Nr. 170 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Mittwoch, 25. Juli 1950
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Furchtbares Einsturzunglück in Koblenz.
Tragischer Abschluß des Befreiungsfesttages. — Eine leichte Pontonbrücke stürzt unter der Last der vom Feuerwerk zurückströmenden Menschenmaffen zusammen.—Bisher 34 Tote geborgen.— Der Reichspräsident bricht feine Rheinlandfahrt ab.
Koblenz, 23. Juli. (IM.) Die Befreiungsfeier in Koblenz fand einen lief lrogifchen Abschluß. Als die Menfchenmasfen vorn Reuendorser Eck nach dem Vorort Koblenz-Lühel zurück- strömten, brach eine schmale Pontonbrücke, die über den Floß-Sicherheilshasen führte, zusammen. Elwa 100 Menschen, die sich auf der Brücke befanden, stürzlen ins Wasser. Gellende Hilferufe und lodevschreie Hangen weithin in die Dunkelheit, wo eben noch Begeisterung und Freude übet die großartige Beleuchtung geherrscht halte. Sofort eilten Feuerwehr, Schutzpolizei und hilfsbereite'Bürger hinzu. Die ine Wasser Gefallenen wurden zum Teil von den niederstür- zenden Balken erschlagen, zum Teil von den umkippenden schweren Ponton» unter Wasser gedrückt. Rur einige in der Rahe des Ufer» befindliche Personen konnten sich retten, andere wurden herausgefischt. 3m Fackelschein, der grausig über der Unfallstelle leuchtet, wird mit Schlepphaken und Flaschenzügen nach vermißten gesucht. Um 3 Uhr früh waren die Rellungsarbeilen so weit fortgeschritten, daß 38 Todesopfer geborgen waren. Die Arbeiten werden weiter sorlgesehl, da man befürchten muß, daß auch diese Zahl noch nicht endgültig sämtliche Opfer erfaßt.
An der Unsallslelle spielten sich herzzerreißende Szenen ab, da zahlreiche Einwohner des Vororte» Lützel nach vermißten suchen und ihre Angehörigen al» Todesopfer wiedererkennen, die in langer Reihe vorläufig am Rheinuser gebettet sind. Die Stadl ist von dem tragischen Ausgang der Be- fteiungefeicr aufs tiefste erschüttert und an Stelle de» Jubels, der im Laufe des Tages geherrscht hat, ist Trauer und Entsetzen sowie Mitgefühl für die Hinterbliebenen getreten, verfchiedentlich sind schon die Fahnen auf halbmast gesetzt worden. Der Polizeipräsident, der ursprünglich mit Rücksichl auf die Befreiungskundgebung die Polizeistunde vollkommen aufgehoben Halle, hat die Gaststätten sofort schließen lassen. Sämtliche Feierlichkeiten sind abgesagt. Die Pontonbrücke befindet sich am Flohhafen an der Mosel. Das Wasser ist an dieser Stelle etwa sechs Meter tief. Die Schwere des Unglücks ist zweifellos darauf zurückzuführen, daß sich in dem nächtlichen Dunkel die Leute in ihrer Todesangst gegenseitig anklammerten und in die liefe rissen.
Tiefe Bestürzung.
Trier, 23. Juli. (WTB. Funkfpruch.) Die Nachricht von dem furchtbaren Unglück, das einen so tragischen Abschluß der Koblenzer Defreiungs- feier bildete, würde hier erst in den ersten Morgenstunden bekannt und rief große De - stürzung und Trauer hervor. Die Stadt Trier steht in festlichem Flaggenschmuck. Die Mehrheit der Bevölkerung weiß noch nichts von dem Geschehenen und rechnet darauf, heute ihrer Freude über die Befreiung der Stadt von den Besahungstruppen und über den Besuch des Reichspräsidenten Ausdruck geben zu können. Die festlich geschmückte Stadt Trier uttd das trauernde Koblenz, das Fahnen bereits auf Halbmast gesetzt hat, geben einen erschütternden Gegensatz.
