AeuesozialpM'scheFordenmgen
Die Gewerkschaften zur Neuregelung der Krifenfürforge
Berlin,22. Ian. (Priv.-Tel.) Die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratüche Parter haben u. a. beschlossen, eine .Neuregelung der Krisenfürsorge" zu fordern. ODi« wir hören, handelt es sich dabei einmal um eine Erweiterung der Zahl der Berufe, tue von ihr ersaht werden, — man denkt vor allem an die baugewerblichen Berufe — und weiter um eine Heraufsetzung der A n - terstühungsdauer, die jetzt 26 und un Höchstsalle 39 Wochen beträgt, die aber aus 3 9 bzw. 52 Wochen erweitert werden soll. Konkrete Vorschläge sind noch nicht aus- qearbeitet. Den Gewerkschaften kommt es aber auch darauf an, dah die Ausgesteuerten stärker als bisher ersaht werden und dah auch solche, die die Anwartschaft für die Arbeitslosenversicherung nicht erfüllen konnten, man zählt deren im Baugewerbe allem 200 000, von der Wohlfahrtspflege mehr als bisher d e r Krisenunter st ühung zugefuhrt werden Der Reichsarbeitsminister kann auf dem Verordnungsfrage entscheiden, muh sich aber selbstverständlich vorher mit dem Fmanzmmister auseinandersetzen.
Gegen die Beschränkung der Bautätigkeit.
Eine Eingabe des Teutfchen Wirifchafts- bundcs für das Baugewerbe.
Berlin. 22.Jan. In Verfolg der mannigfachen Diskussionen über die Einschränkung des Gesamtbauprogramms und insbesondere im Zusammenhang mit der Absicht des Deutschen Städtetayes, die Wohnungsbautätigkeit einschränken zu lassen, um die Gelder der Soarkassen für die Konsolidierung der kurzfristigen Anleihen zu. verwenden, hat soeben der Deutsche Wirtschaftsbund für das Baugewerbe, dem annähernd 16 000 Baufirmen des Hochbaugewerbes angehören, der Reichsregierung, den Länderrcgie- rungen und den Magistraten der Städte eine E i n- g a b c überreicht, die sich gegen die beabsichtigte Einschränkung wendet und in der eine Reihe positiver Vorschläge für die Hebung des Baugewerbes als Schlüsselindustrie einsetzt. Zunächst wird in der Denkschrift festgestcllt, dah sich seit 1927 die Lage des Baumarktes schärfer noch als die Gesamtwirtsä)aft dauernd verschlechtert hat. Die Eingabe wendet sich sehr energisch gegen die bekannte Absicht des Deutschen Städtetages, und fordert im Gegensatz zu dessen Auffassung eine Festsetzung der Mieten für Altwohn- l a u m auf 140 v. H. und eine dementsprechende Erhöhung der Hauszins st euer. Sie begründet ihre Forderung damit, daß die Mieterhöhung geeignet sei, beträchtliche Mittel für dc n Wohnungsbau flüssig zu machen, wobei die in Frage kommende lOprozentige Erhöhung der Mieten keineswegs zu Lohnforderungen der Ar- beitnehmerschaft zu führen brauche, da die Erhöhung eine Art Selbstversicherung gegen die Arbeitslosigkeit bedeuten würde, denn wenn dem Baumarkt mehr Geldmittel zuflössen, würde die gesamte Wirtschaft einen starken Antrieb erhalten, der sich in erster Linie zugunsten der Arbeitnehmer auswirkt. Zum Schluß setzt sich die Eingabe für eine größere Hereinnahme von Auslandkrediten für den Baumarkt ein. Der Deutsche Wirtschaftsbund für das Baugewerbe verlangt endlich die Durchführung der bereits begonnenen Bauten und eine fühlbare Erleichterung der Kapitalbeschaffung für den Wohnungsbau.
Keine Sanierung der Rohrbach-Werke.
