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Ur. 95 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

vonnerstag, 24. April (930

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LI- der französische Außenminister B r i a n d im September vorigen Jahres auf der Völkerbundsver- «ammlung in Genf seine Rede über die Dereinia- t(n Staaten von Europa von Stapel ließ, gfurbe vielfach behauptet, es handle sich um einen -er vielen geistreichen Einfälle Driands. Diese Auf «osiung setzte sich um so mehr durch, als Briands Aede das Problem nur in großen Zügen abtastete, |u daß es jedermann überlassen blieb, sich selbst einen Ders daraus zu machen. Tatsächlich aber war es nicht einer der geistreichen Einfälle des franzö. fischen Außenministers, sondern der sorgfältig ausgeklügelteSchachzugeinesStaats- mannes, der wie kaum ein anderer der Voll ftrecker der französischen 'Jlationalpolitif ist. Diese nationale Politik will, auf die kürzeste Formel ge bracht, die in den Versailler Verträgen paraphierte Beute für Frankreich gegen jeden An­griff sichern, ganz einerlei, ob es sich um Angrisfe mllitärischdr, oder politischer Natur handle. Dos hat sich auch bei dem Dreimonatsgespräch über die Flot­tenabrüstung in London gezeigt, wo Frankreich sich hartnäckig weigerte, irgendwelche Zugeständnisse zu machen, es sei denn, daß alle Großmächte einen feierlichen Vertrag schlössen, in dem sie Frankreichs Sicherheit gewährleisteten. Die französische öffentliche Meinung hat sich nicht viel aus dem Vorwurf ge­macht, daß es eigentlich Frankreichs Macht politik sei, die die Schuld daran trage, daß in London nichts Wirksames in Sachen der Flottenab- rüstung geschehen sei; wohl nicht ohne Zutun vom Quai d'Orsay, macht die französische Presse daraus aufmerksam, daß Englands Seerüstung noch immer so beschaffen sei, um jeden Angriff zu Wasser und zu Lande abwehren zu können. In der Tat, auch der Haushaltsvoranschlag der Labour-Regierung rüttelt nicht an den 2,2 Milliarden Mark für 5)ecr und Marine. Frankreich Hotnur" 1,5 Milliarden Mark für Rüstungszwecke in den Haushalt einge- stellt, so daß es scheinbar durchaus berechtigt ist, den Briten den Vorwurf der nationalen Machtpolitik um jeden Preis zurückzugeben.

Solange England die überlegene Flotte besitzt, bleibt es unangreifbar, während Frankreich noch französischer Auffassung nach wie vor der Umklam­merung durch seine Gegner preisgegeben sei. Der Völkerbund ist für Frankreich nur ein unzu­längliches Schutzmittel, da ihm nicht die Pflicht auferlegt ist, Frankreichs Grenzen und Inter­essenzonen gegen 'eben Angriff zu sichern. Auch der Locarnooertrag ist ebenso wie der Kel - 1 o g g p a k t kein wirksamer Schutz, denn sie sichern Frankreichs Grenzen nur im Westen, während das französische Sicherheitssystem die durch die Versail­ler Gewattoerträae in Europa geschaffenen Grenzen für den Schutz Frankreichs mit einbezieht. Um es deutlich zu sagen: Frankreich, dessen Wortführer tn diesem Falle Briand ist, will entweder durch mili­tärische Machtmittel, oder aber durch Schieds- und Sicherheitsverträge dasunmöglicheStaaten- gefüge in Osteuropa unangreifbar machen. Der französische Nationalismus lebt in der Vorstellung, daß die politische und wirtschaftliche Entwicklung in absehbarer Zeit Deutschland Bun­desgenossen an die Seite führen werde, sei es Ita­lien ober Sowjetrußland. Aus dieser Furcht her­aus hat sich Briand in London hartnäckig geweigert, Italien den Flottenraum zuzugestehen, den Frank- reich im Mittelmeer selbst für sich beansprucht.

