wirtschaftlichen und politischen Not der Gegenwart bedarf. Der Derfassungsausschuß glaubt, dabei kemer Seite Zumutungen gestellt zu haben, die von ihr nicht getragen werden können. Kiinftiger Entscheidung soll es auch vorbehalten bleiben, ob Bedürf- nis 'vorhanden ist für eine dritte L ander- form zwischen den Ländern alter und neuer Art.
Erst wenn festgestellt ist, wie künftig die Länder im Deutschen Reich gestaltet sein werden und mit welcher Zuständigkeit sie ausgestattet sind, kann der Frage der Gliederung im einzelnen und der Frage der Teilung der f i n a n z i e l I[ m Einnahmequellen zwischen Reich und Ländern nähergetreten werden.
dem dringenden Bedürfnis nach einem Sied- lungSbaukredit abzuhelfen.
Aba. Schmidt- Köpenick (Soz.): Das landwirtschaftliche Kreditwesen leidet am meisten unter den übermäßig hohen Zinsen, die die landwirtschaftlichen Genossenschaften für Gelder nehmen, die sie selbst zu ganz niedrigen Sätzen vom Reich und den Ländern bekommen haben. Nicht durch Zölle, sondern nur durch Pro d u k ° tionsregelung kann die Roggenkrise überwunden werden. Wir bedauern schmerzlich den G e - b i e t e v e r l n st im O st e n , aber wir müssen uns endlich damit a b f i n d e n. (Lebhafte Rufe rechts: „Niemals werden wir uns damit abfinden!")
Abg. Hergt (Dnt.): Das Osthilfegesetz weist hinsichtlich der angeforderten Mittel ganz respektable Zahlen auf aber wir halten das ganzeSystem der Hilfe nicht für richtig. Wenn man kranke Betriebe durch Barzuwendungen am Leben erhält, so ist damit nicht der Grund für das Krankwerden beseitigt. Subventionspolitik führt leicht zu Korruptionspolitik.
Abg. Bornefeld-- Gttmann (Z.): Durch Zollmaßnahmen allein kann die "Rentabilität der Landwirtschaft nicht geschaffen werden, aber sie sind dazu ein unentbehrlicher Faktor. 2m äußersten "Notfall wird man zur Kündigung von Der- trägen schreiten müssen, wenn alle anderen Mittel versagen. Hand in Hand mit der Staatshilfe muß die Selbsthilfe der Landwirtschaft gehen. Es müssen das Produkt ions - wie das Absahproblem eingehend geprüft werden.
Abg. Günther (D D.): Die Absatzorganisation muß besser gestaltet werden, damit Die viel zu hohe Spanne zwischen Erzeuger- und Derkaufpreisen vermindert wird. Die Rotlagei der Landwirtschaft zeigt sich aber auch stark auf anderen Gebieten, z.B. in Hessen- Rassau.
Abg. Hepp (ChrNBP.): Die Rentabilität der Landwirtschaft kann nur wiederhergcstellt werden, wenn durch zoll- und wirtschaftspolitische Maßnahmen die unnatürliche Spanne zwischen den Preisen der Industrie und der Agrarprodukte verschwindet. Der unerhört niedrige Milchpreis bedeutet für die deutsche milcherzeugende Landwirtschaft einen jährlichen Gesamtverlust von 1200 Millionen Mark. (Hört! Hört!) Auf keinen Fall dürfen wir Polen die Meistbegünstigung gewähren. Das deutsch-polnische Roggen- syndikat hat nur den Polen Nahen gebracht. Der Bermahlunaszwang für Jnlandweizen muh mit dem bisherigen Prozentsatz verlängert werden. — Weiterberatung am Dienstag.
MmisterprasideniBraundroht mit der Landtagsauflösung.
Die Lchlutzabstimmung über den preußischen Etat.
