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Donnerstag, 23. Januar 1930

180. Jahrgang

Ur. 19 Erstes Blatt

MtzemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Vrvck und Verlag: vrühl'sche Unwerfilätr-Vuch und Z'leindruckerel H. Lange in Stehen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulllraße ?.

Annahme von Anzeige» für die Tagesnummer bis zum Nachmitlag vorher.

Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspsennig, für Re» klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspsennig, Platzvorschrift 20° , mehr.

Ehefredakteur

Dr Friedr Wilh Lang«. Derantworllich für Politik Dr Fr Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in (Biehen

Erschein, lüg Iich, außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Die Illustrierte Gießener Familien blätter

Heimat im Bild Die Scholle

Monatr-Vezugspreir: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Träger­lohn, auch bei Richter« Keinen einzelnerNummern folge höherer Gewalt. Zernfprechanschlüffe anterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnach­richten. Anzeiger Siehe«.

postschecktonto:

Zrantfurtam Main 11686.

England und der Kontinent.

Don Erich Metzenthin, Korvettenkapitän a. D. Mitglied des preußischen Landtages.

Wenn wir auch nicht in allem mit dem Verfasser restlos übereinstimmen, so ent­hält sein Artikel doch so viele beachtens­werte und nachdenkliche Gesichtspunkte, dah wir diese interessante Variante der be­kannten, allerdings in England selbst um­strittenen Isolierungstheorie sehr gern ver­öffentlichen.

Es gibt in Deutschland zahlreiche ßcute, die ihre außenpolitischen Hoffnungen auf England setzen. Sie wissen dies sogar folgendermaßen zu begründen:England erstrebt Kräftegleich­gewicht in Europa, um selbst das Zünglein an der Waage zu sein. Das ist seit Jahrhun­derten der wesentliche Inhalt seiner europäischen Politik. Deswegen bekämpfte es Spanien, Hol­land, das Frankreich der Könige und das Napo­leons und schließlich Deutschland. Durch den Frieden von Versailles ist Frankreich erneut in Europa übermächtig geworden. Deswegen muß es das Ziel der englischen Politik sein, durch Kräftigung von Deutschland das Gleich­gewicht wieder herzustellen. England ist daher unser natürlicher Freund." Auf Einwendungen fügen sie hinzu:Dieser Gedanke kann zwar in England zeitweise zurücktreten, er muh sich aber bald von neuem durchsetzen, denn er entspricht derenglischenTradition und dem natür­lichen Interesse des britischen Volkes."

Eine schlüssige Theorie. Ist sie darum richtig? Sie w a r es einmal, heute gehört sie zu anderen Mumien ins Museum, weil sie außer acht läßt, daß heute der Schwerpunkt englischer Politik nicht mehr in Europa, sondern jen­seits der Ozeane liegt. Schon in den Kämp­fen gegen Spanier, Niederländer und Franzosen ging es, mag die historische Arsache im einzelnen gewesen sein, wie immer sie will, nicht eigentlich um das Gleichgewicht in Europa, vielmehr um die Auswirkungen, die der Kräfteüberschuß der auf dem europäischen Kontinent jeweils führenden Nation auf ihre überseeische Betätigung hatte oder zu haben drohte. Für England handelte es sich letzten Endes immer um Seemacht, Aeberseehandel und'Kolonien. Die Entscheidung über all dies lag noch vor wenigen Jahrzehnten völlig in Europa. In sämtlichen anderen Weltteilen gab cs keine irgendwie ins Gewicht fallenden politischen Machtfaktoren; sie waren vielmehr nur willenlose Objekte für die imperialistische europäische Politik. Das ist vorbei. Die Vereinigten Staaten von Nord­amerika, unangreifbar auf ihrer Weltteilinsel, sind zur stärksten Macht der Erde geworden. Im fernen Osten ist Japan ein Faktor, dessen disziplinierter Kraft gegenüber der stärkste euro­päische Staat in jenem Viertel der Welt nur noch die fadenscheinig werdenden Kulissen altgewohn­ten Prestiges aufzustellen vermag. C h i n a s 400 Millionen sind in Bewegung geraten, von Ge­danken aufgestört, die Tausende chinesischer Stu­denten in den letzten Jahrzehnten aus amerika­nischen und englischen Universitäten in ihr Vater­land herübergebracht haben. Nicht viel anders sieht es in Indien, auch heute noch die stärkste Säule englischer Wacht und englischen Reichtums, in A e g h p t e n, im mittleren Osten aus. In ganz Asien gärt die Empörung. Der schwarze Weltteil wird folgen. Europa scheint imBe­griff, seine Vorherrschaft in der Welt zu ver­lieren. Europa in diesem Sinne ist fast identisch mit England, dem überall jenseits der Meere die reichsten Kolonien, die besten Häsen, der stärkste Anteil am Außenhandel gehören. Alle überseeischen politischen Erschütterungen, und die nächsten Jahrzehnte werden aller Voraussicht nach zum mindesten in Asien eine ununterbrochene Periode politischer Erdbeben sein, wirken m erster Linie auf England zurück. Was würde die kleine britische Inselgruppe am Rande Europas noch bedeuten, wenn die Briten ihr Weltreich nicht halten können? In den bisherigen Formen ist dies nicht möglich. Sie sind klug genug, es zu sehen und entschlossen genug, danach zu handeln. Ihr Verhalten in den letzten Jahren in Aegypten, Indien, China, wo dieKanonenbootpolitik" mit dem Fanal der kampflosen Räumung von Hankau ein rühmloses Ende gefunden hat, beweist dies. Gewaltig an Umfang, an Mannigfaltigkeit und Schwierigkeit sind die Ausgaben, die Großbri­tannien in den kommenden Jahrzehnten an allen fünf Meeren der Welt zu lösen hat. Es hat immer verstanden, das Wesentliche zu tun. Es _ wird auch jetzt seine politische Weisheit bewähren, sein Kräfte konzentrieren und sich von Europa abwenden, nicht mit auffallenden theatralischen Gesten, aber durch die Tat.

