Ausgabe 
23.10.1930
 
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Nr. 248 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesten)

Donnerstag, 23.(Dftobet 1950

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Leuchtfeuer un der Wefermündung.

Oie Leuchtiurmbesahung wird abgelöst. - Harter O enst und wenig Schlaf. Zwei Monate in freiwilliger Verbannung.

Don Georg Klee.

Auf dem Dampfer sagt mir eine junge Mit­reisende: .Lieber zehn Jahre auf einem Kutter, als zwei Monate in einem solchen Verlieh. Man muh schon sehr menschenscheu sein, wenn man sich dahin bringen läßt. Sehen Sie sich diese Vier an. Wie die Verurteilten."

Ich sehe mir die vier Männer an und suche in ihrem Zügen nach dem Ausdruck der Niederge- schlagenheit. Sie esien gerade chr Frühstück und machen nicht im geringsten einen trüben Eindruck. Im Gegenteil, sie machen Späße über ihre Be­gleiter, die Passagiere, die sich hier auf dem Schiff in der traurigen Rolle der Gefangenenbegleitung fühlen. Es macht ihnen Laune, daß man sie bemit- leidet, um sie besorgt ist. Man schenkt ihnen, Zigar- ren und Zigaretten und läßt sich mit ihnen ins Ge­spräch ein. Denn diese vier hier auf dem Tonnen­dampferW e s e r" sind es, die die zweite Monate freiwillige Verbannung auf sich nehmen und die Mannschaft desLeuchtturmes in derWefer- Mündung ablösen. Allerdings führt dieser Ton- nendampfer auch noch andere wichtige Ladung mit sich: Proviant für Monate. Del und Betriebsstoff für die Maschinen und die riesigen Lampen. Aber am wichtigsten sind sie doch selbst, die Männer. Es sind Menschen mit großer innerer Ruhe und stäh- lernen Nerven.Unsinn" sagt der eine, man* Heb tert durch die kleine Tür, hinauf, hinab, hinab, hin­auf, dann putzt man die Lampen, bedient die Ma­schinen, beobachtet die Schiffe, notiert Funksprüche, telegraphiert, locht Essen, stopft seine Strümpfe, wäscht die Wäsche und wenn man nichts zu tun hat, schläft man halt. So vergeht ein Tag nach dem anderen und wenn am Ende das Ablösungsschiff kommt, fragt man sich: ist es wirklich schon wieder soweit? Dann fährt man nach Hause, amüsiert sich, bestellt die Zeitungen und schläft sich tüchtig aus."

Alles halb so schlimm, sagt man sich, wenn man das hört, und jeder ist wieder bei bester Laune. Nicht wenige haben sogar Lust, einmal mitzugehen, denn zwei Monate inmitten des Meeres, weit ent­fernt von dem hastenden Leben, der Politik, ohne Theater, ohne Straßenlärm, ohne Ein- und Vor­ladungen, ohne Besuche und Gegenbesuche, dos muh eine wahre Erholung sein. Als sich aber nach einigen Stunden der düstere Turm aus dem Grau der Weite abhebt, spürt man doch eine Art Beklemmung. Der steinerne Riese steht so einsam zwischen Himmel und Wasser. Man erinnert sich an die alten Ro­mane, deren Helden auf entlegene Eilande verbannt wurden und denkt an die Felsverliehe der Sträf­linge. Man hat einfach Angst.

Sellsam ist es, wie dieser Riese immer größer wird, immer näher kommt. Ein schwarzes Pünktchen bewegt sich am Rande des Turmes. Als sich die Konturen des Turmes abzuheben beginnen, sieht man cs durch den Feldstecher wie eine Ameise, die im Begriff ist, an der Mauer in die Höhe zu klet­tern. Erst später bemerkt man, daß es ja ein Mensch ist. Dieser Mann steht also schon seit Stunden da und wartet auf die Befreiung. Beim Näherkommen befürchten wir, daß die aufschlagenden Wellen ihn hcruntcrreißen werden, denn das Wasser ist vom Rand der Grundmauer des Turmes nur wenige Handbreit entfernt und keine' Einfassungsmauer schützt ihn. Aber der Monn scheint sich nicht zu rühren. Bei der Ankunft des Schiffes sieht man ihn winken. Boni Schiss ertönt ein schallender Ruf: Hallo!" Eine frische Frauenstimme ruft es.Hallo!" Hallo!" Am Geländer steht eine junge Frau im hellen Hut und flatternden Mantel und winkt mit

dem Taschentuch. Es ist die Frau des abzulösenden Wächters.

