Ausgabe 
23.12.1930
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 300 Zweites Matt -

"Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 23. Dezember (036

Vom britischen Faschismus.

Don unserem O.-Derichterstcltter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! London, Dezember 1930.

Zum ersten Wale sahen wir in London das Schwarzhemd in der Qesfentlichleit während beS Kohlenftreiks 1 9 26. Danach ver­schwand cs wieder aus dem Etraßenbild; zwei Iahre später verlausten einige Schwarzhemden im Strand Propaganda-Literatur, aber auch ihres Dleibens war nicht lange. Ietzt sind sie wieder a u s g e t a u ch t und wollen sich, wie sie ver­sichern, nicht wieder verdrängen lassen.

Die Entstehung des englischen Faschismus ist ursprünglich der Sucht der englischen Frau zu verdanken, irgendeine Organisation zu schassen, die ihr Betätigung und einen gesell­schaftlichen Rahmen gibt. Als die Papageien­krankheit modern wurde, da erlebte die Freude am Gründen allgemein nützlicher Gesellschaften eine Hausse. Dereine zum Schutz der armen Papageien, Gegenvereine zur Vernichtung der Träger der bösartigen Krankheit schossen wie Pilze aus der Erde. Das ist nun einmal so in England, und fast in jedem Falle geht die Ini­tiative von der Frau aus, ohne deren Energie, wie man wohl richtig sagt, England niemals den Krieg gewonnen hätte. So war es auch mit den ersten faschistischen Organisationen. Um Mussolini schwebte ein Nimbus, seine Figur war romantisch, seine Augen verrieten die Glut südlichen Temperaments. Kein Wunder, daß er und sein Werk ein Frauenherz zur Tat begeistern konnte: und es ist eigentlich sonderbar, dah erst im Jahre 1923 englische Frauen auf den Ge­danken kamen, eine Organisation der Britischen F a s ch i st e n" ins Leben zu rufen. Tausende von jungen Leuten und jungen Mädchen und Frauen schwärmten herbei und bald war die Bereinigung ein blühender Kon­zern, der auch seine eigene Zeitschrift heraus­brachte und ganz tapfer Propaganda machte. Den Kernpunkt des Wesens des Faschismus hatten sie aber nicht ersaht. Ihr Programm war weiter nichts als eine Zusammenstellung von ultra - konservativen Forderungen mit hundert Prozent" britischen Nationalismus und Imperialismus. Es fehlte an der kon­struktiven Politik.

Bald entstanden denn auch Reibereien, die Organisation kränkelte, und aus ihr schälte sich eine Gruppe, dieN a t i o n a l - F a f ch i st i" heraus. Dies war im Iahre 1924; zeitweilig schien es, als ob sie festen Fust fassen wollten. Ihre Mitglieder trugen das Schwarzhenzd, das Programm war schon mehr wirklicher Faschis­mus, aber Abenteurer und Skandale ruinierten die Aussichten dieser Bewegung. Die Organi­sation schloh ihre Bureaus schon wenige Iahre nachdem sie ins Leben gerufen war. Zweimal waren also die englischen Faschisten zusammen­gebrochen. Ihren natürlichen Gegnern, .den Kommunisten, ging der gestrenge Innen­minister Iohnson H i ck s (jetzt Lord Brentford) von sich aus energisch zu Leibe, er warf sie aus England hinaus. Es fehlte also das un­mittelbare Ziel, das dem Faschismus Leben geben tonn'e. Demokratie und Parlamentaris­mus schienen gesiegt und ihre Feinde über­wunden zu haben. Es wurde still im Lager der Faschisten; sie waren niedergeschlagen.

Aber in den Anfangsjahren hatten sich die­jenigen herauskristallisiert, die mit ganzem Her­zen an die Zukunft der faschistischen Bewegung glaubten. Sie kamen wieder zusammen und gründeten dieImperial Fascist League" unter der Leitung eines Wr. Leese, eines Tier­arztes, der als Faschist einen Sih im Stadtrat von Stamford in Lincolnshire gewonnen hatte. Gr ging mit Eifer ans Werk und ist nun dabei, die faschistische Bewegung wieder aufzubauen. Die Fehler der Vergangenheit sollen nicht wie­derholt, die Romantik des weiblichen Elements ausgeschaltet werden. Die Bewegung soll sich

