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Nr. HO Zweites Blatt !. -!

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 22. Mai (950

Oie Italiener in Tripolis.

Don unserem (8)-Derichterftcrtter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I Rom, Mai 1930.

Don der Kolonialpolitik der Italiener ist seit längerer Zeit in der europäischen Presse nicht gesprochen worden. Das liegt daran, daß man im allgemeinen sehr wenig über das orien­tiert ist, was in den italienischen Kolonien vor sich geht, geschweige denn überhaupt weih, was für Pläne und Absichten die Italiener haben. Wie sich di« Dinge in Tunis entwickeln sollen, ist eben unbestimmt, solange es nicht gelungen ist, das italienisch-französische Derhältnis zu klä­ren. Die Flottenkonferenz in London gibt ja überdies Italien allen Anlaß, derartige Fragen vorläufig nicht crnzuschneiden, da dies möglicherweise die starke Stellung der Franzosen in London noch mehr verbessern würde, ohne datz ersichtlich wäre, wer nun in diesen Fragen den Italienern zur Seite stehen soll. Man darf |a schließlich nicht vergessen, daß die italienischen Ansprüche recht groß sind und weit über das hinauSgehen, was Frankreich bisher zuzugestehen bereit war. Doch wäre es verkehrt, anzunehmen, daß die Faschisten die Dinge in Ruhe weiter­treiben ließen und sich auf den Zufall verliehen, der freilich den Italienern in der Rachkriegszeit bisher ja stets zur Seite gestanden hat. Das läge weder in der faschistischen Mentalität noch in der Linie der staatsmännischen Doraussicht, die Mussolini bisher bewiesen hat. Hnb bei näherem Zusehen ergibt sich in der Tat, daß die Italiener an einer Stelle in der Welt bewußt und systematisch die Doraussehungen für ihr Dorgehen in der Kolonialfrage schaffen: in Tripolis.

Die italienische Kolonialpolitik in Tripolis ist bekanntlich nicht immer glücklich gewesen. Seitdem die Italiener den Versuch unternahmen, den Türken Tripolis wegzunehmen, hat dieses Land eine äußerst wechselreiche und blutige Ge­schichte durchgemocht. War cs den Italienern während des türkisch-italienischen Krieges int Jahre 1912 kaum gelungen, die wichtigsten Küsten- plahe der tripolitanischen Kolonie zu besehen, so wurden sie im Derlaufe des Krieges aus Tri­polis so weitgehend vertrieben, daß sie praktisch nur noch in der Stadt Tripolis selbst und einigen wenigen Küstenplähen Garnisonen unterhielten und das übrige Land sichselbst überlassen mußten. Die inneren Wirren Italiens in der ersten Zeit nach dem Kriege waren erklärlicher­weise wenig dazu geeignet, eine. erfolgreiche Kolonialpolitik zu treiben, und auch nach dem Marsch auf Rom konnte lange Zeit noch nichts zur Wiederbesetzung von Tripolis, die praktisch eine Wiedererobcrung sein mußte, geschehen. Erst nachdem das faszistische Regime stabilisiert und die Sicherheit geschaffen war, dah das italienische Vorgehen nachhaltig sein würde, setzten die Ita­liener größte Truppenmengen in Tripolis ein, die nun schließlich nach fast achtjährigem Kampf das ganze Land wieder in italieni­schen Besitz gebracht haben, und nunmehr auch bis weit in das Innere hineindrangen, das bisher herrenlos war und von wilden Vcduinenhordcn beherrscht wurde. Im Januar dieses Jahres konnte das italienische Kolonial­ministerium mit Stolz bekanntgeben, dah Mur- s u k. die Hauptstadt des sog. Fessangebietes, etwa 150 Kilometer südlich von Tripolis im Inneren des Landes, von italienischen Truppen beseht sei, die nunmehr weiter nach Süden vorstoßen würden bis an den südlichen Rand dieses Gebietes in der Nähe von Tibesti, dem unerschlossenenHerz Afrikas".

