Nr. 195 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Zreitag, 22. August 1950
peh verliert das Spiel.
Don Will Scheller.
Die Sonne steht hoch am Himmel, so hoch, daß ihre Strahlen fast senkrecht nieberftürAcn. Die Schatten der Dinge haben sich ganz klein gemacht, und der Herr des Gartens, im bunt* farbenen Liegestuhl ausgestreckt, Kopf und Gesicht durch ein kleine- Verdeck schützend, hat das Buch fallen lassen, in dem er lesen wollte: die Hände über dem leicht sich wölbenden Leib gefaltet, die Augen geschlossen, überläßt er sich der Wärme der Luft, die ihn umslutet — so dicht wie Wasser, kommt es ihm vor — und einem schwebenden Gefühl, wie eS bei manchen Menschen der Seekrankheit vorauszugehen pflegt. Die Gewißheit, trotz dieser Empfindung nicht seekrank zu werden, bewegt sich in dem abgeblendeten Dewuht- tein des Ruhenden, der von den Geräuschen der Häuser und Straßen ringsum nurmehr dumpfe, unerkennbare Laute wahrnimmt, wie ein freundlicher Traumkobold.
Langsam aber dringt aus der durch die dichte Wärme vom Ich gleichsam abgesonderten Welt eine Botschaft ins Innere des Mannes im Lieyestuhl. Die hartnäckige Wiederholung eines bestimmten Lautes wirkt nicht schläfernd, sondern weckend auf das Bewußtsein: das mag noch soviel Lust verspüren, inS eigene Dunkel zu versinken, dorthin, wo es am tiefsten ist — die Wiederkehr des immer gleichen Tons Awingt es, zu sich selbst zurückzufinden und aufzumerken. Es bleibt ihm nicht erspart, den gern verlorenen Glauben an eine greifbare Wirklichkeit wieder aufzunehmen und festzustellen, daß sie es ist, die sich in dem eintönig werbenden Laut aus Dogelkehlen ihm förmlich aufdrängt.
Dieser kurze, keineswegs freundlich hervorge» stoßene Laut, eine Aeuherung der Ungchaltenhcit, ja, eines nicht zu bezweifelnden Böseseins, der ununterbrochen bald hier, bald dort hörbar ist, natürlich, er kommt von den Amseln, die hier im Garten Hausen, und zeugt erfahrungsgemäß untrüglich von der Anwesenheit einer Katze. Sobald sich eine Katze blicken läßt, geht es wie ein Lauffeuer durch die arüne Welt der Büsche und Bäume: die Amseln haben das vierfüßige Wesen erspäht, noch ehe es selbst, blinzelnden Auges, recht sich umgesehen hat, und der Kriegszustand ist eingetreten, bevor der geschwänzte und ungeladene Gast seinerseits in der Lage gewesen ist, von dem Vorhandensein fliegender Geschöpfe Kenntnis zu nehmen.
Das ist immer so, die Amseln unterhalten einen ausgezeichneten Späherdienst, und der Mann im Liegestuhl reckt den Kopf und verrenkt den Hals,
Oie Reform des Aktienrechts.
Da» Aeichsjustizministerium veröffentlicht den Entwurf eine» neuen Aktienrechtes, von dem in der Begründung gesagt wird, daß e» notwendig Sworden sei, um den Wandlungen de» Wirt- att»leben» und den Veränderungen der Finan- zierungSmethoden Rechnung zu tragen. Bei der überragenden Bedeutung, die die Aktiengesellschaft nicht nur für Die Wirtschaft, fonbern auch für daS Gemeinschaftsleben gewonnen hat, rechtfertigt e« sich. Da» Aktienrecht au« den» Handelsgesetzbuch herauSzuneh- men. um c# gewissermaßen auf eigene Füße au stellen. DaS bisherige Recht der Attiengolell- schasten hat im Handelsgesetzbuch eine klassische Formulierung gefunden, denn eS war so gestaltet. um unter normalen Verhältnissen mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Schritt zu halten. Krieg und Inflation, die Umschichtung der internationalen Wirtschaft, daS Aufkommen neuer sozialer RechtSbegrifse haben die normale önttoidlung gesprengt Ehe ReueS werden konnte, mußte erst Klarheit darüber geschaffen werden, wieweit soziologische Unterftrömungcn w rklich neue RechtSbegrifse bar- ftcllten, also nicht der Ausdruck politischen Machtstreben» waren.
