Ausgabe 
23.6.1930
 
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Nr. 144 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Montag, 25. Juni 1950

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

4 Aus dem Lumdatale. 21. Juni. Die Heuernte geht infolge der dufter(t günstigen Witterung allmählich ihrem Ende zu. Der Ertrag ist überall, was Güte und Menge des HeuS anlangt, alS sehr gut zu bezeichnen, ja in manchen Gemeinden kann man geradezu von einer Rekordheuernte sprechen. Was selten zu beobachten ist, konnte man in diesem Jahre sehen, Saft in der Mittagszeit durch die Dors- straften Heuwagenreihen sich bewegten und säst jeder Dauer mit zwei beladenen Wagen heim­fuhr. Ebenso sind auch grofte Mengen Klxeheu geerntet worden, die den Wintervorrat erheb­lich ergänzen, so daft unsere Bauersleute schon jetzt die Heuböden gefüllt haben. Die letzten Versteigerungen des Heugrases zeig­ten Preise, btc well unter denen des Vorjahres lagen. Für den Morgen Grasnutzung wurden z.T. kaum 15 Mark geboten und bezahlt. Der ®nmb für die äufterst niedrigen Dersteigerungs- ergebnisle ist darin zu suchen, daft, bedingt durch die günstige Witterung, in reichem Maße Klee zum Verfüttern zur Verfügung steht. Trocken gelegene Wiefen erbrachten die höchsten Erträge. Vis jetzt besteht nur geringe Nach­frage nach frischem Wiesenheu. Die Preise sind gering. Gegenwärtig werden für den Zentner 2 Mark beMhlt, an die Station geliefert.

Kreis Friedberg.

4 Ost he im, 21. Juni. Dieser Tage fand eine Besichtigung des hiesigen Molkerei- genofsenschastsgebäudes durch die Hörer des landwirtschaftlichen Instituts der Can- oesuniversität Gießen in Begleitung einiger Professoren dieser Fakultät statt. Sie wurden von dem derzeitigen Direktor der Molkerei empfangen. Anschließend wurden den Herren die gefaulten Anlagen Käserei, Butterberei­tung, Kühlanlagen, Schweinemästerei usw. eingehend gezeigt und von den Gästen gründ­lich besichtigt. Besonders sielen die außeror­dentliche Sauberkeit und die für einen solch großen Betrieb notwendigen, modernen hygieni­schen und maschinellen Einrichtungen auf. Direk­tor Bill gab im Verlauf der Besichtigung wertvolle und interessante Aufschlüsse über den inneren Betrieb des Genossenschaftsunterneh­mens. Er hob besonders hervor, daß gegenwär­tig eine sehr starke Milchbelieferung durch die Genossen vorhanden sei, was in der guten Futterernte begründet liegt. Der Milchpreis könne den Friedensmilchpreis nicht übersteigen. Die Molkereigenossenschaft, eine der größten in ganz Hessen, ist gezwungen, fast alljährlich Dcr- grofterungcn und Umbauten der vorhandenen umfangreichen Gebäude vorzunehmen. An­schließend besuchten die Hörer die Räume der Vereinsbank in Butzbach, da bei dieser mit Be­ginn des kommenden Monats die modernsten Buchungsmaschinen mit elektrischem Betriebe ver­wendet werden.

Krcis BüSiugen.

4 Ortenberg. 21. Juni. Am letzten Sonntag fand hier zur Feier des 90jährigen S ti f t u n g s j u b i um s des Gesang­vereinsFrohsinn" unter Beteiligung zcchlreicher Gesangvereine der Umgegend ein Sängerfest statt. Dem Feste ging ein Fest- fommer« voraus, an dem Sanges- und musi­kalische Darbietungen mit turnerischen Auffüh­rungen und Ansprachen wechselten. Am Sonn­tag predigte im reichlich ausgestatteten Fest- gottesdienst es wirkten die Feuerwehrkapelle, der Gesangverein ..Frohsinn" und ein Tenor» länger, Herr Appel. Büdingen, mit der

Turnen, Sport und Spiel.

Zubiläumsregaita in Sad Ems.