Wer diese letztere Ankündigung gelesen hat und die afrikanischen Verhältnisse kennt, wird aufhorchen, denn das Kartenbild, das unsere Atlanten in dieser Gegend vorspiegeln, entspricht ja nicht den Tatsachen. Die südliche Ausdeh­nung des Gebietes von Tripolis ist in Wirk­

lichkeit noch keineswegs international festgelegt, und die Franzosen, die das Gegenteil be­haupten, vermögen keine sichere Grenze für ihr Kolonialgebiet lZentrolfranzösisch-Acguatorial- afrika) anzugeben, ebenso wenig wie die Eng­länder, deren englisch-ägyptischer Sudan eben­falls hier im Süden an das italienische Lybien angrenzt Run ist dieses Gebiet so gut wie un­erforscht. Das heiht, man weih nicht recht, wie cs im einzelnen beschaffen ist, obwohl man immer­hin weih, dah es sich um ein gebirgiges, teil­weise von Sand- und Steinwüsten erfülltes Ge­biet handelt, in dem nur wenige Romaden ihre Wohnsitze haben. Die Franzosen, die den be­wohnbaren Teil dieses Landes, d. h. das Ge­birge von Tibesti oder Tu, beseht halten sollten, haben in Wirklichkeit in dieser Gegend nichts zu sagen und haben wegen der grohen Kosten sich bisher gescheut, Truppen einzusetzen, um dieses Gebirgsvolk tatsächlich zu unterwerfen. Infolgedessen wird dieses Gebiet noch heute von herrenlosen Räuberhorden bewohnt, die den Ka­rawanenverkehr, der zwischen dem Tschadsee und Tripolitanien vor sich geht, unterbunden ha­ben, seitdem die Italiener in Tripolis sitzen. Da aber von dem störungsfreien Ablauf dieses Karawanenverkehrs die Wohlfahrt des größten Teiles des tripolitanischen Gebietes abhängt, ist es in dem Augenblick, wo die Italiener ihrer­seits Tripolis effektiv besehen, für sie geradezu eine Lebensfrage, daß dieses Gebiet un­ter italienischer Kontrolle steht. Ohne Tibesti, so kann man manchen Kolonialsachver­ständigen äußern hören, wird Italien Lydiens nicht froh werden.... Was also wohl kaum etwas anderes heißt, als daß die Italiener auf ein herrenloses Gebiet Anspruch machen, das bisher von den Franzosen als Frankreich gehörig bezeichnet wurde.

In allernächster Zeit wird der im vori­gen Herbst begonnene Verfuchsstollen zum Tauern-Kraftwerk vollendet sein. Damit wird ein Milliardenprojekt von größter wirtschaftlicher Bedeutung zur Entscheidung gestellt.

Es ist kein Geheimnis: auch in Deutschland gibt es Leute, die nicht für den Anschluß sind. Sie begründen die ablehnende Haltung damit, daß das mit Tributen beladene Reich genug mit sich selbst zu tun habe und sich nicht mit einem armen Land wie Oesterreich belasten dürfe. Diese Anschluß- gegner vergessen, daß Oesterreich seinen heute noch verborgenen Reichtum erst im Rahmen des Reichs richtig entfalten könnte. In den Alpen- gewässern sind Schätze begraben, deren Hebung sich nicht nur für das kleine Oesterreich lohnen würde. Die deutsche Industrie steht nicht im Ruf, sich in Unternehmungen einzulassen, die auf keine Zukunft hoffen können. Wie oft hat sie sich an die Verwirklichung von Projekten ge­macht, die der Laie für Utopien hielt, bis er er­kennen muhte, daß die Industrie weiter gesehen hatte! So hat auch die deutsche Clektrizi- tätsindustrie, vor allem die AEG., tfc Ausbeutung der österreichischen

Run mag man den Streit um dies« wüsten­haften Gebiete für verwunderlich halten. Wenn man aber weiß, daß der Besitz von Tibesti für die Franzosen deshalb wichtig ist, weil sie ohne Tibesti die große Transsaharabahn, die Zranzösisch-Aeguatorialasrika und Kamerun (früher Deutsch-Kamerun) mit Französisch-Alge­rien verbinden soll, nicht bauen können, so be­kommt die Angelcgenheil doch wohl ein anderes Gesicht. Denn diese Dahn bebrütet ja doch nichts anderes als die endgültige Sicherung des großen französischen Reiches in Afrika, das bisher durch die Sahara in viele Teilgebiete zerrissen wird. Das heißt also, daß es für die Franzosen nicht nur um eine Prestigefrage, sondern tatsäch­lich um eine Frage von größter kolonialpolitischcr Bedeutung geht. Die starke Beachtung, die das italienische Vorgehen im Fessan in der französi­schen Presse gesunden hat, zeigt denn auch, daß man in Frankreich das Vorgehen der Italiener mit starker Besorgnis sieht. Man be­fürchtet eben in Paris, dah die Dinge sich hier so entwickeln können, daß das von den Franzosen begehrte Gebiet eines Tages von den Italienern besetzt ist, ohne daß Frankreich die Möglichkeit hätte, sich hiergegen zu wehren, und dah Italien schliehlich für die Wiederherausgabe des Gebietes um Tibesti entsprechende Kompensationen ver­langen könnte.

