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den nationalsozialistischen Forderungen in außenpolitischen Fragen feindlich entgegenzutreten. Die Alliierten hätten ständig ihre R üstungen vermehrt, obwohl der Versailler Vertrag sie zur Abrüstung verpflichtet und Deutschland seine Streitkräfte auf 100 000 Mann und ein paar Küstenverteidigungsschiffe begrenzt habe. Lieber 70 Millionen patriotischer außerordentlich tüchtiger Männer und Frauen im Herzen Europas ließen sich nicht dauernd ungerecht behandeln. Mes müsse früher oder später zu einer Explosion führen. Der Grund für die Verstimmung über den polnischen Korridor könne beseitigt werden, wenn Deutschland Polei, seine Ostgrenze gegen das bolschewistische Rußland garantiere, wofür Polen Zugeständnisse machen müsse.
Kein Land mit einem so ausgeprägten nationalen Sinn wie Deutschland könne sich auf den Völkerbund verlassen. Der Humbug inGenf finde ein treffendes Beispiel in den Erfahrungen Ungarns. Die zynische Gleichgültigkeit, mit der die Frage der ungarischen Minderheiten in der Tschechoslowakei und Rumänien vom Völkerbund behandelt werde, zeige, wie wenig man ihm vertrauen könne. Viel wahrscheinlicher sei es, daß eine nationalsozialistische Regierung in Deutschland selbst Schritte zur sofortigen Beseitigung der schwersten Ungerechtigkeiten tun wird. Damit würde sie viel mehr als den Anschluß erreichen. Sie würde nicht nur die drei Millionen Deutschen und die drei Millionen Ungarn in der Tschechoslowakei und Rumänien, sondern wahrscheinlich auch die ungarische Ration selbst in ihren Interessenkreis hineinbringen. Die Tschechoslowakei, die systematisch die Friedensverträge durch die Unterdrückung der Minderheiten und durch Abrüstungsverweigerung verletzt habe, würde dann überRackt verschwinden. ,
Die absichtliche Blindheit der Alliierten würde Deutschland so die Grundlage zu einer mächtigen politischen Kombination geben. Das Fehlen jeglicher Gerechtigkeit und die systematische Unterdrückung seien Kräfte, aus denen sich eine solche Zusammenballung ergeben könne. Er wiederhole seine vor zwölf Jahren an die britische Regierung gerichtete Mahnung, Deutschland einige afrikanische Kolonien mit Ausnahme von Deutsch-Südwestafrika zurückzu- geben. England habe mehr Besitzungen in Afrika, als es entwickeln könne. Einige davon belasteten fortgesetzt die britischen Finanzen. Die „Unvermeidlichkeit", jene Kraft, die von den meisten Diplomaten nicht berücksichtigt werde, arbeite in Deutschland gewaltig. Diese Kraft werde in den nächsten Jahren ' nicht wenige Charakterzüge der Karte Europas ändern, von der die in Paris 1919 versammelten Politiker glaubten, daß sie immer gelten würde.
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Es ist bekannt, daß Lord Rothermere in europäischen Fragen schon längst den Standpunkt der Revision der Friedensverträge verficht. Wenn er jetzt in dem Anwachsen des deutschen Rationalismus eine Gefahr erblickt, falls die Westmächte ihre Politik nicht ändern, dann kann uns das an sich nur recht sein. Wir gestehen ihm gerne zu, daß er diesen Artikel nicht nur geschrieben Hat, um uns «inen Gefallen zu erweisen. Vielmehr dürfte es sein starker politischer Ehrgeiz gewesen sein, der ihn dazu gedrängt hat, an die deutschen Reichstagswahlen an- zuknüpfen, um die Rolle eines Freundes und Beraters des zerstückelten Mitteleuropa vorzustellen. Aehnliches haben wir ja schon vor Monaten erlebt, als er sich mit dem ungarischen Problem beschäftigte und auch in diesem Fall die Aufhebung des Friedensvertrages und die Beseitigung der durch iHv entstandenen Ungerechtigkeiten forderte. Daß Rothermeres Vorstoß in Deutschland ein freundliches Echo finden muß und wird, ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Natürlich sind wir öns keinen Augenblick darüber im Unklaren, daß auch Lord Rothermere eine Revision des Versailler Vertrages nicht erzwingen kann. Wohl aber wird sein Leitartikel, den er sofort in alle Welt hinausgekabelt hat, dazu beitragen, die Geister aufzurütteln und die Aufmerksamkeit von neuem auf di« unhaltbaren Z u st ä n d e zu lenken, die aus den Friedensverträgen resultieren.