Berlin, 22. Ian. (Privat.) In der Frage der etwaigen Stillegung der Rohrbach-Werke ist bisher von Aeuherungen unterrichteter Stellen abgesehen worden, da befürchtet werden mußte, daß die ausländischenVerhandlungen
der Gesellschaft gestört werden könnten. Nachdem offenbar von feiten der Firma Rohrbach aus Informationen in die Presse gelangt Uno, die ein falsches Bild von der ganzen Angelegenhert geben, sieht sich das R e i ch s v e r k e h r s- Ministerium genötigt, zu erklären, daß es keine abermalige Sanierung der Rohrbach-Werke vornehmen wird, und dah auch die der Firma noch in Aussicht gestellt gewesenen 200 000 Mk. aus dem Kredit des Reiches in Höhe von 9 Millionen nicht gezahlt werden. Die Streichungskommission des Reichstags
hatte ausdrücklich gewünscht, dah an Rohrbach der ausgesetzte Betrag von 300 0000 Mk. nicht gezahlt werden sollte. Es sind jedoch noch 100 000 Mk- kurz vor Weihnachten gezahlt worden, da die Verhandlungen mit Amerika aussichtsreich erschienen. Eine weitere Zahlung kommt nicht mehr in Betracht.
Das hessische Hebammengeseh.
Darmstadt, 22. Jan. (WHP.) Der Gesetz- acbungsausschuß nahm den Abschnitt über die Pflichten der Hebammen in der Fassung
SasMlliardeiideWderMeilslosenversichemng
Die anderenSozialversicherungen sollen durch Darlehen denZuschußbedarf decken
Berlin, 22. Jan. (TU.) Schon zwischen dem Reichsarbeitsminister W i s s e l l und dem Reichsfinanzminister Hilferding haben, wie der „Demokratische Zeitungsdienst" mitteilt, eingehende Verhandlungen über die Sozialausgaben im Haushalt des Jahres 1930 statgefunden. Die Verhandlungen zwischen den beiden Ressorts haben z u einer Einigung nicht geführt. Der Reichsarbeitsmin>ster hat für den Etat des Rcichs- arbeitsministeriums sehr erhebliche Mittel an gefordert, die der Reichsfinanzminister nicht glaubte bewilligen zu können. Die Fragen, die bisher vertagt worden sind, drängen nunmehr zur Entscheidung, und es wird dabei auch die Lage derArbeitslofenversichcrung erneut geprüft werden müssen. Die Arbeitslosenversicherung tritt in das neue Haushaltsjahr am 1. April 1930 mit einer S ch u l d e n l a st von 64 5 Millionen Mark ein. Bei einer Annahme von einem Jahresdurchschnitt von 1,2 Millionen Hauptunterstützungsempfänger wird der Fehlbetrag sich für das kommende Jahr auf 33 0 Millionen Mark belaufen. Demgemäß wird am Ende des Etatsjahres die Schuldenlast der Reich-anstolt nahezu eine Milliarde 'Dl a r t betragen. Dazu kommen noch die Mittel
für die K r i s e n f ü r s v r g e und für die produktive Erwerbslosenfürsorge.
Angesichts dieser ernsten Lage haben in politischen Kreisen bereits Erwägungen stattgefunden, die daraus hinausgehen, die enge Verbindung zwischen R e i ch s f i n a n z e n und Sozialversicherung zu beseitigen. Es ist u. a. vorgeschlagen, die einzelnen Versicherungsträ- gerderSozialversicherung auch finanziell miteinander in eine enge Verbindung zu bringen. Die Sozialversicherung konnte im Jahre 1928 ihr Vermögen von 2,6 Milliarden auf 3,4 Milliarden erhöhen, während die Reichsanstalt im vergangenen Jahre 400 Millionen an Zuschuß erforderte. Es wird deshalb in Ec- wägung gezogen, daß die übrigen Versicherung^ träger den Zuschußbedarf der Reichsanstalt durch Darlehen decken. Die Reichsanstalt kann dann in günstigeren Jahren die Schuldentilgung vornehmen. Da der neue Reichsfinanzmini st er Fachmann auf dem Gebiet des Versicherungswesens ist, kann damit gerechnet werden, daß in der nächsten Zeit das ganze Problem Gegenstand eingehender Erörterungen zwischen Reichsfinanzministerium und Reichsarbeitsministerium fein wird.
Die Stützung des Roggenpreises.
Das Roggenbrotgeseh. - Der Vermahlungszwang für Znlandweizen.