Man wird das italienische Vorgehen in Tri­polis deshalb mit einigem Interesse verfolgen dürfen. DieEroberung" der italienischen Ko­lonie kann eine Bedeutung gewinnen, die weit über Afrika hinausreicht, ilnö wenn sich die italienischen Kolonnen von Mursuk weiter nach Süden auf das Herz Afrikas zu in Bewegung fetzen, so gestalten diese Kolonnen u. 11. die Ge­schichte der nächsten Jahre stärker, als dies viele große Konferenzen in Europa in den letzten Jahren getan haben. Sie schaffen dieTatsachen", die ein Faustpfand in der Hand Mussolinis bei der Verfolgung feiner kolonialpolitischen Ziele fein werden.

Wasserkräfte zur Erzeugung elektrischer Kraft für aussichtsreich angesehen. Sie war cs, die der Regierung des Landes Salzburg einen bis in die kleinste Einzelheit gehenden Plan vor­legte, nach dem auf einer Fläche von 2000 Qua­dratkilometer im Massiv der Hohen Tauern das größte Kraftwerk Europas errichtet werden soll. Die Hohen Tauern liegen für den Ausbau der vorhandenen Wafferkräste überaus günstig. Zur Anlage von Wasserkraftwerken sind sie, die ein sehr hochgelegenes Riederschlagsgebiet mit einem starken Gefälle vereinen, wie geschaffen Alle Hänge dieses gewaltigen Gebirgsmassivs, das in einer Länge von 150 Kilometer nirgends unter 2200 Meter liegt, sind von unüberseh­baren stärkeren oder schwächeren Wasseradern durchzogen. In einer Höhe von 1903 bis 1600 Meter gehen diese erst zu Wildwassern und Bächen zusammen. Rach Ansicht der Fachleute erfordert die möglichst günstige Ausnützung der Wasfermengen die erste Anstauung in einer Höhe von 2060 Meter. Die darüber liegenden Wasser­adern sollen, in Hängekanälen und Sammelstollen zufammengeführt, dem Stausee zugeführt wor­den. Zum erstenmal in der Geschichte der Technik geschieht es, dah man in einer Höhe von über

Oesterreichs Aipenglelscher- dieSiromversvrger Deuischlands.

Vor der Entscheidung über ein Milliardenprojekt. Europas größtes Kraft­werk in den Hohen Tauern. Zahreserzeugung: ein Drittel des gesamten deutschen Strombedarfs. Elektrizität als Exportartikel.

Jon Albert Richter.

Der Schweizer Schillerpreis.

Jakob Schaffner, dessen RomaneIrr­fahrten",Konrad Pilater",Der Bote Gottes", Kinder des Schicksals",Die Glücksfischer" u. a. in Deutschland sehr bekannt wurden, erhielt den 5000-FrankeN'Preis der Schweizer Schillerstiftung. Schaffner ist geborener Schweizer und lebt feit 191 l in Berlin. Im Gießener Goethe Bund gab er vor längerer Zeit einen Bortragsabend.

2000 Meter fo aroßc Wasscrmcngen binden und auswcrten will Die vorgesehenen Zubringc» kanäle für den Stausee würden eine Länge von 1250 Kilometer ausweisen. In drei Werken soll das Umformen des Druckes der in drei in verschiedener Höhe angelegten Stauseen an- gesammelten Wasscrmcngen erfolgen. Diese Seen sollen dann durch zwei Tunnels in der Länge von 4,4 und 6,9 Kilometer miteinander verbunden werden. Die Staubecken sollen auf dem Tauern- moßboden, dem Mooservoden und dem Oyler» hoben erstehen. Diese drei Kraftstufen werden Gefälle von 420 Meter, 891 Meter und 194 Meter haben.

