Ausgabe 
24.12.1930
 
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Nr. 501 Zweiter Blatt' Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhefsen)Mittwoch, 24. Dezember (950

Russische Weihnacht.-Rußland ohne Weihnacht.

Don unserem K-Derichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?) I Moskau, Dezember 1930.

Während sich die ganze christliche Welt zum Weihnacht-feste rüstet, hat Rußland die Tiraden der staatlich konzessionierten Atheisten über sich ergehen zu lassen über dievolkSverdum- mende Wirkung der Weihnacht", deS FestesdeS schnöden Kapitalismus. Und wer solcher Be­weisführung gegenüber sich reserviert verhält oder gor durch eisige- Schweigen feine gegen­teilige Auffassung kund tut, wird unverhüllt be­droht. Man wird, wie es nun schon üblich ist, auch am Heiligenabend der alten wie der neuen Zeitrechnung nach BureausHluß oder nach dem Schichtwechsel sich fröstelnd in seinen gewendeten Lieberzieher hüllen und durch den tiefen Schnee nach Hause stapfen ... 3n der einzigen Hoff­nung, daß wenigstens in diesen Tagen da- von der GPU. einquartierte Zimmernachbar-Ehepaar Einsicht haben und seine Abende auswärts ver- bringen möge ...

Wenn man vonWeihnacht" spricht, mit dem Unterton der Weihe, dec dem Festtag ent­spricht, dann wird man im heutigen Rußland vergeben- Verständnis dafür suchen. Der jungen Generation ist es ein fremdartiger, ein euro- päischer Begriff. Diese junge kommuni­stische Generation ist wegen ihrer Freudlosigkeit, die unerhört grausam wirft, aufs tiefste zu bedauern. Soweit sie den ersten beiden Stufen der organisierten kommunistischen Jugend an* gehört, hat sie andere- nicht kennengelernt als das abstoßende Heute. Das sind dieOkto­ber i a n « r", die Oktoberkinder, und diePio­niere". Diese Jugend wird mit kommunisti­schem Phrasengeschwall gefüttert, frühzeitig wird in ihr das DerständniS für die Vorteileecht kommunistischer Gesinnung" geweckt, und schon heute herrscht unter ihr Eifersüchtelei, Angeberei, herrscht Lug und Trug, um in die Reihe der Komsomolzen" zu kommen und dann ihren persönlichen Feinden gehörig eins heimzuzahlen. Denn diese Altersstufe, so um 15 Iahre her­um, in der unsere Jungen mit glühenden Wan­gen Abenteurcrromane lesen, spielt im heutigen Rußland schon eine erhebliche politische Rolle. Sie ist eine Macht. Sie betätigt sich aktiv im politischen Leben, sie kämpftgegen die Vorurteile in der christlichen Religion", und für sie ist in erster Linie kürzlich dieGott­losenakademie" eröffnet worden, deren Führer, der Vorsitzende der Gottlosenverbände, 3 a r o s l a w s k i, sie als einen zuverlässigen Vortrupp im Kampf um die geistige Weltrevv- lution bezeichnete. Es ist ein trübes Kapitel um diese Iugendorganisierten. Sie fühlen sich al- Führernachwuchs, als Aspiranten aus die Macht, und alle schlechten Instinkte der brutalen Herrschsucht regen sich schon jetzt in ihnen und werden planmäßig gefördert. In der Agitations­abteilung der gottfeindlichen Akademie wird die Saat in ihre Kinderseelen gelegt, von der man sich die besten Früchte erhofft.

Unö die anderen Kinder? Die graue Masse der Kinder derParteilosen" und der Dauern- kinder auf dem Dors? Sie werden verschlungen von der Rot der Zeit, sie haben kein sauberes Hemdchen, kein Weißlrötchen wie soll es da zu einem bunten Bilderbuch reichen?--Weih­

nachten, das Fest der Kinder, ist im roten Sowjelreich aus getilgt, weggewischt, aus dem Kalender gestrichen. Und wo es erwähnt wird, da werden die Kinder scheu, verängstigt. Weil es verboten ist ...

Die Erwachsenen aber bewahren die Erinne­rung an das Weihnachtsfeft wie einen Schah von unermeßlichem Wert. Da taten sich im

Weihnacht.

