Aus der Provinzialhauptstadt
Sieben, den 23. Dezember 1930.
Am kürzesten Tage.
Wintersonnenwende!
Klopft unser Herz nicht schneller beim Klang dieses Wortes? Die sonnenlose, die dunkle Zeit ist vorüber, das Himmelslicht steigt wieder.
Wer je einmal am stammenden Holzstoß in einer Dezembernacht draußen unter dem Sternenhimmel gestanden hat, wird dies« Augenblicke nie vergessen. Lor uns die lodernden Flammen, hell beleuchtet die andächtigen Gesichter der Umstehenden, dahinter die unendliche, schwarze Nacht! Es sind heilige, kostbare Stunden.
Uralter Brauch unserer Dorfahren wurde übernommen.
Die Welt war zu Eis erstarrt, die Sonne ver- schwunden. Unendliche Sehnsucht erfüllte die Her« zen der Menschen. Für f'e war die Sonne das Leben. Erst wenn sie wieder wärmende Strahlen sandte, gab es neues Wachstum und Gedeihen.
So schauten unsere Vorfahren Jahr für Jahr nach der Sonne, und einmal kam der Tag, da sank sie nicht mehr. Sie stieg und kündete neuer Leben. Es ging dem Frühling zu.
Unsere Altvordern waren ja viel mehr mit der Natur verbunden als wir. Sie beobachteten und schauten mit viel schärferen Augen. Deshalb mußte gerade di« Sonnenwende für sie ein bedeutungs« voller Tag fein. Nun ging es wieder aufwärts. Wenn auch Wald und Flur im Winterfroste ächzten, so wußten sie doch, daß nun das dunkle Tal durchschritten war.
In diesen Tagen oersammetten sich die Führer der einzelnen Sippen und Stämme zu ernster Beratung. Di« eigentliche Weihe bekam aber der Tag erst durch die Flammenzelchen. Dazu erschienen nicht nur die Führer, sondern auch die Kinder, Frauen und Greise. Uederall auf Dergeshohen loderten die Feuer empor, Gebete zu den Göttern stiegen zum Himmel.
Baldur, der Gott des Lichtes, soll nun wieder- kehren, und solange er lebt, kommt nicht das Ende der Welt, die Götterdämmerung.
In welch wundersamen Sage versinnbildlichten sich die Germanen den Wechsel zwischen Sommer und Winter! Baldur und seine Gemahlin Nanna, die Schußgöttin der Blumen und Blüten, sie mußten sterben. Die Sonnentage vergingen, dunkle, kalte Nächte folgten. Aber unlöslich «st der Tod ml dem Leben verbunden. Baldur kehrt wieder, der Fruhlingsgott tritt feine Herrschaft wieder an.
Wenn wir heute am Sonnwendfeuer stehen, so führt uns kein Aberglaube dahin, sondern wir fühlen die enge Verbundenheit mit unfern Vorfahren. Wie es für sie Stunden der Andacht waren, so soll es auch bei uns sein: Stunden der Einkehr, der ernsten und stillen Versenkung in Vergangenheit und Gegenwart.
Der brennende Holzstoß darf uns nicht nur ein Freudenfeuer sein, sondern viel mehr. Er soll uns mahnen an unsere Verpflichtungen dem deutschen Daterlande gegenüber. Der Liebe zu Volk und Heimat sind die Stunden am Sonnwendfcuer geweiht. Wir müsien von neuem geloben, auch in Zeiten der Not auszuharren, unferm Volke zu dienen und zu helfen.
Und so gedenken wir der Brüder, die einst ihr Leben für uns gaben. Sie sollen uns Mahner sein, erinnern sollen sie uns an unsere Pflichten. Ihrer sei deshalb beim Sonnwendfeuer zuerst gedacht.
Aber nicht nur rückwärts gehen unsere Gedanken, sondern auch in die Zukunft. Wie auf stürmische, dunkle Tage einst wieder Sonnenschein folgen wirb, so wird auch unserm Daterlande und fernen Bewohnern dereinst eine schönere Zukunft erblühen. Än diesem Glauben feiern wir Wintersonnenwende.