An öfrrn Aufbau der Aktiengesellschaft wird eigentlich nicht» geändert, denn es bleibt bei der Zweiteilung der Verwaltung in Vorstand und AufsichtSrat. Daß die G r ü n d u n g S v o r s ch r i f I e n verschärft worden sind, ändert daran nicht», ist im Gegenteil die gesunde Rückwirkung auf die wenig erfreulichen Vorgänge in der Inflationszeit. Immerhin sind die Rechte und Pflichten des AussichtSratS anders gefaßt worden, denn es hat sich al» unmöglich herauSaestellt, ihn mit der Verantwortung für eine Aufsicht zu belasten, die er nicht ausüben kann. Dafür wird dem AufsichtSrat der Pflichtrevisor beigeordnet, der indessen nicht vom Auffichtsrat bestellt wird, sondern von der Generalversammlung zu berufen ift. Der Stand des Pflicht- revisors als solcher wird also in Zukunft eine firoße Bedeutung erlangen, wobei noch zu btuen bleibt, ob eS nicht zweckmäßig ist, wenn ihm das neue Aktienrecht eine gewisse amtliche Eigenschaft verleiht.
Die Bestellung de» Revisors bedeutet an sich schon eine Steigerung der Rechte der Generalversammlung, die auch darin eine Aenderung gesunden hat, daß künftig nicht mehr die Mehrheit allein die AufsichtSratS- posten zu besetzen hat. Auch Minderheiten können Vertreter in den AufsichtSrat senden. waS unbedenklich ist. wenn der Gefahr vorgebeugt wird, daß nicht sachliche ober wirtschaftliche Gründe, sondern politisch« oder ähnliche Gründe die Minderheit bestimmen. Daß Generalversammlungen mehr oder weniger politische Parlamente werden sollen, entspricht nicht dem Zweck der Aktiengesellschaft äls wirtfchastlicher llntemefr- mung-sorm.
Der Entwurf hält für geboten, ein besondere» Schutzrecht gegen d i e llcbcrfrcm* düng, in der Mehrstimmrechtsaktie, aufrechtzuerhalten. Die Ueberfremdungsgefahr ist ja noch keineswegs beseitigt, kann sogar viel größer werden. wenn die Kapitalbildung im Inlande weiter durch die Steigerung der öffentlichen Last gehindert wird. Die Rechte des Ginzel- a k t i o n 8 r S sind unzweifelhaft stärker hervorgehoben, finden aber immer wieder ihre Beschränkung in dem überwiegenden Interesse der Gesellschaft. Wenn auch vorgeschrieben werden soll, die Bilanz künftig mehr al» bisher zu Acrgliebern, namentlich auch, soweit e» sich um Die Belastung mit Steuern und anderen öffentlichen Abgaben handelt, so darf auch hierbei nicht Übersehen werden, daß die Bilanzkritik nicht immer von Personen ausgeübt wird, denen es
allein um die Sache zu tun ist. Daß der Aktionär da» Recht haben muß, Auskünfte zu perlangen, ist unbestritten, wird auch von dem Entwurf anerkannt. Da die Aktiengesellschaft nun einmal eine BehelfSform der kapitalistischen Wirtschaft ist. fo ist e» nicht nur ihr Recht sondern auch ihre Pflicht, bte Formen deS kapitalistischen Wirt- schaftSprozefieS zu beachten. Da» bedeutet, daß sie nicht ihre gesamten Einnahmen auSschütten muh, sondern in Form von Reserven neue» Kapital bildet, da» nicht nur der technischen Entwicklung der einzelnen Desellschast, sondern der Gesamtwirtschaft irgendwie zustatten kommt
Im übrigen wird al» geringstes Grundkapital 50 000 Mark bestimmt, während der Mindestbetrag der Aktie hundert Mark bleiben soll. Auch da» Depotstimmrecht bleibt, da»heißt.
