Aus der Provinzialhauptstadt
Gießen. den 22. März 1930.
Dom gesegneten Lesen.
Don JReinbolO Braun.
Was die Drohen unter uns geschaffen, Propheten, Lichter und Richter, sie haben eS nicht geschaffen, daß es stumm in den Regalen stehen soll und verstaubens sie bütnrn es gegeben, daß es Leben werden soll in unseren Herzen und uns selber grob und frei und ewig machen.
Cäsar Flaischlen.
Mit dem Freunde sah ich im Arbeitszimmer seine- Heims in einem Vororte der großen Stadt, in der es brandete von politischer Unruhe. Feines, gedampftes Licht erfüllte den Abendraum. An der Wand uns gegenüber hing das wundersam ruhevolle Vild von Konninck „Der lesende Eremit", und die ganze selige Zeitlosigkeit dieses einzigartigen Gemäldes floh, ein bildgewordener Trost, über uns. Unser Gespräch war ernst, überaus ernst ob all der Schwere und Rot der Zeit gewesen. 3n einem unheilvollen Strudel der Gedanken hatten wir uns befunden. Run schwiegen wir und sannen dem Gesprochenen nach. Da blieben unser beider Blicke an dem herrlichen Bilde haften und tauchten ein in seinen Frieden und dessen zaubervolle Sinnigkeit.
Mensch über dem Buche: mystischer Einklang, Welt in Welt, Adel des Seelischen, leuchtend aus Stirn und Altersschönheit des ins Erlebnis geneigten Gesichtes und der beiden sinnvoll ruhenden Hände.
Mensch über dem Buche: Segen aus gebanntem Worte einströmend in das offene Herz, alle Türen den Gnaden weit aufgetan: Lesen ward zum Werk am innersten Sein, auf dah es wahrhaft, groh und frei und ewig werde! Glanz des Strebend-sich-Dem5lhenden! Kunst, die innere Zeit zu erfassen, auf dem Strome „Ewigkeit" Hinzugletten zu letzter Steigerung und Beglückung!
Mensch über dem Buche... ilnb fern in der großen Stadt wüteten indessen Gier und Hab, und Riedermenschliches rang um Entfesselung. „2lch, wer doch einmal wieder so wie der Alle da auf dem Bilde leben könnte!" hörte ich jetzt den Freund behutsam und doch mit fühlbar schwerem Herzen sagen.
„3a, und doch," muhte ich erwidern, „ist eS nicht der beste Beweis für unsere Lebenskunst, die Kraft unseres Herzens und seine Sehnsucht und Freiheit, wenn wir es fertig bekommen, uns dem tragischen Strudel der Tage jju entwinden und uns in ruhiges Gewä.ser mit kräftigen Armen hinüberzuretten, dah uns der Widerglanz des ewigen Firmamentes trägt? Schreit nicht unser ganzer, ach so gehetzter, bis zum Ilmsinken weg- müder Mensch danach, einmckl wieder Herberge um sich und in sich zu fühlen? Sind wir nicht wie Menschen, die über ewig steinigen und dornenvollen Acker schreiten und nichts mehr wissen ,vom Schatz im Acker'?"
3a, wir nehmen uns keine Zeit mehr, die wahrhaften „Schatzgräber" zu fein: zu sehr Dal- lastnoturen sind wir, Derstrickte ins Tausenderlei, Verkrampfte in die Peripherie des Daseins, Besessene vom Ungeist der Zeit. Und die Seele und ihre Gestaltung, ihr Wachstum, ihr Reiferwerden, das Glück ihrer Meisterschaft! Finden wir noch den Weg in die Minute, das Viertelstündchen des echten und rechten Eremitentums am Tage? 3a, solch ein Dtücklein Eremitenschaft, im Gleichnis gesprochen, ist uns mechanischen Menschen so not, wie das liebe tägliche Brot! Wir finden den anderen, den wahrhaft schöpferischen Pol unseres Lebens nicht mehr, sind zu sehr Sklaven der drangvollen Einseitigkeit!
Und da stehen die lieben feinen Helfer ofl ganz dicht bei uns. Aber wir bringen ja nicht einmal mehr die Kraft auf, zu einem solchen LebenShelser in Gestalt eines guten Buches zu greifen! Diese eine kleine Bewegung dünkt uns wie das Heben einer Zentnerlast.