Bei schönem Wetter wurde am Sonntag die 50. Bad Emser Ruder -Regatta auf der Lahn ausgetragen. Den Entscheidungsrennen am Sonntagnachmittag gingen am SamStag- und Sonntagfrüh zahlreiche Dorrennen voraus. Aus Anlaft des Jubiläums sand am Samstagabend ein Begrüftungsabend und am Sonntagvormittag die Jubiläumsfeier statt.

Den sportlichen Haupterfolg der 1Z Rennen zählenden Veranstaltung buchte die Frank­furter R u d c r ge se l l sch a f t Germania durch ihren Sieg im Kaiservierer, wobei sie den von Kaiser Wilhelm I. gestifteten wertvollen Preis zum 2l.Male mit nach Hause nahm. Ger­mania Köln konnte in diesem Rennen die Frank­furter nicht gefährden, war aber im Ersten Achter in glänzender Form und siegte m ausgezeichneter Zeit vor dem Frankfurter RV. 1865, der den Juniorvierer über Dortmunder RG. gewann. In guter Form zeigten sich noch die Jung- inannen des RV. Bayer Leverkusen, die den Jungmann-Vierer und dritten Vierer gewannen.

Die Ergebnisse:

(Regatta-Strecke 2000 Meter), B-CBierer: 1. WSV. Deues 7:19.4; 2 RV. Bad Ems 7:23,6; 3. Cochemer RG. 7:25.6. Zweiter Vierer: 1. Kölner Club f. Wassersport 6:57,4: 2. RC.Germania Köln 7:03; 3- Rhenania Ko­blenz bei 600 Meter aut gegeben. Junior- ®iner: 1. Donner R V (Hahn) 7:36,6; 2. RV. Bayer Leverkusen lLausi 7:41,4; 3. WSV. Go­desberg (G. Arenzi 7: 44,2. Junior-Achter: 1. Rhenania Koblenz 6:31,6; 2. Dortmunder RG. 6: 49,4. Jungmann-Dierer: 1. Abtei­lung: 1. R.VBayer Leverkusen 7:07,8; 2. RG. Germania Köln 7:09. Mainzer RG. bei 600 Meter ausgegeben. Zweiter Achter: 1. Kas­seler RG. 7:26; 2. Bonner RG 7:29,3; 3. G i e- ß e n* r R G. (als erstes Doot wegen Behinde- rung ausgeschlossen) Hochschul-Vierer: 1. Institut für Leibesübungen der Universität Bonn 7:24; 2. Akad.Ruberclub Rhenus Bonn 7:32,4. Erster Vierer (Käferpreis): 1. Frankfurter RG. Germania 6:54. 2. RC Germania Köln 6:57; Kölner C. f. W- bei 1000 Meter auf ge­geben. Jungmann-Dierer: 1. RD. Bad Ems 7:23; 2. G ießener RG. 7:29; Wetz­larer RV. bei 1200 Meter auf gegeben. Zwei- ter Achter. 1. Kölner C s. W. 6:25,4; 2. RC, Germania Köln 6:26,2; 3. RG Trier 6:43. Leichtgewichts-Vierer 1. RV. Mainz- Kost heim-Gustavsburg 7:26,2; 2 Wetzlarer RC 7:29. Junior-Vierer: 1 Frankfurter RV- 1865 7:07; 2. Dortmunder RG 7:14,2, Bonner RG. aufgegeben. Jungmann-Achter: 1. ARC. Rhenus Bonn 6:35,8, 2. Mainz-Kasteler RG. 6:39. Dritter Vierer. 1- RV. Bayer 2er>erfufen 7:11; 2 RC Germania Köln 7:14 Erm u n terungs-Dierer: 1. Kölner RV 1877 7:27; 2. RG. Linz 7:35; 3- ARD. Bo-

russia Köln 7:45. Dritter Achter: 1. RG- TriLr 6:40; 2. Kölner RD. 1877 6:43; 3. Lim- burger RC 6:44 Erster Achter: 1. RC. Germania Köln 6:20,4; 2. Frankfurter RD. 1865 6:25.

Hertha-DSE. ist deutscher Fußballmeister.

