Einzelbild herunterladen

Nr. 247 Lrftes Blatt

180. Zahrgang

Mittwoch, 22. Oktober |930

Eriche 'n> logl'ch,nutzer Sonntags und Feiertag»

Beilagen: Die Illustrierte vietzenei Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle gionats-Be$ugspre1$:

2.20 Reichsmark und 30 Reichspfenmg für Träger« lohn, auch bei Richter« scheinen ernzelnerNummern infolge höherer Gewalt.

5ernfprechanschlüste anterSammclnummer2251 Anschrift für Drahtnach« richten Anzeiger -letze«.

postschettkonto: Frankfurt am Main 11686.

Gietzeim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drud und Verlag: vrühl'fche Univerfilütr-Vuch- und Stetnöruderet H. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

Annahme von Anzeige« für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re­klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20" mehr.

Chefredakteur:

Dr. Frtedr. Wilh. Gange. Verantwortlich für Politik Dr Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filier, sämtlich in Gießen.

Oie Grubenkatastrophe in Alsdorf.

Furchtbare Zerstörungen als Folge der Explosion. - Oie Ursache noch nicht einwandfrei festgestettt. - Bis jetzt 131 Zot>e0> Opfer und 98 Verletzte geborgen. - Roch ungefähr 60 Bergknappen eingeschloffen. - Oie Bergungsarbeiten gehen weiter.

Oas Rettungswert.

Alsdorf, 22. Oft (TDIB. Funkfpruch.) Um 6.35 Uhr früh war die Bergung bis auf 13 7 lote forlgeführl In den Krankenhäusern waren um diese Zeil, nachdem schon einige Personen wieder entlassen wurden, 98 verletzte, von unten kommende Mannschaften erzählen, datz auf der vierten Sohle (460 Meter) die Zerstörung eine fast vollkommene ist. Dort allein sind bisher 78 Tote geborgen. Die Aussichten, von der vierten Sohle noch Lebende zu bergen, sind außerordentlich gering, von anderen Sohlen kommen aber noch lebend Geborgene heraus. Man darf annehmen, datz zur Zeit noch insgesamt 60 Leute ein- geschlossen sind, von denen der gröhte Teil, wenigstens soweit er auf der vierten Sohle vom Unglück überrascht wurde, als verloren betrachtet werden muh. Die Sprengstofflager der anderen Sohlen sind sämtlich in Ordnung gefunden worden. Die Verbrennungsspuren an den Türen unter Tage deuten darauf hin, dah der Brand seinen Ausgang vom Schacht genommey hat und von dort in die Ouerstege gelangte. Auch die Richtung des E x - plosionsstohes, den die Mannschaften emp­fanden, und dem sie zum Teil zum Opfer fielen, weist auf diese Annahme hin. Die Explosion hat die Wettertüren zerschlagen und die Rachschwaden haben sich infolgedessen unbehindert auf das ganze Revier der Grube Anna II ausdehnen können. Zn diesen Schwaden haben dann die Leute den Tod gefunden, bei denen Erstickung festgestellt wurde. Lin Unsicherheitsfaktor für die Feststellung der Geretteten und der noch Verschütteten ist das tägliche Schwanken der Zahl der a n - getretenen Arbeiter. Die Markenkontrolle ist zerstört, und die Zahl der vermihten kann auch nach den inzwischen herbeigeschassten Zahlen der aus Schacht Anna III ausgefahrenen 57 Leute noch nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Die Verwaltung hat eine gedruckte Liste der Der- mieten im Orte verteilen lassen, um die Bevölke- rung, die zum Teil die ganze Rach! hindurch vor den Toren ausharrt, so gut wie nur möglich zu unterrichten. In den letzten Stunden konnten die Bergungsarbeiten beschleunigt und In 2/a Stunden 30 Tote herausgeschafft werden.

An der Llngtücksstätte.

