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Nr. 97 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberhesfen)Samstag, 26. April (950

Deutsche Bilanz über London.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. 6. Prof, der Geschichte an der UniocrfiMt Berlin, M. d. "K

Nach dreimonatigen verwickelten und ermüden­den Verhandlungen ift die Londoner Flotten­abrüstungskonferenz zu Ende gegangen. Nicht ganz mit dem Pauken und Trompeten, die man bei ihrer Eröffnung spielen ließ, und nicht ganz mit dem, was Hoover und Macdonald von ihr als Erfolg erwartet haben. Denn ein voller Erfolg, ein Fünfmächte-Abkommen, den man nun in Volks­versammlungen und im Parlament wirklich mit aller Lungenkraft ausnutzen könnte, ist für die bei­den Initiatoren nicht herausgekommen. Aber beide waren sich sicher von Anfang an darüber klar, daß ein solcher Erfolg gar nicht denkbar war.

Hat aber die Flotlenkonserenz überhaupt einen E r f o l g^ gehabt? Unzweifelhaft jal Es ist nicht richtig, diese Konferenz, die bei allem Auf und Ab und allem Gezerr doch eine weltgeschichtliche Bedeu­tung behält, bagatellmäßig zu behandeln. Es ist immerhin etwas, mehr jedenfalls, als in Genf aus den Abrüstungsgesprächen herauskommt, daß der Rüftungswettbewerb der drei großen See­mächte, Amerika^ England und Japan, einge­stellt ist. Die Gesamtersparnisse, die aus dem Ver­zicht, bis 1936 Schiffbauprogramme durchzuführen, sich ergeben, wurden von Hoover für alle drei mit 2,5 Milliarden Dollar berechnet. Diese Summe er- spart der Steuerzahler in Amerika, England und Japan, und es ift wenigstens etwas, was ein Mi- nifter seinem Publikum immerhin plausibel machen kann. Da Frankreich sich denRüstungsferien" für Großkampfschiffe ebenfalls angeschlossen hat, wie Italien, das auch gar nicht das Geld hat, eine Riesenflotte aufzubauen, so nehmen auch diese beiden Mächte an den Bauserien teil. Insofern ist aller- dings ein Fünfmächte-Abkommen zustande ge­kommen. -

Das zweite ist der D r e i m ä ch t e - P a k t zwi- chen England, Amerika und Japan, der eine Be> chränkung der Schiffsrüstungen in allen verschie- >enen Kategorien tatsächlich bringt. Das ist der zweite Teil des sog. Londoner Flottenabkommens, der in einer Tabelle die nach oben gebundene Ton- nage der drei Mächte für alle Schiffskategorien ent­hält. Das ist zwar keine Herabsetzung, aber eine Bindung der drei Flotten. Für die anderen zwei hat sich das nicht erreichen lassen.

Der französisch.italienische Gegen- Io tz ließ sich nicht überbrücken, weil Italien unbe- ingt und starr an der Forderung festhielt, seine Flotte müsse volle Parität mit der Flotte Frank­reichs genießen. Frankreich aber hat daran festge- halten, dem nicht zuzustimmen. Es 'hat sich aber auch nicht in einen Viermächtepakt gegen Italien Hereinziehen.lossen. Der Gegensatz Frankreich-Italien bleibt bestehen. Aber keine der beiden Mächte hat sich an eine andere Konstellation fest gebunden. Frankreich und Italien haben für ihre Rüstungen die Hände frei behalten.

Ist es also gelungen, in der großen Zone über S v c tatsächlich eine tiefgehende Verständigung her- beizuführen und dadurch gewissermaßen den Frie­den zu organisieren, so ist die Einbeziehung (Euro- pas nicht gelungen, die Gefahr in der europäi­schen Zone bleibt nach wie vor bestehen. Daher bleibt ja auch die Lücke oder der Ausweg, daß der Dreimächtepakt das Recht der einzelnen Teilhaber erhält, dieses neue Schiffbauprogramm zu revidie- rcn, wenn die Rüstungen anderer dazu Veranlas­sung geben. Dieses kann nur für England zutreffen, da Frankreich und Italien als mögliche Gegner weder für Amerika, noch für Japan in Frage kommen.