Nie Winterspielzeit des Gtadttheaters 1930/31.
Dramaturgische Vorbetrachtung.
Von Or. Karl Mtter.
Die kommende Spielzeit ist nicht so vorstoßend und nervös wie die der vergangenen Jahre. Dafür scheint sich aber Talent und Geschmack der jüngsten Autoren mehr zu fundieren. Beherrschung des Stofflichen und des Formalen wird Bedingung.
Mit einer Sondergattung, dem „Dokumentendrama", wird in den Großstädten (wie bereits zu Ende der vergangenen Spielzeit) trotzdem immer noch ergebnislos experimentiert. „Die Affäre Drey- fuß" steht sogar auf vielen Provinzspielplänen (durch die Dertonfilmung angeregt!). „1914" ist bereits bei Reinhardt wieder abaesetzt, während die Uraufführung von „Brest-Litowsk" in Berlin noch bevorsteht. Daneben sind alle möglichen Stücke angesagt, die „Zeittheater" bringen. Auf dem Gebiet ist schon weit über eine innere Verantwortung hinaus geschrieben worden. Es ist deshalb — vom dramaturgischen Standpunkt — diesen Neuerscheinungen gegenüber eine wählerische Zurückhaltung notwendig.
Trotzdem hat sich die Intendanz des Gießener Stadttyeaters dazu entschlossen, in der kommenden Spielzeit aktiv mit anderen deutschen Bühnen am Zeittheater mitzuwirken. Eine Uraufführung ist schon zu Beginn der Saison, Mitte Oktober, angesetzt: Curt Corrinths „Sektion Rahnst et ten". Dieses Schauspiel, das sich mit dem Thema „Jugend und Politik" beschäftigt, behandelt hochaktuelle Probleme. R o st a n d s „Der Mann, den sein Gewissen trieb", das aus seelischen Zeitströmungen heraus entstanden sein mag, ist ebenfalls in den Spielplan ausgenommen. „Der Kaiser von Amerika" von Shaw ist ein erprobtes Stück eines überparteilichen, politischen Theaters.
„Historie auf dem modernen Theater" betitelt sich eine Sonderrubrik neben dem Zeittheater. Mehr als nur dokumentarisch wird in diesen Stücken Geschichte festgehalten, lieber das Theatralische hinaus handelt es sich hier um dichterische Gestaltung. Einer der führenden Autoren der heutigen Theaterliteratur wird damit zum erstenmal auch in Gießen aufgeführt werden: Ferdinand Bruckner. Mit seinen Stücken „Verbrecher", „Krankheit der Jugend" kam er nach zu sehr dem
Der Hochvmalsprozeß gegen die Ulmer Reichsvehroffiziere.
Reichsgerichtsdirektor Baumgarten, der Vorsitzende in dem Prozeß gegen die Ulmer Reichswehr- Offiziere, vor dem Reichsgericht in Leipzig.
Oer zweite Verhandlungstag vor dem Reichsgericht.
Beginn der Zeugenvernehmung.
L e i p z i g, 24. Sept. (WTB.) 3m Prozeß gegen die Reichswehroffiziere wurde als erster Zeuge der politische Schriftleiter des „Völkischen Beobachters" Wilhelm Weih vernommen, den Scheringer und Ludin am 1. Rovember 1929 in München aufgesucht hatten. Er habe den Eindruck gehabt, daß die beiden Offiziere sich lediglich rein persönlich über die Ziele der Partei hätten informieren wollen und über das Ergebnis der Besprechung nicht besonders befrie- d i g t gewesen wären. Sie hätten sich darüber beklagt, daß ihnen der gegenwärtige Kurs der Reichswehr nicht zusage, weil die Reichswehr jetzt lediglich nur nod) das Vollzugsorgan eines demokratischen Systems sei. Er könne sich aber nicht mehr erinnern, daß etwa von einer allgemeinen politischen Befreiungsaktion geredet worden war. Ganz bestimmt aber erinnere er sich, daß irgendwelche Aufträge seitens der Partei oder seiner Person an die beiden Angeklagten nicht ergangen seien. Auch seien noch andere führende Parteivertreter von dem Ergebnis dieser Besprechungen unterrichtet worden.
