Nr. 170 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Mittwoch, 25. Zuli 1950
.üie Kurden in Vorderafken.
Die türkische Regierung hat soeben der Welt mitgeteilt, dah der neueste A u f st a n d d e r Kurden, die im Wilajet Mossul wohnen, bhihg niedergeschlagen worden sei. ist nicht bas erstemal, daß dieser "Dölkerstamm einen Aus. stand versucht hat. Zwischen den Kurden und den Türken besteht seit der Rachkriegszeit er- bitterte Feindschaft. Die jetzige türkische Ratio- nalitätenpolitik und die ungeschickte Kurdenpolitik Englands haben es zuwege gebracht, daß dieser Dölkerstamm, ähnlich wie früher die Armenier, in scharfem Gegensatz zu dem jetzt in Dorder- asien herrschenden St) ft em steht.
In der Vorkriegszeit yaben Türken und Kurden sich gut verstanden. Die Kurden spielten in der türkischen Armee eine hervorragende Rolle. Während des Krieges waren die Kurden eine wichtige Stütze des t ü r k i s ch e n. M i l i - t ä r s. Sie haben der Regierung der Sultane stets loyal gegenübergestanden. Da das Volk in den primitivsten Verhältnissen lebte, machten sich die nationalen Gegensätze noch nicht bemerkbar. Die Kurden lebten in der Raturwirtschaft und zeigten eine fanatische Religiosität. Der Rationalismus, der erst auf einer späteren Kulturstufe sich entwickelt, ist ihnen eigentlich noch heute fremd.
Als dann nach dem Kriege die alliierten Mächte an die Verteilung der türkischen Deute gingen, sollte ursprünglich ein kurdischer Staat unter englischer Oberhoheit gegründet werden. Er sollte das Wilajet M o s - s u l. einen Teil Anatoliens und das eigentliche Kurdistan umfassen. Aber Kemal Pascha verstand es. im Dertrag von Lausanne diese englischen Pläne zunichte zu machen, soweit anatolische Gebiete in Frage kamen. In Mossul selbst verzichteten die Engländer dann auch auf die Begründung eines eigenen kurdischen Staates. Sie unterstellten das Land vielmehr dem König Fei- s a l von Irak, auf dessen politische Gefolgschaft sie sich verlassen konnten.
Aber die kurdische Unabhängigkeit war einmal ins Leben gerufen und wirkte sich nun aus. Die Reibereien mit der Türkei kamen besonders daher. dah die anti-religiöse Haltung der kemalisti- fchen Regierung, besonders die Abschaffung des Kalifates, bei den Kurden lebhafte Protestaktionen hervorrief. Der erste große national- religiöse Aufstand, der im Iayre 1925 unter der Führung des Scheiks Said stattfand, wurde von den Türken nach monatelangen Kämpfen mit großer Brutalität unterdrückt. Der jetzige Aufstand betraf hauptsächlich die Gegend von Da- jazet und das Araratgebiet. Er stellt einen Ausbruch der Derzweiflung dar. aber es handelte sich doch um eine Teilbewegung, die von den Türken leicht niedergeworfen werden tonnte. Wiederum sind die Türken dabei mit der bekannten Grausamkeit verfahren. Immerhin aber ist die kurdische Bewegung keine rein türkische Angelegenheit, da das Kurdenvolk heute in vier Staaten, in der Türkei, im Irak, in Persien und in Rußland wohnt, so daß nur allzu leicht daraus schwere internationale Verwicklungen entstehen können, besonders wenn sich die sowjet- russische Propaganda der Kurden einmal nachdrücklicher anneymen sollte.
Taten für Donnerstag, 24. Juli.
Sonnenaufgang 4.11 iUjr, Sonnenuntergang 20 llljr. — Mondaufgang 1.34 Uljr. Mond- Untergang 19.46 Uhr.