Die Arbeit hat sich für England und Amerika gelohnt!Das englisch-amerikanische Verhältnis ist erneut gefestigt. Sie hat sich für beide, insonder­heit für England, nicht gelohnt gegenüber Frank­reich. Aber man ist da auch wenigstens nicht mit einem Krach, den die überlegene Politik Briands zu verhindern verstand, auseinandergegangen.

Er forderte einen Locarnopakt für das Mittelmeer und erklärte in diesem Fall die Be­reitschaft Frankreichs, in der Abrüstung mit sich reden zu lassen. England ging darauf nicht ein, denn cs wünscht seine Garantieverpflichtungen in

Europa über Locarno hinaus nicht zu erweitern. Briand schlug eine andere Bindung vor, die gemein- same verbindliche Interpretation des bekannten Ar­tikels 16 im Völkerbundspakt im Sinne einer sog. automatischen Sanktio n". Ds würde be­deuten, daß England einen einstimmig gefaßten Ratsbeschluß alsmoralische Verpflichtung" aner­kannte^ sich also nicht mehr hinter die besondere militärische und geographische Lage" zurückziehen könnte, von der die Anlage zum Locarnopakt spricht. Diese Verständigung, die für Deutschland nicht unbedenklich ist, ist erreicht, aber sie ist der weiteren Erörterung in Genf vor der Völkerbundsoersamm- lung vorbehalten worden. Und dort werden natürlich die anderen sich gegen alles wenden, was wie eine englisch-französische Sonderverständigung aussicht.

Ferner: Italien hat rundweg obgelehnt, sich dem anzujchließen und hinter dem Rücken des Völker- bundcs und hinter dem Rücken Deutschlands eine derartig einseitige Verabredung zu treffen, die bei aller Verkleidung mit allgemeinen Redensarten doch auf ein Bündnis hinauskommt.

Und vor allem: irgend etwas Ernsthaftes, mit dem Frankreich etwas ansangen könnte im Sinne seiner Sicherheitsforderungen, ist daraus von England nicht zu erhalten. Die englische Presse ist inzwischen schon sehr dringlich dagegen geworden. Das aber bedeutet wieder, daß Frankreich für seine Sicher­heitsforderungen aus London nichts nach Hause gebracht hat. So gern England und Amerika Frank- reich einbezogen hätten, so wenig lassen sich ihre Staatsmänner graue Haare darüber wachsen, daß Frankreich nicht dabei ift. Mit anderen Worten: man fürchtet eine französische Flottenmocht nicht bei einem Frankreich, das sich so isoliert. Auch die größte Flotte Frankreichs könnte ja der englisch­amerikanisch-japanischen Verständigung gegenüber nichts erreichen. So hat sich Frankreich mit seiner alten Taktik, erst von der Sicherheit und dann von der Abrüstung zu sprechen, damit aber die Ab- rüstung zu sabotieren, und mit seiner glänzenden Diplomatie schließlich festgefahren.

So ausgezeichnet Briand seine Sache gemacht hat, eine angenehme Erinnerung kann er für seinen Staat aus diesen Londoner Verhandlungen nicht

haben. Denn sie haben nur den englisch-fron- Zöiilchen Gegensatz verstärkt und die fron- zöfifch - italienische Feindschaft noch mehr. Und wie will er nach dieser Haltung Frank- reichs in London bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf jemand davon überzeugen, daß es Frank- reich in dieser Frage ernst sei? Wie verträgt sich mit dieser Haltung sein Programm derVereinigten Staaten von Europa", das er im letzten September entwickelte? Wie denkt er sich nun die freundschaft­liche Weiterbehandlung des Verhältnisses zu Ita­lien, nachdem in London der Gegensatz in dieser Schärfe heroorgctreten ist?

