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llr. 94 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 25. April (950
Jugend und Hochschule.
Das Kind in Paris.
Don Frieda (Senget.
e3m Kinde offenbart sich am deutlichsten die innere Verwandtschaft de-. Rationen!" Dieser AuSspruch trifft wohl am ehesten für die Kleinen und Kleinsten zu. deren Freuden und Leiden wirklich auf der ganzen Welt die gleichen zu fein scheinen. Wenn das französische Kind noch in den Windeln liegt und fein erstes „Maman“ schreit, könnte man es ebensogut für ein deutsches halten. Erst wenn eS älter wird, drückt ihm die Erziehung und die Litte den charakteristischen Stempel seines Dolles auf.
So ^eigt auch schon das Pariser Kind die typischen Eigenschaften der Menschen, die diese Stadt ihre Heimat nennen. Es ist sehr lebhaft und frühreif und seht einen sehr dicken Kopf auf, wenn cs gilt, seinen Willen durchzusehen. Auch fühlt es sich den Erwachsenen hier wohl früher gleichberechtigt als anderswo. Daher bemerkt man in Paris allerorts, daß man den Wünschen und Vergnügen der Kinder säst in dem gleichen Maße Rechnung trägt wie denen der Drosten.
Das Leben und Treiben der kleinen Pariser spielt sich zum großen Teil in den herrlichen Parks ab, die diese Stadt aufweist. 3m „Bois dc Boulogne“ oder im „Jardin du Luxembourg“ sieht man sie auf Eseln reiten, in winzigen Ziegenfuhrwerken herumkutschieren oder sich anderweitig belustigen. So trifft man die kleinen Pariser Damen, wie es ja auch im Mode- zentruw der Welt nicht anders zu erwarten ist. meist bei ihrem Lieblingsspiel, dem Kleiderkaufen". Sie bemühen sich hierbei mit großem Geschick, die große Dame zu spielen, und sind Meister der Zungenfertigkeit, wenn sie eine ungeschickte .Verkäuferin" oder „Mannequin" zurechtweisen.
3m Gegensatz zu unseren Großstädten vermißt man in den Pariser Parks und Promenaden die vielen Sandspielplähe. Vielleicht will sich der Pariser, der auf das Repräsentative ein sehr großes Gewicht legt, seine schönen Parks nicht durch solche Anlagen verunzieren. Dafür sieht man aber die kleinen Pariser mit um so größerem Eifer um die flachen Decken der zahlreichen Springbrunnen sitzen. Sie lassen dort kleine Schiffchen schwimmen und segeln, die sie sich meist selbst sehr geschickt angefertigt haben. Solche Schisse kann man aber auch von einem alten Invaliden, der immer in der Rahe der Vrunnen zu finden ist, für Stunden entleihen.
Desonders anziehend find für die kleinen Pariser auch die „Champs Elysees“ Dort finden wir in der Rähe des Grand Palais die beiden berühmten Kasperle-Theater, die jedes richtige Pariser Kind kennt und oft besucht. Auch die bekannte Briefmarkenbörse der Pariser 3ungen findet an bestimmten Wochentagen hier statt. Angebot und Rachfrage sind an dieser „Dorfe" immer ganz besonders stark, weil das Brief - markensammeln zu den Lieblingsbeschäftigungen der kleinen Pariser gehört.
Aber das Wichtigste für die Pariser 3ungen ist natürlich der Sport. Dafür zeigen sie sogar ein noch größeres 3nteresse als unsere deutschen Kinder. Auch begnügen sie sich nicht mit einer regen passiven Teilnahme an allen großen Sportveranstaltungen, an denen es selbstverständlich auch in Paris nicht fehlt, sondern tragen ihre eigenen Wettbewerbe auf allen Gebieten aus. So gibt es unter anderem alljährlich in Paris Autorennen, an denen nur Kinder bis zu einer gewissen Altersgrenze teilnehmen können. Diese Kinderautomobile werden von mehreren großen Firmen fabriziert und haben eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern.
3ntereffant ist auch die große Wißbegierde und Anteilnahme des Pariser Kindes, Die dieses allen aktuellen Fragen des Tages entgegenbringt Daher finden wir unter den kleinen Parisern viele Leseratten, die alles verschlingen, was ihnen in die Hände kommt Man muß oft staunen, was so ein kleiner Zehn- oder Zwölfjähriger schon alles gelesen hat, meist jedoch, ohne es verdaut zu haben. Auf der Straße sieht man vielfach Kinder, die sich die neueste Abendzeitung oder die letzten Rcnnberichte kaufen, die sie mit der gleichen Sach-
Die Gemeinschaft als Grundlage des seelischen Wachstums.