1783: Simon Bolivar, der Befreier Südamerikas. in Caracas geboren — 1864: der Dichter Frank Wedekind in Hannover geboren; — 1908: der Maler Walter Leistikow in Berlin gestorben,' — 1920: der Schriftsteller Ludwig Ganghofer in Tegernsee gestorben.
Wirble ins Leben!
Vornan von Anna Zink.
älrheber-Rechtsschuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau. S.-QL
2 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Barbara mußte lächeln. Er war im Grunde immer noch der große Iunge und gute Kamerad wie in ihrer Kinderzeit. Lind sie mußte an eine kleine Szene denken. Sie hatte im Garten irgendeine Dummheit gemacht. Die Mutter war wutentbrannt aus dem Haus herbeigeeilt und hatte schon die Hand zum Schlag erhoben, als ihr plötzlich etwas Feuchtes. Kaltes auf den Racken fauste. Entsetzt hatte die Mutter aufgeschrien, und Bärbel war behend wie ein Kätzchen davvn- gehuscht. Die Mutter hatte nach dem feuchten Etwas gegriffen. Cs war tatsächlich eine dicke, schreckliche Kröte, die sie grauengeschüttelt weit von sich geworfen. Don allein pflegen Kröten ja auch nicht durch die Luft zu fliegen, und als sich Frau Cranacher umgeschaut hatte nach dem Missetäter, war dieser natürlich längst verschwunden gewesen. Aergerlich und scheltend war die Mutter ins Haus zurückgegangen. Im Flur des anderen Hauses, hinter der Tür hatte der kleine Reginald fast Bauchschmerzen vor Lachen über seinen Streich bekommen.
Reginald hatte, während Barbara dieser Erinnerung nachhing, sie von der Seite betrachtet. -Wie wenig sie sich verändert hat", dachte er bei sich. „Qiat ist es. als läge ein Schleier über ihrem Gesicht, und um den Mund ist ein harter -Zug. der mir nicht recht gefällt.“
-Wie hast du dir das Weitere gedacht?“ fragte er plötzlich, und der Klang seiner Stimme war härter und etwas spöttisch, was er eigentlich gar nicht wollte.
Barbara fuhr aus ihrem Sinnen auf. »Wie meinst du?“ antwortete sie und fand sich noch nicht ganz zurecht.
-Du bist es doch gewesen, die mich hierhergebracht hat. Was beabsichtigst du nun?“
Barbara Much stand schon wieder ganz in der Gegenwart. „Du sollst mir vor allem erzählen, was dich dazu gebracht hat, mich in dieser seltsamen Art und Weise kennenzulernen", drängte sie.
„Hör mal, Barbara, mir ist die Lust vergangen. hier sitzenzubleiben. Laß uns erst mal weiterfahren. Wie heißt eigentlich dein Mann, und wo lebt ihr?“
Dritter Ferienkurs der Landesuniversität.
Am Montagvormittag fand, wie gestern schon kurz berichtet, in der Kleinen Aula der ilni- versität die Eröffnung des diesjährigen Ferienkurses für Deutsche und Ausländer statt. Sie wurde durch eine Begrüßung der zahlreichen Teilnehmer und Gäste von Sc. Magnifizenz dem "Rektor Professor Dr. Brüggemann eingeleitet. Trotz des Reichtums gegenwärtig wirksamer geistiger Kräste aller Art und Richtung bemühe sich der KurS. die für die augenblickliche kulturelle Lage Deutschlands wichtigsten und formgebenden herauszu- stellen. Ferner wies der Redner auf die Bedeutung dieser "Veranstaltung für die zwischenstaatlichen Beziehungen hin und gab dem Wunsche Ausdruck, dah auch der diesjährige KurS in dieser Richtung reiche Früchte tragen möge.
Bürgermeister Dr. Seid begrüßte die Kursteilnehmer im Romen der Stadt Gießen und wünschte für den Aufenthalt in Dießen angenehme und wertvolle Tage.
