Ausgabe 
21.10.1930
 
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Dienstag, 2t. Oktober 1950

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)

Nr. 246 Zweites Blatt

ZMensVoykottgegenEiiü<andausdelIrie!malle

werden, Miller." und er noch im

Dem Beamten reißt nun die Geduld, befiehlt, den Mann abzuführen Aber Herausgehen ruft dieser:3d) werde dem Direktor über Sie beschweren. Der

Giammgasthumor im Gefängnis.

Für den Neuling ist das Gefängnis eine irdische Hölle, für den Stammgast oft ein behaglicher Aufenthalt, den er nur ungern wieder verläßt. So fühlen sich denn auch die Veteranen des Verbrechens, wenn sie wieder insKittchen' kommen, sofort heimisch und verlieren keinen Augenblick ihren guten Humor. Der englische Kriminalist Herbert Arthur erzählt einige ko­mische Vorfälle, die er mit solchen Stammgasten im Gefängnis erlebt hat. Vei der Aufnahme werden an den Sträfling von dem Direktor oder jedenfalls in dessen Beisein Fragen über Namen, Alter, Religion usw. gerichtet. Ein alter kleiner Mann mit rosigen Bäckchen, der ins Bureau geführt wurde, unterbrach auf die erste Frage hin den Beamten und knurrte herunter: John Jones, 67 Jahre, Mitglied der englische Hofkirche, Junggeselle, Tischler kann ich wie­der meine alte Beschäftigung in der Wäscherei haben?" Bei einer andern Aufnahme wurde der Gefangene nicht von dem Direktor, der auf Ur­laub war, sondern von einem Stellvertreter in Empfang genommen.Ich habe ein nasses Hemd bekommen", erklärte der Gefangene beleidigt. Schon gut, Smith, wir werden sehen", suchte ihn der Beamte zu begütigen.Bitte sehr, Mr. Smith", fuhr der Stammgast entrüstet auf.Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit."Nun, be­ruhigen Sie sich nur Smith, ich habe Sie ja nicht hergebracht", sagte der Stellvertreter des Direktors duldsam. Aber Smith ließ sich nichts

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 21. Oktober 1930.

Männer sind wie Automobile . ..

Mit dem schnell dahinsausenden Zeitalter des Automobils haben viele Ehemänner leider auch einige Eigenschaften der Kraftwagen übernommen:

Nach zwei, drei Jahren werden sic unzuver­lässig und schwerfällig. In der Lenkung ist viel toter Gang und allzu oft muß die Frau die Brem­sen nachziehen.

Die Kolbenringe der ceelc werden undicht, unö vom Herzen aus springt mancher Funke aus andere Wegebenutzerinnen über, was die Ehesrau nicht ohne Unrecht als Fehlzündung ablehnen muß.

Haben früher beim Anblick der Geliebten seine Augen als Scheinwerfer vorschriftsmäßig ge­strahlt, so ist jetzt eine überflüssige Abblendung wahrzunehmen. Ja, cs kommt vor, daß selbst in der Dunkelheit die glimmende Dauerzigarre die einzige Lichtquelle ist, die er in deiner Nähe unter­hält.

Glaube mir, liebe Schwester, auch in Aeußer- lichkeiten erkennst du nicht nur den neuen Wagen, sondern auch den neuen Mann.

Wie blank geputzt, fast möchte ich sagen: frisch geölt und fahrbereit trat er dir einstens immer entgegen!

Da genügte der geringste Druck auf den An­lasser, und immer war er bereit, mit dir auszu- gehen und dich, was das Wichtigste ist, überall zu zeigen.