Oberleutnant G e i st bekundet, daß er Ende Januar 1929 Scheringer bei sich zu Besuch gehabt habe. Er habe den Eindruck gewonnen, daß Scheringer einseitig und lückenhaft orientiert sei und Ansichten vertrete, die nach seiner, des Zeugen Auffassung der Anfang zum Untergang des Heeres wären. Er habe daher auch auf Scheringer einzuwirken versucht, seine Auffassung zu ändern. Als dann im Sommer zu einer ähnlichen rein kameradschaftlichen Aussprache der Angeklagte Ludin zu ihm gekommen sei, habe er diesem ans Herz gelegt, Scheringer zur Mäßigung zu veranlassen. Alle diese Unterredungen hätten aber mit parteipolitischen Dingen nichts zu tun gehabt.
Prälat Dr. Kreutz aus Freiburg schildert die Familienverhältnisse im Hause Ludins. Ludin halte er für «inen fanatischen jugendlichen Stürmer, der sich als unreifer Mensch politischen Bekenntnissen zugewendet habe, die nicht klar seien. Oberleutnant H ä f k e r vom Ulmer Artillerieregiment Nr. 5 sagt aus, Scheringer habe vorgeschlagen, eine Denkschrift aufzusetzen, die das Reichswehrministerium über die Stimmung im Heere unterrichten sollte. Die Auffassungen Scheringers habe er auch in anderen Wehrkreisen unter den jüngeren Offizieren feststellen können. All« dies« Unterhaltungen seien aber im Kasino in aller Oeffentlichkeit geführt worden. Der Geist der Truppe sei bis 1924 ein wesentlich anderer gewesen. Heute fühlten sich die unteren Mannschaften viel zu sehr als Beamte des Staates.
Der damalige Kommandeur der Ulmer Artillerieabteilung Oberstleutnant Ribbentrop gab ein
persönliches Werturteil über die drei Angeklagten ab, das ein äußerst günstiges Zeugnis für Scheringer und Ludin und ein weniger günstiges für Wendt ist. Wendt sei geistig gut veranlagt, aber leichtsinnig gewesen. Er lasse die Energie gegen sich selbst vermissen. Wendt habe seinen Abschied erbeten, nachdem ihm vorher mitgeteilt worden sei, daß er wegen seines Leichtsinns entlassen werden würde.
Die Vernehmung des Hauptmanns a. D. Weiß ergibt, daß nach Ansicht der NSDAP. Berührungspunkte zwischen der nationalpolitischen Aufgabe der Armee und der volitischen Aufgabe der Partei be- tehen. Mit den Angeklagten Scheringer und Ludin ei die Frage, ob im Reichswehroffizierkorps Ver> tändnis für die NSDAP, geweckt werden soll, wohl besprochen worden, Aufträge seien in dieser Richtung nach der Erinnerung des Zeugen nicht erfolgt. Auf Befragen des Reichsanwaltes erklärt der Zeuge: Eine Beseitigung des Parlamentarismus auf parlamentarischem Wege ist nach unserer Ansicht möglich. Jedenfalls sollte, wenn das zum Ausdruck dient, gesagt sein, daß unsere Ziele auf legalem Wege wohl zu erreichen seien. Auf Vorhalt des Verteidigers Dr. Sack erklärt der Zeuge Hauptmann a. 2). Weiß weiter: Wir haben aber sicher gan zentschieden darauf hingewiesen, daß wir kein Interesse an einer Zersetzung der Disziplin in der Reichswehr haben, irgendwelche Aufträge nach dieser Richtung haben wir nicht gegeben. Vereinbarungen irgendwelcher Art sind nicht getroffen worden. Von der Staatsform ist nicht gesprochen worden, nur vom herrschenden politischen S y st e m. Wir haben auch Hitler nicht über die Unterredung mit den'Angeklagten berichtet. Hauptmann a. D. v. Pfeffer, der wegen seines Nichterscheinens am Vormittag in Strafe genommen
worden war, erklärte, daß es je zu einer Verbindung zwischen ihm bzw. seiner Partei und Reichswehroffizieren gekommen sei. Sei schon deshalb völlig ausgeschlossen, weil es in der Partei ausdrücklich verboten fei, eine solche Verbindung anzubahnen. Selbstverständlich sei aber beabsichtigt, mit der Reichswehr zusammenzustehen, wenn die Nationalsozialistische Arbeiterpartei ihr Ziel auf dem legalem Wege erreicht habe. Dazu sei sie ja auf dem besten Wege. Irgendwelche Vereinbarungen mit den Angeklagten seien aber bestimmt nicht zustandegekommen, und Geld hätten sie natürlich ebenso wenig erhalten.