Berlin, 22. Ian. (WB.) In einem Teil der Presse wird die Nachricht verbreitet von der bevorstehenden Einbringung eines Roggen- brotaesehes. Wie wir dazu von unterrichteter Seite erfahren, liegt ein Gesetzentwurf in der angedeuteten Richtung vorläufig nicht vor. Tatsache ist jedoch, daß mit Rücksicht auf die katastrophale Lage am Roggenmarkt über das Problem der Roggenstühung seit längerer Zeit Erwägungen schweben, die sich voraussichtlich in allernächster Zeit zu konkreten Vorschlägen verdichten werden. Die Volkswirtschaftlichen Ausschüsse des Reichsrates und des Reichstages werden sofort nach Zusammentreten des Reichstages über die weitere Regelung des Dermahlungszwanges gutachtlich gehört werden. Der Reichsminister fiir Ernährung und Landwirtschaft beabsichtigt, den zur Zeit festgesetzten Vermahlungssatz für Inlandweizen von 50 v. H. auch s ü r den Monat Februar festzusetzen. Das Reichskabinett wird sich bereits in einer seiner nächsten Sitzungen mit dieser Frage beschäftigen.
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Der Weizenverbrauch hat im deutschen Volke seit dem Kriegsende einen gewaltigen Umfang angenommen, und zwar so erheblich, daß die Roggen anbauende Landwirtschaft dadurch in die denkbar größten Schwierigkeiten geraten ist. Für den gesteigerten Konsum in Gebäck aus Weizenmehl darf wohl die Kriegszeit verant- worllich gemacht werden. Rach dem Aufhören der Brotkarte eroberte sich der Weizen allgemeine Sympathien, so daß schließlich das Roggenbrot gänzlich in den Hintergrund gedrängt wurde. Und das Er
gebnis? Eine Verschärfung der Krise unserer Landwirtschaft, die zum größten Teil wegen der Bodenbeschaffenheit genötigt ist, Roggen anzubauen. Seit der Verabschiedung des neuen Zoll- gSfetzes ist nun der Roggenpreis um 28 Mark zurückgegangen, so daß es heute notwendiger denn je ist, Maßnahmen in die Wege zu leiten, um unsere Landwirtschaft vor weiteren Schäden zu bewahren. Da erscheint es wohl am besten, wenn nicht aufs neue mit landwirtschaftlichen Krediten oder Zinsverbilligungen im Rahmen eines Rotprogramms gearbeitet wird, sondern mit Maßnahmen, die für den Bauern einen Anreiz darstellen und chm auf einem anderen als den bisher üvlichen Wegen die Unterstützuna bringen, die ihm unbedingt zuteil werden muß. Der Gedanke, als Markenware ein einwandfreies Roggenbrot zu schaffen, erscheint uns reckt glücklich. Erwägungen darüber schweven bereits in den zuständigen Ressorts und dürften wahrscheinlich auch zur Vorlegung eines Roggenbrotgesetzes führen. Damit ist nun keineswegs gesagt, daß das Weizengebäck vollständig vom Markte verdrängt werden oder der Konsument gezwungen sein soll, nur noch Roggen- brot zu verzehren. Ader ein gutes Roggenbrot kann sich wieder seinen Platz erobern, besonders wenn für eine vernünftige Aufklärung in den Derbraucherkreisen gesorgt wird. Gelingt es, den Konsum an Roggenbrot zu heben, dann läßt sich aüch die Rot des Bauern, wenn auch nur teilweise, mildern. Man soll aber von jeder Möglichkeit Gebrauch machen, die geeignet ist, den Landwirt, der wieder ein bedeutender Steuerzahler werden muß, aus seinen finanziellen Schwierigkeiten zu befreien. Darum wäre es gut, auch dem Roggen wieder zu seinem Recht zu verhelfen.
der Regierungsvorlage an. Auf demokratischen Antrag wurde die Bestimmung, daß wenn gegen eine Erwerbstätigkeit der Hebamme Bedenken bestehen, die Genehmigung zu dieser Erwerbstätigkeil versagt werden muß, in eine Kann-Vorschrift abgeändert. Artikel 23, der den Hebammen ein Mindesteinkom- men und Ruhegehaltsversorgung sichert, gab Anlaß zu einer eingehenden Aussprache. Abg. Dr. Rie- p o t h (D. Dp.) legte eine Tabelle vor, wonach die Versorgungsverhältnisse in der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte günstiger seien als die vor- gesehene Versicherung bei der Hess. Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte. Die Regierung solle daher erwägen, ob nicht eine Aufnahme in die Ange sie lltenversicherungskasse möglich sei. — Abg. Frau H a t t e m e r (Zentr.) beantragte eine Erhöhung des Mindestein- kommens um 200 Mark in den vier Ortsklassen, d. h. also 800, 1000, 1200 und 1400 Mark, lieber diese Anträge fand eine Abstimmung noch nicht statt.
Oer Konflikt
bei den schwäbischen Demokraten.