Heute hält es schwer, ihn aus der Garage zu bekommen. Du mußt sckwn viel Mühe anwenden,

mich bei ----- -------- ---- _

behandelt mich stets als Gentleman. Und, ver­gessen Sie nicht: wenn es nicht solche Leute wie mich gäbe, dann hätten solche Leute wie Sie keine Arbeit!" Ein anderer Stammgast wurde bei seiner Ankunft im Gefängnis nach seiner Zelle geführt, die am Ende eines schlecht er­leuchteten Korridors lag und zu der man einige Stufen herabgehen muhte. Der junge gutmutige Wärter sagte warnend:Jetzt, mein Lieber, wird es etwas dunkel und bann kommen Stu­fen", worauf der Veteran gekränkt knurrte: ^Das brauchen Sie mit nicht erst zu sagen, ich habe diesen Korridor und diese Stufen «schon gerannt, als Sie noch nicht geboren waren!"

gefallen.Schon wieder Smith", schrie er,was erlauben Sie sich, mein Herr? Glauben Sie, ich kenne nicht die Anstandsregeln, die hier befolgt werden müssen? Natürlich, so ein junger An­fänger! Wenn ich hierher komme, bin ich ge­wohnt, von dem richtigen Direktor empfangen zu meinem guten alten Freund Major

Dörfliches Fest.

Von unserem ständigen v. Oss.-Derichterstatter. Madrid, Oktober 1930.

Jedes spanische Dors hat einen Heiligen oder Schutzpatron, dem zu Ehren einmal im Jahr die sogenannteFiesta" veranstaltet wird. Die Feier dauert in der Regel drei Tage und setzt sich aus kirchlichen und weltlichen Akten zusammen, wo­bei der Dorfstierkampf die Hauptrolle spielt Während der Festtage steht der ganze Ort aus dem Kopf, alle Arbeit bleibt liegen, und die sonst so nüchternen Leutchen scheinen von einem Freu­denrausch besallen. Alt und jung, arm und reich steht unter der DeviseHeraus aus dem 21lltag". Die Tavernen, in denen man sonst höchstens einmal zwei oder drei Gläschen von dem herben Landwein trinkt, sind voll von Män­nern und jungen Burschen, die Tanzböden zit­tern von verhaltener Leidenschaft, in den dunklen Winkeln tuschelt und flüstert es, Liebesgeftänd- nisse steigen aus zum sternenbesäten Nachthimmel, und der Mond wird Zeuge von heiligen Schwü­ren. Das Leben bricht durch mit aller Kraft und fordert sein Recht.

Selten wird dem Beobachter dieses Typischste am Spanier so klar wie hier, dieses ständige Leben in Kontrasten, diese seltene Mischung von naivster Religiosität und weltlicher Ausgelassen­heit. Es ist ein rührender ^Anblick, diese emsachen Menschen in der Prozession zu sehen, wenn sw ihre Madonna begleiten, an der sie hängen wie Kinder an der Mutter. An der Schönheit der Statue berauschen sie sich, sie schmücken sie mit dem kostbarsten Schmuck, der im Dorfe aufzu­treiben ist, chr zuliebe legen sie sich Opfer auf und Entbehrungen. Man ist versucht, zu lächeui, und doch kann man es nicht, dieser unermeßliche Glaube jener armen Menschen überwältigt, und man kann sich der Rührung kaum verschließen, wenn ein forscher junger Bursche glänzenden Auges fragt:Ist sie nicht die schönste, unsere Madonna?" Nehmt dazu eine warme Herbst­nacht, laßt den Duft der reifen Trauben auf euch wirien, der von den Feldern hereinströmt in die festlich geschmückten Straßen, hört den dumpfen Klang der Trommeln, schaut das Licht­meer, das mit der Heiligen aus dem Dunkel der Nacht hcrvorbricht und durch die Straßen zieht, ersaßt den tiefen Sinn der sehnsüchtigen Lieder, und chr werdet euch der Mystik dieser Stunde nicht entziehen können.

Der zweite Tag bringt das eigentliche Fest, den Stierlampf, dem derencierro das Einfangen und Eintreiben der Kampfstiere - vorausgeht. Morgens 6 Uhr wimmelt es schon auf den Straßen, die Jugend rennt singend und schreiend zum Ortsausgang zum Empfang der Stiere, bei dem dabei gewesen zu sein, Ehren­sache ist. Mit Scherzen aller Art vertreiben sie

um ihn anzukurbeln. Und hast du ihn so weit, daß er mit dir geht, verliert er nach wenigen Stunden schon die Lust, uuö du merkst genau, daß ihm entweder der Brennstoff ausgegangen ist, oder daß er nur so tut.