Eine Entwicklung, die scheinbar, aber auch nur scheinbar in anderer Richtung geht, ist denkbar, die, daß England die europäischen Kolonialmächte unter seiner Führung zusammenzuschlie- ßcn sucht, damit sie ihre überseeische Macht­stellung gemeinsam verteidigen. Auch eine solche Politik würde England nicht gegen Frank­reich, sondern an die Seite von Frank­reich führen, hat doch dieses nächst England über See am meisten zu verlieren. Denkbar, dah England die europäische Kolonialfront zu verbreitern sucht, möglich, daß es aus diesem Grunde eines Tages eine Politik unterstützt, die Italien verstärkte und auch Deutschland neue eigene Interessen am schwarzen Erdteil gibt, um dadurch die politischen und militärischen Kräfte beider Länder für Ziele mobil zu machen, die in der Hauptsache englische Ziele sind. Aber auch eine derartige Politik wird nicht im Gegen-

Vorbesprechungen aus der FloiteNkonserenz.

London, 23. Ian. (WTB. Funkspruch.) Die Blätter veröffentlichen ausführliche Berichte über die gestrigen Vorbesprechungen der De­legationen. Es wurden Naturgemäß keine Ent- cheidungen getroffen, aber die verschiedenen pri­vaten Anterredungen zeitigten sehr gute Er­gebnisse. Eine ganze Anzahl von Mihver- tändnissen wurde beseitigt. So hatten die Amerikaner auf Grund einer kurzen Kabel­meldung über die AeuHerungen Macdonalds den Eindruck gewonnen, die britische Delegation wolle die Frage der Kreuzerparität der Frage des Schlachtschiffbaufeiertages unterordnen oder sie überhaupt als Frage zweiten Ranges zu be­handeln. Es zeigte sich alsbald zur Erleichterung der Amerikaner, dah dieseSchwierig­keit" überhaupt nicht bestand, und daß die britische Regierung niemals eine solche Ab­sicht hatte.

Auch bei den Anterredungen mit den Fran­zosen wurden gewisse Punkte in den beiden im Dezember ausgetauschten Denkschriften ge­klärt. Hauptsächlich handelte es sich dabei um den französischen Wunsch, daß Verschiebun­gen zwischen der vereinbarten Ton­nage der verschiedenen Kreuzer - und Zerstörertypen gestattet sein sollen. Mac- donald soll einige Besorgnis empfunden haben, weil bei diesem System beispielsweise die ur­sprünglich für Grohkampfsch-fie zugewiesene Ton­nage in kleine Kreuzer und A - Boote aufgeteilt werden könnte. Es wird sorgsam überlegt, wie die Londoner Konferenz zur vor­bereitenden Abrüstungskommission und zur Abrüstungskonferenz desVöl- kerbundes in Beziehung gebracht werden soll. Ein Vertrag, der beide Gremien miteinander in Zusammenhang bringen würde, wäre für die Amerikaner unannehmbar, und ein Vertrag, der es nicht täte, könnte leicht vom französischen Parlament auf Ablehnung stoßen. Wenn in der Frage der Sicherheit die Vereinigten Staa­ten eine Ergänzung zum Kelloggpakt ablehnen, werden die Franzosen vielleicht versuchen, die britische Zustimmung zu einer Auslegung des Sanktionsartikels" 16 der Völkerbunds, ahung zu erlangen, besonders nach der finanziellen und wirtschaftlichen Seite hin.