,Hoiho! Hoiho!" Auf dem obersten Rundgang des Turmes stehen drei Dtänner, noch oberhalb der ge- wattigen Lampen, uns sehen mit ihren Fernrohren zu uns herab. Ein Alter unter ihnen, ein ergrauter Seebär, hebt jetzt die Hand an die Mütze und grüßt die Ankommenden. ,Hoiho!" Eine frische Brise trägt den Freudenruf weiter. Jetzt stoppt das Schiff. Nur noch wenige Meter Zwischenraum sind zwischen ihm und dem Turm. Jetzt springt der Mann dort unten ins Wasser und schwimmt zum Dampfer. Wie schön scheint das, wie romantisch. Aber es verläuft alles viel weniger filmhaft. Nach dem Wiedersehen mit seiner Frau klettert er ruhig einige Stufen der eisernen Leiter hinauf, wirft ein Seil nach dem Schiff und verschwindet. Die Dame, die die allge­meine Aufmerksamkeit auf sich zog, läßt sich seelen­ruhig in einen Liegstuhl nieder und knabbert Scho­kolade. Jetzt ist man ganz ernüchtert, nachdem man vorhin noch gerührt und aufgeregt war^durch diese Szene, die als happy end in jedem Film einen Effekt erhascht hätte.

Auf die Frage, wer zur Besichtigung des Turmes mitkommen will, melden sich nur einige Mutige, denn die Treppe ist sehr unbequem und steil und übrigens ist ja von außen fast alles zu sehen: die riesigen Lampen, die Nebelhörner, das Rettungs­boot, hoch oben an einem eisernen Arm, die vielen Taue und Drahtseile und der hohe Mast auf dem oberen Rundgang. Ein Förderkorb erscheint in der Tür und schwebt zwischen Schiff und Turm. Zuerst kommt die Verproviantierung, dann die Ablösung. Ich klettere mit einigen Unentwegten die eiserne Treppe empor in den Turm.Nur nicht nach rück­wärts sehen", sagt ein Matrose zu mir, und die freundliche Mahnung hat zur Folge, daß man sich nun gerade gezwungen fühlt, nach rückwärts zu blicken. Es ist schaurig! Vierzig Meter über der be­wegten See. Es schwindelt einem direkt. Aber zum Glück bin ich nicht der letzte.

Im Wohnsalon des Turmes scheint es ganz ge­mütlich zu fein. Ein Haufen Zeitungen liegt auf dem Tisch. Allerdings ganz alte Nummern. Dafür aber musiziert und singt das Radio durch einen erstklas­sigen Lautsprecher und übermittelt die neuesten Nachrichten, die wir selbst noch nicht einmal ge­wußt haben, als wir vor einigen Stunden dos Schiff bestiegen. Ueber dem Radio hängt eine Wand­uhr und daneben eine Schere, und abseits, in die Mauer eingelassen sind die Betten. Ein Griff ein Bett! Einer schläft sogar noch. Er scheint sich recht wenig daraus zu machen, daß das Ablösungs­schiff angekommen ist. Einer seiner Kameraden muß ihn bei den Schultern nehmen:Georg, dieWeser" ist da!" Er reibt sich die Augen und entschuldigt sich.Man hat einen harten Dienst in diesem Leucht­turm und so wenig Zeit zum Schlafen." Wie ich erfahre, ist es mit der großen Ruhe auch hier nicht sehr weit her. Die vier Männer, die den Turm betreuen, die Lampen und die Funkanlage zu be­dienen haben, finden selten Gelegenheit, sich ordent­lich auszuschlafen. Es gibt zwar vier Betten, aber nie sind sie alle auf einmal besetzt Drei müssen immer wach sein. Zwar gibt es auch Mußestunden, in denen die Leute in ihrer kleinen Wohnstube zu- sammensitzen und sich durch Kaffeekochen, Strümpfe­stopfen und Kartenspielen unterhalten. Sonst aber verlangt der steinerne Riese jede Minute gespannte Aufmerksamkeit. Den schwersten Dienst hat der Mann im Funkzimmer. Dauernd laufen Berichte ein und Meldungen müssen erstattet werden. Im Leucht­

turm werden sämtliche vorbeikommenden Schiste nach Standort und Zeit notiert, und das ist heute viel einfacher als noch vor wenigen Jahren.