Und schau dir nur seine Codierung an! Da zeigen sich schon manche Nachlässigkeiten, Sprunge und Risse. Du bemerkst zu deinem Schrecken, daß er sich nicht einmal mehr rasiert, wenn er einen Tag mal zu House bleibt.

Auch seine Hupenzcichen haben sich gewandelt. Hatte er dich früher durch harmonische Rufe auf sich aufmerksam gemacht, oder dich herbeigelockt, so klingt es heute kurz und manchmal sogar fd>r^k wenn er sich in irgendeiner Form bemerkbar macht. Und kommst du nicht gleich, so muht du erfahren, daß die Hupe mißtönig und in einer sich steigern­den Lautstärke erklingt.

Weißt du noch, wie er zart und bedächtig schal­tete, wie er leise seinen Arm um dich legte, wenn er dich in einen anderen Gang bringen wollte?

Heute gibt er sich kaum noch die Mühe, aus­zukuppeln, und deine Nerven knirschen wie die Zahnräder des Getriebes bei schlechter Schaltung.

Eines noch wirst du seuszend erkennen: Früher war der Wagen immer schon bezahlt. Heute aber laufen Automobile und Liebe auf Wechsel. Und du weißt selber, wie viele nicht eingelöst werden!

M. 21.

Konzert des Arbeiter-Gesangvereins Eintracht".

In den letzten Jahren ist die Bildung von Arbeiterchören immer stärker fortgeschritten. Im

Daten für Mittwoch, 22. Lktober.

Sonnenaufgang: 6.34 Uhr. Sonnenuntergang: 16.54 Uhr. Mondaufgang: 7.17 Uhr, Mond- untergang: 16.59 Uhr.

1811: der Komponist Franz v. Liszt geboren. 1869: der Tierbildhauer August Gaul geboren._

7id) die Zeit, während die Tlelteren sämtliche Seitenstraßen mit großen Weinfässern und2Oa- gen absperren und die sensationslüsterne Weib­lichkeit sich hinter den Eisengittern tat Fenster oder innerhalb der provisorischen Barrikaden einen guten Deobachtungsplah sichert. Da plötz­lich ertönt rasendes Schreien und Johlen, zu Hunderten kommen sie die Dorfstraßen herunter­gerannt, mit erhitzten Gesichtern, eine merk­würdige Mischung von Schneid und Angst - dahinter im gestreckten Galopp, geführt von be­rittenen Hirten mit langen Lanzen, die Kampf­stiere, eingerahmt von glockentragenden Ochsen, die dafür zu sorgen haben, daß die starken Brüder nicht ausbrechcn. Jeder Versuch wird mit einem unsanften Rippenstoß der ...Fahrnen bestraft. So stiebt es dahin wie die wilde 3agb ohrenbetäubendes Kreischen der Weiber macht Vieh un) Menschen verrückt. Das Publikum rast; eigens zu diesem Zweck mitgebrachte dünne Stöckchen sausen auf die Rucken der Tiere her­nieder. die. Schaum vor den Mäulern, dahin- rafen wie wenn der Teufel hinter ihnen wäre. Im Augenblick ist das Bild vorüber, dtoei neue Reiter bilden den Schluß. Auf bem Markt­platz ist ein provisorischer Stall errichtet, der die Opfer bis zum Nachmittag aufnimmt bis zum Beginn ihres Martyriums.

