Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Vornan von I. Schneider-Foerstl.
Llrheber-Rechtfchutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
19. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Was half hier Trost? — Was sagen Worte? — Klober die Schwere dieser Stunde half nichts hinweg als die Zeit, die unablässig von heute in das Morgen rann, vom Morgen in das Liebermorgen und immerfort und immerzu, bis man sich dareinschicktc und das Llnabänderliche ertragen lernte, und sich abfand mit dem, das Loch nicht mehr zu ändern war.
Vicht Gold, nicht Geld noch alles Wünschen hielt den Schritt des Schicksals auf. Lind legte ihm einer das eigene Herz als Hindernis in den Weg, es verhielt den Schritt nicht und zertram- Peltc es mit. Ein Leben mehr oder weniger, im Titanenmaß der Zeit war es ein Vichts.
* * *
An Aversons Landhaus zu Starnberg gilbten die Blätter des wilden Weins, der den weitläufigen Dau bis an den Giebel umspannte. 3m Park raschelte das Laub, tanzte in Varren- gewändern von Grün und Vot und sattem Gelb, um zuletzt todmüde auf Len Vasen zu taumeln, der streng gezogen zwischen den Bäumen hinlief.
Helene kam an Aversons Seite durch den Laubgang ünd hatte den gestickten Seidenmantel eng um ihre schlanken Formen gewunden. „Wissen Sie einen Vat, Averson? — Och bin am Endet Dos ist nicht mehr zu ertragen! 3d) liebe meinen Sohn! Liebe ihn doppelt und dreifach aus dem Gefühl meiner Schuld heraus, aber ich kann darüber die anderen nicht vergessen. Den Mann! Die Kinder, die ich noch geboren habe! Für 3ust ober existiert nichts mehr als sein kranker Sohn, der Sohn, der sein Leben dem anderen verdankt, der seit sechzehn Jahren in der Einsamkeit der Sabinerbcrge auf diese Stunde der Vergeltung wartet."
„Ich glaube cs nicht, Helene!"
„Dost er darauf wartet? — Das glauben Sie nicht, Averson?"
„Vein!"
„Was denn sonst? — Gott, was denn sonst? Sind Sie vielleicht der Meinung, daß er es in Heiligkeit und Wcltentsagung so weit gebracht hat, zu vergessen, daß irgendwo in der Welt eine Frau lebt, die einmal sein Kind unter dem Herzen trug und dieses Kind dem anderen zuerkannte, der nichts mit ihm zu tun hatte?"
„Ein Mann, der auf Vergeltung wartet,
schweigt nicht sechzehn Jahre, Helene. Es ist lediglich die Hand des Schicksals, die Sie traf. Vicht das Wünschen und Wollen Ihres früheren Gatten."
Ein tonloses Seufzen hob die Brust der schönen Frau, die ihren Seidenmantel immer noch enger um sich zog. „Sie haben mich einmal geliebt, Averson! — Ist das wahr?"
„Ja! — Lieber alles geliebt, Helene!"
„Vichts ist vergänglicher als Liebe!" Der Frauenmund zog sich herbe zusammen.
„Ich glaube, die meine hat sich bewährt!"
Sie blieb stehen und fing eines der brennend- roten Blätter auf, die von dem großen Ahorn, der in der Mitte eines Vondells thronte, herabgetaumelt kamen. Ihre Augen blieben daran haften und verschleierten sich langsam: „Würden Sie mir eine Zufluchtsstätte gewähren, wenn ich eines Tages käme, mich und mein armes Kind bei Ihnen zu verstecken?"
Er war zu sehr erschrocken, als daß er Antwort zu geben vermocht hätte. Vur ihren Va° men hauchte er heraus: „Helene!" —
„Sie glauben nicht, Averson, wie das zermürbt." Sie lief vom Wege ab quer über den Vasen, nach den Beeten hin, in denen letzte Chrysanthemen blühten. „Ich ertrage das einfach nicht mehr! Ich soll nicht singen! Ich will es auch gar nicht, weil ich den Mund nicht öffnen könnte, weder zu einem Liebes- noch zu einem andern Liede. Mir verrostet der Ton in der Kehle. Ich merke es. Aber ich bedaure es nicht. Das andere aber ist zuviel! Die Tage sind noch zu ertragen. Die beiden Töchter können wieder lachen, mein Jüngster freut sich über die Aepfcl, die unter seinen Pfeilen von den Zweigen stürzen, die Schwiegermutter geht mit weißem Haare durch die Stuben, aber sie trägt das Hoffen im Auge, daß alles wieder wird, wie früher. Sie weiß nichts von den Rächten, die ich allein mit Just durchlebe."
„Können Sie Ihren Gatten nicht bestimmen, daß er reist, Helene?"
Averson hatte, ohne daß sie es wehrte, ihren Arm durch den seinen gezogen und führte sie auf dem Weg zurück.
„Reisen?" Sie sah ihn an, als habe sie nicht recht verstanden. „Ohne Hübert? Er weicht keinen Schritt von seinem Lager. Der Aermste weiß noch nicht einmal, daß er siech bleiben wird. Just wird ihn hoffen lassen, bis an das Ende seines Lebens."
„Schrecklich!" hauchte Averson.
„Sie wissen noch nicht alles." Als fürchte sie einen Lauscher, sah sie sich angstvoll um. „Vachts, wenn ich todmüde von der Pflege und gepeinigt von Gewissensqual für eine Stunde Ruhe suche, reiht er mich auf und schreit mir ins Gesicht: „Herzlose Mutter! Du schläfst, wenn dein Kind in Schmerzen stöhnt!" Er läßt mir gar nicht
Zeit, mich anzukleiden. Sieht, wie ich Int Bette vor Kälte zittere und achtet es nicht, hat nur ein Auge für den Sohn und nur für ihn! — Ich bin ein Vichts geworden!"