WTB. Alsdorf, 21. Ott. (Bon unserem Sonderberichterstatter.) Die Unglücks statte auf dem Schacht Anna II ist nur auf Umwegen zu erreichen. Die dem Förderturm zugewandte Auhenmauer des Verwaltungsge- udes steht nur noch soweit, als sie von den sie umgebenden Schuttmassen gehalten wird. Der Förderturm selbst, der etwa 30 Meter hoch war hat sich zur Seite geneigt und dabei einen Zementsockel beschädigt. An dieser Stelle knickte der Turm seitlich ein und stürzte auf das Verwaltungsgeb äude, das gleichzeitig von der unterirdischen Explosion erschüttert und zum größten Teil in sich zusammengesunken war. Der Schutthaufen füllt mehr als das Erdgeschoß. Hier wurden die er st en Toten geborgen. Die Trümmer der benachbarten Gebäude geben ein Bild davon, was sich unter der Erde ab- gespielt haben mag. Die dritte Sohle des Schach- tes Anna II ist mit 460 Meter Tiefe dietrefste des Reviers. Dort lag in etwa 10 bis 20 Meter Entfernung vom Schacht ein Dynamrt- lager, dessen Explosionsstichflammen bis hoch über dem Förderturm sichtbar gewesen sind. Trotzdem konnten aus dem Unglücksschacht ver­mittels Leitern und Seilen noch drei Mann unverletzt heraufgeholt werden. 3m Förderschacht Anna I selbst kommen in kleineren Zeitabstanden Verletzte zutage, die sofort von den Sanitätern betreut werden. Sie berichten über einen dump­fen Schlag und den Einsturz der Ge­birge. Viele wußten zunächst gar nicht, wes­halb der Befehl zum sofortigen Ausfahren ge» geben wurde. Die elektrischen Kabel ftnd zerstört und die Ausfahrt, vor allem die Verbindung der einzelnen Stollen untereinander, war da­durch bedeutend erschwert.

Von den Ereignissen über Tage sind einige erschütternde Einzelheiten öekanntgewor- den. 3n einem dem Förderturm des Wilhelms- schachtes besonders nahegelegenen Stapel Gru- benholz wurde ein Arbeiter mit solcher Wucht gegen das Kopfende derBalken ge­preßt, daß sein Körper die Dalken tn genau der Körperform verschob. Dem Unglücklichen wurde dabei der Kopf völlig zertrümmert. An einer anderen Stelle fanden Sanitäter in etwa 300 Meter Entfernung von der Unglücksstatte eine einzelne Hand. 3n Alsdorf und ^sonders in den Straßen, die zur Zeche führen, ftnd Dächer und Fensterscheiben beschädigt, auch große Fenster­scheiben, die der Luftdruckrichtung zugewandt waren, wurden eingedrückt. Von den geretteten Bergarbeitern waren einige mit Hellem Ge­steinsstaub bedeckt, und man will daraus schließen, dah automatisch auch die Gesteinsstaub­

sicherung in Tätigkeit getreten ist. Trotzdem reichte stellenweise die Wirkung der Explosion recht weit. Roch 250 Meter von der Unglücks­tätte entfernt, wurden Tote gesehen, die aber noch nicht geborgen werden konnten. 3m Ver­waltungsgebäude wurde ein Beamter, der vor dem offenen Geldschrank stand, mit solcher Gewalt gegen die Tür des Geldschrankes gepreßt, dah er tot liegen blieb.

3n Alsdorf selbst herrscht ein furchtbares Durcheinander, da die ganze Bevölkerung verstärkt durch sehr viele Reugierige, die aus allen Teilen des Rheinlandes, aus Belgien und Holland herbeigeströmt sind, sich auf den Straßen aufhält. Don Zeit zu Zeit kommen geschwärzte Gestalten aus dem Verwaltungsgebäude heraus, die sich am Rettungswerk beteiligen oder auch solche, die durch andere Schächte ausgefahren sind. Sie werden mit Fragen nach den Angehörigen bestürmt, können aber alle keine bestimmte Auskunft geben. Das Bordringen in die zu Bruch gegangenen Strecken ist außerordentlich erschwert.

Die Derwaltung lehnte es Dienstag ab, sich über die Ursachen -zu äußern, da eingehende Untersuchungen zur Zeit nicht angestellt werden können. 3n erster Linie müßte die Arbeit der Bergung der Eingeschlossenen gelten.