.Lüngle und zehre prasselnde Glut, von Herzen grüßt dich, wer deutsch ist und gut, Flamme empor, zerteile die Wolke, werde zum Führer dem deutschen Volke. — Jauchzet und singet, klinget, ihr Lieder, Sonnwend ist heut, Balder kehrt wieder! Wachse und lodre glühender Brand, leuchte hinaus ins deutsche Land, Tücke und Falsclcheit scheuche dein Licht, weis' uns den Weg zu Wahrheit und Pflicht. Singet und jauchzet, klinget, ihr Lieder — Sonnwend ist heut — Balder kehrt wieder!"
W.
Tagung des Gießener Kreistages.
Der Kreistag des Kreises Diehen tft zu einer ordentlichen Tagung auf Dienstag, 3 0. Dezember. 14 Uhr. in den Sitzungssaal des RegierungSgebäudes zu Giehen einbetufen worden. Auf der Tagesordnung stehen folgende Punkte: 1. Diensteinweisung von Kreistagsmitgliedern; 2. Prüfung und 'Begutachtung der Rechnung der Kreiskasse und deS Dorwaltungsberichts des KreiSausschusses für 1929; 3. Feststellung des Voranschlages« des Kreises Diehen für 19 31 und in Verbindung damit Festsetzung der Ausschlags- sätze für die vorläufigen Kreisumlagen und die Krelssondergebäudesteuer für 1931 Rj.; 4. Neufestsetzung der Tagegelder und Reisekosten der Mitglieder des Kreistages, des Kreisausschusses und der Kreiskommifsionen; 5. Betrieb der Kreisabdeckerei; 6. Geschäftsgang bei dem Kreis- auSschuh und-Kreistag; 7. Erhebung einer Kreis- Hundesteuer; 8. Endgilltige Erledigung des Falles Kauh; 9. Berichtigung des Protokolls über die Sitzung des Kreistages am 2. 3uni 1930. 10. Verschiedenes.
'Sornotiren.
— Tageskalenderfür Dienstag. Stadttheater „Meine Schwester und ich", 19.30 bis 22.30 Uhr. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „ßiebling der Götter" (mit Emil Jannings). — Astoria-Lichtspiele: „Mein Himmelreich" und »Lunavark".
— Aus dem S t a d t t h e a t e r b u r e a u wird uns geschrieben: Heute 19.30 Uhr: .Meine Schwester und ich", unter der Spielleitung des Intendanten. — Für die Feiertage hat die Intendanz ein besondere-, dem Charakter des Weih- nachtsfesteS entsprechendes Festprogramm zusarn- mengeftellt Der erste Feiertag bringt ald geschlossene Rachmittagsvorstellung eine Aufführung des Weihnachtsmärchens: .Goldmarie und Pech- marie" von Aloys Prasch; Beginn 15.30 Uhr. 20 Uhr alS Erstaufführung daS neueste Schauspiel von Roftand: .Der Mann, den fein Gewissen trieb." Dieses Werk dürfte wie kaum ein zweites geeignet fein, dem Friedenscharakter des Weihnachtsfestes zu entsprechen. Die Spielleitung hat Peter Fassott. Die Vorstellung findet tm Freitagabonnement statt. Der zweite Feiertag bringt um 15 Llhr zu ermäßigten Preisen eine nochmalige Wiederholung des mit grobem Beifall aufgenommenen Weihnachtsmärchens: , Goldina ne und Pechmari«" mit Gesang,
Musik und Tänzen von AlohS Prasch. Die heitere Rote dominiert auch im Abendprogramm. Die Bereinigten Operetten-Bühnen Bochum-Hamborn gastieren mit der Erstaufführung der erfolgreichen Schlageroperette: »Drei arme kleine Mädels", von Walter und Willi Kollo. Die einmalige Ausführung dieser Operette findet bei ermäßigten Operettenpreifen außer Abonnement statt und beginnt der auswärtigen Besucher wegen bereits 18.30 Uhr, Ende 21.30 Ahr.
