Ausgabe 
24.1.1930
 
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Nr.20 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Hreitag, 2'.Januar (950

Moldenhauers nächste Ausgabe.

Der neue Reichsfinanzminister Professor Dr. M o l d e n h a u e r, der durch die entschiedene Geschicklichkeit seiner Haager Verhandlungsfüh- rung so vorteilhaft gegen seinen Vorgänger Dr. Hilfurding absticht und sich deshalb auch sehr raich starke Sympathien in der deutschen Oefsent- Uchkcit erworben hat, steht nach seiner Rückkehr vor einer Aufgabe, die kaum minder schwer sein wird als die Haager Konferenz. Der Rahmenetat des Reiches ist zwar längst festgestcllt worden. Er wird jetzt nach Beendigung der Haager Verhandlungen aber sehr rasch in feinen Einzelheiten ausgearbeitct werden müssen, und er wird vor allem mit den Forderungen und Bedürfnissen der Länder in Einklang zu bringen sein. Hier aber liegt Wohl das schwie­rigste Problem vor. Denn außer Preußen, das seinen neuen Haushalt bereits auf der Basis des äleberwcisungsso'.ls des laufenden Rechnungs­jahres aufgestellt hat, ist noch kein anderes Land in der Lage gewesen, seine Etatarbeiten so weit zu fördern. Das liegt vor allem daran, daß alle deutschen Ander in den letzten Jahren eine immer mehr steigende Schuldenlast haben übernehmen müssen, weil ihr eigenes Steueraufkommen zusammen mit den äleberwei- sungsbeträgcn des Reiches nicht langte, um die ständig wachsenden Ausgaben abzudecken. Um welche Beträge es sich dabei handelt, mag man daraus ersehen, daß ein kleines Land wie Thüringen seinen Voranschlag für 1930 mit einem Defizit von 16,5 Millionen Mark ab- schließen muß, zu denen dann noch der ungedeckte Fehlbetrag des laufenden Rechnungsjahres zu­sammen mit den Vorjahren in Höhe von rund 24 Millionen Mark kommt. Dabei ist das Land bereits mit einer schwebenden Schuld von 55 Mil­lionen belastet.

Aehnlich sieht es und das ist vielleicht be­sonders symptomatisch auch in den großen deutschen Hansestädten aus. Bisher erfreuten sich gerade Hamburg und Bremen wegen ihrer eigentümlichen Stellung als Stadtstaaten und infolge der besonderen Steuerkraft ihrer Bevölkerung immer der besten Finairzen. Auch sie haben aber diesmal Defizitetats aufstellen müssen, und es ist zu befürchten, daß die Ent- Wicklung nach dieser Dichtung hin noch weiter­gehen wird. Die starke Verschuldung der kleineren Länder, so vor allem von Braunschweig und Mecklenburg, darf als hinreichend be­kannt vorausgesetzt werden. Sie ist ja überall einer der stärksten Impulse für den immer wieder diskutierten Anschluß an Preußen. Mit dieser Situation also wird sich Moldenhaucr alsbald nach seiner Rückkehr zu beschäftigen haben, und man darf wohl annehmen, daß er so bald als möglich die Finanzminister der Länder nach Ber­lin berufen wird, um gemeinsam mit ihnen einen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten zu finden.

Dabei mußvon vornherein mit scharfen Attacken von der Länderscite her gegen das vom Reichs­tag gebilligte Finanzreformprogramm der Reichsregierung gerechnet werden. Tatsächlich greifen alle die Maßnahmen, die das Parlament acht Tage vor dem Sturz Hilfcrdings billigte, ja tief in die finanziellen Interessen der deutschen Gliedstaaten. Es sei nur beispielsweise an den vorgesehenen schematischen Abbau der Ge­werbe st euern und an die Erhöhung des steuerfreien Existenzminimums bei der Einkommen st euer erinnert, die die Länder schon jetzt in Harnisch gebracht haben. Es hat aber vielleicht wenig Zweck, sich jetzt noch den Kopf über diese Dinge zu zerbrechen, da ja allein durch das Gesetz über die Schaffung eines Schuldentilgungsfonds für das Reich neue Maßnahmen notwendig geworden sind. Denn der Schuldenlilgungsfonds muß immerhin im Laufe eines einzigen Rechnungs­jahres mit etwa 450 Millionen Mark dotiert werden. Wir lassen keinen Zweifel darüber, daß damit unseres Erachtens nicht zugleich ein Der-

Das vergessene Briefmarkenalbum.