Holstein Siel in Düsseldorf 5.4 (3:3) geschlagen.

Der deutsche Fußballmeister ist ermittelt. Nach viermaligen Versuchen ist es endlich dem Berliner Meister Hertha BSC. geglückt, auch den End- k a m p f um die deutsche F u ft b a l l m e i st er­schuf t endlich einmal erfolgreich zu überstehen und Hol st ein Kiel im Düsseldorfer Rhein- stadion mit 5:4 Toren abzusertigen. Es war ein überaus harter Stampf, den sich die beiden Finalisten lieferten. Bei der Pause stand die Partei mit .3:3 noch unentschieden und die Entscheidung fiel erst in den letzten Minuten, zu einem Augenblick, als Holstein Kiel durch eine allzu harte Entscheidung de? Unparteiischen Kuyenz (Essen) seinen Mittel- ftürmer Ludwig wegen Schiedsrichterbeleidigung hinausgestellt hatte. Die Folge war, daft die 40 000 Zuschauer fast geschlossen die Norddeutschen an- feuerten.

Der Kampf begann sensationell. Schon nach zwölf Minuten lautete das Ergebnis 2:0 für Holstein Kiel. Ein Strasstoft, hart an der Strafraumgrenze, wurde von Midmaier mit unheimlichem Schuft ver­wandelt und in der zwölften Minute konnte Nit- t e r den Ball durch zahlreiche Beine hindurch zum zweiten Male ins Berliner Tor befördern. Erst in der 21. Minute im Anschluß an die erste Ecke kam Berlin zu seinem ersten Gegentreffer, und zwar durch einen Nachschuft von Hanne v o b e ck. Vier Minuten später fiel, wiederum im Anschluß an einen Eckball durch einen Kopfball von Sobeck der Ausgleich. Aber Holstein Kiel ließ sich nicht ent­mutigen. Bereits in der 29. Minute konnten die Kieler durch einen erfolgreichen Schuß von Lu d - w i g erneut die Führung an sich reißen. Doch bis zur Pause glückte den Berlinern nochmals der Aus­gleich. Torschiitze war diesmal Lehmann.

Nach Wiederbeginn gab es in den ersten zwanzig Minuten fast durchweg nur Angriffe der Berliner. Lehmann schoß in der 23. Minute den Füh­rungstreffer. Bei Holstein machten sich Ermüdungs­erscheinungen bemerkbar, trotzdem konnten die Kie­ler allmählich den Kampf wieder offen gestalten. Es kam dann zu dem Zwischenfall mit Ludwig, der hinausgestellt wurde. Zwei Minuten später, gleich­sam als ausgleichende Gerechtigkeit, fiel unter dem Jubel der 40 000 der Ausgleich für Kiel durch einen Alleingang von Ritter Berlin sammelte seine Kräfte und erzwang auch in der 40. Minute die Entscheidung. Buch schoß nach einem Durchbruch unter dem sich werfenden Kramer zum 5. Treffer ein. Der Meisterschaftskampf war zu Ende.

OrtSgeistliche Pfarrer 2e ft in g über die Be­deutung des Liedes, zugrundelegend den En- gelShymnusHeilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande sind seiner Ehre voll". An der Gedächtnistafel wurde ein Kranz für die drei gefallenen Sangesbrüder niedergelegt. Bei dem Festakt auf dem Festplatz wurden ältere Mitglieder des Vereins in üblicher Weise ge­ehrt. Am Rachmittag bewegte sich ein statt­licher Festzug, in dem besonders die farbenfrohen Gruppen der Radfahrer und Turner auffielen, durch die Straßen des mit Fahnen und Girlan­

den geschmückten Städtchens nach dem Festplatz. Dort hielten Ansprachen Herr Pfeiffer na­mens des festgebenden Vereins, Herr Becker namens des deutschen Sängerbundes, Bürgermei­ster Pfeiffer namens der Gemeinde Orten­berg. Rach einem Massenchor trugen die einzel­nen Vereine Lieder vor. Am Montag fand im Rahmen des Festes das alljährliche I u gend - f e st statt mit Reigen und Singspielen der Schuljugend.