Don ^Robert Walser.

Unsere Stadt ist besonders deshalb so schön, weil sie so nah am bewaldeten Berg liegt. Ich bin heute gegen den Abend rasch in den Wald hinaufgegangen, wo mir drei richtige Wald- und Weihnachtsmänner mit Tannenbäumen auf den Schultern begegneten. Ich möchte ihnen um kei­nen Preis nicht begegnet fein. Schon von weitem hörte ich ihre Stimmen durch den abendlichen und winterlichen Wald hallen. Wie urtümlich sahen sie mit ihren Bärten und schwärzlichen Gesich­tern aus.

Ich kam dann in die Stadt hinunter, die so eng am Berg liegt, daß man sie fast eine Wald- und Bergstadt nennen möchte. So aus dem stillen, dunklen, weiten Raturwald herauszukommen, auf abstürzendem, felsigem Wege, und nachher über die Treppen hinab, gleich in die Stadt hinein, so warm, so nah, so unvermittelt, wie ist das schön, wie ist das so herzerfrischend. Ich kann mir Ratur und Stadt nirgends so lieblich verknüpft und verbunden vorftellen, wie sie es bei uns ist. Und ist man dann in der Stadt, wie wird man von den Häusern gleich so heimelig umschlossen. Man geht wie in einer Burg, wo alles eng und nah beieinander ist, das Rathaus mit dem Rat­hausplatz, die Ober- und Untergasse und die hoch­aufragende gute alte Kirche, und rings herum kleinere Rebengassen mit dunkeln Ecken und Win­keln. Und dann so die netten, freundlichen Gestal­ten, die ruhigen Gesichter. Hellere und dunklere Gestalten, helle und dunkle Stellen. Da gehst du über einen altertümlichen Platz, ehemaligen Festungsgraben, der ganz traumhaft still und schön und ruhig ist, da und dort ein Dach, ein kühner Giebel, eine Laterne oder ein uralter Festungs- türm.

Und die Winternacht dazu so sanft, mit so dunk­len, guten, stillen, ehrlichen Augen. Und dazu der alte, ewig schöne Gedanke, daß jetzt Weihnacht sein wird und sein soll in diesen Mauern, wo auf alle Gemüter und in alle Menschenherzen ein so eigentümlich-süßes, schwer und leichtes Gewicht fällt, wo jedes Auge seinen Weihnachtsbaum und seine Weihnachtskerze sieht, wo es in allen engen und breiten Straßen nach Frieden, nach lieblichem Verzeihen und nach allen schönen, innigen Versöh­nungen tönt und duftet. O wie schön, wie groß­äugig-sanft und wie weich ist unsere Stadt um diese stille Winterszeit, um die stille Abendzeit, um diese süße, stille, liebe Weihnachtszeit. Alle Schaufenster sind voll der hübschesten Sachen. Man sieht von der Straße her den Metzger im Metzger- laden, den Bäcker im Bäckerladen, den Milchhänd­ler im Milchladen stehen. Alle Läden ftrcch-

vergangenen Iahr einige Moskauer Familien zusammen, um gemeinsam jju feiern. Man konnte noch einige Kleinigkeiten für die Kinder erstehen. Altes wurdeauf neu" gemacht: auch der Handel auf dem freien Markt war noch nicht so eingeengt, daß es nicht möglich gewesen wäre, eine Wurst und ein Extrabrot zu bekommen. Es entstand aber die Frage. .Wo nimmt man den We i h- nacht-baurn her?" DaS alte Sprichwort .Rot macht erfinderisch" bewahrheitete sich wieder ein­mal. Denn es wurde beschlossen, da der Verkauf von Tannen verboten war, auf den Fried- hof zu gehen und einige Tannenzweige zu er­stehen. Zweien gelang es. der Dritte wurde er­wischt. GPU. Ausfragen Drohungen Um nicht die Feier der anderen zu gefährden gestand er. .Ich allein Ich wollte feiern Wit diesem Daumersah." Er kam noch glimpflich fort. Denn er wurde nur über Weihnachten in der Haft be­halten. Damit er nicht doch noch feiern konnte. Und er wurde entlassen nachdem er entsprechend dem Befehl der GPU das Treueste Gottlosenlied auswendig Herfagen konnte. Er tat es sagte er dann weil er wußte, daß Widerstand zweck­los war. Ieht steht er seit einem Iahr unter Aussicht der GPU. Zu einer Wiederholung des vorjährigen Versuchs dürste er also jetzt keine Lust mehr verspüren