Schließlich sprach als Kursleiter Professor Dr. W. Fischer, der unter Vergleich mit den Programmen der beiden ersten Kurse die Absichten des jetzigen nochmals näher beleuchtete.
Darauf begann der Kurs mit dem Vortrag von Prof. Dr. G o e h e über
„Da» Schicksal der deutschen Sprache in der Gegenwart".
Der Redner sagte u. a.: Grenzen und Geltungsbereich der deutschen Sprache sind in der Gegenwart schwer bedroht. Don den rund hundert Millionen Deutschen der Erde wohnen nur vierundsechzig Millionen im Deutschen Reich. In zwanzig von den dreißig Staaten Europas sind Deutsche von altersher seßhaft. Wir sind Staatsvolk außer im Reich auch in Oesterreich. Danzig. Luxemburg und Lichtenstein, Mitträger der Staatsgewalt in der Schweiz und der sowjet- russischen Wolgarepublik. In dreizehn europäischen Staaten sind die Deutschen Minderheitsvolk: in Belgien, Frankreich. Italien, Iugo- slawien. Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei, Polen, Litauen. Lettland. Estland. Rußland und Dänemark. Die deutsche Sprachgrenze läuft weit vor der staatlichen durch fremdes Hoheitsgebiet, und zwischen beiden Linien liegt breit und großenteils ungeschützt alter deutscher Sprachboden: Elsaß, Lothringen, das Saargebiet, Westpreußen, Danzig, Memel, Posen, Oberschlesien, Siebenbürgen, Kärnten, Steiermark und Südtirol. Was geht sprachlich in diesen Auhengebieten heute vor, was ist von ihrer sprachlichen Zukunft zu erwarten, wie können wir helfen? Diese Fragen sollen uns beschäftigen.
Der Rachmittagsvortrag von Prof. Dr. Schumann über das Thema
„Probleme und Wandlungen im Protestantismus der Gegenwart"
brachte folgende Gesichtspunkte: Der deutsche Protestantismus hat durch die politischen Ereignisse deS Iahres 1918 und 1919 die stärkste Wandlung seiner äußeren kirchlichen Gestalt seit seinem Ursprung erfahren durch das Aufhören des Summepiskopats der evangelischen Landesfürsten. Zwar kein Staatskirchentum im eigentlichen Sinne, wohl aber eine Form des LandeS- kirchentums. welche den Protestantismus seit seiner Entstehung umkleidet hatte, fand damit ihr Ende. Der deutsche Protestantismus hat diese Wandlung seiner kirchlichen Gestalt äußerlich überraschend schnell und ohne größere Reibungen vollzogen. Darüber hinaus hat der deutsche Protestantismus im Deutschen Evangelischen Kirchenbund eine bisher fehlende Form seiner Einheit gesunden und ist außerdem in bedeutsame übernationale („ökumenische") Bindungen eingetreten. Rach außen tritt innerhalb der geistigen Arbeit des Protestantismus am stärksten das Bemühen um die sozialethischen Probleme, insbesondere das Verhältnis von Kapital und Arbeitnehmer hervor. Die neuen kirchlichen Formen, in welchen sich der deutsche Protestantismus zunächst konstituiert hat. können nicht als endgültig betrachtet werden. Einerseits sind die politischen Umtoäl- zungen. welche zu ihnen geführt haben, selbst noch nicht abgeschlossen, anderseits entsprechen sie noch nicht den Gedanken, welche sich aus dem evangelisch-reformatorischen Kirchenbegriff für die äußere kirchliche Organisation ergeben. Die Besinnung auf das. was auf dem Boden der Reformation „Kirche" heißt, hat in der evangelischen Theologie der Rachkriegszeit mit Macht eingesetzt und zu deren völliger Reuorientierung geführt. Das Bemühen der Führer dieser Reuorientierung geht dahin, das ursprüngliche reformatorische Verständnis des Evangeliums von späteren nationalistischen, idealistischen und romantischen ■Uebermalungen zu reinigen und in seiner ungehemmten Kraft zu entfalten. Die Meinung, diese neue Theologie sei „kulturfeindlich"', ist ein Mißverständnis des Satzes, daß es sich allerdings in der Theologie selbst nicht um „Kultur" handelt. In ihrem Bemühen um ein Reuver- ständnis des christlichen Gottesgedankens sieht sich die protestantische Theologie auf Schritt und Tritt vor die Aufgabe eines neuen Wirklichkeits- verständnifses gestellt: damit gewinnt ihre Arbeit — abgesehen von ihrem eigentlich theologischen Ziel — unmittelbare Bedeutung für die Wandlungen in der Prinzipienlehre der gesamten Wissenschaft überhaupt.