Im Ganzen: Die Ergebnisie sehen nicht allzu glänzend aus. Aber sie schließen ein die prinzi­pielle Einigung über die Methoden der Rüstungs- beschränkung zur See, über Altersgrenze, über U» Boote (die Frankreich gerettet hat, denn die anderen hätten schließlich dos U-Boot doch abgeschafft), den Dreimächtepakt, den Baufejcrtag bis 1936. Sie hohen eingeschlossen immerhin den (rasch wieder ver­gangenen) amerikanischen Vorschlag eines sog. Kon- sulatiopaktes, d. h. einer Verpflichtung der Unter­zeichner, im Falle einer drohenden Verwicklung eineKonsultation" einzuleiten, wie diese Derpflich- tung schon für das Gebiet des Stillen Ozeans im Vertrag von Washington ausgesprochen war. Aus dieser amerikanischen Idee ist nichts geworden, aber es i st eine amerikanische Idee. Sie bedeutet im ganzen, daß der Ausgangspunkt Frankreichs in die­ser Frage, nämlich der der Sicherheit, nicht ausge­nommen wird, sondern daß man von dem Gedanken der Vorbeugung gegen Kriegsverwicklungen ausgeht, wobei der weitere Weg zum Kclloggpakt gegeben ist.

So haben diese Ereignisse im ganzen für eine Weiterführung der Abrüstungsgespräche nichts ver­dorben. Das ist immerhin schon etwas, wenn man an den totalen Fehlschlag des ähnlichen Versuches 1927 in Genf denkt. Sie bedeuten weltpolitisch eine Gruppierung der fünf Mächte, die sich weiterhin fühlbar machen wird. Und sie schaffen für die A b - I rüstungsverhandlungen des Völker­bundes eine Plattform, mit der sich aber | nun für Deutschland aus den Londoner Ver-

5ilNelegramm vom Zusammenstoß her,,Bremen" mit einem englischen Settanker.

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Der englische Tankdampfer.British Grenadier", dessen Seite nach dem Zulammenstoß mit der .Bremen" schwere Beschädigungen aufweist. Das Unglück ist auf den dichten Bebel vor der englischen Küste zurückzuführen.

Drr japanische Marineminifier In Berlin.

Handlungen eine ganze Reihe von Uebcrlegungen ergeben.

Diese betreffen seine Stellung zum A b rüstungsproblem in Genf, also zur zen­tralen Ausgabe des Völkerbundes überhaupt. Sic be­treffen den Artikel 16 und seine Interpretation in der bekannten Anlage zum Locarnovertrag. Sie be­treffen schließlich auch [ein Verhältnis zu Italien, das, um sein Ziel direkt zu verfolgen, Deutschland» Partei genommen und Interesse gewahrt hat, als es sich gegen eine englisch-französische Verständigung in Sachen des Artikels 16 wandte.

IrnAugenblick also ist zularnrnengefaßt das prak­tische Ergebnis jedenfalls wohl überall bei den Beteiligten in der Herabsetzung der Ma­rinebudgets zu sehen. Darüber hinaus wird an den weltpolitischen Kräfteverhältnissen nichts ge­ändert, aber die englisch-amerikanische Flottenpari­tät wird noch mehr, als bisher den Köpfen ein­gehämmert. Im weiteren aber ist selbstverständlich diese Konferenz weltpolitisch nichts Geringes: Sie ist ein Fortschritt in der Verbindung der Vereinigten Staaten mit Europa, dessen Glied ja England ist und bleibt, und ein weiterer Schritt in der Isolie­rung Frankreichs in der Welt!

Admiral Takarab^ der japanische Marine- minifter, ist auf der Hückreise von der Londoner Flottenkonferenz in Berlin eingetroffen, wo er sich zu Studienzwecken mehrere Tage aufhalten wird.