Denn auch in diesem Iahr ist das Feiern des Weihnachtsfestes verboten Es hatte anfangs den Anschein als wollte man es totschweigen BiS in den tiefen Rovember hinein war von einem Verbot nichts zu hören und schon wollten sich die ersten schüchternen Vorbereitungen an den Tag wagen, als die Gottlosenverbände auf den Plan traten und es totzureden be­gannen Man hat eine feine Witterung dafür in Rußland, man weiß, daß es damit totgemacht werden soll. Und das Verbot, Weihnachtsbäume zu verkaufen *ie ausdrückliche Anordnung, in den Festtagen erst recht zu arbeiten, der besonders verschärfte Feldzug, den die Gottlosen für diese Tage angekündigt haben das alles ist ja schon das Verbot.Russische Weihnacht" heißt also in Wahrheit: Rußland ohne Weihnacht".

Der liebe Gott ist a b g e s ch a f f t im heutigen Rußland einneuerGottist ihm erstanden. Und ein neuer Heiligenkult wird gepredigt. Der große Mann, der verehrt wird, wie nur je ein Religionsstifter vor ihm, liegt auf dem Roten Platz, der durch Iahrhunderte das Blut Unzäh­liger unter Iwan dem Grausamen unter Peter dem Großen und unter Stalin getrunken hat. Wie ein marmornes Götzenbild liegt er da in seinem Sarkophag. Ietzt ist zwar fein Mausoleum vorübergehend", wie es amtlich heißt, geschlossen: man flüstert aber schon lange, daß die Eismaschinen die unter seiner Leiche Tag und Rächt arbeiteten, und daß die Paraffinlösung, mit der der Leichnam behandelt wurde, daß DaS alles nicht ausreichte gegenüber der zer­störenden Wirkung der Fäulnis. Und wenn der einfache russische Muschik davon hört, befreu,- zigtersich gläubig, wie er sich vor dem Grabe bekreurigte, wenn er sich in der unübersehbaren Menschenschlange befand, die Stunde für Stunde, Schritt um Schritt an dem Sar­kophag vorbeizog. Ihm, dem gläubigen Muschik, dem Beherrschten, und ihm, dem gottfcinblichen Bolschewismus, dem Herrscher, geht es nicht auf, was in diesem Kreuzschlagen vor dem Idol der Gottfeinde für ein grausamer Widerspruch liegt. Die mystisch veranlagte Seele des Russen neigt aber zu Symbolen, und so wird jetzt das Leninbildnis angebetet im wört­lichen Sinne, weit es unter dem neuen Regime in der guten Ecke der Stube hängt, in der heiligen

len, ganz besonders die Spielwarenläden die den Kindern in die Herzen reden. Ich kam heute abend, wie gesagt, aus dem Walde in die Stadt herab und war ganz verliebt in sie, ganz entzückt von ihr...

Das Legendchen von der Oornenblüie.

Von Max S.dow.

Der Weg über die Hochebene Rephaim war er­müdend für die Wanderer. Die Schuhe mahlten im Sande, und die Hufe des Esels rührten den Staub auf, den der Wind in bräunlichen Wolken hochtrieb, so daß man nur mühsam atmen konnte.

Es ging schon gegen Abend, aber sie waren noch nicht weit gewandert, feil sie die laute, menschenvolle Stadt verlassen hatten, in der sie kurze Rast gehalten. Wenn Maria zurückblickte, konnte sie die beglänzten Türme und Häuser noch zählen. Aber es war nicht tröstlich, nach Jerusalem zurückzusehen, da man an seinem kaum sich verändernden Bilde nur zu deutlich merkte, wie langsam man vorwärts kam. Wohin aber schauen? Auf das fleckige Fell des geduldigen Tieres, auf dem sie faß? Auf das einförmige Spiel der langen Ohren, die bei jedem Tritte auf und ab pendelten und plötzlich sich hoben und zur Seite lauschten?