i. Bobenhausen I, 21. Juni, linier Kirch­spiel Schwickartshausen mit Dodenhausen, Bell-

muth und Eckartsborn ist seit dem 1. Juni ver­waist. Der 20 Jahre lang hier tätige Pfarrer 'Haumann ist in den wohlverdienten Ruhe­stand getreten und wohnt nun in Darmstadt, Die Gottesdienste sind nun vom Dekanat Ridda Io geregelt worden, daß sie teils von Rachbar­pfarreien, teils durch Lefegottesdienste gehalten werden Hoffentlich wird die Pfarrstelle bald neu besetzt, damit das kirchliche Leben wieder in ruhige Dahnen kommt.

Kreis Schotten.

= Groft-Cichen. 21. Juni. Die hiesige Molkereigenossenschast .Vogelsberg" konnte aus der diesjährigen Wanderausstellung der D. L. G. in Köln mit ihrerVogelsberger Gebirgskräuter-Süftrahm-Taselbutter" den 2. Preis und mit ihrem .Masfenkonsumkase" den 3. Preis erringen. Wenn man die scharse Kon­kurrenz der auf der Ausstellung au« allen deut­schen Gauen vertretenen 1228 Proben bedenkt, so sind diese Auszeichnungen für unsere hiesige Kleinmolkcrei gewift ein beachtenswerter Erfolg auf dem Gebiete der Edelproduktion des deut- fchen MilchmarkteS.

Krcis Alsfeld.

mr. Grebenau, 21. Juni. Dieser Tage wurde der beim Vaden in der Lahn um« Geben ge­kommene Ludwig Hölscher hier zu Grabe getragen. Eine Trauergemeinde, wie man sie nur selten sicht, gab dem Dahingeschiedcnen daS letzte Geleite. Die vielen Dlumen- und Kranz­spenden gaben Zeugnis davon, daft ein tüchtiger, flcifttger und strebsamer junger Mensch von un« gegangen «st. Er war hier und in Gießen durch seine Höflichkeit un feinen guten Charakter all­gemein beliebt. Man bringt den Eltern, die schon einen Jungen durch Blutvergistung «Insekten­stich) verloren haben, allgemeine Teilnahme ent­gegen.

Kreis Lauterbach.

& Lauterbach, 21. Juni. Gestern morgen wurde auf dem Bahnkörper zwischen Lauterbach und Angersbach die Leiche einer alten Frau aus Landenhausen ausgcstmden. Der Kops war voll­ständig vom Rumpfe getrennt. Die an Ort und Stelle vorgenommene gcrid)tli(i)e Untersuchung hat ergeben, daß die Lebensmüde, wahrscheinlich im Zustande geistiger Umnachtung auf diese Weise den Tod gesucht hat.

Lauterbach, 21. Juni. Hier wurde eine neue Drücke über die Lauter errichtet. Es sind somit in Lauterbach einschließlich der Provinzialstraftenbrücke in der Straße nach Fulda «Ortsausgang nach Angersbach) insgesamt sechs befahrbare Drücken über die Lauter vorhanden. Die neue Brücke, die zwischen der Bleichstraße und dem Kreisamtsweg errichtet wurde, entspricht einem lange gehegten Wunsche der Bewohner des östlichen Stadtteils und stellt eine gute Ver­bindung zwischen der Dahnhosstrafte und Linden­strafte her. Der neuzeitlichen Entwicklung des Verkehrs ist somit in vorbildlicher Art und Weise Rechnung getragen worden. D>e Herstel­lung der neuen Drücke erfolgte ganz in Eisen­beton. Die lichte Spannweite beträgt 11 Meter. Zur Herstellung der Pfeiler, Fundamente und Widerlager wurden etwa 90 Kubikmeter Stampf­beton her arbeitet. Außerdem wurden insgesamt rund 5400 Kilogramm Rundeisen und 70 Kubik­meter Eisenbeton eingebracht. Die Brücke, an der zur Zeit noch die sichtbaren Flächen schar- riert werden, konnte bereits am diesjährigen Prämienmarkt (4. Ium) dem Verkehr übergeben werden. Am 25. März wurden die Arbeiten aus­genommen. Die Arbeitsausführung erfolgte fach­männisch einwandfrei und in zufrieden stellen der Weise durch die Firma Hermann Hardt (ßau- terbach). Die Bauleitung wurde von Oberbau­sekretär Braun ausgeführt.