Berlin, 23. Juni. (ERB.) Der preußische Ministerpräsident Dr. 0)raun hat der „Boss. Ztg." zufolge den Dorsihenden deS Dtaats- rates, den Kölner Oberbürgermeister Dr. Adenauer. ersucht, am Mittwoch in Berlin anwesend zu sein. Das Blatt erinnert in diesem Zusammenhang daran, daß am Mittwoch im Preußischen Landtag die Dchlußabstim- mung über den Etat wiederholt werden soll, dessen Derabschiedung die Opposition vor Pfingsten durch Fernbleiben - bei der Abstimmung unmöglich mochte. Sollte die Zahl der Abgeordneten der Regierungskoalition, die sämtlich ersucht worden sind, am Mittwoch vollzählig zu erscheinen, nicht auS- reichen, um die Beschlußfähigkeit zu sichern, falls die Opposition ihre Obstruktion fortseht, so daß die Schlußabstimmung wiederergebnislos bliebe, dann würde, so meint die „Boss. Ztg", der Landtag sofort aufgelöst werden. Da dieser u. a. auf Beschluß eine- aut dem Ministerpräsidenten und den Präsidenten von Landtao und Staatsrat bestehenden Ausschusses aufgelöst werben kann, sieht das Blatt in der Einladung an Dr. Adenauer eine drohende G e st e des preußischen Regierungschefs, deren Wirkung er sicher sein könne.
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Oie Befreiungsfeiern im Rheinland.
Berlin, 23. 3uni. (TA.) Das Reichsministe- rium für die besetzten Gebiete gibt für die De- freiungsfeiern folgende Rednerliste bekannt: 3n der Rocht vom 30. 3uni zum 1. 3uti werden sprechen in Mainz ReichsinnenministerW i r t h, in Trier Deichsverkehrsminister von Guö - rard, in Speyer der Reichsminister für die besetzten Gebiete, Treviranus. Der Redner für Wiesbaden ist noch nicht festgesetzt: hier sollte ursprünglich Moldenhauer sprechen. Am 6.3uli wird in Kehl der Reichsaußenminister Curtius sprechen. Während der Reise deS Reichspräsidenten werden sprechen in Speyer Curtius, in Mainz Reichskanzler Brüning sowie Reichskanzler a. D. Müller, in Koblenz Reichsverkehrsminister von Gue- r a r d und in Trier Reichsminister Dr. M i r t h.
Oie Wetterlage.
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Wettervoraussage.
Durch den raschen Vorstoß der ozeanischen Kalt« lüft entwickelte sich bereits in den gestrigen Nachmittagsstunden in unserem Gebiet rege Gewitter» tätigkeit, wobei auch zum Teil recht ergiebige Niederschläge fielen. Da an der Rückseite des mit seinem Kern heute morgen über dem nördlichen Teil der britischen Inseln gelegenen Tiefdruckgebietes weiterhin kühle ozeanische Lustmassen aus dem Festlande hinfließen, so bleibt auch das Wetter zunächst noch etwas wechselhaft. Bei vorübergehender Bildung von Haufenwolken werden noch einzelne Niederschläge auftreten, die stellenweise gewitterartigen Charakter Haven.
.Aussichten für Mittwoch: Wechselnde Bewölkung mit Aufheiterung, noch einzelne teils gewitterartige Riederschläge, etwas kühler.
Lufttemperaturen am 23. Juni: mittags 27,1 Grad Celsius, abends 17,5 Grad: am 24. Juni: morgens 18,8 Grad. Maximum 30,2 Grad, Minimum 13,2 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 23. Juni: abends 32 Grad; am 24. Juni: morgens 21 Grad Celsius. Niederschläge 15,7 mm. — Sonnenscheindauer 10^ Stunden.
Reisemetterdienst.
Garmisch-Partenkirchen. Heute morgen 18 Grad, gestern heißer Tag, Südwestwind, heiter bis halb bedeckt, Witterung gestern teils heiter, teils wolkig.
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Minister Dietrich als neuer Kandidat für den posten des Michsfinanzministers.
Berlin, 23.3uni. (ERB.) wie wir erfahren, empfing Reichskanzler Dr. Brüning heule abend den Reichswirtschaftsminister Dietrich, um mit ihm über die Uebertragung des Reichvfinanzmini- steriums zu verhandeln. Eine Entscheidung wurde jedoch heute abend noch nicht getroffen, vielmehr wird die Frage der Befelzung des Reichssinanz- ministeciums in der morgigen Sitzung des Reichs- kabinetls weiter besprochen werden.