Der Alte läßt mich durch das lange, Fernrohr sehen.Dort vorne kommt einer, mein Herr", sagt er. Ich bin flanj enttäuscht, denn ich habe erwartet, daß er den Ruf ausstoßt:Schiff in Sicht!" ober doch mindestens das Schiss genau bezeichnet: Ein Dreimaster, ein Portugiese ober so etwas anderes Fachmännisches. Er erklärt jedoch alles wie ein Be­rufsführer, ber seinen Spruch schon taufcnbmal her- untergeleiert hat, was die große Nebelglocke für einen Zweck hat, wozu die Nebelhörner da sind, wie das Rettungsboot funktioniert, wie sich das Licht ber riesigen Lampen dreht und doch andere tech­nische Einzelheiten.

Ein Eindruck bleibt unauslöschlich: das kleine Ret­tungsboot, das am oberen Rande des Turmes an einem eisernen Arm hängt und hach über den Wel­len schwebt. In diesem kleinen Boot liegt die Mög­lichkeit der Befreiung, das Losgelöstsein aus dieser Verbannung. Eine abenteuerliche Geschichte schwebt mir vor über einen Mann, ber im Radio eine Nach­richt gehört hat, die ihn ongeht, und der erst nach 5 bis 6 Wochen das nächste Schiff erwarten kann. Er muß weg! Wenn er auch pflichtvergessen ist. Diese Vorstellung läßt mich nicht mehr ruhen und ich frage auf dem Rückweg den Alten, ob es noch nicht vorgekommen ist, baß einer ausriß unb mit bem kleinen Rettungsboot das Land zu erreichen suchte.Das man nid). Aber Leute haben wir schon gerettet mit bem Kahn. Mehr als ein Dutzenb!" Er zieht eine Uhr aus ber Tasche, eine alte goldene Uhr mit Sprungdeckel und sagt plötzlich:Eines Tages sahen wir einen kleinen Kutter mit den Wellen kämpfen, er war nahe am Kentern. Man winkte verzweifelt. Wir ihnen im Sturm entgegen; eine Frau und ein Mann waren drin. Die Frau schon halb tot, ber Mann auch sehr erschöpft. Wir brachten beide in den Turm und nach 3 Tagen holte das Schiff sie ab. Die Frau hat sich sehr gut erholt, sie half sogar in unserem Haushalt mit. Eine Stimme hatte sie wie eine Sängerin; die inter­essierte sich für alles und lächelte immer. Wir hatten uns alle sehr an sie gewöhnt. Später schickte sie jedem von uns eine goldene Uhr." Nachdenklich sieht er ins Weite und sagt:6ehen Sie sich diese Uhr an, daran können Sie sehen, sie war kein gewöhn­licher Mensch, diese Dame."

Aus ber Provinzialbauptstabl.

Gießen, den 23. Oktober 1930.

Oie pflege des kranken Kindes.

Don Or. meb et Phil. Trentiel.

Die meisten Mütter sind ohne weiteres imstande, ihr gesundes Kind zu pflegen. Wie soll aber die Pflege des kranken Kindes, die ganz andere An­forderungen stellt, durchgeführt werden? ES ist durchaus nicht nötig und häufig auch nicht mög­lich, eine gelernte Krankenschwester zur Pflege heranzuziehen. Die Mutter muß vielfach bis Pflege ihres kranken Kindes selbst übernehmen, sie nruh daher imstande sein, die ärztlichen QIn- Ordnungen richtig auszusühren.