Buchsegen wartet allerwegen auf uns. Aber wir wollen uns nicht segnen lassen! Wir sind den Gottesquellen oft so nahe und greifen nach dem Rauschtrank! Das Gefühl für Kultur kommt uns immer mehr abhanden, und damit das Gefühl für das echte, schöpferische Buch und seine Welt. Und ferner: Zum rechten starken Lebensgefühl gehört ganz organisch das für das gute Buch. _______
Wenn unser Volk immer mehr in das Abseits vom Buch gerät, geht es dem Verfalle unweigerlich entgegen! Hin zum guten deutschen Buche, das ist gleichbedeutend mit: Hin und zurück zur Seele und Beseeltheit, hin zum reinen Geiste, zur Freude und Liebe, zum Tief- und Ganzsein, hin zur Kraft, zu neuem Aufschwung.
Probefahrt der Kreismo'orsprihe.
Vom Kreisamt Gießen wird uns mitge- teilt: Die Kreismotorspritze wird am Freitag, 28. März, nachmittags eine Probefahrt vornehmen, bei der die Orte Rödgen, Großen Bussck, Beuern, Allertshausen, Londorf, Kesselbach, Rüd- dingshausen, Weitersbain, Swngenrod, Grünberg, Queckborn, Ettingshausen, Harbach, Hattenrod, Burkhardsfelden und Oppenrod berührt werden. Da es sich nur um eine Probefahrt handelt, liegt für die Bevölkerung der genannten Orte kein Anlaß zur Aufregung vor.
Gießener ^olljenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 140 bis 160 Pfennig, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 25 bis 35, Weißkraut 10 bis 15, Rotkraut 15 bis 20, gelbe Rüben 10 bis 15, rote Ruben 10 bis 15, Spinat 35 bis 40, Unterkohlrabi 8 bis 10, Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 35 bis 40, Feldsalat 150 bis 180, Tomaten 70 bis 80, Zwiebeln 10 bis 15, Meerrettich 50 bis 70, Schwarzwurzeln 40 bis 60, Kartoffeln 4,5 bis 5 (pro Zentner 3,80 bis 4 Mk.), Aepfel 10 bis 15, Birnen 10 bis 15, Dörrobst 30 bis 35, Rüsse 50 bis 80, Honig 40 bis 50, junge Hähne 120 bis 130, Suppenhühner 100 bis 120 pro Pfund: Tauben 70 bis 80, Eier 9 bis 10. Blumenkohl 50 bis 100, Salat 25 bis 30, Endivien 20 bis 60, Lauch 5 bis 15, Rettich 10 bis 20, Sellerie 10 bis 40 pro Stück: Radieschen 20 bis 25 Pfennig pro Bund.
Bornotizen.
— Tageskalender für Samst a g. Vogelsberger Höhen-Club (V. H. C.): 22. Stiftungsfest, 20.30 Uhr, im Cafe Leib. — Freiw. Gälische Feuerwehr: Ordentliche Hauptversammlung, bei Kam. Sieck. — Bürgergesellschaft Jahreshauptversammlung, 20.30 Uhr, im Cafs Leib. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Der Patriot" und „Seidung vor der Ehe".
— Tageskalender für Sonntag. Stadttheater: „Die heilige Flamme" 15 bis 17.15 Uhr und 18.30 bis 20.45 Uhr. — Goethe-Bund: 4.Dichterabend (Theodor Däubler liest aus eigenen Werken), 20 Uhr, Reue Aula. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Der Patriot" und „Scheidung vor der Ehe": 11.15 Uhr: Kulturfilm-Frühvorstellung „Die „Emden" fährt um die Welt". — Astoria-Lichtspiele: „Achtung! — Kriminal-Po- lizei!" und „Der Grenzreiter von Texas".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen Sonntag 18.30 Uhr Fremdenvorstellung zu ermäßigten Preisen. Als Premiere wird in der nächsten Woche ein Klassiker- Abend stattfinden. An einem Abend wird Büchner durch zwei Stücke zu Wort kommen. Professor Dr. Vietor wird über Büchner sprechen. Freitag Premiere: „Leonce und Lena" und „Woyzeck".
— Der Bauer sche Gesangverein Gießen veranstaltet am 5. und 6. April zwei Konzerte in der Aula der Universität Gießen. Das erste findet am 5. April um 20 Uhr statt und ist für die Mitglieder des Vereins bestimmt. Das zweite Konzert am 6. April ist öffentlich und mit Rücksicht auf auswärtige Besucher auf 16 Uhr festgesetzt. Das Programm enthält Chöre verschiedener Stilgattungen: Kunstchore, Volkslieder in h)mophoner Bearbeitung, polyphone Gesänge und endlich volkstümliche Gesänge in Form von Variationen, die an die Leistungsfähigkeit eines Vereins die höchsten Anforderungen stellen. Ramen wie Lendvai, Kaun, Sucher, Othegraven, Orlando di Lasso und Moldenhauer bürgen für die Qualität der Chore. Zur Mitwirkung ist Konzcrllänger 3oh. Willy aus Frankfurt a. M.) der als Daritonist einen bedeutenden Ruf genießt, gewonnen worden. Er wird Lieder von Schubert, Schumann und Wolf zum Dortrag bringen. (Näheres in der heutigen Anzeige.)