Von Friedrich Schnack.

Tief, im untersten Fach eines Schrankes, unter vergilbten Zeitschriften, Schulheften und entwerteten Büchern lag es, das alte Briefmarkenalbum, und schlief. Aber die Toten stehen auf und kommen ans Licht: so auch das vergessene Briefmarkenalbum. Beim Stöbern und dem Jüngsten Gericht, das ich über die aufgehäufte Makulatur abhielt, kam es aus feiner Verborgenheit hervor, und da liegt es nun auf dem Tisch und hat einen muffigen Geruch an sich. Der braune Kalikobeckel ist abgegriffen und halb eingerissen, verkratzt und verschossen, die Ecken sind abgestoßen und der Beschnitt angegilbt. Ich erinnere mich plötzlich ganz genau: als es zugeklappt und weggeräumt wurde, war die Knabenzeit zu Ende. Draußen auf den Straßen fielen die Blätter von den Baumen: da fielen auch die Blätter des Albums zu, und die bunten Briefmarkenjahre wa­ren vorbei.

Es beißt oft, das Briefmarkensammeln verderbe den Charakter: weil es zur Besitzgier verleite, zu Selbstsucht und zu kleinen Knabendiebereien: es sei auch spießbürgerlich. Mag sein. Wenn es so ist, ist es nicht das rechte, echte Briefmarkensammeln: das farbige Abenteuer der Länderjagd, des Bilderglücks und der Exotik. Meine Lieblinge waren, wiewohl ich auch die Postwertzeichen der europäischen Länder in meine Felder unterbrachte, die schönen, seltsamen und oft auch so wenig seltenen Briefmarken ber überseeischen Staaten und der Kolonien. Um die Marktwerte habe ich mich nie gekümmert, der Sens-Katalog, der den Geldwert der Marken ver­zeichnet, war mir gleichgültig. Aber eine Giraffe auf den Serien von Nyassa, und ein wilder Schwan auf den Marken von Westaustralien: die waren wichtig und unvergleichlich schön. Was waren dagegen die Briefmarken mit den Männerköpfen, mochten sie noch so hoch im Kurs stehen!

Und wenn ich das alte Briefmarkenalbum, nach vielen Jahren der Gleichgültigkeit und der Marken- Mißachtung, heute wieder öffne, strömt mir von jenem versunkenen Knabenrausch ein Nachhauch zu, phantastisch und wunderlich. In diesem großen Bil­derbuch der Länder haben sich Farbenfreude und geographischer Sinn vielfältig abgemalt in den geschnittenen und gezahnten Bildnissen, mit denen die Staaten und Hostoerwaltungen prunkten.

Es ist mir entfallen, von wem ich die alten Bayern" habe, die mit dem Seidenfaden und den dicken Zahlen, die schwarze Eins, und die grünen, gelben und blauen Markenschwestern ... und wem ich die altenBaden" verdanke und die Heinen

GünstigeStaiiffkdeshesfischenStaaisbades

2$ Bad-Rauhei m, 24. Jan. Nachdem schon vor drei Jahren in bezug auf den Besuch des Bades die höchste Vorkriegsz^ lfrequenz wieder erreicht worden war, ist mit jcve.n Jahre die Zahl der Kurgäste weiter gestiegen. Das Jahr 1929 weist mit insgesamt 41 855 Gästen gegen 41112 in 1928 die Höchstbesuchsziffer seit Bestehen des Bades auf. Erfreulich für die wirtschaftliche Entwicklung ist es, daß innerhalb der Gesamtfrequenz auch die Zahl der ausländischen Besucher in den letzten Jahren wieder langsam ansteigt: sie erfuhr im Jahre 1929 eine Zunahme von 384 gegenüber dem Vorjahre und betrug insgesamt 69 15. In dieser Zahl sind Besucher aus allen Rationen und Weltteilen enthalten. Die Spitze nimmt Nordamerika mit 1639 (1508) Besuchern ein. Bon den europäischen Ländern steht wieder Holland mit der Zahl 880 (694) obenan. Cs folgen Großbritannien und Irland mit 548 (497), die Schweiz mit 434 (390), Polen mit 368 (465), Schweden mit 355 (334) Kurgästen usw. Am geringsten ist der Besuch aus der Türkei (11) und aus Australien (11) gewesen. 2m Vergleich mit dem Vorkriegsjahr 1913, das bei einer Ge- samtfrequenz von 34 951 Personen einen Besuch von 9804 Ausländern aufzuweisen hatte, ist die Zahl der Ausländer, die jetzt nach hier kommen,