von den alten, in England tief eingewurzelten Parteiauffassungen frei machen und sich über sie erheben. Das Programm knüpft an alt-englische Auffassungen über das Wesen des Körper­schaftsstaates an und verdammt natürlich die modernen parlamentarischen Methoden. Die Zeitläufte mögen der Bewegung Helsen. Noch vor einigen Iahren wäre cs eine Art Staats­verbrechen gewesen, an den überlieferten Funk­tionen des englischen Parlaments zu zwei­feln. Seitdem haben sich aber die Dinge ge­ändert. Es setzte in der Presse eine Bewegung ein, die zunächst rein theoretisch die Frage von der Vollkommenheit eines Parlaments erörterte. Bei zunehmender Unfähigkeit des Parlaments, dem Grundübel der Arbeitslosigkeit zu steuern und neue Methoden für Finanz und Industrie zu finden, nahm die Diskussion aber schon einen mehr praktischen Charakter an. und bedeutende Politiker, wie Lloyd George und andere scheuten sich nicht vor der Kritik an dem ältesten Parlament, dem englischen. In dieser Hinsicht ist der Boden für den englischen Faschismus schon gedüngt. Dennoch wird er viel schwerer um öffentliche Beachtung kämpfen müssen als etwa in Deutschland, wo der Reichstag stets, und besonders jetzt, im Mittelpunkt der Kritik stand.

Das Programm wendet sich natürlich an alle national denkenden Elemente und ist dem Inter­nationalismus spinnefeind, was jedoch nicht aus- schließt, in Freundschaft mit den Nationen zu le­ben, die auch den faschistischen Idealen huldigen. Cs ist imperialistisch und erblickt sein Wirkungsbereich im ganzen Weltreiche; vielleicht, daß das unter der sozialistischen Mißwirtschaft wirtschaftlich stark blutende A u st r a l i e n eines der besten Kampffelder für den britischen Fa­schismus wird. Er kämpft gegen die zionistische Idee und betont auf das stärkste die lebens­wichtigen Interessen Englands in den moham­medanischen Ländern und die Verpflichtungen, die sich daraus für England in Palästina ergeben. Er gibt ein Rassenprogramm, das die Charaktereigenschaften des Briten, seine staats­bildende Kunst und die Einheit der Rasse im ganzen Weltreiche unterstreicht. Der in Deutsch­land seit Jahrzehnten hier und da betonte Ge­danke von der Rassenverwandtschaft der nordischen Völker findet bei den englischen Faschisten heiße Gegenliebe; der Ver­stand aber sagt ihnen doch, daß sich in dieser einfachen Form die Forderung nicht so leicht nach England übertragen läßt, da hier ja seit Jahrhunderten auch Angehörige der Mittelmeer­völker leben, die gute Engländer genannt sein wollen.

Am schwierigsten wird der jungen faschistischen Bewegung auch in England, die kaum tausend Mitglieder im Augenblicke zählen dürfte, die Aufstellung eines für England geeigneten fa­schistischen sozialen Programms. Aus dem konservativen Gedankenkreise sind Forde­rungen nach allgemeinem Schutzzoll, Erhaltung der Landwirtschaft und andere Punkte entlehnL Den Gedankengängen Mussolinis hat man die Zwangsschiedsgerichtsbar leit und die Einstellung jeglicher Streiks und Aussperrungen entnommen. Dies ist aber alles nichts Neues und auch noch nichts, was wirklich bei den Massen zünden könnte. So ist denn letzthin dem Pro­gramm ein neuer Punkt einverleibt worden, der spezifisch auf englische Verhältnisse zugeschnitten ist. Er rückt der Finanz zuleibe. Die Stel­lung der Londoner Finanz unterscheidet sich grundsätzlich von der kontinentalen. Sie ist Fi­nanz im reinen Sinne des Wortes. Eine englische Großbank hätte noch bis vor kurzem gar nicht daran gedacht, andere Geschäfte «ls rein finanzmähig einzugehen, und hätte die Verquickung mit der Industrie aus rein finanz­technischen Gründen glatt abgelehnt. Das Ergeb­nis dieser traditionellen Haltung war dasE in-

frieren der Kredit e, von dem der Schah­kanzler Snowden häufiger gesprochen haL Er hat eineBanking-Kommission" eingesetzt und sonst auch in Zusammenarbeit mit dem derzei­tigen Minister zur Bekämpfung der Arbeits­losigkeit, Mr. Thomas. Verhandlungen mit den Danken zur Auffrischung industriellen Kapitals eingeleitet. In diesem Sinne be­wegt sich auch das faschistische Programm, nur daß cs eben viel weitergeht und auch an den Grundlagen des Goldstandards rüt­teln will. Daß es hierbei auf die i n t e r n a t i o - naleSchuldenfrage stoßen muh, ist klar. Es wird jedoch noch viel Arbeit kosten, um die­sen Teil des Programms deutlicher herauszuar­beiten und es den Massen verständlich und schmackhaft zu machen. Es greift auf jeden Fall einen Zustand an, der nicht mehr so bleiben kann, wie er in der Vergangenheit war und sich den neuen Verhältnissen wird anpasfen müssen. Hoffnungslos ist es also nicht, da viele glauben, daß die Zeiten einer reinen Finanzpolitik, die die City großmachte, vorüber sind.