Von Or. h. c E Krieck*).
Wachstum geht von innen nach außen; jede Art von Wachstum befcpff aber der Ernährung. Der Mensch besitzt neben seinem leiblichen Wachstum eine weitgedehnte Fähigkeit des seelischen Wachstums, und man kann wohl sagen: wie der Mensch überhaupt sich vom Tier unterscheidet durch die Wachstumsfähigkeit seiner Seele, so ist wiederum der höhere Mensch vor dem primitiven Menschen ausgezeichnet durch eine gesteigerte und gedehnte Fähigkeit zu innerem Wachstum. Daran erkennt man innerhalb der Kulturvölker den höheren Menschen, daß er lange fähig bleibt, aufzunehmen, zu lernen und sich in stetiger Wandlung höher zu entwickeln. Schöpferische Menschen haben eine solche Entwicklungsmöglichkeit bis ins hohe Greisenalter bewahrt. Bei vielen tritt etwa mit dem fünften Jahrzehnt eine abschließende Reife und damit eine gewisse Erstarrung ein, während der primitive Mensch nur in früher Jugend eine nach Weite wie nach Dauer beschränkte, rasch ablaufende Möglichkeit des inneren Wachsens zeigt. Das ist vor allem das Kennzeichen &r auf primitiver Kulturstufe erstarrten Rassen und Völker: während ihre Kinder sich weit rascher entwickeln als die unfern, während solche Kinder
*) Die interessante Feststellung der hohen Bedeutung eines reichen geistigen Besitzt der Lebensgemeinschaft für die Erziehung des Rachwuchses entnehmen wir dem von umfassender geschichtlicher und völkerkundllcher Erfahrung des Verfassers zeugenden „Grundriß der Erziehungswissenschaft^ d s bekannten Mannheimer Philosophen Emst Krieck, dessen Studium auch für den Laien von höchstem Ruhen sein wird. Leipzig. Verlag von Quelle &. Meyer. 89 Seiten. Gebun
den 1,80 Mk.
Verständigkeit wie die Großen studieren, ©roßten teils betätigen sie sich jedoch als „Schwarzleser" und umlagern so beständig die Buchhand- lungen und Zeitungsverkäufer.
Paris ist die Stadt des intensiven Geben». Länger als irgendwo wird hier der Tag in die Rächt hinein ausgedehnt. Der Pariser kennt das frühe Schlafengehen nicht. Unb was den Großen recht ist, ist den Kleinen billig, so scheinen wenigstens die Pariser Kinder zu denken. Während es in London den Kindern verboten ist, sich nach einer gewissen Stunde auf der Straße blicken zu lassen, während es den kleinen ‘Berlinern wohl nur selten gestattet wird, lange aufzubleiben, scheint es in Paris fast die Regel zu fein, daß die Kinder kaum früher als ihre Eltern zu Bett gehen.
Roch zu später Rachtstunde trifft man sie allein oder in Begleitung Erwachsener auf den bekannten „Faires“, das sind große Rummelplätze mit vielerlei Dolksbeluft igungen. Obwohl diese erst um 7 Mßr abends ihre Pforten offnen, haben sie sich zum großen Teil auf den starken Kinder-
befuch eingestellt. Da gibt es Luftfchaukel- karussells, in denen nur Kinder unter sechs 3ahren fahren dürfen, die sich aber mit Wonne an den Heinen Sitzen festschnallen lassen. Beliebt ist auch das Pariser Ferkelkarussell, sowie all die anderen Belustigungen, die eigen» für die Kinder geschaffen fmb. Sehr geschickt finb_ die kleinen Pariser an den verschiedensten Glück»- spiclautomaten; es wird jedoch dadurch eine gewisse Spielleidenschaft in die Kinder hinein- getragen, wie sie ja jedem Durchschnittsfran- zosen eigen ist.
Fragt man einen Pariser, waS er über die Kinder seiner Stadt denkt, dann wird man meist hören, daß sie hier noch immer mehr als anderswo für die Familie e rzogen würden und sich nicht zu großer Selbständigkeit entwickeln könnten. Das liegt am Erziehungsideal des Franzosen, der aus dem Kinde weniger eine ausgeprägte Persönlichkeit, sondern ein gutes Familienmitglied und damit einen guten Staatsbürger machen will.