noch verhältnismäßig gering, sie ist aber von Jahr zu Jahr im Steigen begriffen.

Bäder wurden im Jahre 1929 insgesamt 450 015 abgegeben, gegen 441 744 im Vorjahre: sie verteilen sich auf neun verschiedene Bäder- formen, von denen die Thermaljprudelväder mit der Zahl 129 8c0 an der Spitze stehen. Die höchste Tagesbäderzahl betrug am 17. Juni 3310; die höchste Zahl der gleichzeitig anwesenden Kur­gäste verzeichnete mit 6302 der 20. Juni. Inter­essant ist es, daß auch in 1928 der gleiche Tag den Höchstand der an einem Tag gleichzeitig anwesenden Gäste (und zwar 5917!) brachte.

Ein sehr günstiges Bild zeigen auch die Uebernachtungszisfern, die von der neueren Derlehrsstatistik für die Bewertung eines Kurortes in erster Linie beachtet werden. Wenn auch noch nicht die durchschnittliche Ucfccrna* tungszahl von 31,39 des Jahres 1913 wieder erreicht werden konnte, so dürfte Bad-Nauheim in dieser Hinsicht doch an der Spitze der deutschen Tadeorte stehen. Denn bei rund einer Million Liebernachtungen insgesamt kommt auf jeden Kur­gast im Durchschnitt eine Anwesenheitszeit von 28 bis 29 Tagen. Auch hier haben sich die Ver­hältnisse gegenüber dem Vorjahre gebessert. Also Aufstieg auf der ganzen Linie!

zicht auf die geplante Steuersenkungsaktion ver­bunden sein darf. Vernünftigerweise aber wird man gerade von Professor Dr. Moldenhauer nicht verlangen können, daß er nun etwa schon mit dem Beginn des neuen Rechnungsjahres eine Steuersenkungsaktion in Gang bringen lönnte, die in der Form, wie sie vom Reichstag ge­billigt worden ist, ja wir sagten das bereits in erster Linie z u Lasten der Länder gehen müßte und also deren politischen Widerstand herausfordert. Eins freilich scheint uns selbst- verständ.ich: Wenn der Doung-Plan Gesetz wer­den sollte, dann müssen sowohl die Repara- tionshypothek der Industrie wie die Rentenbankbelastung der deutschen Landwirtschaft sofort verschwinden, was immerhin einen Jahresbetrag von nicht ganz 400 Mi.lionen Mark ausmacht. Die entstehenden Steuerausfälle für das Reparationsaufkommen wird man dann aus allgemeinen Steu­ern abzudecken haben. Wenn Moldenhauer also feine Finanzministertätigkeit auch nicht mit der Durchführung eines organischen Finanzreform­programms beginnen kann, so muß er doch min­destens d i e Ansätze dazu schaffen in der selbst- verständlichen Einsicht, daß Reich, Länder und Gemeinden schicksalsverbunden sind und die Not unserer Zeit nur gemeinf am lösen können.