Das Volk aus seiner Gleichgültigkeit gegen­über einem nach Ansicht der Faschisten völlig veralteten und überlebten liberal-demokratischen Schlendrian aufzurütteln, die Massen zu über­zeugen, daß die mor chcn Ideen des Liberalis­mus alle Parteien durchsetzt und zermürbt ha­ben, die Bechränkthcit der Ansichten in den führenden Kreisen zu bekämpfen, und endlich die fremdländische" Kontrolle über die öffentliche Meinung zu zerschmettern, das sind die Ziele, für die die Faschistenliga des Weltreiches zu­nächst kämpfen will. Es gehört Mut dazu ... 11 nb dann gehört in England noch eines zum Erfolg: das ist der Name. Die Faschisten wissen es

und sind eifrigst bemühL Erfolge zu zeigen, um dann einen Mann mit Willen und Titel an die Spitze der Bewegung zu stellen. Wan spricht von Lord Lloyd, dem früheren Oberkommissar in Aegypten, der dem königlichen Hause durch Hei­rat nahesteht und der als ein energischer Mann gilt.

Zur Zeit ist die faschistische "Bewegung in Eng­land noch klein. Wird sie wachsen und sich durch­setzen? DasBeispiel der Fabianischen Gesell­schaft" hat gezeigt, daß der Kreis von Wän- nern mit Charakter gar nicht so groß zu sein braucht, um eine Bewegung im englischen Bolls entscheidend zu beeinflussen; in diesem Falle war es die Arbeiterpartei. Wie wird der Fa- schisnnrs sich auswirken? Zunächst kann man nut abwarten und beobachten.

Das neue Gießener Defizit.

Am kommenden Samstag wird der Gieße­ner Stadtrat noch kurz vor Iahresschlutz zu einer öffentlichen Sitzung zusammen treten, um über weitere Deckungsinittel für das Rechnungsjahr 1930 durch Er­höhung der Realsteuer-Ausschläge, des Wassergeldes und des Hundert­satzes der gesetzlichen Miete zu beschlie­ßen. Cs handelt sich dabei um die Entscheidung über die in unserer Nr. 295 vom 17. Dezember veröffentlichten Anträge der Stadwerwaltung. mit denen sich der Finanzausschuß des Stadt-» rates in den letzten Tagen schon mehrfach be­schäftigt haL

Die Stadwerwaltung hat ihren Anträgen eine sehr ausführliche Begründung beigegeben, die

A-00082580'

g

MA

KMMNWMYNM

$ c' r

Oben: Die Vorderseite des neuen Zwanzigmarkscheines mit dem Bild Werner von Siemens. Unten: Die Rückseite der Banknote.

Taps.

Eine Weihnachtsgeschichte.

Don Sigismund von Radecki

Ich faß auf der verschneitesten. verschwiegensten Insel des Saima-See in Finnland und wollte zu Weihnachten zu meinen Eltern nach Dorpat fah­ren. Als Geschenk lud ich ein Nußhol; Grammo­phon auf den Schlitten, mit sechzehn Mozart- Platteri, einem Temptation-Rag, den ich den Schnellzug über die Gefühle" nannte, sowie einer Kostbarkeit namensGaby-Glide", die wirklich mit lieblichen Fußspitzen über das Geröll des Lebens tanzte. Der Schnee lag so hoch, daß die Schlitten­kufen über die Spitzen der Stakcdenzähne hinweg­knirschten. In Wilmansstrand kam ich mit halb­erfrorener Nase an und traf auf dem Marktplatz den Apotheker, der in der einen Tasche einen Hausen Papiergeld, in der anderen aber einen Damenrevolver hatte, und mit den beiden Sachen betrunken herumfuchtelte. (Aus demselben Markt platz sollte ich bald hernach die Regimenter der Roten sehen kriegsmäßig befrackt, phantastisch­ernsthaft. wobei jeder groteskerweise am Tornister einen Nachtwpf hängen hatte, weil die Kochkessel ausgegangen waren. Später sah ich, wie die mei­sten von ihnen in roten Särgen auf demselben Marktplatz beerdigt wurden. Und noch später sah ich. wie die roten Särge von den Weißen wieder ausgegraben und wcggeführt wurden.)