Auch in Koblenz selbst war die Nachricht von dem Unglück erst verhältnismäßig spät bekannt geworden, da die Unglücksstelle ziemlich weit außerhalb der Stadt liegt und das ungeheure Gedränge auf den Straßen jedes Dorwärtskorn- men zeitweise völlig unmöglich machte. Nur langsam konnten die ungeheuren Menschenmengen von Rhein und Mosel in die Stadt zurückströmen. Am Koblenzer Bahnhof z.D. spielten sich Szenen ab, die es notwendig machten, die Halle zeitweise zu schließen. Auch aus der Umgebung hatten sich riesige Menschen- massen in Koblenz eingefunden. Das User des Rheins war geradezu schwarz von Menschen. Die Stufen auf dem Obersockel des Denkmals am Deutschen Eck, jede Brücke, jedes Dach war dicht besetzt. Nur durch diesen ungeheuren Andrang ist ja auch das erschütternde Unglück inüglich gewesen.
Der Reichspräsident bricht die Rheinlandfahrt ab.
Hindenburg nimmt an einer Trauerkundgcbung trii Trier, 23.3ulL (ERB.) Bei der Stadtverwai- tung ist eine Mitteilung des Reichspräsidenten eingegangen, daß er infolge des furchtbaren Unglücks in Koblenz nicht in der Lage fei. bei den Feiern in Trier und Aachen ju erscheinen. Er werde lediglich heute noch an einer Trauerkundgebung in Koblenz teilneh- mcn und alsdann sofort nach Berlin zurück- k e h r e n. Der Reichspräsident hoffe jedoch, die Fahrt nach Trier und Aachen binnen kurzem nachholen Zu können.
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Oben links: Begrüßung Hindenburgs in Kreuznach, feinem Hauptquartier im Weltkriege. — Daneben Fahnenschwingen der Wiesbadener Turner. — Unten links: Beteranen bilden Spalier im Kurpark von Kreuznach. — Daneben: Der Schlußmann des großen Rheinland-Staffellaufs der Deutschen Turnerschast überreicht dem Reichspräsidenten den Stab.
Von Eltville nach Koblenz.
Der Kinder Willkomm am Deutschen Eck.
Koblenz, 22.Juli. (WTB) Reichspräsident von Hindenburg hat heute vormittag 8.15 Uhr mit feiner Begleitung Eltville auf dem Dampfer „Mainz" ve rla ssen. Der heutige Teil der Fahrt des Reichspräsidenten von Eltville bis Koblenz führte durch den schönsten und romantischsten Teil des Rheins. Obwohl das Wetter trübe und der Himmel bedeckt war, lag über dem Rhein F e st- tags ft immun g. An den Ufern, auf den Dampfern, überall haben Menschen sich aufgestellt, die seit Stunden darauf warten, ihren Hindenburg zu sehen. Kinder winken mit Tüchern und Fahnen, lieber das weite Wasser hinweg schallen die Hochrufe und mischen sich mit dem feierlichen und doch fröhlichen Klang der Kirchenglocken. An Rüdesheim oor- bei geht die Fahrt über Bingen, vorüber an all' den Orten, von denen man weiß, daß hier guter Wein wächst, vorüber an Aßmannshausen, an Lorch, wo mitten im Fluß auf der Toteninsel, die man bekanntlich für das Reichsehrenmal vorgesehen hat, hoch in der Luft eine schwarze Fahne weht, vorüber an Caub, am Loreleifelsen, auf dem im Morgenwind die Fahnen flattern, dann an St. Goar und Boppard, Niederlahn- srei n und der Mündung der Lahn vorbei. Als das Schiff sich Koblenz näherte, wollten die Hochrufe kein Ende nehmen. Immer wieder mußte der Reichspräsident vom Schiff aus winken und grüßen, und während der Dampfer langsam beidrehte, klang es über den Rhein „Deutschland, Deutschland über alles".
Nach der kurzen Begrüßung an Land kommt der ergreifendste Augenblick, den wir auf dieser Reise erlebten, als mehrere tausend Kinder an- heben zu dem Rheinlied Max von Schenckendorfss. In diesem Augenblick ist die Sonne heroorgekom- men, die alles in ihren Glanz taucht, und hell und klar schnüngen sich die Stimmen der Kinder zum Himmel empor. Man sieht es auch dem Reichspräsidenten an, daß er von diesem Eindruck tief ergriffen ist. Er schreitet dann die Front der Kinder ab, bittet den jungen Dirigenten zu sich und trägt ihm auf, den Kindern zu sagen, wie er sich über ihren Gruß gefreut habe. Während der Reichspräsident sich von den Kindern dicht umdrängt langsam zum Wagen begibt, um in die Stadthalle zu fahren, hebt wieder ein Hochrufen an, das nicht aufhören will, dann das Deutschlandlied wieder und immer wieder. Zu vielen Zehntausenden^ dicht gedrängt stehen die Menschen auf beiden Seiten der Straßen, durch die der Reichspräsident fährt. Es ist ein endloses Jubeln.