Dieses gewaltige Werk, dessen Dau nicht we­niger als zwölf Jahre dauern wird, soll die stattliche Summe von einer Milliarde Reichsmark erfordern. Ist es fertiggestellt, so könnte cs schon im ersten Jahr elektrischen Strom in der Riesenmenge von 6,6 Milliar­den Kilowattstunden erzeugen. Deutsch­land verbrauchte im letzten Jahr 17 Milliarden Kilowattstunden. Das Tauernwerk würde dem­nach über ein Drittel des gesamten deutschen Strombcdarfs decken können. Wie weit das pro­jektierte Riesenwerk in dem landschaftlich fo reiz­vollen Bundesland Salzburg anderen Großkraft­werken neuester Schöpfung überlegen ist, zeigt der Vergleich mit dem bayerischen Walchensee- Werk, das nur 200 Millionen Kilowattstunden jährlich erzeugt, und den Dutzend Werken, die zur Ausnützung der oberrheinischen Ge ällstusen von Konstanz bis Vasel geschaffen worden sind. Diese letztgenannten erzeugen trotz ihrer großen Zahl von Einzelwerken nur 4,4 Milliarden Kilo­wattstunden im Jahr, also nur zwei Drittel der Äraftmenge, die man sich vom Tauernwerk verspricht. Cs ist natürlich ausgeschlossen, daß in Deutschland und Oesterreich eine Summe von einer Milliarde Reichsmark aufgebracht werden kann. Amerikanische Geldgeber, dieGeneral Electric, ist bereit, hier einzugreifen, macht dies aber von dem Verlauf von Versuchsarbeiten *im Gebiet der Hohen Tauern abhängig. Seit dem, Herbst vorigen Jahres wird nun schon an einem Verfuchsstollen gearbeitet, der allein einen Kostenaufwand von einer Million Mark ver­langte. Der Taucrn-Ausfchuß in Berlin leitet und beaufsichtigt diese Arbeiten. Rach den ur­sprünglichen Berechnungen wird der Versuchs-

Der Maihauqen.

Bon Per (3d)Wenden.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Oslo, Mai 1930.

Arn Ende des riesigen Mjösen-Sees, am Ein­gang des reichen Gudbrands-Tales liegt die entzückendste Stadt des nördlichen Kontinents, Lillehammer.Der kleine Hammer" hämmert feit etwa hundert Jahren den Herzschlag des kulturellen Lebens in diesem norwegischen Bin­nenland. Mit fünftausend Seelen und fünf Tages­zeitungen, mit Künstlerkolonien. mit Sigrid ilnbfct und Sven Elvestad, mit Winter- fporthütten und Militärflugplatz, mit heroischer Geschichte und mit dem originellsten Museum Skandinaviens steht diese Helle Holzhäuserstadt in den weichen Hügelmelodien der Landschaft, zwölf Kilometer vor den Ketten des Hoch­gebirges.

Als Stadt ist Lillehammer etwa hundert Jahre alt Der Gutshof aber, der feinen Rainen der Stadt vermachte, geht schon durch die Sage, spielt eine Rolle in den prachtvollen Helden­überlieferungen aus der Zeit derBagler" und Dirkebeiner", die sowohl an Ramenspracht wie auch ganz besonders anSchwertgewaltigkeit" mit allen Myrmidonen und Sassaniden wetteifern können!

Im Jahre des Herrn 1204 versteckten die Kö­nigstreuen das Königskind auf dem Gutshof Lillehammer. Gepanzerte Skiläufer brachten den anderthalbjährigen Kronprätendenten im rasen­den Schneesturm auf heimlichen Umwegen über die Gebirge nach Ridaros. der Krönungsstadt, dreihundert Kilometer Luftlinie ..

Achtzehn Kilometer nördlich von Lillehammer liegt Aulestad, Bjornstjcrnc Björnfons Hof. Klein-Hammer liegt im Herzen des Landes, und an seinem Herzen liegt das Land mit seinen großen Erinnerungen. Und darum bitte folgen Sie mir zum Marktplatz an der Mesnabrücke, denn hier steht, Dom Wirbel bis zur Sohle aus echter Bronze, Herr Kaufmann Ludwig Wies«, der Gründer dieser hundert Icchre jungen Stadt. Ziehen wir den Hut, meine Herren...

Einmal vor dem bronzenen Kaufmann Wiese, und abermals vor dem lebenben Professor Sand- Dig, dem Allen von Maihaugen.

Dieser Maihaugen (Maihügel) ist das leben­digste und rührendste Museum, das ich die Freude hatte, kcnnenzulemen.