Driand und Grandi hatten gestern abend eine lange Anterredung. Die italienische These ist vielleicht die einfachste von allen. Italien wünscht in Kreuzern Parität mit Frank­reich zu haben, mit der sich die Franzosen in Washington grundsätzlich einverstanden er­klärt hatten, und die heutzutage annähernd vor­handen ist. Im übrigen aber wünscht Italien bei Aufrechterhaltung des Grundsatzes der Pari­tät eine so geringe Kreuzer st ärke wie möglich, um Geld für seine innere Entwicke­lung freizubekommen, die Franzosen aber be­stehen darauf, daß die Ausdehnung ihrer Küsten und ihr Kolonialreich eine gewisse M in de st - stärke erfordert, die mit der Stärke anderer Mächte nichts zu tun habe, und über die später nähere Angaben gemacht werden sollen.

Spanien will große Schlachtschiffe bauen.

Die Großmächte vor einer neuen Litualion.

London, 23. 3an. (7DIB. Funkspruch.)Daily Telegraph" meldet, Spanien habe eineBombe mit Zeitzünder" in die Flottenkonferenz hin- eingeworfen, die Delegierten ständen infolgedessen bei ihrer (Erörterung über die Zukunft der Schlacht­schiffe einer ganz neuen Lage gegenüber. Während Großbritannien vorschlägt, neuen Schlachtschiffen eine Tonnage von 23 000 bis 25 000 Tonnen mit 1 2zölligen Geschützen zu geben, und während die anderen sionserenzmächle diese Anre­

gung wohlwollend erwägen beabsichtigt, die spa­nische Regierung den baldigen Bau von Schlacht­schiffen mit mehr als 25000 Tonnen Verdrängung und Ibzölligen Ge­schützen. Spanien hat genaue Pläne für den Bau von zwei derartigen Schlachtschiffen vorbereitet, de­nen entsprechend der Finanzlage des Landes wei­tere Neubauten folgen sollen. Die spanische Flotte wird in einigen Jahren stärker sein, als seil Generationen. 6s heißt, dah binnen kurzem Kredite für den Beginn des Baues der neuen Schlachtschiffe angeforöert werden sollen, die etwa 2 6 0 0 0 Ton­nen Wasserverdrängung und 6 ober 8 Geschütze von lözölligem Kaliber haben werden. Schisse dieser Art würden einen ganz neuen Faktor in die bisherige Schlachtschiffsituation ein- führen, besonders da die Bauart dieser Schiffe ebenso neue und umwälzende Eigentümlichkeiten aufweisen wird, wie das deutsche Panzerschiff ErsahPreu­ßen".

Oie Ll-Bovte.

Französische Forderungen zur Quotcnsraqe.

London, 22. Jan. (TU.) Die französischen Quotenwünsche spielen bei der Londoner Flotten- konserenz eine erhebliche Rolle. Die französischen Forderungen bewegen sich in zweifacher Richtung:

1. Frankreich wünscht Anerkennung des Status qao der Flotten stärken, d. h. formelle Zubilligung einer Quote von etwa 2,4, die den tatsächlichen gegenwärtigen Verhältnissen entspricht, an Stelle der Washingtoner Quote von 1,75. Bei Anerkennung dieser Forderung ist Frank­reich bereit, die Unterseeboote bis zu 600 Tonnen in die Quote von 2,4 einzubeziehen.

2. Für den Fall der Ablehnung der ersten For­derung wird Frankreich verlangen, dah Unter­seeboote bis zu 600 Tonnen nicht in bie Quote einbezogen werden, sondern jedes Land das Recht behält, beliebig viele Unter­seeboote dieser Gröhe zu bauen.

Das Michskabmett billigt die Ergebnisse der Haager Konferenz.