Hier sollen nun dieVereinigten Staaten von Europa" nachhelfen. Briand hat nicht ohne Geschick auf die wirtschaftliche Zerrissenheit Europas hingewiesen, vor allem darauf, daß sich die Staaten durch hohe Zollmauern das Leben und Gedeihen einander schwer machen. Damit hat Briand an sich nicht so unrecht, wenn er auch immer wieder ver­gißt, daß die Schutzzollpolitik Europas vor allem durch die Handels- und Zollpolitik Frankreichs den stärksten Auftrieb erfahren hat. Kein Land Europas ist mit so hohen Schutzzollmauern umgeben, wie Frankreich. Kein Land ist so unnachgiebig in der Wandlung dieses Systems, wie wieder Frankreich. Was das größte Hindernis ist: die zoll poli­

tische Einigung Europas soll nach franzö­sischer Austastung nicht über das Mittel- meer hinausgreifen, also vor allem nicht das französische Kolonialreich in Nord- und Mittel- afrika umfassen. Das für den französischen Natio­nalismus wenig befriedigende Ergebnis der Lon­doner Flottenkonferenz ist nun für Briand Seron- lastung, das Problem derVereinigten Staaten von Europa" neuerdings aufzurollen. Der französische Außenminister weiß, daß die politische Einigung Europas gerade wegen des französischen Nationalis­mus in weitem Felde liegt. Wenn sich Briand mit einem Ziel begnügt, das scheinbar näher liegt und erreichbar ist, so entspricht gerade das der fran­zösischen Auffassung, durch wechselseitige Vertrage die Beute von Versailles zu sichern. Sehr geschickt stellt Briand in den Vor­dergrund, daß alle europäischen Länder ein großes

Intereste an einer wirtschaftlichen Verständigung hätten, auch die, die mit dem politischen Status aus Grund der Versailler Verträge nicht zufrieden seien. Briand rechnet offenbar damit, daß ein europäisches Zollbündnis so starke wirtschaftliche Verflechtungen schassen könnte, daß, wenn nicht jedes einzelne Land, so doch sicher die große Mehrheit der Staaten eine politische Verschiebung der Grenzen nicht mehr zulassen würde. Damit hätte dann Frankreich auf Umwegen die dauernde Befriedung Europas auf Grund der Versailler Verträge erreicht, damit aber auch die dauernde Vorherrschaft Frank­reichs, gegen die sich kein Land, auch nicht durch Bündnisse mit anderen Ländern, erheben könnte. Es ist nützlich, Briand rechtzeitig darauf aufmerk­sam zu machen, daß die Wirtschaftseknheit Europas die gleichmäßige Verteilung der Lasten des per- lorenen Krieges ooraussetzt.

OerInhatt desLondonerDerirages

Der Londoner Fünf Mächtevertrag Teil III ist vorläufig nur von den Vertretern Amerikas, Englands und Japans unterzeichnet worden.

Teil I (Artikell bis 5) betrifft den Ver­zicht auf den Ersah der Panzerschiffe während der Jahre 1931 bis 1936 mit der Son­derbestimmung, daß Frankreich und Italien die Ersahbauten vornehmen dürfen, zu denen sie nach dem Washingtoner Vertrag in den Jahren 1927 und 1929 berechtigt waren.

Teil 11 (Artikel 6 bis 13) bezieht sich auf die Regeln der Festsetzung derStandard- Wafserverdrängu ng" und verzeichnet die bereits bekannte Einschränkung der Ton­nage und der Ausrüstung von A-Boo- t e n (Höchstgrenze 20C0 Tonnen, höchstes ®e- schühkallber 13 Zentimeter), mit der Ausnahme­bestimmung, daß jede Macht drei H-Boote bis zu 2800 Tonnen mit einem Geschühkaliber von höchstens 15,5 Zentimeter haben darf. Dieser Teil hat drei Anhänge, von denen der erste die Regeln für den Ersah und der zweite die Regeln für die Anbrauchbarkeit von Kriegsschiffen ent­hält. Der dritte Anhang zählt die Spczial- schisse auf.