Sexual-ethischeTagunginGießen

Nach Schristlesung und Gebet von Pfarrer Dr. Wagner, Hamburg, begrüßte Dekan Guß- mann, Kirchberg die vor einigen Tagen im Johannessaal zu Gießen versammelten evangeli­schen Geistlichen aus den Dekanaten Gießen, Grünberg und Hungen. Pfarrer Dr. Wagner, Leiter der deutschen Auswanderer- und Mitter­nachtsmission, sprach alsdann über:Gebur­tenregelung als theologisches Pro- b l e m. Sozialethische und individualistische Gründe machen das Problem aktuell. Zu den ersteren gehört die Bevölkerungszunahme auf kleiner gewordenem Gebiet, die Arbeitslosigkeit, die Fortschritte der Mediziner, die das Tor des Todes immer stärker verriegelt haben. Ganz an­ders als früher ist die Frau in den Arbeits­prozeß eingegliedert, ihre Stellung im Gesell­schaftsleben entwickelt. Für die Wohnungsnot ist bezeichnend, daß 1925 in Deutschland eine Million Wohnungen und neun Millionen Betten

blauenBergedorf" des Hamburg-Lübeckschen Ver­waltungsbezirks vom Jahre 1861 ... Wer mag mir wohl die altenPreußen" und dieSachsen" von 1851 zugetragen haben? Die braunschweigiDen Mar­ken mit dem Roß im Stempelfeld? Und vor allem die schöne Reihe Freimarken vonThurn und Taxis", mit ihrem Entwertungsstempel, der aus- sieht wie die schwarzen Ringe eines Küchenherdes? Vergessene Sammler, vergessene Knabenchronik! Aber bei diesen verjährten Marken der Bundesstaaten geht es mir heute wie damals: sie bezeigen eine alt­väterliche Romantik, gemahnen an Posthornklang und Postgespanne, die auf gemütlichen Landstraßen bahinrollen, sie haben nichts eingebüßt von ihrem stillen Zauber, den kein Senf-Katalog auszudrücken vermag.

Mein vergilbtes und verkratztes Buch war damals das beste, fortentwickeltste seiner Art. Elftausend Felder wies es auf, und die wollten alle besiedelt werden, besetzt und eingenommen von einem Mar­kenheereszug der Elftausend. Da ich aber wenig Freude an europäischen Briefmarken hatte und lie­ber nach fremden Ländern ausspähte, habe ich es nur auf etwa tausend Postwertzeichen gebracht. Und das ist nun freilich eine reich«, fremdländische Mar­kenwelt, die bei Aegypten anfängt und mit indischen Kleinstaaten endet. Und wie endet! Mit einer fabel­haften, kaum entzifferbaren Marke, die mit Rosen­saft gedruckt scheint und fast völlig geschwärzt wurde von dem groben, schwarzen Stempel eines indischen Postbeamten in Rawangar oder Kishangar ... Ich werde es nie erfahren. Die berühmtesten Marken­sammler meiner Schulzeit konnten ihre Herkunft nicht feststellen, und sogar im alleswissenden Senf war, wenn ich den Vertrauensleuten glauben darf, nicht von ihr zu lesen. Vielleicht, wer mag es wissen, hat sie ein kleiner Maharadscha gemalt. Möglicher­weise ist sie so wertvoll, wie nur irgendein 'Kunst­werk, und ich habe einen Schatz, von dessen Kost­barkeit ich nichts ahne ...

Wie einst führe ich meinen Blick spazieren in dem großen Markengarten durch Aegypten, wo die Sphinx bei der Pyramide kauert, und beide, wasser- blau, sandbraun, gelb, orangefarben und karmin­rot aus ihren Feldern starren. Wciterblätternd, begrüße ich den Kaiser von Äthiopien wie einen alten Bekannten, er hat noch immer seinen edelstein- besetzten Goldhut auf dem Kopf, und sein Gesicht ist negerhaft gedunsen. Und über viele Länder hin­wegreisend, wie mit dem fliegenden Mantel des Doktor Faust, lande ich im Reiche der Mitte, wo der greuliche Drache auf den Marken sich windet, und gelbe Dschunken durchs gelbe Meer treiben. Nach kurzer Rast, denn mit Chinesenmarken bin ich nicht sonderlich gut versorgt, finde ich mich schon

zu wenig vorhanden waren. Ernster geworden ist auch die Verantwortung auf dem Gebiet der Kindererziehung. Tragische Konslilte und Span­nungen werden auch auf diesem Gebiete un­vermeidlich fein. Besprochen wurde dann noch die Schwangerschaftsunterbrechung, die bei medizini­scher Indikation Gemeingut aller Bevölke­rungskreise geworden ist.