Heiße Nachmittagssonne brennt auf den von festlich geschmückten Häusern emgesaumten Platz, der nach allen Seiten hin abgesperrt ist. Starke Holzwände sind ringsum aufgerichtet zum Schutz der Zuschauer, die aus notdürftig zusammen» gehauenen Gerüsten dichtgedrängt sitzen. Die Veranden der Häuser und die Fenster des Rat­hauses sind die Vorzugsplähe. Kot-gelb-ro e Fah­nen und Tücher bilden den Hintergrund für die viertausend Menschen, die sich zusammenpferchen wie das Vieh, fiebernd vor Aufregung und freu­diger Erwartung. Kein freies Plätzchen ist zu sehen, aus jeder Ritze schaut ein Kopf, auf jedem Dach sitzen Menschen, an jeder Säule klebt ein Kerl. Dumps braust das Stimmengewirr über den Platz bis plötzlich ein Trompetenstoß ertönt und zwei festlich aufgemachte Reiter in die Arena sprengen, um den Platz zu säubern. Neues Signal, die Militärmusik seht ein mit einem schneidigen Marsch, die Tore offnen sich und hereinmarschiert der Festzug. begrüßt mit ohrenbetäubendem Lärm. Toreros. Banderilleros, Picadores, Knechte und das prächttg geschmückte Maultiergespann, dessen Aufgabe das Hinausschleifen der toten Stiere ist so marschiert es die Runde herum. Das blitzt und funkelt, strahlt und gleißt und die sausende scheinen verrückt vor Freude, sie klatschen sich die Hände wund und schreien sich die Kehlen heiser.

Plötzlich wird es ruhig, der Platz> liegt leer. Nur der Torerv und ein paar seiner Leute stehen irgendwo an der Wand. Da, ein neues Trvrn- petensignal und aus dem engen Käfig rast der

Ein nach Berlin beförderter Brief der indischen Flugpost, auf dem sich neben den amtlichen Briefmarken mit dem Bilde des Königs von England die verbotenen Boykottmarken (einemit dem Port rat Ghandis befinden Daß die Marken gemeinsam obgestempett wurden, und der Bries über die amtlicheKontrolle hinweg seinen Weg ins Ausland fand, ist bezeichnend für die Stimmung der Beamten, soweit ftc indischer Herkunft sind.

Stier in die Arena, groß, wuchtig, mächtige Hor­ner schlagen wie im Spiel ins Holz, daß es kracht und splittert, ein», zwei-, dreimal. Plötzlich stoppt der Lauf, gierig saugt das Tier die Luft ein, wü­tend stampfen die Hufe den Sand, sein scharfes Auge hat den Gegner erkannt, der sich langsam loslöst von der Wand - der Kamps beginnt. Seine verschiedenen Phasen sollen hier nicht be­schrieben werden, wohl aber die Stimmung des Volkes Heber zwei Stunden scheint es keine Cin- zelindividuen mehr zu geben. Wie vom elektrischen Strom ersaßt, so hängen sie zusammen, besessen von einer Idee, hingerissen von einer Leidenschaft, betrunken vom Kampfspiel. Wie ein Mann schreien fie. hoch und nieder, wie ein Mann jubeln sie einer eleganten, mutigen Bewegung zu. Sie alle erleben das Geschehen mit Angst. Schneid. Stolz Wut, jede Regung prägt sich auf ihren Gesich em gleich aus so als ob sie es wäre, die fiebernde Macke. die da unten mit dem Tod spielte. Mit­leid und Erbarmen kennen sie nicht, wehe dem Stier, wehe dem Torero, der feige ist! Der Bann weicht erst, wenn mit dem Tode des letzten, des sechsten Stieres, das Drama sein Ende erreicht hat. Dann bricht es herein in den Platz von allen Seiten, gestikulierende Menschen drängen sich auf dem Sand, der kurz vorher noch der Schauplatz des Todes war

Die hereinbrechende Rach: lockt zum Tanz. Gi­tarren ertönen und aus den Tavernen erklingen schwermütige Lieder. Immer nur einer singt, die anderen hocken an den Wänden und lauschen. Oft zuckt cs in den harten, durchfurchten Geckchtem, andächtig folgen sie dem Vorsänger, der ihnen erzählt von der Mutter und vom Vaterland - ein zarter Windhauch bringt herein in d e ver­qualmte Stube und trägt das Lied hinaus in die tiefblaue Herbstnacht