Bei jeder Erkrankung sollte schon, ehe der Arzt gerufen wird, die Temperatur gemessen und aus­geschrieben werden. Das Fiebermessen ist immer im After des Kindes mit einem eingefetteten Thermometer auszuführen. Auch das Puls­fühlen oietet bei einiger Hebung keine Schwierig­keiten. Man sucht an der Innenseite des linken Handgelenkes durch Abtasten mit dem Finger die Schlagader und zählt eine Minute lang die Puls­schläge nach dem Sekundenzeiger der Hhr. Bei Fieber ist der Puls schneller als bei normaler Körpertemperatur; bei Herzschwäche ist er kaum zu fühlen. Bei allen Erkrankungen der Atmungs­wege ist auch auf die Atmung zu achten. Ge­

naues Zahlen der Atemzüge ist schwierig, wich­tiger ist cs zu beobachten, ob die Atmungbe­schleunigt" oderoberflächlich" ist. Wenn dia Aasenflügel sich beim Atmen stärker bewegen, ift dies meist ein Zeichen von Lungenentzündung. 3n diesem Falle sollte sofort der Arzt gerufen werden. Ein Kind, daS unter Lastmangel leibet, darf nicht flach auf dem Bücken liegen, womög­lich zugedeckt bis an die Aase; vielmehr bringt man cs in eine mehr sitzende Stellung, indem man das Kopteil des Bettchens hochstellt oder durch Keilkissen erhöht, ilntct die l chulter- blätter schiebt man eine zusammengcrolue Decke, das hohle Kreuz wird durch eine zweite Rolle gestützt, das 5vinn darf nicht auf der Brust lie­gen, weil so die Luströhre zusammengepreßf würde, sondern der Kopf soll leicht nach hinten, geneigt fein, die Arme sollten nicht unter der, Decke am Körper liegen, sondern werden über den Kops gelegt. Bei solcher Lagerung wird her Erfolg bald zu merken sein, ein eben noch müh­sam atmendes Kind wird bald leicht und ruhig Lust holen und nach wenigen Minuten einschlafen, besonders wenn dazu das Kind noch an das offene Fenster gestellt und ihm dadurch frische Luft zugeführt wird. .

Die Mundpflege ist bet allen Fieberkranken von besonderer Wichtigkeit. Aeltere Kinder kann man gurgeln lassen; z. B. mit Wasserstoffsuper­oxyd. Ein Teelöffel davon auf ein Glas Zucker- wasfer ist ein vorzügliches Mundwasser Bielo andere Lösungen leisten ähnliches. Kleinkinder sollte man reichlich gesüßten Tee, süßes Zitronen- wasser und andere Fruchtsäfte trinken lassen. Die übliche Zahnpflege wird natürlich fortgeführt. Aur bei schwer darnieder liegenden Kindern, die den Mund nicht spülen können, weil das Zahnfleisch sich mit Belägen und Borken bedeckt hat, wird man vorsichtig stark angefeuchtete, gestielte Watte­tupfer in den Mund einführen und ausdrücken, oder aber man spült den Mund bei vornüber­gebeugtem Kopf mit dem Strahl eines Oummi- bällchens aus. Lippen und 'Hafcncingang sind einzufetten, damit keine Borken und Einrisse ent­stehen. Die Lidränder werden ebenso behandelt.

Bei allen Pflegemaßnahmen sollte daS kranke Kind möglichst wenig berührt werden. Ruhe für den Körper und den Geist ist oberstes Gebot am Krankenbett. Dazu gehört auch die zweckmäßige Durchführung ärztlicher Berordnungen, als da sind Llmschläge, Klistiere, Arzneigaben usw. Hier darf nicht mit schematischer Gewissenhaftigkeit an dem Kinde herumgearbeitet werden.- Man fudx irr Gegenteil es mit Amsicht so einzurichten, daß dem Kinde die Ruhezeit ausgiebig verlängert wird. Einige Stunden ruhigen Schlafes wiegen vi schönsten Verordnungen auf. Zu diesem Zwecke halte man auch alle Reize vom Kinde fern, s.i es zu grelles Licht, fei es Llnruhe und Lärm durch Hinundherlausen, Türenklappen, Spreche:', Spielen u. dgl. Auf ärztliche Anordnung ma<nc man schmerzlindernde Llmfchläge, sei es mit Eis oder mit Wärme, aber alles mit Schonung. Bei t>em Verlangen nach körperlicher Ruhe ist vor altem auch an den Zustand des Herzens zu den­ken, das fast bei allen Infektionskrankheiten in schwere Mitleidenschaft gezogen sein kann.