Ueber die Unterredung zwischen dem Reichskanzler Brüning und dem Reichswirlschaftsminlster Dietrich berichtet die „Voss. Ztg.": Dietrichs Plan einer Finanzsanierung weicht zum Teil von dem wolden- hauerfchen ab. während Dr. woldenhauer das eigentliche Etatsdesizit durch ein 4prozenliges Rol- opfer aller Beamten und Festangestellten decken wollte, was im wesentlichen auf eine Gehaltskürzung hinousgelausen wäre, hält Dietrich den von der preußischen Regierung im Reichsrat gemachten Vorschlag für günstiger, ein Rotopfer in höhe von 21 v. h. entsprechend dem Beitrag von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu der Arbeitslosenver- sicherung zu erheben und den kreis der von diesem Rotopfer Betroffenen zu beschränken. Der Ausfall, der sich aus dem abweichenden Vorschlag ergibt, soll zum Teil gedeckt werden durchgrößere Streichungen im Etat. Es würde sich um etwa 100 Millionen Mark handeln. Erwogen worden ist. ob als Ausgleich für dar sogenannte Rotopfer der Beamten ein Zuschlag zu jener Einkommen st euer erhoben werden könnte, die nicht aus Gehalt und Lohn flieht. Eine Rolle spielte in der Unterhaltung auch die Frage eines Ermächtigungsgesetzes, do» nicht generell gewährt, sondern unter bestimmten Voraussetzungen bewilligt werden soll. Die Regierung soll ermächtigt werden, innerhalb bestimmter Grenzen die Veckungsvorlage auf dem Verordnungswege zu erlassen. Unter dieser Voraussetzung wäre auch die Annahme des Ermächtigungsgesetzes er
leichtert, das es nicht einer versassungsändernden Zweidrittelmehrheit bedürfe.
Das „Berliner Tageblatt" hebt im Fettdruck hervor: Die demokratische Reichs tags- fraklion, die gleichfalls heute vormittag eine Sitzung abhält, wird sich durch eine etwaige Annahme des Finanzministeriums durch Dietrich in bezug auf die Finanzvorlagen nicht gebunden fühlen, sondern sich freie Hand wahren. Daran hat sie keinen Zweifel gelassen.
Die Forderung n der Volksp rlei
Berlin, 24. Juni. (TU.) Nach einem ergänzenden Bericht der „Berliner Börsenzeitung" zu der gestrigen Unterredung des Führers der Deutschen Balkspartei, Dr. Scholz, mit dem Reichskanzler, hat Dr. Scholz das Angebot, im Falle einer Berufung Dietrichs ins Finanzministerium das Wirtschaftsministerium zu übernehmen, abgelehnt. Nach dem gleichen Blatt verlautet, daß Dr. Scholz die entschiedene Abkehr vottdenbishcriaen Finanz Methoden gefordert und für den Fall, daß dieser Forderung nicht entsprochen würde, die Möglichkeit einer Zurückziehung auch des letzten noch im Kabinett verbliebenen Volksparteilers, des Reichsaußenminister Dr. Curtius, angedeutet haben soll. Aus der volksparteilichen Fraktionssitzung hört die „Börsenzeitung" weiter, daß für die DVP. eine Kürzung der Beamtengehälter bestenfalls nur im Rahmen einer allgemeinen effektiven Preis- und Lohnsenkung in Frage komme. Sollte eine sachliche Einigung auf der Grundlage der voltsparteilichen Jinanzvorschläge, zu deren Ausarbeitung die Fraktion noch einen besonderen Unterausschuß eingesetzt habe, Zustandekommen, so wäre, wie verlautet, die DVP-, wenn Dietrich ablehnen sollte, sogar bereit, den Fi - nanzminister zu ft c II e n. Sollte sich jedoch keine sachliche Einigung ermöglichen, sei mit einer weiteren Unterstützung des Kabinetts kaum zu rechnen. An den Beratungen der Fraktion nahm nach der „DAZ." auch Reichsaußenminister Dr. Curtius teil.
LandwMafisdebaiie im Reichstag.
Relchsernährungsmimster Or. Schiele über die Osthilfe.
Berlin, 24. Juni. (DDZ.) Auf der Tagesordnung de» Reichstag- steht die zweite Beratung de» iHaushalt» de- ReichS«rnährung»minist«riumS in Verbindung mit dem Milchgeseh und deip Wein- Heseh.