Teil III (Artikel 14 bis 21) enthält die nur von den drei Mächten Amerika, England und Japan zu unterzeichnende Vereinbarung, die sich auf die Begrenzung der Kreuzer, Zer- (toter und A - Boote bezieht und in allen wesentlichen Einzelheiten bekannt ist. Dieser an technischen Einzelheiten reiche Teil wird abge­schlossen durch Artikel 21 (die sog. Sicherheits­klausel).

Teil IV (Artikel 22) umfaßt die neue völker­rechtliche Regelung der Behandlung von Kauffahrteischiffen durch A »Boote und auch durch andere Kriegsschiffe und schließt mit den Worten: »Die hohen vertragschließenden Teile laden alle anderen Mächte ein, ihre Zu­stimmung zu den obenangeführten Regeln zum Ausdruck zu bringen."

Teil V (Artikel 23 bis 26) besagt u. a., daß der Vertrag bis zum 31.Dezember 1 9 3 6 in Kraft bleiben soll, außer Teil IV, der auf unbegrenzte Zeit gültig bleibt. Weiter heißt es: Wenn die hohen vertragschließenden Teile sich nicht auf Grund eines allgemeinen Abkommens über Be­grenzung der Seerüstungen, dem sie alle bei­treten, anders entscheiden, werden sie im Jahre 1 935 eine Konferenz abhalten, um einen

Die Schlußsitzung im Königin-Anna-Saal des St.-James-Palastes: Macdonald (X) bei der Schlußansprache der Londoner Flottenkonferenz.

Der neue Vorsitzende desVunde- znr Erneuerung des Reichs".

Graf von Roedern, der frühere Staatssekretär im Reichsschatzamt, wurde an Stelle des Reichsbank­präsidenten Luther, der infolge feiner Amtsver- Pflichtungen den Vorsitz niederlegen mußte, zum neuen Vorsitzenden desBundes zur Gmeuenmg des Reichs" gewählt.

neuen Vertrag zu entwerfen, der den gegen­wärtigen Vertrag ersehen und seine Ziele aus­führen soll. Artikel 25 bestimmt, daß nach Rieder­legung der Ratifikationen die britische Regierung allen außerhalb des Vertrages stehenden Mäch­ten den Teil IV bekanntgeben und sie einladen soll, ihre Zustimmung dazu aus unbegrenzte Zeit zu erklären.

Interessant ist an dem Londoner Vertrag die Tatsache, daß in seiner Einleitungsformel weder der KelloggPakt, noch die Völkerbund s- s a h u n g erwähnt werden. Die Formel nimmt lediglich Bezug auf den Washingtoner Ab- rüstungSvertrag von 1922. Man hat hier notge­drungen ein Kompromiß gewählt, das auf die französische Forderung zurückzuführen ist, der Völkerbundspakt müsse in der Einleitung er­wähnt werden, falls Amerika den Kelloggvertrag in die Formel ausgenommen wissen wolle. Da amerikanischerfeitS daraufhin auf die Erwähnung des KelloggpakteS verzichtet wurde, kam auch eine Berufung auf die Dölkerbundssatzung in Fortfall. Damit hat man also bei eineni der wichtigsten Verträge der Rachkriegs­zeit auf die Erwähnung zweier grund­legender Abmachungen, die sich aus Aech« tunfl des Kriege- beziehen, Verzicht geleistet.

Besondere Beachtung in dem Dertragsweick verdient die sog. Revisions- oder Vorbehalts- klausel tn Artikel 21, die bestimmt, daß Eng­land, wenn eS sich durch Frankreich bedroht fühlt, lediglich den beiden übrigen Teilnehmern am Drei-Mächto-Pakt von dieser Tat­sache Mitteilung zu machen braucht, daß also die japanische und amerikanische Zustimmung nicht notwendig ist. Eng- Icrnd muß lediglich den beiden anderen Staaten mitteüen, wieviele Schiffe es über die Abmachun­gen hinaus bauen will, um den Ausgleich gegen­über einer französischen Bedrohung zu schaffen. Japan und Amerika werden sich in jedem Falle in Verbindung setzen und entscheiden, in welchem Maße die englischen Reubauten die beiderseitigen Flottenbauprogramme beeinflussen.