Da stand ein Mann an ihrem Wege. Die Wan­dernden bemerkten ihn erst, als sie nahe bei ihm waren. Er trat aus der Staubwolke auf sie zu, grüßte und gesellte sich zu ihnen. Doch sie wurde seiner Begleitung nicht froh. Maria empfand eine seltsame Furcht vor ihm. Er lachte höhnisch auf, als er hörte, daß sie nach Bethlehem wollten und noch keine Her­berge für die Nacht hätten. Sein freies Plätzchen würden sie in dem schmutzigen Flecken finden, weder in den Hütten noch auf den Gassen. Alles sei voll von widerwärtigen Leuten, die nach des Kaisers Gebot in diese jämmerliche Stadt Judäas als in ihre Hei­mat gekommen wären. Josef schwieg und zog mürrisch am Halfter. Maria aber zitterte vor den hämischen Worten und wandte sich ab.

Die Gegenwart des Fremden schien die karge Straft der Ermatteten zu lähmen. Immer langsamer wur­den die Schritte, als zögerten sie vor der vergeblichen Mühe. Nach einer Weile spürte Maria, wie der Leib des Tieres unter ihr zuckte. Der Esel tat noch ein paar lahme Schritte und blieb dann stehen, so sehr auch Josef am Stricke zerrte.

Der Fremde kicherte:Das Tier ist klüger als ihr, es will nach Jerusalem zurück." Keiner ant» wartete. Die heilige Frau sah bekümmert auf ihren Mann, der mit verhaltenem Zorn den störrischen Esel antrieb. Sie strich mit ihrer kleinen Hand das

Ecke, wo früher die 3tone, das HeiliyenbilkmrS, hing. Der Kommunismus, der pratttsche Kom­munismus der Sowjet-, ist aber voll solcher Widersprüche. Die Regierung bemüht sich z. D. seit 3obren krampfhaft, dentoi lektiven Menschen" zu züchten, ist aber gezwungen, das Streben nach Verbesserung der eigenen Lage als besonder- begehrenswert binzustellen, den Sparsinn anzuregen, die Gewinnsucht zu fördern usw. Sie verkündet stolz den StaatS- kommunismuS, hat aber mit der Kommune vollen Mißerfolg erlitten, daß sic gezwungen ist. mit solchen Surrogaten, wie die privat organisiert« Genossenschastsbewegung, vorlieb zu nehmen...

Aber er, Lenin selbst? Seine Epigonen stellen jedes seiner Worte al- sakrosankt hin, jede seiner stenographierten Reden gehört zu der Bibel des Kommunismus, nut über einen Punkt spricht kein führender Kommunist gern. Die kürzlich durch den Staatsverlag veröffentlichte Sammlung seiner Briefe hat nämlich eine Ge­sinnung des Heiligen gezeigt, wie sie eigentlich von keinem cch:cn Bolschewisten geduldet werden könnte. Die Briefe stammen zumeist noch aus der Vorkriegszeit, sie sind von einem Lenin geschrieben, der von den zaristischen Schergen durch ganz Europa verfolgt wurde. Aus ihnen spricht ein Alltagsmensch, ein Klein­bürger, der oft das Philiströse und Spieß­bürgerliche allzu bedenklich ft reift Aus der Schweiz, aus Frankreich und aus Deutschland be­richtet Lenin dort über Alltäglichkeiten, über Sehenswürdigkeiten, über Blumen und Umge­bung wie Herr Soundso, der seine erste 3talienreUe macht. 3n einem Falle hat ereine gewisse Quantität der Umgebung" genossen, in einem anderen hat eran der Kunst nichts finden können", dafür hat ihn aber ein Wachs­

figurenkabinett begeistert. 'Aber am intern essantesten sind diese Briefe dort, wo dieser große Kämpfer gegen den Gott deS Kapitalis­mus" feiner Schwester zudem GngelStag" (dem russischen Ramenstag) feine Glückwünsche au#- spricht, und wo er, Lenin, in einem Brief aus Berlin fein Entzücken überÖen beut* fchenWeihnachtsbaurn" ausfpricht und fei­nen Angehörigen zuEhristi Geburt" gratuliert