— Die Oberammergauer Passions- spiele wird ein öffentlicher Lichtbildervortrag behandeln, der auf Veranlassung des Katholischen Deutschen Frauenbundes am kommenden Mittwochabend im Saale des Kath. Dereinshauses stattfinden wird. Die Rednerin, Frau Iustizrat Helfrich, Franllurt a. M., wird dabei auch
über günstige Reisemöglichkeiten zu dieser weltberühmten Veranstaltung Auskunft geben. (Siehe heutige Anzeige.)
— Der Obst- und Gartenbau - V c r - ein Gießen veranstaltet morgen nachmittag im Kaufmännischen Vereinshaus einen Vortrag über Düngungsfragen im Garten. (Siehe heutige Anzeige.^
,e Aufgehobene Straßensperre. Die Straßensperre auf der Provinzialstraßenstrecke Ortsdurchfahrt Bobenhausen II ist jetzt wieder aufgehoben worden.
'• Das Oberhessische Schwurgericht hält am kommenden Montag eine Sitzung ab. Angeklagt ist Kurt Maedel aus Ridda wegen Mordversuchs. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Eckert, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Dr. Aaron, Gießen.
•• Oberhessischer Kun st verein, morgen, Sonntag, 23. März, beginnt im Turmhaus am Drandplatz eine Ausstellung des Künstler- k r e i s es 1 930 München, bei der 22 Mün- ebener Künstler mit Oclgemälben, Aquarellen, Zeichnungen und Graphik mannigfacher Art vertreten sind. Die Ausstellung ist wieder Sonntags. Montags, Mittwochs und Freitags von 11 bis 1 Uhr, Mittwochs auch von 3 bis 5 Uhr nachmittags geöffnet. (Siehe gestrige Anzeige.)
** Die Museen sind am morgigen Sonntag zu gewöhnlichen Preisen geöffnet.
*• Anlagenkonzert findet morgen, Sonntag, 11 Uhr, durch das Musikkorps 1. (Hess.) Gren.-Batls., 15. 3nf.»Regts., bei günstiger Witterung in der S ü d a n l a g e statt. Leitung Ober- musikmstr. Löb er. Die Musikfolge ist: 1. Marsch für die oberhessischen Posaunenchöre von QI. Mendelssohn. 2. Ouvertüre zur Operette „Franz Schubert" von Franz v. Suppe. 3. „Frühlingserwachen", Romanze von E. Dach. 4. Große Fantasie aus Derois Oper „Aida", bearbeitet von W. Löber. 5. Armeemarsch II, Rr. 224, Groß- Herzog Friedrich von Baden, von Haefele.
" Städtischer Holzverkauf. Don der Stadtverwallung wird uns geschrieben: Die Holz- interessenten seien noch einmal auf die am Montag, 24. März, 10.30 Uhr auf der Liebigshöhe stattfindende Laub- und Radelnuhholzversteigerung der Stadt Gießen hingewiesen. Bei dieser Der- steigerung kommen Buchen-, Eichen». Kiefern- und Fichtenstämme der Güteklasse Ä und N, ferner Eichenutzscheiter 1. und 2. Klasse, Eiche- nuhknuppel (2,20 und 4 Meter lang), sowie eine größere Menge Fichtederbstangen 1. bis 4. Klasse zur Verwertung. Räheres in der Anzeige vom 15. März.
** Rinder markt in Gießen. Am Dienstag nächster Woche findet hier Rindvieh-(Ruh- vieh-)Markt statt.
** Eine Fürsorgesprechstunde für Gemüts - undSeelenleid ende ist jetzt in Gießen eingerichtet worden. Die Sprechstunde findet an jedem zweiten Mittwoch eines Monats im Wohlfahrtsamt statt. Interessenten seien auf die heutige Bekanntmachung hingewiesen.
** Die Gewerbe- und Maschinenbauschule Gießen macht in unserem heutigen An- zeigenteil auf den Beginn ihres Sommersemesters am 1. Mai aufmerksam. Anmeldungen und Anfragen sind an die Direktion, jetzt Liebigstraße 16, zu richten. (Siehe Anzeige.)
