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Nr. 21 Drittes Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 25. Januar 1930

Oie Hekoga-Verträge vor dem Gießener Gtadirai.

Gießen stimmt grundsätzlich zu, macht aber noch einige Vorbehalte zu den Verträgen. Neuer Kredit für das Stadttheater, künftig aber Einhaltung des Etats.

Gießen, 24. Januar 1930.

Die heutige zweite Sitzung des neuen Gieße­ner StadtrateS brachte dem Hause Arbeits­stoff von großem Format, dessen Behandlung in unserer Stadtgeschichte einen besonderen Platz einnehmen wird. Eine Angelegenheit von über­ragender Bedeutung war die Stellungnahme des Stadtrats zu den Verträgen der Hekoga über die Gasfernversorgung Hessens und der benachbarten Gebiete von der Ruhr-Saar. 3n etwa zweistündiger Aussprache wurde dieses wich­tige Dertragswerk in seinen Auswirkungen für unsere Stadt eingehend erörtert. Dabei ergab sich, daß die Mehrheit des Stadtrats im Hin­blick auf unsere zwingenden Gaswerkverhältnisse grundsätzlich bereit ist, auf den Boden der Ver­träge zu treten, wenn die Hekoga in Verhand­lungen mit der Ruhr es erreicht, daß in mehreren Punkten gewisse Bedenken des Stadtrates zu dessen Zufriedenheit erledigt und in einigen bis jetzt noch unklaren Punkten die erforderliche Klar­heit geschaffen wird. Mit diesem Vorbehalt sprach sich die Stadtratsmehrhrit grundsätz­lich für den Vertragsabschluß aus. Diese Entscheidung stellt eine positive Arbeit dar, von der auch wir überzeugt sind, daß sie zum Vorteil unseres Gemeinwesens sein wird, da andere Wege zur Behebung unserer Gaswerk­nöte gegenwärtig und auch in absehbarer Zeit nicht gegeben sind, die Lösung des nachgerade immer unhaltbarer werdenden Gasproblems für unsere Stadt aber dringend eine Entscheidung heischt. Die sozialdemokratische Stadtratsfraktwn bemühte sich, bei der Behandlung des ganzen Fragenkomplexes gedeihliche Mitarbeit zu leisten, leider entschloß sie sich aber nicht, der positiven Entscheidung der Mehrheit sich anzuschliehen, und sie vermochte auch nicht einen anderen ge­deihlichen Weg aufzuweisen. Mit dem Hinweis auf weitere Prüfung der Sache nach anderen Lösungsmöglichkeiten kann uns aber heute wirk­lich nicht mehr geholfen werden. Cs wäre zu begrüßen, wenn die sozialdemokratische Fraktion unter dem zwingenden Eindruck unserer Gas- werknot sich dazu entschließen würde, bei der in nächster Zeit zu treffenden errdgültigen Entschei­dung der gestrigen Entschließung der Stadtrats­mehrheit noch beizutreten, damit für den Ab­schluß mit der Ruhr und Saar von Gießen aus eine sehr breite Basis geschaffen wird.

Die zweite wichtige Angelegenheit betraf unser Stadttheater. Hier entschloß sich der Stadtrat zur B-re tstellung eines umfangreichen Rachtragskrcdits für 1929, er ließ aber in ein­drucksvollen Erklärungen keinen Zweifel darüber, daß eine Wiederholung dieses Beschlusses für künftige Zeiten nicht zu erwarten ist. Mit allem Rachdruck wurde strengste Sparsamkeit im Thea- terbctrieb und unbedingte Einhaltung des Etats gefordert, ein Standpunkt, dem wohl die brei- testen Schichten der Bürgerschaft beistimmen wer­den, weil wir allesamt nicht das Risiko eingehen wollen, eines Tages unser Stadttheater aus Mangel an Mitteln schließen zu müssen.

Sitzungsbericht.

Anwesend: Oberbürgermeister Dr. Keller, Bürgermeister Dr. Sei b, die Beigeordneten Dr. Hamm und Justi-rat Dr. Rosenberg, sowie alle 42 Stadtratsmitglieder. Der Zuhörerraum ist sehr gut beseht.

Eine Theaterdebatte.