Der Festatt in der SIMM.
Koblenz, 22. Juki. (WTB.) Der Festakt in der Stadthalle nahm einen glänzenden und erhebenden Verlauf. Die große Halle war mit Blumen, insbesondere Palmen und Lorbeer geschmückt. Von den Wänden und von der Decke hingen die Farben des Reiches, Preußens und der Stadt Koblenz herab. Die Feier wurde eingeleitel mit einem Präludium,
das der städtische Musikdirektor Overhoff zu Ehren des Reichspräsidenten geschrieben hatte. Dann hielt der Dberpräfibent der Rheinprovinz, Dr. h. c. Fuchs, eine Rede. Schwerer Druck sei von der Rheinprovinz genommen; Not und Sorgen des Augenblicks hätten den Blick für die heroischen Leistungen unseres Volkes in den letzten 16 Jahren begreiflicherweise getrübt. Seien erst einmal die schlimmsten Folgen des Krieges und des Versailler Diktats behoben, dann werde hell strahlend auch bas zur Geltung kommen, was bie wehrlose Bevölkerung an Rhein unb Ruhr unter ber Besatzung erlitten, was sie mit einem starken unb geeinten Willen für bas Daterlanb erkämpft unb erstatten habe. Nach weiteren Ansprachen bes Oberbürgermeisters Rüssel unb bes Reichs- minifters v. Gusrard gab ber preußische
Ministerpräsident Dr. Braun
feiner Freube barüber Ausbruck, baß Reichspräsi- bent von Hinbenburg bie Mühe biefer Reife in bas preußische Gebiet auf sich genommen habe. Durch feine Teilnahme an ber heutigen Kunbgebung werbe bie geschichtliche Räumung ber deutschen Westmark vor ber ganzen Welt kunbgetan. Für die Abwehr aller Anschläge auf die Verbundenheit des Rhein- landes mit dem Reich fei bie Existenz bes preußischen Staatsoerbanbes von ent- scheidender Bebeutung gewesen. Für bie Zukunft ergebe sich bie Lehre, baß ber preußische Staats- oerbanb nicht eher gelockert werben bürfe, bis wir als einheitlichen Reichsoerbanb etwas völlig Gleichwertiges an seine Stelle zu setzen vermöchten. Der Ministerpräsibent gab zum Schluß ber Hoffnung Ausdruck, daß auch die Saarländer bald sich der Rückkehr in ihr Vaterland erfreuen möchten.
Zum Schluß sprach
der Reichspräsident:
„Saß ich heute hier in Koblenz mit Ihnen die Feier der Befreiung der Rheinprovinz von fremder Besatzung begehen kann, - ist mir eine ganz besondere Freude. Habe ich doch in Koblenz einst in glücklicherer Zeit unvergessene 2ah re verlebt, habe ich mich doch als Bürger und spater als Ehrenbürger Ihrer Stadt mit Ihnen allen stets verbunden gefühlt und deshalb mit besonders teilnehmendem Herzen das schwere Schicksal, das die Nachkriegszeit über diese schöne Stadt gebracht hat. mit Ihnen empfunden.
Auch am heutigen Tage gilt unser erstes Empfinden den vielen Opfern der langen Leidenszeit. Llnvergessen werden uns allen jene schweren Wochen unb Monate sein, da verräterische Clemente versuchten, rheinisches Gebiet vom Daterland loszulösen, und sich in einmütigem freien Zusammenschluß Dauern und Bürger, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Beamte und Stu- denlen zusammen fanden, um, obwohl waffenlos, diesen verbrecherischen Anschlag aus deutsches Land abzuwehren unb die Einheit des Reiches zu retten.
Llmkränzt von Dichtung und Geschichte ist uns der Rhein zum Schicksalsftrvm Deurschlands unb
zum nationalen Symbol geworden. Die harten Jahre der Rot, die heute nun hinter uns liegen, haben diesem Symbol neuen Inhalt gegeben; der Rhein ist noch mehr als je zum Wahrzeichen der deutschen staatlichen Einheit und unsere- Willen- xu r Selbstbehauptung geworden. Möge da- nun befreite rheinische Gebiet, das so lange in seiner staatlichen unb wirtschaftlichen Entwicklung gehemmt war, einer neuen Blüte entgegensetzen! Möge aber auch die staatliche Einheit, der wir heute freudig gedenken, ste t s vom Geiste der Einigkeit beseelt fein, der diese- Land am Rhein in feinen schwersten Tagen führte und zu dem befähigte, was wir heute dankbar feiern!