Stadtratssitzung in Gießen. Der Gießener -Stadtrat ist auf nächsten Samstag vormittag 11 Uhr, in den Sitzungssaal des Stadthauses, Berastraße, zu einer öffentlichen Sitzung einberufen worden. Als einziger Punkt steht auf der Tages- ordnuna die Beschiußfafstrng über weitere Deckungs- mittel für das Rechnungsjahr 1930 durch Erhöhung der Realsteuerausschläge usw. Mit der gleichen An- gelegenheit beschäftigt sich auch ein Artikel an an- derer Stelle unseres heutigen Blattes.
•• Der Postdienst am Weihnacht-Hei- I i g a b e n b. Am morgigen Mittwoch, 24. Dezember, ist der Schalterdienst bei der Dost von 8 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr für alle Sendungen bereit Don 16 Ujjr ab werden nur noch Telegramme und Ferngespräche angenommen. Die Briefkastenleerung wird, bis auf die ausfallenden beiden letzten Leerungen, wie werktags vorgenommen. Die Ortsbriefzu- stellung, die Ortsaeldzustellung, die Ortspaketzustel- luna und die Lanozustcllung erfolgen wie werktags, die Verzollung der Weihnachtspostpakete beim Haupt- Zollamt von 7.30 bis 15.30 Uhr.
— WeihnachtSpo st verkehr tmHauptzollamt. Don zuständiger Seite wird unS mit- gctdlt: Die Amtsräume deS Hauptzollamts Gießen sind am ersten Weihnachtsseiertaae von 10 bis 11 Uhr zur Abfertigung von aus dem Ausland eingegangenen WeihnachtsPostpaketen geöffnet.
•• ZehnerblockS des DiehenerStadt- theaterS alS Weihnachtsgabe. Man schreibt uns: Es wird alle Freunde und Besucher dxs StadttheaterS besonders interessieren, daß die Intendanz alS eine Art Weihnachtsgabe an das Publikum vom 24. Dezember 1930 bis 15. Januar 1931 Zehner-Blocks zum Verkauf bringen wird. Durch diese Maßnahme wird vielen Wünschen und Anfragen entsprochen. Die Zehnerblocks werden für die vier ersten Plahkategorien mit einer Ermäßigung aus- gegeben. Diese Zehnerblockkarten sind unpersönlich, gelten für alle Schauspiel
Vorstellungen und sind an keinen festen Tag gebunden. Es ist durch diese Reueinrichtung vor allem Berufsklassen, die sich nicht an einen festen Tag binden können, die Möglichkeit gegeben, noch Im letzten Moment eine Karte zu einem Preisnachlaß zu erhalten. Die Karten gaben die ganze Spielzeit über (bis 31. Mai) Gültigkeit. Es können selbstverständlich für dieselbe Vorstellung mehrere Karten deS gleichen Blocks gebraucht werden. Dadurch sind diese Zchnerblocks nicht nur ein geeigneter Geschenkartikel, sondern sie eignen sich auch ganz besonders für Vereine, größere Geschäftsbetriebe, Anstalten u. <l
“Born Zweigverein Gießen dcS Hess. FechtvereinS Waisenfchutz wird unS mitgeteilt: Der hier vor kurzem wieder ins Leben gerufene Zweigverein des Hessischen Fccht- Vereins .WaiAnschütz' veranstaltete gestern nachmittag in Anwesenheit der Vorstandsmitglieder eine Weihnachtsbescherung an 26 Halbwaise der Stadt Gießen im Stadchaus Garlenstrahe 2. Rach einer kurzen Ansprache durch Pfarrer AuSfeld sand die Bescherung statt. Jede Halbwaise erhielt ein Paar Schuhe, daS übliche Weihnachtsgebäck, Aepfel und Rüsse. Der hiesige Zweigverein war nur dadurch in die Lage versetzt, Meie immerhin verhältnismäßig große Zahl von Halbwaisen nach feinem erst vor kurzem erfolgten Wiederaufleben zu bescheren, als ihm neben den anteiligen Beiträgen der hiesigen Mitglieder ein Zuschuß von l>er Oberfechterei in Mainz gegeben tourte. Ferner stiftete das hiesige Schuyhaus Benner sieben Paar Schuhe in verschiedenen Größen für bedürftige Halbwaisen. Im übrigen wurden noch Gaben von verschiedenen Seiten gespendet. Es fei allen Gebern und auch den Mi.gliedern des ZweigvereinS an dieser Stelle herzlia-ster Dank ausgeiprochen. Die Halbwaisen und miterschienenen Angehörigen waren über die Gaben sichtlich erfreut