Welthochschule Deutschland.
Andrang von Ausländern an deutschen Universitäten. — Zahlreiche Ferienkurse.
Don Dr. Walther Hötting.
Erst im Krieg erkannten die Völker, wie wenig sie im Grunde genommen voneinander wußten. Es waren immer nur Vereinzelte, die einmal in fremdes Land gingen, um das andere Volk in feinen Lebensgewohnheiten zu studieren. Die schwachen geistigen Bande, die sich vor dem Weltkrieg von Land zu Land spannten, waren bald zerrissen. Als der Völkerbund gegründet wurde, beschäftigte man sich dort zunächst mit den Fragen des internationalen Arbeitsschutzes, der Hygiene und des Verkehrs; aber bald sah man ein, daß eine wesentliche Voraussetzung für die Annäherungen der Völker die Schaffung geistiger Beziehungen zwischen den Rationen sei. Alles, was es an internationalen geistigen Bestrebungen in den verschiedenen Ländern gab, sollte zu einer großen Dachorganisation des Völkerbundes zusammengefaßt werden. 3n Bern gab es z. B. ein 3 n ft i t u t für geistiges Eigentum, das sich mit Fragen des Llrheberrcchts beschäf- tigte, in Brüssel ein 3n te r n a t i o n a les Bibliographisches 3 nstitut, im Haag die Akademie für Völkerrecht. Run entstand 1922 im Schoße des Völkerbundes die 3nternationate Kommission für geistige 3uf ammenarbeit, aus den hervorragendsten Männern der Wissenschaft gebildet. Der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri Bergfon war der erste Vorsitzende. Sie entwickelte sich im 3ahre 1924 zum 3nftttut für geistige Zusammenarbeit, für das Frankreich die Kosten übernehmen wollte und das Palais Royal in Paris zur Verfügung stellte. Dieses 3nstitut leistet heute wertvolle Arbeit. 20 internationale Beamte und ein Stab von Hilfskräften verteilen sich auf die verschiedenen Abteilungen, die geisteswissenschaftliche, die naturwissenschaftliche, die literarische, die juristische und die künstlerische Sektion. Vielleicht am aktivsten, auch was ihre Bedeutungen für die Praxis des internationalen Verkehrs betrifft, ist die llni&erfitätäabteilung, die von einem Deutschen, Dr. Picht, geleitet wird. Picht hat bereits im 3ahre 1928 einen lleberblicf über die 300 akademischen Organisationen in allen europäischen Ländern gegeben, die sich privat und amtlich für geistige Zusammenarbeit einsehen. Diese ileberfid>t läßt erkennen, daß sich — trotz allem — die Welt in den letzten 16 3ahren nicht ganz unwesentlich geändert hat.
Heute versucht man mit anderen Mitteln als ehedem die Gunst des reisenden Ausländers zu gewinnen, und hierhin gehören auch die- Bemühungen aller Länder, die ausländische 3n- telligenz für einen Befuch der Hochschu -. len und eine Benutzung der besonderen, auf den ausländischen Besucher zugeschnittenen Einrichtungen zu gewinnen. Deutschland steht heute in
der Werbung mit geistigen Mitteln fast an erster Stelle. Auch jene Kreise der Professoren, die ihre Arbeitskraft in erster Linie den einheimischen deutschen Studenten zu widmen wünschen, haben sich der Erkenntnis nicht verschlossen, daß es ein großer Verlust fein müsse, wenn die Zahl der ausländischen Studierenden an Deutschlands Hochschulen gegenüber der Zeit vor dem Krieg um 3000 auf 6000 gesunken ist. Man hat eingesehen, daß ein junger Ausländer, der in Deutschland studiert, die Aktivseite der deutschen Kulturbilanz vennehren kann, sofern er freundlich aufgenommen wird. Cs war daher nicht überflüsfig, daß im 3ahre 1925 die sog. Alexander von Humboldt-Stiftung gegründet wurde, die unter Leitung des Staatssekretärs Dr. ßcto alb jährlich 120 ausländische Studenten mit Stipendien bedenkt. Diese Gelder, die vom Reich und von der Wirtschaft aufgebracht werden, erfordern eine jährliche Ausgabe von 120 000 bis 150 000 Mark. Um aber darüber hinaus ajlen ausländischen Studenten hx Deutschland zur Seite stehen zu tonnen, bemüht sich die kürzlich von Dresden nach Berlin verlegte Deutsch-akademische Auslandstelle des Verbandes der deutschen Hochschulen, für die ausländischen Studenten in allen deutschen Universitätsstädten besondere deutsch- ausländische Akademikerllubs mit eigenen Räumen zu schaffen, wo jeder Ausländer den wünschenswerten Anschluß an deutsche Kreise finden kann. An der Technischen Hochschule zu Charlot- tenburg geht man heute bereits soweit, neu ankommende junge Ausländer durch Studenten am Bahnhof abholen und betreuen zu lassen. Dem fremden Hochschulgast wird ein Zimmer besorgt und die Erfüllung der verfchiedenen Formalitäten erleichtert. Professoren führen den Reu- angetommenen in die Kreise der akademischen Lehrerschaft ein. An der Charlottenburger Hochschule ist ä. B. der Meteorologe Prof. K a ß n c r, Kurator der bulgarischen Studenten, Geheimrat Zolles betreut die jungen Chinesen. Aehnlich soll es auch an den anderen deutschen Hochschulen werden.