Hitler erscheint als Zeuge.
Leipzig, 25. Sept. (WTB. Funkspruch.) Der dritte Derhandlungstag im Reichswehrprozeß erhält eine besondere Rote durch das Erscheinen Hitlers, der als Zeuge geladen ist. Schon um 8 LIhr hat sich eine große Menschenmenge auf dem Reichsgerichts- plah angesammelt. Etwa 20 Minuten vor8 Uhr bringt der Transportwagew'd i e drei Angeklagten zum Reichsgericht. Laute Heil-Rufe tönen über den Platz. Reue Verstärkung der Schutzpolizei rückt heran, und es beginnt die Säuberung des Vorplatzes. Wenige Minuten nach 9 Uhr erscheint, von begeisterten Zurufen begrüßt, der Wagen Hitlers, in dem dieser mit Herren seines engeren Mitarbeiterkreises sitzt. Schnell fährt der Wagen auf die Rampe. Die Menge versucht, die Sperrkette der Polizei zu durchbrechen, doch der Polizeitruppe gelingt es bald, den Platz wieder frei zu machen. Die Zuschauer, die vor dem gegenüberliegenden Amtsgericht stehen, stimmen nationalsozialistische Lieder an.
Mottas Minderheitenbericht angenommen.
Genf, 24. Sept. TU. (Funkspruch.) Der Gnt- schliehungsentwurf des Schweizer Bundesrats Motta über die Stellungnahme des politischen Ausschusses zur Minderheitenfrage wurde im Ausschuß einstimmig a n'g e n o m m e n. 3n Anbetracht der tiefgehenden Gegensätze hat sich Motta mit einer anschaulichen, zusammenfassenden Darstellung der zutagegetretenen Auffassungen der einzelnen Regierungen begnügt und hieraus einige theoretische Schlußfolgerungen gezogen, ohne daß in dem Bericht irgendwelche Vorschläge oder Anregungen für die weitere Minderheitenpolitik des Völkerbundes gemacht werden. Der deutsche Entschliehungsentwurf wird in dem Bericht nicht erwähnt, da die deutsche
Abordnung ihren Antrag nur als „Material für die Berichterstattung" erklärt hatte.
Motta stellt fest, daß keine Einigung über die Frage zustandegekommen sei, ob der Dölkerbundsrat das Recht habe, das geltende Beschwerdeverfahren abzuändern. Eine Aen- derung des in Madrid geschaffenen Verfahrens sei jedoch auch nicht beantragt worden. Die Regierungen hätten vielmehr im wesentlichen gefordert, daß der Völkerbundsrat alle in dem Verfahren vorhandenen Möglichkeiten au«- schöpfen solle. Motta lehnt es sodann ausdrücklich ab, auf den polnischen Vorschlag einzugehen, daß die Minderheiten-Schuhverträge a u f sämtliche europäischen Staaten ausgedehnt werden sollen. Er halte es für unweise, jetzt auf die Ziele der Minderheitenschutzverträge einzugehen. Ohne Zweifel sei es aber eines der Ziele, die Schwierigkeiten zu beseitigen, die die Folgen des Weltkrieges
in der Zusammenarbeit zwischen der Mehrheit und Minöerheitenarbeit geschaffen habe.