Im großen und ganzen stellen die Londoner Vereinbarungen eine Reihe von Kompro­missen dar, die nach endlosen, monatelangen Verhandlungen zustandekamen. Die Konferenz, die mit so viel Geräusch auf gezogen wurde, hat erneut gezeigt, daß die Mächte, die im Gegen­

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Begegnung.

Von Richard Huelsenbeck.

Gerhard Kleemann, sechsundvierzig Jahre alt, Inhaber eines elektrisch-mechanischen Geschäfts in Berlin-Moabit bekam eines Tages einen Brief aus 6t Moritz, der ihn und seine Frau in große Aufregung versetzte. Der Brief war unterzeichnet von einem Mann namens CH. Bryan, einer Person, die Kleemann weder persönlich noch vom Hörensagen kannte. Der biedere Meister, der im Kreise seiner Familie ohne besondere Aufregung dahinlebte, wurde von dem unbe­kannten §erru an ein Schisssunglück erinnert, das vor zehn Jahren an der amerikanischen Küste stattgefunden hatte. Kleemann, der damals, turx nach dem Kriege, einen vergeblichen Versuch machte, sich in Amerika eine Existenz zu gründen, wurde ganz wider seinen Wlllen und seine etwas phlegmatische Ratur an die einzelnen Stadien des Unglücks erinnert, hundertundfünfzig Per­sonen hatten ihr Leben verloren, und Kleemann selbst war nur durch ein Wunder dem Tode entkommen. In dem Augenblick, als die großen Schiffsaufbauten, der Salon und die Kommando­brücke von den Brechern zertrümmert wurden, und das Vorderschiff schon in die Wellen tauchte, sprang er über die Reling und klammerte sich an ein Rettungsboot, das versuchte, von dem Wrack sreizukomrnen. Kleemann krampfte die klammen Hände um den Dootsrand, er wollte sich Hochziehen, wurde aber zurückgestohen. Als er schon fast oben war, erhielt er von einem Mann, an dessen verzerrtes Gesicht er sich genau erinnerte, einen Faustschlag ins Gesicht, muhte loslassen und versank. Rach Stunden bewußtlosen Halbtodes wurde Kleemann von den Mann­schaften eines zu Hllfe geeilten Dampfers gerettet

Alle diese Einzelheiten wurden dem Weister wieder vor Augen geführt Die Darstellung in

Brief war so anschaulich und richtig, als wenn während der Stunden des Unglücks eine -weite Person neben ihm gestanden, mit ihm hm- obgesprungen, um den Bootsplah gekämpft und wit versunken wäre. Das Erstaunen Kleemanns vergrößerte sich, er las mit lauter Stimme, er begann wie ein Schauspieler einzelne Worte und Sätze mit Gesten zu unterstreichen. Die Erregung steigerte sich zum Schrecken, als sich heraus- Reilte, daß dieser Herr CH. Bryan der Sekretär bes Mannes war, der Kleemann damals den Faustfchlag versetzt hatte, und nun den Wunsch äußerte, ihn zu sehen. Das tun? Kleernarm

mochte an die damalige Zeit, die für ihn sehr ungünstig geworden war, nicht zurückdenken. Er lebte jetzt ziemlich behaglich, hatte eine Reihe Angestellter, denen er ein vernünftiger Dör- gesehter war, er verstand heute nicht, was ihn veranlaßt hatte, nach Amerika zu gehen. Das Schiffsunglück lebte in seinem Gehirn wie eine Schickung Gottes. Der Tod hatte ihn fast gehascht. War das eine Strafe? Gleichgültig! Man rettete ihn, nackt, bloß, arm Er begann im alten Vater­land ein neues Leben, und nun gings ihm gut. Kleemann wollte nicht zurückseheN, er konnte sein Herz drehen und wenden, er fand nicht eine Spur des Hasses gegen den Mann, der ihm da­mals am Bootsrand ins Gesicht schlug. Die ver­nünftige Ordnung seiner jetzigen Lage gab ihm eine nachsichtige Weltanschauung ein. Dieser Mann, der ihn vom Boot herunterstietz, hatte ja auch nur um sein Leben gekämpft, das Schicksal rettete sie beide, niemand soll der Vor­sehung in den Arm fallen. Jede Auseinander­setzung darüber erübrigt sich.