Bei der Beratung des ersten Punktes der Tagesordnung gibt es eine Theaterdebatte. Die Theater-Deputation beantragt folgende Beschlußfassung:

Der vorgelcgte Rachtragsvoran- schlag für das Rechnungsjahr 1929 für das Stadttheater, der eine Krediterwei­terung von 30 580 Mark erfordert, wird genehmigt."

Stadtratsmgl. Nicolaus

als Berichterstatter teilt mit, daß die Theater­deputation in ihrer Sitzung vom 28. Dezember v. I. dem Rachtragsvoranschlag zugestimmt habe. Zur Begründung fei der Deputation eine Ueber- ficht über die Einnahmen und Ausgaben vom 1. April bis 30. Rovember 1929 vorgelegt wor­den. In diesen acht Monaten hätten sich die Ausgaben auf rund 234022 Mk., die Einnahmen auf rund 166177 Mk. belaufen. Es bestehe somit ein Fehlbetrag von 67 845 Mark. Diesem Fehlbetrag stehe ein Zuschuß von 76 076 Mk. gegenüber, der mit der Verab­schiedung des Voranschlags für 1929 bewilligt war. Somit ftand dem Stadttheater am 1. Dez. 1929 für seinen Betrieb noch ein Betrag von rund 8230 Mk. zur Verfügung, der bereits im Dezember ausgebraucht worden sei. Seit 1. Januar lebe das Stadttheater bereits von dem Kredit, den das Haus jetzt zu bewilligen habe. Die Ursache für diese Krediterweiterung seien erhöhte Aus­gaben für die Besoldungen des technischen Per­sonals, erhöhte Löhne für die Theaterarbeiter, höhere Beiträge für die Sozialversicherungen, Mehraufwendungen für Heizung, Beleuchtung, Bureaukosten usw., ferner für Fundusunterhal­tung und -Neuanschaffungen, höhere Steuern, grö­ßere Ausgaben für Bühnenmusik, Reisekosten, Honorare für Gastspiele auswärtiger Künstler usw. Die Gastspiele hervorragender Künstler hät­ten dem Theater immer_ erhöhte Einnahmen ge­bracht, so daß die hierfür aufgewendeten Mehr­ausgaben berechtigt feien. Die Stellungnahme des Stadtrats zu dieser Rachtragsforderung fei durch die Verhältnisse zwangsläufig f e st g e l e g 4. Wenn es auch noch so schwer falle, man müsse die Vorlage annehmen, dennRein" könne man nicht sagen, da das Personal durch Verträge engagiert fei, die noch längere Zeit Geltung hätten und man sich auch den anderen Verpflichtungen nicht restlos entziehen könne. Daraus ergebe sich, daß der Stadtrat der Vorlage nur zustimmen könne. Etwas anderes fei aber die Frage, ob man sich nicht von vornherein gegen eine Wiederholung solcher Kreditüberschrei­tungen wie jüngst verwahren solle. Wenn heute

der Rachtragskredit bewilligt werde, müsse nach­drücklich betont werden, daß der Stadtrat gegen Kreditüberschreitungen in dem Ausmaß des Jahres 19 2 9 schärfste Verwahrung einlegen werde. Cs sei auch berechtigt, wenn der Stadtrat gleichzeitig die Forderung erhebe, daß für die Folgezeit genau darüber zu wachen fei, daß Etatüber- fchreitungen nicht mehrvorkämen. Der Stadtrat fei nicht mehr gewillt, nachträglich feine Zustimmung solchen Überschreitungen zu ge­ben. Diejenigen feien dann haftpflichtig zu machen, die ohne vorherige Zustimmung des Stadt­rats den Voranschlag überschreiten.

Stadtratsmgl. Mann (Soz.)

weist auf das allgemeine Erstaunen in der Bür­gerschaft hin, als Ende vorigen Jahres bekannt wurde, daß der Kredit für das Stadttheater im Jahre 1929 um rund 80 000 Mk. überschritten war. Unter keinen Umständen dürsten Gelder der Allgemeinheit ohne Bewilligung durch den Stadtrat ausgegeben werden. Heute sei nun dar­über abzustimmen, ob die Krediterweiterung be­willigt werden solle. Es stehe fest, daß ein großerTeilder AusgabendesStadt- theaters laufend fei, auch wenn man das Theater schließen würde. Die Verträge mit dem Schauspielerpersonal hätten bis Ablauf des Jahres Gültigkeit, auch eine erhebliche An­zahl Angestellte komme in Betracht, die nicht sofort entlassen werden könnten. Auch die sach­lichen Ausgaben würden zum Teil weiterlaufen. Rur die Arbeiter könne man sofort entlassen, und das wolle man nicht. Wenn man das Thea­ter schließe, werde der Fehlbetrag nicht kleiner, denn die Einnahmen fielen weg, ein großer Teil der Ausgaben laufe weiter, nur ein geringer Teil der Ausgaben könne abgestoßen werden. Auf Grund dieser Erwägungen fei feine Fraktion bereit, der Krediterweiterung zuzu- stimmen.