Reichsminister Or Gchiele
erklärte: Der Vermahlungszwang für deutscher Weizen habe sich bewährt, darum schlage die Regierung sein« Verlängerung vor. Beim Roggen gehe da- Bestreben der Regierung dahin, den Preis über das Riveau des Futtergetreides auf die Höhe eine- normalen Brotgetreidepreises zu heben. 3m kommenden Wirtschaftsjahre würden die Roggenvorräte aus alter Ernte infolge des günstigen Fortganges der Roggenverfüttcrung und der Steigerung deS menschlichen Roggenverbrauchs nur noch dem normalen Umfange eines normalen Monats- bedarfs entsprechen. Bei einer guten Ernte von 8,5 Millionen Tonnen würde die zu s ä h l i che Unterbringung von 1,5 Millionen
Tonnen Roggen notwendig werden. Hierfür stünden di« Steigerung des Roggenverbrauches durch die Mehrverfütterung infolge der Drosselung der Einfuhr landwirtschaftlichen Futter- aetreides und die Steigerung de» menschlichen Roagenverbraucht zur Verfügung. Der Minister kündigte eine Propagondaaktion zur organischen Umstellung der Betriebe auf verminderten Doggenanbau an.
Eine straffe Organisation der Kartoffeln verarbeitenden Gewerbe und die Ordnung der Speisekartoffelmärkte würden noch rechtzeitia vor der Ernte erfolgen. 3n der M i l ch w i r t s ch a f t sei die Regierung noch zollpolitisch gebunden, weshalb die Regelung der milchwirlschaftlichen Zölle mit Rachdruck und vordringlich betrieben werde. Beim Ostgeseh handelt es sich nicht um Dotationen oder Subventionen, sondern um die Aufrechterhaltung der nationale n und wirtschaftlichen Leöensba- s i s der ganzen Ration. Bei der Bedeutung der landwirtschaftlichen Siedlung für den Osten halt« sich die Regierung für verpflichtet, endlich
Harnack in Gießen.
Woriegesprochenbei derEröffnung der Gießener Theologischen Konferenz am 19. Juni 1930
von Gustav Krüger.
Für unsere Konferenz besteht besonderer Anlaß, des großen Gelehrten zu gedenken, der vor einigen Togen aus diesem Leben abgerufen worden ist. Gehörte er doch, neben Bernhard Stade, ihrem eigentlichen Gründer, zu den Männern, denen sie ihr Zustandekommen und ihre erste Blüte zu danken hat, und ist sein Name doch dauernd in feinem und unserem Gedächtnis mit Gießen verbunden gewesen.
Als Harnack, der 28jährige, zu Ostern 1879 fein Gießener Lehramt antrat, da hatte er keinen unbedeutenden Vorgänger zu ersetzen. Theodor Keim hat seinen Namen durch umfassende und vielgelesene Arbeiten auf dem Gebiet des Lebens Jesu und der alten Klrchenyeschichte in die Annalen unserer Wissenschaft eingegraben. Aber Keim war, als er von Zürich nach Gießen berufen wurde, ein kranker, ein siecher Mann und war nicht mehr in der Lage, auf Studenten und Pfarrerschaft einen tieferen Einfluß auszuüben. Der junge Gelehrte dagegen, der seinen Stuhl einnahm, war jugendfrisch und zu- kunftsfroh. In den wenigen Jahren feiner Leipziger Dozententätigkeit hatte er bereits einem Kreise wissenschaft-begeisterter Schüler den Stempel seiner Persönlichkeit aufgedrückt, und die theologische Welt horchte schon damals auf seinen Namen, ßieft man freilich in den Akten feiner Berufung die Worte im Vortrag von Kattenbufch: „Ueber feine schriftstellerischen Arbeiten zu reden, erscheint unter Theologen fast überflüssig", so mag einem solches Urteil angesichts d'es damals von Harnack Veröffentlichten sehr hoch gegriffen erscheinen: ein paar Arbeiten zur Gnosis, ein paar Beiträge zur Ueberüeferung der sog. Apostolischen Väter, vor allem eine Ausgabe von deren Schriften, das ist alles. Aber richtig ist: mit jeder dieser Arbeiten hatte der Gelehrte irgendwie in eine neue Kerbe geschlagen. Männer wie Lipsius, Hilgenfeld, Overbeck merkten, daß hier eine hervorragende Begabung am Werke war.