Die Körpertemperatur des fieberkranken Kin­des ist nach Anordnung des Arztes zweistündig, dreistündig oder dreimal täglich, das heißt morgens, mittags, abends, mit dem Mim:» tenthermometer zu messen und die sestge- stellte Tenrperatur schriftlich aufzuzeichnc n. Die gegen das Fieber nötige Wasserbehandlung, bestehend in Bädern mit ilebergiefjung, abg' - kühlten Bädern, Einpackungen in Laken und Decken. Prießnihumschläge usw. wird der Arzt im Einzelfall anorönen. Bei kleineren Brustum­schlägen legt man das Kind auf die fertig zu­sammengefalteten älmschlagschichten und schlägt cs schnell darin ein. Bei größerer Ausdehnung macht man einen Kreuzverband mit feuchten und

Gießener Stavttheaier.

Johann Ltrmrtz:Tcr Zigeuncrbaron".

An Stelle der infolge von Erkrankungen Im Personal abgesehten Wiener GesangsposseEinen Iux will er sich machen" horten wir gestern abend als zweites Gastspiel der Vereinigten Operetten­bühnen Bochum-Hainborn denZigeunerbaron".

Operette ist gut und wird, wie der Besuch erweist, noch immer gern gesehen und gehört; aber es ist zu erwägen, ob man statt der zwar be­währten, aber doch schon reichlich abgespielten und verstaubten Operette alten Stils nicht lieber mo­dernere Werke ober gar Neuerscheinungen dieser Gattung ausführen sollte, die sich in Berlin oder in der Provinz bereits durchgeseht haben, und deren Auswahl wohl kaum Schwierigkeiten be­reiten dürfte. Mit demLand des Lächelns" wurde ja neulich ein ermutigender und begrüßens­werter Anfang gemacht.

Also derZigeunerbaron", in drei Akten (unb mit zwei ausgedehnten Pausen) von 2. Schnih - ter, Musik von Johann Strauß. Man konnte in Erinnerungen schwelgen, es war noch alles wie einst bis auf die kleinste Pointe unb den ältesten Kalauer. DerZigeunerbaron" mit seinem phan­tastisch-unmöglichen Libretto, mit dem berühmten Schatzwalzer im zweiten Akt, mit dem noch be­rühmteren Dompfaff (der uns getraut) samt der Rachtigall, den anzüglichen Störchen und ber Liebe, die eine Himmelsmacht ist,... mit dem Zi- geuncrlieb unb bem Werberlieb und dem Hoch­zeitskuchen (zu versuchen"), mit den fünftausend Schweinen unb den spanischen Kriegsabenteuern zu der Bodega ... wie einst im Mai.

Hebrigeng war die gestrige Aufführung In­szenierung: Direktor Theo Bachenheimer; am Dirigentcnpult: Kapellmeister Willelm Bachen- h e i m c r auffallend besser als beim ersten Gastspiel; vor allem musikalisch, im Orchester wie in den Solopartien, um einen vollen Grad. Sie» wirkte wie die erste Besetzung nach der zweiten; jedenfalls sehr erfreulich wenn s dabei bleibt.

Rein rcgicmäfjig war die Aufführung für un­seren Geschmack stellenweise etwas zu breit; aber die traditionelle Operettenregie läßt sich ja keine der einmal erprobten Pointen unb Intermezzi mehr aus ber Hanb winden, auch wenn sie noch so primitiv sind. Die Inszenierung zeigte sich übrigens auf opernhakte Aufmachung unb Aus­stattung bebacht unb sorgte für wirksame Ensem- bleszenen. Recht annehmbar auch die illu- siomstische Dekoration mit tiefem unb malerischem Prospekt. Die musikalische Wiedergabe des Wer­

kes war von lobenswertem Temperament getragen unb hatte für die Tutti-Einsähe und großen Akt­schlüsse einen stattlichen, wohldifziplinicrten Chor auf die Beine gebracht.

3n den Solopartien trugen den Löwenanteil des Erfolges davon: Peter Markwort, den einen Barinkah von beachtlichem stimmlichen For­mat herausstellte; und 3ba Bauer, die als Saffi besonders im zweiten Akt ihre gesanglichen; Qualitäten entfaltete; gut auch Otto Kraatz. in der noch immer dankbaren Rolle des Koloman Zcupan. Von den übrigen: Joachim Liman unb Hübe Diebecker (Ottokar; Arsena).

Freundlicher Beifall. hth.

Einkäufe in Teheran.

Don Prinzessin Marthe Libesco.