So wat der echte Lenin, wenn er ganz Mensch fein konnte und wo er noch nicht Be­gründer derbolschewistischen Religion" war. Und so ist das heutige Rußland, feine Schöpfung. GS ist da# Land ohne Weihnachten, das Land ohne Sonntag, da- Land der Gott­losigkeit. Und daS Land, in dem nicht nur die 3dee täglich um ihre Selbstbehauptung kämpfen muß, sondern in dem der einzelne immer hart an dem Abgrund entlanggeht. GPU., Preise, Lebensrnittel um diese Dinge dreht sich das Dichten und Trachten, dreht sich jeder Handel und Wandel. Die Bedeutung der Lebensmittel als Mittel zum Leben ist noch nirgends und nie­mals so ertannt worden wie in der Union der proletarischen Räterepubliken. Die Regierung, di« die materialistische Auffassung der Geschieht« ihrem eigenen Handeln zugrunde gelegt bat glaubt, daß man dem russischen Volk rubig noch einige Entbehrungen mehr wird zumuten können. Wo es murrt, wird die Peitsche angewendet die GPU. Diese kann zwar auch kein Brot aus der Erde stampfen, aber ihre Hiebe haben doch eine beruhigende Wirkung. Und so wird das Fest ebenso trostlos wie alle Tage der Fünf­tagewoche werden, wenn, wie gesagt, da- bolschewistische Rachbar-Ehepoar nicht doch noch ein Einsehen hat und feine Aufpasser-Tätigkeit wenigstens an diesen Abenden aufgibt.

Hunderttausend Briese an Hindenburg

Der Reichspräsident von Hindenburg ist, ganz abgesehen von der amtlichen Tättgkeit. die ihn stets von neuem mit den vielfältigen Problemen des Staates und seiner Bürger in Verbindung bringt, zugleich ein Landesvater im wahrsten Sinne des Wortes, dem täglich Tausende seiner Landeskinder ihre eigenen Sorgen und Wünsche durch Briefe übermitteln. Rich:s zeigt deutlicher die enge Verbundenheit des Reichspräsidenten mit allen Schichten des Volkes als der Posteingang von jährlich hunderttausend Briesen.

Einen großen Prozentsatz aller Briefschreiber bilden die Kinder, die meist spontan, oft auS be­sonderem Anlaß, wie etwa der Rheinlandreise, dem Reichspräsidenten schreiben. Auch aus dem kürzlichen Empfang der 800 Schulkinder hat sich eine lebhafte Korrespondenz entwickelt. Ein 3unge schreibt zum Geburtstag:Lieber Onkel Feldmar­schall! Zu Ihrem 83. Geburtstag, den Sie ja mor­gen haben, wünsche ich Ihnen viel Glück und einen Haufen Geld. Weiter weih ich nichts zu schreiben, aber vielleicht schicken Sie mir ein Bild mit Unter­schrift. Ich habe nämlich schon eins vom Haupt­mann Köhl. Viele Grüße Dein HanS."

Tie Briefe von Autogrammjägern, die täglich zu Dutzenden eingehen, in großer Zahl besonder- aus Amerika, ost durch Einsendung von Alben mit der Bitte um Eintragung, werden grundsätz­lich nicht erfüllt. Selbstloser sind die Briefe man­cher amerikanischer Kinder, in denen es z. D.,heißt: Ich lese soeben, daß Sie... getan haben, und ich muß sagen. Sie sind all right!"

Eine Folge der schwierigen wirtschaftlichen Ver­hältnisse sind die Bitten u.n Hilfe in größter Rot. Leider sind die Mittel, die dem Reichspräsidenten zur Verfügung stehen, sehr gering, so daß wohl nur in ganz besonderen Fällen direkt geholfen werden kann, obwohl natürlich jeder Fall genau geprüft wird. Andere senden lange Exposes mit

Vorschlägen verschiedenster Artzur Rettung de- Vaterlande»" unter Darlegung von Wrrtschast»- problemen ein. Alte Veteranen schreiben an Hin­denburg.den großen Heerführer". Handwerker an Hindenburg, denEhrenvbermeister des deut­schen Handwerks", andere an denEhrenbürger ihrer Stadt", unzählige andere nur, um ihr Ver­trauen zum greifen LandeSvater zu bekunden.