So kam er nach Gießen. Wir, die wir damals zu seinen Füßen sahen — es sind freilich nicht mehr allzu viele davon am Leben —, wir wissen, was mir an ihm gehabt haben. Hier war etwas, was in besonderer Weise Flamme sand und zündete. Mit einem Worte sei's gesagt: Es war keine antiquarische Wissenschaft. Gewiß, es war Wissenschaft um
der Wissenschaft willen, und nichts konnte uns, zumal die wissenschaftlich Arbeitenden unter uns, mehr erregen, als wenn man unserem Lehrer vorwarf, daß er bei seinen Veröffentlichungen von apologetischen Nebengedanken beeinflußt werde. Freilich setzten ihn seine Arbeiten bald dem kirch- lidjen Kreuzfeuer aus. Denn im Mittelpunkt auch seiner Lehrtätigkeit standen schon in seiner Gießener Zeit die Bemühungen um eine gereinigte Erkenntnis von Wert und Unwert des kirchlichen Dogmas. Immer wieder hat er uns einzuprägen verstanden, was die. Hauptsache sei: „Fleißiges Studium der Dogmengeschichte und der Symbolik, damit ein wirkliches Verständnis wie für den ursprünglichen Sinn der Bekenntnisse so für die Geschichte der Wandlung ihres Verständnisses — ost bis zu einem ganz neuen Sinn — erworben wird, und damit man sich auch in scheinbar oder wirklich fremde Anschauungen zu finden lerne und ihnen den Wahrheitsgehalt abzugewinnen versuche". Wer diese und ähnliche Worte in sich ausgenommen hat, der ist lebenslang gefeit geblieben gegen den Radikalismus von links und rechts, gegen den Unverstand eines wilbgewor- dcnen Liberalismus, für den mit dem Mantel auch der Herzog, mit der altkirchlichen Bekenntnisformel auch der christliche Glaube dahinsank, wie gegen den Engsinn einer öden Orthodoxie, der nicht verstehen will, daß nicht das Dogma die Geschichte meistern soll, sondern diese berufen ist, auch über das Dogma zu richten.
Harnacks erstes großes Werk, mit dem sein Name für alle Zeiten verknüpft fein wird, fein „Lehrbuch der D o g m e n g e f d) i d) t e" ist in Gießen niebergefchrieben worden. Es führte den Nachweis, daß das Dogma in seiner kirchlichen Ausgestaltung einer überwundenen Epoche angehört, und dieser Nachweis hat durchgeschlagen, er hat befreiend gewirkt und Ungezählten die bisher gehaltenen Augen ausgetan. Als Jahrzehnte später die Vertreter der sog. religionsgeschichtlichen Schule es unternahmen, mit gerade auch durch Harnacks Arbeit geschärftem Blick die Originalität altchristlicher Glaubensvorstel- lungen und Gedankenbildungen gegenüber denen der h«ll«niftifchen Umwelt nachzuprüfen, hat Harnack dem oft ungestümen Drängen gegenüber einen zurückhaltenden Standpunkt eingenommen. Und wiederum fahndete man bei ihm nach dem apologetischen Sauerteig. Damals erinnerte er mich brieflich daran, daß er einen anderen Standpunkt als den wissenschaftlichen niemals in feinem Leben begriffen habe, und fügte hinzu: „Eben deshalb oergelfe ich es wohl, daß minder freie Geister religiöse Angriffe, Denunziationen und dergleichen Häßliches wittern,
von dem meine Seele nichts weiß ... Das Ganze ist ein rein wissenschaftlicher Kampf, und ich bin gar nicht imstande, ihn anders zu empfinden ober zu betreiben. Ader nicht nur die Religion, sondern auch die simple Wahrheit im kleinsten, so wie man sie erkennt, hat ein Recht, mit heiligem Eifer verteidigt zu werden."
Nur sieben Jahre hat ihn Gießen den seinen nennen dürfen. Dann riefen ihn größere Aufgaben in einen größeren Wirkungskreis. Er hat später mir gegenüber diese Gießener Zeit als eine „idyllische" gerühmt. Jedenfalls hat er ihrer lebenslang in Dankbarkeit gedacht. Als er den dritten Band seiner „Dogmengeschichte", schon in Berlin, vollendet hatte, widmete er ihn der Gießener Fakultät und dem Predigerseminar in Friedberg, mit dessen verdientem Direktor Diegel ihn freundschaftliche Hochachtung verband. In seinem Widmungsschreiben bat er, bas Werk aufzunehmen als Denkmal einer ihm unvergeßlichen Zeit. „Ich gehöre nicht zu ben Sentimentalen; aber es überkommt mich immer eine Rührung, wenn ich der Zeit unseres Zusammenwirkens gedenke, und ich preise es als ein« herrliche Fügung, baß ich in ben Jahren, in benen sich die wissenschaftlichen und die Lebensanschauungen festigen, in Ihrem Kreise gestanden habe."