Sürgenneisterwahl in Allendors a. d. Lda.
<5 Allendors a. d. Lumda, 21. Juli. Bei der gestrigen Bürgermei st erwähl machten von 836 Wahlberechtigten 737 Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Es' entfielen auf Post- af'iftent a. D. Friedrich Schneider 465 und auf Landwirt Ludwig Becker 258 Stimmen. Außerdem wurden noch 14 ungültige Stimmen abgegeben. Schneide r ist somit gewählt.
KreiSmeiflcrschaMchießen in Allendors.
Z A 11 e n d o r f a. d. L u m d a, 21. Juli. Noch den Bestimmungen des Reichsverbandes deutscher Kleinkaliberschühenverbände fand gestern das diesjährige Kreismeisterschaftss ch ieh endes Kreises Giehen-Rord auf dem hiesigen neuerbauten Schützenstand statt.
In der ersten Wettkampfklasfe (Iung- schühen von 17 bis 21 Iahren) nahmen drei Mannschaften, und zwar Lauter, Rüddingshausen
„Du hast recht. Wirt, zahlen!" rief Barbara. „Wie weit ist es nach K...?“
„Etwa fünfundsiebzig Kilometer", gab der Wirt bereitwilligst zur Auskunft.
„Schön, das können wir bequem in einer Stunde machen", entschied Barbara.
„Der Weg ist allerdings teilweise sehr schlecht, auch wird auf der Straße hinter unserem Dörfchen gebaut. Man muh vorsichtig fahren, wie mir Automobilisten gesagt haben."
„Gut, Herr Wirt. Fahren wir." Reginald half ihr in die Lederjacke. Sie setzte die Autokappe auf, zog die Handschuhe an und ging nach dem Wagen.
Reginald beeilte sich, nachzukommen. Er fand sie schon auf dem Führersitz.
„Darf ich den Wagen einmal fahren?" fragte er.
„3a, kannst du es denn?" fragte Barbara erstaunt.
„Sicher", entgegnete er ruhig. „Ich habe schon mehrere größere und kleinere Markenwagen unter den Händen gehabt.“
„lind bei welcher Gelegenheit?" fragte Barbara erstaunt.
„(Sott, das tut doch nichts zur Sache. Ich wollte damit nur sagen, daß du keine Sorge um deinen schönen Mercedes zu haben brauchst."
Sie machte bereitwilligst Platz, und er setzte sich ans Lenkrad.
„Du mußt mir bloß über den Weg Bescheid sagen, ich kenne mich hier nicht aus."
Er ließ den Wagen anspringen und fuhr los.
Barbara lehnte sich in die Polster zurück. Reginald fuhr gut, ganz glänzend sogar, das stellte sie bei sich fest. Trotz der Dunkelheit fuhr er mit großer Sicherheit und ziemlicher Geschwindigkeit, uird er ging mit soviel Schwung in die Kurven, daß Barbara beinahe eine leichte Beklemmung bekam. Wie ein geschmeidiges schönes Tier sauste der Wagen dahin.