Oie Azteken aus Berlin

Cs ist allgemein bekannt, daß die mexikanische Bevölkerung zum Teil von europäi chen Ein­wanderern. zum Teil von den Ureinwohnern Mexikos, den Azteken, a stammt. Und auf die lassen die Mexikaner nicht gern etwas kommen. Kürzlich hatte die mexikanische Gesandtschaft in Berlin herausbekommen, daß auf süddeutschen Jahrmärktendie letzten Aztelen" gezeigt würden, und interessierte sich natürlich dafür. Ein Frank­furter Hochschulprofessor sah sich die Sache mal an und erstattete ein Gutachten, wonach er einen solchen ilnfinn über Mexiko und 'eine Bewohner noch niemals im Leben gehört habe. Daraufhin nahm die Polizei die ^aabe e.was unter bie Lupe unb stellte fest, daß kein Mitglied der Truppe einen Pah besaß und keiner die mexi­kanische Staatsangehörigkeit. Die einzige Frau, welche dabei war, wurde eruiert als eine 1892 in Neukölln geborene Marga Geis! Das durfte allerdings nicht kommen.

sondern nur ein Ziel kannte:M eine Rasse an die Spitze, und dann das freie Südslawien!"

Ob hinter der Erschießung der damalige ser­bische Thronfolger und heutige König Alexander von Südslawien steckte, kann mit Sicherheit nicht gesagt werden. Es ist nur auf­fallend, daß die unter dem Befehl des Gardegene­rals und Ministerpräsidenten Schifkowitsch stehende Belgrader Zentralregierung im Jahre 1929 den unbedingt von allen zu befolgenden Be­fehl hinausgab, niemandem auf der Welt Die Archive des Belgrader Außenministeriums und des königlichen Hauses zugänglich zu machen. König Alexander und Belgrad scheinen kein reines Gewissen zu haben, von einem ganz reinen zu schweigen: denn sonst wären die Archive nicht so dicht abgeriegelt. Schisk 0 witsch hat aller­dings als junger Leutnant die serbischen Offi­ziere, die König Alexander Obrenowitsch und dessen Frau Draga im Juni 1903 viehisch hin- schlachteten, in das königliche Schloß hinein- gelassen, damit diese, vielleicht ungeahnt den Weltkrieg einläutende Tat vollbracht werden konnte. Schifkowitsch, der mit der Zeit zum Geg­ner von Apis wurde, hat sich mit seinen Genossen die ganzen Jahre ruhig verhalten, wenigstens solange bis König Peter im Jahre 1921 starb. Sein zweiter Sohn und Nachfolger Alexander kam in die Krallen der ruhig zuwartenden Schifkowitschleute, die dann ihre Rechnung für 1 903 präsentierten.

Cs hat immerhin noch lange gedauert bis Alexander sich zur Honorierung verstand. Hätte Alexander nicht am 6. Januar 1929 Schifkowitsch Vollmachten für die seit diesem Tage errichtete Militärdiktatur gegeben, so säße Alexan­der heute nicht mehr auf seinem Throne. Schtt- kowitsch und Genossen rissen die Macht, selbst auf die Gefahr einer Revolution und vielleicht eines neuen Königsmordes, an sich Brutalität war immer ein hervorstechendes Merkmal aller Be­gebenheiten in Serbien. Brutalität war den Politikern und Militärs im Vorkriegsserbien gleichermaßen eigen. 1918 ging der -B^Utrieg zu Ende. Das von den besiegten Siegern besetzte Serbien wird frei, Belgrad wird geräumt, Ser­bien ist Sieger und feiert sich als ^^rrier der Kroaten und Slowenen vom österreichisch- ungarischen Joch. Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen tritt in die Geschichte ein und wird 1929 Königreich Südslawien.

Warum fürchtet die gegenwärtige Belgrader Regierung die Aufrollung des Falles Dimttne- witsch? Dimitriewitsch mußte sterben wett er einsüdslawischerNationalist war, und die Serben ein serbisches Südslawien ver­wirklichen wollen. Aber nicht um Theaterstücke sollte man sich heute in Belgrad kümmern, son­dern um die Wirklichkeit und die eigene PoUttk. Cs sind andere Dinge, die zwischen Belgrad und Berlin, zwischen Belgrad und Europa, ja der Welt stehen. Die Mngelöstheit des südslawi­schen Staatsproblems, die Knebelung der Min­derheiten, die Bedrückung der Kroaten bad alles ist es, was den rechtlich denkenden Men­schen schwere Sorgen bereitet.