die Großbanken können auch weiter ihren Ein- lluß in der Generalversammlung erhöhen, wa» aber auch eine Rechtsfolge der Aktie al» In- Ha de rpa vier ist. Run ift ja auch die Aktiengesellschaft als solche nicht der Abschluß einer Entwicklung, sondern immer noch im lebendigen Fluß, fo daß auch der Entwurf dem Rechnung trägt dadurch, daß er Umwandlungen und Zusammenschlüsse einzelner Gesellschaften nicht verhindert, sondern ausdrücklich zuläßt. Da» ist vielfach getadelt worden, weil man in Konzern- bildungen die Anhäufung wirtschaftlicher Macht sieht, obschon gerade diese Anhäufung vielfach dadurch erzwungen wird, um sich gegen eine politisierte Verwaltung und dem von dieser getätigten Mißbrauch de» Steuerrechts zu wehren.
spärlich und dürftig ohnehin, hallen nicht» von ihm erzählt: Samsonow. Wie kam der General Rennenkampf plötzlich in unseren Sprachschatz, er war da: ein unbekannter Mann, er schaute gewaltig über die Grenze. Da» war mit der kleinen Feste Boden. Allenftein sollte schon von den Rullen besetzt sein, war e» wirklich so? So diel unklare Gerüchte gingen um. aber wir fingen begierig jede Neuigkeit auf und knüpften die sinnlosesten Hoffnungen daran.
Indessen lebten wir immer noch tote tn e ntt belagerten Festung Die zensierten Zeitungen brachten verstümmelte kurze Telegramme: bald hatte sich die tägliche Gewohnheit de» Heeresberichte» herauSgebildet, aber er sprach sich nur über den Westen au» und schwieg von unserer östlichen Gefahr, die. wir fühlten e» in allen Verven, mit jeder Stunde wuchs. Dazu immer die unerträgliche Schwüle in den erhitzten Straßen. Trotzdem, da» Leben ging weiter
Al» wir an einem Abend nach Maraunen- Hof hinauSgingen, hielten wir an. WaS da unter dem klaren heißblauen Himmel rollte, waren keine Zeichen eine» Gewitter-: da» waren Kanonen. da» war eine Schlacht. Damal» ging eS um die Bahnlinie, um den kleinen Muß, der die Deime heißt, aber wir wußten natürlich von nichts. Reue Gerüchte: die Bahnlinie nach Berlin fei von den Russen besetzt, jede» Durchkommen nun endgültig unmöglich. Damal» wurden die Truppen nach Tannenberg transportiert, aber wir hatten zu wenig kriegerische Erfahrung, um zu ahnen, daß die Bahn nur für den Personenverkehr einige Tage gesperrt war.
Wieder verging eine Zelt, in Unruhe, aber doch nicht in Angst oder Besorgnis, wir hallen eigentlich alle Immer da- Gefühl einer gewissen Zuversicht, da» unS nie verlieh. Und dann kamen die Stunden, da daS Unglaublichste verbreitet wurde: tausende und tausende Russen in den masurischen Sümpfen zusammengetrieben, zusam- mengeschossen, ersoffen. Wir haben gelächelt, wir wußten, daß die „masurischen Sümpfe" viel au unbeträchtlich seien, um dort Tausende AU- sammenzujagen. Aber wie kam eS, daß. während noch in der Tannenberger Schlacht um da» Schicksal Ostpreußen» gerungen wurde, schon die legendenhaften Sümpfe erschienen? Diese» Gerücht erschien unS am wenigsten glaubhaft. An einem Abend, gegen Ende August, kam der gewöhnliche Heeresbericht und er flog, wie damals das Attentat Princips, in druckfrischen Blättern durch die Stadt: der amtliche Bericht über d i e Tannenberger Schlacht. An einem der nächsten Tage brachten die Zeitungen ein Bild: zum ersten Male erschien unS Hindenburg.