Es ist also immer noch ungeklärt, ob es sich um eine Sprengstoff - oder eineK o h l e n st a u b- explosion oder um Schlagwetter handelt. Rach der verheerenden Wirkung der Explosion an dem Seilturm und dem Verwaltungsgebäude muß man annehmen, daß es sich um eine Sprengstoffexplosion handelt. Man nimmt an, dah die Explosion auf der 3 60-Meter-Sohle erfolgt ist, weil dort das Sprengstofflager lag, das etwa 1000 Kilogramm Sprengstoff umfaßte. Diese 360-Meler°Sohle ist die drite Sohle. Die vierte Sohle liegt mit 460 Meter noch darunter. Die Belegschaft von Anna II beträgt 2000 Mann und verteilt sich auf drei Schichten. Die Rachtschicht war um 6 Uhr ausgefahren. Wie eine stehengebliebene Uhr zeigt, erfolgte die Explosion um 7,3 1 Uhr. lieber die Ursache gehen die Vermutungen noch auseinander. Das Sprengstofflager kann sich durch Tem­peraturüberhöhung entzündet haben. Cs kann auch eine kleine örtliche Schlag­wetterentzündung die Veranlassung ge­wesen sein. Die Grube Anna I gehört, wie die meisten Gruben des Wurmreviers, dem C s ch - i weiter Dergwerksverein. Sie hatte bis­her nur ein größeres Unglück zu verzeichnen, und zwar im 3ahre 1917. Damals waren 53 Tote zu

I beklagen.

Dynamit im Bergwerk!

Grubenkakastrophen, die durch Sprengstoffe hervorgerufen werden. Oie Explosionswirkung des Dynamits.

Bon Dr. Siegfried Kurth

Rahe der holländischen Grenze liegt der kleine Ort Alsdorf, der in der Hauptsache von den in der Rahe befindlichen Steinkohlengru­ben lebt. Huniert bis sechshundert Meter unter die Erdoberfläche steigen die Bergleute, um dort in der Tiefe eine besonders vorzügliche Steinkohle aus dem Boden zuschießen". Dazu verwendet man Dynamitpatronen, deren Sprengwir­kung außerordentlich groß ist. Strenge Borschri- ten sollen dafür sorgen, daß die gefährlichen Sprengstoffe richtig behandelt werden. Aber alle vorsorglichen Maßnahmen haben nichts genützt, das Dynamitlager der Grube ist explodiert, hat einen mächtigen Förcerturm zerstört, Verwal­tungsgebäude vernichtet und die Stätte fleißiger Arbeit in einen wüsten Trümmerhaufen verwan­delt. 3n Alsdorf sind alle Fensterscheiben ge­sprungen. im Umkreis von vielen Kilometern hat

man die gewaltige Detonation gespürt, zehn Mi­nuten schwebten Rauchwolken in der Luft und hüllten die Unglücksstätte in Finsteriris.' So ent­setzlich wirkt sonst nur ein Erdbeben. Wie ist es möglich, daß verhältnismäh g geringe Mengen Dynamit diese Verheerungen anrichten konnten? Warum verwendet man überhaupt Dynamit im Bergbau? Das sind Fragen, die sich sofort ein- stellen müssen.

3m Dynamitlager des Wilhelmschachtes auf der Grube Anna II befanden sich nur etwa 1000 bis 2000 Kilogramm Sprengstoff. Ein oder zwei Tonnen das ist nicht viel. Aber Dynamit hat eine furchtbare Kraft. Um die Ge­walt der Explosion zu begreifen, muh man

eine kleine Berechnung

anstellen. Ein Meterkilogramm ist jene Kraft, die

Die Grube Anna II in Alsdorf. Der Pfeil bezeichnet die Fördertünne der Grube, die jetzt eingestürzt sind.