Stadtratsmgl. Horn (Arbeitsgemeinschaft der Mitte)

erörtert zunächst die Frage, ob auch bei der Auf­stellung des neuen Voranschlages ein solcher Fehlbetrag vermieden werden forme. Der Stadt­rat werde alles tun, was ihm möglich sei, um das Stadttheater auf der Höhe seiner künst­lerischen Leistungsfähigkeit zu erhalten, die es jetzt innehabe; aber man müsse sich doch fragen, wie in Zukunft der Zuschuß zu bemessen sein

werde. Diele Posten im Theateretat feien zwangs­läufig. Hm einen Fehlbetrag wie den jetzigen in Zukunft zu vermeiden, müjfe man sich ein« schränken und die Unkosten vermin­dern. Wenn es nicht anders gehe, dürfe auch vor einer Beschränkung der Leistungsfähigkeit des Theaters nicht zurückgeschreckt werden. Der jetzigen Vorlage könne man ja nur zustimmen, aber für die Zukunft heiße es: können wir mit den Mitteln, die wir auf bringen können, das Theater erhalten oder nicht? Diese Frage werde dem Stadtrat beim nächsten Etat vorgelegt werden. Könnten die Mittel nicht bewilligt werden, dann gebe es nur Einschränkungen, ilm diese Frage sorgfältig prü­fen zu können, müsse der Voranschlag bei­zeiten vorgelegt werden. Der Finanzaus­schuß sei sehr enttäuscht gewesen darüber, daß er die Gröhe des Fehlbetrags nicht rechtzeitig erfahren konnte; wäre ihm zur rechten Zeit der Betrag genannt worden, fo habe er (der Aus­schuß) sofort dazu Stellung genommen. Er (Red­ner) bedauere, daß man mit der Bekanntgabe der Kreditüberschreitung zunächst in die Oeffent- lichkeit gegangen und dadurch Beunruhigung in der Bevölkerung entstanden fei, nachher aber erst nähere Aufklärungen gegeben habe. Der Stadtrat müsse den Betrag nun bewilligen. Für die Zukunft müsse aber auch beim Theater d i e größte Sparsamkeit walten.

Stadtratsmgl. Loh (Nationalsoz.)

erklärt, er könne dem Rachtragsvoranschlag nur dann zustimmen, wenn er die Zusage erhalte, daß in Zukunft im Stadttheater mehr klassische Stücke und gute Stücke für die Jugend in den Spielplan ausgenommen würden^

Stadtratsmgl.Nicolaus(Wirtsch.Vgg) bemerkt, die D e ck u n g s f r a g e fei mit Recht angeschnitten worden. Der Stadtverwaltung sei es möglich gewesen, den Theaterfehlbetrag von 1928 aus Mehr eingängen in 1928 zu decken, und es bestehe die Hoffnung, daß auch für 1929 diese Art der Deckung möglich-sein werde. Eine Steuererhöhung komme jedenfalls nicht in Be­tracht.

Oie Abstimmung.

3n der nun folgenden Abstimmung wird der obenstehende Antrag der Theaterdeputation mit allen Stimmen gegen die zwei Kornmunisten an­genommen.

Die Verträge der Hekoga.

An zweiter Stelle der Tagesordnung wird über das Vertragswerk der Hekoga be­raten.