An den tiefgehenden Vortrag schloß sich eine lebhafte Aussprache an, an der sich beteiligten außer dem Vortragenden und dem Leiter die Pfarrer Ausfeld und Lenz, Gießen: Kalb- Henn, Großen-Buseck: Steiner, Hausen: Sattler, Wieseck: Lenz, Wohnboch: Lic. Jä­ger, Leihgestern: Lic. Waas, Gießen, und Ge­schäftsführer Schmitz von der Pilgermission.

Am Nachmittag eröffnete im Auftrag des durch Fräulein Schlosser, Darmstadt, vertretenen Landesjugendpfarramts Dekan G u ß m a n n die für einen größeren Kreis bestimmte sehr gut besuchte Versammlung. Psarrer Dr. Wagner sprach überG e st a l t w a n d e l der Che". Luther hat wieder den Wert der Che entdeckt, Schleiermacher zu ihrer Verinnerlichung viel bei­getragen. Die alte Ehe war patriarchalisch, Pro- duktions-, Konsumtions- und Crziehungsgemein- schaft. Nach dem siegreichen Kampf der Frauen­emanzipation ist die Ausrechterhaltung der pa­triarchalischen. Ehe unmöglich: ebenso besteht das Zusammenwirken in Haus und Hof, bei dem die Schule noch nicht die Rolle von heute spielte, nicht mehr: die kapitalistische Entwicklung hat das Haus von einst vielfach zerschlagen. Die Kirche hat die Veränderungen leider nicht stark genug verfolgt. Die fortschreitende Industriali­sierung macht die Menschen immer mehr aus- häusig: gemeinsame Mahlzeiten sind vielfach nur noch Sonntags möglich: die Kinder find größten­teils sich selbst überlassen. Der Angriff ge­gen die Che kommt von der geistigen und von der wirtschaftlichen Seite her: in letzterer Hin­sicht geht Rußland eben bei seiner Kommunalisie­rung vor. Das Kind wird bei jedem dieser An­griffe als Hemmnis empfunden. Die allgemeine Sexualisierung des Lebens ist mit daran schuld, daß Lindsehs Gedanken von der Kamerad­schaftsehe gerade von der Jugend mißbraucht werden. Die derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland reichen aus, um auch in der Che den wirtschaftlich veränderten Verhältnissen Rech­nung zu tragen. Durch energische Bekämpfung des Wohnungselends müssen alle Notwege wieder

wieder jenseits des Meeres in Ecuador, wo fabelhafte Schnellzugslokomotiven auf braunen Centavo-Mar­ken dampfen. Mit einer von ihnen reife ich nach Guatemala zu den Papageien auf merkwürdigen Marmorsockeln, und weiter nach Haiti zu den Pal­menstädten in Karmin und Drange für sieben, acht und zehn Centimes. In Hawai gibt es für zwei Cents kleine Segelboote im Wasser vor Bergen, und Dampfer, die nach Europa fahren, indes die Brise die Wellen schuppt. In Honduras ragen ein­same Palmen an der Bucht, grün und ultramarin, und auf einer rotbraunen ist ein Herr abgebildet, der hat einen Schnurrbart... Aber in Liberia wurde eine großartige Briefmarkenmenagerie angelegt: ein Elefant stampft durch die Steppe, ein Nilpferd wälzt sich aus der Flut und steigt ans Land, das blau und schwarz gemalt ist, ein Affe vergnügt sich mit einem Baumzweig, und ein violettes Krokodil schlängelt in grünem Wasser. Und da fällt mir ein,' bei der 50-Ccnts-Marke in Grün und Schwarz: damals wünschte ich leidenschaftlich, auf einem die­ser kleinen Postdampfer, denen ein fünfzackiger Stern voranleuchtet, nach dem Tierland Liberia zu reisen. Der Reisewunsch ist längst begraben, sonder­bar mutet mich sein Schatten an ...