Montags Ist der Tag der Postkarten.Auf stiller WaldeShöh' gedenken wir des DaterS un­sere» schönen Vaterlandes" ist ein wiederkehren­der Sah auf den Postkarten vom SonntagSauS- flug, und es wird in Deutschland fein Schützenfest, keine Fahnenweihe, keine Einweihung eine» Krie­gerdenkmals, keine größere Vereins eier ohne ein Huldigungstelegramm an den Reichspräsidenten veraehen.

Außerordentlich zahlreich sind die Einladungen zu Veranstaltungen aller Art, sehr häufig von studentischen Vereinigungen, von Städten oder Universitäten, deren Ehrenbürger oder Ehren- fenator Hindenburg ist. Die zahlreichen Einladun­gen zu Theater- oder Kinovorstellungen hat der Reichspräsident dagegen stets grundsätzlich abge- lehnt. da ein Besuch aller Vorstellungen nicht mög­lich ist und Hinderrburg niemanden bevorzugen will.

Zu Tausenden zählen die Gedichte, Bilder, Blu­men, handgeschnitzten Arbeiten und anderen Ge­genstände, die ständig im Palais des Reichspräsi­denten abgegeben werden, und nicht geringer ist die Zahl der Kompositionen, besonders Märsche, die dem Reichspräsidenten aewidmet sind. Zu e.ner Hochflut verstärken sich solche Sendungen natürlich zu den Festtagen, wie zu Weihnachten und am Geburtstag, an dem in diesem Iahr allein 5000 Telegramme aus aller Welt eintrafen, aber auch an Tagen eine- schweren Unglücks, wie bei den

I letzten Grubenkatastrophen.

struppige Fell und klopfte den feuchten Hols, aber ihre Liebkosungen waren ebenso vergeblich wie das wütende Zerren des Zimmermanns.

Während sie sich noch um das bockige Tier mühten, und Josef es schon mit seinem Stecken schlagen wollte, wurden sie eines Jünglings gewahr, der rasch und frisch ihnen nachgewandert kam und nun stchenblieb und die Gruppe lächelnd überblickte.

Sag", rief er,magst du die Axt führen, wenn dir die Hand von einem Splitter schmerzt, der ins Fleisch drang? Warum willst du das arme Tier prügeln, das doch nur darauf wartet, § ihm der Dorn aus dem Hufe gezogen wird?" Und damit bückte sich der Jüngling, nahm den Fuß des Esels auf und deutete auf den Dornenzweig, der daran haftete. Sanft zog er den langen Stachel aus der Wunde, hob den so furchtbar bewehrten Zweig empor und bot ihn Maria, die sich davor entsetzte. Erst als sie sah, daß ein Tropfen Blut daran hing, nahm sie ihn entgegen, und ihr Herz erglühte vor Mitleid. Aber kaum hatte ihre Hand das dürre Holz berührt, da begann vor ihren Augen der rote Tropfen zu wachsen und verwandelte sich in eine herrsiche Blüte, die fünf Purpurblätter entfaltete.

Oh, sieh! Ein Wunder ist geschehen", flüsterte sie und zeigte den Zweig dem ftdunenben Josef.

Der Jüngling lächelte, aber der finstere Fremde griff mit einem bösen Lachen nach der Blüte, riß sie ab und warf sie in den Staub.Laßt euch von dem Gaukler nicht betrügen!" schrie er und trat mit dem Fuße nach der Wunderblume. Doch schon hatte der Jüngling sie wieder aus dem Schmutz gehoben und sie ehrfurchtsvoll in die Frauenhand zurückgelegt, die den Zweig noch immer hielt.

Gut!" höhnte der Böse.Behalte die Blüte, aber heb nur auch die Dornen sorgsam auf, damit sich dein Sohn eine Krone daraus winden kann!" Mit einem höllischen Gelächter drehte er sich um und sprang vom Weg herunter. Ein Staubnebel wirbelte auf und verbarg ihn den Blicken.