Beigeordneter Or. Hamm

stellt an die Spitze seiner Begründungsrede eine Unterscheidung der Gegner dieses Ver­tragswerkes in zwei Gruppen: einerseits die, die nach gewissenhaftester Prüfung aus rein fachlichen Gründen und aus Ueberzeugung dieses Vertragswerk bekämpfen; anderseits die, die nicht das hessische, sondern nur das eigene Interesse im Auge haben. Zu der letzteren Gruppe gehöre Frankfurt. Zu der jetzigen Ablehnung der He- kogaverträge durch Darmstadt sei zu bemer­ken, daß für Darmstadt ganz andere Ge­sichtspunkte maßgebend seien, als für Ober­hessen und die Stadt Gießen; es fei vor allem schwer zu beurteilen, ob der von Darmstadt er­rechnete Gaspreis richtig fei. Für Gießen fei folgender Gesichtspunkt bedeutsam: wir feien mit unserem Gaswerk am Ende feiner Leistungskraft angelangt, und mit dem Reubau eines Gaswerkes könne die Frage der Gasversorgung nicht befriedigend gelöst werden, weil dadurch der Erzeugerpreis zu hoch werde. Unsere Stellungnahme schließe aber durchaus nicht aus, daß wir an manchen Bestimmungen der Verträge noch Kritik üben und Verbesserungen fordern. Das öffentliche Interesse sei in den Hekoga-Vertragen dadurch vollkommen gewahrt worden, daß bei allen Beschlüssen nach diesen Verträgen 76 Prozent der Stimmen für das Zustandekommen der Beschlüsse erforder­lich seien; da die Hekoga aber25Prozent der Stimmen besitze, könne sie nie majori­siert werden, lieber verschiedene Differenz­punkte der Verträge werde zur Zeit noch mit der Ruhrgas A.-G. verhandelt. Die Hekoga werde den Verträgen nur zustimmen, wenn die Ruhr­gas 21.-®. sich in den wenigen noch strittigen Punkten zu einer günstigen Fassung der Ver­tragsbestimmungen herbeilasse. Auf Grund die­ser Erwägungen habe der Betriebsaus- s ch u h folgenden Beschluß gefaßt, der zur Annahme vorgefchlagen werde:

1. Das Vertragswert in der vorliegenden Form befriedigt den Stadtrat nicht.

2. Wir beantragen zu beschließen, die 23er- waltung bzw. die 23er t re ter der Stadt Gießen zu beauftragen, für Abänderungen der heute als Mängel erkannten Bestimmungen einzu­treten und erneut über das Ergebnis der Ver­handlungen zu berichten. Erst nach erneuten Verhandlungen soll der Stadtrat endgültig Stellung nehmen.

3. Lehnen es die Organe der Hekoga ab, in Verhandlungen über die vom Stadtrat ge­wünschten Qlbänberungen einzutreten, so sollen die 23ertrter der Stadt Gießen sich der 2Tb» ftimmung enthalten."

Mittlerweile feien die Beanstandungen tech­nischer Art schon geklärt worden, und die Ruhr habe sich dem Hetoga-Standpunkt angepaßt. Die übrigen Beanstandungen seien noch zu klären oder mehr redaktioneller Art. Er glaube, daß eine befriedigende Lösung gefunden wer­den könne.

Don der Fraktion der Arbeitsgemein­schaft der Mitte fei nun folgender, auch von der Wirtschaftlichen Dereinigung unterstützter Antrag eingegangen:

..Wir beantragen: Der Stadtrat der Stadt Gießen möge beschließen:

1. Dem Ferngasbezug der Hekoga von der Ruhr-Saar wird grundsätzlich zugestimmt. Eine eigene Kokerei oder der Bezug von anderen Er­zeugern wird abgelehnt.

2. Die Vertreter der Stadt Gießen in der Generalversammlung werden beauftragt, den Vorstand der Hekoga zu veranlafsen,

a) in weiteren Verhandlungen mit der Ruhr-Saar die erhobenen Einwände zu be­seitigen und Zweifelsfragen zu klären,

b) die Verträge alsdann einer erneut ein* zubc rufenden Generalversammlung vorzu­legen.

3. Diese neuen Vertrage sind vor der Gene­ralversammlung dem Stadtrat zur endgültigen Beschlußfassung vorzulegen."

Die Stadtverwaltung sei der Ansicht, daß man diesem Antrag zustimmen könne, da er mit der Stellungnahme des Betriebsausschusses über* einstimme.