Eine ganz besondere Anziehungskraft besitzt die Reichshauptstadt wegen des Deutschen 3n- stituts für Ausländer, das, im Gelände der Universität untergebracht, die fremden Studenten in Sprachkursen mit dem wissenschaftlichen Deutsch vertraut macht und ihnen damit erst die Grundlage zum Studium an einer deutschen Hochschule gibt. Aber nicht nur junge Studenten besuchen dieses 3nftitut, das sich übrigens in vorbildlicher Weise ohne jede staatlichen Zuschüsse erhält. Sine Hauptarbeit des 3nstituts besteht in den alljährlich im Sommer stattfinden- den Ferienkursen, die, wie dies bekanntlich
oft schon mit dem 5. oder 6. 3ähre dem Leben mit einer erstaunlichen Sicherheit und Selbständigkeit gegenüberstehen, wenn unfere Mütter sich noch sehr sorgen, das Kind vom Schürzenband los- xulaffen und der Elementarschule zuzuführen, ist das Kind primitiver Raffen spätestens mit dem Zeitpunkt der früh einfehenden Geschlechtsentwick- lung schon zu dem höchstmöglichen Grad seiner seelischen Reife gelangt: es ist Wachstums- und entwicklungslos geworden in einem Zeitpunkt, da bei unfern Kindern die Berufslehre erst den Schulunterricht ablöst oder wexrn sie noch ein 3ahr- zehnt lang die Bänke der höheren und der Hochschule drücken. Die Primitiven kommen innerlich nie über einen gewissen, schon früh erreichten Punkt hinweg. Darum nerßarren solche Völkerschaften durch Generationen, durch Iahrhunberte und selbst 3ahrtausende entwicklungslos und geschichtslos auf derselben primitiven Kulturstufe. Der Rachwuchs kann immer nur in dieselbe Rorm, in denselben Typ Hineinwachfen, niemals aber darüber hinausgelangen zu einem höheren Ziel, zur Fortblldung der Rorm und zur ilebcr- höhung dcs gegebenen Typs. Bei uns werden die Menschen erst in den zwanziger Jahren mündig; sie verlassen Lehre und Schule, um in den Beruf mit seinen hochgesteckten Aufgaben einzu- treten, und viele wachsen nun selbständig weiter über die Rorm hinaus, sie setzen neue Ziele und stellen neue Aufgaben, die dann für die Gemeinschaft verpflichtend und normativ Werdern Sv wird Entwicklung, Kultur, Geschichte. Schöpferkraft aber gehört nahe zusammen mit langer und weitgedehnter seelischer Wachstumsfähigkeit. Langes und langfames Reifwerden bedeutet lange Jugend: ein hohes Glück für den Menschen, berat es zeigt den Grad höherer Begabung an.