Wir aber, die wir hier versammelt sind zu ernster Arbeit im Rahmen dessen, was er einst hat schaffen helfen, erfüllen eine gern geübte Pflicht, wenn wir des Heimgegangenen in Treue und Dankbarkeit gedenken.
Der deutsch-evangelische Kirchenbundesrat.
A u g s b u r g, 23. 3uni. (TU.) Am Montagfrüh trat im Rathaus unter dem Vorsitz von Kirchen- präsident O. D ei t (München) der deutsch-evan- aelische Kirchenbundesrat unter fast vollständiger Beteiligung seiner etwa 50 Mitglieder zusammen. Der Kirchenbundesrat ist das Organ der Kirchenregierungen im DeutschenK^chen- bund, der er in wichtigsten gemeinsamen Fragen berät, während der Kirchentag, der am kommenden Donnerstag in "Nürnberg zusammen tritt, die oberste Vertretung des Kirchenvolkes darstellt. Kirchenbunde-rat und Kirchentag bilden zusammen die gesetzgebenden 3nstanzen des Kirchen- bundeS. Der Kirchenbundesrat setzt sich zusammen au» dem Präsidenten und Vizepräsidenten der Kirchenregierungen und Obersten Verwaltungs
behörden der 28 deutschen Landeskirchen. Die am Montag geführten Beratungen galten insbesondere der Kirchenversorgung für das evangelische Auslaxcdsdeutschturn und der wichtigen Frage der Behandlung der aus der Kirche Ausgetretenen. Für diese letztgenannte Frage sollen gemeinsame Richtlinien ausgearbeitet werden als Grundlage für eine möglichst einheitliche Regelung in den einzelnen Landeskirchen. Ferner beriet der Kirchenbundesrat den Hanshaltsplan des Kirchenbundes für die nächsten drei 3ahre, über den dann auch der Kirchentag in Dürnberg zu beschließen haben wird.
Das Guienbergfest in Mainz
Mainz, 22. 3uni. (TU.) Am Samstag und Sonntag stand Mainz im Zeichen eines Festes seines größten Sohnes, 3ohannes Gutenberg. Am Johannistag wurde auch in diesem 3ahre wieder das traditionelle Gutenbergfest veranstaltet. Am Samstagabend versammelten sich die Mitglieder des Deutschen Duchdruckervereins auf dein festlich beleuchteten Platz vor dem Gutenberg-Denkmal. Rach Musikvorträgen sprach der Vorsitzende des Deutschen Buchdruckervereins von Hessen und Hefsen-Rassau, Buchdruckereibesitzer O st e r r i e t h (Frankfurt a. M.), über die Bedeutung von 3ohannes Gutenberg für die heutige Zeit. Am Sonntag fand die Generalversammlung der 3nternationalen Gutenberg-Gesellschaft statt. Sie wurde durch den Vorsitzenden der Gesellschaft, Oberbürgermeister Dr. Külb (Mainz), eröffnet, der eine an f ebn liebe Zahl von Besuchern aus allen deutschen Städten und aus dem Auslande begrüßen konnte. — Auch in diesem 3ahr wurde wieder das 3ahrbuch der Gutenberg-Gesellschaft überreicht. Geheimrat Häberle (Leipzig) hielt den Festvortrag über die Anfänge der Buchdruckerkunst. Aus dem Geschäftsbericht der Gesellschaft ging hervor, daß die Mitgliederzahl wieder gestiegen ist und ein bedeutender Zugang aus dem Ausland au verzeichnen war. Die Frage der Errichtung oes Weltmuseums für Buchdruckerkunst wurde sehr lebhaft erörtert. Ein Ausruf des Deutschen Buchdrucker- Vereins ersucht die Reichsregierung, alles zu tun. damit baldmöglichst in der Gutenbergstadt Mainz das Weltmuseum für Druckkunst eröffnet werden kann.