B e r l i n, 23. Ian. (Priv.-Tel.) Wie der Demokratische Zeitungsdienst erfährt, wird sich der Reichsvorstand der Deutschen Demokratischen Partei bei seiner nächsten Sitzung am 15. Februar mit dem Eintritt der Demokraten in das württembergische Ka- binettDolz-Dazille befa'sen, der bekanntlich das Ausscheiden Payers aus der württembergischen Parteiorganisation der Demokraten zur Folge hatte. Die Führer der Württemberger Demokraten werden zu der Sitzung eingeladen Payer hat inzwischen seinen Entschluß, nur mehr bei der Parteizentrale als Reichsmitglied organisiert sein zu wollen, der Parteileitung mitgeteilt.
Groß-Solingen bekommt einen kommunistischen Oberbürgermeister. Solingen, 22. Jan. (WB.) In der heutigen Stadtverordnetenversammlung wurde im dritten Wahlgang der kommunistische Stadtverordnete Hermann Weber mit 27 Stimmen der Kommunisten und der Sozialdemokraten zum Oberbürgermeister von Groß-Solingen gewählt. Die 25 Stimmen derbürgerlichenParteien und die Stimme des kommisiarischen Dberbüroermeiftere erhielt der frühere Bürgermeister von Wald, S e g n> sche. Die Sozialdemokraten erklärten, sie hätten im dritten Wahlaang deswegen für den kommunistischen Kandidaten gestimmt, weil es nicht sein dürfe, daß die bestehende Linksmehrheit durch die bürgerliche Minderheit majorisiert werde.
Boykott deutscher Waren in Dänemark.
Kopenhagen. 22. Ian. (TU.) Da die neueste deutsche Zollgesetzgebung^ zum Schuh der deutschen Landwirtschaft die dänische Ausfuhr landwirtschaftlicher Pnckukte nach Deutschland schwer trifft, macht sich in Dänemark eine starke Stimmung für den Boykott deutscher Waren als Repressalie gegen die deutsche Zollgesetzgebung geltend. Gleichzeitig wirbt ein Teil der dänischen Presse für eine Steigerung der dänischen Einfuhr aus England. Es hat sich kürzlich eine Reihe Kopenhagener Geschäftsleute mit englischen Interessenten zusammengefunden, um verschiedene Vorschläge für eine Propaganda für englische Waren in Dänemark zu erörtern- Einer der Plän« geht auf die Gründung einer dänisch-englischen Handelskammer in Kopenhagen hinaus, in der sich alle Grohkaufleute und Importeure zum Zweck der Propaganda für englische Waren zusammerschließen wollen. An dem Zustandekommen dieser Organisation soll bereits eifrig gearbeitet werden, und man rechnet damit, daß ihre Gründung in allernächster Zeit erfolgen kann. Ein weiterer Plan geht auf di« Schaffung einer ständigen Musterausstellung in Kopenhagen hinaus.
Gießener Stadttheater.
R. C. Sherriff: „Tie andere Seite".
„Journey's End" lautet der englische Titel —: das Ende der Reise, der Seereise, der ileber- fahrt. Man hätte ihn auch für die deutsche -Fassung beibehalten können. Die Aebersehung (von Hans Reisiger) ist sehr frei, aber sie ist gut, weil sie doppeldeutig ist und mehr aussagt über den Sinn des Stückes als die Lieberschrift des Originals.
Die andere Seite, die hier gezeigt wird, ist einmal, ganz allgemein, jene Kehrseite des Krieges (und gewissermaßen das Negativ seiner Soldaten), wovon sich die Daheimgebliebenen bei allen Nationen, welch« am Kriege beteiligt waren, keine Vorstellung machen konnten: weil sie es selber nicht erlebt haben.
Und dann: die andere Seite, nämlich von uns auS gesehen, als der Krieg „drüben", im andern Graben, in der Stellung jenseits des Niemandslandes, beim Franzmann, bei den Russen. beim Tommy.
Hier: im Kompanieführer-Unterstand einer englischen Grabenstellung bei St. Quentin. Dom Montag, 18. März 1918, abends, bis zum Donnerstag früh, wo die große deutsche Offensive losbricht.
Der ungewöhnliche und manchmal erschütternde Doppeleindruck dieser Schilderung, die ein bis vor kurzem vollkommen unbekannter und jedenfalls ganz unliterarischer englischer Frontoffizier nach langen Jahren für seinen Klub niedergeschrieben hat —. ist einmal: genau wie bei unS, . .. und dann: wie unendlich anders als bei uns!