Die Anlagen der Ralfe einerseits uni> der 3n- dividualität andererseits bestimmen für jeden Menschen das Maß und auch wohl die Richtung seines Wachstums. Es ist aber ein gewaltiger Irrtum, zu meinen, solche natürlichen Eigenschaften könnten den Ablauf des Wachstums allein und selbsttätig bestimmen, als sei jedem
Menschen von Ratur und Geburt bestimmt, wie weit und wohin er im Leben gelangen müsse. Träfe diese Voraussetzung zu, so wäre allerdings die Erziehung stets nur eine Hilfsaktion der seelischen Selbstentfaltung, die zur Rot auch entbehrt werden könnte. Die natürlichen Anlagen und Bedingungen sind indessen für das Wachstum nur Grenzen und Schranken, allenfalls Anweisungen, die erst einer Erfüllung durch andere Kräfte und Einwirkungen bedürfen, nicht aber selbstwirkende Kräfte und Antriebe. Der persönlich hochbegabte Mensch einer begabten Rasse muß notwendig verkümmern, wenn er nicht von 3ugenb auf aus der Gemeinschaft die nötige Pflege, Lenkung und geistige Rahrung erhält. Dabei hängt Richtung und Maß seiner Entwicklung im hohen Grad davon ab, in welcher Gemeinschaft er auf wächst und mit welcher Art geistiger Rahrung er auf gezogen wird. Man kann nicht ohne weiteres sagen, wie ein Regerkind sich, wenn cs mit der Geburt in europäische Verhältnisse verseht wird, entwickeln muß: jedenfalls wird es dem Typ nach kein Afrikaneger, eher vielleicht ein nicht vollwertiger Europäer typ mit den Ralsenmerlmalen des Regers, und umgekehrt wird das Europäerkind im Reg er do rf dem seelischen Typ nach eher zum Reger, keineswegs aber zum europäischen Kulturmenschen. Wie ein seelisches Wachstum sich tatsählich vollzieht, hängt Davon ab, welchen erregenoen, weckenden und lenkenden Einflüssen die Seele unterliegt, wie und womit sie geistig ernährt wird. Ganz ausgeschlossen bleiben muß der Gedanke, daß das Kinb durch fein natürliches Wachstum die ihm nötige Bildung und mögliche Reife von selbst erlangen könne. Durch gute, sachgemäße Pflege und Ernährung kann das Wachstum der Seele gelenkt und erweitert werden. So sind die Reger in Dordamerika unter den Einwirkungen der amerikanischen Kulturgemeinschaft zu einem dem abendländischen Kulturmenschen nahestehenden, dem Afrikaneger aber sehr fernen und weit überlegenen Bildungstyp gelangt, indem sie sich die amerikanische Bildung aneigneten. Hier hat der
auch auf vielen anderen Hochschulen de» 3n* und Auslandes geschieht, vorwiegend von älteren ArrSländern besucht werden, die nur für einen kurzen Ferienaufenthalt in ihrer Urlaubszeit abkommen können. Vorwiegend frischen ausländische Lehrer der deutschen Sprache hierbei ihre Kenntnisse in gutem llmgangsdeutsch auf. Für den nächsten Ferienkurs liegen bereits zahlreiche Anmeldungen vor. Unter den 3nterefsenten sind Deutschlehrer auS England und Amercka, Rechtsanwälte au6 den Ballanstaaten. Schriftsteller und Aerzte aus der Sowjetunion, höhere Beamt« und Offiziere aus China und 3apan besonders zu nennen. Seit kurzem erteilt das 3nftitut an Ausländer Fernunterricht in deutschen Stil- Übungen und deutscher Literatur. Auf Grund engster Zusammenarbeit mit dem College of Fine Arts der Reuyorker Universität veranstaltet das 3nstitut auch in diesem 3ahr einen Kur« für die schonen Künste. Amerikanische Pädagogen werden in einem in deutscher und englischer Sprache gehaltenen Seminar mit den europäischen Erziehungsmethoden vertraut gemacht. 3n bald achtjähriger Arbeit hat das 3nftitut einen Schülerkreis von annähernd 7000 Ausländern gewonnen, Menschen im Werden. Menschen int Beruf. — ein Arbeitserfolg, der nicht genug gewürdigt werden kann.
Eigene Ferienkurse für 'Ausländer veranstalten auch das Berliner Z e n t r a l i n ft i t u t für Erziehung und Unterricht sowie die deutsche Hochschule für Politik. Hier werden deutfche Politiker in deutscher, englischer und französischer Sprache über Tagesfragen der deutschen Politik sprechen. Dem Vorblld dcS Deutschen Instituts für Ausländer folgen außerdem die Ferienkurse in Bonn, Darmstadt. Dresden, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Halle, Hamburg, 3ena, Köln, Marburg, München und Stuttgart. Auch Städte ohne Universitäten, wie Düsseldorf, dessen Malerakademie Zeichenunterricht erteilt, Essen, das für Werkarbeit wirbt, und Frankfurt an her Oder, dessen neue Wusikakademie die ausländischen Musiki lehrer zu gewinnen sucht, geben Ferienkurse.