45. Hauptversammlung

des Hessischen Philologenvereins.

WSR. Bensheim a. d. D., 25. April. Die 45. Hauptversammlung deS Hessischen Phi­lologe nwereins nahm am Mittwoch mit den Sitzungen der Fachgruppen hier ihren An­fang. Donnerstag nachmittag fand die öffentliche Hauptversammlung statt, zu der u. a. Staatsrat Block und Ministerialrat ® 1 ü d c r t als Vertreter des Kultusministeriums erschienen waren.

3n der Begrüßungsansprache wteS der Vor­sitzende Studienrat Mont, Darmstadt, auf die wesentlichen Punkte hin. die di« Lage des höheren Schulwesens in Hessen heute bedingen, auf die erneute Belastung der höheren Schu­len durch die jüngsten Sparmaßnahmen, auf die Gefahren, die darin liegen, daß der Staat in zunehmendem Maß die ihm obliegende Pflicht der Unterhaltung der höheren Schulen auf die Kommunen und die Eltern abwälze. Er wandte sich weiter gegen die Aeberfül- lung der Klassen und zeigte, wie groß heute der Abstand sei zwischen der Welt der theoreti­schen Pädagogik und der praktischen pädagogi­schen Arbeit in der Schule.

Die Grüße des ShHtusminifteriums überbrachte Staatsrat Block. Er betonte, daß der Staatspräsi- bent sich immer bemüht habe, die dem Lehrerstande und der Schule aufzuerlegenden Opfer in gerade noch erträglichen Grenzen zu halten. Er habe stets die Hoffnung ausgesprochen, daß diese Lasten und Sorgen dem Schulwesen in absehbarer Zeit wieder

Gerhart Hauptmanns erfieSWert.

,/Sflä bunte Buch" eine bibliophile Leltcnheit.

Berlin, im April.

Wenn Ende dieses Monats die große Ver­steigerung der Bibliothek Eduard Grisebachs im BerlinerKaiserhof" vor sich gehen wird, dürfte sie neben Grisebachs Schopenhauer- f ammlung, die zwanzig Werke aus Schopen­hauers Bibliothek enthält, eine der größten bibliophilen Merkwürdigkeiten auf den Markt bringen: das erste Werk Gerhart Haupt­manns. Der Katalog der Firma Martin Bres­lauer enthält die überaus seltsame Geschichte des verschollenen und fast ganz unbekannten Ban­des, die durch einige Faksimiles belegt wird.

Es war im Jahre 1887; der junge Gerhart Hauptmann hatte seine ersten Italienreisen unter­nommen, war von feinen Kunstfahrten zurück- gekehrt und hatte sich ganz der Dichtung über­lassen. In Erkner, einem östlichen Vorort Ber­lins, hatte er ein Heim gegründetwo der Lärm der Pferdebahnen nur wie fernes Rau­schen klingt" in der Rachbarschaft von Arno Holz, Johannes Schlaf, Bruno Wille und anderer, die später von der Literaturgeschichte als Friedrichshagener Dichterkreis summarisch zu- sammengefaht wurden. In dem damals sehr ruhigen abgelegenen Erkner fand Gerhart Haupt­mann die ersten Anregungen zu Gedichten, die unter dem TitelDas bunte Buch" erscheinen 'ollten. Er stellte auch seine Beiträge zusammen, er korrigierte die ersten Abzüge, aberDas bunte Buch" kam eigentlich niemals an die breitere Oesfentlichkeit. Einige sehr wenige Rein­drucke nur sind von den jungen Dichterträumen Hauptmanns erhalten geblieben.