Wie im ganzen Orient übt jeher fein Gewerbe auf ber Straße aus. Der Schneider näht seine Kaf­tans, ber Schuster seine Pantoffeln, ber Parfümeur destilliert, ber Kupferschmied hämmert. Man nimmt an jedem Stück, bas man unter seinen Augen ge­schaffen unb geformt gesehen hat, weitaus größeren Anteil als an einem Artikel unserer europäischen Löben, der aus irgendwelcher abgelegenen Fabrik flammt. Es gibt nicht zwei absolut gleiche Krüge im Kramladen eines persischen Töpfers.

Mit unserer Kundschaft rechnet man nicht in den Läden, die für jedermann offen stehen. Allmorgend- lich lassen die stummen Diener, die nur unsere Zeichen­sprache verstehen, die seit lagesgrauen versammelten Kaufleute in unser Vorzimmer heraufkvmmen.

Dann spielt sich auf der Terrasse, woselbst ich zu empfangen pflege, ein eigenartiges Schauspiel ab. Erst hört man das Murmeln der Stimmen, an­genehm wie die Lobpreisung der Menge. Ein bit- tendes Werben; dargereichte Zierate, entfaltete Stoffe, jeder buhlt um meine Aufmerksamleit, sucht mir zu gefallen. Und ich fühle den schmeichelnden Stimmfall der Worte, die ich nicht verstehen kann.

Ich spiele die kalt Blasierte. Die Stimmen stei­nern sich eindringlicher, man gibt mir alles das; das sind Geschenke, weil man mich liebt.

Die Augen rollen in den hennarot bebarteten Ge­sichtern. Der Ausdruck in jedem einzelnen bemüht sich, nur noch anziehend unb uneigennützig zu sein.

Ihre Taktik zielt barauf hin, daß ich nach den Sachen langen soll, sie in die Hand nehmen, sei es auch nur für eine Minute. Sie wissen, daß wir uns schwerer von einem Ding trennen, das uns gefal­len hat, wenn wir es einmal berührt haben. Alle Vorzüge des Gegenstandes teilen sich den Fingern mit, Politur unb Feinheiten bes Musters, Schmelz des Elfenbeinemails, Basis unb Erhabenes bes Reliefs. Was die Freuben angeht, bie bas Bcfüh- len edler Stoffe mit sich bringt: bas Anschmiegen

der Seiden, so sind sie auch nicht mit Worten dar- zustellen, und die orientalischen Schlauköpfe oer- lassen sich ganz auf bie Empfindsamkeit ber Käufer.

Ein kurzes Schweigen ift eingetreten. Sie erraten, baß ich im Begriff bin zu reden. Sie kennen schon die Bedeutung ber Worte, bie ich sagen werde: Wieviel müßte ich Ihnen für diesen Schmuck geben?"

Lebhafter Widerspruch setzt ein, von weitaus­holenden Gesten begleitet, die bedeuten. Nichts, nichts; das, woran du Gefallen findest, gehört dir schon!

Was also wirklich?" Ich werde ungeduldig. Nach einigem Zögern mit unterwürfiger Stimme und wie um mir einen Gefallen zu tun, nennen sie die Summe. Auf den Rat eines unserer persischen Freunde hin biete ich ihnen ohne Zaudern den vierten Teil.

Mißtönende Wehklagen betäuben daraufhin unsere Ohren. Das sind Schmerzensschreie, Seufzer, Ver­wünschungen. Sie machen Miene sich den Bart zu raufen, sich die Kleider zu zerreißen.

Unser Freund ergreift das Wort. Er macht ihnen die Hälfte des Viertels der von Urnen geforderten Summe zum Angebot. Auf das Gejammer folgt ein Auflachen bes Irrsinns schon jagt er alle fort!

Die Halsketten bie Emailschalen, die Gürtel, bie goldenen und silbernen Dosen in einem Augen­blick verschwindet alles in den verfilzten Taschen, in den verdächtigen Mantelsäcken, bie es beherbergt haben.

Bald sind nur noch die Teppiche übrig, als Geiseln aus bem Boden zurückgelassen, weil sie zu schwer und zu viele sind

Zehn Minuten sind noch nicht vergangen, als sie alle, einer nach bem anbem, wieder hereinkommen, so, als wollten sie bie vergessenen Teppiche holen. Auf bem Nipptischch-n sind wie durch Zauberei die Metallarbeiten und bie kleinen Vasen roieber auf­geblüht; bie ganze Pracht von vorher ist wieder da.