Von besonderem Interesse ist, daß sich in bet Aussprache eine scharfe Opposition Frankreichs, Italiens und Spaniens gegen den Vo^chlag der polnischen Regierung auf Ausdehnung der Minderheitenschutzverträge auf alle Staaten zeigte. Sämtliche drei Regierungen gaben Einsprüche gegen einen derartigen Versuch zu Protokoll. Ferner hat die Schluhaussprache ergeben, daß die Regierungen der Kleinen Entente und Polens gegen den Bericht Rechtsvorbehalte angemeldet haben, in denen jede Möglichkeit einer Aenderung der bisherigen Minderheitenpolitik des Völkerbundes für die Zukunft abgelehnt wird. Demgegenüber wird von der deutschen Abordnung mit Befriedigung festgestellt, daß Bundesrat Motta in seinem Bericht, der nur nach langen und mühevollen Verhandlungen zustande kam und
reinen Großstadtgeschmack entgegen. Sein neuestes Stück betitelt sich „E l i f a b e t h von England". Der geniale Könner zeigt, daß er auch außer großstädtischen Sexualproblemen wirklich ein Theaterstück auf größerer menschlicher Basis aufbauen kann, sogar mit dem Abstand der Historie. Die Uraufführung des begabten Roland Ziersch bringt ein Demetrius-Drama „Die Verwertung des Bettlers Grigor y". 2)as bekannte historische Drama „G n e i f e n a u" von Wolfgang Götz, das sowohl in Berlin als auch auf fast allen führenden Bühnen der Provinz starken Beifall fand, wird in dieser Spielzeit hier herauskommen.
Es werden im Laufe des Winters noch andere aktuelle Schauspiele aufgeführt, die mit Absicht noch nicht angezeigt sind. Das Theater, das gerade in der kommenden Spielzeit aus Gründen des Existenzkampfes und der Existenzberechtigung mehr als je kulturelles Verantwortungsgefühl empfinden muß, wird nach außen hin mit stark kommerziellen, statistischen, reklamehaften Werbungen zu arbeiten gezwungen sein. Der innere Charakter aber einer modernen Bühne verlangt ausnehmend starke Disziplin in künstlerischen Dingen. Es handelt sich nicht darum, schon zu Beginn der Saison im dra- maturgischen Sinn anpreiserisch übers Ziel zu schießen, sondern zu versichern, daß unsere Bühne für das Publikum wiederum mehr denn je unentbehrliche Bildungsstätte joerben und ihm geistige Erholung bieten wird.
Die Klassikergrundlagen werden durch Schiller, Shakespeare und Mo 1 iöre gegeben. Zu Schillers 125. Todestag sind „Kabale und Liebe" und „ F i e s c o" oder „Die Jungfrau von Orleans" vorgesehen. Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung", „Der verlorene Sohn von London" und Molieres „M i s a n t h r o p" werden herausgebracht.
Eröffnet wird am 1. Oktober mit Zuck- rnayers „S ch i n d e r h a n n e s" (Spielleitung: Intendant Dr. P r a f ch). Dieses Volksstück bedeutet neben dem „Fröhlichen Weinberg" und neben „Katharina Knie" den größten Zuckmaher- Ersolg. Als besonders apartes Volksstück ist P a g n o l s „M a r i u s" gewählt. Bernhard Blumes „Feurio", das aus besetzungS- technischen Gründen im vorigen Jahre nicht gegeben werden konnte, wird ebenso wie „Dom lieben Augustin" (Diehenschmidt, Musik von Krenek) und „Die Freier" (Eichendorfs) in dieser Spielzeit herauskommen. An
Schauspielen sind noch Tolstois „M acht der Finsternis" und Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd" oder „Die versunkene Glocke" vorgemerkt. Die einmalig aufgeführte Posse von Re st roh, „Einen Jux will er sich mache n", ist für den Winterspielplan fest- gelegt.
Oskar Wildes 30. Todestages wird man mit feiner bis jetzt noch fast unerreichten Dialog- Komödie „Lady Windermeres Fächer" gedenken. An Salonkomödien sind „Prinzessin und der Eintänzer" (Engel und Grünewald), „Soeben erschienen" (B o u r d e t) und an Lustspielen Gustav F r e h- t a g s „Journalisten" und „Vater sein dagegen sehr" (Carpenter) bereits zur Ausführung bestimmt; ferner „X Y Z“ (Kla- bund) und „Leinen aus Irland" von K a m a r e.
Für den Rovember ist Arthur Schnitzlers neuestes Werk „Im Spiel der Sommerlüfte" zur Uraufführung vorgesehen. Den 3 on- sons „Vo 1 pone" (Deutsch von Zweig) ist als klassische Komödie in den Spielplan eingesetzt.