Die Sünde her Renate Mercandin.

vornan von Fred Ttelms.

1 Fortsetzung Nachdruck verboten

Wie cm Falke spähte Griebenow. Endlich kam Bewegung m die Menfchenmauer. Dom hatte jemand feinen Sitz verlassen. Hastig drängte Griebenow nach dort. Runmehr stand er in der zweiten Reihe an der Sesselrückwand vor dem Tisch.

Griebenow nahm einen Hundertfronkschein aus der Tasche und setzte. Die kleinen Rechen der Croupiers sausten über die Tableaus. Geld und Scheine wurden von den Rummem und den Chancen auf der anderen Seite eingezogen. Grie- benows Einsatz hatte sich verdoppelt.

Er ließ beide Scheine liegen. Jemand stieß ihn seitwärts. Im Gedränge kämpfte Griebenow um seinen Platz. Endlich stand er wieder Blitzschnell suchte er nach seinem Einsatz. Seliger Schreck durchfuhr ihn. Ohne Zweifel hallepasse" bereits zum viertenmal geschlagen. Statt der beiden lagen sechzehn Hundertsranncheine auf der Chance passe.

Minutenlang versuchte Griebenow die Zahlen aufzurechnen. Hundert 'Franken mal sechzehn .. hundert Franken mal sechzehn ... Es gelang ihm sonderbarerweise nicht. Der Herr im Sessel vor ihm halle jetzt en pleiu gesetzt. Er placierte tausend Franken auf der roten Drei. Griebenow schob ohne viel zu überlegen seine sechzehn Scheine diesem Einsatz nach. Die Roulette wirbelte. Die weifte Kugel tanzte ... sprang ... veränderte ihr Ziel. Lllle Dinge auf dem grünen Tisch be­gannen sich vor Griebenow zu drehen. Irgend eine wesenlose, eintönige Stimme rief die Chance, die gewonnen hatte. Jemand rechts von Griebe­now in dem Gedränge sagte: Fünfunddreiftig- sach der Einsatz."

Sonderbare Rebel sperrten Griebenow den klaren Blick. Wie durch Schleier sah er einen großen Stapel lilazarter Scheine auf die sechzehn Hundertfrankscheine flattern. Plötzlich ohne klare Regung des Bewußtseins beugte er sich vor und stopfte die zerdrückten Scheine in die Taschen.

Runmehr drängte er sich durch die Menschen­wand nach rückwärts. Er setzte sich auf eine ab­gelegene Bank. Er mühte sich, die Summe zu er­rechnen, die er in der Tasche hatte. Es gelang ihm, zu ermitteln, daft er auf der Chancepasse etwa zweihundertfünfundsechzig deutsche Mark ge* Wonnen haben mußte. Danach kam die rote Drei. Fünfunddreiftigfach den Einsatz. Fünsunddreiftig

mal zweihundertfünsundsechzig .. .1 Griebenow begann der Kops zu schmerzen

Plötzlich hatte er das Empfinden, daß ihn jemand ansah. Er hob seinen Kopf. Es war der Herr, der gestern abend mit der blonden Dame in dem Restaurant Paris am Rebentisch gesessen hatte. Die Blicke beider kreuzten sich. Ein Blitz durchzuckte Griebenow Welch Zusammentreffen! ES war der gleiche, hinter dessen Sessel Griebe­now soeben am Roulettetisch gestanden hatte.

Griebenow schob seine Frankenbündel in die Tasche und erhob sich. Der große elegante Fremde drehte sich im gleichen Atemzuge nach der Tür und schlenderte in einen andern ©aal. Griebenow entschloß sich, ihm zu folgen.

Die Spieltische waren dort um die Mittagszeit verhältnismäßig leer. Ein paar Sessel an dem Tischrand standen frei. Der Herr, dem Griebenow gefolgt war, hatte sich gesetzt. Griebenow nahm kurz entschlossen auf einem eben frei gewordenen Sessel Platz.