3eppdin(anbung am 3. (September in Kassel.
WSV. Kassel, 21. Aug. Wie daS Vach- richtenamt bekanntgibt, wird da» Luftschiff „Graf Zeppelin" Kassel am Mittwoch, 3. September, besuchen. SS ist je eine Landung am Vormittag und am Vachmittag vorgesehen.
Unter falschem Verdacht.
][ Marburg. 21. Aug. Der vor einigen Tagen im Sbsdorfer Grund unter dem Verdacht, im Jahre 1922 in Corbach einen Word begangen zu haben, verhaftete Korbmacher Matthia» Kreutz ist wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weil er mit dem gesuchten Mördev nicht identisch ist.
Daten für Lamstag, 23. August.
1443: der Humanist Rudolf Agricola In Baslv geboren; — 1831: der Feldmarschall Graf Veid- hard von Gneisenau in Posen gestorben: — 1836: der Anthropologe Johannes Ranke in Thumau geboren.
Tage vor Tannenberg.
23on Hans Heßler.
In der Erinnerung scheint es. als habe noch, niemals ein so schwerer und schwüler Sommer über Ostpreußen gelegen. Die drückende Hitze in den alten Straßen, zwischen den grauen Häusern Königsbergs: die Atmosphäre war mit Verhängnis geladen.
Wir waren damals Studenten, da» Sommersemester ging zu Ende, die letzten Testate wurden besorgt, die Kolleg» geschwänzt, an den Vachmittagen fuhren wir zum nahen Ostseestrande hinaus. Wir lagen im heißen Sande, blickten über daS Meer hin, schwer und faul ging eine schwächliche Brandung. So, sonnenverbrannt und durchglüht, saßen wir an einem Abend in dem Garten eine» Königsberger Hotels, als Citra- blätter auSgerufen wurden: d i e Tragödie von Sarajewo! Ich sehe noch, wie das frisch bedruckte Papier an unferm Tisch umging, wir lasen es stumm, sahen uns an, verstanden nichts von Politik und fühlten doch alle die Wende unseres Lebens. Aus dem Hotelsaal erflang ein Walzer.
Wie die Zeit von diesem 24. Juni biS zu den ersten Augusttagen verging, erscheint heute verworren und traumhaft. Mit jedem Tage wurde die Spannung unerträglicher, die Hitze drückender. Langsam war unser Leben nur ein einziges Warten auf Vachrichten geworden: Königsberg, Rußland, nahe Grenze, russische Millionenheere, Kosakenhorden, das waren wohl zunächst die naheliegenden Vorstellungen. Die Menschen begnügten sich nicht mehr damit, die Anschläge vor den Zeitungsgebäuden zu lesen, sie drangen in die Hose, als könnten sie damit eine Entscheidung des Schicksals herbeiführen, sie standen dort schweigsam, lange wartend, in dicken Haufen: die Rotationsmaschinen spuckten ihre Blätter auS. Webet der Ostsee lagen an diesen Abenden nach Sonnenuntergang schweflig-gelbe Wolken, die von roten Tinten durchzogen waren. Die zahlreichen Polen, die sich auch in diesem Sommer in Cranz aushielten, waren plötzlich verschwunden: an einem Abend starrten wir lange vom Seesteg über» Meer und wollten unseren Augen nicht trauen: am Horizont erschienen die fernen Umrisse von Kriegsschiffen. An einem Vachmittag, als wir uns, von einem Vehrungsgange heimkehrend, dem Orte näherten, setzten plötzlich die Cranzer Glocken ein: Krieg. Am nächsten Morgen fuhren wir im überfüllten Zuge nach Königsberg — an der Bahnstrecke sahen wir die ersten Soldaten in Feldgrau, einen grauen Ue-berzug um die Lederhelme: Landsturm, der uns aus bärtigen Gesichtern fröhlich zuwinkte.