Belgrad, Oktober 1930.

In Frankfurt wurde im Neuen Theater das dreiaktige Schauspiel von Leo Cant a »Gott König und Vaterland" uraufgeführt. Es handelt sich um ba$ Schicksal des serbischen Obersten Dragutin D i m i t r i e w i t s ch, der int Jahre 1917 nach dem Spruch eines serbischen Militär- gcrichts in Saloniki erschossen wurde. Wir wollen das Schauspiel nicht werten, das nach Auffassung der Belgrader Zentralregierung nicht nur die Mrziehungen zwischen Belgrad unb Ber­lin störe, sondern auch Friedensfreunde besorgt machen könne. Wir wollen die Tatsachen, die ihm zugrunde liegen, und die ein Stück serbisch- südslawischer Geschichte verdeutlichen, betrachten.

Oberst Dimitriewitsch war in den nationalisti­schen Kreisen des Dorkriegsserbiens unter dem NamenA p i s" bekannt, und es muß betont werden, daß Apis sein Ideal, das Jugo­slawe n t u m , über sein serbisches Volkstum stellte. Er wollte ein freies Jugoslawien, in dem cs keine Serben, keine Kroaten und keine Slowenen gibt, sondern nur Jugoslawen. Für diese Idee mußte Apis sterben. Ein sehr be­fähigter, über den höchsten Durchschnitt des vor- kriegsscrbischen Offiziers weit hinausragcnder Geist, war er der Inspirator des Mor­des an König Alexander Obreno­witsch im Jahre 1903. Apis tat alles, damit der in Genf lebende Emigrant Peter Karad- j 0 r d j e w i t s ch König von Serbien wird. Apis leitete die geheime Offiziersorganisation »Schwarze Hand", befruchtete die nationalistische, auf Irrcdcnta abgestellte OrganisationNarodna odbrana (nationale Verteidigung), ja, er war an der Ermordung des österreichi­schen Thronfolgers ErzhcrzogFranz Ferdinand beteiligt. Apis dirigierte, an höchster Generalstabsstelle, den Krieg gegen Oesterreich Lingam. Dimitriewitsch Apis ist der Mann im Vorkriegsserbien, der alles für das Slawentum tut, der durch Zu­sammenschmelzung der drei südslawischen Volks- ftämme, das südslawische Volk künstlich erzeugen, den wahren südslawischen Freiheits­staat schassen teilt.

Im Vorkriegsserbien sind aber auch andere am Werk, ein Südslawien zu errichten, ein unter großserbische Ni Einfluß stehen­des und serbisch regiertes Südslawien, also ein Großserbien, dem die anderen Slawen im Süden, die Kroaten und Slowenen, untertan sein sollen. Für dieses Ziel hat man das serbische Volk m den Krieg getrieben. Cs ist klar, daß ein Mann von Format, wie Apis einer war, Feinde in allen Kreisen, und besonders in Kameraden- kreisen, hatte. Apis hatte aber besonders unter den vorkriegsserbischen Politikern mächtige Feinde. Der mächtigste unter ihnen war Alexander, der Thronfolger, der damals weder die hohen Ziele der Politik eines Dimitrie- Witsch-Apis begriff, noch sie heute begreift; in dem Rationalhervs Apis sah Alexander Karad- jordjewitsch etwas heranreisen, das ihm gefährlich werden konnte. 1917 machte, unter Ministerpräsi­dent Paschtisch die scrbilchc Regierung dem Ober­sten Dimitriewitsch-Apis den Prozeß wegen Hochverrats. Das auf Todesstrafe lautende Mrteil wird in Saloniki an diesem aufrechten Manne, der mit dem Rufe:Cs lebe Jugosla­wien!" stirbt, durch Erschießen vollzo­gen. Die Entente war Zeuge des Mordes an Apis, der bestimmt nie Hochverrat getrieben hat,

Gott, König und Vaterland."

Bon unserem Viwa-Korrespondenten.