Die Lage in Aegypten.
Der König lehnt die Einberufung des Parlaments ab.
London, 23. Juli. (WTB. Funkspruch.) Der Korrespondent de- Daily Telegraph in Alexandrien meldet, König Fuad habe es endgültig abgelehnt, eine außerordentliche Tagung des Parlament- zu genehmigen, da das Kabinett der Ansicht sei, daß sie verfassungswidrig wäre. In allen Kreisen, auch in Kreisen der Aegypter, die nicht der Wafdpartei angehören, beobachtete man mit der größten Besorgnis die Tätigkeit der Wasdagenten in London. Wenn die britische Regierung ihre Haltung fortsetze, so werde dies wahrscheinlich zum Rücktritt Sidky Paschas und zur Rückkehr Nahas Paschas führen, was den Monarchen in eine unhaltbare Stellung bringen würde, und die könnte nicht vvrauszusehende Folgen nach sich ziehen. Es ist bezeichnend, daß die italienischeRe- g i e r u n g in London zu verstehen gegeben hat, sie werde vor der Entsendung von Kriegsschiffen nach Aegypten nicht zurückschrecken, fall- England nicht in ausreichender Weife für den Schuh der Ausländer sorgen sollte. Außenminister Henderson erklärte im Unterlaufe, daß die Ordnung in Aegypten wiederher g e st e l l t sei. Die ägyptische Regierung habe mitgeteilt, daß keine Notwendigkeit zu besonderen Schutzmaßnahmen für die Ausländer bestehe. — In Kairo und in den anderen Städten waren die Geschäfte am Dienstag größtenteils wieder geöffnet, doch werden an allen wichtigen Punkten vorläufig noch Truppen in Bereitschaft gehalten.
Hoover unterzeichnet den Klottenpatt.
Washington, 22. Juli. (WTB.) Präsident Hoover hat heute in feierlicher Zeremonie b i e Ratifikationsurkunde bes Lonboner Flottenabkommens unterzeichnet. Er sagte babei, es erfülle ihn mit großer Genug- tuung, baß biefe große Errungenschaft auf bem Gebiete der internationalen Beziehungen die gemeinsame Unter st ützung der beiden politischen Parteien Amerikas gefunden habe. Wenn auch die anderen Signatare den Vertrag ratifiziert haben würden, so werde das Abkommen den Glauben der Welt an die moralischen Kräfte des ehrlichen guten Willens und der geduldigen Verhandlungsbereitschaft gegenüber dem blinden Wüten von Argwohn und Wettrüsten erneuern. Es werde einen großen Fortschritt darstellen in der Richtung auf eine Verminderung der Lasten des Militarismus und auf dem Weye zum Weltfrieden. Der Vertrag lege den Grundstein, auf dem in Zukunft eine weitere konstruktive Verminderung aller Rüstungen in der ganzen Welt erreicht werden könne. Jedenfalls werde die Welt nunmehr die Ueberzeugung gewonnen haben, daß die Vereinig, ten Staaten keine aggressiven oder imperialistischen Ziele verfolgten.
Oer Kampf der Radikalen.
Berlin, 22. Juli. (END) 2n Stettin wurde auf den nationalsozialistischen Arbeiter Köhler von Kommunisten ein Mordanschlag verübt. Köhler war von der KPD. zur NSDAP, übergetreten und hatte in öffentlichen Versammlungen gegen seine frühere Partei Stellung genommen. Seine kommunistischen Freunde hatten erfahren, daß er sich in einem nationalsozialistischen Lokal aufhielt und lauerten ihm dort auf. Köhler wurde gewarnt und flüchtete im Auto zu feiner Wohnung. Die Kommunisten setzten ihm im Auto nach. Sie versuchten, in fein Haus einzudringen und gaben, als ihnen die- mißlang, mehrere Schüsse durch das Fenster und die Tür ab. Kohler selbst hielt sich inzwischen in der Nähe seines Hcrufes verborgen. Als et aus feinem Versteck herauskam, nahmen ihn die Kommunisten unter Feuer. Die Schüsse verfehlten jedoch sämtlich ihr Ziel. Der Hauptschütze, Kom- munist Priebe, konnte in Haft genommen werden.