„Du fährst großartig", lobte sie ihn mit ehrlicher Bewunderung.
„Wie lange hast du den Wagen schon?" fragte er dagegen.
„Ein Iahr.“
„lind hast ihn immer selbst gefahren?"
„3a, natürlich.“
„Als Frau verstehst du viel vom Fahren. Du muht nur noch mit etwas mehr Ruhe und Entspanntheit fahren, dabei aber ganz konzentriert fein. Rirgends drückt sich die Seelenver- faffung so unmittelbar aus wie gerade beim Autofahren,“ sagte er sachlich.
uyd Mainzlar, und vier Einzelschühen, und außerdem noch zwei 3ungschühen unter 17 3ahren, teil. Es schossen Lauter 272, Rüddingshausen 259 und Mainzlar 236 Ringe. Die Mannschaftsmeisterschaft fiel somit Lauter zu. Don den vier Einzelschühen schoß Hch. Wilh. Form- Hals aus QUIenfrorf a. d. Lda. 75 Ringe und errang somit die Kreismeisterschaft der gesamten ersten Wettkampfklasse. -Bon den beiden 3ungschützen schoß L. Kalber- l a h (Rüddingshausen) 71 und L. Mergolf von da 63 Ringe.
3n der zweiten Wettkampfklasfe (Schützen über 21 3ahre) beteiligten sich elf Mannschaften und zwei Einzelschühen. Hierbei errang Allendorfs Mannschaft mit 39C Ringen die Mannschaftsmeisterschaft, an zweiter Stelle stand Rüddingsbausen mit 363 Ringen und an dritter Stelle Allendorfs zweite Mannschaft mit 323 Ringen. Von den beiden Einzelschühen schoß Wilh. R e i n h a r d t (Allen- dors a. d. Lda.) die Einzelmeisterschaft mit 82 Ringen.
„Das habe ich noch nicht beobachtet." Sie kam sich wie ein kleines Mädel vor, das eine Lektion erhalten Hot.
„Wenn du mir nicht auf der Stelle erzählst, was du erlebt haft, dann springe ich sofort aus dem Wagen!" fuhr sie ihn an und trat energisch mit dem Fuß auf.
„Regen Sie sich doch nicht so auf, Gnädigste, es wäre schade um Sie", spöttelte er und fuhr ganz ernsthaft fort: „3a, interessiert dich denn das so sehr, kleine Barbara?"
Sie sagte nichts, und auch er schwieg eine ganze Weile.
„Weiht du, Barbara, du hast ein Recht, Aufklärung von mir zu fordern. Also: 3ch studierte erst einige 3ahre Philosophie, was mich nicht befriedigte, deshalb sattelte ich um und wurde 3ngenieur. Da meine alten Herrschaften von einem Bruder meines Vaters, der in Amerika als sehr wohlhabender Mann gestorben war, unverhofft zu Reichtum gekommen waren, konnte ich mirs leisten, ein paar Wagen xu. halten und selbst zu fahren. Daher meine Kenntnis. 3ch wollte eine größere Weltreise unternehmen, aber mein "Vater wurde plötzlich krank. Er ist jetzt gelähmt und führt ein armseliges Dasein in einer Anstalt. Lind meine Mutter — sie hatte immer ein schwaches Herz — ist vor Kummer darüber an Herzschlag gestorben. 3a, und was ■nun unser Geld anlangt — das hatte mein alter Herr verspekuliert in geradezu bewundernswerter Dämlichkeit. Er war eben schon halbwegs verrückt, man hat es nur nicht gemerkt. 3ch hatte nod> ein paar hundert Mark auf der Bank, war auch nicht gewöhnt, mich einzuschränken. Mit der Weltreise wars Essig. 3ch muh gefiebert, ich hatte meine Eltern für vernünftigere Menschen gehalten. Sie nahm mich etwas mit, diese Erkenntnis, dah sie auch ein paar armselige Menschen waren, durch nichts über dem Durchschnitt stehend.