Die Stellung, die Still« vor dem Sturm, die Geräusche bei Tag und bei Nacht, die Gespräche, das Ungeziefer, das Blut, der Anterstandskoller. die Verzweiflung und der Mut der Verzweiflung. die Kameradschaft und das Derant- wortungögefühl. die unbedingte Lebensgemeinschaft der Truppe in der Stellung —: dies alles (um einiges wahllos herauszugreifen) war dort drüben, wie es bei uns und allen andern war.
Aber begreift man, was das heißt, wenn zum Beispiel die englische Kompanie da drüben — im März 18! — von einem Hauptmann geführt wird . .. und außerdem noch über vier andere Offiziere verfügt? Was das heißt wenn eS bet
denen (um nur einiges anzuführen) gebratenen Schinken zum Frühstück gibt, selbstverständlich, Porridge wie daheim und zweierlei Iam? Wenn eine Aufregung entsteht, weil der Offizierstoch eine Büchse 2tz>rikosen „gefaßt" hat statt einer Büchse Ananas, ilnö daß sie für ganze sechs Tage in Stellung sind und bann abgelöst werden. (Allerdings fällt der große Angriff gerade in diese Zeit.)
Aber: welche deutsche Kompanie wurde damals von einem Hauptmann geführt? Welche hatte fünf Offiziere? Welche hatte so gut und so reichlich zu essen? And wurde nach ein paar Tagen aus der Front zurückgezogen?
Wer draußen war, weiß, was es mit der anderen Seite auf sich hat. ilnb die andern können zwischen den Zeilen und gewissermaßen im Hintergründe dieser Schllderung lesen, was, hieran gemessen. damals trotz allem auf unserer Seite und von uns geleistet worden ist. (Hierin liegt, nebenbei, eine der wichtigsten Aktualitäten des englischen Dramas für den deutschen Leser und Zuschauer.)
Ganz allgemein wird hier ausgesprochen: es ist im Kriege keineswegs immer und überall so glänzend, strahlend, vorschriftsmäßig, siegesgewiß, tapfer, männlich und sauber zugegangen — zumal in den letzten Iahren nicht mehr —, wie viele sich den Krieg damals (von weitem) vor- gestellt haben oder beschreiben ließen.
11 nb dies hat Sheriffs Stück mit manchen andern, ernstzunehmenden Büchern vom Kriege gemein: nicht so sehr die Entthronung des Helden und eines verfälschten Heldenbegriffs, als vielmehr seine sachliche Richtigstellung und Rückbeziehung auf ein menschliches Maß. Die große Lehre: daß ein „Held" damals oft ganz anders ausschaute, als man ihn sich (Don ferne) vorstellte: baß einer zittern kann ober sich hin legen ober davonlaufen ober sich sinnlos betrinken möchte und trohbem den Helm aufseht und hinausgeht und „da ist", wenn es drauf ankommt.
Ein Stück unter Männern. Gin Offiziersdrama. Die Hauptträger der Handlung sind Offiziere: der einfache Mann tritt nur als Nebenfigur und Staffage auf. Trotzdem ist das Stück von allgemeiner und übernationaler Gültigkeit, weil diese andere Seite in so vielem nur ein Spiegelbild unserer eigenen Situation ist.
Zwar ist bas Ganze ein typisch englisches Stück, und zunächst ist alles nur von Drüben aus gesehen. Von einem Gentleman und SportSmann geschrieben, grundanständig in der Haltung, sau
ber. ritterlich, dabei mit viel Sinn für Humor, auch unbedingt sachlich und ehrlich und ohne Schminke und Tünche.
Aber diese Offiziere sind nicht nur Engländer: sie sind außerdem auch Menschen. Sie sind ferner, obwohl als Typen gültig und anzu- erfennen — dies ist Sheriffs dichterische Leistung —, zugleich fünf ausgeprägte Einzelwesen, scharf gegeneinander abgesetzte Eharaktere.
And obwohl sie alle eingespannt sind und hineingepreßt in ihr gemeinsames und unentrinn- bares Kriegsschicksal, das sie zu allen Stunden beschattet —. hat doch jeder von ihnen noch sein Privatleben und Einzelschicksal nebenbei, muh es dem größeren einfügen ober sich auf Tob und Leben Dagegen wehren.