Vergiß die schlimmen Worte", mahnte der Jüng­ling leise, schu'terte das Bündel, das der Zimmer­mann auf die Erde gelegt hatte, und nahm die Leine auf. Willig folgte der Esel feiner Hand, und so setzten sie ihren Weg fort.

Maria merkte nicht, daß ihr der Dornenzweig ent­glitten war. Versonnen sah sie auf die kostbare Blüte und sog ihren Duft ein, der ihr herrlicher schien als alle Gerüche, die sie kannte.

Wer bist du", fragte sie,daß du ^Blutstropfen in Rosen verwandeln kannst?"

Nicht ich vermochte das, sondern du. Ich bin nur ein Wanderer, der nach Bethlehem zieht, wie ihr, und wenn du mehr wissen willst, so frag das Heilige, das in dir ist, und dessen Erfüllung du werden sollst."

Maria schwieg, während der Zimmermann, der, aller Bürde ledig, nebenher trottete, verständnislos

den Kopf schpttelte. Seit der Jüngling sie führte, ging es sich so leicht. Der Boden war fester geworden, und der Staub wehte nicht mehr unter ihren Füßen auf. Sie kamen schnell voran, schon sahen sie im sinkenden Licht die Häuser von Bethlehem.

Kurz vor dem Städtchen weidete eine Schafherde am Raine. Die Tiere hoben die Köpfe, als die kleine Karawane vorüberzog. Dann teilte sich der Weg, und der Jüngling hielt den Esel an.Nun müßt ihr allein weitergehn", sagte er und reichte dem Paare die Hand.

Willst du nicht mit uns in die Stadt kommen?" fragte Josef.Vielleicht weißt du eine Herberge, in der mein Weib und ich bleiben können?"

,3ch weiß keine", sagte der Scheidende traurig und gab dem Zimmermann Bündel und Halfter. Dann ging er und verschwand im Dunkel der schnell herein- gebrochenen Nacht.

Josef war verdrießlich und unzufrieden mit dem Jüngling, der sie so dicht vor dem Ziel verließ, gerade als sie feine Hilfe am nötigsten brauchten. Denn nun fand es sich, daß ihr erster Begleiter wahr gesprochen, und daß kein Haus und keine Herberge sich ihnen öffnete. Und als sie endlich, des vergeblichen Umher- irrens müde, in einem Stalle Zuflucht suchten, da mar schon die Stunde nahe, die der Engel einst der Jungfrau verkündet hatte.

Ueber dem glorreichen Wunder dieser Nacht vergaß das heilige Paar alles Seltsame, das ihnen auf dem Wege von Jerusalem her geschehen war, vergaß die beiden ungleichen Fremden, den finsteren Mann und den schönen, hilfreichen Jüngling, und auch der Blume, die aus dem Blute des treuen Tieres sich entfaltet hatte, gedachte die selige Mutter nicht mehr.

Erst als am Weihnachtsmorgen das schlummernde Kind erwachte und mit feinen zierlichen Händen um sich griff, geschah es, daß die rosigen Fingerchen in dem Heu der Krippe die vergessene Blüte fanden und aufhoben. Ein Sonnenstrahl fiel durch das schadhafte Dach und ließ das dunkle Rot des Blumensterns erstrahlen.

Maria hatte gespurt, wie sich bas Kind regte: sie beugte sich über die Krippe, sah, wie das Änäblein mit Licht und Blüte spielte und fühlte eine wonnige Freude bei diesem Anblick. Plötzlich fiel ihr der Dornenzweig ein, und ein Schatten glitt über ihre Mutterieligkeit. Während sie jedoch einen Augenblick lang schmerzhaft die Auyen schloß, glaubte sie das Antlitz des Jünglings wiederzusehen und hörte die leise Mahnung seiner Stimme: Vergiß die schlimmen Worte!

Da öffnete sie die Lider, freudig wie zuvor. Ein seiner Jubellaut war aus der Krippe gedrungen. Das kleine Händchen hielt ihr die Purpurblüte entgegen, und Maria sah in dem unbegreiflichen Glück das holdeste aller Wunder: bas erste Lächeln ihres