Berlin, 22. Jan. (WB.) Amtlich. Das Reichskabinett beschäftigte sich unter dem Vorsitz des Reichskanzlers in seiner heutigen Vor­mittags- und Rachmittagssihung mit dem Gesamt­ergebnis der Haager Konferenz. Es nahm zunächst die Berichte des Reichsministers des Auswärtigen, Dr. E u r t i u s , des Reichsministers für die besetzten Gebiete, Dr. Wirth, und des Reichsministers der Finanzen, Dr. Molden- hauer, entgegen.

An bie Berichte schloß sich eine Aussprache, in deren Verlauf der Reichskanzler im Namen des Kabinetts der deutschen Delegation für ihre Tätigkeit feinen Dank ausfprach und auch den beteiligten Beamten für ihre Mitarbeit Worte der Anerkennung widmete.

Abschließend konnte ber Reichskanzler bie völ­lige Uebereinftimmung ber Reichs- regierung mit ber Verhandlungsfüh­rung der Delegation und die einmütige Bil­ligung der im Haag erzielten Ergeb­nisse feststellen.

Die entsprechenden Gesetzesvorlagen wer­den auf Grund des heutigen Kabinettsbeschlusses so rechtzeitig dem Reichsrat zugeleitet werden, daß seine Beratungen anfangs näch - ff e r Woche beginnen können.

Vor dem Endkampf um den honngptan.

Berliner Prefsestimmen.

Berlin, 23. Ian. (TA.) DerVorwärts" beschäftigt sich in einem Artikel mit der kommen­den Parlamentsarbeit. Er ist der Meinung, daß die Finanzprobleme und die mit ihnen zusammen­hängende Reichsbankangelegenheit Anlaß zu schweren Auseinandersetzungen geben werden, glaubt aber nicht, daß sich bei der Frage einer Herabsetzung der Desihsteuern der Konflikt ent­zünden könnte, da ja angesichts der schweren Finanzlage von irgendwie erheblichen Steuer­senkungen gar nicht die Rede sein könne. Es werde sich im Gegenteil die Notwendigkeit Her­ausstellen. dem Reich neue Steuerquellen zu erschließen. Das sozialdemokratische Zentralorgan hält aber den Ausoruch einer Krise nach der Er­ledigung des Voung-Planes nicht für unwahr­scheinlich Der Rückweg in eine resignierende oder abwartende Stellung könne aber das Ziel der sozialdemokratischen Partei nicht sein. Die Sozialdemokratie werde vielmehr in einen solchen

Konflikt hineingehen, in der Absicht, nicht den anderen das Feld zu überlassen, sondern mit ihnen schärfer als bisher zu kämpfen.

Wie dieB ö r s e n z e i t u n g" ergänzend zu der Sitzung der Reichstagsfraktion der D. D. P. er­fährt, wurden bei der Aussprache über das Zünd­holzmonopolgesetz und die Kreugeranleihe sehr st arte Bedenken gegen bie Regie­rungsvorlagen geltend gemacht. DieD. A. Z. bezeichnet es aus außenpolitischen Gründen als be­dauerlich, dah die Reichsregierung bei der Bera­tung des Haager Ergebnisses, wie man nach der offiziösen Miteilung annehmen müsse, nicht den allergering st en Vorbehalt gemacht habe. Ob allerdings die Regierungsparteien, wenigstens di« bürgerlichen unter ihnen, sich dieser vorbehaltlosen Zustimmung über das Erreichte, vollkommen a n - schließen würden, sei noch zumindest zweifel­haft. Die wirklichen Schwierigkeiten würden sich erst zeigen, wenn das außenpolitische Thema der Haager Konferenz in das innerpolitische Thema der politischen und wirtschaft- Iichen Folgerungen ü b e r g e h e, die bei einer etwaigen Annahme des Haager Youngvlanes gezo­gen werden müßten. Beide Themen ließen sich nicht etwa säuberlich trennen, sondern seien im Gegen­teil unlöslich miteinander verbunden. Das deutsche Volk müsse sich auf K ä m p s e s ch w e r- ster Art gefaßt machen.

Oer Kaffenbedarf des Reichs.

Keine Tleucrsenkungen im neuen Etat.