Das Geld ging zu Ende. 3ch wollte eine Anstellung als Ingenieur finden, aber das war vergeblich. ES liegt mir auch verflucht wenig, ewig devot und ergebenft darum zu bitten, mich doch anzustellen. Ich glaube ans eine so wenig wie ans andere. Lind da sagte ich mir: Das Einfachste ist, es zu machen, wie du es ja nun am eigenen Leibe erlebt hast, Barbara. Dah ich gerade damit an dich geraten bin und dir wahrscheinlich Anangelegenyeiten bereitet habe, bas tut mir aufrichtig leid. Ich muh gestehen,' dah ich auf diese Komplikationen nicht gefaßt war, Wehr ist nicht -u sagen.“
Bei dem anschliehenden Pokal- und Decherfchiehen errang Vermessung So ber- sekretär S. Loy (Allendors a. d. Lda.l, mit 36 Ringen den ersten, IohS. Damm V. (Allen- dors a. d. Lda ), mit 35 Ringen den zweiten, und Schütze S e i f a r t (Homberg a. d. O.) mit 35 Ringen den dritten Preis.
Die beiden vom Verbände gestifteten Ehren- scheiben schob Schütze Feld dusch (Rüd- dingShausen).
Während deS Schiehens konzertierte bet autgeschulte Mandolinenklub Climbach auf dem Schützenplatz. Wenn auch die Höchstleistung deS Schiehens nicht ganz den Erwartungen entsprach, so konnte doch fcstgestellt werden, dah die Durchschnittsleistung sich gegen daS Vorjahr bedeutend gebessert hat und befriedigend war.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
tzc Klein-Linden, 21.3uli. Der hiesige Frauenverein unternahm am Sonntag einen Ausflug nach Marburg. Der Verein nahm am FrühgotteSdienst in der ehrwürdigen Elisa- bethenkirche teil, die am Rachmittag einer eingehenden Besichtigung unterzogen wurde. Auch dem schön gelegenen Schloh und seinen reizenden Anlagen wurde ein Besuch abgestattet.
£ Wieseck, 23. 3ult. 3n feiner gestrigen Sitzung befähle sich der Gemeinderat mit dem Voranschlag für 1 930. Bürgermeister Schomber hofft mit den vorgeschlagenen Sätzen auszukommen und somit von einer Erhöhung der Steuersätze absehen zu können. Rach dem vom Gemeinderat genehmigten Voranschlag ist für 1930 eine Ausgabe von 211 367,50 Mk. zu erwarten, denen eine Einnahme von 156 886,11 Mk. gegen- übersteht, so dah die Umlage 54 481,39 Mk. ergibt Die Umlage von 1929 war mit 53 000 Mk. festgesetzt. Die Sähe für Grundsteuer auf Gebäude und Bauplätze, Sondersteuer von bebautem Grundbesitz, Grundsteuer für land- und forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzte Grundstücke und Gewerbesteuer werden vom Kreisamt nach Prüfung des Voranschlags festgesetzt Dann wird der Gemeinderat die Sätze beschliehen, die jedoch die gleichen fein werden wie 1929.
rp Lollar, 21. Juli. Aus der jüngsten Gemeinderatssitzung ist u.a. mitzuteilen: Für die äußere Instandsetzung des Gemeindehauses in der Hauptstraße sind die Angebote eingegangen. Die Baukommisfion soll sämtliche Angebote zunächst einer Durchsicht unterziehen. Die Zuschlagserteilung behält sich der Gemeinderat vor. — Die Kanalisation der Bahnhofstraße mit Anschluß an die Kanalleitung der Hauptstraße ist nach Ansicht des Kulturbauamtes Gießen auf eine Länge von 50 Meter möglich. Die Kosten werden auf 1000 Mark berechnet. Es wurde beschlossen, zunächst die Bodenbeschaffenheit durch Probelöcher feststellen zu lassen. — Weiter gab der Bürgermeister Kenntnis davon, daß das Kreisamt Gießen den Verkauf des vorderen Schmauweges an die Buderusfchen Eisenwerke genehmigt hat. — In das (9 e • fallenenehrenmal auf dem Friedhof sollen die Namen sämtlicher Gefallenen, insgesamt 58, eingefügt werden. Die Kriegergräber sollen daneben noch besondere Steinplatten mit den entsprechenden Angaben erhalten.