Zu Hunderten standen wir in den Kasernenhöfen und warteten, aber eS schien nicht so. als ob man uns brauchen könne. Wir sahen die Batterien zu ihren letzten Hebungen aus- rücfcn; die Regimenter marschierten auf die Bahn
höfe. singend, mit Blumen geschmückt, von Menschenmassen begleitet, und wir. die Kriegsfreiwilligen mit der verschmähten Begeisterung im Herzen, sahen ihnen neidvoll nach: wir hatten damals die kindliche Vorstellung, der Krieg werde in einigen Monaten beendet sein. Denn nun kamen die großartigen Vachrichten aus dem Westen, wo die uneinnehmbaren Festungen Schlag auf Schlag fielen — in Königsberg aber war es plötzlich still geworden. Die Beamten, hörte man, hätten auf Weisung die Stadt verlassen, und als wir uns wieder einmal in einer Kaserne anboten, bedeutete uns ein Gefreiter, hier fei nichts mehr zu holen, die Rekruten- depots seien in aller Heimlichkeit zu Schiss irgendwohin gebracht worden.
An einem Tage aber, oder geschah es ganz allmählich, waren wir von der Außenwelt plötzlich abgeschlossen, wir lebten, fo schien es uns, in einer Festung, die schon belagert wurde. Wollten wir vor die Tore gehen, kamen wir nicht weit: die Forts, hieß es, würden auSge- baut und ein neuer Gürtel von unsichtbaren Werken fei um die Stadt gelebt — Ingenieure deuteten manchmal einiges hiervon an, und eS war verboten, da weit hinaus zu wandern: Spione, Landesverrat! Vachrichten kamen nur gerüchtweise: die Zeitungen berichteten von unwesentlichen kleinen Scharmützeln mit russischen Vorposten. Aber die Wahrheit ließ sich nicht dämmen. Die Russen kamen näher und bedrohlich immer näher, denn In jenen Tagen waren die Königsberger Straßen ein einziges Lager, llcberall standen an den Ecken die ost- preußischen Leiterwagen, darauf die Dauern ihre Habe gehäuft hatten, die buntkarierten Betten, eine Kommode, die drei Kühe hinterdrein: daS waren die Flüchtlinge. Tags und VachtS fuhren sie durch die Straßen, hielten, erzählten, fuhren weiter und verschwanden, irgendwie auf- geschluckt. Sic sagten auch, woher sie kamen, und ein Blick auf die Karte zeigte uns: immer näher kamen die Russen. Die Universität, die Stadthalle, das Hotel Deutsche» HauS waren zu Lazaretts umgewandelt worden; an den Fenstern saßen die ersten Verwundeten, die wir fahen, weihe Verbände um die Stirnen oder einen Arm in der Binde, und lächelten auf die Straße.
Plötzlich waren auch die Flüchllinge nicht mehr da. Die Straßen standen vereinsamt, immer noch brütete die Gewitterhitze des Hochsommer» und gebar ihre Gerüchte: die Kosackenhorden, die Knuten, russische Spione, unmenschliche Grausamkeiten, Transporte von Gold. Riesenhaft tauchte einmal die Gestalt des Großfürsten auf: Vikolal Nikolajewitsch, der Despot russischer Millionen; der Vame eines General» erschien — plötzlich war er da, die Zeitungen,
um zu sehen, wa» den Zorn der Amseln hervor- gerufen hat.
Sieh da: mitten auf dem Weg, in den warmen Kies gestreckt, liegt Petz, der bunte Kater der alten Damen im Erdgeschoß, die er mit seiner Geschmeidigkeit immer wieder überlistet und entwischt, wann es ihm gefällt. Es hat ihm also wieder einmal beliebt, den Garten aufzusuchen, die Kühle des Zimmers und die Gepflegtheit der Möbel mit der Wärme des Gartens und seiner Wildheit zu vertauschen. Als er das menschliche Gesicht wahmimmt, das unter dem farbigen Verdeck hervorschaut, gibt er einen behaglich quarrenden Ton deS Erkennens von sich, bewegt den Schweif und räkelt sich genießend im Sand.