Hier liegen die Hütten und Häuser eines

Jahrtausends in Raumabständen von etwa je hundert Schritten im waldigen Hügelterrain bei­einander. Aus allen Winkeln des Gudbrands- toles hatte der Zahnarzt Anders Sandvig die allen Hütten und Häuser, Ställe und Speicher, Kirchen und Kapellen zusammengetragen, im wörtlichen Sinne: aus vergilbten Registern stellte er etwa fest, daß die Kirche von Garmo im Jahre 1870 abgerissen wurde und laut beige­fügten Listen die einzelnen Partien Balken wie folgt versteigert waren. Er ging den vorgezeich­neten Spuren nach, holle sich die Teile der heiligen Wände mit dem hemmungslosen Fana­tismus des genialen Sammlers aus Kuhställen und Wohnhäusern heraus, trug aus hundert Winkeln die Pokale, Bilder und Schnitzereien zusammen, fand das geweihte Schiff, das an Ketten von der Decke hing und im Jahre 1921 wurde die Kirche in ihrer alten Gestalt auf dem Maihügel zum zweiten Male eingeweiht. Es ist die älteste Kirche des Gudbrandstales, in den Tagen des Afenglaubens erbaut, fo alt wie das nor­dische Christentum selbst. Man glaubt, daß die Garmokirche 1021 erbaut, im Jahre 1600 erweitert und 1870 abgerissen wurde. Jetzt steht sie hier auf dem Maihügel, eine holzgefchnitzte Chronik von 900 Glaubensjahrcn...

Wir treten in das Halbdunkel ein. Wunder­liches Schnihwerk, ein schwebendes Schiff, Atem der Jahrhunderte weht durch den Raum. Einsam und starr hängt ein einsamer Kirchenstuhl an der Wand wie eine Sitzkanzel. Sie wurde für einen Großbauern gebaut, der in irgendeinem heidnischen Zeitalter den unchristlichen Stolz hatte, hoch über anderem Volk schwebend das Wert des neuen Herrn zu vernehmen...

Benommen vom Zauber der ewigen Vergäng­lichkeit sitzen wir in den Stühlen, da singt die Orgel, ein uraltes norwegisches Kirchenlied steigt auf, froh, gläubig, bunt in feiner irdischen Me­lodie, bunt wie die Heiligen, das Schiff und die ganze nordische Welt.

Wir sehen die Behausungen der Rordgerma» nen von primitiven Löchern, da die Feuerstelle halb inner-, halb außerhalb der Wand liegt, über die Herdstuben, da die offene Feuerstelle inmitten des Raumes liegt, mit einem Rauch- loch im Dach und bis zu den prachtvoll, reich geschnitzten und ausgestatteten Psarrstuben und Festsälen der Großbauern des 18. und 19. 3ahr- hundert^. Wir sehen die ,3ungfrauentäfigc, sehr zu Unrecht so genannt Hier erwartete die heiratsfähige Tochter des Hofes die verschie­denen Freier. Sie lag der Sage nach im

vollen Schmuck der Gewänder auf dem faft iivx* dratischen Ruhebett und gab sozusagen ihren Be­wunderern Audienzen. Audienz kommt vom la­teinischen audire hören, erhören ...

Herrlich diese räumlichen Impressionen ger­manischen Volkstums. Die kräftige Vorzeit ist hier mit den dicken Querbalken, den Schildfronten der wagenradgroßen Mesfingtellcr, mit 800 Jahre alten Bärenschinken bis in die Zeit der Wolken­kratzer und Konserven gerettet. Ja, bei Thor und Odin! da hängen die Därenschinken aus der Zeit des heiligen Olaf, verwittert und ver­schrumpelt, da liegt ein Berg Fladbröd, ger­manische Matze, die drei Jahrhunderte ihre bröckelige Substanz gegen das Eindringen von Schimmelpilz und Maden verteidigte! Der Ge­ruch in diesemStabur, diesem Vorratshaus, das auch heute noch pfahlbaumartig auf vier Deinen errichtet wird, wirkt katabomoifch, grufc- lig-moderhaft, Odeur eines balsamierten Jahr­tausends .. -

Insgesamt liegen auf diesem seltsamen Mu­seumsterrain 75 Häuser. Die enorme Sammler­arbeit war nur durch die lebhafte Anteilnahme der gesamten Lillehammer Bevölkerung möglich. 3m 3ahre 1904 gründete man dieAktiengesell­schaft Björnstad°Hvf". Zweck und Sinn dieser Aktiengesellschaft bestand darin, einen alten Guts- Hof, Djömstad bei Laim in Daagaa, aufzukaufen. Der Gutshof war 350 3ahrc vom Vater auf den Sohn vererbt und der Befitzerstolz der Bauern schraubte den Preis durchaus ins Museische. Qlber man kaufte doch, brach ab und baute die ganze Herrlichkeit auf Maihaugen wieder auf.