Welche Hand kam über Samoa? Alle Marken fort, nur die Klebzettel sind noch da. Kolonialraub? Und wer hauste in Uruguay, wo mir ein flatternder Frie­densengel, ein kleines Posthorn in der Hand, wehen­den Gewandes in Karmin und Schwarz zu fünf Cents entgegentritt? Ein Markenräuber scheint hier gewütet zu haben: verschwunden sind die Körbe mit ben Ananasfrüchten und die blauen Stiere, dahin­ter die Cowboys herjagen. Schade! Doch über den Verlust trösten mich die Marken aus Deutsch-Süd- westafrika und Kamerun, von den Karolinen und Samoa: kleine Erinnerungen! ... Und dann rollen sich einige Serien der britischen Besitzungen auf mit Wasserfällen, Brotfruchtbäumen und Auslegebooten der Qüngebor ^2n. Prächtig gefallen mir auch heute noch die in wilden Farben prangenden Negerhäupt­linge von Aequatorial-Afrika: lippenwulstige Bur­schen, tätowiert und lanzenstarrend. Die heiße Na­tur des Kongolandes lebt in diesen Ebenholzgestal­ten. In Martinique lächelt mich eine muschel­geschmückte Schöne, braun und braunviolett mit einem reifen, lockenden Gesicht an. Diese Jnselvenus! Sie hat sich die Jahre hindurch wunderbar erhalten und nichts eingebüßt von ihrem einstigen Reiz. Noch immer o glänzende Pracht, herrliche Welt! noch immer äsen die hochbeinigen, langgehalsten Giraffen an den Palmenbäumen von Portugiesisch- Nyassa in allen Farben. Es waren meine ersten Giraffen, die ich sah. Und die Dromedare von fünf­undsiebzig bis dreihundert Reis warten noch heute

beseitigt werden. Das christliche Sexualideal, vom Staat als das seine übernommen, soll nicht dem Volk auferlegt werden und so die Ehescheidung im Sinne von Professor Kahl nicht unnötig er­schwert werden. Das Gut der monogamischen Dauerehe stellt heute größere Anforderungen an den einzelnen als früher: da> Gelingen bleibt heute mehr als je Gnade. Di: Sexualethik hat sich heute mehr mit dem Protein der Unverhei­rateten zu beschäftigen, als mit dem der Verhei­rateten: ohne den Opfergedanlen ist die Aufrecht­erhaltung der Einehe nicht möglich.

Auf eine größere Aussprache wurde verzichtet, um dem Vortragenden Gelegenheit zu geben, über seine Arbeit in der Deutschen Auswande­rer- und Mitternachtsrnifsion zu be­richten. Mehr als der männlichen gilt diese Ar­beit jetzt der gefährdeten weiblichen Jugend: ein freies Zufluchtsheim enthält 36 Betten und gibt Gelegenheit zu Mittagstisch; es bestehen enge Beziehungen zu den dermatologischen Abteilungen der Hamburger Krankenhäuser. Die Menschen sollen in diesem Hause spüren, daß Gott auch sie noch lieb hat. Sexualethische Schulungswochen aus ganz Deutschland auch von Kirchen beschickt, erwiesen sich als gute Mittel zu der auf sexuellem Gebiet nötigen Seelenführung. Auch diese Aus­führungen wurden mit herzlichem Dank aufge­nommen.

Mustric- und San' eirksmmer Friedberg.

WSN. Friedberg, 23. Jan. In der heu­tigen Vollversammlung der Industrie» und Handelskammer Friedberg wurde als Nachfolger des verstorbenen Notars Stahl Dr. Hans Göbel zum Syndikus der Industrie-- und Handelskammer Friedberg einstimmig er­nannt.

Oie Wormser Oberbürgermeisterkrise.

WSN. Worms, 23. Jan. Oberbürgermeister Rahn teilt der Presse mit:Wenn ich meine Versetzung in den Ruhestand einfach mit der Begründung beantrage, ich fei krank und nicht mehr arbeitsfähig, so hätte dies unter Vor­lage eines ärztlichen Zeugnisses zu geschehen, und über die Frage, ob ich ein Ruhegehalt zu beanspruchen hätte, könnte es dann eine Mei­nungsverschiedenheit nicht geben. In Wirklich­keit begründe ich den Antrag damit, daß mir durch fortgesetzte AngriffemeineAr- beit erschwert wird und daß ich allerdings nicht über die Nerven verfüge, die mich in den Stand sehen, dergleichen einfach an mir ab­gleiten zu lassen."