.Petz", sagt der Herr des Gartens. .Petz, komm her", und llopft sich auf die Kniee. um dem Kater begreiflich zu machen, daß er sich da niederlassen möge.
.Aeäh — ääh", erwidert Petz, wälzt sich ein bißchen und zieht sich in schlangenhasten Windungen ein paar Schritte näher, ohne jedoch die Grenzen einer respektvollen Entfernung zu überschreiten.
Aeäh — ääh — das besagt auf deutsch: ich kenne die Menschen. Ihr betastet uns und streichelt unS, solange es euch, aber nicht, wie lange es uns gefällt, unb überdies — was versteht ihr schon von unseren Freuden (von den Leiden ganz zu schweigen).
Er legt sich längelang hin, streckt die Deine, so weit es irgend gehen will, gähnt vernehmlich — sein Raubttergebih schimmert in der Sonne — schließt die Augen und sagt keinen Ton mehr.
Der Mensch im Liegeftuhl gibt es auf, ihn eines Dellern zu belehren; er würde es ja doch nicht glauben. Die Amseln aber sind inzwischen -um Angriff übergegangen. Sie sitzen teilweise auf dem Apfelbaum, der seine Aeste gerade über da- Stück des Wege» beugt, auf dem Petz, der Kater, seinen Mittagsschlas zu halten denkt, teilweise auf dem mit Blumenrabatten verzierten Rasen recht» und links des Weges und haben den eintönigen Warnungsruf abgestellt. Aufgeplu- stert sitzen sie und schimpfen, was das Zeug hält. Laut und deutlich lallen sie vernehmen, daß ihnen die Anwesenheit des Katers, mag er nun Petz oder sonstwie heißen, durchaus wider den Strich geht, daß sie sich diese räumliche Gemeinschaft nachdrücklich verbitten und daß es ihr entschiedener Wunsch ift, bewahre, daß sie ganz unzweideuttg auf der Entfernung des Eindringlings befteben. Sr hebe sich von hinnen, lautet ihr Schimpfkanon, und zwar sobald als möglich.
WaS geschieht? Zunächst nichts. Die Amseln schimpfen, und der Kater schläft; er tut wenig
stens. als höre er nichts. Die Amseln aber denken nicht daran, auch nur einen Punkt ihrer Forderung aufzugeben; es gibt da überhaupt nur einen Punkt, und der heißt: der Kater muß hinaus.
Der Mensch denkt, macht das nur unter euch aus, ich mische mich da nicht hinein Aber er ist neugierig und sieht, Zaungast gewissermaßen, zu, wie die Amseln langsam näberrüden, auf den Aesten und im Rasen, und immer lauter schimpfen. Der Kater muh es hören! Aber er hört es keineswegs. Er bringt durch seine vollkommen gleichgültige Haltung zum Ausdruck, daß er mitnichten irgend etwas wahmimmt.
Es ist übrigens furchtbar heiß im Sand, und das stört im Schlafen. Vielleicht liegt sich» im Schatten eines Zierstrauchs angenehmer. Es wäre jedenfalls ein Versuch zu wagen. Petz steht auf und trottelt, schlaftrunken, wie es scheint, in den schmalen Schatten. Mit einem Auge blinzelt er gelangweilt, bar eines jeglichen Interesses, nach oben, in das Gezweig über ihm, dann schließt er es wieder und seufzt durch die Vase. Ach nein, es ist doch nichts Rechtes hier draußen. So heiß, überall, selbst im Schatten! Drinnen in der kühlen Stube auf dem weichen Sofa mit den Schonern, die sich so hübsch her- unterziehen lassen, ist es doch eigentlich schöner, und grün, du lieber Himmel, ist es da auch, auf allen Fensterbrettern und auf den Blumenständern — deswegen tut es wahrhaftig nicht not, in den Garten zu gehen. Vein, das tut es gewiß nicht.