Ihm erging es wie schon manchem anderen Dichter vor und nach ihm: das Werk wurde nicht ausgedruckt, weil der Verleger in pekuniäre Schwierigkeiten kam und Konkurs machte.Als der Schriftsatz eben bsendigt, aber das Druck­papier noch nicht angeschafft war." erzählt Schient her in seinem Buch über Hauptmann, geriet der Verleger in Konkurs, und der Dichter

erhielt von ihm nur eine lose Zusammenheftung der Korrekturbogen auf schlechtem Papier. Rur in ganz wenigen behutsamen Freundeshänden werden die vergilbenden Blätter dieses Buches aufbewahrt. Manche dieser seltenen Exemplare haben sich nur durch Zufall erhalten. Der Ver­fasser des Dreslauerschen Katalogs erzählt auch, wie er zu einem gekommen ist:Der Verleger in Röten war gezwungen, einen Teil der an sich schon kleinen Auslage seinem Leipziger Kommissionär" zum Pfände zu überlassen. Das war der alte Kommerzienrat Otto R a u h a r d t, ein Buchhändler von altem Schrot und Korn, dessen Firma Carl Fr. Fleischer an die fünf­hundert Kommittenten in Leipzig betreute; auch meine Firma vertrat er. Als ich eines Tages, es mögen annähernd fünfundzwanzig Jahre her sein, beim alten Rauhardt im Privatkontor saß, erzählte er mir die Geschichte desBunten Buchs" und zum Schluß rief er seinen lang­jährigen Prokuristen Bruckner und ließ ihn aus einem Packen, der verschnürt auf einem Schranke lag, ein Exemplar desBunten Buches" neh­men, das er mir dann mit einigen freundlichen Worten schenkte. Ich wußte das kostbare Buch richtig zu werten. Kurze Zeit vorher, im Jahre 1906. hatte ein Exemplar in einer Berliner Versteigerung den für die damalige Zeit Und für einen modernen Dichter ganz unerhörten Preis von 290 Mark erbracht, der in den biblio­philen Kreisen das höchste Aufsehen erregte. Ich wohnte der Versteigerung bei, und gleich, als ob es heute getoefeq wäre, erinnere ich mich des Vorfalls, da ein junger Sammler sich nach heftigem Kampfe dieses bisher einzig bekannte Werk zu eigen machte. Es war Erich Reih, der spätere Verleger. Der alte Rauhardt starb und vermachte lehtwillig seinem Prokuristen Bruckner die wenigen Exemplare desBunten Buches", der ab und zu, besonders in den schweren Zeiten der Inflation, sein Schahkästlein öffnete und ihm hin und wieder ein Exemplar desBunten Buches" entnahm. Run ist auch Bruckner schon manches Jahr tot. Das ist fvas Schicksal des Buches, dessen Original jetzt angeboten wird.

Das rosa Titelblatt des ersten Hauptmann- schen Werkes, das dem Katalog faffimüiert bei­gegeben ist» macht keinen imposanten Eindruck.

Das bunte Buch' ist diagonal gedruckt und von spielerischen Zierleisten im Geschmack der acht­ziger Jahre umgeben.Gedichte, Sagen und Märchen", undGerhart Hauptmann" ist zur Erläuterung beigefügt. Weiter bringt der Kata­log eine nicht uninteressante Rechnung. Sie ist ausgestellt: Beerfelden Michelstedt, den 6. Ja­nuar 1888 für Herrn Schriftsteller Gerhart Hauptmann von A. L. Meinhard, Buchdruckerei, Buch-, Schreib- und Schulbedarf und Zigarren­handlung, Assekuranz-Geschäft. Das war also Hauptmanns, nebenbei auch mit Zigarren han­delnder und Versicherungsgeschäfte treibender erster Verleger! Lind anstatt Hauptmann ein Honorar zu zahlen, mußte Hauptmann ihm noch die Auslagen der ersten Auflage ersehen, die sich auf 490 Mk. belaufen. Aber ob die vier­hundert Bücher wirklich gedruckt wurden, ist einst­weilen noch ein Geheimnis, Hauvtmann hat die Rechnung wohl nie erhalten, sie ist also nicht be­zahlt und quittiert worden.