Zwar diskret, doch immer wieder wie mag­netisch von dem Blick der harten, grünen Augen angezogen starrte Griebenow sein Gegenüber an Er hatte unklar daS Empfinden, daß fein Schicksal sich mit diesem Mann verknüpfte. Der Fremde sah dem Spiele eine Weile zu. Danach zog er tausend Franken aus einem Bündel Kas­senscheine und setzte Rot. Im nächsten Augenblick schlug Schwarz. Der Rechen des Beamten zog die tausend Franken ein. Wieder setzte jener tausend Franken auf Rot Wieder schlug Schwarz. Unentwegt, mit dem unbeirrten Gleichmut dessen, der Verluste und Gewinn nicht achtet, bepflasterte der Fremde immer wieder Rot mit tausend Franken. Ohne Hntcrlaft schlug Schwarz Schein­bar gab es keine andere Farbe wie dies unheil­volle Schwarz. Unaufhörlich klang es aus dem Munde des Tailleurs: _Rot verliert und Schwarz gewinnt." Etwa zwölf- bis dreizehnmal hatte Schwarz geschlagen. Die Serie riß nicht ab. Tolle Sache ... dachte Griebenow. Er hatte das Ge­fühl. al- sei er mit dem andern, der fein Geld verlor, durch ein geheimnisvolles Band verbun­den. Er fing am ganzen Leib zu fiebern an. Wie­der spürte er das sonderbare Zucken in den Fin­gerspitzen. Es war Zeit. Irgend etwas muhte jetzt geschehen. Es war unmöglich, länger zuzu­sehen ohne mitzusetzen.

Griebenow warf einen Tausendsrankschein auf Schwarz. Im nächsten Augenblick schlug Rot. Ter Rechen des Beamten zog den Tausendfrank- schein Griebenows an sich heran. Der andere auf der Gegenseite hatte tausend Franken ge­wonnen.

Griebenow verdoppelte den Einsatz für Schwarz. Roch einmal schlug Rot. Viermal taufend Fran­ken setzte Griebenow zum drlltenmal auf Schwarz. Lind 3um drittenmal schlug Rot.

Mit einem Schlage hatte Griebenow die Rer-

ven wieder in Gewalt. 'Alles schien ihm hing jetzt an der Ruhe und Besonnenheit. Son­derbarerweise setzte sich der Glaube in ihm sest, daß, wie eben duhend Male Schwarz geschlagen hatte, nunmehr eine Lange Serie Rot beginnen würde. Ohne Zweifel lag er auf der falschen Farbe. Schluß mit Schwarz. Es war die aller­höchste Zeit. Griebenow griff in die Taschen. Alle Scheine, die er mit den Fäusten packen konnte, warf er kurz entschlossen auf Rot.

Da, mit einem Male, war die kurze Serie Rot beendet. Wieder schlug Schwarz. Einen Herzschlag später stand der Fremde auf der Gegenseite auf. Wieder kreuzte sich sekundenlang fein Blick mit dem von Griebenow. Der Fremde lächelte ein wenig und verbeugte sich.

Cs war wie Hohn.

Grenzenlose Scham und Wut erfaßten Griebe­now. Roch immer stand der andere drüben an dem Tisch und sah ihn an. Griebenow nahm alles, was er noch an Scheinen in den Taschen finden konnte, ilnbebenflid) setzte er den Rest des Geldes auf Rot. Er wußte kaum mehr, was er tat. Eine letzte Regung des Bewußtseins sagte, daft jetzt Rot noch einmal kommen würde .. . kommen müsse ... müsse Er würde sich nach dieser Coup erheben und den Saal verlassen.

Griebenow sah wundelich entrückt ins Leere. An dieser Färbe hing fein Leben, Glück und Ehre oder Tod Wirre, irre Brider zuckten durch sein Hirn. Griebenow griff nach der Tasche, um das Spitzentuch der blonden Frau zu suchen.

In diesem Augenblick wurde verkündet, daß Schwarz gewann. Das war der Tod.