Eine Stiftung für Mainz.

WSN. Mainz, 23. Jan. In der gestrigen Städtratssihung machte Oberbürgermeister Dr. K ü l b die Mitteilung, daß der verstorbene Konsul Walter Schumann auf Grund eines Testaments die Stadt Mainz als Erbin feines gesamten Vermögens eingesetzt habe. Dieses Testament tritt jedoch erst nach dem Tode der Frau des verstorbenen Kon­suls in Wirksamkeit, lieber die Höhe der Stif­tung können nähere Angaben noch nicht gegeben werden. Die Mittel sollen laut Verfügung des Verstorbenen im Interesse der Wohlfahrt Ver­wendung finden.

Taten für Samstag, 25 Januar.

Sonnenaufgang 7.49 Uhr, Sonnenuntergang 16.37 Uhr. Mondaufgang 5.04 Uhr, Mond­untergang 12.20 Uhr.

1759: der Dichter Robert Durne in Alleway geboren (gestorben 1796); 1776: der Schrift­steller Joseph von Görres in Koblenz geboren (gestorben 1848); 1855: der Historiker Eduard Meyer in Hamburg geboren: 1866: der Dichter Herbert Eulenberg in Mühlheim a. Rh. geboren.

im Sand auf mich für eine lange Wüstenreise. Sie werden noch lange warten müssen, und. während ich Abschied nehme von dem abenteuerlichen Marken­garten, sehen sie mir mit hochmütigem Blick nach, als ob sie mich vergeblich zu begreifen suchten ...

Nun gut! Ich klappe das Buch wieder zu. Die fremde Welt versinkt, die Knabensehnsüchte und die Phantasien verflüchtigen sich rasch. In ben alten Schrank damit! Darin ist jetzt viel Platz. Tür zu! Rings um mich, in dichter Nähe sind mehr als zwölftausend Felder ausgeoiertet, die zu besetzen, zu besiedeln sind, ist bunte, ungestüme Welt genug: sie verlangt danach, gedeutet, geschaut, gebildet und ge­wonnen zu werden ...

Das llrieil in Versen.

Der oberste Chicagoer Gerichtshof hat ein Urteil für nichtig erklärt, weil der Richter es sich einfallen ließ, dieses in Reimen abzusassen. Als Grund wurde angegeben, daß nicht der nötige Ernst gewahrt worden fei. Anders urteilte ein­mal der frühere Reichsgericht ^Präsident v. S i m - f o n , als er noch Oberlandesgerichtspräsident in Naumburg war. Da hatte auch ein Richter ein Urteil in Dersform abgefaßt, wogegen die unterlegene Partei Einspruch erhob. Aber Herr v. Simson antwortete:In Anbetracht dessen, daß in der Prozeßordnung nirgends eine Verfügung enthalten ist, ob ein Urteil in Prosa ober in Versen abgefaht fein muß, in Anbetracht dessen, daß alle prozeßualen Gründe in dem betreffenden Urteil angeführt find, in Anbetracht dessen, daß es erfreulich ist, wenn ein alter Richter nach zwanzigjähriger Tätigkeit noch nicht den Humor verloren hat, wird der Protest abgewiescn."

Hochschulnackrichten.

Der Universitätslektor Friedrich Karl Roede* meher in Frankfurt a. M. hat unter Bei­behaltung der Frankfurter Lehrtätigkeit (Uni* versitat und Pädagogische Akademie) die ßeitung der Abteilung für Sprecherziehung, im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Kultus und Dil- dungswefen und der Stadt Darmstadt an der Akademie für Tonkunst D a r m st a d t übernom­men. (Das neue Institut kommt also nicht nach Mainz, wie früher gemeldet wurde, sondern nach Darmstadt.)

Prof. Dr. Julius W ä t j e n an der Univer­sität Berlin hat den an ihn ergangenen Ruf auf das Ordinariat der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie an der Universität Halle als Nachfolger von Drof. W. Gerlach angenommen.