s. Aus dem Busecker Tal, 22. 3ult Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war an Erntearbeiten nicht zu denken. Es ist unmöglich, zur Zeit mit den Erntemaschinen auf die aufgeweichten Aecker zu fahren, so dah auch nicht stark lagerndes Getreide in der ersten Zeit mit der Hand gemäht werden muh. Der s o - fertige Schnitt von Gerste und Roggen ist dringende Rotwendigkeit, da besonders Roggen durch die starke Lagerung mit jedem Tag neuen Verlusten durch Auswuchs ausgesetzt ist. Dieser Auswuchs ist bei Roggen stellenweise so stark, dah Getreide zur Saat und zur menschlichen Ernährung von diesen Ole dem nicht entnommen werden kann. Den
Barbara hatte aufmerksam zugehörl. Sie verspürte wieder einen feinen Stich in der Herz- gegend, wie im Anfang, als sie mit Reginald zusammengetroffen war.
„Qlber so was zu tun, ist doch unrecht", brachte sie endlich heraus. Sie schämte sich gleich darauf, da das ihre ganze Antwort war.
„Lieber Gott, dah die Welt so denkt, ist mir bekannt. Es gibt noch viel schlimmere Verbrechen, die sogar anerkannt werden, und um die weder Huhn noch Hahn schreit, wenn sie geschehen", sagte er ironisch.
„3ch — ich meinte das gar nicht so", stotterte Barbara, „ich...“
„3a, ja — ich glaube schon — 's ist auch zuviel verlangt, dah du, die wohlbehütete, reiche Frau für derlei "Verständnis hast. — Qlber nun bist du daran, zu berichten", fuhr er liebenswürdig fort. „Seit wann bist du denn verheiratet? And wie heiht du eigentlich jetzt?"
„Seit vier 3ahren..."
„Hast du Kinder?" fragte er weiter.
„Rein", sagte Barbara ruhig.
„So — so", meinte er gedankenvoll.
„Wünschest du dir keine?" fragte er weiter.
„Olein", sagte sie sehr beftimmt, „von dem Manne nicht."
Die letzten Worte hatte sie eigentlich nicht baAufeben wollen. Sie waren ihr entschlüpft. „Weshalb aber soll ers nicht wissen?" dachte sie.
„00) so", sagte er wieder, „ich verstehe. Qlbeti warum hast du ihn denn genommen?“
„Weil ich muhte." Sie schämte sich auf einmal im geheimen über diese ganz richtige Antwort, denn sie offenbarte da ihr Cheleben einem anderen. und im allgemeinen verschloß sie derartige Dinge in sich.
„So, so — die kleine "Bärbel mußte mal wieder was", sagte er ganz mitleidig und fügte hinzu: „Man appellierte natürlich an deine edelsten Gefühle: Kindliche Dankbarkeit usw. Richt wahr?“
„"Woher weißt du denn das?" sagte sie erstaunt und sah ihn mit großen runden Augen an,
„Das ist nicht schwer, sich das zu freuten“, lachte er jetzt.
„Du bist tatsächlich noch das kleine "Bärbel von ehedem."
„And heiße jetzt Much", setzte sie hinzu.
Dann schwiegen beide lange. In der Fern« tauchten Lichter auf.
»Ist das K. ?" fragte er.
.3a", entgegnete sie.
(Fortsetzung folgt)