Griebenow erhob sich. Sein Gesicht war grau. Er ging langsam, schwer und müde, so als ob er Ketten an den Füßen trage, durch den Mittel­saal zur Vorhalle. Er blieb stehen. Dreiftig mächtige Säulen standen dort wie eine Ehren­wache. Damen vornehmster Gesellschaftskreise pro­menierten neben Kokotten und Koketten, von der feuerblutdurchpulsten Portugiesin bis zur kühlen Lady.

Griebenow vergrub die Hände in die Taschen feines Anzugs. Eisiges Frieseln lief den Rücken abwärts. Er ging weiter.

Boulevards und Promenaden waren dicht be­lebt. Palmenwedcl überdachten Blumenbeete und Parterres. Kaskaden streuten goldene Wasser- perlen durch die Lust, Geigen sangen.

Wieviel Schönes bot die Wells

Griebenow ging langsam weiter und bog rechts. Immer stiller, menschenleerer wurde es um ihn herum. Die Sonne hing als riesenhafter, feuer­roter Ball am Himmel und schloß Flammen- Pfeile.

Ilmranft von Rosen und den lila Blüten der Bougainvillen, zwischen blüfteniten Orangen- und Olivenhainen, zwischen Dolden und Mimosen lag der Park. Durch die blaue Luft zog Blütenrausch

von Hyazinthen, von JaSmin und Tuberosen, von Rarzissen und Levkojen.

Griebenow hielt an. Reben feinem Weg stand eine Bank. Er setzte sich

Er saft in sich zurückgezogen Gin Zustand dumpfer und verzweiflungsvotter Müdigkeit be­fiel ihn. Rur das Herz schlug rasend. Er schloß die Augen. Lange saft er so. Minuten ... Stun­den ... Jedes Zeitmaß fehlte. Die Sonne hatte den Zenit erreicht und sank.

Einmal raffte er sich auf. Er suchte eine seiner schweren Zigaretten, steckte sie in Brand. Die Bäume rauschten. Rote Rosen hauchten schwüle Düste. Letzte Sonnenkringel tanzten in dem Laub, um dann kraftlos zu verblassen. Immer tiefer fiel der Abend.

Gestalten zogen schemenhaft an Griebenow vor­bei. Längst verblaftte Bilder standen auf verwelkte HosfnungSblüten und verdorrte Wünsche.

Wie an Perlenschnüren reihte sich Geschehen nach Geschehen seines Lebens vor ihm auf. Von der Kindheit an bis heute, wo der Faden abgc- laufen war <So bedeutungslos schien alles, was man einst erhofft, ersehnt, erträumt. So gering und winzig alle Freuden, alle Leiden, alles das, worum sich eine Menschenexistenz gedreht. Aber eine über alle Maßen schwere Wehmut lag auf diesen fernen Dingen ... eine müde Trauer, die die letzte Träne löste.

Schluß damit.

Griebenow nahm die Pistole aus der Tasche. Hob sie hoch und lieft sie wieder fallen. Furcht? ... Rein.

Die Worte Wallensteins durchzuckten fein Ge­hirn.

Von allen Wundern, die ich je gehört, scheint mir der Wunder größtes, daft sich Menschen fürchten,

da fie doch fefjen, der Tod, da« Schicksal aller kommt, wann er soll."

Fertig! Die Pistole war entsichert. Griebenow hob die Waffe, öffnete den Mund. Die kühle Mündung der Pistole flirrte on den Zähnen. Da fiel in hohem Vogen die Waffe seitwärts in die Büsche. Der Schuß entlud sich in die blaue Luft. Sein Herzschlag stockte. Eiseskälte schauerte durch alle Glieder. Sein Gesicht war leichenblaß ge­worden.

Guten Abend! sagte eine Stimme wie au« einer andern Welt.

Griebenow sah auf. Vor ihm stand ein Mann ... ein Herr ... schattenhaft im fahlen Monde. Seine Tlugen glühten wie zwei grüne Steine. Dann kam wied^ eine Stimme durch die Rächt ... eine leicht nasale Stimme, die auf selt­sam harten, starren Flügeln schwebte.

Kommen Sie, mein Herr. Ich muh Sie kurze Zeit allein sprechen."

(Fortsetzung folgt.)