort, wo Goethe in einer der noch immer Liebhaber findenden Weinkneipen seine Faustina fand. Es fühlt sich sichtlich nicht recht wohl so vor aller Augen und sehnt sich nach der Vereinigung mit dem Vestatempel, dem es auf dem Platz des Wahrheitsmundes nicht anders gegangen ist. Dort steht er jetzt in jungen Gartenanlagen und vor einem mächtigen Brunnen zur Schau, wäh­rend ihn bisher nur nächtliche Pärchen oder Cookherden aufsuchten. Cs ist eine Revolution, dieser Durchbruch des alten Iudenviertels.

And zur Linken des neuen Kapitols schaut man nun von der herrlichen Loggia des wiedererstan- denen Hauses der Rhodosritter auf die plötzlich aufgegangenen Märkte Trajans und sieht schon die Spitzhacken fliegen, die auch die letzten, der Verschmelzung sämtlicher Kaiserfora noch im Wege stehenden Häuserzeilen über Nacht niederlegen werden.

And mit der gleichen Entschlossenheit, mit der niedergerissen wird, ruft man draußen vor den Toren eine Neustadt ins Leben. Aus dem Monte Mario wird eine Freiluftschule eingeweiht. Alle Provinzen haben ihre überlebensgroßen Statuen für das Forum Mussolini beim Ponte Milvio ab­geliefert. Sechstausend Kinder singen nachmittags in der Pinienarena der Villa Borghese zum Preise des neuen Vaterlands.

Qlber der Schöpfer des vierten Italiens be­gnügt sich nicht mit Aeußerlichkeiten. Er hat den Arbeitsfeiertag des 1. Mai nicht bloß aus De­monstration abgeschafft und auf den Geburtstag Roms verlegt.

In der Nacht, punkt zwölf Ahr, sanken auf seinen Befehl die mittelalterlichen Zollschranken an den Städtetoren. Millionen über Millionen an Zolleinnahmen verschwinden damit auf einen Schlag, aber wie meinte er doch? Man müsse die Dinge im großen sehen! Wenn nichts anderes, diese Verfügung allein zeigt den Anterschied

zwischen dem heutigen und dem Italien von gestern, das eine solche Tradition einträglicher Schranken und bequemer Zöpfe niemals oder doch nur nach einer Kette von Parlamentsgefech­ten und Regierungsstürzen hätte aufheben können. Man mag an der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit einer solchen radikalen Maßnahme herummäkeln, es ist der Geist, der in ihr zum Ausdruck kommt, dieser mannhafte Herrscherwille, den man bewundern muß. Der die Traktoren in die pon- tinischen Sümpfe schickt, der die Aufforstung des entwaldeten ßanö-eS befiehlt, der die Getreide- schlacht schlägt.

An diesen Ostern endlich bricht man an un­serem Tische nicht mehr das Brot der andern, das so bitter war, das die Zeichen der Ab­hängigkeit und des Elends in jeder Krume trug. Zum erstenmal, am Tage der Auferstehung, essen wir das Brot unserer Erde und wir heben es in die Höhe, wie die jüdischen Priester zum Himmel hoben die Aehren als Symbol der Befreiung aus der Knechtschaft. Wir segnen es, unser heiliges Brot, die Verheißung für morgen, die Gewähr unserer Zukunft, das Signal für Ereignisse, die den eisernen Ring zerschlagen werden, mit dem man den Lauf unserer Geschichte anhalten und unsere gerechte Bestimmung in Fesseln schlagen möchte!"

So beginnen die Iubelartikel in den Zei­tungen, und es wäre töricht, in diesem ileber- schwang nichts als Theater zu sehen. Wenn heute abend Rom seine Geburtstagsgeschenke betrachtet, so sieht es sie nicht mehr bengalisch von außen her, sondern von innen heraus beleuchtet, und auch das ist wie ein Gleichnis. Es erkennt in scharfen Amrissen seine jahrtausendjährige Ge­schichte und entnimmt ihr eine verlockende Mah­nung für morgen: die Mahnung zur Gröhe.