Er richtet sich auf und stiert mit hängendem Kopf vor sich hin, — geistesabwesend. Allmählich kommt er auf alle Viere zu stehen, macht einen Buckel und schüttelt das bunte Fell. Dann zieht er ab, Schritt für Schritt, den Kiesweg entlang. Einmal bleibt er stehen, um einer Biene kurze Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ein anderes Mal setzt er sich hin, kratzt sich hinter dem Ohr und bewegt mißbilligend den Kopf. Zuletzt verschwindet er durch einen Spalt der Gartentür — und wird nicht mehr gesehen. Triumphierend schreien die Amseln hinter ihm drein. Er beachtet sie nicht. Er hat nichts gehört. Er ist ganz einfach zu der Erkenntnis gekommen, daß es für ihn diesmal keinen Sinn hat, sich im Garten auf- zuhalten. Es gibt anbere Paradiese — mindestens für Katzen — besser gesagt, um nicht gleich zu verallgemeinern, für ihn, Herrn Petz, Wohlgeboren...
Die Sonne steht hoch am Himmel. Der Herr des Gartens, im buntfarbenen Liegestuhl ausge- streckt, Kopf und Gesicht durch ein kleines Verdeck schützend, vermerkt mit Befriedigung. daß die Amseln still geworden sind. Eine raschelt im
nahen Gebüsch; unter gesenkten Augenlidern hervor kann er eben noch sehen, wie sie, einen fetten, sich krümmenden Wurm im scharfen Schnabel, behend vorüberhüpft, um ihn auf dem Weg, dort, wo vor kurzem noch der Kater sah, Petz, der Entwichene, zu zerkleinern, unerbittlich... Im abgeblendeten Bewußtsein des Ruhenden zergeht dieses Bild, zerrinnt in Farbenflecke, Farbenkreise, Farbenspiralen. Der Kriegszustand im Garten ist vorüber. Der Traum kann beginnen.
Wahre Hansegeschichten.
Vor etlichen Jahren, als man sich in einer kleinen Hansestadt noch mehr für seinen lieben Nachbarn interessierte als heutzutage, hieß es einmal, die nette, alte Frau Brägel, die sei gessto'ben. Sie war zu nett, und das war denn doch zu grasig, so gleich an ihr Ableben zu glauben, nach. Also: „Liesschen, sspring doch mal eben rüber und frag', ob’s sstimmt!" Liesschen ging. Liesschen kam wieder.
„Na? Hast du gefragt?"
„910!"
„Nanu? Warum denn aber nich?"
„Ich mochte nich."
„Du bischa albern! Weshalb denn?"
,Hch hab' mich schaniert."
„Auf einmal! Du bischa aber wirklich? Warum bloß?"
„Sie st and ja selb st i n * n Laden." e
Zu der Zeit, als man in der fiebentürmigen Hansestadt entweder Platt ober Französisch sprach, wir kennen sie alle aus den Buddenbrooks, lebte eine Frau Konsul Klonn, ich glaube, sie war 'ne geborene Märtens, ja. Und die hatte 'ne große Leidenschaft und das war Gänseleberpastete. Man aß ja nun überhaupt gut damals bei den schweren Diners, nach. Und als sie wieder mal eine große Gesellschaft gab, hatte sie nun ordentlich reichlich für Gänseleberpastete gesorgt. Und als sie rumgereicht war, da war da nun richtig audj 'nen scheunen Stück übriggeblieben. Aber der Lohndiener, der Dämlack, der Schöps, reicht er doch die Gänseleber zum zweiten Male herum. Und nicht nur das. Nein, der Herr Senater Dansmann, der sich schon beim ersten Mal fo großzügig bedient hatte, nimmt sich doch wieder einen tüchtigen Happen. Immerhin, es bleibt noch ein ganz erheblicher Nest. Und da sicht sie, wie Senater Dansmann dem Lohndiener einen Wink gibt, ihm die Schüssel nochmal zu reidxn.
Da stemmt die Konsulin Klonn beide f)änbe auf den Tisch, erhebt sich halb und erklärt resolut, 'rat und energisch: „W a t to vel i s, is t o oe 11 Herr Senater Dansmann dankt!"