In Wiborg schleppte ich mich mit meinem Grammophon in den ersten besten Zug. der nach Petersburg durchpassic'-te; es war aber ein Zug voll Matrvsen-Urlaulcr. Die Luft war zum Er­sticken erfüllt von Tabat.auch, schreiendem Geplau­der und rohesten Flüchen, die aber gar nicht böse Semeint waren. Die Burschen waren der ehrlichen leberzeugung daß ein anständiger Kcrl ohne Fluchen einfach nicht reden könne. Einer führte das große Wort und erzählte, wie er in der Offiziers­messe Wein und Zigaretten geklaut hatte; die meisten kamen überein, daß ein Linienschiff schlim­mer als ein Gefängnis, ein Torpedoboot dagegen das reine Paradies fei, und einer mit breiten Backenknochen endlich schien überhaupt kein Ich, sondern nur eine Gemeinschaftsseele zu haben, und sagte mit grenzenloser Gutmütigkeit:Brüder wolln wir doch ein Liedchen singen... Als der revidierende Schaffner kam. merkte ich zu meinem

Schreck, daß ich die Fahrkarte verloren hatte. Ich suchte eine halbe Stunde lang und endlich ging er wütend weg. Da. schauten mich alle blinzelnd an, klopften mir auf die Schulter und sagten:Das hast du gut gemacht an deiner Stelle würden wir auch fein Dillet kaufen!" So daß ich anstands­halber so machen mußte, als ob ich wirklich keins gekauft hätte.

In Petersburg schlugen alle Straßen Wellen, weil man den Schnee nicht mehr abführte. Auf dem Baltischen Bahnhof kam ich zwei Stunden vor Abgang des Zuges an, und mietete mir in der Dunkelheit zwei Soldaten, die mein Grammo­phon im Waggon unterbringen sollten. Wir wan­derten über eine endlose Schienen-Wüstenei und stießen endlich auf etwas Dunkles, das unser Zug war. Dieses Hinauslaufen auf die Strecke war, nebenbei gesagt, streng verboten. Zu meinem Erstaunen war der stockfinstere Waggon voll von Menschen, die schweigend dasaßen. Nach einer Stunde war er bereits so voll, daß ein­zelne Glasfenster zersplitterten. Und als der Zug sich endlich in Bewegung fetzte und ans Dahnhossperron vorfuhr, empfing uns ein ein­ziger Schrei der WuL denn auch draußen stan­den die Menschen wie eine Mauer und .hatten stundenlang gewartet.

Endlich fuhren wir es war die Nacht zum 24. in der Richtung nach Narva ab. Ein estnischer Offizier erzählte mir leise, daß ihn die Revolution auf einer Bahnfahrt, vom Kaukasus her, angetroffen habe. Von Station zu Station fei die Lage drohender geworden: man habe alle Leute mit Offiziersabzcichen aus den Waggons gezogen und mißhandelt.Was sollte ich machen?" sagte er flüsternd:Ich bin in die nächste Dahnhofstoilette gegangen und habe mir die Achselklappen heruntergerissen." Dabei lachte er verlegen und blickte mir in die Augen, um zu sehen, ob er eine Mißbilligung darin fände.

Aber hinter Narva ging es nicht mehr weiter: die Lokomotive ruckte noch ein paarmal an, pfiff wütend und da saßen wir fest. Cin- geschneit! Der Wind pfiff eisig durch die zer­brochenen Fenster, und die Feuerung unseres Waggonöfchens begann auszugehen. Der Brem­ser unseres Waggons kletterte mit Eiszapfen im Bart zu uns herein.Möge sie verflucht sein, die Bremse!" sagte er mit seltsamem Pathos. Unö nun, da wir froren, zeigte es sich, welche

Menschen Energie und Unternehmungsgeist hatten. Da war vor allem ein lettischer Scharf­schütze namens Ieannot (was ungefähr dem deut­schenEde" oderLude" entspricht), der Leben in die Bude brachte. Mit seinem Seitengewehr zersplitterte er eine Holzbank nach der andern in Stücke und verfeuerte sie kunstvolL Auch feuerte er die andern dazu an. Wenn muntere Reden sie begleiten, so geht die Arbeit rüstig fort: bald sah der halbe Waggon auf seinen Koffern, aber dafür war s pottchenwarm.