Stadtratsmgl. Mann (Soz.)

erklärt, feine Fraktion könne dem Antrag der Arbeitsgemeinschaft der Mitte nicht bei* treten. Seine Fraktion lehne es ab, dem Fern­gasbezug der Hekoga von der Ruhr-Saar grund­sätzlich zuzustimmcn, weil eine grundsätzliche Zu­stimmung schon etwas bedeute. Seine Fraktion behalte sich die endgültige Stel- lungnahmezu demVertragswertvor bis zu dem Zeitpunkt, wo es fix und fertig vor­liege. Cr vertrete nach wie vor die Auffassung, daß noch ernstlich zu prüfen fei, ob wir nicht auf einer andern Gru ndlage zu einem annehmbaren Ergebnis kommen könnten. Er be­dauere, daß die Arbeitsgemeinfcha t der Mitte feit der letzten Sitzung des Betriebsausschusfes ihre Stellungnahme gewechselt habe.

(SfaMratemal. Horn

(Arbeitsgemeinschaft der Mitte) erinnert zunächst daran, daß die Hekoga* Verträge in langer unö sorgfältiger Arbeit zustandekamen, von einer überhasteten Aufstellung fei nichts bekannt, und man habe zu allen Punkten sorgfältig Stellung genommen. Gegen das anfangs gesichert erschei­nende Werk sei in der letzten Zeit eine starke Gegenbewegung eingeleitet worden. Cs sei hier festzustellen, daß Gießen ein starkes In­teresse daran habe, daß das Ver­tragswert zustande komme. Dasselbe wünsche auch die Provinz Oberhessen. Die ablehnende Stellungnahme von Darmstadt fei nicht überraschend gekommen, denn Darmstadt be­sitze ein noch ziemlich neues Gaswerk. In dieser Lage befinde sich Gießen aber nicht. An der Gegenarbeit gegen dieses Projekt sei Frank­furt mitbeteiligt; Frankfurt habe klar ausge­sprochen, es wolle seine Vorherrschaft im Rhein-Main-Gebiet behalten, es könne einen Zusammenschluß mit der Hekoga nicht er­tragen. Wenn wir dieses Werk versäumten, würde es uns später nicht zum Vorteil gereichen. Der Antrag der Arbeitsgemeinschaft der Mitte sei nicht weitgehender als der vom Vetriebsausschuh, er sei nur klarer im Ausdruck. D i e Zeit sei jetzt da, wo gehandelt werden müsse, nachdem die noch strittigen Vertragspunkte ge­regelt seien. Wenn dieses Dertragswerk zustande

komme, könne man sagen, daß Gießen gutes und preiswertes Gas erhalte. Er bitte um Annahme des Antrags der Arbeitsgemeinschaft.

Oberbürgermeister Or. Keller

teilt mit, daß mittlerweile folgender Antrag der Sozialdemokratischen Fraktion eingegangen sei:

Das vorliegende Dertragswerk kann in der derzeitigen Form unsere Zustimmung nicht finden.

Stadtratsmgl. Nicolaus (W rtsch. Dgg.)