Averson lenkte, ohne daß sie es merkte, den Schritt dem Landhause zu. In der Diele umfing sie huschelige Wärme. Er rief nicht nach dem Diener, sondern nahm ihr selbst den Mantel ab und hing ihn an den Ständer.
„Kommen Sie, Helene! Jetzt bei Tag vermißt er Sie am wenigsten. Sie sollen ein bißchen ruhen! Wirklich ruhen, Helene, und an nichts denken, an gar nichts, nicht an die Vot zu Hause, auch nicht an Ihre Schuld, die längst vergeben ist. Ich werde Ihnen ein Pulver mischen. Dann schlafen Sie. Vichts wird Sie stören. Lind wenn Sie erwachen, sind Sie frisch gestärkt. Alles ist weniger schwer, und wird leichter zu ertragen fein."
Es war ihr unmöglich, sich länger zu beherrschen. Sie legte dos Gesicht gegen seine Schulter und weinte haltlos. Wie ein Kind lieh sie alles mit sich geschehen, dah er vor ihr niederkniete und ihr die Schuhe von den Füßen streifte, das Bett für sie zurechtrichtete und die Decke sorglich über ihren Körper zog.
Er entnahm einem Schränkchen ein Pulver und mischte es in einem Glase Wasser, das er ihr hinübertrug.
„Werde ich auch nicht zu lange schlafen?" fragte sie ängstlich.
„Drei Stunden! — Vicht länger!"
„Spätestens um sieben Llhr muß ich zu Hause sein."
„Ich bringe Sie selbst nach Rottach-Derghof! — Gute Rächt!" Er neigte sich zu ihr herab und kühte sie auf die Stirne.
„Averson!" Ein Schluchzen quoll aus verschütteten Tiefen zu ihm empor.
„Jetzt schlafen!" mahnte er bittend. „Es wird alles gut sein, Helene! Alles wird gut sein!"
Ein Schein von Hoffen ging über ihr Gesicht. „Averson!"
Behutsam nahm er die weißen Arme hoch und legte sie sorglich auf die mattblaue Seide der Decke. Mit aufeinandergeprehten Lippen sah er aus sie herab.
Die Frau eines anderen!
Kraftlos fielen die Schultern nach vorne!
Aus den Zehenspitzen verlieh er den Raum.
* * *
Klein-Iust lief mit einem Hüh und Hott hinter dem Jungvieh her, das mit hellem Schellengebimmel auf die abgemähten Wiesen getrieben wurde.
Von hinten packte ihn eine stählerne Faust und hob ihn mit einem Ruck empor: „Weiht du nicht, dah dein Bruder krank ist?"
Der Kindermund verzog sich in Schreck und Furcht. Die kleinen Fühe strebten zu Boden.
„Laß dich nie wieder hören!" donnerte Franke und setzte ihn unsanft auf den Wiesenrand nieder.
Mit weitgeöffneten Augen sah der Junge dem Vater nach, wie er mit schleppendem Schritt nach dem Garten zurückging und zwischen den Bäumen verschwand.
Klein-Iust stand für Sekunden unschlüssig. Dann lief er nach dem Walde und berkroch sich ties ins Gebüsch. Hier würde ihn keiner finden. Er nahm eine Holzpfeife aus der Tasche und blies eine Melodie. Das hatte die Mutter einmal gesungen! Früher! — Als Hubert noch — hemmungslos jagten die Tränen über das schmale Gesichtchen.
„Du lieber, lieber Gott, laß den Bruder wieder gesund werden, damit es wieder so schön ist auf Rottach-Berghof, wie es einmal gewesen war. Gewesen war!"
Müde vom Weinen sank das Kinderköpfchen ins Gras.
* * *
„Die Mädchen müssen aus dem Hause", sagte Franke mit harter Stimme und zeigte nach Hella, her Fünfzehn- und Sabiye, der Zwölfjährigen, die Arm in Arm über die beließen Wege des Gartens kamen. Ihre- Augen schäkerten. Ihre blühenden Lippen standen in Hellem Lachen. Die weißen Dogen ihrer schönen, festen Zähne schimmerten schneeig hinter dem Rot des Mundes.
„Just!" — Helene starrte ihn aus verschat- teten Augen an.
„Ihr — ihr habt ja kein Herz!" fuhr er auf. „Ihr könnt noch scherzen und lachen und an Tand und Gewänder denken — und euch freuen auf das Morgen und hoffen auf übers Jahr und droben liegt er und —“
„Just, wer vergißt das je!"
„Ihr! — Du! — Deine Kinder! Die eigen« Mutter!"
„Just!" — Sie hielt sich taumelnd an den Gardinen, die leise in den Ringen knarrten.
Mit halbgeschlossenen Lidern sah er nach ihr.
„Alles andere wäre zu überwinden gewesen —- über alles würde ich hinweggekommen fein.“
„Selbst, wenn es mich getroffen hätte", hauchte sie verzweifelt. *
„Ja!"
Der leise Schrei, mit welchem sie in die Luft griff, riß ihn hoch: „Helene!" — Das schneeige Gesicht an seiner Drust bergend, streichelte er die eisigkalten Wangen, über denen die Tränen unaufhaltsam ihren Weg zu feinen weißen Händen herabsuchtcn. „Vergib mir, Helene! — Ich weiß nicht mehr, was ich sage. Ich kann nichts mehr denken als nur das eine: Daß er zu einem Krüppeldasein verdammt ist und verblöden wird! — Verblöden, Helene!"
(Fortsetzung folgt.)
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