•• Wi« der erwischt. Der von einer Anzahl früherer Einbrüche bei der Polizei gut bekannte Willi Gelzenleuchter aus Mudersbach war am 22. November aus dem Landgerichtsgefangnis in Marburg, wo er wegen mehrerer Einbrüche eine dreijährige Gefänanisftrafe zu verbüßen hatte, wegen eines Trauerfalls in seiner Familie aus einige Stunden beurlaubt worden. Gelzenleuchter verlängerte aber seinen Urlaub aus eigener Machtvollkommenheit dadurch, daß er überhaupt nicht wieder in das Gefängnis zurückkehrte. Seit Ende vorigen Monats war er nun unterwegs, bis er gestern nachmittag Im Schalterraum der hiesigen Stadtpost von einem Gießener Kriminalbeamten erkannt und fest
genommen wurde. Auf dem Wege nach dem Poll- zeiamt riß sich der Gefängnisscheue los, stieß auf der Flucht einen ihm entgcaentretenden Zivilisten zur Seite, hatte aber das Malheur, beim Marktlaubengebäude einem Gendarmen in die Hände zu laufen. Nunmehr zum zweiten Male festgenommcn, mußte er unter starker Bewachung den Marsch zum Polizeiamt antreten, wo er zunächst In Haft verbleibt. Die Polizei ist zur Zeit damit be|d)äftigt festzustellen, wo sich Gelzenleuchter leit Ende November Überall herumgetrieben hat, da es nicht ausgeschlossen ist daß eine Anzahl Straftaten der iüngften Zelt auf fein Konto zu setzen sind.
weitere Lokalnachrichten Im zweiten Blatt
Oie Brüder Opel Ehrenbürger von Hüffelsheim.
Frankfurt a. M., 20. Dez. (WSN.) Am 18. Dezember wurden Geheimrat Dr. Wilhelm o. Opel und Dr. FritzOpel zu Ehrenbürgern der Stadt Rüsselsheim ernannt Eine Deputation unter Führung des Bürgermeister» Müller überreichte die Ehrenurkunden 6 0/0 Nachtragsumlage im Landkreise
Marburg.
WER. Warburg, 20. Dez. Der Kreistag des Landkreises Marburg hielt gestern eine Sitzung ab. In stundenlanger Debatte üc* schäftigte man sich mit dem Landwegebauetat für 1931, der mit 178 000 Wk. eine Erhöhung von 6000 Mk. gegen das Vorjahr vorsah. Inzwischen sind davon 10 000 Mk. in Wegfall gekommen, weil die Gemeinden Wetter und Cappel, in denen Teerung der Ortsstrahen vorgesehen war, ihren Anteil an den Unkosten ab- aelehnt haben. Man stimmte dem Etat mit der Maßgabe zu, daß die Kreisverwaltung weitere 20 000 Mk. absehen muß, wenn sich die Wirtschaftslage noch weiter verschlechtert. Lange debattiert wurde über den Antrag, eine Rach - tragsumlage von 6 Prozent auf die Real steuern zu erheben. Infolge erhöhter WohlsahrtSIasten sind 20 000 Mk. deS Kreisetat« ungedeckt. Da sich keine andere Deckungsmöglichkeit fand, muhte man zustimmen.
Sprechstunden der Mtvarhoii.
11.30 di» 12.30 Uhr. 16 Me 17 Uhr Samstag nachmittag gelchlosien
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Noch heute feiern wir Weihnachten mit Christ-* bäum und Geschenken. Wie 1900. Aber doch anders. Denn vieles hat sich geändert Vor allem der Geschmack. Uns gefällt so manches nicht, was damals Begeisterung erregte. In
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Jener Zeit wurde die Cigarette mit Mundstück „modern". Dem äußeren Schein zuliebe opferte man reinen Genuß. Dazu sind wir heute zu kritisch — zu vernünftig. Und deshalb rauchen wir gute Cigaretten nur noch ohne Mundstück.
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CIGARETTEN ™ ■ <
... selbstverständlich ohne Mundstück