Herrlich die riesige Gesindestube. blaugescheuerte Bohlen und offener Kamin. An dem Gesindetisch wird eine verkratzte Vertiefung in der Tisch­platte gezeigt. Das haben die lieben Pferdchen getan. Denn bei besonderen Feierlichkeiten ritten die Burschen auf den gelben Halbponys in den Saal hinein und zwangen die Tiere auf den Tifch, ritten zwischen Schüsseln und Kannen herum, eine Hebung, die man für das nächste Reitturnier ernstlich erwägen sollte ...

Unter zahlreichen kulturellen Werten stechen immer die episodisch reizvollen hervor: da steht also wirklich die Hütte Peer Gynts! Hm 1700 erbaut, aus Vinstra geholt, und glaubwürdigen Versicherungen zufolge die Hütte des tollen und verwegenen Mannes. Lügners, Raufers und Jä­gers Peer Gynt! Hnb ein forftmäßig auf 750 Lebensalter taxierter Baumstamm, der ..Dyringsli- könig", beherbergt in seinem ehrwürdigen und hohlen Bauche eine komplette Falschmünzerpresse.

3m dunklen Räuberwalde von Lcsja druckten dazumalen gerissene 3ungcns Banknoten über Speciestaler und ähnliche gute Papiere, auf denen der gute Dänenkönig weit unten in Kopen­hagen dem Einlieferer das bekannte Dcrfprcchen gab. Er brauchte es nicht einzulösen. Die Schur­ken wurden gehängt. Die Werte inslatiert. Hnb die böse Presse sicht mit anderen Geräten und Stätten menschlichen Mühens und Eifers ordent­lich registriert auf dem Maihügel, dem Märchen» garten bei Lillehammer.

Auf der einsamsten Insel der Well.

Es dürfte viele einsame Inseln in der Welt geben, die kaum eine Verbindung mit den andern Men- schcn haben, aber sicher ist die kleine Welt der In­sel Tristan da Cunha die vcrlasfendste von allen. Nicht weniger als 2800 Kilometer liegen zwischen ihr und dem nächsten Festland, und wenn nicht durch Zufall oder besonderen Anlaß beim Ausfall der Frachldampfer Vergnügungsreisende den Weg zu ihr finden, liegt die Insel allein für sich zwischen Südamerika und Südafrika. Der gesamte Umfang dieser kleinen Welt beträgt nur 33 Kilometer, da­bei steigt die höchste Erhebung aber bis zu einer Höhe von nicht weniger als 2300 Meter, einen Kra­ter bildend, der den Namen der Insel trägt. Wild­arten sind nicht zu sinden, nur eine Herde von 600 Schafen und 300 Stück Vieh hilft, die Nahrung zu ergänzen, denn in der Ernährung ist man ganz auf äußere Zufuhr angewiesen Im letzten dafjr, als durch die herrschenden Sturme etn Herankom- men der Dampfer unmöglich war, sahen sich die Be­wohner gezwungen, die noch unreifen Kartoffeln auszugraben, um überhaupt irgend etwas Eßbares zu haben. Fünf Monate lang hielt dieser Zustand an, bis endlich ein Frachtdampfer Erlösung brachte. Puder, Schminke und Parfüm, so erzählt ein eng- lil'chcr Missionar, der drei Jahre lang auf der In­sel gelebt hat und soeben zurückgekehrt ist, sind un­bekannt unter den Frauen, und sie würden wohl kaumtroa5_ damit anzufangen wissen, wenn man sie ihnen gäbe. Das Haar tragen sie noch unge­kürzt und ungebrannt und als vor ein oder zwei Jahren ein Schiff die Insel berührte, waren die Ein­wohner entsetzt über die kniefreien Röcke und Sei­denstrümpfe der Damen. Die Hochzeitszeremonien sind sehr einfach, Flirt gibt es nicht, Ballgeflüster erst recht nicht und wenn zwei Insulaner überein gekommen sind, sich zu heiraten, dann setzen sie sich an den Tagen vor der Hochzeit stundenlang einan­der gegenüber und schweigen sich erst einmal gründ­lich aus.