Berlin, 22. Ian. (Priv.-Tel.) Nachdem nun­mehr in den Reichshaushalt einigermaßen Ord­nung hineinkommt, läßt sich auch im einzelnen überblicken, welche Gelder fehlen, um die Lücken zu füllen. Dabei hat sich herausgestellt, dah der Reichsfinanzminister zunächst 5 0 0 Millionen braucht, um die Kasse zu balan­cieren. Aus diesem Grunde ist nunmehr mit Be­stimmtheit damit zu rechnen, daß auch die B i est e u e r im neuen Haushaltsplan erhöht wird. Darüber hinaus soll aber noch ein lieber» brückungskredit ausgenommen werden, der. wie wir bereits berichten konnten, ebenfalls aus den Steuereingängen gedeckt werden soll. Es steht zu erwarten, dah die Verhandlungen darüber schon in diesen Tagen ausgenommen wer­den. Die seinerzeit beschlossene Inland­anleihe erfährt dadurch aber nach keiner Rich­tung hin eine Beeinträchtigung, da es sich jetzt nur um kurzfristige Gelder handelt, die nach den neuen Etatsplänen sehr schnell wieder abgedeckt werden können. Auf jeden Fall können im neuen Etat keinerleiSteuer- s e n k u n g e n vorgesehen werden.

europäische Großmacht" im eigentlichen Sinne des Wortes ist, dah es vielmehr gewissermahen zwischen den Erdteilen liegt. Das zeigen auch seine wirtschaftlichen Beziehungen. Von der Gc- samtaussuhr englischer Erzeugnisse im Wert von rund 14 Milliarden Mark (1920, gingen nur 3.9 Milliarden nach Europa. 10,1 Milliarden nach Aebersee, davon allein 6,3 Milliarden nach britischen Besitzungen. Auch von der Gesamtein- suhr kam nur etwas mehr als ein Drittel aus Europa. Dieses Zahlenverhältnis gewinnt erst dann seine richtige Bedeutung, wenn man weih, dah bei den anderen großen europäischen Indu­strieländern. z. D. Deutschland und Frankreich, der Wert des europäischen Handels den des überseeischen sehr erheblich übersteigt.

Man kann die Dinge betrachten, von welcher Seite man will, es bleibt dabei, dah Englands Lebensinteressen nicht in erster Linie in Europa liegen. Wenn die Erde sich öffnete und das gesamte Festland von Europa ver­schlänge, so könnte sich England als Verwal- tungs-, Industrie- und Handelszentrum des bri­tischen Weltreichs in der vordersten Reihe der Großmächte halten. Dagegen finkt es rettungs­

los in die zweite Linie zurück, wenn es sein Kolonialreich und die organische Verbindung mit den Dominions nicht aufrechtzuerhalten vermag. Deswegen liegt das europäische Schicksal und die Gestaltung der für Deutschland brennenden euro­päischen Fragen in der Hauptsache zw i sichen Deutschland und Frankreich. Gefühle, Wünsche, veraltete Theorien können daran nichts ändern. Hofft nicht auf England! England hat seine eigenen schweren Sorgen außerhalb von Europa. Eine solche Warnung scheint notig, weil die Zahl der politisch interessierten Menschen in Deutschland, die eine Vorstellung von der Gröhe der Erde und der Fülle gewalsigster Probleme haben, die gegenwärtig zur Lösung drängen, bedenklich klein ist. Das führt leicht zu der trügerischen Illusion, dah es gelingen könnte, außereuropäische und halbeuropüi- sche Weltmächte wie Amerika und England zu veranlassen, ihr ganzes Schwergewicht zur Lösung europäischer Nachkriegssragen einzusetzen, die zwar für uns Deutsche die wichtigsten der Welt, für sie aber nur Angelegenheiten zwei­ter oder dritter Ordnung sind.

sahzuFrankreich geführt werden. Die Soli­darität der in Aebersee in ähnlicher Weise be­drohtenglücklichen Besitzenden" steht dem ent­gegen.

Sorge vor Frankreichs europäischer Macht, um dieses alte Motiv noch einmal auszunehmen, braucht England nicht zu haben. Die französische Flotte ist gegenüber der englischen Seemacht un­bedeutend. Auch auf diesem Gebiet sind bie ernsten Rivalen Englands heutzutage nicht euro­päische Mächte, sondern die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die eine mit England gleich­starke Kriegsflotte zu halten entschlossen sind und Japan. And auch sonst liegt in der bezüglich der Dolkszahl stagnierenden französischen Nation auch nicht mehr andeutungsweise die ge.ährliche Ex- pansivkrast, die das lebenstrohende Frankreich im 17., 18. und um die Wende des 19. Jahrhun­derts für England bedeutete. Auch über See ist Frankreich gesättigt, kein revolutionäres Moment der Anruhe, sondern ein Verteidiger der be­stehenden Zustände. r .

Man ist sich in Deutschland oft nicht darüber klar, daß England zwar geographisch, nicht aber macht - und handelspolitisch eine