betont, es fei für jedermann genügend Zeit ge­wesen, sich mit dieser Angelegenheit eingehend vertraut zu machen. Heute sei die Zeit reif für eine bestimmte Stellungnahme im Sinne des Antrages, den die beiden Fraktionen eingebracht hätten, Unser Gaswerk befinde sich hinsichtlich seiner Beschaffenheit und feiner Größe in einem Zustand, der in nicht allzu ferner Zeit die Errichtung eines neuen Gaswerks erforderlich mache. Da müsse man sich fragen, wie sich die finanzielle 23erpflichtung für die Stadt stellen und wie sich diese Belastung auf den Gaspreis auswirken werde. Die Kosten eines neuen Gaswerks seien mit 1,5 bis 2 Millionen Mark angegeben worden, man könne also ruhig von vornherein schon mit zwei Mil­lionen rechnen Die Beschaffung dieses Kapi­tals sei in absehbarer Zeit unmöglich. Aber wenn das vielleicht auch später vielleicht mög­lich sei, bleibe noch die Frage des Ga-preises. Der Leiter unseres Gaswerkes, Direktor Ste- ding, habe bei der Errichtung eines neuere Gaswerks als Ergebnis einen Crzeuger- Gaspreis von über 10 Pfennig je Kubikmeter genannt. Der Bezugspreis bei der Femverforgung belaufe sich auf 4,5 b i s 5,8 Pfennig (letzterer schon mit kommunalen Zuschlägen) je Kubikmeter. Die Spanne zwi­schen diesen beiden Preisen sei so groß, daß dadurch schon von selbst die Entschei­dung für uns gegeben sei. Der jetzige Antrag der beiden Fraktionen oecke sich durch­aus mit der Auffassung, die er (Redner) schon im Betriebsausschuß vertreten habe. Die Stel­lungnahme des Gießener Stadtrates müsse einzig und allein bestimmt sein von den Rücksichten auf die hiesigen Gaskonsumenten und die Industrie. Stadtratsmgl. Kurz (Wirtsch. Vga.) gibt in seiner Eigenschaft als Mitvertreter der Stadt Gießen im Aufsichtsrat der Hekoga eine Anzahl Aufklärungen. Aus feinen eingehenden Darlegungen ist zu entnehmen, daß die Frank­furter öütoega bisher noch nicht den Be­weis erbracht hat, daß' sie billiger liefern kann als die Ruhr über die Hekoga. Auch eine st ä d - tische Kokerei könne den Gaspreis nicht billiger stellen, als er hier angeboten werde. Weiter weist er darauf hin, daß in den Ver­trägen die Meistbegünstigungsklausel seitens der Ruhr-Saar für unser Gebiet zugestan* den ist. Auch gewissen Bedenken hinsichtlich der Koksfrage tritt der Redner mit beruhigenden Aufklärungen entgegen, wobei er u. a. darauf hin- toeift, daß die Saargruben sich doch in der Hand des Preußischen Staates befinden und darin schon eine wirksame Gewähr dafür gegeben ist, daß die öffentlichen Belange ausreichend geschützt sind. Eine Beein­trächtigung der Wirtschaftlichkeit unseres Elek­trizitätswerkes durch die Gasfernversorgung von der Ruhr-Saar befürchtet der Redner gleichfalls nicht, da die Verwendungszwecke von Ferngas und Elektrizität fo stark verschieden seien, daß nennenswerte Einwirkungen nicht eintreten könn­ten. Auf Grund feiner bisherigen Erfahrungen in feiner nun anderthalbjährigen Mitarbeit an der Hekoga empfiehlt der Redner die Annahme des Antrages der beiden Fraktionen.

Stadtratsmgl. Leopold Mayer (ArbeitSgem. der Mitte)

unterftützt noch einmal die bisherigen Hinweise auf die Schwierigkeiten unseres Gaswerks und die Unmöglichkeit des Baues eines neuen Gas­werkes, weist auf den Preisvorteil des Ruhrangebots gegenüber der Eisen­erzeugung hin, bei dem man eine günstige und billige Bezugsquelle habe, und empfiehlt, angesichts der günstigen geographischen Lage Oberhessens in der Rähe des Rohranschlufses in Siegen von dem Angebot Gebrauch zu machen.

Stadtratsmgl. Mann (Soz.)

betont, er sei nicht dagegen, daß die Verhand­lungen mit der Ruhr-Saar weitergeführt wür­den, aber es fei zu bedeuten, daß man hier über wichtige kommunale Interessen zu entscheiden habe. Er möchte in der Hekoga noch die Frage geprüft haben, ob nicht auch auf andere Weise die Gasversorgung zu ermöglichen sei.

Stadtratömgl. Fischer (Arbeitsgemeinschaft der Mitte) regt eine kleine redaktionelle Aenderung des Antrages der beiden Fraktionen an, um für diese Entschließung eine breite Basis im Hause zu schaffen. Diese Anregung führt zu einer Un­terbrechung der Sitzung, damit die Frak­tionen beraten können. Vor der Derhandlungs- pause nimmt

Beigeordneter Or. Hamm

noch kurz Stellung zu einigen Bemerkungen und Gesichtspunkten in der Aussprache. Er betont, daß er selbst zu Beginn der Hekoga-Arbeit gegen den Abschluß mit der Ruhr gewesen sei, aber im Laufe der Zeit habe er sich überzeugt, daß ein anderer Weg nicht bestehe und daß eine Gefahr für die Kommunen von der Ruhr her gar nicht groß fei. Ihm fei vor wenigen Tagen bei feiner Anwesenheit im Ruhrgebiet wegen der Gasfrage von den Vertretern der Ruhrarbeiter- schaft erklärt worden, daß die dortige Arbeiter­schaft großes Interesse an dem Ab­schluß dieser Verträge habe, well da-