Blinder Alarm. Lor einigen Tagen ver- ösfentlichten wir einen Bericht aus Steinbach, in dem auf Grund von Angaben eines Motorradlers mitgeteilt wurde, daß er in der Nacht geaen 12 Uhr, als er sich mit seinem Motorrad auf der Fahrt nach Gießen befand, im Gießener Wald das verdächtige Aufblitzen einer Taschenlampe und gleich darauf quer über die Landstraße ein Sell bemerkt habe, bas dort vermutlich zu räuberischen Zwecken gespannt worden sei. Er habe schleunigst kehrt gemacht und sei auf Umwegen nach Gießen gefahren. Zu diesem Bericht geht uns heute von Herrn Karl Arft im Forsthaus Hochwart eine Zuschrift zu, in der u. a. gesagt wird: „An dem besagten Abend befand ich mich kurz nach 12 Uhr auf dem Heimweg nach Forsthaus Hochwart mit dem Fabrrad. Da cs mondhell war, stellte ich den hemmenden Dynamo ab und fuhr ohne Licht. Zwischen der 7. und 8. Schneise angekommen, näherte sich mir von Steinbach her in voller Fahrt ein Motorrad. Obgleich es lehr hell war, hielt ich es — um jeder Eventualität oorzubeugen — immerhin für besser, vor der Begegnung mit dem Motorrad meine Lampe anzudrehen. 3m selben Moment stoppte der Motorradfahrer zu meiner größten Verwunderung sehr
jäh ab, riß mit staunenswerter Geschwindigkeit seine Maschine herum und jagte in einem Hollentempo zurück in Richtung Steinbach Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß es sich hier um den Vorgang handelt, von dem in der oben erwähnten Meldung die Rede ist. 3n diesem Falle wären also das Seil und der geplante Uebersall nur die Ausgeburt einer blühenden und anscheinend etwas ängstlichen Phantasie."
" Allerlei Diebstähle. Der Polizeibericht meldet: Aus einem Gartenhaus wurden vier Paar Möventauben (blau-schwarz-rotbraun) mit zwei Zungen, aus einer Gärtnerei in der Schwarzlach sieben Strohmatten 1,50 mal 2 Meter, sechsmal gebunden, und fünf eiserne Mist- beetfenfter, 1,12 Meter breit. 1,42 Meter lang, aus einem Personenkraftwagen, der auf einem unverschlossenen Hofe ausgestellt war, ein schwarzer Frackmantel mit Samtkragen, eine graue Reisedecke (Woilach), eine Plüschreifedecke, eine braune Rappaledermütze mit weißem Krimmerfutter und eine hellgraue Patsch kappe und von einem Personenkraftwagen ein vernickelter, mit zwei Flügel versehener Opel-Thermostat entwendet. Sachdienliche Mitteilungen an die Kriminalabteilung, Zimmer 27, erbeten.
** Wer hatte die Tausender? Der Gießener Polizeibericht teilt mit: 3n einem Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen schwerer Urkundenfälschung und Betrugs in Höhe von 40 000 Mark zum Nachteil des Reichs werden diejenigen Personen, die in der Zeit bis zum 21. November 1929 rückwärts nachstehend aufgeführte Tausend- markscheine in Besitz genommen haben, ersucht, der Kriminalabteilung Nachricht zu geben. Es kommen in Frage die Scheine: A 0092216, A 0098494, A 0122942 bis 46, A 0135032 bis 35, A 0148156, A 0148158, A 0151362 bis 63, A 0151371, A 0198214, A 0221802, A 0350031, A 0350315. A 0355529, A 0370716 bis 20, A 0380102, A 0389724 bis 34. Eine Beschlagnahme der Scheine kommt bestimmt nicht in Betracht.
'* Militärkonzert in der Rerven- klinik. Eine große Freude bereitete, wie man uns berichtet, die Kapelle unseres Gießener Bataillons am Donnerstagvormiltag den Patienten der hiesigen Aniversitäts-Rervenklinik. Die Kapelle konzertierte von 11 bis 12 Ahr im Garten der Klinik mit einem ausgezeichneten Programm. Sie fand mit dieser Aeberraschung die volle Dankbarkeit der Patienten und der übrigen Zuhörer.
** E i n öffentlicher Wettbewerb. 3n einem Schaufenster der Schulstraße stellt die Firma Otto Faber, Gießen, eine Flasche mit Benzin aus und stellt öaau die Preisfrage: „Wie weit kommt ein Chevrolet 6 mit dieser Menge Brennstoff?" Den Einsendern der richtigen Lösungen winken Preise! Näheres in der heutigen Anzeige.
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