Figlia prediletta der Duce weih wohl, warum er Rom seine auserwählte, seine Lieblingstochter nennt.

Hochschulnachrichten.

Der Lehrstuhl der Astronomie an der Leipzi­ger Aniversität ist dem auherordentlichen Pro­fessor und Observator an der Sternwarte der Aniversität Bonn, Dr. Josef Hopmann, an­geboten worden.

Ernannt wurde der a. o. Professor Dr. Ernst Engelking in Freiburg i. B. zum ordent­lichen Professor der Augenheilkunde an der Ani­versität Köln als Nachfolger von Prof. A. Pröbsting. Mit Wirkung vom 1. Wai 1930 an ist der Berliner Privatdozent Dr. Julius Schwemmle zum etatmäßigen ordentlichen Professor der Botanik an der Aniversität Er­langen als Nachfolger von Prof. K. Noack ernannt worden.

Eine Empfehlung unter Hunden.

Von Erich Kästner.

Man hat mir die folgende kleine Geschichte als wahr erzählt, und ich habe keine Veranlassung, ihre Richtigkeit zu bezweifeln... Eines TageS wurde in Paris ein kleiner Terrier überfahren. Ein Arzt, der zufällig an der Anglücksstelle vor­überkam, hob den Hund, dem ein Vordersatz zerbrochen war, auf, nahm ihn mit nach Hause, schiente ihm das Bein und gab ihn erst nach Wochen, als er völlig wiederhergestellt war, den Besitzern zurück. Seitdem verband den Arzt und den Terrier eine rechtschaffene Freund­schaft. Mehrmals in der Woche fand sich der Hund vor der Wohnungstür des Doktors ein, bellte, bis man ihn einließ, begrüßte den Wohl­täter aufs lustigste, ließ sich streicheln und ver­schwand schließlich hochbefriedigt, bis zum näch­sten Male. Der Arzt gewöhnte sich an die Visiten und hätte das Ausbleiben seines alten Patienten sehr bedauert.

Diese ungewöhnliche Freundschaft dauerte bereits Monate, als der Hund eines TageS wieder, wie gewöhnlich, vor der Tür bellte. Der Arzt ging selber, um zu offnen, und sah, aufS äußerste betroffen, nicht nur seinen alten Freund, öen Terrier auf dem Flur, neben diesem stand diesmal noch ein zweiter Hund, ein weißer Pudel, winselte kläglich und hielt eines seiner Deine in die Luft.

Der Pudel hatte, wie seinerzeit der Terrier, ein Bein gebrochen. And es kann nur so gewesen sein, daß der Terrier den verletzten Pudel sand und ihn auf unvorstellbare Weise dazu bewog, auf drei Beinen hinter ihm her zur Wohnung des Arztes zu hüpfen. Der Terrier kann nun kaum zu dem verunglückten Kameraden gesagt haben:Komm mal mit, ich kenne da einen äußerst zuverlässigen Arzt, der mich selber ein­mal erfolgreich behandelt hat"... Wie er es ihm sonst begreiflich gemacht haben soll, ist ebenso unverständlich. Taffache aber ist, daß die zwei Hunde in der Wohnung des Arztes auf tauchten; daß dieser den Pudel schiente, wäh­rend der Terrier dabeistand und dem vor Schmerz heulenden Pudel die Schnauze leckte und daß er in den nächsten Wochen häufiger als sonst seine Besuch machte, wohl um sich nach dem Befinden des Kameraden zu erkundigen und um ihm im Krankenzimmer ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Der Vorfall ist ebenso ungewöhnlich wie rüh­rend, und zwar ist er nur deshalb so rührend, weil er so ungewöhnlich ist. Aber wir wollen uns durch keinerlei Reflexionen die sanfte Rüh­rung verderben, welche die kleine Geschichte er* weckt hat. sondern diese hier beschließen.