Was dasBunte Buch" enthält? Hier ist man auf die Angaben des Dersteigerungskata- logs angewiesen:Wir finden wieder, was von den ersten Italienreisen eine dichterische Fassung gefunden hatte, wir finden auch schon die Liebe zur Ostsee und ihren sagenumsponnenen Inseln, die Fröhlichkeit einer glücklichen Brautzeit und romantisches Spiel mit dem Grauen, daneben die höchsten Fragen nach Menschenschicksal und Gott­heit. Die Sammlung ist in zwei große Gruppen geschieden:Lyrische und epische Form",Sagen und Märchen" ... Mancher Keim späteren Schaf­fens ist hier schon vorhanden, ohne in den manch­mal leicht fließenden Reimen immer schon eine voll befriedigende Lösung gefunden zu haben. Be­deutsam sind hier vor allem die bereits mäch­tig anklingenden Motive der sozialen Rot, mit der sich der Dichter in Anklage und Mitleid auseinanderseht. In den GedichtenDer Racht- zug" undMein Kampf" prägt sich diese Rich­tung schon deutlich aus. Ein trauriges Bild von Krankheit und Rot malt die BalladeDer Wäch­ter", zwei Selbstmördergedichte verkünden den Fluch der Großstadt. 2n antikes Gewand hüllt der Dichter sein soziales Mitleid in dem großen epischen GedichteDer Tod des Gracchus".

Das erste und einzige lyrische Buch Haupt­

manns erscheint mit einigen Begleitern: dem

Originalmanuskript, das als Druckvorlage diente, und den Kvrrekturbogen mit zahlreichen Ver­besserungen und Ergänzungen. Diese einzig­artige Zusammenstellung von verschiedenen Fas­sungen eines und desselben Buchs gewährt zu­gleich einen Einblick in die Werkstatt des Dich­ters. A.

Das Brett im Bilde.

Wozu dient das Brett nicht alles! Es war ein­mal die Tafel, an der hochgestellte, maßgebende Per­sonen saßen, freilich ab und zu auch mancher, der nach Abraham a Santa Claras Ausspruchein den Schulen die Eselbank in Bestand gehabt". So kam es, daß man bald auch im Bilde von einem, der in der Gesellschaft, in der Verwaltung eine maßgebende Stelle einnahm, sagte:er sitze beim Brette"; an- derseits konnte man nach einem Worte Zwinglis einem in Ungnade GefalDnen wiederzum Brette helfen". Grün überzogen, wurde das Brett zum grünen Tische", von dem noch heute allerlei Der- Ordnungen ausgehen, während das bekannte schwarze Brett" vorwiegend Ankündigungen dient. Eine weitere Verwendung fand das Brett als Zahl- brett. Als solches ist es einmal insonderheit der Tisch des Wechslers, auf dem er das Geld auf- Zählt, dann aber aud) allgemein der Tisch, auf den Geld niedergelegt wird, und auf dem man auch »alles auf einem Brette", d. h. auf einmal, zahlen konnte. Heute kann man das bekanntlich auch ohn« Brett. Dor allem wurde das Brett dann aber auch zum Spielbrett, wie wir es in unserem Schachbrett noch immer haben. Ein Wagehals konnte beim Bretteln"alles auf ein Brett fetzen", er kann es heute auch ohne Brett. Beim Damespiel konnte man auch einen besonders guten Stein im Brett haben, und ist es nicht noch heute sehr ersprießlich, bei feinen Mitmenscheneinen Stein im Brett" zu haben? Für den Schauspieler sind die Bretter von ganz besonderer Wichtigkeit; feine Bretter bedeuten nach Schiller die Welt selbst. Wenn aber Chamisso von Gelehrten spricht, für diedie Welt mit Bret­tern vernagelt" ist, wenn man endlich sogar ein »Brett vor dem Kopse" haben kann, so ergibt sich daraus noch eine absonderliche bildliche Verwendung des Brettes, die eingehender Erörterung fi^erlij