Die 3ntendanz beabsichtigt im kommenden Winter durch Ensemble-Gastspiele besonders hochwertige Theaterabende zu bieten. Leopvldine Konstantin ist mit dem Ensemble des Derliner Künstlertheaters zu einem zweimaligen Gastspiel verpflichtet worden. („Wasserscheu" von Maugham.) Der ausnehmend starke Erfolg, den die bodenständige Kunst der „Thoma- Bühne" und der „Konrad-Dreher-Truppe" jetzt in Berlin gehabt haben, veranlaßte die 3nten- danz, beide Ensembles zu Gastspielen am Gießener Stadttheater zu verpflichten. Die Operette wird demgegenüber im diesjährigen Spielplan stark zurücktreten. Eines der ersten deutschen Ope- retten-Ensembles, das Dochum-Hamborner Operettentheater (Direktor Bachenheimer) wird einige Male hier auftreten. Die erste Darstellung findet bereits am Freitag, dem 3. Oktober, statt. Zur Aufführung gelangt „Land des Lächelns" von LEHar, der Operettenschlager der vergangenen Saison. Es wird dies die einzige Operettenvorstellung im Oktober fein.
Durch eine grundlegend neue Zusammensetzung des Ensembles sollen neue Stück-Kategorien besonders berücksichtigt werden, die bisher nicht gegeben werden konnten. Dor allem Stücke größeren Formats, nicht nur im ernsten Schauspiel, fonbem auch in der Komödie und dem Salonlustspiel. werden herausgebracht. Dadurch soll einer
tiefergehenden Theaterkunst wieder das Wort gegeben werden. Den Abonnenten 1930/31 wird dadurch möglichst starke Abwechslung sowohl moderner und modernster, als auch guter zeitgemäßer klassischer Theaterkunst geboten.
Ein Geheimnis ans den Tagen des Sonnenkönigs.
Eine überraschende Entdeckung wurde von Arbeitern gemacht, die einen Pavillon in einem großen Garten zu La Muette, einer Pariser Dorstadt, niederrissen. Linier dem Gebäude, das aufl dem 17. 3ahrhundert stammt, fand man einen ausgemauerten und gewölbten Raum, der vor vielen 3ahren als ein geheimer Llnterschlupf errichtet worden fein muh. Der Besitzer des Gartens, ein Gras, der an der Stelle ein Haus bauen lassen wollte, hat die Arbeiten einstellen lassen, bis das Geheimnis dieser unterirdischen Wohnung eingehend erforscht ist. Man gelangte zu dem Raum durch eine Falltür im Boden des Pavillons. Als man in das alte Gemäuer hinunterstieg, fand man es mit einigen Stühlen und einem Bett ausgestattet,- es muh früher einmal bequem eingerichtet gewesen sein; auch Lieberreste von Rahrungsmitteln wurden noch entdeckt. Linier Gerümpel fanden sich sechs tournuerfreffene Kisten, die mit Wappen aus der Zeit Ludwigs XIV. geschmückt sind. Eine Luftröhre, die in den Schacht eines alten Brunnens lief, wurde augenscheinlich vor langer Zeit verstopft. 3n eines der Kisten befanden sich Briefschaften, die vielleicht ein Licht auf dieses alte Geheimnis werfen. Sie wurden von einer Frau de la Motte-Ferney an einen Herrn de la Guamaudie geschrieben, bei ein Freund des berühmten Finanzministers Lud» wigs XIV., Ricolas Fouquet, war. Fouquet Hatto bekanntlich ein riesiges Vermögen zusammengebracht, bis er in Lingnade fiel und gefangen gesetzt wurde. Gr starb ungefähr 15 3ahre nach seinem Sturz, man vermutet 1680 im Schloß Pignerol. Aber die letzten 3ahre seines Lebens und sein Ende sind in Dunkel gehüllt, und es ist sogar die Behauptung aufgestellt worden, daß er der „Mann mit der eisernen Maske", der geheimnisvolle Gefangene in der Bastille, war. Vielleicht besteht ein Zusammenhang zwischen dem aufgefundenen Llnterschlupf und dem Schicksale Fouquets. Jedenfalls bemühen sich verschiedene Gelehrte, dieses Rätsel aus den Tagen deS Sonnenkönigs zu lösen.