In der von der Terrasie entferntesten Zimmerecke, den Buckel krumm, sind die Händler ganz davon eingenommen ihre Teppiche zu rollen. Jetzt ist für uns der Moment, ihre Ware ganz nach Gutdünken zu überprüfen. Mein Ratgeber macht mich auf einige Fälschungen aufmerksam. Es gibt unter der ganzen Auswahl wenig wirklich antike Stücke.

Auf ein paar Untertasten liegen kleine Häuflein ungeschliffener Edelsteine. Daneben gefaßter Schmuck, mit ausgesucht feiner Ornamentik, von der Art, wie ihn die Prinzen mit den dichten Wimpern besaßen, die auf den Lackschachteln dargestellt sind: Mantel- schließen, Beschläge. Agraffen, Eicheln aus Perlen, die man am Dolch trug. Auf einem Damastfetzen hingebreitet Gebetsketten, regelmäßig wie der Blü- tenftern einer Marguerite, jede aus acht Barock- perlen in Form eines Blüienblattes zusammen­

gesetzt, Saphire bilden den Mittelpunkt dieser Blü­ten, bie durch eine primitive ©Überarbeit eine der anderen vernietet sind. Eine Art Diadem, eine Hals­kette mit langen Gehängen, ein kleiner Gürtel, Finger- und Ohrringe.

Während ich mir mit all diesen Herrlichkeiten zu schaffen mache, hat sich mir langsam ein Mann ge- nähert, dessen Gesicht mir unter den anderen an­wesenden Masken entgangen war. Er murmelt ein paar Worte und zieht aus feinem Aermel einen abgegriffenen Beutel, den er auf den Tisch leert. Zum Vorschein kommt eine Halskette aus zwölf Smaragden, groß wie Oliven, voll Sprüngen und innerlichen Schäden, aber durchscheinend und grün wie Gletschereis. Diese Kette, aufgezogen auf eine derbe Schnur, gemahnt an den unvorstellbaren Luxus eines Heliogabal. Ich lasse sie durch meine Finger gleiten, unb jeder Smaragd Hingt kristallen an beim Anprallen an die benachbarten Smaragden.

Komm her, Mann mit dem verführerischen Rosenkranz! Ich kann dir nicht einmal bie Hälfte von dem Viertel dessen geben, was sie wert sind, deine grünen Kugeln nimm sie wieder. Aber was wirst du damit anfangen, armer Kerl? Nero unb Solimann sind tot, bie sie dir abgekauft hätten."

Ich wählte eine Karaffe, einen Spiegel, ein Stück Brokat und einige Türkisen, die das Geschenk dieses Morgens sein sollten. Vom Augenblick an, wo meine Wahl getroffen ist, besteht so scheint es meine Rolle darin, Gleichgültigkeit auch gegenüber den Dingen zu heucheln, die ich zu erwerben beschlossen habe. D.e Händler sind herangetreten: ,Los! Packt alles weg! Seid ihr noch immer da?"

Sie fühlen, daß unsere Strenge nicht allzu em ft gemeint ist. Ihr Gesichterschneiden wird lebhafter. Mit fünften Einwänden schnüren sie ihre Bündel, nicht ohne ein letztes Mal das Porzellan blinken, die Seide schimmern zu lassen. Langsam raffen sie ihre Schätze zusammen. Bei jedem Stück, das in der Versenkung verschwindet, stellt ihr Auge eine unter­würfige Anfrage.

Wir wollen nicht, daß ihr fruchtlos die Schwelle unseres Hauses überschritten haben sollt. Laßt diese Nargileh da; du die Schatulle für den Spiegel und jener dort die drei Türkisen und das orangefarbene Umschlagtuch. Und hier das eurige."

Das Geld flirrte auf bem Tisch. Es ist bie von uns in Vorschlag gebrachte Summe. Drei Hände mit rotgefärbten Nägeln lassen es blitzschnell verschwin­den.

Das ift zweifellos für meinen Diener? Aber ich wollte dir dieses Geschenk machen, Schahzadhe Hanoum!"

Sie gehen lächelnd davon, mit bem Rücken zur Tür, die Augen blank.

Wir haben dir schöne Geschenke gebracht, morgen werden wir mieberfommen, morgen um bit neue zu bringen!"