Um die Nachmittagsstunden hatte unser Zug endlich Hilfe bekommen und setzte sich mit einem triumphierenden Pfiff in Bewegung. Gott sei Dank! man würde also doch noch am Weih­nachtsabend in Dorpat ankommen. Um 6 Uhr langten wir in Taps an; und hier muß ich er­klären, was Taps eigentlich bedeutet. Taps ist ein Knotenpunkt, eine Art Bitterfeld en miniature, eine Passions-Station, um die keiner auf fernem irdischen Leidenswege herumkam, ein Ding, das mehr im Kursbuch als auf Erden lebt, und also kurz das gottverlassenste Nest zwischen Archan­gelsk und Lissabon.Fahren Sie direkt nach Venedig?" wurde ein Estländer gefragt. - Nein, in Taps muh ich umsteigen!" gab er zur Antwort. Das ist Taps.

Und jetzt wurde uns höflich aber fest eröffnet, dah wir die Nacht über in Taps bleiben mühten. Der nächste Zug nach Dorpat ginge erst morgen früh. Weihnachten in Taps! das war also der Lohn für alle Mühe; eine schöne Be­scherung! Und nicht nur für uns: doch auch für alle Angehörigen, die auf uns warteten und sich Sorgen machten! Taps hatte uns in seinen Krallen.

Selten habe ich eine so trübselige Gesellschaft um die schmutzigen Tische des Warteraums ver­sammelt gesehen: keiner sprach ein Wort, über alle Weihnachtserinnerungen in den vielen Köpfen legte sich das eine plumpe Wort Taps, und machte einen großen Fleck.

Cs war nicht mehr zum Ansehen; ich legte die Arme auf den Tisch, stützte meine Stirn auf die Faust und wollte einschlafen... Ich lief auf Schneeschuhen durch eine schneeige Mond­nacht. In der Stille, die nach Schnee und Harz duftete, hörte ich bloß das leichte Saufen der Stöcke. 3m leichten auf und ab merkte man gar nicht, daß man lief; sowenig man das Atmen merkt. Die Sterne blitzten im mondlich erleuch- I

teten Himmel; zwischen ein paar Tannen tonnte man die Asteroiden sehen. Immer dichter um­standen mich die weih vermummten Tannen und liehen mich bald über Schneegeglitzer, bald über schwarze Schattenabgründe gleiten. Kein Ton, kein Hauch: bloh Silber, dem Silber antwortend. Wie ich jetzt eine Schneise entlangglitt, fiel mir ein Heller Lichtschein auf dem Schnee in der Ferne auf. Vorsichtig stahl ich mich heran, und sah eine mächtige Tanne, deren untere Riesenzweige schwer von Schnee herabhingen, so daß sie einen Unterschlupf bildeten. Und durch die Oeffnung dieses Unterschlupfs kam daS goldene Licht, das mich in dem Mondweiß so erstaunen machte. Ich blieb von weitem steh n, so dah ich gut hineinsehen konnte. Da sah ich da drin einen Mann mit einem Bart fitzen, und neben ihm sah eine junge Frau, die ein kleines Kind in den Armen hatte. Beide blickten still auf das Kind und waren nicht geblendet, ob­wohl das Sonnenlicht von ihm ausging. Aber da sah ich, dah nicht ich allein hinschaute: neben mit suchten zwei Rehe im Schnee, doch blickten sie immer wie unabsichtlich auf das Kind, dessen Goldschein sich in ihren schwarzen Augen spie­gelte; und dort machten zwei Hasen Wännchen, die hoben direkt die Vorderpfoten auf; eine Waldkahc schlich mit bereiftem Schnurrbart her­an und blieb geblendet stehen; ein Fuchs spitzte die Ohren und wedelte langsam mit dem roten Schweife hin und her; und kein Tier schien das andere zu bemerken. Wie ich nun meine Mütze abnahm, flog gerade über mir ein Auerhahn vom Zweige auf, so dah mir ein grohes, ein entsetzlich kaltes Stück Schnee in den Nacken fiel--und ich erwachte. In Taps. Wo die

schwitzende Zimmerdecke mir auf den Nacken tropfte!

. Im Zuge lächellen alle verlegen und sagten: Ia, ja .... der erste Feiertag ...! Und zu Hause stellte ich das Grammophon unter den Weihnachtsbaum und ließ Gaby Glide laufen, die mit lieblichen Fußspitzen über das Geröll des Lebens hinwegtanzte.

Hochschulnachnchten.

Der Ordinarius der Philosophie an de» Kieler Unioerfität, Dr. Julius Stenzel, hat einen Ruf an die Universität Basel alS Nach­folger von Professor K. Ivel erhalten.