3m Jahre 1930 wetteifern nicht weniger als 14 europäische Länder mit insgesamt 119 Kursen dieser Art. Deutschland steht mit 25 Ferienkursen an erster Stelle, Frankreich folgt mit 21, England mit 20. Spanien zeigt sich mit zehn Kursen sehr aktiv, darunter mit einem vierwöchigen Lehrgang der Madrider Arbeitsstelle für deutfch-spanische wissenschaftliche Beziehungen. Oesterreich zeigt sich in seiner Werbung als das Land der Musik. Richt nur in Wien und Salzburg sinden Musikkurse statt, auch daS idyllische Mondsee im Salzkammergut hat Meisterkurse für Musik angctünbigt. 3n Laxenburg sollen die Ausländer für Tanz und Körperkultur begeistert werden.
Schularbeiten.
Der Beginn der Schulzeit ist der geeignete Zeitpunkt, um beim Kinde das Pflichtgefühl und die Gewiffenhastigkeit zu Wecken; ist es doch die Zeit, in der die ersten Forderungen an das Kind herantreten. 21ber nicht der Schulbesuch ist als Pflichterfüllung zu betrachten, die Schularbeiten find die ersten Pflichten, die vom Kinde verlangt werden, die es selbständig erfüllen soll. Wie kann ein Kind das Verantwortungsgefühl für seine Pflichten haben, wenn die Erwachsenen die Schularbeiten machen? Wie kann es das freudige und befriedigende Bewußtsein getaner Pflichterfüllung kennenlernen, wenn andere für das Kind denken und die Arbeit tun? Muß es bei den Kindern nicht auch das Wahrhaftigkeitsgefühl verkümmern lassen? Selten wird ein Kind in den ersten Lebensjahren lügen. Aber später! Wie oft hört man die Klage, das Kind tagt nicht die Wahrheit, es schwindelt, es lügt. Gewiß, diese Lügenperiode fällt in die Zeit, in der das Kind nicht mehr alles bedingungslos glaubt, in der ihm klar wird, daß die Erwachsenen auch allerlei erzählen, was nicht den Tatfachen entspricht, in der ihm der Unterschied zwischen Märchen und 'Tatsache aufgeht, aber Doch noch nicht ganz verstanden wird. 3st das Kind aber wirklich so zu verurteilen und zu strafen, wenn es etwas sagt, was nicht wahr ist.
Reger also ein Maß von Bildsamkeit und Wachstumsfähigkeit gewonnen, wie er sie in Afrika nicht besitzt.
Durch die Art der geistigen Ernährung wird der junge Mensch zum vollwertigen Glied seiner Lebensgemeinschaft erzogen. Sein seelisches Wachstum wird dadurch bestimmt, daß er den geistigen Gehalt, den die Gemeinschaft wie ein Gefäß in sich trägt und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert, in sich verarbeitet zum per- fönlichen Dildungsbesih. Gemeinschaften mit hohem und reichem geistigen Crbbesih ermöglichen ihrem Rachwuchs kmher auch ein breiteres und längeres Wachstum. Wir sehen dabei einen zweifachen Formungsprozeß sich abspielen, einen Weg, der von oben nach unter läuft und einen solchen, der von unten nach oben führt. Der Gehalt der Gemeinschaft senkt sich stufenweise in die Seele des Kindes als Bildungsbestand ein, und dabei wächst das Kind stufenweise von unten heraus zum reifen und vollwertigen Glied seiner Gemeinschaft.
Außerhalb der Gemeinschaft ist seelisches Wachstum nicht möglich. Die Art, wie die Gemeinschaft auf ihren Rachwuchs einwirkt, wenn diese Einwirkung zunächst auch völlig unbewußt und absichtslos geschieht, ist also die Voraussetzung seelischen Wachstums. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß schon diese Art unbewußter und unabsichtlicher Einwirkung auf den Rachwuchs unter den Begriff der Erziehung fällt, beim dadurch zieht ja die Gemeinschaft die Kinder herauf zu ihrer dermaligen Höhenlage, zur vollwertigen und reifen Gliedschaft und zur Gleichförmigkeit des Typs. Insofern nennen wir die Erziehung eine notwendige Lebensfunktion, die überall und jederzeit ausgeübt wird, wo Menschen bauemb zusammenleben. Cs hat sich damit auch gezeigt, daß es ein seelisches Wachstum ohne Erziehung nicht gibt. Zum Glied der Gemeinschaft mit ihrer Sprache, ihrer typischen Bewußtseins- art und Lebensführung erwächst der Mensch immer nur durch die Erziehung.