Ein zweiter Brief regte Kleemann, der schon an seine Alltagsgeschäfte dachte, von neuem auf. CH. Bryan schrieb Einzelheiten. Herr Annixter, ein amerikanischer Millionär, habe seit Jahren zu Gemütserkrankungen geneigt, seit einiger Zeit sei in ihm das Bewußtsein, damals eine große Schuld auf sich geladen zu haben, so stark ge­worden, daß die Aerzte Befürchtungen für seinen Verstand hätten. Kleemann wurde dringend ge­beten, ins Souvretta-Haus nach St. Moritz zu kommen, alle Kosten sollten ifjm ersetzt werden. Die Hemmungen, die ein Mann wie Kleemann gegen Reisen hat, die ihn in eine unbekannte Atmosphäre versetzten (Millionäre waren für iyn Märchengestalten aus einer anderen Welt) wür­den ihm wahrscheinlich dahin gebracht haben, Herrn Ch. Bryan eine Absage zu schicken, wenn nicht Kleemanns Frau gewesen wäre. Sie begriff, daß es hier etwas zu verdienen gab, sie machte dem Mann Har, daß er bei einiger Geschicklichkeit den Millionär um so viel Geld erleichtern könnte wie dieser seine Schuld einschätzte. Daß das keine Heine Schuld war, schien unausgesprochen hinter den Zeilen des Sekretärs zu stehen.Diese Leute rechnen doch alles nur in Dollars aus" sagte Frau Kleemann mit einer Treffsicherheit, die ihren Mann in Erstaunen setzte. Er sträubte sich noch ein wenig, packte dann seinen Koffer, löste sich ein Bi sie t dritter Klasse unb fuhr nach St. Moritz.

Er wurde am Bahnhof sofort von Ch. Bryan in Empfang genommen, der ein Menschenkenner war und deutsche Handwerker sofort von anderen

Reisenden unterscheiden konnte. Kleemann bekam ein Zimmer im Souvretta-Haus, die ungewohnte Eleganz, besonders aber die hochmütigen und ab­weisenden Gesichter der Damen versetzten ihn in einen Zustand der Verärgerung. Er beschloß, auf diese Richtstuer" keinerlei Rücksicht mehr zu nehmen, er, wie er es gewohnt war, mit der Messerschneide, und spuckte, wenn er es für richtig hielt, krachend auf die glatten Dielen. Es folgte eine Unterredung mit Ch. Bryan und einem Arzt. Kleemann wurde gebeten, bei der kommenden Begegnung schonend mit 2Innifter zu verfahren. Kleemann beteuerte, er hege keinerlei Haß gegen den Millionär, der sich damals wie jeder andere seiner Haut gewehrt habe. Bryan schüttelte dem Meister so dankbar die Hand, daß -dieser für einen Augenblick seine Abneigung gegen den bebrillten Sefretär vergaß Don Geld wurde nicht gesprochen. Der Wann aus Moabit fühlte sich in einer wichtigen Rolle, er begann, sich an seine Umgebung zu gewöhnen.

Die Begegnung mit Annixter, von der die Aerzte so viel erhofften, sollte am folgenden Tag stattfinden, wurde aber abgesagt, da, wie Bryan mitteilte, der Millionär sich wenig wohlfühle. Kleemann wußte nicht, daß der Mann im Doot von einem der Tobsuchtsanfälle heimgesucht wor­den war, die sich seit einiger Zeit häuften.