Stanhope, der Kompanieführer, prachtvoller Frontsoldat, männlich. energisch, ehrgeizig. $u» sammengerissen, mit letzter Willenskraft seine von der Front, von der Verantwortung und dem ewigen Whisky zermürbten Nerven beherrschend.
Osborne, im grauen Haar, ein feiner stiller Mensch, vorbildlicher Offizier und Kamerad, den die andern „Onkel" nennen, und der ihr guter Geist und wie ein Vater zu ihnen ist.
Raleigh. ganz jung, ahnungslos, begeistert, von der Schule weg in die Stellung, ein frischer, sympathischer und untadeliger Charakter.
Trotter, der Durchschnittsmann, sehr gut gesehener Typ. ohne Phantasie, ziemlich phlegmatisch, dennoch nicht ohne Humor, gesund, dick und mit gesegnetem Appetit begabt, aber zuverlässig. wenn cs aufs Ganze geht.
Hibbert, der schwächste der fünf Eharaktere, schmal, blaß, simuliert und will sich vor dem Angriff krank melden, nervenmäßig vollkommen fertig und ohne die Willensstärke Stanhopes, dagegen anzugehn.
Hibbert muß mit dem Revolver zur Vernunft gebracht werden: eine beklemmende Szene voll unheimlicher Spannung. Es gibt noch mehrere so innerlich geladene Austritte, di« von einer ganz unmittelbaren Dramatik sind und mit den andern, welche nur durch die von ihnen ausgehende Stimmung wirken, den Eindruck des Stückes entscheiden.
Dieser starke und nachhallende Eindruck, den man beim Leser hat, wiederholte sich im Theater nicht mit der gleichen Einheitlichkeit. Die Aufführung unter der Regie des Intendanten Dr. P r a s ch war im ganzen eine tüchtig«, anerkennenswerte Leistung, die ein« fleißige und
energische Probenarbeit erkennen lieh, war aber trotz mancherlei Streichungen in fast allen sechs Bildern im Tempo verschleppt.
Am klarsten, stärksten und einheitlichsten geriet der Mittelakt. Im übrigen könnte u. E. vielfach zusammengedrängter, fließender uni) ohne die zahlreichen lähmenden Pausen gespielt werden. Manchmal auch noch nüchterner und einfacher: theatralischer Ton und Gest« sollten aufs äußerste gedampft und ganz ms Menschliche aufgelöst werden.
Was die Besetzung angeht, so würden wir uns für mehrer« Rollen anders entschieden haben: doch kann dies nur gefühlsmäßig begründet werden und käme auf einen Versuch an.
Ganz echt wirkte das Bühnenbild L ö f f l e r 3; weniger überzeugend fang das Maschinengewehrfeuer. Die Aussprache der englischen Namen war nicht immer korrekt und sollte noch einmal kontrolliert werden. — ♦
Den Stanhove, den Arzdorf spielt« — an sich eine respektable Leistung —, stellt man sich nach dein Buch etwas anders vor: zusammengeraffter, mehr auf die Energie als auf die Nerven hin gespielt; die Erregung mehr nach innen getrieben, unter die Oberfläche. Am besten gelangen ihm (bis auf die im Ton vergriffenen letzten Worte) di« Szenen des zweiten Aktes.
Den Osborn« gab Fasso11, nobel und sympathisch, wie er im Buch wirkt, aber ein wenig zu bedächtig und unbeweglich: im ganzen auch kaum der Mann, der hier gemeint ist und von dem es einmal heißt, er fei physisch „hart wie ein Nagel". ♦
Die beiden reifsten und einheillichsten Gestaltungen des Abends boten W e s e n e r, dem der junge Raleigh ganz ausgezeichnet liegen muhte, und Hub. der aus dem leis« komischem dicken Trotter wirklich alles herausholte. waS man nach dem Buch erwartet.
Dom misch, als Hibbert, hatte die undankbarste Aufgabe; er übertrieb außerdem ziemlich und war stellenweise von einer Theatralik, die mit seiner Simulantengeschichte nichts zu tun hat.
Gut waren sämtliche Chargen: Tanner t (Hardh), Hais (Oberst). Ritter (Mason), Zingel (Feldwebel) und Heitzig (deutscher Gefangener).
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Die Aufführung hinterlieh, trotz ihren Längen und dauernder Anruhe im Publikum, sichtlich einen tiefen Eindruck. Zuletzt großer, anhaltender Beifall, den der Intendant mit den Hauptdarstellern entgegeimehmen konnte. Dr.Th.