ifi «f

MD

MMMMN

- 'oruif i

* «» uh

ausreicht, ein Kilo. einen Meter hoch zu heben. Verbrennt man nun ein Kilogramm Dyna­mit, so entstehen dabei 1300 Wärmeeinheiten, die etwa einer Arbeitsleistung von 550 000 Meter­kilogramm entsprechen. Wird diese Energie i n einer Sekunde ausgelöst, so entspricht dieS der Arbeit von 7350 Pferdekräften. Aber Dynamit explodiert nicht etwa in einer Sekunde, sondern im sechzigsten Teil dieser Zeit. Dadurch steigert sich die Explosionskraft auf nahezu eine halbe Million Pferdekräfte. Und diese furchtbare Energie entwickelt sich schon bei der Explosion eines einzigen Kilogramms Dynamit! Wenn aber

rath

zwei Tonnen Dynamit in die Luft fliegen, so erhöht sich die freiwerdende Energie auf zehn Millionen Pferdekräfte. Die Explosion ist nun mit dieser ungeheuren 3ntenfität erfolgt, die der gleichzeitigen Kraftanstrengung von etwa 70 Millionen Menschen entsprechen würde, also von mehr Menschen, als in Deutschland wohnen! Und aus diesem Grund hat das explodierende Dynamitlager tatsächlich die Gewalt eine8 lokalen Erdbebens erhalten.

Vor mehr als zwei 3ahrzehnten hat man in der Schweiz erfahren müssen, welche unvorstell­bare Wucht ein explodierendes Dynamillager be­sitzen kann. 3n seinem BuchDie Schieß- und Sprengstoffe", das 1920 erschienen ist, schildert Dr. Alfred S t e 11 b a ch e r , wie am 15. Rovember 1908, etwa gegen Voll Uhr,

das Dynamithaupllager an der Jungfraubahn

in die Luft flog. 3n einem Rebenraum des Tun­nels, 2700 Meter hoch in der Cigerwand, waren 25 000 Kilogramm Sprenggelatine untergebracht. Plötzlich hallten die Berge von einem furcht­baren Knall wider, und die Bewohner der be­nachbarten Täler flohen erschreckt aus ihren Häusern, voll Furcht wegen des vermeintlichen Erdbebens. Als sie in die Höhe schauten, sahen sie gewaltige Rauchmassen, die aus dem Derg- innern des Eiger hervorzuquellen schienen. Die Explosion hatte die zwanzig Meter dicke Wand ohne weiteres durchgedrückt und sich dann in den Luftraum hinein entladen. Von den Bergen lösten sich Lawinen. 3n dem 1500 Meter tiefer gelegenen Grindelwald wurden acht Millimeter dicke Schaufensterscheiben eingedrückt. Der Krach und die Erschütterung waren von ungeahnter Femwirkung. 3n Lindau am Bodensee fühlte man den Boden unter den Füßen wanken und glaubte gleichzeitig, ein leise zitterndes Rollen aus dem Erdinnern zu vernehmen. Die Straßen­laternen klirrten, und in manchen Häusern gin­gen die Türen von selbst auf.

Es ist selbstverständlich, daß

ein so gefährlicher Sprengstoff mit äußerster Vorsicht behandelt

werden muß. 3n gewissen Abständen werden die Dynamitlager der Bergwerke von den Behörden kontrolliert, und die Aachener Gruben sind einer solchen Kontrolle erst vor einem Vierteljahr unter­worfen worden. Rach menschlichem Ermessen hätte sich also kein Unglück ereignen dürfen. Es ist sehr fraglich, ob die sofort eingeleitete Untersuchung die wahren Ursachen der Katastrophe finden wird. Das Grubensicherheitsamt im Preußischen Han­delsministerium kann sich vorläufig nicht erklären, wie das Unglück entstanden ist, es weist daraus hin, daß verhängnisvolle Dynamitexplosionen nach dem Krieg nicht mehr vorgekom­men sind mit einer einzigen Ausnahme im 3ahre 1925, als auf einer westfälischen Zeche eine Schlagwetterkatastrophe und eine Dynamitexplo­sion nebeneinander herliefen. Damals konnte nicht ermittelt werden, ob das Dynamitlager auf der betroffenen westfälischen Zeche durch das Schla­gende Wetter in die Luft gesprengt worden ist, oder ob im Gegenteil Dynamit das Schlagwetter herbeigeführt hat. 3m Krieg sind einige Dynarnit- explosionen vorgekommen, die aber damals nicht mit derselben Sorgfalt wie in Friedenszeiten untersucht wurden. Das größte Grubenunglück kurz vor dem Krieg, das auf eine Dynamitex^osion zurückzuführen war, ereignete sich Anfang August 1912 auf der ZecheLochringen" in Westfalen.