An einem Dienstagabend geschah dann das große Ereignis. Kleemann, in Begleitung Ch. Bryans, trat in ein halbdunkles Zimmer, aus dem sich nach einiger Zeit eine Gestalt im Pijama löste: Herr Annixter. Reben Annixter saßen zwei ungewöhnlich muskulös aussehende Herren. Kleemann erfuhr später, daß das Krankenwärter gewesen waren. Wenn Anuixter aufstand, er­hoben sich die Muskulösen auch, sie verfolgten jede seiner Bewegungen mit Argusaugen und machten sich gegenseitig. Zeichen. Kleemann war von dem Ungewohnten des Ereignisses stark er­griffen und stand auf einem Fleck in der Rahe der Tür. Annirter begann mit erhobener Stimme zu reden. Er habe durch seine Sekretäre lange nach Kleemann suchen lassen, bis er ihn dann tn Berlin-Moabit entdeckt hätte.

Ich kann das nicht vergessen, ich habe Sie umgebracht, ich schlug Ihnen mit der Faust ins Gesicht, ich sah wie Sie versanken. Das verfolgt mich in meinen Schlaf, ich kann nachts nicht atmen. Ich habe Sie hierherkommen lassen, um alles wieder gut zu machen ..."

Kleemann wehrte bescheiden ab, aber Annixter sprach schon Wetter. Sein Pathos wurde immer lauter und eindringlicher. Er habe hin und her überlegt, wie er leine Schuld abtrageu könne, äi

sei ein reicher Mann, sogar ein sehr reicher Mann. Er wolle Kleemann zu seinem Universal­erben einsehen und, um speziell den Faustschlag zu vergüten, ihm gleich heute eine Summe von hunderttausend Dollar überweisen.

Wo ist mein Scheckbuch? ..brüllte der Mann.

Kleemann wurde von einem siedend heißen Gefühl durchlaufen. Das hatte selbst seine kluge Frau nicht vorausgesehen. Annixter riß ein Stück Papier aus seiner Iackettasche und über­reichte es Kleemann. Plötzlich stürzten sich die Muskulösen auf den Millionär, hielten ihm die Hände auf dem Rücken fest und zwangen ihn in einen Sitz, der links und rechts zwei Holz- wände hatte und offenbar besonders für den Kranken gebaut worden war.

Was fällt Ihnen denn ein? schrie Kleemann empört. Sein gutmütiges Herz konnte sich das nicht länger gefallen lassen.Dieser Mann ist nicht mein Feind, sondern mein Wohltäter ...

Schon gut, sagte Bryan,kommen Sic nur mit heraus, Herr Kleemann." Auf dem Gang riß sich Kleemann von Bryan los, er wollte jetzt von demBebrillten keine Erklärungen. Der arme Millionär! Das war ein Leben. Ra, er würde sich die Sache anders einzurichten, wenn er ... Das siedend heiße Gefühl kam wieder. Er stürzte ins Foyer hinab. Wo ist der Hut? Egal, jetzt an die Luft. Kleemann rannte durch die Dorf- strahen, Eingeborene und Gäste sahen erstaunt Hinte» ihm her. Auf der Post fiel er durch sein Gemurmel auf. Der Postmeister, der das Tele­gramm nach Berlin-Moabit annahm, dachte: Dorsicht ... der hat einen Klaps ...

Wir sind Millionäre. Komme übermorgen. Gerhard." So, das genügte. Zurück ins Hotel. Cs war empörend, wie kranke Wlllionäre be­handelt wurden. Kleemann würde dafür sorgen, daß sich das änderte, wenn er im Besitz des Geldes war.

Bryan kam ihm auf der Treppe entgegen. Er lächelte.

Sie haben sich etwas aufgeregt, Herr Klee­mann. Es ist kein Grund dafür vorhanden. Der Arzt sieht ein, daß Annixter hoffnungslos er­krankt ist, diese Begegnung war ein Mißgriff. Gott, was wird bei Millionären nicht alles ver ucht, nicht wahr? ... Ihre Reise- und Aufent­haltskosten werden natürlich von uns getragen ...

Unb meine hunderttausend Dollar? ..."

Bryan brach in ein schallendes Gelächter aus.

Das ist doch alles Unfinn ... Herr Annixter steht schon seit einem Jahr unter Kuratel « kann über keinerlei Geld verfügen